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Thema: Die Stille nach dem Schmerz

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Die Stille nach dem Schmerz

    Ja, ich weiß, langatmig und kitschig.Aber so schreibe ich nun mal:


    Die Stille nach dem Schmerz
    4th of July


    Am 27. Juni, eine Woche vor Martinssiebzehnten Geburtstag, kam Dad zum letzten Mal aus dem Krankenhaus.Am Abend zuvor hatte Mutter noch einmal mit den Ärzten in Washingtontelefoniert und war danach stumm auf ihr Zimmer gegangen. Ihr Bettstand jetzt im Arbeitszimmer seines Vaters, der inzwischen insErdgeschoß umgezogen war. Treppen waren für ihn zu einemunüberwindbaren Hindernis geworden ...
    In der Nacht hatte Martin ihr Weinengehört. Das Haus war ausgesprochen hellhörig. Wände und Deckenschienen nachts an Substanz zu verlieren, wurden zu dünnenMembranen, die durch jedes noch so verstohlene Geräusch inSchwingung gerieten.
    Martin hörte, wenn seine Mutter nachtsaufstand, um in irgendwelchen Medizinbüchern zu blättern, er hörte,wie sie sich in den Schlaf weinte, und - wenn seine Schwester mitihrem Freund zu Besuch war - hörte er auch Bettys vom rhythmischenQuietschen der Bettfedern begleitetes Stöhnen. Das war einer derGründe, warum er Anna nie mit nach Hause brachte. Er fühlte sichbelauscht ...
    Doch selbst wenn er allein war, brachtees das Haus fertig, ihn mit allerlei geheimnisvollen Geräuschenwachzuhalten. Balken knarrten, Dachziegel klapperten und der Windpfiff durch Ritzen und Spalten, die man tagsüber vergeblich suchte.Meist dauerte es lange, bis Martin in einen unruhigen, von wirrenTräumen unterbrochenen Schlaf fiel.
    Manchmal träumte er vom Krieg.
    Meist war er dann auf der Flucht - aufder Flucht vor einem namen- und gesichtslosen Feind, von dem er nureines wußte: daß er ihm nicht in die Hände fallen durfte ...
    Er ist nicht allein. Vor ihm laufenandere Soldaten, die die gleiche beigebraun gefleckte Uniform tragenwie er selbst. Ihre Gesichter kann er nicht sehen, nur ihre Helme undein wenig verbrannte Haut im Nacken. Sie sind schnell, schneller alser, und allmählich bleibt er zurück. "Wartet!" will errufen, aber kein Ton dringt aus seiner Kehle. Seine Füße stampfenüber den rissigen Boden: brauner Sand, von der Sonne festgebacken.Keine Unebenheit, kein Versteck. Schließlich wird er langsamer,greift nach seiner Waffe. Noch immer wagt er es nicht, sichumzudrehen. Als er es doch tut, sieht er die Wolke, groß, dunkel,drohend. Und sie ist schnell. Er zielt darauf, schießt, nichtsgeschieht - Ladehemmung. Die Wolke ist jetzt keine Wolke mehr,sondern ein dunkle Wand, die auf ihn zustürmt. Er wirft die Waffeweg, springt auf, aber die Wolke ist schneller, hüllt ihn ein, reißtihn mit sich fort in die Dunkelheit. "Hilfe!", schreit erlautlos. "Hil ..."
    Wenn Martin dann schweißgebadetaufwachte, sehnte er sich manchmal zurück an das Ufer des stillenschwarzen Flusses, wo die gläserne Stadt auf ihn wartete. Er hatteschon lange nicht mehr von ihr geträumt. Vergebens suchte er inseiner Erinnerung nach der Melodie, die damals vom anderen Ufer desFlusses zu ihm herübergeklungen war.
    Warum träumte er statt dessen vomKrieg? Es mußte etwas mit seinem Vater zu tun haben. Dabei hatte ihmDad nie etwas von seinem Einsätzen erzählt. Früher hatte Martingeglaubt, es sei wegen der Geheimhaltung, jetzt war er dessen nichtmehr so sicher. Wenn die Terroristen damals tatsächlich Giftgaseingesetzt hatten, warum machte man dann ein Geheimnis daraus? Waswar das überhaupt für eine Krankheit, die seinen Vaters zugrunderichtete - nicht nur seinen Körper, sondern auch die Erinnerung anden Mann, der er einst gewesen war? Wer auch immer daran schuld war,er würde es büßen ...
    Am Nachmittag brachten zwei SanitäterDad nach Hause. Sie kamen in einem Krankenwagen der Army mit grüngetönten Milchglasscheiben. Die beiden Uniformierten benutzten eineArt Sänfte, um seinen Vater ins Haus zu tragen. Die Szene wirkte wieeine gespenstische Parodie auf einen Märchenfilm: Der greiseHerrscher wird von seinen Dienern in den Palast getragen. - AberMartins Vater war erst 44 Jahre alt.!
    Die Ärzte hatten gesagt, daß er eineweitere Operation nicht überleben würde. Wahrscheinlich war es daserste Mal, daß sie nicht gelogen hatten. Dad - oder das, was dieKrankheit von ihm übriggelassen hatte - sah aus, als könne er nichteinmal den nächsten Windstoß überstehen ...
    Hemd und Jacke schlotterten um seinenOberkörper, und trotz der brütenden Hitze trug er eine Wolldeckeüber den Knien. Am erschreckendsten aber war die Veränderung, diesein Gesicht genommen hatte. Es schien auf geheimnisvolle Weisegeschrumpft zu sein. Die Haut spannte sich so straff über denWangenknochen, daß man fürchten mußte, sie könne bei der nächstenBewegung reißen. Seine Lippen hatten sich zu einem schiefen Lächelnverzogen, das Martin an das Grinsen einer Mumie erinnerte. Mit seinerSonnenbrille - helles Licht vertrug er schon seit längerem nichtmehr - sah der Mann auf der Sesselsänfte aus wie ein Wesen aus eineranderen Welt. Martin stand wie versteinert und konnte seinen Blicknicht abwenden.
    "Na, was ist? Willst du uns nichtreinlassen?"
    Der Junge fuhr zusammen und beeiltesich, den Sanitätern Platz zu machen.
    Er ist mein Vater, dachte er, währenddie Männer den Sterbenden ins Haus trugen. Was auch immer sie mitihm gemacht haben, er ist immer noch mein Vater ...
    Aber da war auch noch eine andererGedanke - ein Gedanke, den er nie ausgesprochen hatte und auch nieaussprechen würde: Warum ist er damals nicht einfach gefallen, imKampf, wie andere Soldaten auch?
    Martin hatte immer wieder versucht, ihnaus seinem Bewußtsein zu verdrängen, aber mittlerweile war seinWiderstand beinahe erlahmt. Fünf Jahre war es nun her, daß seinVater aus dem Krieg heimgekommen war, fünf Jahre, in denen er vorihren Augen verfallen war, jeden Tag ein wenig mehr. Fünf Jahre, diedas Lachen und die Unbeschwertheit der Kindertage aus dem alten Hausvertrieben hatten., in denen jedes Gespräch, jede Lebensäußerungunter der unsichtbaren Anwesenheit des Kranken litt. Betty war nichtwegen des besseren Wetters nach Berkeley gegangen und erst rechtnicht, weil das College dort so wahnsinnig exklusiv war. Nein, siehatte fortgewollt, fort aus diesem Haus. Wenn sie zu Besuch kam,brachte sie stets ihren Freund Tom mit, als bräuchte sie jemanden,der sie beschützte...
    Es ist nicht gerecht! dachte Martin,während die beiden Sanitäter die Spezialmatratze aufpumpten, dieseinen Vater vor dem Wundliegen schützen sollte. Die Matratze wurdevon einem winzigen Kompressor angetrieben, der die querliegendenLuftbälge in Bewegung hielt. Seine Mutter beobachte die Männer mitausdrucksloser Miene, ohne selbst mit Hand anzulegen. Erst als diebeiden ihre Arbeit beendeten hatten und sich nach dem Bettzeugerkundigten, fiel sie aus ihrer Erstarrung und brachte dasGewünschte.
