+ Antworten
Ergebnis 1 bis 13 von 13

Thema: Moral

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    7.August 2001
    Ort
    Paris (Frankreich)
    Beiträge
    184
    Renommee-Modifikator
    19

    Moral

    Zur Einstimmung ein kleiner Text, den ich auch für einen (noch nicht vollendeten) Roman verwendet habe:




    Buchenwald


    Buchenwald bestand aus drei Abteilungen: dem "großen" Lager mit Häftlingen, die schon länger im Lager waren, dem "kleinen" Lager, in dem Gefangene in Quarantäne gehalten wurden, und dem "Zeltlager" für polnische Gefangene, die nach der deutschen Invasion Polens 1939 dorthin deportiert worden waren. Neben diesen drei Abteilungen gab es den Verwaltungsblock, Baracken und Lagerbetriebe. Das Hauptlager befand sich auf dem nördlichen Abhang des Ettersbergs, acht Kilometer nördlich von Weimar in Thüringen. Ab 1943, nachdem die Rüstungsfabriken in der Nachbarschaft des Lagers fertiggestellt worden waren, stieg die Zahl der Häftlinge beständig. Im Februar 1945 waren es schließlich über 86.000. In den acht Jahren seines Bestehens, von Juli 1937 bis März 1945, durchliefen insgesamt 240.000 Häftlinge aus 30 Ländern Buchenwald und seine Nebenlager; davon wurden 43.000 ermordet oder kamen auf andere Weise ums Leben.
    Die jüdischen Häftlinge wurden besonders grausam behandelt, sie arbeiteten 14 bis 18 Stunden am Tag (gewöhnlich in dem berüchtigten Steinbruch von Buchenwald) unter überaus schwierigen Bedingungen. Gemäß einem Befehl vom 17. Oktober 1942, alle jüdischen Gefangenen im Reich nach Ausschwitz zu überführen, wurden die Juden aus Buchenwald in dieses Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Ab dem 18. Januar 1945, als Auschwitz und andere Lager im Osten "evakuiert" wurden, kamen tausende jüdischer Gefangener nach Buchenwald zurück. Zu den Evakuierten aus Auschwitz gehörten mehrere hundert Kinder und Jugendliche. Für sie wurde im Zeltlager eine besondere Baracke eingerichtet, die als "Kinderblock 66" bekannt wurde. In diesem Block lebten über 6oo Kinder und Jugendliche, von denen die meisten überlebten. Den jüdischen Gefangenen wurden Privilegien und Ausnahmeregelungen anderer Insassen vorenthalten, zudem wurden sie für medizinische Experimente missbraucht.
    Am 6. April 1945 begann die SS, die jüdischen Gefangenen zu evakuieren. Am folgenden Tag wurden Tausende Gefangene verschiedener Nationalität aus dem Hauptlager und den Nebenlagern abtransportiert. Von den 28.000 Gefangenen aus dem Hauptlager wurden dabei 7.000 bis 8.000 entweder ermordet oder starben auf andere Weise im Verlauf der Evakuierung. Die Gesamtzahl der Gefangenen aus den Nebenlagern und dem Hauptlager, die während der Räumung Buchenwalds ums Leben kamen, wird auf 25.000 geschätzt. In den letzten Tagen des Bestehens des Lagers Buchenwald sabotierten Widerstandsmitglieder, die in der internen Verwaltung Schlüsselpositionen innehatten, SS-Befehle zur Evakuierung, indem sie die Ausführung verzögerten. Die Nationalsozialisten konnten deshalb die Räumung des Lagers nicht zu Ende bringen.
    Am 11. April 1945 waren die meisten SS-Männer bereits aus dem Lager geflohen. Der Untergrund wartete nicht auf die heranrückenden amerikanischen Streitkräfte, sondern übernahm selbst die Kontrolle, zusammen mit bewaffneten Gruppen von Gefangenen. Dabei wurden mehrere Dutzend SS-Männer gefangengenommen, die im Lager zurückgeblieben waren. An jenem Tag, dem 11. April 1945, wurden etwa 21.000 Gefangene in Buchenwald befreit, darunter 4.000 Juden, davon etwa 1.000 Kinder und Jugendliche.



