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Thema: Die Braut

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Die Braut

    Die Braut




    Ruhig wehte der Seidenschleier über meiner Wiege, als sie endlich kam. Die Dreizehnte.
    Sie war die einzig Echte. Auf sie nur allein hatte ich gewartet.


    Die Tanten und Nichten, die Freundinnen, Pfarrer und Mannsbilder hatten das traute Fest meiner Taufe verlassen. Nicht ohne auf die pummelige Neugeburt weiblichen Geschlechts die Wünsche der Menschheit zu säuseln, die in ihrer mageren Kraft menschlicher Worte nur Rudimente meines noch offenen himmlischen Bewusstseins streiften.


    Als sie an mein Bettchen trat, verdunkelte sich die Sonne. Eins letztes Flüstern ihrer Botschaft in mein noch reines Herz ließ mein Blut gegen die Schläfen trommeln - nun wissend, dass ich zur Kaiserin geboren.


    Der Weg einer Kaiserin ist schwer. Hindernisse der Konventionen und ausgetretenen Pfade aller vorangegangenen Ahnen trister Bürgerlichkeit wurden zur Folter eines Schmerzprozesses, der spät erst adeln und Macht verleihen sollte.


    Den roten Teppich meiner Krönungszeremonie schob ich lange vor mir her und schritt traurig und klein durch den Werdeprozess eines scheinbar herkömmlichen Mädchens und einer jungen Frau.


    Verborgenes Potential brach sich Bahn, als ich die Unschuld verlor. Die Unschuld einer Unwissenden. Die Worte der dreizehnten Fee standen gleich einem Fanal vor meinem geistigen Auge. Sie glühten sich in meine Gene ein, auf dass ich sie niemals vergesse:


    Du bist Wu Wei, die Unergründliche! Du bist frei geboren und wirst lernen, nur noch deiner Intuition zu vertrauen. Lass dich nicht abspeisen mit den Brosamen deiner kleinbürgerlichen Welt. Bau dir dein eignes Reich und lasse dich niemals erobern. Erobere du und wisse um deine Bestimmung!


    Ich schaute an mir herab. Sah in den Spiegel und erschrak. Die Vision meiner kaiserlichen Zukunftsgestalt drückte mein Alltagsich in den untersten äußeren Rand jenes Spiegels. Sich ausdehnend verwies sie das niedere Selbst aus dem Fokus der nun neuen Sicht, die ab nun mein Leben bestimmte.


    Ich brauchte einen klaren Kopf. Die andersartige Lenkung meiner Gedanken, die mir einen noch unbekannten Sinn für die Zusammenhänge neu erschloss, nutzte ich, um meine all meine Schwerter zu schmieden, die ich brauchte, mein Kaiserreich zu erobern.


    Weg mit dem Trendbewusstsein, weg mit überkommenen Regeln! Hin zur Klarheit kaiserlicher Ausstrahlung. Ich begann mit dem äußeren und dem Inneren zugleich. Dazu musste ich in eine neue Form von Bewegung und Bewegtheit kommen. Keine Zeit mehr verschwendete ich ab sofort mehr für die lächerlichen Sorgen all der kleinlichen Jasager und stieg ein in den Kampf um die Macht. Mein gegen den Strom schwimmen kräftigte nicht nur die Muskulatur meiner edlen kaiserlichen Haut, sondern auch den Geist und legte einen wärmenden Schutzschild um meine Seele, um den vielfachen Gefahren zu wehren.


    Ich ging in die Winterphase einer ersten spirituellen Ausrichtung, Kraft sammelnd für meinen reichen Weg der Erfahrung. Ich wusste: Die Kraft einer Kaiserin entsteht nur aus der Tiefe. Sie sollte vorübergehend meine neue Heimat werden, bevor ich michzur Höhe empor schwang. Meinen letzten Ängsten blickte ich tapfer ins Auge und wusste, was nun zu tun.


    Starke Visionen pflegte ich sorgsam und übergab sie dem klardenkenden Geist, der strategisches Denken mit neuer gebündelter Kraft trainierte.
    Listig fing ich an, den Kampf um die Bestimmung meiner Aufgabe zu genießen. Bewegungslose Augen lächelten sich ein in die kommende Macht.