    Martin wäre am liebsten auf seinZimmer gegangen, er wollte das alles nicht sehen. Nicht dieGummidecke, die seine Mutter unter das Bettlaken zog, nicht den mitgelblicher Flüssigkeit gefüllten Plastikbeutel, der zum Vorscheinkam, als die Sanitäter die Beine des Kranken aus der Wolldeckewickelten. Aber das Schlimmste sollte noch kommen. Es geschah, alsder Kranke, der sich die ganze Zeit über kaum bewegt hatte,plötzlich die Sonnenbrille abnahm und ihn ansah. Martin sollte denAusdruck in den Augen seines Vaters nie vergessen. Es waren die Augeneines Mannes, der keine Kraft mehr hatte. Und der sich dafür schämte- vor seinem eigenen Sohn, der ihn in diesem unwürdigen Zustanderleben mußte ...
    Aber Martin sah noch etwas anderes -eine stumme, aber unmißverständliche Aufforderung: Ich muß mit dirreden. Und genau davor hatte der Junge Angst ...
    Dad war nie besonders redselig gewesen,aber seitdem er im Rollstuhl saß, sprach er nur noch das Nötigste.Vielleicht versuchte er auf diese Weise zu verbergen, was in ihmvorging. Worüber hätten sie auch miteinander sprechen sollen? Überdie Heilungsaussichten oder die nächste Urlaubsreise? Im Grunde warMartin sogar froh über dieses Schweigen gewesen, das sie davonentband, jene barmherzigen Lügen auszusprechen, an die sie längstnicht mehr glaubten. Wenn sein Vater jetzt mit ihm sprechen wollte,dann mußte es sich um etwas Wichtiges handeln. Etwas, das sich nichtaufschieben ließ ...
    Vorsichtig legten die Sanitäter denKranken aufs Bett. Der Ältere, ein Farbiger mit kurzgeschorenemweißen Haar, erklärte Martins Mutter, wie der Urinbeutel gewechseltwerden mußte. Sie sah blaß aus, und ihre Mundwinkel zuckten einpaar Mal unkontrolliert. Gleich würde sie anfangen zu schreien ...
    Nun macht schon, daß ihr rauskommt!dachte der Junge, von unerklärlichem Groll gegen die beidenUniformierten erfaßt. Es reicht!
    Aber es war noch nicht vorbei.
    Einer der Sanitäter ging hinaus zumWagen und kehrte mit einem Gerät zurück, das wie einBodenstaubsauger aussah. Natürlich war es keiner, sondern einSauerstoffkonzentrator, wie der Weißhaarige Martins Mutter erklärte.Für den Fall, daß der Kranke unter Atemnot litt, lieferte dasGerät auf Knopfdruck reinen Sauerstoff über eine Nasensonde. Alsder Sanitäter die Sonde anlegen wollte, schüttelte der Krankeunwillig den Kopf: "Jetzt nicht!"
    Martin fuhr zusammen. Es war lange her,daß er die Stimme seines Vaters gehört hatte. Und obwohl der Krankenicht laut gesprochen hatte, klang sie selbstbewußt genug, um ihmRespekt zu verschaffen.
    "Okay, dann eben nicht",murmelte der Weißhaarige schulterzuckend und legte dann Schlauchzurück auf den Nachttisch. "Sie kennen sich ja damit aus."
    "Schon gut", murmelte MartinsVater besänftigt. "Ich glaube, Sie sollten uns jetzt alleinlassen."
    "Wie Sie wünschen, Sir." DerSanitäter richtete sich auf und tauschte einen Blick mit seinemKollegen, der bereits in der Tür stand. Die beiden sahen aus, alswarteten er auf etwas, doch der Kranke schien ihre Anwesenheitvergessen zu haben.
    "Tut mir leid", murmelte derweißhaarige Sanitäter schließlich und wandte sich ebenfalls zumGehen. "Auf Wiedersehen, Ma'm."
    "Wiedersehen", sagte MartinsMutter mechanisch, ohne ihn dabei anzusehen. Der Junge sagte nichts.
    An der Tür nahmen die beiden SoldatenHaltung an und salutierten. Das Geräusch, mit dem sie die Hackenzusammenschlugen, riß Martin aus seinen Betrachtungen. Er fühltesich plötzlich vollkommen leer. Schmerz und Trauer warenausgelöscht. Er war nicht mehr beteiligt. Seine Augen nehmen dieBilder auf wie Kamerasensoren und sein Gehirn speicherte sie:
    Klick - eine pergamenthäutige Mumie,die auf dem Bett lag und grinsend zur Decke starrte.
    Klack - eine in der Bewegung erstarrtePorzellanpuppe mit dem Gesicht seiner Mutter.
    Klock - zwei Sanitäter der US Army,die strammstanden wie Zinnsoldaten und ohne Kopfbedeckung salutierten...
    Und dann geschah etwas, das die Szenevollends unwirklich erscheinen ließ.
    Ein Junge stand plötzlich neben demBett seines Vaters und betrachtete den Kranken mit nachdenklicherMiene. Er trug ein Trikot der New England Patriots, das ein paarNummer zu groß für ihn war, und ein Basecap.
    "Steve!" wollte Martin rufen,brachte aber keinen einzigen Ton heraus.
    Dennoch schien der Junge etwas gehörtzu haben, denn er drehte sich zu ihm um und hob grüßend die Hand.
    Der Umstand, daß sein Freundbuchstäblich aus dem Nichts aufgetaucht war, irritierte Martin indiesem Augenblick ebensowenig wie die Tatsache, daß Steve Mancusoseit fünf Jahren tot war, mehr noch: Während die anderen Personenim Raum in seiner Wahrnehmung zu zweidimensionalen Schattenverblaßten, erschien ihm der schmächtige Junge mit demwiderspenstigen Haarschopf dagegen als vollkommen real.
    Warum sagt denn niemand etwas? dachteMartin, während die Kamera in seinem Kopf Bild um Bild der seltsamenSzene aufnahm, die anderen müssen ihn doch auch sehen ...
    Der Junge hatte die Hand sinken lassen,eine Geste, die hilflos wirkte, fast schon resigniert. Er sah jetztklein und verloren aus, und in seinen Augen lag ein stummer Vorwurf.Martin versuchte, dem Blick des Freundes auszuweichen, aber dasmachte es nur noch schlimmer. Er spürte, daß etwas zwischen ihnenstand, das früher nicht dagewesen war. Und tief in seinem Innerenwußte er auch, was es war: Er hatte begonnen, Steve Mancuso zuvergessen ...
    Martin dachte noch darüber nach, alsein heftiger Knall die Fensterscheiben erzittern ließ. Ein Flugzeughatte die Schallmauer durchbrochen. Automatisch fuhr sein Blick zumFenster, aber auf dem kleinen Ausschnitt blauen Himmels war natürlichnichts zu sehen.
    Dennoch hatte sich etwas verändert. Esschien, als habe der Donner eine Art Bann gelöst. Durch das halbgeöffnete Fenster drang eine Fülle von Geräuschen in den Raum: Vogelgezwitscher, das Brummen von Rasenmähern, fernesBremsenquietschen. Martin war wieder imstande, seine Umgebung ingewohnter Weise wahrzunehmen. Er mußte sich nicht einmal umdrehen,um zu wissen, daß Steve Mancuso verschwunden war ...
    Im gleichen Augenblick erwachten auchdie Menschen um ihn herum aus ihrem Schattendasein. Seine Mutteröffnete die Nachttischschublade und sortierte Medikamentpäckchenein. Dad drehte sich im Halbschlaf zur Seite. Die beiden Sanitäterverabschiedeten sich und verließen den Raum. Einige Augenblickespäter hörte Martin, wie die Haustür hinter ihnen ins Schloßfiel.
    Er atmete auf. Aus Gründen, über dieer sich selbst nicht völlig im klaren war, mochte er es nicht, wennFremde im Haus waren.
    "Sie sind weg", sagte er nacheiner Weile. Niemand antwortete.
    Dad hatte die Augen geschlossen,vielleicht war er tatsächlich eingeschlafen. Seine Mutter lief mitausdrucksloser Miene zwischen Küche und Schlafzimmer hin und her,brachte Blumen, Mineralwasser und Fruchtsäfte, legte Taschentücherund Zellstoff zurecht und schien seine Anwesenheit nicht einmal zubemerken. Martin konnte sehen, wie sich ihre Lippen bewegten, alsführe sie stumme Selbstgespräche.
    Hör endlich auf damit, dachte derJunge, nachdem er sie eine Weile beobachtet hatte. Das hältst dunicht durch ...
    "Ich geh' hoch", verkündeteer schließlich und erntete einen abweisenden Blick, der ihmendgültig klarmachte, daß er unerwünscht war.
    "Schlaf gut, Dad", murmelteMartin in Hinausgehen. Den Wunsch, der ihm auf den Lippen lag, ließer unausgesprochen.