    Sicher gab es auch in Buchenwald Inhaftierte, die sich aus purem Überlebenswillen über jegliche Moralvorstellungen hinwegsetzten, indem sie das Leben anderer gefährdeten um ihr eigenes zu retten. Mir ist zumindest ein Fall bekannt (nicht aus Buchenwald), bei dem ein Inhaftierter seine Mütze verloren hatte, was für ihn das Todesurteil bedeutet hätte. Um sein eigenes Leben zu retten stahl er einem Mitgefangenen dessen Mütze. Er überlebte, während der Bestohlene erschossen wurde.




    Ich stelle mir nun bereits seit geraumer Zeit - nicht nur in obigem Zusammenhang - die Frage, ob es eine allgemeingültige, unserer Existenz inhärente Moral gibt, nach der sich alle denkenden Menschen richten müssen. Ist es nicht vielmehr so, daß Moralvorstellungen von "der Gesellschaft" definiert werden und somit dem Wandel der Zeit und der Gesellschaft unterliegen? Oder noch extremer: ist es nicht so, daß sich jeder Mensch seine eigene, für ihn gültige Moral definieren und auch danach handeln kann, eine Moral, die durchaus von der allgemein gültigen abweichen mag - sofern er das Recht auf freie "Moralbildung" und "-ausübung" des anderen nicht verletzt?


    Beispielsweise gebietet die Moral unserer Gesellschaft, daß wir monogam und möglichst auch treu leben sollen. Andere Gemeinschaften (Mormonen, Naturvölker) leben dagegen durchaus nicht monogam --eine allgemeingültige "Natur-Moral" scheint zumindest in diesem Punkt nicht zu existieren.


    Meinungen? Gibt es eine universell gültige Moral? Falls ja - wie sieht sie aus, was beinhaltet sie?

    Ein paar Zitate zur Erbauung und Diskussion(?):


    Ich verlange nicht, daß der Kleinbürger seine Moral aufgibt, ich verlange nur, daß er mir meine läßt.
    (Jose Ortega y Gasset, span. Kulturphil., Soziologe u. Schriftst., 1883-1955)


    Die Moral ist immer die letzte Zuflucht der Leute, welche die Schönheit nicht begreifen.
    (Oscar Wilde, engl. Schriftsteller, 1854-1900)


    Unsere Instinkte wirken nach zwei Richtungen - die eine strebt die Förderung unseres eigenen Lebens und das unserer Nachkommen an, die andere will das Dasein vermeintlicher Konkurrenten beeinträchtigen. Die erste umfaßt Lebensfreude, Liebe und Kunst, die, psychologisch gesehen, in der Liebe wurzelt. Zur zweiten gehören Wetteifer, Patriotismus und Krieg. Die herkömmliche Moral tut alles, um die erste zu unterdrücken und die zweite zu fördern.
    (Bertrand Russell, Anleitungen zur Skepsis)


    Die Moral ist für Sklaven geschaffen, für Wesen ohne Geist.
    (Henry Miller, amerik. Schriftst., 1891-1980, Von der Unmoral der Moral)


    Moral ist, wenn man so lebt, daß es gar keinen Spaß macht, so zu leben.
    (Edith Piaf, franz. Chansonsängerin, 1915-1963)

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.932
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Moral

    Wollen wir aufpassen, nicht in eine Diskussion um den Nationalsozialismus zu rutschen, denn es geht um Moral. Oder geht es Dir um die Nazis?
    Nehme ich das einmal nicht an.


