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Thema: die wahrheit und so

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post die wahrheit und so

    wahrheit...


    die tränen des weinbergs ertränkten ein paar touristen. als dieses geschehen ruchbar wurde, schloss der bürgermeister seine fenster. er mochte doch den gestank der verwesung nicht. der stadtrat beriet unermüdlich. der berg muß weg, da waren sich alle einig. ihm wurde vorgeschlagen, zu mohammed zu gehen, da dieser noch nie hiergewesen sei. der berg weigerte sich trotzig und verbarg sein haupt in nebelschleiern. einige wanderer fanden deshalb über ihr ziel hinaus in den abgrund, der sie angewidert wieder ausspie.


    dienstag nachmittag.
    der raum ist weiß. er ist seit tagen weiß und das ist gut so. meine schmerzen sind nicht mehr so stark. natürlich sind sie noch da: sie haben sich nur versteckt, lauern heimlich in meinem schädel. wenn ich nach ihnen spüre, sind sie da. trotzdem werden sie mich überraschend überfallen. das tun sie immer und ich kann nichts dagegen machen.
    seit der raum weiß ist, haben die schmerzen mit mir waffenstillstand geschlossen.
    der tee, der dampfend vor mir steht, wird langsam dunkler. er ist bitter und seine hitze ätzt sich in meinen gaumen. der tee schmeckt nach dem regen, der gegen meine erblindete fensterscheibe seufzt. wie lange ist das her?
    regen. wie lange ist es her?
    er lacht.


    schau, ich bin auf dem weg. ich bin nicht weit von hier. du hörst mich. ist das nicht ein gutes zeichen? wenn wir uns schon hören, dann ist es nicht mehr weit. ich sehe auch schon ein licht, wo bisher schwärze war. siehst du es auch? ist das der morgen? ich wünsche mir, es wäre der morgen. ich möchte dich so gerne sehen. ich weiß genau, wie du aussiehst, obwohl ich dich noch nie gesehen habe. aber so vor dir zu stehen und deine blicke zu spüren, das ist doch etwas anderes.
    ich bin auf dem weg.


    dienstag nachmittag. ich schließe die augen und endlich kann ich wieder sehen. ich bin jetzt ruhig. der raum ist weiß, die schmerzen sind weit weg. meine hand streckt sich, noch vorsichtig, aber gierig. die finger tanzen hektisch, sie dürsten nach berührung. dann ist alles still. ein schwerer tropfen trifft meine nach oben gereckte handfläche, sammelt sich in der grube. er ist klar und durchsichtig und ich kann ihn ihm meine geschlossenen augen spiegeln sehen. er zittert ein wenig und krallt sich kalt an meiner haut fest. ich fühle sein feuchtes sein. die feuchte kriecht von der hand in meinen körper, gräbt eine hoffnungsvolle furche in meine stirn. mein mund will sich öffnen, meine lippen flüstern. soll es bei dem versuch bleiben?


    ich bin in der nähe. so nah war ich dir noch nie. ich bin vor langer zeit aufgebrochen, um dich zu sehen. schwärze war damals um mich herum. ich erinnere mich genau, ich lebte mit vielen menschen in der schwärze. das war nicht einfach, aber ich mußte nicht die tränen der anderen sehen, nur ihr weinen war lauter als die dunkelheit. immer stieß ich gegen mauern, wohin ich mich auch wand. dann hörte ich von dir. der, der mir das erzählte, hatte einen seltsamen klang in der stimme. sie war gebrochen und gleichzeitig frohgemut, obwohl er dich noch nie gesehen hatte. er sagte, in seinem inneren würden helle feuer brennen. da habe ich mich entschlossen, dich zu suchen. ich irrte zwischen den mauern und die anderen nannten mich einen narren. ich irrte lange, es mag sein, daß es eine ewigkeit war. doch ich gab nicht auf. endlich fand ich hinaus. auch dort, jenseits der mauern war nur schwärze, dunkler noch und wattiger als auf der anderen seite. fast wäre ich verzweifelt, doch dann ging ich einfach los, hinein in die dunkelheit, die vor der schwärze floh.


