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Thema: Dostojewski

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Dostojewski

    dieser ordner ist für nachdenkenswertes über ihn. gedanken und informationen über werk und leben.


    ich will einfach mal mit einem satz des verbitterten todkranken ippolit aus seiner "Erklärung" aus dem "Idiot" beginnen, der bei mir eine spur hinterlassen hat.


    "das alles war ganz natürlich; die menschen sind ja dazu geschaffen, einander zu quälen."

  2. #2
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Dostojewski

    Was bedeutet quälen? Was bedeutet es zu quälen? Und schließlich: Was hat das mit meinen ungeputzten Schuhen zu tun?
    tt, Du mußt hier mehr bieten, die Sache klarer formulieren. Welche Richtung soll das Gespräch nehmen?

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Dostojewski

    Ganz einfach: jemandem Schmerz zufügen (im weitesten Sinne), ohne dass Widerstand geleistet werden wird/kann/will.

    Gehen wir da mal anders ran, nämlich im Hinblick auf den Vorsatz. Es gibt zum Beispiel im „Idiot“ die Figur des Rogoschin. Er liebt Nastasja Fillipowna abgöttisch (die auch ihre Spielchen mit ihm treibt, aber tut nix). Da gibt es eine Stelle, wo er berichtet, was er alles anstellt, nämlich z. B. in ihrem Zimmer zu verweilen, solange sie ihm nicht verzeiht. Das ist quälen, aus Liebe. Vielleicht ist ihm sogar bewusst, dass er sie quält, aber er kann nicht anders.

    Also:

    „Ich fordere dich, weil ich dich achte“. Kein Widerspruch, im Gegenteil, es zeugt schon davon, dass man einen ernstzunehmenden Menschen (Gegner?) vor sich hat. Warum sollte ich jemanden fordern, der in meinen Augen ein Nichts ist?

    „Ich quäle dich, weil ich dich achte“. Widerspruch. Achtung beruht auf der Verstandesebene. Warum soll ich bewusst jemandem Schmerz zufügen, der kein Widerstand leistet, den ich achte?

    „Ich quäle dich, weil ich dich liebe“. Kein Widerspruch. In der Liebe passiert alles nur, man ist dem ausgeliefert. Das zeigt, dass Liebe kein ausnehmend positives Gefühl ist.

    Lieber rob, vielleicht hast du verfolgt, wie dieser Ordner entstanden ist, nämlich spontan und ohne großartigen Plan. So bin ich nun mal. Sobald ich das erste Buch durchhabe, schreibe ich mehr, aber OB und was das werden soll, weiß ich nicht. So sollte das Gespräch ruhig weit gefächert sein, in keine bestimmte Richtung gehen. Dostojewski sollte nur der Aufhänger sein, wohin das dann jeweils führt, wird man sehen. Deswegen wollte ich auch nicht die Grenzen zwischen Psychologie, Philosophie und Literatur ziehen.


    Ich bin kein Talk-Show-Moderator! Ich habe nur den Ordner aufgemacht. Worüber sollte NICHT gesprochen werden:

    Nun, beispielsweise über die ungeputzten Schuhe.



    tt

  4. #4
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Dostojewski

    Schmerz kann inspirierend wirken. Ein Stachel, der antreibt. Also ist Schmerz nicht eo ipso schlecht. Das bitte ich zu bedenken!

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Dostojewski

    das stimmt! ein völlig glücklicher Mensch ist selten bemüßigt diesen Zustand zu ändern. Meist will er ihn nicht einmal beschreiben. Schmerz = Unglück ist allen kreativen Menschen eigen. Schmerz ist also nicht schlecht, die Frage ist eher, was man mit dieser Triebfeder anfängt. Wer dann allerdings nur Kinder und Katzen quält, dem sollte man wünschen lieber glücklich zu sein.


    Warum soll ich bewusst jemandem Schmerz zufügen, der kein Widerstand leistet, den ich achte?

    warum leiste er denn keinen Widerstand?
    Muss man ihn dann noch mehr quälen?
    Zu Höchstleistungen muss man am besten sich selber quälen. Wer das nicht kann, dem könnte ein Herr R.K.v.W. helfen.
    Qual ist ein sehr wichtiger Bestandteil jedes irgendwie bedeutenden Werkes. Aus Zufriedenheit entstehen nur schlechte Arbeiten. Musikantenstadel, Basteihefte und Rizzi Drucke.