    ***
    Kaum vierundzwanzig Stunden später warMartin unterwegs in Richtung Norden. Nikos Mitakis saß neben ihm amSteuer, und es war fast wie in alten Zeiten.
    Nik hatte das Autoradio voll aufgedrehtund bewegte seinen Oberkörper im Rhythmus der Musik. Er schienblendender Laune zu sein. Wenn ihn Martins Anruf überrascht hatte,ließ er sich das jedenfalls nichts anmerken.
    Dabei war es Martin keineswegsleichtgefallen, ihn um diesen Gefallen zu bitten.
    Nik hatte die Highschool im letztenSommer ohne Abschluß verlassen, doch das hätte nicht unbedingt dasEnde ihrer Freundschaft bedeuten müssen. Begonnen hatte es wohldamit, daß er nicht mehr zu den Zusammenkünften des Teamserschienen war. Daraufhin angesprochen, hatte er etwas von "keinerZeit" und "Wichtigeres zu tun" gemurmelt, und inzumindest einer Beziehung stimmte das auch. Immerhin war Nik fastzwei Jahre älter als die anderen, und es war ein offenes Geheimnis,daß Melissa Landers nicht seine letzte Eroberung geblieben war. Oban dem Gerücht, Nik sei "in schlechte Gesellschaft"geraten, etwas Wahres war, konnte Martin nicht beurteilen. Tatsachewar, daß das neu eröffnete Gebrauchtwagengeschäft recht gutflorierte, das Vater und Sohn Mitakis direkt neben dem Schrottplatzbetrieben. Die Auffassung, daß sich beide Geschäftszweige aufnatürliche Weise ergänzten, wurde offenbar nicht von jedem in derStadt geteilt, denn es war von Hehlerei die Rede und davon, daß dasGanze über kurz oder lang auffliegen würde.
    Dennoch war Martin froh darüber, daßNik mit von der Partie war, auch wenn er nach wie vor nicht verstand,weshalb er Dads Brief unbedingt persönlich übergeben sollte.Schließlich gab es Einschreibsendungen und Kurierdienste, diedergleichen professionell und zuverlässig erledigten. Aber seinVater hatte darauf bestanden, und wie hätte er ihm diese Bitteabschlagen können?
    Letztlich empfand er den Auftrag auchals Vertrauensbeweis, erst recht, nachdem Dad von einer „ziemlichüblen Gegend“ gesprochen und ihn gebeten hatte, "gut auf sichaufzupassen". Bis jetzt war die Fahrt allerdings problemlosverlaufen, obwohl sie an der letzten Straßensperre einige Minutenverloren hatten, weil sie - aus welchen Gründen auch immer - einzweites Mal durch den Scanner fahren mußten.
    "Verdammte Wichtigtuer",knurrte Nik und stellte das Radio ein wenig leiser. "Hoffentlichgeht das nicht so weiter ..."
    Seine Sorge erwies sich jedoch alsunbegründet, denn kaum fünf Minuten später erreichten sie dieAußenbezirke von Kensington, einer ebenso unscheinbaren wiehäßlichen Industriestadt an der Mündung des Reelane-Flusses.
    Das ehemalige Industriegebiet wirktewie ausgestorben. Die meisten Betriebe schienen schon vor Jahrenaufgegeben worden zu sein. Übriggeblieben waren vor allemSchrottplätze, Fabrikruinen und rußgeschwärzte Schornsteine.Dennoch war offensichtlich, daß die Stadt bessere Zeiten erlebthatte, denn die Straßen waren breit, und die großzügig angelegtenVillengrundstücke zeugten von einstmaligem Wohlstand. Jetzt wuchertein den Vorgärten Unkraut, und der Wind trieb Staub und Papierfetzenüber verlassene Plätze.
    Es gab Verlierer und Gewinner, selbsthier in Neuengland, wo sich die Dinge nicht so schnell änderten wieanderswo. Und es sah ganz danach aus, als hätten die Bewohner vonKensington ein dicke Niete gezogen. Einige Häuser schienen schonlänger leerzustehen. Türen und Fenster waren mit Bretternzugenagelt, und an den Fassaden verwitterten „Zuverkaufen“-Schilder mit Telefonnummern, die nie jemand anrufenwürde ...
    Die Innenstadt wirkte nicht ganz soverwahrlost, zumindest waren keine eingeschlagenen Fenster mehr zusehen und die Verkehrsampeln funktionierten. Dennoch waren nur wenigeAutos auf den Straßen unterwegs, und keines davon sah neu oder garexklusiv aus.
    "Ein Wettbüro", murmelte Nikkopfschüttelnd. "Hoffentlich ist der Laden, den wir suchen,nicht längst pleite ..."
    "Wart's ab", erwiderte Martingereizt. Die Gegend gefiel ihm ebensowenig wie die Aussicht,unverrichteter Dinge umkehren zu müssen. Die wenigen Passanten sahenallerdings nicht danach aus, als hätten sie Geld für Wetten übrig...
    Die rostigen Gerippe der Lastkränewiesen ihnen den Weg zum Hafen, und auch der "Ocean Boulevard"war schnell gefunden. Es gab überhaupt nur eine Straße, die dieseszweifelhafte Vorrecht für sich in Anspruch nehmen konnte: einbacksteingepflastertes Relikt aus der Gründerzeit mit einer Reihealtmodischer Laternen, die an eine Filmkulisse erinnerten. Einholpriger Fußsteig trennte die Straße von dem, was in besserenZeiten wohl das Vergnügungsviertel der Stadt gewesen war. Davonzeugten die Reste einst vielversprechender Neonreklamen und dieGitter vor den Eingängen ehemaliger Kellerkneipen und Bars.
    "Von wegen Wettbüro", preßteNik zwischen den Zähnen hervor, als sie einen rostigen Chevypassierten, dessen Fahrer wohl am Lenkrad eingeschlafen war. "Wohleher ein Crack-Büro ..."
    "Woher willst du das wissen?"
    "Verdammt, Marty", brummteder Ältere und deutete auf einen anderen Wagen, der knapp hundertMeter voraus auf der Hafenseite parkte. "Siehst du denn nicht,was hier abgeht?"
    Martin schüttelte den Kopf. Er hattenichts Ungewöhnliches bemerkt.
    Nik hatte das Tempo gedrosselt undbeobachtete stirnrunzelnd zwei junge Farbige, die vor einem derHauseingänge rauchten. "Okay, hast du die Nummer?"
    "Klar, die 65, muß irgendwo davorn sein."
    "Darauf kannst du allerdingswetten ...Okay, Mart, wir haben jetzt zwei Möglichkeiten: Entwederwir blasen die Sache ab und verschwinden, oder du gehst tatsächlichda rein ..."
    "Klar geh' ich rein",versetzte Martin und starrte neugierig zu dem kleinen Schaufensterhinüber, wo neben vergilbten Sportplakaten ein Plastikschild mit derAufschrift "GRAND PRIX - Sportwetten aller Art" hing.
    Die beiden Jugendlichen hattenmittlerweile ihre Zigaretten ausgetreten und vertrieben sich die Zeitdamit, sich gegenseitig beim Dribbeln mit einem imaginären Ball insLeere laufen zu lassen.
    "Wenn du in zwanzig Minuten nichtzurück bist, ruf' ich die Bullen." Nik sah besorgt aus, undMartin spürte, wie sich etwas Kaltes in seinem Magen einnistete.Doch für einen Rückzieher war es bereits zu spät. Er tastete nachdem Brief in seiner Hemdentasche und wandte sich zum Gehen.
    "Bis dann, Nik."
    "Paß auf dich auf, Marty."
    Verdammt, der Kerl konnte einenwirklich nervös machen ...
    Martin öffnete die Beifahrertür undstieg aus. Noch immer war nichts Auffälliges zu sehen. Die beidenFarbigen waren so in ihr Spiel vertieft, daß sie ihn nicht einmalbemerkten. Sie blickten auch nicht auf, als er die Wagentür zuschlugund zur Treppe ging.
    Kamen hier so häufig Kunden vorbei?
    In diesem Augenblick überlistete derKleinere seinen Gegner mit einer Körpertäuschung und stürmte anihm vorbei. Dabei geriet er allerdings ins Straucheln und wäre umein Haar mit Martin zusammengestoßen.
    "Sorry, Mann", stieß derFarbige überrascht hervor. "Hab dich nicht gesehen ..."
    Er grinste und klopfte dem Jungen aufdie Schulter.
    "Ist ja nichts passiert",erwiderte Martin verlegen und wandte sich zum Gehen. Der Zwischenfallwar ihm nicht geheuer. Vielleicht hatte Nik doch recht gehabt ...
    Er sah sich nicht um, als er die Treppehinaufstieg, achtete aber ängstlich auf jedes Geräusch, doch daseinzige, was er hörte, war ein gedämpftes Klicken aus RichtungStraße. Nik hatte die Türen verriegelt ...
    Als Martin das Geschäft betreten unddie Tür hinter sich geschlossen hatte, atmete er erleichtert auf.Das lag weniger an der hellen Beleuchtung und dem vertrauten Geruchnach Papier und frischer Druckerschwärze als vielmehr an der Persondes Inhabers. Das dünne, grauhaarige Männchen sah aus wie einpensionierter Buchhalter, der sich im Wettgeschäft ein paar Scheinedazuverdiente. Sein Gesicht wurde von zahlreichen Fältchendurchzogen, die ihm ein greisenhaftes Aussehen verliehen, das imschroffen Gegensatz zu den quicklebendigen, von starkenBrillengläsern bis ins Groteske vergrößerten Kinderaugen stand.Der alte Mann sah nicht wie jemand aus, der seinen Mitmenschen Crackoder Schlimmeres verkaufte. Leider machte er auch nicht den Eindruck,als könne er irgend etwas für Martins Vater tun. Vielleicht hatteder Inhaber des Geschäftes in der Zwischenzeit gewechselt, oderdieser Mann war nur ein Angestellter ...
