+ Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 10

Thema: Identit

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    25.February 2003
    Beiträge
    48
    Renommee-Modifikator
    0

    Post Identit

    identität


    - und hier eine operativ behobene prognathie. schwester, wo sind die aufnahmen? nun, ich kann versichern, diese patientin litt erheblich, die mundpartie stellte sich etwa so dar: (der arzt deutete vor dem gesicht der frau eine schnauzenform an) ein hasengesicht...
    die studentin neben ihm sah verunsichert auf.


    nach der visite erbat sie die krankenakte der frischoperierten und setzte sich ins dienstzimmer. sie rauchte eine zigarette, während sie die fotos betrachtete: durchschnittsgesicht, frontal und im profil, gebleckte schneidezähne.
    die studentin presste die lippen aufeinander und drückte die zigarette in den aschenbecher.
    sie ging zum spiegel. hasengesicht also. warum bietet er mir keine korrektur an?


    sie brachte die mappe zurück.
    die schwester hielt ein weinendes kleinkind, das sollte gefüttert und zu bett gebracht werden. die studentin strich dem kind mit dem finger über den mund. hasenscharte, flüsterte sie bedrückt.


    später im internat vermochte sie den tag nicht mehr abzuschütteln. unschlüssig saß sie in ihrem zimmer und blätterte im notizbuch. sie fand schließlich die adresse einer jungen verwandten, zu der es kaum kontakte gab.


    am abend machte sie sich auf den weg durch den nasskalten vorfrühling.
    die cousine war überrascht: du bist das? komm nur herein, mein mann ist auch zu hause. unser sohn schläft schon, aber schau nur rein ins kinderzimmer - das ist unser hasi. die studentin zuckte leicht zusammen.
    dann beim wein plauderten sie zu dritt über studium und berufe und über die familie.
    na, und du? in festen händen? fragte der mann. die studentin suchte nach einer antwort, da schlug die cousine begeistert vor: besuch uns öfter, an den wochenenden zum beispiel. zum essen? der schwiegervater ist im jagdverein, da bringt er immer wildbraten mit, reh oder -
    hase? fragte die studentin lauernd.
    ja, auch. den magst du wohl nicht?


    der heimweg führte an schaufenstern vorbei.
    gott sei dank, noch nicht ostern, dachte die studentin und betrachtete die auslagen einer buchhandlung. doch die autorennamen, die sie las, beunruhigten sie: hasert, hasenclever, mehlhase.
    so leicht komme ich nicht davon, sagte sie laut.


    lange stand sie im internatszimmer in mantel und stiefeln am fenster.
    nicht in festen händen, allein. die familie erwartete nichts anderes.
    an ihrem 17. oder 18. geburtstag sprach die tante mit erhobenem likörglas: prosit, du einsames - hatte sie eigentlich mäuschen oder häschen gesagt? jedenfalls hatte sie mitleidig den arm um sie gelegt.


    sie findet schon jemanden, der ihr wesen zu schätzen weiß, äußerlichkeiten sind unwichtig. das waren die worte der mutter, als das kleine mädchen damals mit der überweisung zum kieferorthopäden nach hause kam.
    die studentin starrte ins fensterglas. ist mein gesicht nicht wichtig?


    am nächsten vormittag in der klinik begegnete ihr jene frau, die glücklich darüber war, dass man anomalien einfach heraussägen konnte.
    sie sah auch, wie das kleinkind auf die operation vorbereitet wurde. weg mit der scharte! dachte sie.


    pause im schwesternzimmer. die studentin saß länger als die anderen. es klopfte an die halbgeöffnete tür: schwester? -
    bin keine! -
    sind Sie eine ärztin? -
    nein. was wünschen Sie? -
    ich suche jemanden, lächelte der fremde mann.
    sie schickte ihn den gang entlang, stand auf und schaute ihm nachdenklich hinterher.
    sie massierte ihr gesicht, fühlte hinter den lippen die obere zahnreihe, ließ die hände sinken.
    eine schwester rief im vorübereilen: schnell, die anderen sind längst gegangen!
    die anderen. wohin mögen sie gegangen sein? die studentin kramte nach dem terminplan. im seitenfach ihrer tasche fand sich ein rosafarbener lippenstift, damit begann sie vor dem spiegel ihren fest geschlossenen mund zu bemalen.
    scheußlich! der fremde mann stand lachend in der tür. sie starrte seinem spiegelbild in die augen und hörte sich leise sagen: raus aus dem dienstzimmer!
    er ging.