    Kaiserinnen brauchen ein Volk. Wo ist mein Volk? Niemand, der von mir regiert werden will? Kaiserinnen brauchen Macht und Geld? Wo sind die Vasallen, die mir die die Schlösser bauen, die ich begehre?


    Ich ging in die Einsamkeit und fand mein Chi. Lebenskraft und Quelle, die um die Ebbe und Flut meines Lebens weiß. Auch wissend um Macht und Magie.


    So begann ich mein magisches Ritual. Die Dreizehnte hatte mir einst geflüstert, dass ich den Liebeszauber benutzen muss. Wirkungsvoll sei es, das Blut der Menstruation dem Auserwählten zu trinken zu geben. Unwiderstehlich würde es wirken und Kräfte in ihm freisetzen, die nach nichts anderem trachten, als der Kaiserin ihren vollen Tribut zu zollen. Heere für sie aufzustellen, auf dass ihre Macht sich mehre. Animalische Magie muss im Verborgenen betrieben werden, weil anerzogener Ekel oder Angst sonst alles verderben können. So wies es die Fee. So tat ich. Die Angst vor der wilden Frau dürfe niemals im Auserwählten hochkommen und dürfe auch nicht weiter in das Bewusstsein Unerwählter dringen. Deshalb muss ich an dieser Stelle schweigen.


    Ich wurde wild und geheimnisvoll und nährte mich mit allem, was meine Sinnlichkeit stärkt. Kaiserinnen brauchen junge Liebhaber, um ihre Potentiale zur schönsten Blüte zu vervollkommnen. Und so nahm ich sie denn mit unwiderstehlichem Charme und der schweren Süße eines kaiserlichen Duftes.. Behutsam wählte ich die beste Mischung zwischen geistiger Eloquenz und unnachahmlicher körperlicher Eleganz unter den Edlen des Landes. Ihr Geilheit und ihr offen-kindliches Bewusstsein bescherten mir genau das Maß an Lust und Freude, welches wahre Kaiserinnen nährt. Hängende Gärten mit prächtigen Palästen bauten sie mir, während ich meinen inneren Gesetzen treu folgte und mir nahm, was ich begehrte. Auch Faulheit war ab und an dabei höchster Genuss.


    Täglich wurde die Kaiserin in mir gemahnt. Neiderinnen wuchsen ohne Zahl und versuchten vergebens, mit der Keule ihrer doppelzüngigen Moral mein wachsendes Bewusstsein zu zertrümmern. Intrigen spannen sie gegen mein Reich und neideten mir Faulheit und Lust. Wie gewöhnliches Volk murrten sie ob ihrer Arbeit und ihres eigenen Seins.... Vergessend, dass auch an ihrer Wiege einst die Dreizehnte stand. Doch sie hielten ihre Ohren fest verschlossen. Ihr Reich des Gewohnten und der Gewohnheit konnten sie nicht verlassen, da ihre Mutkraft zu klein und ihre Vision von sich selbst zu schwach.


    Ich liebte das Leben, die Pracht und die Macht. Meine Ritter sandte ich aus, das murrende Volk zu zügeln. Mit duftenden Essenzen und Reis wusste ich so manche Neiderin zu bestechen und gab meinen Fürsten hier und dort ein wenig von meinem Land. Brutale Vergeltung sollte folgen, wage man den offen Aufstand wider mich.


    So brach ich die letzten Tabus. Ich wurde erbarmungslos gegen den Schein und das scheinbar Normale, welches ich als das wahrhafte Kranke entlarvte und per Dekret in meinem Reiche verkünden ließ. Wesire, Ärzte und Richter, die sich gegen mich erhoben, ließ ich hängen. Die Ströme generöser Großzügigkeit, mit denen ich dennoch die Herzen meines Volkes zu leiten wusste, ließen die Kaiserin in mir ein langes reiches Leben führen. Mit der notwendigen Strenge einer brillanten Führerin des Wissens um die innersten Zusammenhänge hielt ich mich Jahrzehnte auf dem mir geburtlich zustehenden Thron. Ließ mich würdigen und ehren, ließ mich feiern, hassen und lieben.


