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Thema: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

  1. #26
    Bauer Hans
    Status: ungeklärt

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Freund Klammer, ich habe das mit Tabor zur Kenntnis genommen. Der Rotweinkeller bleibt zu.


    Erinnere Dich des Kriegerdenkmals von Egglham: Lieber bayrisch sterben als schwäbisch leben.

  2. #27
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    weiter geht's!


    7


    Die Leere des Schreibpults, nachdem ich es als solches eingerichtet und ans Fenster gestellt habe, ist eine Einladung.die nachreichung ist hier ungeschickt. mach zwei sätze draus. Ich setze mich hin,vor das schreibpult, nehme ich an. was ist mit dem stuhl? ein guter schreibstuhl ist die halbe miete. außerdem wirkt dein werk immer so, als würdest du beim schreiben stehen, was ja auch das wort "pult" impliziert. gönne mir eine ausgedehnte Verschnaufpause. Mein Blick folgt den Lebenslinien des Holzes, schneidet sich an den scharfen Schnitten im Furnier. Landschaften sehe ich. Und in den Astorten verfratzte Gesichter. hmm... als werker stoße ich mich an dem furnier, also einem dünnen, aufgeleimten Oberflächendeckblatt aus meist wertvollem (tropen-)holz oder aus holznachahmung aus kunststoff. furnier ist aber dem auge immer angenehm, hat auch keine astlöcher. tropenholz hat zudem keine jahresringe, weil es dort keine jahreszeiten gibt. als literat stoße ich mich an den "in astorten verfratzten gesichtern". das ist mir zu gewollt expressiv. Dann tauche ich ab hinter geschlossenen Augenlidern, lasse mich einlullen vom Rauschen der Wellen.also, er ist jetzt am ende der welt. trotzdem wäre es schön, dem leser ein wenig zu helfen und das hotelzimmer, in dem das schreibpult steht, an den anfang des absatzes zu ziehen. Meine Gedanken sind geprägt von Bruchstückhaftigkeit, von Verschiedenartigem. Mosaiksteine, die kein Ganzes ergeben. Nichts hängt zusammen.sind das nicht alle gedanken? ist es nicht gerade ein merkmal eines gedankens, nur als bruchstück aufzuflackern. erst durch das formulieren, aufschreiben, aussprechen, bringe ich ich ordnung in das chaos meiner gedanken. und diese ordnung lügt. immer. Dieses Hotel ist kein Hotel. Dieses Zimmer ist kein Zimmer.diese pfeife ist keine pfeife. denn natürlich ist alles aufgeschriebene, alles betrachtete nur ein abbild der idee, ein schatten an der wand. aber ist das nicht ein wenig zu neuplatonisch gedacht? Ich bin ein Fels, der aus der Brandung ragt, das Meer schiesst auf an meinem Stein."aufschießen"? ich meine, ich frage ja nur.




    8


    Abenddämmerung, schreibe ich, und immer unklarer nehme ich den Raum ein.auch hier seien Anführungszeichen zumindest angedacht, denn als leser weiß ich nicht, ob er den teil nach dem "schreibe ich" auch noch schreibt oder ob es wieder einer seiner unfertigen gedanken ist, wann er mit dem schreiben aufhört. aber für den leser wäre das schon wichtig. Grenzen lösen sich auf. Eine Sekunde lang halte ich es für möglich, dass ich gleich verschwinden werde.da sind wir wieder bei deinem thema. es stimmt wohl, dass jeder autor nur eine einzige geschichte schreibt, sein leben lang. Was dann bleibt, ist weisses Papier.bis auf die wörter, die er eben schon geschrieben hat. Schreibland.vielleicht wäre hier ein absatz anzudenken, denn jetzt hört er bestimmt auf zu schreiben. bis zu diesem punkt kann auch alles auf seinem papier stehen. das weitere auch, fällt mir auf. Sie kommt aus der Dusche und setzt sich aufs Bett. Sie beginnt, in meinem Buch von Kafka ist es zu neugierig, zu fragen, welches? zu blättern. Ich schaue ihr zu dabei.warum nicht "dabei zu"? was bezweckt diese eher ungewöhnliche satzstellung, die du häufig einsetzt, aber nich häufig genug, um sie als stil zu betrachten. Schaue ihre Nacktheit an.ich weiß, ich weiß, du willst es nicht. aber hier hätte ich wirklich gerne mehr fleisch zu sehen bekommen. bin auch nur ein mann. Ich sage nichts, ich will sie nicht stören. Oder will mich selbst nicht stören. Nach einer Weile blickt sie auf, lächelnd und fragend. Ich zögere einen Augenblick. Schliesslich sage ich nichts und lächle auch nicht zurück."schließlich sage ich nichts." schließlich? der große schweiger taucht wieder auf. Sie legt das Buch weg und fängt an zu schluchzen. Ich weiss nicht warum. ich würde vor das warum ein komma setzen.

