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Thema: Glenn Gould - ich will variieren!

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post Glenn Gould - ich will variieren!

    Glenn Gould- ich will variieren!


    "Ihr seid ja keine Menschen", sagte Horowitz, nachdem er mir bei Liszt alles abverlangt hatte.
    Ich war völlig in diese fabelhafte Transkription Beethovens fünfter Sinfonie hineingekippt.


    Erschöpft hing ich am Steinway, während Horowitz auf mich einbrüllte.
    Dieser größte und bedeutendste aller Klaviervirtuosen, dessen Klavierradikalismus mich bei Zeiten an den Rand meines Verstandes zu treiben schien, hatte mich unter seine Fittiche genommen, mich, den Kanadier.


    Vor sechs Monaten war ich nach Salzburg gekommen, die Atmosphäre dieser durch und durch mitteleuropäischen Stadt nicht verstehend.


    Aber gerade weil sich dies so verhielt, war es mir möglich, in dieser Umgebung meinen Studien nachzugehen.
    In einer Stadt, die einen nicht ablenkt, hat man Zeit für sich und seine Aufgaben.
    "Kommen Sie zu sich, Sie völlig Irrsinniger!" bekniete mich Horowitz, gänzlich ohne Erfolg zu haben.


    Noch hing ich in meinem undurchsichtigen Notengeflecht, spielte die Passagen im Geiste durch, fast hätte ich erneut zu einem Interludium angesetzt.


    Meine beiden Studienkollegen, die sich schon innerhalb einer Stunde schier bewusstlos gespielt hatten- in einen Rausch haben sie sich gespielt, ich konnte das nicht mehr verantworten, sie wären verendet, sagte Horowitz- lagen kraftlos, sich übergebend, auf den Toiletten, nachdem sie Horowitz verzweifelt von den Klavieren gezerrt hatte.


    So war es auch immer gewesen: nachdem uns Horowitz eingewiesen hatte, fielen wir wie wahnsinnig über die Tasten her, wir überfielen unsere Instrumente, uns in einen musikalischen Wettstreit allerhöchsten Niveaus ergehend, ohne einander Zugeständnisse machen zu wollen.


    In brutaler Art und Weise spielten wir uns gegenseitig in Grund und Boden, fast schon mit der einem Virtuosen eigenen Wahnsinnigkeit, wie Horowitz sagte.


    Seit drei Wochen auf Gedeih und Verderb in unseren Studienräumen eingeschlossen, verbarrikadiert hatten wir uns, aßen und tranken wir wenig, machten auch sonst nichts anderes.


    Fanatiker, allesamt Klavierfanatiker der ursprünglichsten Sorte.
    Wir waren nahe daran, den Verstand zu verlieren, tagein- tagaus über unseren Noten brütend, wie in Trance den Tag am Klavier verspielend.


    "Dieser Kursus lehrt nicht das perfekte Spiel- er entdeckt das Geniale, das Meisterhafte", hatte uns Horowitz zu Beginn eröffnet und in uns begeisterte Zuhörer gefunden.


    Sogleich, am ersten Tage, spielte ich ihm Brahms, eine Rhapsodie in b-moll, die auf meinen Nordamerikatourneen für begeisterte Beifallsstürme gesorgt hatte.


    Ich verausgabte mich völlig.


    Er aber schüttelte nur den Kopf und verließ den Raum, was mich irritierte.
    "Ihr Talent werfen Sie weg, wenn sie Brahms in dieser nervösen Art und Weise interpretieren. Sie sind fabelhaft, aber voll falscher Klavierideale. Werden Sie ruhiger, vermitteln Sie Notenweiches", hatte er wenige Stunden später zu mir gesagt.


    Horowitz war unerbittlich in seinen Bestrebungen, uns dreien seine und die uns selbst eigene Genialität vor Augen zu führen.


    "Liszt und Brahms beherrschen Sie mittlerweile vortrefflich", sagte Horowitz, während ich einen halben Liter Leitungswasser die ausgetrocknete Kehle hinunterstürzte.


    "Das wäre fürs erste alles. Bach kann ich Ihnen noch nicht zumuten, Chopin liegt Ihnen nicht in Ihrer derzeitigen Gemütslage", setzte er fort.


    "Bach möchte ich spielen", schrie ich auf, lauter, als es der Situation angenehm gewesen wäre.