    dienstag nachmittag. blut sprüht heran, vergewaltigt den jungfräulichen tropfen in meiner hand. ich öffne die augen. das weiß ist noch da, aber nun hat es begonnen, zu pulsieren. wenn das weiß nur bliebe! wenn ich es nur halten könnte! meine nägel haben sich zur faust gekrallt in mein fleisch gebohrt. das rote rinnsal tropft zögernd in den tee. der aufguß verschluckt das blut.
    ich möchte wieder meine augen schließen, aber ich kann es nicht mehr. sie starren. jemand macht einen groben scherz. ich sehe nach ihm. er ist noch immer da und er beobachtet mich.
    blutige flecken wirbeln nun durch den raum. das weiß der wand ist besudelt. bald werden die schmerzen zurückkommen. ich sehe mir gleichgültig dabei zu, wie ich die teetasse gegen die wand schleudere. sie läßt dort einen klebrigen, braunen schweif zurück. doch die flecken lassen sich nicht vertreiben. so einfach machen sie es mir nicht.
    eine kleine nadel sticht in meinen kopf. durch mein ohr kriecht das nichts. ich presse meine hände gegen den schädel. ich will diese stille nicht hören, mich ekelt vor ihr. ich will nicht sehen, noch hören.
    mich foltert unstillbarer durst.


    dann fanden sich hindernisse in den schatten, an denen ich meine knie blutig schlug. ich kann dir nicht sagen, was das war, du weißt, ich sah ja nichts. schließlich fand ich das licht. zuerst war es noch sehr entfernt und ich dachte, es sei ein trugbild. doch nun komme ich näher. vielleicht kommt auch das licht näher, denn manchmal habe ich den eindruck, ich würde mich auf der stelle fortbewegen. ist das der morgen? du weißt doch so viel, sag mir, ist er es?
    du schweigst. warum schweigst du? sag mir, warum du schweigst. hast du angst vor mir? ich höre dich jetzt atmen. dein atem erfüllt die dunkelheit um mich und schenkt ihr wärme, in der ich mich bergen kann. schläfst du vielleicht? wach doch auf und erzähle mir von dir.
    ich will lauschen.


    dienstag nachmittag. der raum ist rot. nun ist er wieder rot. schmerzen peitschen mich in einen fieberwahn. meine augen werden sich nun nie mehr schließen. die letzte gelegenheit ist vertan. er beobachtet mich noch immer. der raum ist tot. ich lebe.




    nun musste der bürgermeister doch in das geschehen eingreifen, ob er nun wollte oder nicht. sein posten wackelte bedenklich und ihm wurde doch so leicht übel. er stellte sich also vor den weinberg und rief:
    "ich trage, wo ich geh und steh niemals eine uhr bei mir. denn das habe ich nicht nötig, da ich mich in einer uhr befinde. ich brauche nur den himmel und schon wird mir das verschwinden der zeit deutlich. mit der zeit verschwindest auch du. ich muß nur warten. das machen wir politiker so."
    da nickte er berg und ging.
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  2. #2
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    AW: die wahrheit und so

    Hallo klammer,

    der Text macht mir zu schaffen. Wunderbar ist dieser Satz:
    der raum ist tot. ich lebe.

    Der einzige Satz der mich störte, ist am Ende. Wenn der Bürgermeister sagt, ....das machen wir Politiker so. Ich kann nicht genau sagen warum, aber er stört mich weil er so unpassend ist (nicht für Politiker).
    Der ganze Text wirkt auf mich wie die Schilderung einer Geburt, einer geistigen Geburt, Blut Schmerz usw. Am Ende die geöffneten Augen. Ein Prozeß der sich nicht mehr unkehren läßt. Ich weiß nicht ob mir dieser Text besser gefällt als der erste, damit meine ich nicht - ob er besser ist, oder nicht - sondern, daß er mich weniger berührt. Der erste Text hatte die Art der Tragik, die ich und der Russe in allgemeinen, sehr schätzen.
    Dieser Text versperrt sich mir, ist inhaltlich ein großer Brocken. Ich muß noch ein wenig kauen, sonst verschlucke ich mich.
    Vielleicht sollte er kürzer sein....., aber auch das weiß ich nicht genau.
    Es gibt von Bernhard Johannes Blume eine schöne Fotoarbeit, ich habe sie schon im Internet gesucht, konnte sie aber nicht finden
    Ein kleines Foto, Blumes Gesicht, wie er versucht sich einen Würfel in den Mund zu schieben. Er ist etwas zu groß und viel zu kantig. Der Titel der Arbeit:
    "Die Vernunft ist als reine Vernunft ungenießbar"
    Dies fiel mir beim Lesen ein, möglicherweise etwas quergedacht, aber vielleicht kannst Du doch etwas damit anfangen.

    Aber ich denke weiter

    Kyra



    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 16. Dezember 2001 editiert.]