    kurz darauf verließ sie die klinik, lief ziellos durch straßen, verkroch sich schließlich in ein cafe. sie bestellte roten wein. der herbe geschmack füllte ihren mund und unterbrach sie beim betasten der zähne mit der zungenspitze.
    am nebentisch schlug ein gelangweiltes kind mit den händen auf die stuhlpolster. es trommelt mit den vorderläufen, kam der studentin in den sinn. sie trank hastig, ließ sich noch einen wein bringen. das kind klopfte inzwischen einen takt und sang lauthals dazu. die studentin sprang auf, griff ihren mantel, während das kinderlied durch entzücktes schweigen klang: häschen in der grube... die kellnerin folgte der studentin und packte sie am arm. ...saß und schlief... die kellnerin zerrte die flüchtige zurück. ...armes häschen, bist du krank, das du nicht mehr -
    nicht mehr kannst, vollendete die studentin. sie biss in die klammernde hand der kellnerin, kam frei und rannte hinaus, während es hinter ihr häschen, hüpf! schallte.


    sie rannte.
    ich beiße sonst nie, dachte sie erstaunt.
    da hielt jemand sie auf. sie erkannte ihn und erstarrte.
    er lachte.
    sie sprang ruckartig zur seite und hetzte davon.
    der fremde mann zuckte bedauernd die schultern und strich sich das rote haar aus der stirn: schade, sie hat ein interessantes gesicht -

  2. #2
    Bauer Hans
    Status: ungeklärt

    AW: Identit

    Ich bin amused, ein starkes Stück Hase. Auf diesen Braten habe ich lange gewartet: Sehr gut beobachtet, Minderwertigkeitskomplexe bis zum Entzücken. Tinka, ich schicke Dir mal ein Rezept für einen wahrhaft guten Hasenbraten, aber vorher lege ich Deinen Text Freund Klammer ans Herz, der zwar Vegetarier, doch bei Sichtung Deiner Hasenscharte begeistert über den nächsten Wiesengrund springt.
    Wenn nicht, zieh ich ihm die Löffel lang.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    574
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Identit

    Hallo, tinka,


    ja, da könnte man (d. h.: ich) Textarbeit machen, wenn es denn gewünscht ist. Allerdings habe ich im Voraus ein kleines Problem mit dem Text. Er ist mir

    • zu plakativ auf ein Thema eingeschränkt(zu viele Hasen verderben den Brei)
    • zu amorph (ich kann als Leser kein Verständnis für den Nagetierverfolgungswahn und damit für die Protagonistin entwickeln).

    Das Beste ist das "rote Haar" des Mannes im Schlusssatz. Da bist du einmal subtil.


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    25.February 2003
    Beiträge
    48
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Identit

    danke für das angebot: textarbeit wäre gut. (vielleicht motiviert mich das zusätzlich zur arbeit an einigen anderen entwürfen, die noch irgendwo herumliegen.)

    ...im übrigen sind hasen keine nagetiere, sondern gehören zur ordnung der hasentiere wie auch die kaninchen.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    574
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Identit

    HASENTIERE, Lagomorpha, eine Ordnung, die zwei Familien umfasst: die Leporidae (Hasen), und die Ochotonidae (Pfeifhasen). Zoologisch gesehen sind die Lagomorpha alte Tiere, die, wie aus fossilen Funden hervorgeht, bereits im Eozän bestanden. Im Pleistozän gab es Formen, die Ähnlichkeit mit den heutigen aufweisen.
    Wegen ihrer Nagezähne und ihrer Lebensgewohnheiten stufte man die Hasentiere früher zusammen mit den Nagetieren in die Unterordnung Duplicidentata (Doppelzähner) ein. Jüngere Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass sie mit den Nagetieren nicht enger verwandt sind als mit irgendwelchen anderen Säugetierordnungen. So weisen morphologische und serologische Befunde auf eine engere Verwandschaft mit Huftieren hin. Die Leporidae kennzeichnen lange, ständig wachsende Schneidezähne. Im Gegensatz zu den Nagetieren besitzen sie jedoch ein zweites Schneidezahnpaar im Oberkiefer. Unmittelbar hinter dem Hauptpaar befinden sich die kleineren Zähne, die keine Aufgabe mehr haben. Zwischen den Schneidezähnen und den Prämolaren besteht eine Lücke (Diastema).


    Aber muss ich das wirklich alles wissen, wenn ich mich um deine Geschichte kümmere? Ist es denn für Satzbau, Syntax, Semantik, Ausdruck usw. wichtig, ob die Karottenknabberer zu den Nagetieren gehören?
    Ich meine, ich frage ja nur.


