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Thema: Mein Dorf

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Mein Dorf

    Was machst du heute?
    Falls ich es finde, sehe ich mir Kunst in D* an.
    D*? Kunst? Kunst im D*. Verzeih mir, aber ist das nicht wie Eulen in Abdera, wie Freundlichkeit in München? Ist das nicht wie Ehrlichkeit in der Politik, ich weiß nicht: wie Schnee in der Wüste? D*. Wo liegt das eigentlich? Auf den Wegweisern ist es nicht zu entdecken.
    Ich habe auch nicht behauptet, dass es einfach wird. Kunst ist niemals einfach zu finden, sie meidet das Offensichtliche, egal ob in Florenz, in Köln oder eben in D*. Dort, wo du mit fünfzig Leuten staunend ein Gemälde begaffst, zuerst mit einem Reisebus vor die Museumstür gefahren wurdest, eine Stunde angestanden, gelitten, schließlich aber eingelassen, teuer bezahlt und dich endlich durch die Kunstbeflissenen bis vor zur Absperrung gedrängt hast, magst du Ehrfurcht vor deiner Beharrlichkeit, Hunger oder eine volle Blase verspüren, Kunst allerdings - Kunst findest du dort nicht. Sie war vielleicht mal dort, aber jetzt musst du sie anderswo suchen, an überraschenden Orten. Es wird oft behauptet, Kunst käme von Können. Das ist nur die halbe Wahrheit und damit falsch. Kunst kommt von finden können.
    Aber..., verzeih mir, D*?
    Du hast recht. Da ist kein Maler, der mit einem genialen Pinselstrich den grünen, waldreichen Hügel des Dorfes auf die Leinwand geworfen hat, dazwischen den romanisch-rostroten, trotzig-trutzigen Kirchturm wie eine Wunde hineingeschlagen, der er sich wie eine Faust drohend gegen das schmerzhaft transparente Himmelsblau reckt.
    Kein Maler.
    Da ist kein Homer, der wortgewaltig mit einem Epos die Verwüstung des Ortes im spanischen Erbfolgekrieg, die Eingemeindung, Flurbereinigung, den Tod der Infrastruktur und des letzten Edeka-Ladens beklagt. Da ist kein Dichter, der in der schwimmenden Mittagsglut mit brennendem Herzen durch D* gestriffen ist und nächtens tränenreich um D* gelitten hat, dem dann doch die Fahrkarte nach A* das Beste am Dorfe schien.
    Kein Homer, kein Dichter.
    Da ist kein Musiker, der dem Jubeln der Kinder, dem stotternden Rattern der Traktoren, dem Krähen und Scharren des Hühnervolkes, den scheppernden Fehlzündungen der Mopeds und den satten Tönen der Kirchenglocke Noten abgerungen und in eine bislang unerhörte, ungehörte Form gegossen hat.
    Kein Musiker.
    Und doch ist D* voller Kunst. Nicht nur heute, sondern alle Tage. Du musst sie nur finden. Nimm dir Zeit. Mach deine Augen auf und sieh. Öffne deine Ohren, höre.



    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 28. März 2002 editiert.]
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  2. #2
    Bauer Hans
    Status: ungeklärt

    AW: Mein Dorf

    Wo, verdammt, ist Dä? Ich möchte es finden können!

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Mein Dorf

    Ich glaube D* muß jeder in sich selber finden. Guter Text übrigens

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Mein Dorf

    Original erstellt von Klammer:
    Verzeih mir, aber ist das nicht ..., wie Freundlichkeit in München?

    Was, bitteschön, soll das denn heißen???


    Original erstellt von Klammer:
    ... gestriffen ...

    Uuuääähhh ... wenn es dieses Wort gibt, dann zünde ich eine Kerze an - für die deutsche Sprache - sie ruhe in Frieden ...


    netter Text - enthält viel Wahrheit. Punkt.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Mein Dorf

    Lieber Griffon,


    "gestriffen" bleibt, auch wenn es dir den Schlaf raubt. Der Satz allerdings, in dem dieses "Unwort" vorkam, war grammatikalisch falsch - ich hab' ihn verbessert.


