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Thema: klagelied einer memmin

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post klagelied einer memmin

    zu der zeit, als besseres wissen noch machtlos war gegen die behauptung des scheins, übergab ich mich in eines der lügengebäude meiner fantasie.
    nicht allzuhoch war der preis, den ich zu zahlen hatte um eingangs meinen schweigemantel wie ein weiteres gelübde abzulegen und ich stellte mein versprechen in den raum, nur mit einem flüstern bekleidet.
    war es nur mein versprechen, dass stückchen für stückchen sich auflöste, als es mit zu vielen fragen tanzend, die herausgestanzten antworten verwirbelte und den raum mit allerlei lustigem geriesel erfüllte?
    was es auch war, buntes konfetti ist einerlei, wenn doch erdschwere das flattern begründet und am ende des maskenballs, nur grau aus bunten larven schlüpft.
    verfiel ich auch dem farbenspiel, war es eben dieses grau mittleren alters, welches mich, nun da sich - nach gnädigem verlöschen der lichter - alles niederlegte was träumte es sei war, tröstlich als das seine erkannte.
    während ich schlief stahl sich fort auch jener letzte schatten, der mich bedeckte und zeit wetzte ihre messer. schon schält sie den morgen aus der nacht - in blutiger geburt.


    ...und tot muß ich nun schlagen die mißgeburt mit wundem herzen.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: klagelied einer memmin

    Memmin? Memmingen kenne ich, ist das das Gen einer Memme? Egal. Nehmen wir, was da kommt. Hier kommt eine Pirouette. Sie schreit auf, bei jeder Drehbewegung schreit sie auf, denn in ihrer Ferse sitzt der Stachel der Eigenliebe. Der treibt sie an, jede Körperbewegung als bewußtseinsverändernde Anschauungsumstülpe zu befürchten.
    Anders ausgedrückt: Der kurze Textausschnitt spreizt sich, daß es mir den Angstschweiß aus dem Ohre drückt. Jederzeit könnte das Gebilde zusammenbrechen, jeder Nebensatz läßt mich befürchten, daß es eine unerwartete Wendung nimmt, weil dem Autoren da noch etwas einfiel, er muß es dann auch loswerden, diese Belastung fürs Ganze, nein.


    Nehmen wir einen Satz wie diesen:
    nicht allzuhoch war der preis, den ich zu zahlen hatte um eingangs meinen schweigemantel wie ein weiteres gelübde abzulegen und ich stellte mein versprechen in den raum, nur mit einem flüstern bekleidet.
    Abgesehen davon, daß hier zwei Kommas nottun, ich glaube nicht, daß in einem Satz vier verschiedene Aspekte der artikulationsfähigen Sprache verwurstet werden dürften: Schweigen Gelübde, Versprechen, Flüstern. Das ist einfach zuviel.
    Und diesem Zuviel folgt der Text; er dreht und windet sich, immer noch etwas. Und dabei kann der Autor hier schon einen Fuß vor den anderen setzen. Er hat einen Plan. Er kann auch mal zuspitzen und pointieren:
    während ich schlief stahl sich fort auch jener letzte schatten, der mich bedeckte und zeit wetzte ihre messer.
    Auch hier fehlen wieder zwei Kommas. Aber gelungen ist hier die Steigerung: Zeit gesetzt, Umfeld markiert, Handlungsträger setzt ein, Rückbindung ans Ich, Weiterführung des Gedankens bei Einbehaltung des Ich. Das ist gut.


    Aber insgesamt nur eine wüste Dreherei. Erinnert mich an die Einstellungen eines robortello. Der drehte sich auch wie ein Laringellarangel.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: klagelied einer memmin

    lieber robert,

    vielen dank für das eingehen auf meinen text. auch wenn mich natürlich nicht alles freut, was du dazu zu sagen hast. (wie man sich denken kann, möchte ich in meiner selbstverliebtheit eher noch bestärkt werden).

    und die kommaregeln... ohweh, die habe ich wirklich nicht erfunden.

    ich werde aber versuchen mich demnächst etwas zu mäßigen. dieser text war wie ein rausch. - aber morgen bin ich hoffentlich wieder ausgeschlafen.

    (grüß mir das wölkchen)

    gut nacht
    ratzo

  4. #4
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: klagelied einer memmin

    Das Flüstern ist kein "Schweigen light". Was ist für Dich Schweigen, Zora?


    Für mich ist es Lebensverzicht und Ausdruck des Hasses. Wer schweigt, der hat eigentlich etwas zu sagen. Wer schweigt, der will kränken, weh tun oder beleidigen. Oder hat er hat Schmerzen, seelische zumeist. Aber der Schweiger flüstert nicht. Das Flüstern ist vom Charakter anders, es ist Ausdruck des Unbehagens; vielleicht ist das der einzige Schnittpunkt mit dem Schweigen. Auch Schweigen kann auf Unbehagen zurückzuführen sein. Aber Schweigen ist sehr viel deutlicher als Flüstern. Flüstern ist freimaurisch. Schweigen ist teuflisch. Das Schweigen ist nicht das Schweigen Gottes, der erhaben ist. Mensch sollte das auch immer sein, erhaben über Anwandlungen des Schweigens. Ein Schweigegebot ist teuflisch.