    "Guten Tag, ich würde gern Mr.Foreman sprechen, Mr. Donovan Foreman", sagte Martin und tasteteverstohlen nach dem Merkzettel in seiner Hosentasche.
    "Hallo, junger Mann",erwiderte der Grauhaarige freundlich. Seine blauen Kinderaugenmusterten den Jungen wohlwollend. "Und was möchtest du von Mr.Foreman, wenn die Frage erlaubt ist?"
    "Ich möchte ihm etwas übergeben,etwas Persönliches."
    Der alte Mann antwortete nicht sofort.Sein Lächeln erschien Martin jetzt viel weniger freundlich, und erwar auch nicht mehr sicher, ob es wirklich Wohlwollen war, was er inden Augen des Grauhaarigen las.
    "Das wollen viele", versetzteder Mann hinter der Ladentheke schließlich. "Aber Mr. Foremanist ein vielbeschäftigter Mann ..."
    "Es ist wichtig. Wir sind extravon Stormfield hergekommen."
    Das klang nicht besonders überzeugend,und obwohl der kleine Mann ihn nach wie vor anlächelte, begriffMartin, daß er die Situation genoß.
    "Das tut mir aber leid",flötete der Grauhaarige in gespieltem Bedauern. "Mr. Foremanwird sicher untröstlich sein, wenn er davon erfährt."
    Es tut dir überhaupt nicht leid, duBlödmann! dachte Martin, während ihm die Hitze ins Gesicht schoß.Es ist wohl dein Job, Leute zu schikanieren ...
    Aber er wußte auch, daß er sichbeherrschen mußte. Wenn er seinem Vater helfen wollte, mußte erruhig bleiben und es weiter im Guten versuchen.
    "Sagen Sie Mr. Foreman bitte, daßich eine persönliche Nachricht von Erik Lundgren für ihn habe. Erwird den Namen kennen - Captain Erik Lundgren."
    "Ho ho ho, Captain!" lachteder kleine Mann, während sein Adamsapfel über dem sauber gebundenenKrawattenknoten wie ein Tischtennisball auf- und niederhüpfte. "Daswird den Boß aber mächtig beeindrucken ... Hi hi hi."
    Die farbenfrohe Krawatte desGrauhaarigen spielte auch in Martins Überlegungen ein Rolle, der mitgeballten Fäusten dastand und gegen die Versuchung ankämpfte, denkleinen Mann an seinem Halsschmuck über die Theke zu zerren.
    Das Knacken eines Lautsprechers stoppteden Heiterkeitsausbruch des Grauhaarigen abrupt. Er zuckte regelrechtzusammen und lauschte mit angespannter Miene, als fürchtete er,etwas zu verpassen. Dabei klang die Lautsprecherstimme nicht einmalunfreundlich:
    "Laß das Theater, Nat, und schickden Jungen rein!"
    Wieder ein Knacken, und damit war dieAnsprache auch schon beendet. Martin atmete auf. Er würde seinenAuftrag erfüllen, daran bestand kaum noch ein Zweifel, auch wenn erkeine Ahnung hatte, was in dem Brief stand und wie Donovan Foremandarauf reagieren würde. Mr. Glupschauge würde ihm jedenfalls keineSchwierigkeiten mehr machen. Wie hatte er ihm nur trauen können ...
    "Hier entlang, bitte", sagteder kleine Mann und klappte eine Holzplatte zur Seite, so daß Martinin den Verkaufsraum treten konnte. Die Zurechtweisung schien Nat, wieihn die Lautsprecherstimme genannt hatte, gründlich die Launeverdorben zu haben. Er vermied es, den Jungen anzusehen undbeschränkte seine Äußerungen auf das Nötigste.
    Sie verließen den Raum durch eineStahltür und durchquerten eine schmalen, fensterlosen Gang, der voneinem halben Dutzend Notleuchten in grünliches Dämmerlicht getauchtwurde. Der Gang endete an einer Fahrstuhltür, die leise summend zurSeite glitt, als sie sich ihr näherten.
    Martins Begleiter blieb stehen undbedeutete dem Jungen einzusteigen:
    "Bitte - von jetzt ab findest duden Weg auch allein. Ich muß zurück ins Geschäft ..."
    Na klar, dachte Martin in einem Anflugvon Sarkasmus. Die Kunden werden schon ungeduldig ...
    Dennoch spürte er ein flaues Gefühlin der Magengegend, als sich die Kabinentür hinter ihm schloß. DieEdelstahlwände waren völlig nackt; es gab weder ein Display nochein Bedienfeld, nicht einmal einen Notrufknopf.
    Martin war gefangen.
    Die Gedanken, die dem Jungen, in diesemAugenblick durch den Kopf schossen, waren alles andere alserfreulich. Fast glaubte er bereits das Betäubungsgas zu riechen,das durch winzige Düsen in die Kabine strömte, sah Männer undFrauen in blauen Kitteln, die einen OP-Tisch vorbereitete, blitzendeInstrumente und eisgefüllte Thermobehälter für die Lagerung derentnommenen Organe ...
    Als sich der Fahrstuhl schließlich inBewegung setzte, atmete Martin auf. Die gespenstischen Bilderverschwanden ebenso rasch, wie sie vor seinem inneren Augeaufgetaucht waren. Das flaue Gefühl in der Magengegend aber blieb.Nach kurzer Abwärtsfahrt stoppte die Kabine mit einem sanften Ruck.Die beiden Türflügel glitten summend auseinander und Martin schloßgeblendet die Augen.
    Der Raum vor ihm ähnelte eher einerKommandozentrale als dem Büro eines Geschäftsmannes. An derStirnwand waren mehrere großformatige Videodisplays angebracht, dieoffensichtlich zu einem Überwachungssystem gehörten. Zwei von Ihnenzeigten die Vorderfront des Gebäudes aus unterschiedlichenPerspektiven, ein dritter übertrug Bilder aus dem Verkaufsraum. Dieanderen Bilder konnte Martin zunächst nicht einordnen, dafür aberdas grünstichige Bild eines weiteren Monitors, auf dem einLeuchtzeiger gemächlich seine Kreise zog - ein Radargerät!
    Seinen Gastgeber, einen muskulösenFarbigen unbestimmbaren Alters, bemerkte der Junge erst, als diesersich hinter einem mit Computerutensilien vollgestopften Schreibtischerhob, um ihn zu begrüßen. Obwohl die Bewegungen des Manneskeinerlei Hast verrieten, dauerte es nur Augenblicke, bis er Martingegenüberstand.
    "Hallo Martin", sagte DonovanForeman und reichte dem Jungen die Hand. "Tut mir leid, daß wiruns unter so unerfreulichen Umständen kennenlernen."
    Er weiß von Dads Krankheit, dachteMartin beklommen und fragte sich einmal mehr, warum ihn sein Vaterhergeschickt hatte. Wenn sich die beiden so gut kennen, hätte erdiesen Foreman auch anrufen können ...
    Mittlerweile war ihm auch klargeworden, weshalb sich das Alter seines Gegenübers so schlechtschätzen ließ. Es waren die Augen - müde, traurige Augen, die in auffälligem Gegensatz zu seiner Haltung und dem selbstbewußtenLächeln standen. äußerlich wirkte der Farbige kaum älter alsMitte dreißig, aber seine Augen waren die eines alten Mannes.
    "Hallo", sagte Martinverlegen und griff nach dem Brief in seiner Hemdentasche. "Siesind Mr. Foreman?"
    "Tu mir einen Gefallen und laßdas 'Mister'. Für deinen Vater war ich Don, und ich denke, wirsollten dabei bleiben. Willst du dich nicht setzen?"
    Der Junge nickte und folgte seinemGastgeber zu einer kleinen Sitzgruppe in unmittelbarer Nähe derVideowand.
    "Dein Freund?" erkundigtesich der Dunkelhäutige leichthin und deutete auf einen der Monitore.Das Bild der Überwachungskamera war so scharf, daß man durch dieWagenscheibe hindurch nicht nur Niks Gesicht, sondern sogar dieFinger seiner rechten Hand erkennen konnte, die ungeduldig auf dasArmaturenbrett trommelten.
    Erschrocken sah Martin zur Uhr. Ineiner knappen Viertelstunde würde Nik die Polizei anrufen, wenn erbis dahin nicht zurück war.
    "Keine Angst, Martin",lächelte „Don“ Foreman. "Ich werde dich nicht langeaufhalten. Möchtest du etwas trinken?" Er deutete auf eineBatterie mit Erfrischungsgetränken.
    Obwohl seine Kehle wie ausgetrocknetwar, schüttelte der Junge den Kopf. Er wollte keinen Augenblicklänger bleiben als unbedingt nötig. Nik hatte rechtgehabt: Irgendetwas war hier faul. Das Gebäude war besser gesichert als eine Bank- warum wohl, wenn man nichts zu verbergen hatte?
    Doch es waren weniger dieBegleitumstände der Begegnung, die Martin Unbehagen einflößten, eswar die Person seines Gastgebers. Dabei hatte Donovan Foreman bisjetzt nichts gesagt oder getan, das er als bedrohlich empfundenhätte. Dennoch fühlte sich der Junge in seiner Gesellschaft unwohlund auf seltsame Weise befangen. Allein die physische Dominanz desdunkelhäutigen Mannes wirkte einschüchternd, und sein Blick schienzu sagen: Versuch gar nicht erst, mir etwas vorzumachen ...
    "Der Brief", sagte Martin undreichte den Umschlag über den Tisch.
    "Danke." Der Mann riß dasCouvert auf, warf einen kurzen Blick auf den Inhalt und wandte sichdann wieder seinem Gast zu: "Möchtest du wissen, wasdrinsteht?"
    Der Junge nickte.
    "Okay." Foreman lächeltefreudlos und schob Martin den Briefbogen hinüber.
    Es war eine kurze Nachricht. DreiWörter und ein Buchstabe, nicht mehr:


    Es ist Zeit.
    E.



    Betroffen starrte der Junge auf diezittrigen, ungelenken Buchstaben, die Dads Schrift wie die einesSchulanfängers erscheinen ließen. Es mußte ihn enorme Anstrengunggekostet haben, die wenigen Worte zu Papier zu bringen. Doch warumhatte er es überhaupt getan? Um sich zu verabschieden?
    Martin spürte, wie ihm die Tränen indie Augen schossen. Doch er wollte nicht weinen - nicht vor demFremden, auch wenn dieser Mann irgendwann einmal Dads Freund gewesenwar.
    "Er hat lange gewartet",sagte Donovan Foreman nachdenklich. "Dein Vater ist ein sehrtapferer Mann ..."
    Der Junge antwortete nicht, seine Kehlewar wie zugeschnürt. Durch einen Schleier von Tränen beobachteteer, wie der dunkelhäutige Mann die Papiere an sich nahm und damitzum Waschbecken ging. Erst als er ein Feuerzeug aus der Tasche zog,begriff Martin, was er vorhatte. Flammen züngelten auf, und wenigspäter spülte Foreman die Aschereste in den Ausguß.
    Warum tat er das? Wollte er nichts mehrmit Dad zu tun haben?
    "Hör zu, Martin", Die Stimmedes Mannes klang jetzt fester, beinahe schroff: "Du bist niehiergewesen, das gilt natürlich auch für deinen besorgten Freund."
    Martin sagte nichts. Er wartete aufeine Erklärung.
    "Ihr fahrt einfach weiter undbiegt an der ersten Kreuzung rechts ab. Kurz vor der nächstenQuerstraße stoßt ihr auf einen kleinen Tabakladen. Du steigst dortaus uns gehst rein. Der Besitzer weiß Bescheid und wird dir etwasmitgeben, nicht Schlimmes, nur ein paar Stangen Zigaretten,garantiert steuerfrei ..."
    "Und wozu soll das gut sein?"
    "Eine Legende, nur für den Fallder Fälle."
    Allmählich verwandelte sich MartinsUnbehagen in Ärger. Dieser Mann kommandierte ihn herum, ohne selbstauch nur die geringste Information preiszugeben. Dabei hatte sich derJunge von dieser Begegnung Antworten erhofft, schließlich hatteForeman in der gleichen Einheit gedient wie sein Vater. Wenn er über Dads Krankheit informiert war, dann wußte er vielleicht auch, wiees passiert war. Wenn er nicht darüber sprechen dufte, okay, aberdeswegen mußte er ihn noch lange nicht so herablassend behandeln ...
    Foreman schien seinen Unmut bemerkt zuhaben und lenkte ein: "Okay, ich erklär's dir: Die Jungs an denStraßensperren registrieren die Nummernschilder. Also weißzumindest der Zentralcomputer, daß ihr beide hier in der Gegendunterwegs wart. Irgendein anderer Computer besitzt gleichzeitig dieInformation, daß dein Vater und ich in einer Einheit gedient haben.Normalerweise kommt kein Mensch auf die Idee, die Daten abzugleichen.Aber wir können es auch nicht ausschließen. Deshalb die Geschichtemit den Zigaretten."
    "Und wenn wir einfach die Wahrheitsagen?" Das war natürlich eine Provokation, aber Martin warimmer noch aufgebracht - nicht nur wegen des verbrannten Briefes.
    "Dann ...", der dunkelhäutigeMann verzog keine Miene, " ... würe das möglicherweise nicht gut fürs Geschäft."
    "Welches Geschäft?"
    Foreman lachte: "Auf jeden Fallkein Dope-Labor, wie dein cleverer Freund meint."
    Woher weiß er das? dachte der Jungeerschrocken und gab sich die Antwort gleich selbst: Er muß uns vonAnfang an abgehört haben ...
    "Und was sonst?"
    "Man könnte sagen, wir bringenLeute zusammen, die sich normalerweise nie begegnen würden ..."
    "Eine Partnervermittlung?"platzte Martin heraus und bereute seine Voreiligkeit sofort. EinePartnervermittlung benötigte keine Überwachungskameras und eineRadargerät schon gar nicht ...
    Donovan Foreman quittierte den Einwurfmit einem nachsichtigen Lächeln, bevor er fortfuhr:
    "Oder, poetischer ausgedrückt:Wir vermitteln Stille."
    Vielleicht war es die seltsame Antwort,vielleicht aber auch der Blick der traurigen, alten Augen, die Martinden Mut nahmen, weitere Fragen zu stellen. Das flaue Gefühl in derMagengegend war plötzlich wieder da, und er spürte, wie sich dieHärchen in seinem Nacken aufrichteten. Der Junge wollte nur eines:weg von hier.
    Um so erleichterter war er, als seinGastgeber unvermittelt aufstand und auf die Monitorwand deutete: "Ichglaube, wir sollten unser Gespräch beenden. Dein Freund scheintallmählich ungeduldig zu werden ..."
    Foremans Sorge war berechtigt, denn Nikschien äußerst nervös zu sein. Immer wieder schaute er zur Uhroder in Richtung Kamera, die sich irgendwo neben oder über derEingangstür befinden mußte. Dabei waren es noch immer vier Minutenbis zum vereinbarten Termin.
    "Es hat mich gefreut, dichkennenzulernen", versicherte Don Foreman, während sie zur Türgingen. "Wahrscheinlich hast du keine Ahnung, wie sehr du deinemVater ähnelst."
    Martin sagte nichts, nahm aber dieHand, die ihm sein Gastgeber zum Abschied reichte. Sie war groß undviel wärmer als seine.
    "Mach's gut, Martin, und grüßdeinem Vater von mir. Ich hätte seine Nachricht erhalten und dieAntwort lautet: Samstag. Samstag - es ist wichtig."
    "Samstag", wiederholte derJunge und riskierte ein schüchternes Lächeln: "Das hätten Siemir ja auch aufschreiben können, Mr. Foreman."
    "Don", korrigierte ihn derdunkelhäutige Mann grinsend und drückte den Fahrstuhlknopf. "Mach,daß du rauskommst."
    Summend glitt die Tür zur Seite,Martin stieg ein und hob die Hand zum Abschied. Don winkte zurück.Er sah jetzt fast ein wenig traurig aus, wie ein Mann auf demBahnsteig, der einsam zurückbleibt.
    Und so sollte ihn der Junge inErinnerung behalten ...