    Beispielsweise gebietet die Moral unserer Gesellschaft, daß wir monogam und möglichst auch treu leben sollen. Andere Gemeinschaften (Mormonen, Naturvölker) leben dagegen durchaus nicht monogam --eine allgemeingültige "Natur-Moral" scheint zumindest in diesem Punkt nicht zu existieren.
    Ich möchte mir diesen Aspekt aus Deinem längeren Text herausgreifen. Treue und Monogamie. Im Prinzip ja, aber das sollten die Partner schon für sich entscheiden. Treue als eine gesellschaftliche Forderung einklagbar zu machen, erscheint mir als ausgesprochen ruchlos. Es berührt das sittliche Ehrgefühl des Menschen. Es ist imgleichen auch nicht unmoralisch, Untreue als Prinzip zu setzen. JA, richtig gelesen. Ich möchte hier ausdrücklich auf den sexuellen Bereich verweisen. Bekanntlich gelten in der Liebe eigene Gesetze, nämlich keine. Das ist als Prinzip statthaft, wenn die Liebe selbst nicht zum Regulativ menschlichen Miteinanders gemacht wird, sondern als Konstitutiv behandelt wird. Und dann geht die chose erst so richtig los! Wer liebt, der fragt doch nicht, ob da jemand die Hand drauf haben darf! Was für eine Liebe ist denn das, die sich zurückzieht, nur weil ein anderer ehernere (darf ich das steigern?) Rechte geltend macht? Anders ist es, wenn die Geliebte selbst sich dem Diskurs des Lieblosen aussetzte, eine einmal getroffene Entscheidung des Herzens als lebensbindend betrachtet, was im Einzelfall recht schön, für die Allgemeinheit aber ein törichtes Verlangen wäre. Und damit bin ich wieder am Anfang meiner Überlegungen: Moral (eigentlich etwas Objektives) und Treue lassen sich definieren, sind aber als Verlangnis unmoralisch, weil derartige Entscheidungen zwischen Liebenden, und wenn überhaupt nur dort, getroffen werden können.


    Das eben geschriebene solljedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß ich die Stunden zähle, bis sie wieder bei mir ist.

    Ach ja, ein allgemein-gültiges Gesetz ist der KI.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    7.August 2001
    Ort
    Paris (Frankreich)
    Beiträge
    184
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Moral

    Hallo Robert,

    erstmal vielen Dank für Deine Antwort - ich hatte etwas mehr Response erwartet, aber offensichtlich ist das ein Thema, welches nicht von allgemeinem Interesse ist.

    Natürlich geht es mir nicht um Nationalsozialismus, sondern eben um Moral. Buchenwald diente nur als Aufhänger.

    Treue als eine gesellschaftliche Forderung einklagbar zu machen, erscheint mir als ausgesprochen ruchlos.

    Diesen Satz habe ich wieder und wieder gelesen und ich denke, er trifft den Kern. Nicht nur Treue, sondern moralische Grundsätze an sich scheinen mir grundsätzlich nicht einklagbar zu sein. Es ist wohl legitim moralische Grundsätze zu definieren - auch auf gesellschaftlicher Ebene, denn sie tragen zur Regelung des gemeinschaftlichen Lebens bei - aber sie können nur als Richtlinie dienen. Einklagbar sind sie nicht. Und damit können sie eine Beziehung sowohl festigen als auch un-lebbar machen. Denn gehört Treue zu den moralischen Grundsätzen des einen Partners, nicht jedoch zu denen des anderen, ist der Konflikt vorprogrammiert. Wer soll sich den moralischen Ansichten des anderen unterordnen? Beide haben ihre Berechtigung, sind jedoch nicht miteinander vereinbar.

    Ich bin Dir wirklich sehr dankbar für diesen Satz - habe ich doch solch einen Konflikt lange mit mir herumgetragen und mein Gewissen damit belastet. Jetzt ist vieles klarer und ich fühle mich befreit.

    Es ist imgleichen auch nicht unmoralisch, Untreue als Prinzip zu setzen.

    Erstaunlich, dies als Objektivum zu lesen …

    Und damit bin ich wieder am Anfang meiner Überlegungen: Moral (eigentlich etwas Objektives) und Treue lassen sich definieren, sind aber als Verlangnis unmoralisch, weil derartige Entscheidungen zwischen Liebenden, und wenn überhaupt nur dort, getroffen werden können.

    Eine herrliche Formulierung. Ich werde sie auswendig lernen.

    Das eben geschriebene soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß ich die Stunden zähle, bis sie wieder bei mir ist.