    Der Herbst meines Lebens zog ein. Zeit für mich, die Paläste zu verlassen, meinem letzten Geliebten entgegenzugehen. Rückblickend bedauernd all die Dummheiten, die ich versäumte. Der Tod nahte.Sterbend nahm mich mein Geliebter in seine dunklen festen Arme. Umklammernd wollte auch er jetzt seinen Tribut. So gab ich mich hin. Ein letztes mal. Luzifer liebte mich in den Tod.


    (Freie Anlehnung an ein Märchen und eine chinesische Kaiserin, die ihren Weg der Macht ging)

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Braut

    Ist die Frage nach dem Sinn dieses arg widersprüchlichen Textes erlaubt, der mir mißlungen scheint, da er nicht den Weg über die allgemeine Betrachtung hinaus findet?


    Auch verursachen Wortgebilde wie "Trendbewusstsein" leichtes Bauchgrimmen beim Leser.


    Gruß
    K.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Braut

    Selbstverständlich ist die Frage erlaubt.


    Ich habe mir erlaubt, einen Werdeprozess zu beschreiben. Und zwar ohne moralische Bewertung. Ich habe eine Möglichkeitsform beschrieben, wie sich eine Frau "auch" entwickeln kann, wenn sie halt anderen, als den "normalen" Impulsen folgt.


    Die von mir beschriebene Frau folgte im späteren Alter den Impulsen eines Machtinstinkts, an dem sie ihre Freude hatte. Ob dies nun moralisch oder amoralisch, zeitweise asozial oder wie auch immer sein mag, war erst einmal nebensächlich. Sie wurde halt so. Sie hätte auch anders werden können. Ich wollte sie so. Ich wollte nicht schon wieder die Heilige, die sich brav wandelt oder die Böse, die am Ende bestraft wird. Sondern so.
    Wenn es dir unsinnig erscheint, dass unter den Milliarden von Werdemöglichkeiten diese von mir beschriebene Form nicht möglich sein darf oder kann, würdest du reale Wirklichkeiten lebender Personen ausblenden. Die Realität ist viel härter. Insofern ist sie ja fast noch eine "Gemäßigte". Aber so wollte ich sie.


    Das mit dem Trendbewusstsein könnte ich ändern. Ich mache Sprünge. Ich weiß. Vielleicht sind die dabei nicht so geschickt.Andererseits gefiel mir das Spiel von der Jetztzeit in die Vergangenheit auch irgendwie. ..Ich überleg es mir noch.


    Danke für die Anregungen.

  4. #4
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Die Braut

    zu viele Allgemeinheiten, Lilith-Strömerle


    Du hast die Gabe, Dinge auf den Punkt zu formulieren, brichst dann aber immer wieder aus und versuchst, das speziell in Dir Erlebte allgemein zu verklausulieren. Dadurch entsteht der Eindruck beim Leser, den Kassandra hier treffend beschrieb.
    Vielleicht schreibst Du doch zu sehr mit dem Kopf. Ich weiß es nicht.

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    Renommee-Modifikator
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    AW: Die Braut

    Hm... mag sein, manchmal erliege ich der gedanklichen Leichte und Schnelligkeit... und lasse die gebündelte Essenz nicht nochmals durch meine Imagination und potentiell vorhandende unbegrenzente Phantasie strömen...
    Mal sehen, ob ich das Ganze als Gerüst für was neues nehme...
    Werd demnächst nochmal in einer anderen Region in mir anklopfen und schauen was "sie" zu mir sagt....

  6. #6
    Hexe
    Status: ungeklärt

    AW: Die Braut

    Liebe Lilith,


    Nachdem ich diesen Text gelesen hatte, war ich ein kleines bisschen unbefriedigt. es fühlte sich wie die Zusammenfassung eines langen Romans an und ich hätte mir gewünscht das ganze Werk zu lesen, abends beim Sonnenuntergang auf meiner Terasse.


    Liebe Grüße,
    Hexe

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