    ***
    Die Geburtstagsparty verlief wenigerdeprimierend, als Martin befürchtet hatte.
    Das lag zum einen am Wetter, es war einstrahlender Sommertag ohne eine Wolke am Himmel, zum anderen an demUmstand, daß es seinem Vater ein wenig besser zu gehen schien.
    Sie hatten sogar gemeinsam auf derTerrasse zu Abend gegessen, Dad natürlich in seinem Rollstuhl, aberauch das war beinahe ein Wunder angesichts seines Zustands. DieNachricht, die ihm Martin von seinem Freund Foreman überbrachthatte, schien seine Lebensgeister noch einmal geweckt zu haben, undheute sah es beinahe so aus, als wäre er auf dem Weg der Besserung.
    Natürlich wußte Martin, daß das eineIllusion war. Der nächste Rückfall - der letzte vielleicht - würdekommen, und er konnte nur hoffen, daß seinem Vater bis dahin nochein wenig Zeit blieb.
    Obwohl Martin keinen runden Geburtstagfeierte, waren Tante Liz und sein Patenonkel Douglas extra ausManchester herübergekommen. Betty und Tom hatten sich wie üblichschon am Vorabend einquartiert, und Großmutter Claire ließ sichVeranstaltungen dieser Art ohnehin nicht entgehen.
    Martin hatte Würstchen zum Abendessengegrillt und danach Marshmallows, die reißenden Absatz gefundenhatten. Hauptabnehmer waren seine Schwester Betty und Anna gewesen,die zu seiner Verblüffung nicht genug von dem süßen Zeug bekommenkonnte. Die beiden schienen sich auch sonst recht gut zu verstehen,was vermutlich darauf zurückzuführen war, daß Anna mehr zuhörteals sprach.
    Martin verabscheute Familienfeiern,mußte aber zugeben, daß es bis jetzt keinen Mißklang gegebenhatte. Natürlich waren ihm die neugierigen und abschätzenden Blickenicht entgangen, mit denen die älteren Familienmitglieder dasMädchen an seiner Seite bedachten, aber es schien, als sei diePrüfung zufriedenstellend verlaufen. Onkel Doug hatte ihm jedenfallsaufmunternd zugezwinkert und etwas wie "nettes Mädchen"gemurmelt, als Martin die beiden nach dem Essen zu ihrem Wagenbegleitet hatte. Wer Onkel Doug kannte, wußte das zu würdigen ...
    Jetzt ging es bereits auf neun, und Dadschien noch immer nicht müde zu sein. Anfangs war er nochzusammengezuckt, wenn irgendwo in der Nachbarschaft ein Böllergezündet wurde, aber mittlerweile schien er sich daran gewöhnt zuhaben. Sein Glas war immer noch halbvoll, und er machte keinerleiAnstalten, sich zu Bett bringen zu lassen.
    "Gute Nacht, Leute." BettysStimme klang ein wenig unsicher, als sie schließlich aufstand, umsich zu verabschieden. "Entschuldigt uns, aber wir müssenmorgen zeitig raus."
    "Ich nicht", sagte Dad, undes klang beinahe fröhlich.
    Martin sah seinen Vater verblüfft an.So gut gelaunt hatte er ihn schon lange nicht mehr erlebt. Doch essollte noch besser kommen.
    "Läßt du mir eine Zigarette da,Tom?"
    Dem Angesprochenen klappte vorÜberraschung beinahe die Kinnlade herunter, und auch der Rest derGesellschaft sah einigermaßen fassungslos aus.
    "Jetzt hör aber auf, Erik",sagte Mom mit einem nervösen Lachen. "Das ist doch nicht deinErnst."
    Erik Lundgren besaß nur noch Teileseines rechten Lungenflügels und hatte seit einer Ewigkeit nichtmehr geraucht.
    "Doch Charly", sagte derKranke mit unerwartet klarer Stimme. "Das ist mein Ernst,natürlich nur, wenn unser Gast so freundlich sein will ..."
    Seine Hände zitterten kaum, als ernach der Schachtel griff, die ihm Tom mit einem hilflosen Lächelnreichte, und eine Zigarette herausnahm.
    "Danke, nicht nötig" wehrteer ab, als der junge Mann ihm Feuer geben wollte. "Die hebe ichmir für später auf. Schlaft gut, ihr beiden."
    "Gute Nacht." Sichtlicherleichtert steckte Tom sein Feuerzeug wieder ein, und verschwand mitBetty im Haus.
    "Netter Kerl", murmelte Dadzufrieden, und schnupperte an der Zigarette, die er vorher ein paarMal zwischen den Handflächen hin- und hergerollt hatte. "Nein,sag nichts, Charlene, laß mich bitte ausreden ..."
    Nervös sah Martin zu seiner Mutterhinüber, die sichtlich Mühe hatte, Fassung zu bewahren. Der Jungeahnte, was in ihr vorging, aber er konnte ihr nicht helfen. Er konntenicht einmal sich selbst helfen. Dad hatte sie beschämt, einfachdadurch, daß er sie erinnert hatte. Und es war noch nicht vorbei ...
    "Ich weiß, es ist deinGeburtstag, Martin", sagte Erik Lundgren mit fester Stimme,"aber ich möchte, daß ihr mich jetzt allein laßt."
    Der Junge wollte etwas sagen, aber dannspürte er den Druck von Annas Hand in seiner und blieb stumm.
    "Aber warum ...?" Martin sah,wie sich seine Mutter auf die Lippen biß. Gleich würde sie anfangenzu weinen.
    "Es war ein schöner Tag",fuhr der Kranke fort. "Und ich möchte noch das Feuerwerksehen."
    Aber das können wir doch auchzusammen, dachte der Junge, bis ihm klar wurde, daß das so nichtstimmte. In ihrer Anwesenheit würde sich Dad keinen Augenblickunbeobachtet fühlen können. Sie würden jeden Schluck zählen, dener trank, und darauf achten, ob er dabei etwas verschüttete. Siewürden auf den Hustenanfall warten, wenn er sich Toms Zigarettetatsächlich anzündete, und sich dannWir-haben-es-doch-gleich-gewußt-Blicke zuwerfen. Sie würden ihmeine Wolldecke bringen, auch wenn es so warm blieb wie jetzt. Dad hatrecht, wenn er uns wegschickt ...
    "Martin wird seine Freundin jetztnach Hause bringen", die Stimme duldete keinerlei Widerspruch.Jetzt, da es dunkel geworden war und der Junge das Gesicht seinesVaters kaum mehr zu erkennen vermochte, erinnerte sie ihn auf nochbeklemmendere Weise an früher. "Und du, Charly, solltestversuchen, ein wenig zu schlafen ..."
    "Gute Nacht, Mr. Lundgren."Anna stand auf und ging hinüber zu Dads Rollstuhl. "Es warwirklich ein schöner Tag. Und das Feuerwerk wird sicher großartig."
    "Das wird es, meine Kleine",erwiderte Dad. "Es war eine Freude, dich kennenzulernen. UnserMartin ist ein Glückspilz."
    "Danke, Mr. Lundgren", sagteAnna, beugte sich zu dem Kranken hinab und gab ihm einen Kuß auf dieWange.
    Ganz in der Nähe stieg eine Raketezischend zum Himmel auf und zerplatze in einem Schwarm weißerLeuchtkugeln. Für Sekunden wurden Haus und Grundstück in gleißendesLicht getaucht.
    Als Martin aufstand, spürte er einBrennen in der Kehle. Er hatte etwas gesehen, vielleicht nur einSpiel von Licht und Schatten, vielleicht aber auch nicht. Es war dasGesicht eines Mannes gewesen, den er schon vor Jahren verloren hatte.Erik Lundgrens Gesicht, das Gesicht seines Vaters ...
    "Gute Nacht, Dad." Die Stimmedes Jungen klang heiser.
    "Mach's gut, mein Junge."sagte Erik Lundgrens Stimme und setzte leise hinzu,: "Du darfstsie nicht im Stich lassen, hörst du?"
    Wen? Anna? Wie kam er überhauptdarauf?
    "Nein, Dad."
    "Gut", flüsterte der Kranke."Und nun macht, daß ihr fortkommt."
    Martin wollte noch etwas sagen, aberseine Kehle war wie zugeschnürt. Er mußte weg, schnell, bevor derSchmerz übermächtig wurde, und so wandte er sich ab und ging, ohnesich ein einziges Mal umzudrehen.
    Anna wartete am Tor. Ihre Hand warwarm, und es tat gut, sie festzuhalten.
    "Er wird sterben", sagte dasMädchen, als sie das kleine Wäldchen erreicht hatten, das dieVorstadt von Fluß trennte. Es war keine Frage.
    "Er nimmt seine Tabletten nichtmehr", erwiderte Martin, als wäre das noch von Bedeutung. Eswar Dads Wunsch gewesen, daß sie gegangen waren, aber er fühltesich dennoch schuldig. Sie hätten ihn nicht allein lassen dürfen...
    "Du frierst", stellte Annasachlich fest und blieb stehen. "Gib mir einen Kuß."