    9


    Ich schreibe, was ich sehe.einspruch. ich schreibe, was ich verstanden habe. und ich benutze dafür einen code, begriffe, die nicht das wirkliche darstellen, sondern verallgemeinern. wenn ich einen baum beschreibe, beschreibe ich ihn mit worten, die alle bäume meinen, ich beschreibe das prinzip "baum", das ich begriffen habe. naturalismus ist lüge. schreiben immer eine abstraktion. ich kann nie schreiben, was ich sehe. Was ich sehe, ist immer nur eine Oberfläche, sind Oberflächlichkeiten. Hülle,das Komma muss weg sehe ich, und nie, was drin ist. Aber vieles, was drin sein könnte.das ist mir ein bisschen zu, was soll ich sagen, oberflächlich? zu sehr milchmädchenphilosophie, zu abgenutzt und fast schon klischeehaft. hier vermisse ich zumindest einen originelleren gedanken, vielleicht den oben erwähnten wasserhahn. Ich setze mich zu ihr aufs Bett. Mit der Spitze meines Zeigefingers fahre ich über ihre Stirn, ihre Nase, ihren Mund. Meine Fingerkuppe, ein Zentimeter Haut, der immer nur Aussenseiten berührt.das ist ein halbsatz der mir nicht gefällt und der zentimeter haut ist mir zu mechanisch an dieser stelle. denn gefühl ist dabei, auch wenn er es nicht wahrhaben will. Das Fassbare.verstehen,begreifen. das kommt von anlangen, berühren, fassen. der tastsinn ist im gegensatz zum sehen ein "objektiver sinn". das sehen betrügt mich immer. "wahre" größen kann ich nur durch tasten erfahren. Andere Haut. Siebezug! das machen die halbsätze. die haut reibt sich doch nicht! reibt sich die Tränen aus den Augen, zieht den Rotzmuss das sein? rotz? das wort wirkt hier wie eine seuche im paradies. rotz, die auster des kleinen mannes. hoch in derdie? Nase. Sie nimmt meine Hand in ihre. Glaubst du, dass das Leben einen Sinn hat? Ich antworte nicht.das ist auch eine frage, die man nicht beantworten sollte. ich würde den satz weglassen, höchstens mitleidig ächzen. dies soll doch kein hermann-hesse-selbstfindungs-roter-faden-steppenwolf-siddartha-text werden, oder? Sie betrachtet lange die Innenfläche meiner Hand. Deine Schicksalslinie ist nur mangelhaft gezeichnet, sagt sie, ausserdem fehlt der Saturnberg. Du kannst in der Hand lesen? Was liest du? Sie zuckt die Achseln. Bist du leer, innerlich? Sie fragt das empfindungslos. Gleichzeitig dreht sie meine Hand um und, ohne auf eine Antwort zu warten, sagt sie:den eingeschobenen nebensatz an den anfang stellen. zur wörtlichen rede: wenn du schon keine anführungszeichen machen willst (was schon ein wenig manieriert ist) dann setze doch einen spiegelstrich (-) davor. Sieht ziemlich schlimm aus, was du da gemacht hast mit deinen Fingernägeln.eine der schwierigsten sachen: wie sollen die leute reden? dialekt, umgangsprache, kunstsprache? ich würde sie hier einwandfreies hochdeutsch reden lassen. das würde dem künstlichen der situation gerecht werden. Meine Nägel sind so kurz, dass kein Holzspleiss darunter passte,passte? passen würde. hier weiß man wieder nicht, ob er das sagt oder denkt oder aufschreibt. aber das macht nichts, Fingernägel wachsen nach. Nur wenn die Haut einwächst, tut es weh, manchmal. Fingernägelkauend, sage ich, vergesse ich mich am leichtesten. Du bestrafst dich für irgendwas, das ist alles. Sagt sie. Als kennte sie mich.kennte? als würde sie mich kennen.


    PS:
    Dieser Text wäre schon lange verschwunden, wenn ich ihn nicht immer wieder nach oben holen würde. Traurig, dass ein idiotischer Vierzeiler bisher 70 Antworten gebracht hat, in denen immer wieder geklagt wird, hier würde keine oder nur blödsinnige Kritik getrieben, während gute Texte und die Arbeit an ihnen hier nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen.
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  3. #28
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Lieber mr. jones,


    da stoße ich gerade beim Surfen auf folgendes:


    "Hier das Ergebnis des Online-Literaturwettbewerbs "Vor Ort" des polycollege Stöbergasse:
    1. Preis: Besuch der Tage der deutschsprachigen Literatur 2003 (Bachmannpreis):
    Mr. Jones, Finistere "
    Ich gratuliere recht herzlich, frage mich aber, was ich hier eigentlich mache. Es wäre ein freundlicher Zug gewesen, wenn du mich informiert hättest, dass dieser Text längst abgeschlossen ist und ich hier l'art pour l'art betreibe.
    Ich bekomme meine Zeit auch nicht mit der Post zugeschickt!