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Dostojewski

    meine dmaen, meine herren,


    Sie haben wohl recht, wenn Sie sagen, schmerz sei ein stachel der antreiben kann. aber wohl erst in der folge des schmerzes, nach und bei verarbeitung. ich wäre wohl sonst nicht zum schreiben gekommen. gleichzeitig kann schmerz aber noch woanders hintreiben, in den selbstmord zum beispiel. aber schmerz kann auch lahm legen.


    >warum leistet er denn keinen Widerstand?


    weil er nicht kann? ein kind ist nun mal nicht in der lage sich gegen einen erwachsenen zu wehren. und eine frau ist (in der regel) auch schwächer als ein mann. das waren aber nur auf der hand liegende beispiele. es gibt noch viele andere, wo man es nicht sofort erkennen mag, wo der quäler und der gequälte sie nicht einmal erkennen.


    >Muss man ihn dann noch mehr quälen?


    na, eben. gibt es aber.


    Sie haben jedoch beide richtig erkannt, dass schmerz ein notwendiger bestandteil des lebens ist. ich bitte jedoch auch zu bedenken, dass mensch auch hochs braucht, sonst verrliert der schmerz sich im einerlei.

    Zunächst mal muss gesagt werden, dass man sich von mir so viel nicht zu erwarten hat. Es sollte eigentlich nur eine Plauderei werden. Habe mir deshalb auch keine Notizen bei der Lektüre gemacht, muss improvisieren. Ich bin weder Dostojewski-Kenner noch Kenner der Geschichte, geschweige denn der Geschichte Russlands, geschweige denn der Verhältnisse des Dostojewski in Russland. Ich kann es allerhöchstens auf Heute übertragen. Ich habe es eigentlich schon bereut in meiner Euphorie diesen Ordner eröffnet zu haben. Ich Idiot, dachte ich.


    "Der Idiot", ein Mann am Rande der Gesellschaft, wie Paul sich ausdrückte. Ich habe bei dem Buch gelacht, gelitten, mir lief es kalt den Rücken runter, musste immer wieder inne halten und über die Begebenheiten nachdenken.


    Sofort als "Idiot" von sich und unserer lustigen kleinen Gesellschaft gebrandmarkt, erkennt einer nach dem anderen, so ein Idiot ist er gar nicht. Gänzlich werden sie dieses Urteil jedoch nie los.


    Vorurteile werden nie ganz abgebaut, immer nur relativiert.


    Nun, tatsächlich, er ist ein Idiot. Ein aufrichtiger, naiver, gläubiger, gutherziger Idiot. In allen Menschen sieht er nur das Gute. Und diese spießige kleine Gesellschaft weiß das auszunutzen, obgleich dieses ausnutzen nie wirklich bösartig ist. Sie spinnen untereinander ihre Intrigen, er wird fast zufällig zum Spielball.


    Ist es nicht immer so? Der Mensch, der allen nur Gutes will, hilft wo er kann, ehrlich und aufrichtig ist, ist der Verlierer? Ich befürchte eine dunkle Wahrheit.


    Er selbst ist zerrissen in vielerlei Hinsicht. Er weiß nicht wo er hingehört, weiß nicht ob Rogoschin sein Freund oder sein Feind ist, weiß nicht mal welche Frau er liebt. Einzig sein Glaube ist fest.


    Mehr ist es doch nicht mehr geworden. Ich gelobe Besserung.


    tt

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Dostojewski

    Lieber Traumtänzer,


    mir ist es immer wieder erstaunlich, dass D. nicht als das aufgefasst wird, was er tatsächlich war, nämlich als ein großer Humorist und Spaßvogel.
    Warum liest man "Die Dämonen" oder die "Brüder Karamasoff" nicht unter diesem Gesichtspunkt? Gibt es etwas köstlicheres und lustigeres als seine endlosen, geschliffenen Dialoge?
    Zum Thema D. und Nihilismus möchte ich noch auf sein übrigens unterhaltsames (und lustiges) "Tagebuch eines Schriftstellers" hinweisen, in dem er sein Verhältnis zu Tschernyschewski und Konsorten, das ihm ja fast die Hinrichtung und einen Sibirienaufenthalt eingebracht hat, selbst erklärt. (Jahrgang 1873)


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  8. #8
    rodbertus
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    AW: Dostojewski

    Karamasoff! Köstlich darin die JESUS-Episode. Das, meine Lieben, ist kein Nihilismus. Beileibe nicht. Ich bereite da mal was vor, tt. So eine Gesprächsgrundlage, wenn Du gestattest.