    Oho, ich könnte hier noch ein bißchen schreiben.

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    AW: klagelied einer memmin

    rodbertus - vielleicht ist es für eine plaudertasche für mich einfach nicht klug, über das schweigen und flüstern schreiben zu wollen, - so frei von jeglicher eigener erfahrung.

    hm, aber grad das reinschauen in andere gefühlswelten ist ja grade so interessant...


    irgendwie leuchtet mir das mit dem schweigen ein, rodbertus. menschen die schweigen wollen überlegenheit, wollen andere dazu bringen, sich um kopf und kragen zu reden...


    aber die protagonistin ist keine solche, sie ist nur still, weil sie nichts zu sagen weiß.

    dafür aber redet sie viel, der text ging ja noch weiter:

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
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    Post AW: klagelied einer memmin

    reglos nun verharren - noch in der leichenstarre - bis endlich rot zu einem
    fahlem lichtkokon zerfließt, in welchem ich versponnen dem neuerbleichten tag
    zu entschlüpfen suche, so ich nicht zu jenen geschöpfen zähle, denen unter
    der sonne schein flügel wachsen - nicht zähle zu jenen, die grauen asphalt
    bunt changierend beflecken und süßes leben gierend in sich aufzusaugen verstehen
    aus vollem geblüte. mir ist es verwehrt, mich an diesem kelch zu laben,
    meine form entspricht ihm nicht, lässt mich nicht naschen, müßte gleich selbst
    tief in ihn eintauchen, den mund viel zu voll nehmen und es ist klebrig sein
    inhalt, meine zunge nicht geschmeidig und lang genug um sich geschickt zu
    entwinden. - doch vergeht die zeit, lässt seine frucht reifen und endlich
    herabfallen und sättigt mich durch sein mir erweichtes fleisch. die nacht wird kommen
    und ich spüre einen ersten zittrigen flügelschlag in mir. mögen sie auch
    verkümmert und unvollkommen in ihrer entfaltung sein, sie werden mich ein
    weiteres stückchen tragen.


    die wände entlangtastend halte ich in deren schatten verborgen nur aus der
    ferne nach den schillernden gestalten ausschau, habe anteil an ihrem treiben.
    gesellte ich mich auch gern hinzu und erspüre so tief der ungenutzten flächen
    tragweite, allzu unscheinbar und dunkel ist doch mein gewand, fände sein
    wesen nicht zwischen all den glänzenden oberflächen - müßte neben ihnen
    ermatten, vermag es doch des tages strahlen nicht zu reflektieren, nicht
    weiterzugeben - wollte sie alle einfangen, bis sie nach innen drängten, sich tief
    hineinfräßen und mich verzehrten.

  7. #7
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    Post AW: klagelied einer memmin

    Wenn sie nichts zu sagen weiß, dann schweigt sie nicht, dann ist sie still. Schweigen bedeutet, daß man etwas zu sagen wüßte, es aber aus bestimmten Gründen nicht tut. Still zu sein hängt an keiner Verlaufsform, schweigen schon. Schweigen hat etwas Imperfektivisches, die Stille ist eine Augenblicksaufnahme. Schweigen hängt an einem Zuvor und einem Danach. Schweigen ist Bedingnis. Still ist die Beschreibung eines Zustandes, keines Verlaufes (Duration). Still geht nur über STILL SEIN (und Beugungen davon), schweigen aber hat schweigen, zum Schweigen bringen, schweigen lassen, verschwiegen sein...

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
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    AW: klagelied einer memmin

    nun robert, dann sind wir uns mindestens in diesem punkt schonmal einig.


    also legt sie den mantel der stille ab und bekleidet nur mit einem flüstern kein versprechen, sondern den schrei.
    wer nichts zu sagen weiß, ist oft dem schrei näher als dem wort.


    ich möchte noch hinzufügen:
    als ich diesen text schrieb, hatte ich eine macke, war im ungleichgewicht. habe viel zu viel geschrieben und - schon aus zeitgründen - zu wenig gelebt.
    vermeintlich erlangt das wort eine ungeheure wichtigkeit - und derjenige, der sich wähnt es in der hand zu haben, fühlt sich entsprechend allmächtig.
    aber ist das grund seine protagonisten derart zu verstümmeln und zu vergewaltigen? darf er das, der autor?


    ich habe ein sehr, sehr zwiespältiges verhältnis zu diesem text, halte ihn weitgehend für unsinn und die ausgeburt eines kranken hirns, halte aber dennoch an ihm fest, weil er irgendwas hat und sich mir immer wieder die frage stellt, ob ich nicht doch, mit klarerem kopf, irgendwas vernünftiges mit ihm anfangen könnte.

  9. #9
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: klagelied einer memmin

    Ein unterbewerteter Ordner. ratzo (Zora) warf Fragen auf, die interessant genug sind, um auch heute ein Gespräch initiieren zu können.

    Die wichtigste Frage lautete: Was darf der Autor?

    Antwort: Beinahe alles, solange er gut ist.

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