    Dieser Text steht deshalb im Orbit, weil es der Eröffnungstext eines Ordners ist, in dem ich Geschichten (Reflektionen, Gedichte, Gedankenblitze usw.) über die "Heimat" sammeln möchte und auch die anderen Forumatiker einlade, dies hier zu tun.
    Der (etwas zu lyrisch geratene) Text, übrigens ein nicht verwendetes Bruchstück aus dem "Pasenow", ist keine Literatur, die ich hier auf ihre "Tragfähigkeit" überprüfen lassen möchte.


    Gruß, Klammer


    P.S.: Ich bin schlicht noch nie einem freundlichen Münchner begegnet, für mich ist das ein Oxymoron. So einfach entstehen manchmal Vorurteile.
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  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Mein Dorf

    Original erstellt von Klammer:
    Ich bin schlicht noch nie einem freundlichen Münchner begegnet, für mich ist das ein Oxymoron.

    Also ich bin geborener Berliner, lebe aber seit 9 Jahren (mit 2 Jahren Unterbrechung) in München und fühle mich hier sauwohl.


    Original erstellt von Klammer:
    So einfach entstehen manchmal Vorurteile.

    Vorurteile. Genau.

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Mein Dorf

    Ich bin schlicht noch nie einem freundlichen Münchner begegnet, für mich ist das ein Oxymoron. So einfach entstehen manchmal Vorurteile.
    ich bin eine russisch-jüdisch-schottische Münchnerin!!!! Und Saufreundlich

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Mein Dorf

    Vielleicht hätte ich einschränken sollen: Der Münchner an sich ist so unfreundlich wie der Berliner Busfahrer und die Augsburger Lidl-Kassiererin (die in der Regel aus Magdeburg stammt), jedoch, jetzt kommt's, 'Anwesende, Zuagroa'de und andere Brei'n' selbstverständlich ausgenommen.


    Aber ich wollte mit diesem Ordner keinen Kulturkampf eröffnen, sondern Texte über die Heimat sammeln.
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  9. #9
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Mein Dorf

    Um über Heimat (grusel) schreiben zu können, müsste man erst mal eine haben. Sicher, ich bin hier irgendwo aufgewachsen. Was ich mit Staunen betrachte. Nein, nicht genau hier. Aber nicht so weit entfernt. Kahl ist dort alles. Glatt und abgeschnitten. Nein, jetzt wohne ich hier, hinter einem Busch. Und kann die Schatten der Blätter zählen. Fast hätte ich vergessen. Nein, nur fast. Aber vielleicht sollte ich wirklich einmal. Endlich, und aufbrechen. Dorthin. Wohin? Nun, nach ... natürlich.

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Mein Dorf

    Liebe frau freihändig,


    was ist dir "gruslig" an Heimat?
    Was klingt bei dir mit, wenn du diesen Begriff hörst?
    Ich wollte keine "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein"-Debatte führen. Nichts liegt mir ferner, das solltest du wissen,wenn du ein paar meiner Texte gelesen hast.
    Ich wollte nur Geschichten von zu Hause sammeln, denn ich bin überzeugt, ein Autor kann ohne den Ort oder die Menschen,die seine Sprache sprechen, die er Heimat nennt, nicht existieren, die grauenvollen Schicksale der Emigranten sind Beweis genug.


    "Heimat ist Erinnerung; ein Ort, an dem ich verweilen und ruhen kann. Sie ist der Platz zwischen dem Abend und der Nacht, ein trügerisch grauer Ort. Weithin verschwimmen die Umrisse der wogenden Getreidefelder, aber die vom Walde aufsteigende Kühle hat mich nicht erreicht. Hier sitze ich, der ich noch keine Schatten kenne und lausche den Büschen, die leise von Stille und Dauer erzählen. Alle Konflikte finden ihr Ende und der Morgen, das Morgen, ist fern. Die Vergangenheit ist in mir geborgen. Sie hat Erbarmen mit mir. Sie ist ein sicherer Ort. Gestern ist die Heimat, in der ich leben will."


    oder, wie es Rose Ausländer formuliert:


    "Mein Vaterland ist tot
    sie haben es begraben
    im Feuer


    Ich lebe
    in meinem Mutterland
    Wort"


    Und hast du dich nicht selbst an das Grab deines toten Gottes geschlichen und ein paar ehrliche Tränen vergossen?