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Dostojewski

    hallo klammer,


    ich habe ja gesagt, ich lachte herzlich. er hat einen ganz feinen, trockenen humor. aber hinter dem humor steht auch eine große tragik.


    grüße
    tt

  10. #10
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Dostojewski

    Zwei Dinge sind es, die mich an D. begeistern:

    1. Seine Gedanken über den Protestantismus, die ich adaptiert hier wiedergeben möchte.


    D. über den Protestantismus und seine politischen Folgen für unsere Zeit


    Ein großer Dichter des Ostens hatte sich im letzten Jahrhundert mit dem Naturell der Landeskinder [gemeint sind die Deutschen] beschäftigt und Aussagen getroffen, die in ihrer Einzigartigkeit und Richtigkeit aber heute keine Plattform finden, auf der sich's wahrhaftig darüber reden ließe. Zwar wird dieser Dichter in seinen sonstigen psychologisch subtilen Schilderungen ernst genommen, doch verweigern ihm die Verkünder der modernsten Erkenntnisse ethnologischer Studien Kompetenz hinsichtlich der Beschreibung von Volksnaturen, zumal der ihm doch fremden, und weil die Wissenschaft von der Beschreibung jeder Volksnatur den schlechten Atem des Rassismus ins Gesicht des suchenden unbedarften Wissenschaftlers bläst, bleiben die Betrachtungen des Landesfremden lediglich ästhetische Delikatessen für sprachlich Interessierte, wissenschaftlich-inhaltlich dauern sie zumindest in der öffentlichen Meinung als zweifelhafte Fragwürdigkeiten aus, aber sie dauern zumindest aus.
    Diese Tatsache kann als Indiz stehen für Kleingeist, sie steht aber primär als Sinnbild für die verschobene politische Autonomie des Landes, die so weit in Fleisch und Blut übergegangen ist, daß man nicht einmal ein Aussprechen anderstönender Wahrheiten percipieren will als der vorgeblasenen.
    Kommen wir zurück auf den großen ausländischen Dichter: Was hatte er Verfängliches geschrieben? Er schrieb vom Protestantismus als der dem westlichen Staatsgedanken hinderlichen Wesensart. Dies zog den Weltkampf zwischen den großen Erfindungen von Weltherrschaft [1. der staatlichen und sich darauf gründenden Freiheit des Einzelnen westlicher Herkunft (staatliche Vereinigung der Menschen und dann die menschliche) und 2. der religiösen Allmacht und sich darauf gründenden Selbstgenügsamkeit in politisch gearteten Fragen nach individuellen Freiheiten, die dem Menschen des Ostens seinem Vereinigungsideal mit Gott zuwider laufen (erst Vereinigung in Gott, dann die staatliche)] nach sich, wozwischen die Protestanten säßen, die sowohl gegen den Westen als auch gegen den Osten wichtige Einsprüche zu machen gute Rechte besäßen.
    Nicht genug, daß diese Ewigprotestierenden gegen beide Prinzipien Einsprüche geltend machten; sie wollten selbst ein eigenes Prinzip worten und suchten nach der neuen Formel, um die Menschheit zu führen. Diese Suche bildete den modernen Begriff der Philosophie. Ein wenig später nach der Hochzeit dieser Suche geborener Philosoph sprach von der Umwertung der bisherigen Werte, sprach vom geltenden Freiheitspostulat des Geistes, dem allein man sich unterwerfen dürfe. Dies war die Kampfansage an beide Weltherrschaftsprinzipien, das des Ostens, dem man die Gefolgschaft in Gott verweigerte und das des Westens, dem man die Gefolgschaft unter die Herrschaft des Leviathan versagte. Die Freiheit im Geiste war die Formel, unter der sich der Protest artikulieren konnte, aber nicht durfte, denn die bekriegten Prinzipien duldeten dieses Geworte nicht, es stand eigenen Plänen entgegen.
    Nun neigen die großen Prinzipien dazu, feindliche zu subordinieren; der Kampf führte zu zwei großen Kriegen, in denen es dem Westen darum gehen mußte, den renitenten Widerpart auszuschalten, nach Möglichkeit sich selbst einzuverleiben, was ihnen nach dem zweiten großen Krieg endlich gelang, in ihrem Sinne ausgesprochen.