    Martin zögerte einen Moment, als müsseer sich erst darüber klarwerden, wo er sich befand, dann nahm er siein die Arme. Ihre Haut war warm, viel wärmer als seine, als hätteihr Körper die Hitze des Tages auf geheimnisvolle Weise gespeichert.Als sich ihre Lippen voneinander lösten, fror Martin nicht mehr - imGegenteil.
    "Nein", flüsterte Anna, alssie seine Erregung spürte, und löste sich aus seiner Umarmung, "dasbringt Unglück."
    Martin begriff nicht ganz, was dasMädchen damit sagen wollte, versuchte aber nicht, Anna umzustimmen.Rückblickend erschien es ihm, als hätte sie bereits zu diesemZeitpunkt gewußt oder geahnt, was geschehen würde ...
    Als sie die ehemaligeDampferanlegestelle erreichten, hatte sich bereits eine MengeSchaulustiger dort versammelt. Auch Nik war mit von der Partie. Erwar in Begleitung einer unternehmungslustig aussehenden Blondine undeines angebrochenen Sixpacks, das er auf der Motorhaube seines Wagensdeponiert hatte.
    Er winkte den beiden flüchtig zu,schien aber keine Wert auf ihre Gesellschaft zu legen. Martin war esrecht. Er hatte keinen Durst, und nach Feiern war ihm ohnehin nichtzumute ...
    Das Feuerwerk begann Schlag elf, und eswar großartig. Fauchend und zischend schossen die Raketen in dennachtblauen Himmel und explodierten in leuchtenden Feuerblumen, diesich im auf der Wasseroberfläche spiegelten. Rauchbomben erzeugtenkünstliche Wolken, auf die Laserkanonen riesige Bilder projizierten.Es waren patriotische Bilder, aber das störte niemanden, schon garnicht heute am Unabhängigkeitstag. Es gab eine Freiheitsstatue, diegrößer und prächtiger wirkte als das Original, es gabHologrammdarstellungen von Kampfjets, die wie Raubvögel auf ihreBeute herabstießen, und es gab sogar ein Raumschiff, das auf einergewaltigen Feuersäule in den Weltraum startete.
    Schlagartig verstummte der Lärm derBöller, die Lichtspeere der Laserkanonen erloschen und dieRauchwolken begannen sich langsam aufzulösen. Die Menge wurdeunruhig. Dann ein Donnerschlag: Dutzende, nein Hunderte von Raketenschossen gleichzeitig in die Nacht, jede an ihren genauvorbestimmten Ort, und dann explodierte der Himmel im Glanz einesflammenden Sternenbanners, zusammengesetzt aus roten, weißen undblauen Leuchtfeuern, die an Fallschirmen sanft herabschwebten, bisder letzte weiße Stern in den Fluten des Reelane versunken war.
    Es war ein Anblick, dem sich niemandentziehen konnte. In diesem Augenblick waren sie alle Amerikaner,fühlten, daß sie zusammen gehörten. Sie lebten in einemgroßartigen Land, dem besten der Welt. Sie waren angegriffen wordenund hatten zurückgeschlagen. Am Ende würden sie gewinnen, davon warauch Martin überzeugt, und die Opfer würden nicht vergeblichgewesen sein ...
    Natürlich dachte der Junge dabei anseinen Vater, der jetzt allein im Dunklen saß und die vielleichtletzte Zigarette seine Lebens rauchte. Ob er das Feuerwerk auch sogut hatte sehen können wie sie hier unten?
    Plötzlich fiel Martin etwas ein, under wurde unruhig.
    "Gehen wir?"
    Das Mädchen sah ihn an und nickte.
    Schweigend bahnten sie sich den Wegdurch die Menge, bis der Lärm und Gelächter der Feiernden hinterihnen zurückblieben.
    Das Feuerwerk war zwar zu Ende, aber inder Stadt waren immer noch einzelne Böller zu hören. Irgendwoheulte eine Sirene auf. Vielleicht hatte jemand seine Leuchtraketenals Tischfeuerwerk benutzt. Oder war es eine Polizeisirene?
    Martin sah zur Uhr: zehn Minuten vorzwölf.
    "Samstag", hatte DonovanForeman seinem Vater ausrichten lassen. Der Junge wußte noch immernicht, was die Nachricht bedeutete, aber er hatte eine Ahnung. Erhätte nicht weggehen dürfen ...
    "Du kannst nichts tun, Marty",sagte das Mädchen, als sie sich vor dem schmiedeeisernen Tor derSantini-Villa trennten. "Gute Nacht."
    Sie küßten sich, aber die Umarmungvermochte die Kälte nicht zu vertreiben. Nicht mehr.
    Martin sah dem Mädchen nach, bis es imHaus verschwunden war. Dann begann er zu laufen, verhalten zunächst,beinahe noch unentschlossen, dann aber immer schneller. Er war eingeübter Läufer, und seine Beine fanden ihren Rhythmus wie vonselbst.
    Vier Schritte, einatmen. Drei Schritte,ausatmen.
    Er hätte nicht mitzählen müssen,aber solange er zählte, brauchte er an nichts anderes zu denken.Nicht an Dads Brief, dessen Bedeutung er nun zu kennen glaubte. Nichtan den Donovan Foreman, der in einem seinem perfekt abgeschirmtenBüro seltsamen Geschäften nachging, nicht daran, daß er sicheinfach hatte wegschicken lassen ...
    Nicht denken! Zählen, atmen, laufen.
    Er begegnete niemanden auf seinem Wegdurch die stillen Straßen der Südvorstadt. Es war längst nachMitternacht, in den wenigsten Fenstern brannte noch Licht.
    Du kannst nichts tun, hatte Annagesagt. Dabei wußte sie noch nicht einmal etwas von dem Brief ...Nein, tun konnte er nichts, nur laufen ...
    Die Seabrook-Bibliothek. Martin kam ofthierher, verbrachte Stunden zwischen den endlosen Regalen oder imdämmrigen Lesesaal, in dem es nach alten Büchern, Staub undMöbelpolitur roch.
    Jetzt war es nicht mehr weit. Nur nochdie Hampton Road hinauf und dann nach rechts ...
    Was würde er finden?
    Das Haus mit den drei Holzgiebeln lagstill im Schatten der alten Bäume, die Straße und Grundstücktrennten. Nirgendwo brannte Licht, auch nicht im Garten, soweitMartin das erkennen konnte. Vielleicht lagen seine Eltern längst imBett. Vielleicht.
    Martins Schritte wurden langsamer,seine Atem ging keuchend. Der lange Anstieg forderte seinen Tribut.
    Die Gartenpforte war unverschlossen.Kies knirschte unter seinen Füßen. Ein aufdringliches Geräusch,fast so laut wie das Dröhnen des Pulses in Martins Schläfen. DerJunge ging weiter, er mußte sich Gewißheit verschaffen. Jetzt.
    Die Terrasse lag im Schatten, und esdauerte ein wenig, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnthatten.
    Er ist hier.
    Der Junge wußte es, noch bevor er dieim Rollstuhl zusammengesunkene Gestalt seines Vaters tatsächlichwahrnahm. Der Tote war nicht allein. Mom war bei ihm. Vielleichthatte sie etwas gehört, oder sie hatte nach ihm sehen wollen, alsdas Feuerwerk vorbei war.
    Es ist Zeit, hatte Erik Lundgren seinemFreund Don geschrieben. Martin wußte jetzt, was er damit gemeinthatte. Und Mom, die reglos dasaß, das Gesicht in den Händenverborgen, wußte es wohl auch.
    Vorsichtig trat der Junge näher,ängstlich bemüht, jedes Geräusch zu vermeiden. Es waren seineEltern, aber er kam sich dennoch wie ein Störenfried vor, wiejemand, der etwas beobachtete, das nicht für ihn bestimmt war.
    In diesem Augenblick flammte imHausflur Licht auf, ein Streifen davon fiel hinaus auf die Terrasse.
    Dads Gesicht sah friedlich aus, als seier nur für einen Augenblick eingenickt. Das kleine, dunkle Loch überseiner Nasenwurzel entdeckte der Junge erst später. Erik Lundgrenwar keines natürlichen Todes gestorben, aber das war nicht mehrwichtig. Wichtig war nur das stille, fast zufriedene Lächeln, mitdem er gegangen war, ohne Angst ...
    Wir vermitteln Stille, hatte DonForeman gesagt, und er hatte Wort gehalten. Es war eine besondere Artvon Stille, und noch immer wagte der Junge nicht, sie zu stören. Erfragte sich, warum er keine Trauer empfand, jetzt, da sein Vater totwar. Man mußte doch trauern, wenn jemand gestorben war, oder etwanicht?
    Der gelbe Lichtstreifen wurde plötzlichbreiter.
    Betty stand in der Tür: "Mom,Dad, wo seid ihr? Was ist denn los!?"
    Die Stille zersprang wie eineSeifenblase.
    Es war vorbei.
    Wortlos ging Martin an seiner Schwestervorbei ins Haus und rief die Polizei an.