    Gruß, Klammer
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  11. #11
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Mein Dorf

    BAD FÜSSING
    Heimatstück


    Sprache: Hochdeutsch
    Handelnde Personen:
    ICH, frisch gewaschen und rasiert, im Tarnfarben-Look
    SIE, noch im Bett, verführerisch im bayrischen Nachthemd, tief dunkle Augenringe, Spuren einer leidenschaftlichen Nacht


    ICH beginne:


    "Liebling, es ist gar schönes Wetter draußen. Die Sonne lacht sonnig."
    "Und?"
    "Gehen wir Rentner schießen im Park?"
    "Nein, nicht schon wieder!"
    "Aber Liebling, ich habe noch immer nicht meine neue Kalaschnikoff ausprobiert!"
    "Vergiß es, die Tiefkühltruhe ist voll!"
    "Nur eine Salve?"
    "Ich sagte, vergiß es! Der Hund mag sie auch nicht mehr fressen... noch nicht einmal scharf angebraten."
    Zögern... meinerseits
    "Na gut, wo Du recht hast, hast Du recht. Wer mag schon noch Rentner."
    "Eben."


    Endlich, mein Dorf, der Park ist leer geschossen.

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Mein Dorf

    >Original erstellt von Klammer:

    Kunst kommt von finden-können.

    ein wahrlich lesenswertes teckstchen. zuweilen höre ich gar den tonfall kafkas.


    der titel scheint mir nicht wirklich passend. mein dorf? kunst? heimat und kunst? kunst als heimat? die erklärungen jenseits des teckstchens verwirren mich ein bisschen.


    aber nichtsdestotrotz: note 'sehr gut'.


    dear greetings,
    Mr. Jones

  13. #13
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Mein Dorf

    Lieber Mr. Jones,


    ein schönes Lob für einen Text, der eigentlich nicht "literarisch" gedacht war.
    Vielleicht doch etwas zur Exegese:
    In dem wunderschönen Kaff Gempfing (nun sucht mal schön auf der Landkarte) war kürzlich die Kunst ausgebrochen. Das ganze Dorf war eine große Ausstellung von regionalen Malern und Bildhauern. Die Bauern hatten zu diesem Zweck ihre Ställe, Garagen, sogar Wohnzimmer saubergemacht und sie von den Künstlern mit ihren Werken gestalten lassen.
    Ich trat dort mit meinem Projekt "Vorwürfe" auf, einer "Kunstaktion", in der ich Texte vortrage, zu denen ein Klarinettist improvisiert und dazu ein Maler auf großformatigen, durchsichtigen Zellophan-Folien seine bildnerischen Eindrücke vor den Augen des Publikums entstehen lässt. Am Ende, nachdem die Töne und Worte verklungen sind, bleiben die Bilder, die dann Scheibchenweise verkauft werden (man muss ja leben).
    Apropos: Wir suchen immer Auftrittsmöglichkeiten. (Da soll es doch die Inn-Musen geben...)
    Der Ort, an dem wir in Gempfing auftraten, war die dortige Pfarrkirche (!) und der Ordnertext hier war meine Einleitung, teilweise von mir, aber auch vom Musiker und vom Maler gesprochen.


    Demnächst werde ich einen weiteren Text "Über mein Dorf" hier anhängen.


    Gruß, Klammer


    Kafka? Das ehrt gewaltig, auch wenn ich ja gerade meine Bildungslücken gezeigt habe und meinen Kafka schon lange nicht mehr mit mir spazieren trage.


    "Da ist kein Maler, der mit einem genialen Pinselstrich den grünen, waldreichen Hügel des Dorfes auf die Leinwand geworfen hat, dazwischen den romanisch-rostroten, trotzig-trutzigen Kirchturm wie eine Wunde hineingeschlagen, der er sich wie eine Faust drohend gegen das schmerzhaft transparente Himmelsblau reckt.
    Kein Maler."
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  14. #14
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Mein Dorf

    Den D*-dorfern zugehört


    Da han i
    fümpf bier
    eiglitert.


    Sog amol...
    Do derfsch fei
    nimmi...


    I kos
    au bsuffa,
    geh, frau...


    Midm audo
    Moin i
    Nimmi...


    Hobs ja
    widder
    nauskotzt.


    Jo, dann...


    Und der Dichter saß daneben.
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  15. #15
    Bauer Hans
    Status: ungeklärt

    AW: Mein Dorf

    In den Passauer Nachrichten gelesen:


    Zu Egglfing am Inn wurden erneut zwei Hasen gestohlen. Der Diebstahl wiegt besonders schwer, weil es sich bei dieser frechen Tat ausgerechnet um die zwei besten Rammler des Egglfinger Bürgermeisters und Hasenzüchter handelte.


    Ich meine, wo kommen wir dahin, wenn sich Schwerstkriminalität schon im Saurüssl ausbreitet. Hier ist Einschreiten von oberster Stelle, des Kanzlers, gefragt, den Anfängen zu wehren. Einen erfahrenen Verteidigungsminister mit Rammlerkenntnissen haben wir ja nicht mehr.

  16. #16
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post AW: Mein Dorf

    Im D*-Dorfer Biergarten "Zur Traube" (Montag, 18:34 Uhr)
    Ins Hochdeutsche übersetzt:


    Kellnerin: So, die Karte. Aber der Hackbraten und die Champignons sind aus. Und noch was drittes..., Augenblick!
    Gast am Nachbartisch: Was gibt es nicht mehr?
    Kellnerin (wendet sich an den Nachbartisch): Es gibt keinen Hackbraten mehr und keine Champignons. Und noch etwas ist aus... Augenblick. (wendet sich schreiend an den Kellner, der am anderen Ende des Biergartens ist) Der Hackbraten ist aus und die Champignons und was noch?
    Kellner (überlegt laut): Die Champignons und der Hackbraten.
    Kellnerin: Und noch was.
    Kellner: Nur die Champignons und der Hackbraten.
    Kellnerin: Und noch was, ich bin sicher... Augenblick. (brüllt in die Küche) Der Hackbraten ist aus und die Champignons? Und was noch?
    Koch (brüllt zurück): Der Hackbraten ist aus. Und die Champignons.
    Kellnerin: Und was noch?
    Koch: Nur der Hackbraten. Und die Champignons.
    Kellnerin (zum Gast): Da habe ich mich geirrt. Also den Hackbraten...
    Kellner (schreit quer durch den Garten): Was ist jetzt aus?
    Kellnerin (schreit zurück): Der Hackbraten und die Champignons.
    Kellner: ...und?
    Kellnerin: ...nur der Hackbraten und die Champignons!
    Kellnerin (wendet sich an den Gast): Also, der Hackbraten und die Champignons sind aus.
    Gast: Ich hätte gern ein Bier.


    Und der Dichter saß daneben.
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  17. #17
    Bauer Hans
    Status: ungeklärt

    Post AW: Mein Dorf

    ... oder auf Englisch:


    Ein Mitglied der farbigen Bevölkerung, ein schwarzer Neger, kam in den Saurüssl zu Egglfing.
    "Do You speak English?"
    Die Wirtin errötete, erinnerte sich aber ihrer Schulzeit: "Yes, a little."
    "Very good, one beer!"





    Wie der Erzengel Michael Egglfing half




    Und Gott sprach: "Erzengel Michael, flieg durch alle Lande, such Dir den schönsten Ort auf Erden und hüte ihn wie dein eigen Augenlicht!" Es geschah nach Gottes Wunsch, wie nichts ohne Sein Wollen geschieht.