    Hier kann ich nur für Dich/Euch hoffen, daß diese Trennung nur eine temporäre war. Aus eigener Erfahrung möchte ich behaupten, daß Beziehungen zwischen weit auseinander lebenden Partnern extrem gefährdet sind. Tatsächlich sind dies Beziehungen zwischen Singles und nicht zwischen Partnern. Und früher oder später werden die Umstände des Single-Daseins unverzichtbar und führen zu erheblichen Spannungen, falls die Entfernung zwischen den Partnern aufgehoben wird. Dann zählt man die Stunden, bis man wieder für sich ist - und das hat nichts mit einem Mangel an Liebe zu tun …

  4. #4
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Moral

    Griffon, ich befürchte, Du warst der Wahrheit recht nahe. Bist? Bist Du's? Trennung und Alter graben an den Grundfesten einer Beziehung. Man sollte in seiner Altersgruppe bleiben. Man sollte in seiner Zeit und seinem Raum bleiben; alles Übergreifende bleibt Episode, DENN das Wichtigste bei allem irdschen Ding ist Ort und Stunde.


    Aber ich will Dich einmal fragen, was Dir MORAL bedeutet? Was muß sie leisten?

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    7.August 2001
    Ort
    Paris (Frankreich)
    Beiträge
    184
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Moral

    Oh weh - das habe ich nun davon. Eine einfache Frage, die doch so schwer zu beantworten ist. Und gleich eine zweite hinterher

    Gleich zu Anfang der Rundumschlag: ich halte von Moral überhaupt nichts! Moral - oder das, was sich nach allgemeinem Verständnis dahinter verbirgt - war mir schon immer suspekt, Moralapostel mir ein Greuel. Und spätestens seit ich Brechts Andorra gelesen hatte (war es Brecht?) ein Übel, das sich meinem Verständnis entzieht.
    Moral muß immer dann herhalten, wenn man Menschen knechten, sie in Schranken weisen will, wo vernünftige Argumente einfach fehlen. So wie Religion Opium fürs Volk, ist Moral der Knüppel, der die Freiheit erschlägt.
    So gesehen bin ich wohl ein unmoralischer, aber dennoch kein schlechter Mensch. Auch ich habe meine Grundsätze oder Ideale, die ich jedoch nicht moralisch nenne. So mancher Grundsatz deckt sich mit allgemein bekannten moralischen Axiomen - aber ich weigere mich scheinbar allgemeingültige moralische Grundsätze als allgemeingültig anzuerkennen. Im Zweifel bin ich noch, ob die Unversehrtheit des Menschen ein allgemeingültiger moralischer Grundsatz sein könnte. Aber sind Kannibalen a priori unmoralisch? Ist es ein Richter, der die Todesstrafe verhängt? Ich zweifle.

    Ich komme nochmals auf das auch von Dir gewählte Beispiel der Treue zurück. Treue als allgemeingültiger Grundsatz? Was, wenn dies für meine Partnerin gilt, nicht jedoch für mich? Muß ich mein Leben lang treu sein, nur um ihrem Anspruch zu entsprechen? Was, wenn ich schließlich tatsächlich fremd gehe? Bin ich dann unmoralisch, nur weil meine Partnerin anders denkt? Die Zwickmühle geht ja noch weiter: wie soll ich mich verhalten, wenn ich fremd gehe? Soll ich es ihr beichten, weil ich die Wahrheit liebe (das ist z.B. eines meiner Ideale) und damit riskieren, da? sie mich verläßt? Oder soll ich es ihr verschweigen und damit gegen mein eigenes Gewissen handeln?

    Nein - ich denke ganz einfach anders, als meine Partnerin und muß mein Handeln vor meinem eigenen Gewissen verantworten. Nicht vor ihrem und nicht vor irgendeinem anderen.

    Ergo, falls es moralische Grundsätze gibt - und es ist ja wie gesagt legitim, sie zu definieren - dann nur persönliche, keine allgemein gültigen, objektiven. Und damit sind sie auch nicht einklagbar. Was für Dich gut ist, muß es nicht für mich sein - und umgekehrt.

    Regeln und Gesetze müssen sein - sonst herrscht Chaos und Anarchie. Und sie können meinetwegen auch willkürlich definiert werden mit ebenso mehr oder weniger willkürlichen Bußkatalogen, die bei Verstoß angewendet werden sollen. Aber niemand soll mir erzählen, es gäbe eine Moral, die wie ein unsichtbares Fluidum alles durchdringt und allein durch ihre (dubiose) Existenz definiert, wer ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist und wer nicht. Ich weiß wer ich bin und was ich bin und das genügt mir. Sollen andere über mich denken was sie wollen - ich rechtfertige mein Handeln nur vor meinem eigenen Gewissen.