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  4. #29
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    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    lieber klammer.

    dank dir sehr herzlich für deine textarbeit. spätestens am wochenende werd ich zeit haben, sie mir genauer unter die lupe zu nehmen. ich freu mich sehr drauf.

    "1. Preis: Besuch der Tage der deutschsprachigen Literatur 2003 (Bachmannpreis):
    Mr. Jones, Finistere"

    dies sätzchen entspricht der wahrheit. merci auch für die gratulation. aber, klammer, wie kannst du daraus schlussfolgern, der text sei abgeschlossen deshalb? you should know me better, i'm mr. jones. das heisst, ich freu mich über einen ersten platz in einem wettbewerb sehr sehr, aber vor allem schreibe ich, deshalb bin ich hier. ein text ist dann abgeschlossen, wenn ich nichts mehr an ihm zu tun finde. das ist bei "finistere" (nach deiner textarbeit) ganz sicher nicht der fall. nein, mein lieber, trotz des ersten platzes: ich bleibe mein eigener massstab, letztlich, und berechtigte kritik wird in jedem fall berücksichtigt. was zählt, ist der text. sonst könnt ich aufhören zu schreiben. und ja, ich hätt dir schon gesagt, du betreibest sisyphosarbeit, wenn ich dieser meinung wär.

    ich hoff, du machst, sofern du magst, bis zum schluss weiter, jedenfalls, und trotz oder gerade wegen des 1. preises dieses textes.

    dear greetings to you,
    Mr. Jones

  5. #30
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    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    klammer: "zur wörtlichen rede: wenn du schon keine anführungszeichen machen willst (was schon ein wenig manieriert ist) dann setze doch einen spiegelstrich (-) davor."


    >>>ich denke nicht, dass fehlende anführungszeichen geziert sind. ich mache das so und bleibe dabei, mit verlaub. ich nenne es: meinen, aber nicht nur meinen, stil.


    lieber klammer, aus deinen eingeschobenen kommentaren liesse sich zusammen mit meinem geschriebenen ein ganz neuer text basteln: über das schreiben, über das geschriebene wort. wenn ich mal zeit habe...


    welche veränderungen ich übernehme und welche nicht, möcht ich nicht unbedingt alle auflisten und erklären hier. ich stell beizeiten einfach die überarbeitete version rein, okay. nur soviel noch: macht mir spass, wie du umgehst mit "finistere", wirklich.


    wenn klammer beim schluss angelangt ist, falls, und noch was dazu meint, möcht ich dann gern noch ein bisschen was zu meinen drei schlussvarianten sagen und weshalb ich mich für welche entschieden habe...

    Mr. Jones

  6. #31
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    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    sie haben wirklich mal den bachmannpreis gewonnen? warum steht dann nichts davon in ihrer buchwerbung?

    zum text:
    schade, dass die kritik hier aufhört. aber falls es noch jemanden interessiert:

    2mal lässt der protagonist verbrannte erde hinter sich. bei sojemandem ist klar, dass er niemals in einen abgrund stürzt. finispüre (sic!) ist sein ziel, aber alle drei neuen schlüsse sind schlecht. nur der erste bleibe. mit einem austausch, schnellplatzwechsel zum väterchen im rollstuhl über die klippe - dann hätte auch dies ein ende. und das buch des autors, eben noch in vaters händen, schwalbemöwetaube mit weit ausgebreiteten blättern neben dem 2armigen2rad und um es herum. die bretagne ist altes schamanenland - das sollte man spüren.

    das spannende ist wirklich nicht die handlung, sondern die ausgezeichnete sprache.
    kafka ist das beste beispiel dafür, dass ausgezeichnete sprache eben nicht gleichzusetzen ist mit gefühllosigkeit.

  7. #32
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    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Ja, es interessiert noch jemanden, Frau Emily. Merci für die Ausführungen; und ich denke beizeiten gerne eingehender über Deinen Vorschlag nach noch. Und:


    "sie haben wirklich mal den bachmannpreis gewonnen?"


    Nein, ich habe den Bachmannpreis nicht gewonnen. (Das mache ich spätestens übernächstes Jahr.) Der Preis des Wettbewerbs des Wiener Polycollege, den ich seinerzeit gewonnen habe, waren die Reise nach und der Aufenthalt in Klagenfurt, während der 27. Tage der deutschsprachigen Literatur.


    --> http://archiv.bachmannpreis.orf.at/b...rc_hermann.htm


    Lieb,
    Mr. Jones

  8. #33
    Kurzvormabschussiger
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    Kafka

    Zitat Zitat von emily


    kafka ist das beste beispiel dafür, dass ausgezeichnete sprache eben nicht gleichzusetzen ist mit gefühllosigkeit.




    Vielleicht eher mit dem Gefühl, außen zu stehen?

  9. #34
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Ein sehr zu schätzender Ordner. Die lektorische Herangehensweise unterscheidet sich von Autor zu Autor. qed - Mich würde eine neuerliche Lektorierung des Ötzi interessieren.

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