    Alles, was hier wahrhaft und getreu berichtet, ereignete sich in einem gemütlichen Dorf am grünen Inn. Egglfing, so der Name der kleinen Ortschaft, da ihre Bewohner von einer höheren Macht mit solch gewaltigen Körperkräften versehen, daß sie, gutmütige Bauersleut, mühelos mit dem Mittelfinger die schwere Egge, das Eggl, durch die fruchtbaren Ackerfurchen ziehen konnten. Das Dorf war beschenkt aus dem Füllhorn der Natur, lag inmitten von silber-grünen Flußauen, wo wilder Hopfen, blühender Rotdorn, bitter-blaue Schlehe, Blutweiderich, Weiden, zitternde Pappeln und Misteln von geheimnisvoller Heilkraft wurzelten. Wo in tiefen Tümpeln, die wie Feenaugen klar, fette Fische auf die Angel warteten, Biber bibberten, sanfte Rehe zwischen friedlich schlafenden Hunden Ästen und fügsame Füchse Streichelhasen eine gute Nacht wünschten.
    Egglfing am Inn. Der Fluß, einst wild und reißend unterhalb schneebedeckter Gipfel in weiter Ferne entsprungen, schliff auf seinem Weg selbst die gröbsten Felsbrocken mit unwiderstehlicher Gewalt zu runden Kieseln. Hier, in den Auen, war er sanft, doch immer noch majestätisch in königlicher Breite. Egglfing schützte den Fluß ob seiner ruhigen Stärke, lebte mit ihm in Frieden. Fast hätte man meinen können, ein Engel wachte über das Glück, und die Dorfbewohner wünschten sich von Herzen, es solle niemals anders werden. Doch Glück schafft Neider, zieht das Unglück magisch an.
    Eines schlechten Tages erschien aus dem Nichts des hohen Nordens der Teufel selbst in Egglfing, böser Zauberer mit sündigen, verführerisch braunen Augen. Der Böse sah den Frieden, wollte zerstören, und seine Waffen der Sünde waren blendende Worte, triefend vor Unzufriedenheit. Wie verzehrende Flammen brannten des Teufels Versuchungen, Feuer, das seit jeher starkes Wasser haßt. Gleich beschenkte er die jungen unschuldigen Frauen mit honigsüßen Schmeicheleien, zauberte grelle Bilder von nicht endend wollender Lust, die sie so zuvor nie gekannt. Den Männern, die bis dahin wohlbehütet bei Kräutertee und gesunden Frischkäsebroten in frommer Familiengemeinschaft gelebt, spielte er fleischgeile Bilder von fetten Schweinsbraten mit Weißbier vor. Die Mannsbilder sollten mit ihren Gemahlinnen und deren mageren Genüssen unzufrieden werden, zum Stammtisch ins Wirtshaus gehen und dort bei Suff und billigen Huren Zucht und Ordnung vergessen. Unmoral sollte regieren! Doch die frommen Egglfinger blieben standhaft gegenüber teuflischer Versuchung, sie verzichteten auf Schweinernes, tranken kein Bier.
    Der Satan konnte das nicht glauben, noch nie hatte die Lockung des Weißbiers versagt. Er knurrte, tobte, zerriß vor Ohnmacht wütend sein rotes Kleid. Schmach, Rache! Wie ein Irrwisch sprang er hin und her, drehte sich auf glühenden Sohlen, bis helle Funken auf Holzwände sprangen und Häuser wie Fackeln zum Himmel loderten. Egglfing brannte. In ihrer Angst warfen sich die braven Bürger auf die Knie und beten zu ihrem Schutzpatron: "Michael, hilf uns in der Stunde größten Elends, erlöse uns von dem Bösen!"
    Und Michael half, schwebte herab mit strahlenden Schwingen, tauchte in den Inn, sog das kalte Wasser in sein Engelsgewand, flog mit tropfnassen Flügeln hoch in den Himmel über Egglfing und schüttelte sich. Sturzbäche rettenden Regens kämpften gegen die Flammen, allein, sie konnten sie nicht löschen. Das magische Feuer war stärker. Michael schaute sich um: Der Inn von Wasser leer, seine Schutzbefohlenen verzweifelt und die Feuersbrunst fraß unerbittlich! In ungewohnter Not wandte sich der Engel endlich an des Höchsten Thron und schrie seine Klage: "Großer Gott, was kann ich noch tun, mein Egglfing zu retten?!"
    Gott, in Sorge um jede Seele, besonders um die frommer Dörfler, verkündete sogleich seinen göttlichen Rat: "Erzengel Michael, schaff Bier von den Wirten in Maßkrügen ans Feuer, bayrischer Gerstensaft hat wohl bisher noch jeden Brand gelöscht. Sei guten Mutes, ist nicht schad um das Bier, die Egglfinger saufen's ja eh nicht!"
    Das Wunder geschah, der Brand ward gelöscht und der Teufel fürs erste vertrieben. Die dankbaren Bürger aber feierten zu Ehren des Engels Michael mit Kräutertee ein riesiges Fest. Und so auch heute.

  18. #18
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Mein Dorf

    Deine Geschichte ist hübsch, aber der Anfang schwer, schwer, schwer. Den will niemand lesen, der vom Bayer. Defiliermarsch sanft eingelullt auf einer harten Bierbank darauf harrt, dass ihm eine dralle Egglfinger Dorfschöne eine Mass Hopfenkaltschale bringt. Du musst schneller zur Sache kommen.


    Bis bald, ich freue mich auf den Egglfinger Hopfenblütentee.


    Gruß, Klammer
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  19. #19
    Bauer Hans
    Status: ungeklärt

    AW: Mein Dorf

    Kurort. Kuhort?


    Mitten in Bad F. steht ein Pavillon, eine Art Tages- und Nachtbar, an welcher der Denker seinen Espresso zu schlürfen pflegt. Links - der Geist steht links - ein paar muskelbepackte Mannsbilder, gewandet in reines Weiß, Farbe höchster Intelligenz. Masseure. Sie trinken Bier, viel Bier, stundenlang, reden über den Sinn des Lebens: "Mei Liaba, i sog eich wos, wann Bayern heia ned Moasta wead, fries i nimma dem Hoeneß seine Würschd!"
    "Rechd hosd!"
    Eine zarte Maid, fast noch Knospe vor der Blüte ihrer Jahre, zapft und schleppt unermüdlich frisches Bier heran. Die Masseure grunzen dankbar, trinken im Gleichklang, lange geübt. Da, das Faß ist leer. Die Maid öffnet die Thekenkühlung, zapft ab, hebt das alte Faß heraus. Sie zieht ihre Hose zurecht, geht leicht in die Knie, packt zu, das neue 50-Liter-Faß an die richtige Stelle zu schieben. Ihre Oberschenkel zittern, der süße Hintern strammt den Hosenboden rund, heftiges Keuchen, endlich geschafft. Fachmännische Blicke und guter Zuspruch von Seiten der Masseure: "Gell Madl, do sigsd amoi, wos a richdige Oarbeid is!"
    Der Denker ist empört, fast war er versucht gewesen, dem Mädchen zu helfen.

  20. #20
    Kurzvormabschussiger
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    Renommee-Modifikator
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    AW: Mein Dorf

    Frechheit! Ich hätte geholfen!!

  21. #21
    Bauer Hans
    Status: ungeklärt

    Post AW: Mein Dorf

    Regenzeit


    Es regnet in Strömen. Im Pavillon fällt ein Tropfen in den Espresso des Denkers, Anlaß für Geistesblüten genug:
    "Ich sage euch, ihr hirnlosen Masseure, schuld an diesem Sauwetter ist allein Rot-Grün. Und ihr habt sie gewählt!"
    "Öha!" Niederbayrischer Ausdruck höchster Empörung, aber auch Wissen wollende Neugier warum.
    "Weiltet ihr, Weißbier saufende Deppen, schon einmal in nördlichen Gestaden? Nein? Das dachte ich mir. Überall an den Küsten wurden auf Geheiß von rot-grünen
    Unweltplaner Windkrafträder für alternative Stromerzeugung in den Boden gestampft. Und nun regnet es pausenlos!"
    Unverständnis-Augen über biergefüllten Tränensäcken. " Warum dös jedzd?"
    "Vögel! Millionen von Vögeln, aus dem hohen Norden herbeigeflogen, vertrieben mit flatternden Flügeln jedwede Regenwolke über einem christlichen Deutschland. Nun werden diese nützlichen Tierchen schon beim Anflug durch die rot-grünen Windräder im wahrsten Sinne eines Wortes in der Luft zerfetzt. Kapito? Weil ein grüner Unweltminister es so will, haben wir alternativen Strom, aber alternativ zum Sonnenschein auch strömenden Regen!"
    Die Erkenntnis dämmert durch den Dunst bayrischen Bieres: "Und, wos sollm mer zwegs dem doa?"
    "Merkt euch eines, ihr versoffenen Fleischkneter, jedes Lebewesen fliegt bei Rot-Grün zu tief. Wählt Stoiber, und alle Vögel fliegen hoch über die Windräder hinweg, vertreiben die schweren Wolken über unserem Vaterland!"
    "Ja, wann dös so is, dringa ma hoid auf de Vegl!"
    Oins, zwoa, gsuffa! Und eine wärmende Sonne stahl sich durch finstere Wolken.

  22. #22
    schreibt hier hin und wieder
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    Renommee-Modifikator
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    AW: Mein Dorf

    ...pssst! Mann, Hannemensch, nicht so laut! Du wirfst ein gar heiteres Schlaglicht auf deinen heimatlichen Okzident! Der Valentins? Karl dod gäwisslich "Öha!" song. Aber sicherlich unterstehst du dich doch wohl, bitte gefälligst, solche Rede am öffentlich bajovarischen Tresen allzu überzeugend kundzutun?


    Oder willst du's unter, Gott bähüt uns, S.t.o.i.b.e.r (i. schlägt hastig ein Kreuz) gar noch zu etwas bringen??? Wenn der Keller einst in jeder Hinsicht leergepumpt sein sollte?


    (i. murmelt ein demütiges Bitt-Gebet für die Kollateralschäden göttlicher Fügung )

  23. #23
    Bauer Hans
    Status: ungeklärt

    Post AW: Mein Dorf

    Der Masseur Muggenbacher, der wo ein ganz kleines Manderl ist, hat endlich eine Frau. Dem Himmel der Verwechslungen sei Dank! Drei Jahre hat der Muggenbacher im Pavillon beim Weißbiersaufen einen Pariser aus dem Hosensack gezogen, der einem Elefantenschwanz angemessen, und dabei eindeutig auf seine Leibesmitte gegrinst. Es war aber stets der selbe Pariser, und überhaupt hat niemand der anderen Weißbier saufenden Masseure den Muggenbacher für ernst genommem. Jetzt hat er eine Frau.


    Es klingelte am Muggenbacher seinem Haus.
    "Bittäh?" Der Muggenbacher im strahlend weißen Masseursgewand linste durch die Tür.
    "Kennsd mi nimmer?"
    "Na, i kenn di ned!"
    "I bin dei Base Mechhild, die wo nach drendahoi da Dona zogn is!" (Für nicht des heimischen Idioms Verständige: Auf die andere Seite der Donau)
    Der Muggenhammer musterte die große, dralle Person mit den fülligen Kurven, die da vor seiner Haustür stand. " I hob no nia ned a Base Mechthild gähobd."
    "Wos, is des ned Hausnummüra zwanzig?"
    "Na, des is Nummüra finfazwanzig. Is a bisserl undeitlich g'schriem."
    Nun musterte Mechthild ihrerseits den Masseur und sein Anwesen, und was sie sah, schien ihr zu gefallen. "Sog amoi, kannsd du ned a Base braucha?"

  24. #24
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    AW: Mein Dorf

    Ach! Krks. Quietsch. Aua, auweh und Oh! - Hostas g'hört?
    Er dreht sich, breit unter Schmerzen lächelnd, der Karl, und freut sich, dass er schon gestorben sein darf

  25. #25
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Mein Dorf

    Original erstellt von Klammer:

    Es wird oft behauptet, Kunst käme von Können. Das ist nur die halbe Wahrheit und damit falsch. Kunst kommt von finden können.



    Das sind nur Drittelwahrheiten und damit nicht falsch. Kunst kommt von Erkennen.

    Vielleicht würde ich hier sogar noch einen kleinen Schritt weitergehen und behaupten: Kunst kommt von Suchen.

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