    MfG
    K.

  2. #2
    Bauer Hans
    Status: ungeklärt

    AW: Die Stille nach dem Schmerz

    Stille für immer vermitteln, eine Berufung, wenn Ärzte nicht wollen.


    Hallo Kassandra, lange nichts gelesen. Ich meine, mich jenes Martins und seiner Vorliebe für Raketen zu erinnern. Deshalb fiel es mir nicht ganz so schwer, Verbindungen zu knüpfen, wie einem unbefleckten Leser. Ein langer Text und nach dem ersten Sechstel auch gut geschildert. Da war ich drin, wollte ein Ende wissen und obwohl sich die Lösung aufdrängte.
    Verbesserungen? Klammer weilt im Urlaub, und der weite Atem ist Dein Stil. Also was soll's, danke für die Probe.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Stille nach dem Schmerz

    Hallo Hannemann,


    vielen Dank fürs nächtliche Lesen der doch recht langen Episode.


    Ja, es stimmt, ich war lange nicht hier im Forum, auch, weil ich nichts "Vorzeigenswertes" anzubieten hatte, und meine frühere Verfahrensweise, jede Geschichte in kleinen Abschnitten einzustellen, wollte ich nicht wieder aufleben lassen.


    Es stimmt auch, daß sich die Lösung andeutet (und vielleicht mehr als das), ab es ist ja auch nur eine Episode auf dem langen Weg des Martin L. ...


    Leider ist es auch ein langer Weg für den Autor, denn ich schreibe nun schon zwei, drei Jahre an dem Teil - mit nach wie vor ungewissem Erfolg.


    Viele Grüße
    K.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Stille nach dem Schmerz

    Der Anfang ist schlecht strukturiert. Zu viele Informationen in verschachtelter Diktion. Zu viele Parenthesen, zu viel Halbgares, nur Angedeutetes, zu wenig Pointierung der Figuren. Aber das entwickelt sich. Das fällt mir bei Dir schon eine ganze Weile auf, daß Du einen langen Anlauf benötigst, um dann überraschend klar und präzise zu erzählen.


    Viele sterben am Anfang schon ab, und ihnen entgeht eine oftmals packende und zuweilen auch hintergründige Geschichte, weil eben Deine Anfänge zu oft diffus sind.

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Stille nach dem Schmerz

    Hallo Robert,


    danke fürs Lesen.


    Ja, es stimmt, der Anfang (nicht unbedingt die ersten Zeilen) liest sich nicht so gut.


    Nach nochmaliger Durchsicht spiele ich mit dem Gedanken, diesen ganzen Abschnitt wegzulassen:


    Wenn Martin dann schweißgebadet aufwachte, sehnte er sich manchmal zurück an das Ufer des stillen schwarzen Flusses, wo die gläserne Stadt auf ihn wartete. Er hatte schon lange nicht mehr von ihr geträumt. Vergebens suchte er in seiner Erinnerung nach der Melodie, die damals vom anderen Ufer des Flusses zu ihm herübergeklungen war.
    Warum träumte er statt dessen vom Krieg? Es mußte etwas mit seinem Vater zu tun haben. Dabei hatte ihm Dad nie etwas von seinem Einsätzen erzählt. Früher hatte Martin geglaubt, es sei wegen der Geheimhaltung, jetzt war er dessen nicht mehr so sicher. Wenn die Terroristen damals tatsächlich Giftgas eingesetzt hatten, warum machte man dann ein Geheimnis daraus? Was war das überhaupt für eine Krankheit, die seinen Vaters zugrunde richtete - nicht nur seinen Körper, sondern auch die Erinnerung an den Mann, der er einst gewesen war? Wer auch immer daran schuld war, er würde es büßen ...



    Er bringt nichts in die Handlung ein, folglich wäre der Verlust zu verschmerzen, oder?


    Gruß
    K.

  6. #6
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Die Stille nach dem Schmerz

    Jeder Erzähler hat sein eigenes Tempo, seine eigene Erzählweise. Streichen, um Tempo zu generieren, hülft da nicht. Dann fehlt etwas.

  7. #7
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Die Stille nach dem Schmerz

    ...nicht "streichen" im Sinne von die Geschichte kann auf bestimmte Inhalte gerne verzichten...sondern streichen...um sie kurzatmiger zu erzählen. Und überall...wo das Wort "hatte" auftaucht (da kann ich mich nur wiederholen)...ist das ohne Substanzverlust möglich.

    Am 27. Juni, eine Woche vor Martinssiebzehnten Geburtstag, kam Dad zum letzten Mal aus dem Krankenhaus.Am Abend zuvor hatte Mutter noch einmal mit den Ärzten in Washingtontelefoniert und war danach stumm auf ihr Zimmer gegangen. Ihr Bettstand jetzt im Arbeitszimmer seines Vaters, der inzwischen insErdgeschoß umgezogen war. Treppen waren für ihn zu einemunüberwindbaren Hindernis geworden ...
    In der Nacht hatte Martin ihr Weinengehört. (In der Nacht hörte er sie weinen) Das Haus war ausgesprochen hellhörig. Wände und Deckenschienen nachts an Substanz zu verlieren, wurden zu dünnenMembranen, die durch jedes noch so verstohlene Geräusch inSchwingung gerieten.
    Am Abend davor zog sich Mutter still zurück, nachdem sie mit den Ärzten in Washington telefonierte.

    Martin hörte, wenn seine Mutter nachtsaufstand, um in irgendwelchen Medizinbüchern zu blättern, er hörte,wie sie sich in den Schlaf weinte, und - wenn seine Schwester mitihrem Freund zu Besuch war - hörte er auch Bettys vom rhythmischenQuietschen der Bettfedern begleitetes Stöhnen. Das war einer derGründe, warum er Anna nie mit nach Hause brachte. Er fühlte sichbelauscht ...
    Hier wiederholt sich die obige Aussage....von den Medizinbüchern abgesehen..."nur" - man könnte diese davor schon einbetten.

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