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    25.February 2003
    Beiträge
    48
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Identit

    interessanterweise informierst du dich zuerst umfassend, um den sinn dieses wissens dann in frage zu stellen. da muss ich doch fast meinen, mein hinweis kratzte am werten selbstwertgefühl?


    aber abgesehen davon: sollte man sich unbedingt mit der hauptperson identifizieren? ich sehe die geschichte eher gleichnishaft. und die hasen sind ja eigentlich nicht wirklich ständig präsent - nur im kopf des mädchens und damit hat sie die "hasen-rasterbrille" auf.

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    574
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Identit

    Liebe tinka,


    ich kann mich nicht erinnern, eine Identifikation mit der Figur gefordert zu haben. Ich wollte nur andeuten, dass ich vor lauter Hasen die Person nicht fand, über die du schreiben wolltest.
    Aber du schlägst einen Haken, indem du diesen Text als "Gleichnis" auslegst. Damit machst du natürlich alles, was ich sagen könnte, platt. Ich las diesen Text leider nur als (humorvollen, handwerklich sehr zufriedenstellenden) Text und wollte dir mit meinem Biologie-Beitrag eigentlich nur andeuten, dass ich bereit bin zu lernen und mich gerade in deinen Text einarbeite. Das ist so meine Art, hier zu arbeiten. (Ich hatte mir gerade den Pschyrembel zum Thema "Hasenscharte" vorgenommen, als ich deine Entgegnung las.)
    Ein Gleichnis?
    Nun, wer bin ich, dass ich es wage, Gleichnisse zu kritisieren? Noch dazu, wenn ich sie nicht begriffen habe. Hast recht, mein Selbstwertgefühl ist da nicht stark genug.
    Ich liebe übrigens diese Ferndiagnosen über mein Seelenleben. Es ist in diesem Forum schon einige Milchmädchen-Psychologie über mir ausgeschüttet worden.
    Wie dem auch sei: So kommen wir offensichtlich nicht zusammen.


    Schade, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    10.June 2000
    Ort
    Oldenburg
    Beiträge
    289
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Identit

    Hallo tinka, hallo Klammer,


    die Frau hier leidet unter Prognathie, was ein Überbiss des Oberkiefers weit über den Unterkiefer hinaus bedeutet. Der Begriff "Hasenscharte" jedoch war eine übel diffamierende Bezeichnung für eine Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalte, sie wird heute gottseidank nicht mehr verwendet. Ähnlich übel: "Wolfsrachen". Unwahrscheinlich, dass die Geschichte davon erzählt. Denn Kinder mit solchen Spalten ("Scharten") werden schon sehr früh operiert. Meistens müssen sie bis zur Pubertät ca. 5 schwerste Eingriffe erdulden.
    Aber es steht zu Beginn ja auch Prognathie. Recherche dazu im Pschyrembel bringt hierbei also mehr.


    Lieben Gruß von
    Trist

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    25.February 2003
    Beiträge
    48
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Identit

    boahhh - bist du empfindlich! es geht doch um meinen text?
    und der pschyrembel ist immer noch in? ich dachte, das ist medizinische nostalgie...


    hast du dich damit aus dem dialog ausgeklinkt? tut mir leid, wenn ich dir zu nahe getreten bin. trotzdem danke, dass du bis hierher mitgegangen bist.

    wie medizinisch gebildet alle sind - wo bin ich bloß gelandet?

  10. #10
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.638
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Identit

    tinka spricht ein interessantes thema an: die fremdheit, nein, sie zielt auf die frage, ob eine lebenssteigerung durch erkenntnis von fremdem m?glich ist oder ob es nicht erst einmal sinnvoll sei, sein eigenes wesen zu entwickeln.

    dieser frage geht sie sehr behutsam nach, beinahe unterschwellig. so tritt ein FREMDER mann auf, der die situation aufbrechen könnte, es aber unterläßt. so ist das kind GELANGWEILT, aber daraus erwächst keine neue situation... sie zeichnet mit dem reißstift, unterläßt aber fortführungen, ausschmückungen, die dann von interesse wären.
    ich glaube, ihr ging es um beobachtungen. das ist ja auch was.


    Der Text stellt mir die körperliche Mißbildung zu sehr in den Mittelpunkt. Mir wird nicht ersichtlich, worauf hier abgezielt wird: die Welt der Vorurteile, die Auswirkungen physischer Unvollkommenheit auf junge Mädchen, der unter Ärzten verbreitete Zynismus, Klinikalltag... Es gibt hier keinen geheimen Punkt, um den alles kreist.

+ Antworten

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •