Der mächtigste Gott hieß Zeus. Er war aber nicht der am meisten verehrte, sondern ursprünglich ein protogriechischer Wettergott vieler Namen (Deus, Zas, Zen, Tten), dessen Verehrung auf Berggipfeln stattfand. Das kennen wir auch von anderen Kulturen, daß der höchste Gott auf dem höchsten Berg sein Zuhause besitzt. Es ist aber nicht indogermanisch. Also haben die einwandernden Indogermanen den Namen übernommen, dem Gott aber eigene Eigenschaften gegeben. Und so stieg er vom Berge und wurde anthropomorphisiert. Er bekam eine Frau, die „Herrin der Welt“, d.i. der Name Heras. Sie führte ihm den Hof, das war der Olymp, der Versammlungsort der wachsenden Götterfamilie. Zeus stand nie im Gegensatz zu den Erdgöttern, er war der Chef. Während die Griechen den Lichtgestalten (Himmelsgöttern) ein weißes Schaf opferten, bekamen die Erdgötter ein schwarzes. Zeus bekam ein drittes Schaf. Zeus begleitet ein Adler. Das Ziegenfell, das ihm in vielen Darstellungen zugesprochen wird, besitzt Zauberkraft.
Zeusens Gattin Hera war nicht beliebt, eher gefürchtet. Ordnungsbewahrer sind nie beliebt. Sie war eifersüchtig, auf Ausgleich bedacht und beschützte alle, die es mit der Ordnung, dem Recht und der Treue hielten.
Die ersten Kinder Zeusens hießen Apollon und Athene – wobei etliche Darstellungen auch anderes behaupten: Zeus, Apollon und Athene seien Geschwister. Fest steht: Apollon und Athene waren beliebter als Zeus oder Hera, was sich in der Mehrzahl der ihnen gewidmeten Stadtburgen (Akropolis) zeigt. Also, Zeus war der Chef, seine Gattin Hera die Nummer zwei in der Götterhackordnung. Apollon und Athene stritten um den dritten Platz. Athene hatte wohl die Nase vorn, weil sie im Kampf gegen die Titanen (Riesen) dem Riesen Pallas die Haut abziehen konnte und tötete, sich selbst nun mit dieser schmückte und nunmehr unzerstörbar war. Darum nannte man sie auch Pallas Athene. Sie beschützte die Künste und die junge Generation. Initiationsriten standen unter ihrem Schutz. Junge Mädchen wurden während der Panathenäen in die Geheimnisse der Sexualität eingeführt mit Riten, die wir heute als lesbische Liebesspiele bezeichnen würden. Nach dem Vollzug dieser Riten folgte die Aufnahme der jungen Mädchen zwischen 12 und 15 in die Phratien (die Bürgergemeinschaft eines Wahlkreises), d.i. der Augenblick der Mündigkeit; gleichwohl Frauen kein Wahlrecht besaßen, bedeutete das nichts anderes, als daß sie jetzt heiratsfähig waren und einen Hausstand führen durften. Athenes Schutzfunktion spiegelte sich in ihrer bewaffneten Erscheinung wider, die wohl von den beliebten bewaffneten Gottheiten des Orients beeinflußt war – ihr Name deutet auf kretische Herkunft. Im Krieg fungierte Athene insbesondere als Beraterin der Krieger, was etwa ihre enge Beziehung zu Achilleus und Odysseus belegt, wobei sie diesen nur deshalb erschien, weil sie eigene Art und eigenen Entschluß bildeten. In Friedenszeiten stand sie als Schirmherrin des Spinnens und Webens Frauen bei, lenkte also häusliche Entscheidungen. Athenes Intelligenz verband sie zudem mit Handwerkern (und darum mit Hephästos), mit den Zimmerleuten beim Bau des Schiffes Argo und des Trojanischen Pferdes und mit den Reitern wegen ihrer Fähigkeiten bei der Beherrschung der Pferde. In all diesen Fällen vertritt Athene Kultur und Klugheit gegen Natur und rohe Gewalt.
Apollon, der andere Stadtgott von zentraler Bedeutung, leitet seinen Namen von den Jahresversammlungen der Dorier her, den sogenannten apellai, bei denen die Jugendlichen in die Gemeinde der Erwachsenen aufgenommen wurden. Das geschah zu Apollons Geburtstag, dem 21. Mai. Er ist das männliche Pendant zu Athene, aber besitzt nicht die Nähe derselben: Apollon wirkt unnahbarer, fernwirkender. Ursprünglich ein Gott der Unterwelt, der Mäusegott, wurde ihm von den eindringenden Indogermanen eine andere Funktion übergestülpt, die des Lichtgottes, des Schutzherrn bei allen Vorhaben. Da hier meist Riten gepflegt wurden, nimmt es nicht wunder, daß Apollon zum Bewahrer der Künste, der Musik und des Tanzes wurde. Er war aber auch der Gott der Vorhaben. Davon stammt seine Affinität zu Delphi. Um etwas Neues beginnen zu können, mußte man sich reinigen. Das dann befragte Orakel schied das Unreine aus und sah mit klarem Blick die Zukunft – auch wenn die Äußerungen seiner Priesterinnen beim Orakel von Delphi, der Pythien [1], für die Fragenden oft undurchsichtig blieben, ja bleiben mußten, ließe doch eine sichere Zukunft jedes Handeln überflüssig werden, was dem Griechen eine unerhörte Beleidigung seines Selbstbewußtseins wäre. All das erklärt die große Beliebtheit dieses Gottes.
Artemis ist die älteste Gottheit. Die ewige Jungfrau umgab sich mit ausgesucht schönen anderen, Nymphen, die sie beim Jagen und Lustwandeln begleiteten. Mehrere griechische Städte (u.a. Ephesos und Delos) streiten darum – bis heute! –, wo sie geboren wurde. Sie ist also geboren. Ein Akt der Anthropomorphisierung. Seit neuestem wird sie wegen ihrer knallhart apostrophierten ewigen Jungfräulichkeit auch als „erotische Gans“ (Thomas Mann) bezeichnet und mit dem Symbol des Schwans versehen. Auch Artemis war wie Apollon und Athene eine Initiationsgottheit, die Mädchen auf ihr Frauendasein vorbereitete und begleitete. Sie zeigte aber auch jungen Männern den Weg, um an ein hehres Ziel zu gelangen. Sie war Licht-Botin und Erlöserin, die dem Guten zum Sieg verhalf und ihr Ziel traf, eine Anführerin und Erfolgreiche. Sie rettete Menschen und half ihnen aus der Not. Die geselligste Gottheit, als die Artemis gelten kann, verschaffte Rettung. Auch bei Goethe und seiner Darstellung der ‚Iphigenie’ war es die Priesterin eines Artemis-Tempels, die die Rettung mit Hilfe der Göttin bewirkte.
Poseidon, oft in einem Atemzug mit Zeus und Hades genannt, aber eine der Gottheiten, die mehr gefürchtet als geliebt wurden, stand als Bruder des Zeus die Herrschaft über das Meer zu. Er galt als grimmig, weil er oft betrogen wurde, ein Zänker und Unredlicher, einer, der andere selber betrog und rachsüchtig verfolgte, wer ihm nicht untertan sein wollte. Die bläulichen und wild wehenden Haare machten ihn zu einem Außenseiter. Erdbeben, Männerbünde, einsame Wölfe. Es gab nicht wenige Tempel Poseidons, zu denen Frauen der Zutritt verwehrt wurde. Er war das Ungeheuer aus der Tiefe, das Erdbeben schickte und nur durch größte Unterwerfung milde gestimmt werden konnte. Besonders im kleinasiatischen Teil Griechenlands verehrte man ihn, dort, wo viele Erdbeben Tempel zerstörten. Was Apollon in die Ordnung brachte, zerstörte Poseidon. Er war ein Chaot, aber auch der Urvater vieler griechischer Stämme und ein Bündnisschützer. Als Athene und Poseidon um die Vorherrschaft in Attika (das Gebiet um Athen) kämpften, brachte er ein Salzmeer hervor, von dem, wie man sagte, noch Spuren auf der Akropolis von Athen zu sehen waren; sie aber pflanzte den ersten Ölbaum – und in dem folgenden Streit setzte sich Athene durch. Die Ordnung, Athene, besiegt das Chaos, Poseidon! Das Meer ist der griechische Lebensquell seit jeher gewesen, das schöne, urgewaltige. Athene allerdings erfuhr eine größere Beliebtheit und Verehrung: der Ölbaum schlägt das Wasser.