    PS: Das mit dem Alter(sunterschied) kann ich nicht ganz unterschreiben - es gibt zu viele Gegenbeispiele. Meine jetzige Lebensgefährtin ist 7 Jahre älter als ich.

    PPS: Ich hoffe, es ist nicht zu viel privates Gerümpel in diesem Beitrag - um einem Rüffel zuvor zu kommen ...

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    12.August 2001
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    332
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Moral

    Hallo Griffon, Hallo Robert,


    >die Frage, ob es eine allgemeingültige, unserer Existenz inhärente Moral gibt, nach der sich alle denkenden Menschen richten müssen.


    Ich möchte darauf mal näher eingehen. Stellen wir uns vor:


    Einen einzigen Menschen auf Erden. Hat der eine Moral? Nein, ich denke nicht. Er macht alles, was nötig ist, was gut für ihn ist, was er meint machen zu müssen (die Ausnahme kommt weiter unten) und was ihm Spaß macht. Er handelt einfach, so wie seine Gedanken es ihm sagen.


    Nun stellen wir uns einen zweiten Mensch vor. Kommt jetzt schon eine Moral hinzu? Nein, ich denke nicht. Diese beiden Menschen haben zwei Möglichkeiten miteinander zu leben: in Feindschaft oder in Freundschaft. Freundschaft wäre für meine Begriffe wahrscheinlicher, weil das Zusammenleben angenehmer wäre. Es ist aber keine Moral im Spiel, es wäre nur logisch. Genau solch eine Logik hätte die Feindschaft, aus welchen Gründen auch immer sie bestehen mag. Sie können sich nicht leiden, Angst, Güterknappheit... Eine Moral steckte nicht dahinter.


    Nun, ein dritter Mensch. Käme nun schon eine Moral hinzu...? Ich frage mich das und breche hier erst mal ab, muss darüber nachdenken. Vielleicht macht hier jemand weiter.


    Zurück zum einzelnen Menschen. "Er macht, was er meint machen zu müssen", will heißen, wenn er an einen wie auch immer gearteten Gott oder so was in der Art glaubt, macht er Rituale, betet oder ähnliches... Ist das schon eine Moral? Ja, denn er muss es bereits aus abstrakten Gründen machen. NICHT weil es logisch ist. Wenn dann der zweite Mensch kommt, der vielleicht keinen Gott oder einen anderen hat, gibt es schon MORALProbleme. In der Schlussfolgerung hieße das: die Religion (hier allgemein gemeint als GLAUBENSSACHE, also einer Sache, die auf reinem Glauben beruht und nicht auf Logik) führt zumindest als ERSTES die Moral ein. Wenn es diese denn überhaupt ohne Religion gäbe. Ich glaube wir müssen nicht über Religionsfreiheit diskutieren.


    Somit:


    > die Frage, ob es eine allgemeingültige, unserer Existenz inhärente Moral gibt, nach der sich alle denkenden Menschen richten müssen.


    Nein.

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    7.August 2001
    Ort
    Paris (Frankreich)
    Beiträge
    184
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Moral

    Hallo tt,


    das ist ein interessanter Ansatz. Die Frage ob ein isoliert lebender Mensch eine Moral hat, könnte in die richtige Richtung führen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob ich Dir zustimmen kann, wenn Du sagst, dieser isolierte Mensch hätte keine Moral. Natürlich - wer hindert ihn daran zu tun, was ihm beliebt? Dennoch - können wir ausschließen, daß auch dieser isoliert lebende Mensch (vorausgesetzt, wir schreiben ihm einen ausreichende Intelligenz zu) sich nicht dennoch die Konsequenzen seines Handelns durch den Kopf gehen läßt? Ist es völlig ausgeschlossen, daß er sich selbst Normen (eine "Moral") schafft, die sein Tun beeinflussen und bei Nichteinhaltung sein Gewissen ansprechen? Kann er nicht dennoch auf die Idee kommen, daß es falsch ist ein Tier zu töten und vielleicht weniger falsch als Vegetarier zu leben? So gesehen ist Moral vielleicht nicht inhärent vorhanden - aber sie setzt keine Religion sondern allenfalls Intelligenz voraus.