    Die zweite Sache ist die Auseinandersetzung mit dem Nihilismus, allem, was Schuld, Sühne und Vergebung betrifft. Dazu könnte sich Paul äußern, denke ich.

  11. #11
    pjesma
    Status: ungeklärt

    AW: Dostojewski

    fatalismus- unter anderem. wenn überhaupt

  12. #12
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    AW: Dostojewski

    Dostojewski


    hm , hab mir die gesammelten werke mühevoll zusammengesammelt, dann kamen da diese gesammelten werke heraus, billig und hübsch - schön das dostojewski gelesen wird, das freut mich ungemein - über sein leben muß ich ja nihil berichten, das wird da ja irgendwo stehen... - auch wird's keine rede werden, dafür weiß ich zu wenig, aber ein wenig plaudern darüber, das behagt mir schon... -
    schätze das geht nun auch komplett am thema vorbei, weil ich dostojewski nicht mit nihilismus in verbindung bringen würde (über turgenew weiß ich gar nix...) - hoffe es wird verziehen -
    überhaupt würde ich direkt plump behaupten wollen, daß im damaligen wie auch im jetzigen russland eigentlich nichts etwas mit nihilismus zu tun hat - mögen die zeichen auch anderes deuten lassen wollen, denkt man z.b. an die mafia, an jelzin (so, genossen, heute lösen wir mal die duma uf...). an mißwirtschaft in allen variationen (in einem sibirischen ort, wurden die arbeiter einer toilettenpapierfabrik monatelang mit toilettenpapier ausbezahlt - das ist traurig und überaus komisch zugleich - wohnungen voller toilettenpapier... etc. - aber es gibt da diese sog. russische seele, die dies alles irgendwie hinnimmt und zu resorbieren versteht - und diese seele ist es auch, die mit nichts eigentlich nichts am hut hat... - früher wie heute - mögen da auch formen von anarchie beigemengt sein, aber die genügsamkeit, der glaube (an was auch immer, das hat sich heute schon krass geändert, sekten haben gefundenes fressen dorten...) und die ehrfurcht vor den eltern, vor mütterchen russland und väterchen frost - diese werte halten das ganze doch zusammen, insofern würde ich im allgemeinen nicht von anarchie reden wollen... -
    dostojewski - eigentlich gehörte er in einen eigenen ordner - psychologie mehr, als philosophie... -
    am liebsten mag ich seine erzählungen, seine "kleineren" romane, als da wären:
    der lebenslängliche ehemann, der spieler, aufzeichnung aus einem totenhaus, helle nächte, die sanfte, auzeichnungen aus dem kellerloch - bei all diesen hat er mehr experimentiert, mehr gewagt, mehr grenzen aufgesucht - vor allem bei letztgenanntem, da geht's ganz schön zur sache, es fällt auch komplett aus dem dostojewki-rahmen, find ich - schön mit schmackes geht es an die grenzen des menschlich ertragbaren - erinnert ein wenig an die grenzen, die hesse in seinem steppenwolf aufzeigt - nicht als verglich, nur zur veranschaulichung... -
    und dieses "an die grenzen der psyche gehen" mag durchaus in ein tiefes, leeres loch fallen lassen, in ein nichts gar... (der rote faden...) - auch "der idiot" steht doch am rande der gesellschaft, der spieler ebenso und er selbst, dostojewski, hat sich in omsk sicherlich auch einiges durch den gemarterten kopf gehen lassen... -
    meine lieblingserzählungen sind übrigens "die sanfte" und "helle nächte" - ach wunderbar, romantik muß gar nicht kitschig sein, hat man (er...) die psychologischen samthandschuhe an... -
    wo war ich stehen geblieben?...

  13. #13
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Dostojewski

    "das alles war ganz natürlich; die menschen sind ja dazu geschaffen, einander zu quälen."




