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Thema: Mal im Ernst

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Mal im Ernst

    Also mal ernsthaft
    am Ende ist alles Chemie
    das Hirn, der Geist, die Philosophie
    ein Spiel von Neuronen und Synapsen
    ein Netz aus Neuriten und Dendriten
    der Eros, das Pathos
    der Logos, das Ego
    am Ende alles Chemie


    Genau besehen ist der Schmetterling
    auch nur ein Häuflein Stoff
    und seine Flügelpracht
    ein wüster Mix aus Wellen und Photonen
    Ja, doch liegt die Schönheit - so der Ästhet
    im Auge des Betrachters
    dort liegt - so die Replik
    nur eine Linse in Aspik
    ein Netz aus Nervenfasern
    über eine Leitung am Gehirn
    da hinter der Stirn


    Im Grunde sind die Lust
    die Angst, die Liebe und der ganze Wust
    von flüchtigen Gefühlen
    auch nur Chemie für 50 Cent
    gemixt vom Zufall durch Jahrmillionen
    gesiebt von Selektion
    und – auf den Punkt gebracht -
    nichts als ein Spiel der Evolution


    Nun mal im Ernst
    das Kilogramm Gehirn
    mit seinen 10 hoch 10 Neuronen
    mit seinen 10 hoch 25 Atomen
    mit all den Tönen und Gerüchen
    den Wörtern, Bildern, Bibelsprüchen
    mit Shakespeare, Faust und Biberpelz
    mit erster Liebe, Speck und Milchkaffee
    mit Träumen und Enttäuschungen
    mit Zahnschmerz, Kontostand und Riesenrad
    der Klumpen Zellstoff
    das bin ich
    und bald nicht mehr

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Mal im Ernst

    Nö.

    Das Ganze ist weit mehr als die Summe seiner Teile.

    P.S. Hübsch gedichtet.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Mal im Ernst

    Stimmt. Nimmt man aber aus dem Ganzen nur ein klein wenig weg, so ist das 'Mehr als die Summe der Teile' auch weg. Nimm ein Quadrat, das lediglich aus 4 gleichen Strecken zusammengefügt wird. Aus 4 eindimensionalen Linien wird plötzlich eine Fläche mit bestimmten Eigenschaften. Nimmst du auch nur das winzigste Stück aus diesen Strecken heraus, ist das Quadrat samt seiner Eigenschaften futsch. Wo sind sie hin?

  4. #4
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Mal im Ernst

    Könnte ein Gedicht von Darwin sein. Viele Wissenschaftler, wie zB. Oppenheimer, waren leidenschaftliche Lyriker. Oppenheimer bezeichnete sich sogar selbst als Lyriker, wenn man ihn nach seinem Beruf fragte. Und dann gibt es noch die Lyriker...wie zB Goethe...oder andere Künstler...wie da Vinci, die sich selbst eher als Wissenschaftler betrachteten.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Mal im Ernst

    Ich frage mich wirklich, warum wir so einen Horror davor haben, zu akzeptieren, dass unser Bewusstsein und unser Denken ein Prozess und Ergebnis der Gehirntätigkeit sind. Wird das Ganze dadurch abgewertet oder weniger faszinierend???

    Was können Begriffe wie Geist und Seele diesem atemberaubenden Spiel der Natur noch hinzufügen? Noch dazu, wo das leere Begriffe sind, weil ihnen kein Gegenstand der Anschauung gegenübersteht und keine definitorische Bestimmung möglich ist. Und weil jeder darunter verstehen kann, was er will.

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Mal im Ernst

    Zitat eulenspiegel
    Ich frage mich wirklich, warum wir so einen Horror davor haben, zu akzeptieren, dass unser Bewusstsein und unser Denken ein Prozess und Ergebnis der Gehirntätigkeit sind.
    Wahrscheinlich die Angst vor der Endlichkeit und die Angst vor dem Kontrollverlust. Das Bewusstsein kommt (spätestens) zum Ende, wenn das Gehirn nicht mehr arbeitet. Das macht Leuten, die mit einem Selbsterhaltungstrieb ausgestattet sind, Angst.
    Das Gefühl des Kontrollverlusts stellt sich ein, wenn man sich nicht mehr als ein Wesen sieht, sondern als einen Prozess, der ja von vielen Dingen abhängig ist. Man fühlt sich rumgeschubst von seinen Neuronen.

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Mal im Ernst

    Zumal wir ja - also das ist meine Erfahrung - das Gefühl haben, Herr im Haus zu sein. Wir denken ja, dass wir unsere Gedanken, Gefühle, den Willen und die Impulse zumindest weitgehend im Griff haben. Wenigstens, wenn wir uns 'zusammenreissen' und nicht gehen lassen. Wenn wir nur wollen. Das wäre natürlich alles Illusion. Wobei, auch das Gehirn mit seiner Komplexität hat ja so viele selbstregulatorische Netzwerke eingebaut, dass eben nicht nur das Gefühl, sondern die Tatsache einer Selbstkontrolle besteht. Ausserdem ist das Gehirn lernfähig und lernt im Laufe des Lebens unheimlich viel dazu - soziales Verhalten, Wissen, Fertigkeiten und Intuition, die ja sozusagen ein Integral unserer Erfahrungen darstellt und uns zu schnellen Entscheidungen an der Ratio vorbei befähigt. Die sog. 'Plastizität' des Gehirns lässt uns tatsächlich jede Menge Türen offen, zu lernen, mit Krisen und Problemen fertig zu werden. Ich sehe wirklich nicht, wo da ein Geist noch etwas draufsetzen könnte, was als Mehrwert zum Gehirn dazukäme. Ausser eben die vage Aussicht auf ein persönliches Überleben des Körpertodes. Das ist für mich ein Horror.

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