    Der nächste Schritt, nämlich daß Religion "Moral" erzeugt ist auf tragische Weise einleuchtend. Ich weiß schon, weshalb mir jegliche Religion schon immer suspekt war - was nicht heißen soll, daß ich den Glauben an ein übergeordnetes Wesen kategorisch ablehne. Aber schon der Glaube an die Existenz eines übergeordneten Wesens zwingt den denkenden Menschen zu der Überlegung, daß dieses übergeordnete Wesen unser Tun möglicherweise bestrafen könnte - falls wir gegen eines seiner Gesetze verstoßen. Und da haben wir den Salat. Nicht nur die Religion - auch der Glaube an einen wie auch immer gearteten Gott erzeugt "Moralvorstellungen", die einem unbedarften Menschen völlig fremd sein dürften.


    Fazit: Moral existiert nicht a priori - sie wird erzeugt. Eine persönliche "Moral" durch Intelligenz, die jedoch aus der persönlichen Freiheit geboren nicht unfreiwillig fesselt; eine "Moral" durch Glaube, die jedoch die persönliche Freiheit bereits einschränkt, weil sie auf Furcht vor Bestrafung gebaut ist; eine "Moral" als Doktrin, als Diktatur durch Religion oder auch andere gesellschaftlich übergreifende Regularien, die die persönliche Freiheit endgültig erschlägt.

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    12.August 2001
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    332
    Renommee-Modifikator
    0

    Post Moral vs. Leben

    (Über)leben selbst ist die eine Motivation des Handelns für den Menschen. Eine andere scheint mir das Streben nach Glück zu sein. Ob diese Motivation sekundär ist, bezweifle ich. Nur wie lassen sich diese Motivationen mit moralischen Aspekten, was hier gemeint ist als subjektives Empfinden, was richtig oder was falsch ist, als Entscheidungen, Für oder Wider von Handlungen, Dingen oder Personen, kurz: als Gewissen... Wie also lässt sich Moral mit dem Streben nach Glück vereinbaren, wo diese doch immer wieder zwangsläufig zu Konflikten führt. Konflikten mit Menschen, mit der Welt und vor allem mit sich selbst. Soll ich schweigen oder reden, soll ich lügen oder wahrhaftig sein, soll ich handeln oder lassen? "Tue, was gut ist", war und ist mein Motto. Womit natürlich gemeint ist, dass jeder das tun sollte, was er/sie zum Zeitpunkt der Entscheidung für richtig hält. Doch gerade an diesem Detail kann ein moralischer oder idealistischer Mensch zugrunde gehen, sich selbst im Streben nach Glück im Wege stehen. Wenn ein Mensch moralische Vorstellungen hat, Ideale (außer dem Glück selbst), führt er dann nicht ständig einen Krieg gegen sich selbst? Sollte er, der Mensch, nicht einfach die Augen zu machen und seinen Weg zur Verwirklichung seines Glücks gehen? Ich meine nicht, anderen zu schaden, sondern eine gewisse Ignoranz an den Tag legen, einen Egoismus, der zum eigenen Wohl beiträgt, ohne anderen zu schaden, aber auch, ohne ihnen zu helfen oder überhaupt nur in gewisser Weise einzugreifen in ihr Leben, z. B. als Freund? Sollte man sich eine Scheißegal-Einstellung aneignen? Sollte man sagen "Du, Mensch, kümmere dich um dich selbst, denn ich kümmere mich um mich?" Wo kommen wir an, wenn wir das tun Im persönlichen wie im Großen? Geht der Mensch dabei vor die Hunde? Oder wäre es gerade gut, selbst erstmal glücklich zu werden?


    Fragen über Fragen.


    Wie immer auf der Suche nach Antworten

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    17.July 2001
    Beiträge
    99
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Moral

    Oder wäre es gerade gut, selbst erstmal glücklich zu werden?




    JA, das ist Vorbedingung dafür, selbst etwas geben zu können, was andere auch nehmen wollen.