    Wenn ich "Der Idiot" richtig erinnere, funktioniert eben gerade das nicht bei dem Idioten, was Robert sagt. Aus seinem empfundenen Schmerz heraus, versucht er permanent Verständnis für sein Gegenü?ber zu bringen, d.h. das Gegenüber hat Schmerz, den er an den Idioten abwälzt. Der Idiot reagiert darauf mit Verständnis und regeln zum Positiven des Gegenübers. Genau dass erscheint mir der Haken an ihm zu sein, der ihn zum Idioten hat werden lassen, ihn krank machte. Gut sein wollen, kann krank machen, wenn derjenige sich nicht in der Lage sieht, sich einmal zur Wehr zu setzen.


    Dostojewski und Humor
    Ich kenne nur eine Erzählung aus den Meistererzählungen, die ebenfalls mit Anstand und Sitte zu tun hat, und der Protagonist sich von einer Blamage in die andere wirft. Es war eine Geburtstagsfeier, "Eine dumme Geschichte", die mich Tränen hat lachen lassen. Und nie war sie zuende, was manchmal einen leichten Lesehänger auslöste.


    Sehr nachdenklich und aufgerührt hatte mich eben aus den Meistererzählungen: Weihnacht und Hochzeit. Dostojewski scheint irgendwie immer als haargenauer Beobachter, der aber mitdenkt, mitleiden lässt. Ich mag ihn und seine Geschichten sehr, finde aber auch, dass sie für heutige Verhältnisse etwas betulich daherkommen und nicht jeden Tag zu genießen sind. Und doch, ob es nun in Russland spielt, oder zum heutigen Zeitpunkt - das spielt zu den Inhalten für mich keine Rolle. Nur die heutigen Umstände von Sitte und Anstand und unsere allgemeine Offenheit sind halt inzwischen so ganz anders. Nicht anders ist das, was den Menschen in der Seele zwickt, obwohl alles anders ist.

  14. #14
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Dostojewski

    Kaniuk behauptet, D. sei eine Antisemit gewesen!

  15. #15
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Dostojewski

    nun, das kann man nicht ganz von der hand weisen. es gab sowohl beim "idioten" als auch im "jüngling" passagen oder sätze, die relativ unmißverständlich gegen juden gerichtet waren. nun ja, ich werde da mal nächstes jahr ein wenig weiterforschen, mal drauf achten, bei der nächsten lektüre.

  16. #16
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Dostojewski

    Dostojewski wird vielfach als Ahnherr jener Ideologie bemüht, nach der die "jüdische Idee" der "russischen Idee" feindlich gegenüber stehe.

  17. #17
    rodbertus
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    AW: Dostojewski

    Da würde ich gern mehr drüber hören, allerdings will ich jetzt nicht stundenlang suchen und dicke Wälzer lesen.
    Ich habe Dostojewski seinerzeit studiert, mich mit seiner gequälten Seele beschäftigt, seine Theorien über die Zukunft Europas zur Kenntnis genommen und in meinem Manifest auch verarbeitet, aber über einen Anti-Semitismus bin ich nicht gestolpert.


    In Deinem Kontext sehe ich das auch nicht. Da muß ich schon mehr lesen/erfahren. Mich würde auch interessieren, ab wann man Anti-irgend etwas ist. Ist Kritik üben schon ANTI-sein? Ist Gegensätze formulieren schon ANTI-sein?


    Bitte um Aufklärung!

  18. #18
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    AW: Dostojewski

    Dekabristen


    es war im Dezember,
    freiwillig enthoben sich
    die Frauen ihres Standes -
    oh, Kraft der Liebe! -
    folgten ihren Männern nach Sibirien,
    die dorten längst schon zu Geist geworden...-
    im Arbeitslager wurde Hochzeit abgehalten,
    der Bund fürs Leben,
    der Bund fürs Sterben... -
    beim Tausch der Ringe
    klirrten die Fussketten -
    es war im Dezember,
    nachts höre ich manchmal ihre Lieder singen...