  3. #3
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    AW: die wahrheit und so

    immer stiess ich gegen mauern, wohin ich mich auch wand. ! allein wegen diesem satz lohnte sich ein wiederlesen.


    der text ist nicht schlecht, wenngleich ein wenig weinerlich.


    gruss b.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: die wahrheit und so

    @b.


    danke.
    und was das weinerliche betrifft:
    selbstmitleid ist eine meiner ehrlichsten regungen.


    kl.
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  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: die wahrheit und so

    Hallo Kl.,


    ein faszinierender Text. Weil er mich bei den virtuellen Eiern gepackt hatte, habe ich mich durch die furchtbare Kleinschreibung gekämpft, aber es hat sich gelohnt.


    Auge in Auge mit der Wahrheit. Selbst wenn man das Überleben konnte, bleibt noch die Unmöglichkeit erfahrene Konsequenzen umzusetzen. Schön, wie du das in diese halbreale (Um)Welt gegossen hast.




    Lieben Gruß von
    Trist, entzückt!

  6. #6
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    AW: die wahrheit und so

    vor einem jahr noch hatte ich leben.
    war mit dabei. unter euch. wollte bewegen, etwas schaffen.
    aus schlechtem gewissen starb ich.
    jetzt ruhe ich müde in klammers armen, flüstere ihm ab und an ein paar worte ins ohr.


    danke, trist.


    (Außerdem hat Robert frech behauptet, er würde es sofort merken, wenn jemand aus dem Forum unter einem anderen Namen Texte schreiben würde. Ich habe ihm mit dem "kleinen" das Gegenteil bewiesen. Gruß, Klammer)
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  7. #7
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    AW: die wahrheit und so

    Lieber kl.! Das Robert wartet erst einmal ab, was da noch kommt. Und natürlich kann einen Satz wie: "Ich bin blöd!" beinahe jeder schreiben. Daran läßt sich noch nicht absehen, wer es geschrieben hat. Den könnte selbst meinereiner schreiben tun. Aber ich will nicht. Abgesehen davon nehme ich Worte wie "sofort" eher selten in den Mund, schon gar nicht bei der Beschau von texten. Manch einer kann sich auch verstellen, früher oder später wird erkennbar, was den Schreiber antreibt, welche Fehler er macht, welche Vorlieben er besitzt, welchen Hand wozu. Du magst mir glauben, daß es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich Unverwechselbarkeit zeigt, jedenfalls bei Autoren, die einen Charakter besitzen. Bei den Massenschreibern, die ohne jeden oder beinahe ohne jeden Charakter schreiben, ist es kaum zu unterscheiden: Mist bleibt eben Mist.


    Zur Sache, Schätzchen: Ich habe neulich einen alten Mann kennengelernt, mit dem soff ich erst eine kleine Weile, dann hob er an zu erzählen, erzählte mir natürlich seine Lebensgeschichte, alle machen das, in der ihm dreimal die Wahrheit wechselte. Sagte, er könne sich nicht erinnern, was denn nun wirklich, was wahrlich geschehen sei mit ihm im Laufe seiner achtzig Lenze.
    Das ist doch ganz klar, belehrte ich ihn, das hänge am Organ KUNDABUFFER. Dieses Organ hänge am Schwanz, also dem verlängerten Rückgrat, denn einen Schwanz hatten wir Menschen nie, weil wir ja nicht vom Affen abstammten, wie mancheiner behauptete und wider beßres Wissen heute immer noch behauptet. Dieses Organ hindere uns Menschen daran, uns wahrlich dem Kausalnexus anheimzugeben, um so sagen zu können: "Dies verhält sich gemäß dem Gesetze der Natur und ist also wahr."
    Dieses Organ bringt uns dazu, eigene Maßstäbe anzulegen, eigene Werte zu entwickeln und anzuwenden. Darauf läßt sich unser Streben nach Glück beziehen; ein Tier strebt nicht nach Glück. Und je nach Bezugnahme des Kundabuffer zu den anderen Organen wechselt eben auch unser Wahrheitsempfinden.


    Das ist die ganze Wahrheit, so wahr ich hier lüge.

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: die wahrheit und so

    jesus antwortete: "ich bin dazu geboren und dazu in die welt gekommen, dass ich für die wahrheit zeugnis ablege. jeder, der aus der wahrheit ist, hört meine stimme." pilatus sagte zu ihm: "was ist wahrheit?"


    mein robert, die wahrheit scheint mir ein wurzelloser lindenbaum ohne stamm und äste, dessen blätter der wind verstreut hat. aber manchmal meine ich, dass der wind den duft seiner blüten trägt.


    kl.
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  9. #9
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    AW: die wahrheit und so

    und da! haben wir die dynamik der ewigen wahrheit nach dem handeln:


    KUNDABUFFER!


    das muß das offene system sein, und das meine ich nicht witzig. es ist ein ganz neuer name.

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