Auch die blonde Demeter kann für sich in Anspruch nehmen, die älteste Gottheit zu sein. Schließlich ist ohne Bodenertrag Seßhaftigkeit nicht möglich. Sie lehrte die Menschen das Säen und Ernten, die Viehzucht. Zeus soll ihr Bruder sein; ihre Tochter Persephone mußte sie auf Befehl Zeusens dem Hades zur Frau geben, was zugleich die Ursächlichkeit des fruchtbaren Samens im Erdreich erklärt und die Verdrossenheit, mit der Demeter stets charakterisiert wurde. Sie wanderte, dies nicht akzeptierend, als alte Frau durch die Welt, suchte ihre Tochter, die sie doch nicht finden konnte, ein in sich auszutragender Widerspruch, der die Affinität der Griechen zum Paradoxen belegt. Ein scheinbarer Widerspruch wird zu einer gelebten Wirklichkeit, die sich in den Eleusinischen Mysterien eine kraftvolle Form gab. Demeter ist die friedliche Antithese zu Apollon. Ihr Platz im Pantheon ist fragwürdig, umstritten. Sie wurde außerhalb der Stadt verehrt. Hunde begleiteten sie. Sie gab Eiden Kraft, schaffte Leben und Tod gleichermaßen und galt als Stütze des Alters. Sie wollte nicht gefunden werden und war zugleich der Kraftquell des Tiefsten, das jeder Mensch in sich ahnt, war eine Sehnsuchtssucherin. Ihre Bedeutung verlor sich schon im Altertum; der positive Gedanke der Fruchtbarkeit wurde allmählich von einer anderen Seite der Göttin überschattet, der Todessehnsucht. Demeters Feste waren große Frauenfeste schlechthin, bei denen Männer symbolisch von der Macht ausgeschlossen wurden und Ehefrauen den Beischlaf verweigerten.
Auch von Dionysos behaupten viele, er sei der älteste Gott. Daß sein Vater (!) Zeus ihn vor Hera verstecken mußte, ist nur ein kleines Detail der Unlogik, die das Wesen dieses Gottes trefflich beschreibt; Nietzsche nannte ihn den „prälogischen Gott“, der stets vor den stets wütenden Göttern flüchtete, denn die argten es ihm, daß er die Ordnung störte, vielgestaltig gegen alles und jeden protestierte und die Menschen aus ihrer Ordnung riß, indem sie sich dem Trunke ergaben und bald ihren Verstand aussetzten. Er log, betrog und scherte sich nicht um Absprachen und Verträge. Aber Dionysos schlichtete auch Streit, wenngleich nur zwischen Menschen, denn er mußte nach seiner Selbstzerstörung sich immer wieder neu gebären. Das war sein Wesen, aus dem Chaos das Neue zu schaffen. Manche bezeichnen ihn als die Sonne der unteren Erdhälfte, als denjenigen, der die Kraft besaß, die Seelen aus dem Hades zu holen, den Tod zu besiegen. Das machte ihn zeitweilig zum meistverehrten Gott, einen Ekstatiker. Dionysos, der natürliche Gegner Apollons und Heras, aller auf Ordnung drängenden Gottheiten. Er war tapfer und unterstützte alle Aufrührer. Er war anarchisch und urtümlich, aus Rausch, Blut und Boden geboren. Seine Begleiterinnen machen Krach mit Flöten, Zymbeln und Becken. Er war der große Demokrat und machte alle gleich. Er reinigte die Psyche des einzelnen und die der Gesellschaft in der Orgie.
Hermes, Hades, Hephaistos, Aphrodite und Ares fehlen in dieser Auflistung. Sie sind minder wichtig, aber längst nicht unwichtig. Entscheidend ist die Omnipräsenz der Götter bei allen Handlungen des Griechen. Der Götterhimmel wuchs, er schrumpfte nicht. Die Griechen kannten nicht das, was wir heute einen sterbenden Gott nennen, aber sie kannten den unbekannten Gott, deoi agnwstoi.
Das Pantheon war keine feste Einheit, vielmehr konnte man sogar versuchen, die Position eines Gottes aufzuwerten: So gewannen Pan und die Nymphen in der klassischen Zeit stark an Bedeutung.

Aufgaben:


  1. Erstelle eine Tabelle mit den griechischen Gottheiten, beschreibe ihre Funktion und liste sie gemäß ihrer Bedeutung für die Griechen! Ergänze deine Tabelle mit Wissen aus Sekundärquellen! (II)
  2. Begründe deine Entscheidung bezüglich der Rollenverteilung und Macht im Pantheon! (III)
  3. Nenne einen Gott, der dir besonders sympathisch/unsympathisch ist und begründe deine Entscheidung! (I)
  4. Erkläre den Hang der Griechen zum Polytheismus und versuche dich an einer religionshistorischen Erklärung für die Entwicklung zum Monotheismus! (II)






[1] Die Weihfeste zu Ehren der Gottheit, hier Apollon, bildeten die Identifikationsrituale des Griechentums, womit sie sich gegenüber allen anderen abgrenzten und zugleich ihre Gemeinschaft feierten. Wer bei dergleichen Festen auftrat, konnte nicht nur mit der Ehre rechnen, sondern bezog oft auch große Honorare, die von der Priesterschaft gestiftet wurden. Eine zu Ehren Apolls singende Priesterin aus Kyme erhielt einmal 1000 Drachmen Honorar (ca. 4000 €).

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