  19. #19
    rodbertus
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    AW: Dostojewski

    Du bist zu spät, hundert Jahre zu spät. Oder Du bist zu zeitig, zwei Monate zu zeitig. Früher Nebel ist in Deinem Text. Jetzt steht die Tür offen, er zieht hinein, was geschieht; vor meiner ausgestreckten Hand zerstiebt er, platzt sich aus, wird aufgelöst, gebrochen, zernetzt. Das willst Du! In dem Wort willst Du mich fangen, mich Leser, willst den Ton mir sagen, willst mich umstricken, in einer Fallsucht mich gefangen nehmen. Ja, und das garnierst Du mit extemporiertem Dostojewski. Ich irre, es ist die Anna. Und Anna ist nicht zufällig ein Anagramm. Sie kann sich drehen und wenden, wie sie's vermöchte, es bleibt alles bei sich, bei sich und unverändert, unveränderbar.

  20. #20
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Dostojewski

    Manches Mal leb ich den "Traum eines lächerlichen Menschen"....in diesem Stück hat Dostojewski mir die Theokratie wirklich versaut....

  21. #21
    rodbertus
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    AW: Dostojewski

    in der darstellung des großinquisitors entwickelt dostojewski eine erste anti-utopie, wie sie dann in der russischen literatur noch von solowjew oder samjatin weiterentwickelt wird, vielleicht muß sogar lenins sowjetstaat darunter subsumiert werden.
    der großinquisitor bezeichnet die menschen als unmündig, schwach und niederträchtig. deshalb müsse ihnen die freiheit genommen werden. um sie im zaume zu halten habe der führer des staates brot, spiele und sicherheit zu bieten, ein starres konzept der überwachung gewährleiste die sicherheit, ein system der überwachung würde anarchie unterbinden.

    das sind prinzipien, wie sie auch in den protokollen der weisen zu zion (genaueres hier) beschrieben werden, später dann auch bei aldous huxley oder bei george orwell, natürlich bei etlichen paranoikern, die gesellschaftskonzepte faschistoider natur entwickeln. dystopen.

    ich glaube, die entwicklung eines gesellschaftlichen konzepts ist vom menschenbild abhängig. wer den menschen, die masse der menschen wie dostojewski beschreibt, der kann nur zu einem obrigkeitsstaat, einem führerstaat kommen, wenn er ein gesellschaftskonzept entwerfen soll.

  22. #22
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Dostojewski

    in der tat geht es beim großinquisitor um die masse. und um das darüberstehen von wenigen, die für die masse zu denken sich berufen fühlen. und auch bloß geburt der masse sind. widerlich. bedauerlicherweise gibt es das noch immer. stichwort bacherpark.


    nun gut.


    gelegentlich kratze ich mich ja am sack. und da fällt mir oft und gerne ein, was canetti über das phänomen masse gesagt hat:


    "viele wissen nicht, was geschehen ist, sie haben auf fragen nichts zu sagen, doch sie haben es eilig, dort zu sein, wo die meisten sind... die bewegung der einen, meint man, teilt sich den anderen mit, aber das allein ist es nicht: sie haben ein ziel. es ist da, bevor sie worte dafür gefunden haben: das ziel ist das schwärzeste - der ort, wo die meisten menschen beisammen sind."

  23. #23
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Dostojewski

    Du warst schonmal im Assoziations-Blaster ... dünkt mir.

  24. #24
    Sohn des Hauses
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    AW: Dostojewski

    Mit 18 schrieb er seinem Bruder in einer Diskussion (die führten damals Diskussionen über den Briefweg...wie mühsam bagh) über die Notwendigkeit der Ergründung des menschlichen Wesens, dass er unbedingt den menschlichen Geist erfassen möchte weil er den Wunsch hat selbst ein Mensch zu werden. Dem kann ich mich nur anschließen...

  25. #25
    rodbertus
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    AW: Dostojewski

    ist das ironie oder tiefgelegter humor, was d. da im totenhaus über sibirien schreibt? man erfahre dort den tieferen sinn des lebens und nur oberflächliche naturen würden sibirien verlassen wollen. liegt in dieser vermischung von ironie und humor vielleicht das geheimnis von d.s erfolg?


    ich muß hier aber auch kritisch sein: eine sammlung skurriler typen, die beschreibung ihres tuns im gefängnisalltag, der verzicht auf eine kernhandlung, der statt dessen eine blasse rahmenerzählung gegeben wird, macht keine guten roman. psychologisch unstimmig blieb das sozialverhalten des "helden", nachdem er in die gesellschaft zurückkehrte. oder habe ich da was überlesen? eine gebrochen-nichtgebrochene figur, eines ETA wert, aber dennoch handlungsarm.

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