    Verdutzt schaute Horowitz über seinen Flügel, vor dem er Platz genommen hatte.
    "Bach ist noch zu stark für Sie, zur Zeit würden Sie sich gegenseitig verderben, umbringen", gab er mir ruhig zur Antwort.
    Erdrücken würde er mich, so Horowitz.
    "Lesen Sie zwei Wochen Wittgenstein", schlug er vor.
    "Ich werde mich auf die Goldbergvariationen stürzen", entgegnete ich ihm trotzig.
    "Variieren will ich!"


    "Keiner wird die Goldbergvariationen einmal so spielen wie Sie, Glenn, es gibt nichts, was Sie nicht spielen könnten. Noch aber ist es nicht so weit. Sie würden verzweifeln. Ich könnte mir das niemals verzeihen."


    Geknickt saß Horowitz auf seinem Klavierhocker, völlig in sich zusammengesunken, leise und leicht durch die Zähne pfeifend sprechend.


    Mein Respekt für Horowitz war derartig großer Natur, dass ich geneigt war, nachzugeben.


    Ich aber wollte unbedingt Bach spielen!


    Jeder von uns brachte seine Vorstellungen mit zu Horowitz, welche dieser analysierte, oft aber deren Ausführung ablehnte.
    "Machen Sie sich nicht unglücklich", pflegte er zu sagen.


    Wir waren junge Klavierenthusiasten, keineswegs aber kunstgeifernde Möchtegernintellektuelle.


    Mein Freund W., ebenfalls Teilnehmer an Horowitz' Lehrstunden, war aus Oberösterreich gekommen.
    Seine Eltern, von einfachstem Bauernblute, hatten nichts übrig für Musik.


    "Musik interessiert uns nicht, wir sind hartes Arbeiten gewohnt. Du wirst Äcker bestellen und keinen abgehobenen Künstler machen. Oh Du Schande!" hatten sie W. vorgeworfen.


    In der Scheune durfte er sein, in jeder freien Minute auf dem alten, abgeschobenen Flügel des Großvaters spielend, sich versuchend, seit seinem achten Lebensjahre.
    Er war Autodidakt, für Klavierunterricht erübrigte seine reiche Bauernfamilie keinen Groschen, wohl aber für neue Traktoren und einen dicken Mercedes-Benz, mit dem die Eltern an den Wochenenden nach Wien kutschierten, in Trachtengewand gekleidet.


    "In die Oper und ins Theater sind sie gegangen, auf der Kärntnerstrasse herumflaniert", hatte mir W. erzählt.
    "Aber nur, um sagen zu können, sie seien dort überall gewesen."


    Außerdem:
    "Zu Fleiß habe ich das Klavierspielen nicht gelassen, habe es perfektioniert, mit sechzehn mein erstes Konzert in Linz gegeben", hatte W. gesagt.


    Die Flausen, so seine Eltern, würde man ihm noch austreiben.


    Er aber ging nach Salzburg, um bei Horowitz zu studieren, ohne jemals elterliche Anerkennung für sein glänzendes Spiel zu erlangen.


    Wer Horowitz denn sei, hätten sie ihn noch gefragt.


    "In zwei Wochen bist Du wieder da, der Vater braucht Dich auf dem Feld", hatte seine Mutter ihm noch nachgerufen, als er tatsächlich mit Sack und Pack- mit all seiner Habe- das Haus verlassen hatte und zum Bahnhof spaziert war.


    "Sie hat nicht einmal bemerkt, dass ich nichts, kein noch so kleinstes Stückchen von mir dagelassen habe", hatte W. gesagt.


    W. war ausgereift, ebenso wie B., der dritte im Bunde.


    Sie hatten beide ihre Vorstellungen umgesetzt, ich aber haderte mit Bach und der Tatsache, ihn nicht spielen zu dürfen.
    Ich ließ es darauf ankommen: mit den Notenblättern schlief ich, mit den Notenblättern wachte ich auf.
    Zwei Monate betrieb ich meine Bachliebhaberei, spielte ich ihn unaufhörlich vor meinem inneren Ohr, ohne dass meine Kollegen, geschweige denn Horowitz etwas mitbekommen hätten.
    Dann, es war ein lauer Frühlingsnachmittag, die Akademie schlummerte ihren Mittagsschlaf, setzte ich mich an meinen Steinway, und begann mit den Goldbergvariationen.


    Es riss mich völlig mit, ich spielte mich in einen nie gekannten, transzendenten Zustand, die Umwelt verschwamm vor meinen Augen in konturloses Nichts.


    Ich fühlte, ich spürte Bach am ganzen Körper, ich nahm mich und die Musik, was zu diesem Zeitpunkt als Entität zu verstehen war, eindringlicher wahr denn je.
    Über dreißig Minuten hatte ich gespielt, da ging die Tür auf.


    Horowitz stand an der Schwelle und schaute mich entgeistert an.


    Ich konnte nicht ahnen, welche Bedeutung dieser eine Blick Horowitz' an diesem Nachmittag für meinen weiteren Werdegang haben sollte.....

  2. #2
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    AW: Glenn Gould - ich will variieren!

    Schnittlauch, Salatköpfe oder was auch immer an Namen sich tummeln mag. Nun also Knopfloch (oder -lauch)-visagist. Whatsoever.


    Dass sich unter diesem Namen hier mal endlich etwas Wertvolles verbirgt, mag man nicht ahnen. Ich wollte schon gar nicht reinschaun. Ich hoffe, der Text ist von Dir, Knopfloch. Und leg Dir endlich einen sinnvollen, immer wieder erkennbaren Nick zu, Chamäleon österreichisches.
    Was wollte ich sagen? Ach ja, der Text ist gut. Gut, weil er Namen hat, mit denen der Autor umgehen kann, über den Erzähler erfährt man eh zu wenig, und die Perspektive ist schlampig gehandhabt. Aber Musik ist drin, und das ist schön, wunderschön. Und jetzt geht es um die Frage, wer besser ist als Glenn Gould. Ich kenne jemanden, der mittlerweile besser ist als Glenn Gould. Den Namen verrat ich hier jetzt noch nicht. Nützt auch nix in diesem Forum, müsst Ihr hören Leute im Vergleich. Zehnmal, zwanzigmal die Goldberg Variationen von Gould gespielt und nur ein- zweimal von dem anderen, das ist wie von einem andern Stern. Hier im Text klingt es an, das sich Verzehren, das körperliche Aufgehen. Ja, Bach verschlingt Dich, mach Dich krank wie Gould nur krank werden konnte von ihm, an ihm. Gut, die Musik war rein, ästhetisch, nüchtern eben, kontrapunktisch den Ausklang eines Jahrtausends begleitend. Bis ein andrer Mut und können hatte, es besser zu machen als Gould. Ja, ich weiß, davon spricht der Text nicht. Egal, er spricht sehr wohl davon, wenn ich ihn lese, weil ich Musik höre, wenn ich diesen Text lese. Und deshalb würde ich ein ganzes Buch davon begierig lesen. Es gibt zu wenig Bücher dieser Art. Schlafes Bruder war am Ende fast so ähnlich, aber trivial. Schumanns Schatten von Peter Härtling, ja, das war noch ein Buch. Dieses könnte wieder eines werden: Gouldsbachbergvariationen...oder so.

    herzlichst uis

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Glenn Gould - ich will variieren!

    no, uisgeovid, ich mag zwar salat und quittenlauch, bin aber mit der person, die unter diesen pseudonymen hier postet, nicht ident.


    ok, österreichisches chamäleon bin ich auch, und darüber hinaus ein guter freund vom salatkopfgeschleunigten schnob, der mich auf dieses forum aufmerksam gemacht hat.


    zu deiner frage: ja, der text ist von mir, allerdings inspiriert von thomas bernhards "der untergeher".


    die geschehnisse, die ich beschrieb, sind rein fiktiv und meiner phantasie entsprungen.


    ich habe mir einfach ausgemalt, wie sich das in etwa zugetragen haben könnte.


    freut mich, dass es gefiel!

  4. #4
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    AW: Glenn Gould - ich will variieren!

    Ich kann uis' Begeisterung in dem Sinne verstehen, als daß hier Gould zu einer literarischen Figur gemodelt wird. Texte, in denen große Namen auftauschen, gefallen mir oft, sie finden mein Interesse eher als Texte mit einem X oder U. Doch hier bleibt der Spannungsaufbau ungesteuert, ist eben nicht synkopiert, sondern fließt träge und höhepunktlos dahin. Wohin auch immer.

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