  10. #10
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.932
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Moral

    Da ist noch viel mehr, was antreibt, Tobias. Glück ist was für Schweine vor dem vollen Troge. Überleben keine Frage eines sittlichen Gemüts, sondern bestenfalls Voraussetzung, um zu sein. Menschsein fängt da nicht an, Fragen beginnt nicht dort. Insofern kann ich dem Ansatz schon nicht zustimmen. Du setzt Dich vor die Kreuzung und stellst fest, da? Du nur nach rechts oder links gehen kannst, davon gehst Du aus. Ich denke, es gibt da noch andere Wege, andere Auskünfte. Nach oben, nach unten, schräg nach vorn, schräg nach unten, die Pirouette, Nordnordost... Und dann gibt es auch noch das Wünschen, das Verweilen am Platze, das Aushalten dessen, was einem dort geschieht.


    Verstehst? Ich meine, keiner muß in Zweiteilungen denken, sondern hat immer noch sehr viel mehr. Alles und gar nichts. Denkertod ist Aufteilung der Welt in Entscheidungsfragen.

    ich kann in der Mutmaßung, Gutes zu tun und das als moralisch zu klassifizieren, keine moralische Handlung erkennen. Sie wäre zufällig moralisch, nicht aber prinzipiell. Moralisch nur im Sinne einer Einzelmeinung, nicht aber im Kontext einer allgemein zu nennenden. Deshalb lehne ich pragmatische oder utilitaristische Handlungen auch ab - meist. Und, davon mal abgesehen, warum soll ich das perpetuierte Glück als Menschheitsziel begreifen müssen?

  11. #11
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.932
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Moral

    Ein merkwürdiger Ordner. So recht in Fahrt kamen wir hier nicht. Vielleicht lag es an dem Eingangstext, in dem mit dem zentralen Wort "Buchenwald" der Leser in eine Interpretationsrichtung gestoßen wurde, in der Moral eher eine nebensächliche Rolle spielt. Andererseits, wenn man das Gute und Böse im Menschen in seiner Substanz erfahren will, also den moralischen Kompaß sichtbar machen möchte, bedarf es einer Extremsituation.
    Daß Griffon am Ende Moral als Generiertes bezeichnet, ist gut materialistisch gedacht. Er führte weiter oben auch Brecht an, dessen marxistische Grundierung bekannt ist. Insofern ist seine Gedankenführung stimmig.
    Ich bin weit entfernt von einer Auffassung, die Moral jenseits sozialer, erzieherischer oder genetisch bedingter Rahmenbedingungen resp. -grundlagen verortet. Da ich aber an den freien Willen glaube, jedenfalls die Möglichkeit, sich über eben diese Rahmenbedingungen auch hintwegsetzen zu können, fällt da auch die Moral darunter. Ich glaube, wir Menschen - und nur wir Menschen - sind in der Lage, uns einen Kompaß für unser Handeln zu geben. Die meisten Menschen verfahren da in gut westlicher Art nach dem Nützlichkeitsverdikt. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten zur Bestimmung eines moralischen Kompasses; ich denke da an Dinge wie Loyalität, Freundschaft, Liebe oder Trotz.

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    12.May 2001
    Ort
    Wien
    Beiträge
    802
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Moral

    Ich glaube, wir Menschen - und nur wir Menschen - sind in der Lage, uns einen Kompaß für unser Handeln zu geben.
    Unser Gefühl sagt uns das, dass wir uns über die materiellen Gegebenheiten unseres Handelns hinwegsetzen können. Das müssen wir auch glauben, um nicht zu verzweifeln. Ob das Gefühl allerdings recht hat oder trügt, können wir nicht entscheiden.

    Und ob nur wir Menschen dieses Gefühl haben, daran darf getrost gezweifelt werden. Die moderen Verhaltensforschung bei Tieren findet immer mehr überraschende Neuigkeiten an sozialen und kognitiven Fähigkeiten mancher Arten.

  13. #13
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
    Registriert seit
    1.September 2013
    Beiträge
    1.539
    Renommee-Modifikator
    8

    AW: Moral

    kurz drüber nachgedacht würde ich sagen: die Moral ist ein Regulativ, das den Instinkt in Schach hält

+ Antworten

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •