+ Antworten
Seite 1 von 2 12 LetzteLetzte
Ergebnis 1 bis 25 von 38

Thema: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    624
    Renommee-Modifikator
    20

    Post Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    Die Sprache ist unbrauchbar.
    So sehr sich der Schreibende auch bemüht,
    die Wörter drücken alles zu Boden
    und machen die totale Wahrheit
    auf dem Papier
    zur Lüge.


    -Thomas Bernhard

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    627
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    ich lüge immer.
    glaub mir, das ist die wahrheit.


    -kl.


    (auch bernhard hatte mal nen schlechten tag.)
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    31.July 2000
    Ort
    Münster
    Beiträge
    91
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    Wirklich, ein außergewöhnlich bescheuertes Zitat.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    27.July 2000
    Ort
    Freiburg im Breisgau
    Beiträge
    510
    Renommee-Modifikator
    21

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    ...gar nicht so doof. Kennt man doch: In Worte 'gekleidet', ja, das Wortkleid, darunter aber ist es splitternackt, aber was ist das? Am Anfang war da Wort.. genug, sonst werd ich noch katholisch..

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    5.621
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    28

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    Wenn es das Nichts ist, welches das Weiß auf dem Papier aussäumt, dann zerstört eingegoßne Sprache die Wahrheit, daß Papier nichts ist. Somit kann ich dem Spruch freundlich zuwinken.


    Herr Jones, bitte äußere Dich über Deine Absicht! Es ist nicht Dein Spruch, wie ich Deiner intensiven Ordnerpflege entnehmen kann, stellst Du klare Akzentuierungen in den umrandeten Raum. Also, bitte!

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    624
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    yessircornelsir!
    in weniger als 72 stunden...

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.October 2000
    Ort
    Bad Füssing
    Beiträge
    998
    Renommee-Modifikator
    22

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    Versucht ein Wort zu werten?


    Ein Wort bedeuted Bedeutung. Meine Frage zielt in viele Richtungen. Eine, einfache, ist sicherlich der Klang eines Wortes, die Zusammensetzung der Buchstaben und wie sie gesprochen klingen, selbst geschrieben in meinem Hirn. Besteht ein Wort aus vielen a, dunklen o, ist dann das Wort nicht schon bedrohlich, wertet es nicht allein durch seine Zusammensetzung?


    Etwas, das ich nicht richtig in Worte fassen kann: Wir wachsen mit beigebrachten Worten auf. Ich höre "Baum" und stelle ihn mir vor, anfaßbar. Was stelle ich mir bei "Bedeutung" vor, welches Bild geistert da durch mein Hirn? Welches bei "Drohung"?
    Kein Wort, nur ein Gefühl. Eine Wertung?
    Erfahrene Verbindungen, wie darf ich sie mir erklären? Einer, der schreibt, versucht mit Worten, Gefühle zu erzeugen. Er wertet das Wort. Wertet das Wort?

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    624
    Renommee-Modifikator
    20

    Post AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    Die Unbrauchbarkeit der Sprache. Ich habe eure Kommentare gelesen dazu, gegessen, verdaut, ich habe darüber geschmunzelt, stirngerunzelt, habe sie einfliessen lassen in meine Stellungnahme, habe Folgendes gekritzelt jedenfalls:


    Vorerst sei zum Bernhard-Zitat bemerkt, dass es sich selbst in den Schwanz beisst. Jedenfalls kommt mir dabei sofort die alte Paradoxie des Epimenides aus Kreta in den Sinn, von dem bekanntlich die Aussage stammt, alle Kreter seien Lügner. Indem der Schriftsteller Thomas Bernhard schreibt, die Wörter machten die totale Wahrheit auf dem Papier zur Lüge, stehe ich als Leser dieser seiner Wörter nämlich vor demselben unlösbaren Problem, welches auch die „Alle-Kreter-lügen“-Paradoxie aufwirft: Ist die Behauptung Bernhards nun wahr oder nicht?


    Im Unterschied zu Epimenides, der durchaus ein Witzbold gewesen sein mag, vermeine ich im Tonfall Bernhards allerdings eine grosse Portion an Ernsthaftigkeit herauszuhören. Skepsis klingt darin, und hallt nicht ein Pessimismus nach von einer Tiefe, dass es einem, der ebenfalls ab und an schreibt, unvermittelt die Kehle zuschnüren könnte? Ich fühle: Thomas Bernhard meint es ehrlich, er schreibt die Wahrheit; eine Wahrheit, die vielleicht Bernhards Antwort wäre auf eine Frage wie: Ist nicht jede Schriftstellerexistenz im Grunde von vornherein zum Scheitern verurteilt?


    Aber ist es wirklich wahr, ist Sprache unbrauchbar? Ich lese die Zeitung und gebe eine Bestellung für das Mittagessen auf im Restaurant, ich unterhalte mich mit dem Nachbarn über das Wetter und daheim auf dem Küchentisch liegt ein Zettel, die Einkaufsliste für morgen: Butter, Milch, Eier, Salat, WC-Papier, Shampoo, Zahnpaste... Da mein Gehirn funktioniert wie ein Sieb, werde ich diese Liste morgen beim Einkaufen unbedingt brauchen. Warum kann also Bernhard von einer Unbrauchbarkeit der Sprache schreiben, wo ich doch überall auf die Sprache angewiesen bin? Weil er nicht die Sprache als Mittel zum Zweck der Informationsübertragung nach dem bekannten Vom-Sender-zum-Empfänger-Prinzip meint, sondern die Sprache als Instrument des Schriftstellers. Als Schriftsteller trachtet er nämlich nicht danach, Tatsachen niederzuschreiben, sondern, und nicht ganz bescheiden: die „totale Wahrheit“.


    Nun, Gott allein kennt die Wahrheit, die totale. Falls Gott nicht existiert, gibt es über die Menschen hinaus keine Wahrheit. Oder braucht der Kosmos eine Wahrheit, um da zu sein? Vielmehr verkörpert er selbst, wenn schon, die Wahrheit. Aber ich will mich hier nicht in Philosophereien verlieren, zumal für den Menschen die Wahrheit auch sonst ein Problem ist, ein typisch menschliches, möchte ich sagen. Dabei meine ich nun aber nicht die Wahrheit eines durch Konventionen und Normierung festgelegten Regelwerks, wie es die Mathematik darstellt, sondern eine andere Wahrheit, die nur das Individuum kennt – jene subjektive Wahrheit, die gleichzusetzen ist mit der Realität im Kopf des Einzelnen, eben jene persönliche Wahrheit, die, wie mir scheint, Thomas Bernhard meint, wenn er schreibt:


    „Die Wörter machen die totale Wahrheit auf dem Papier zur Lüge.“


    Nach einer landläufigen Definition wäre Wahrheit die Übereinstimmung einer Aussage oder eines Gedankens mit der Wirklichkeit. Der Baum ist aus Holz. Das stimmt, ist demnach eine Wahrheit, soweit. Aber was ist Holz? Holz ist Materie, und Materie setzt sich bekanntlich zusammen aus Molekülen und Moleküle aus Atomen und Atome aus noch kleineren Partikeln und diese... liessen sich immer weiter zerlegen, wahrscheinlich. Ich frage nun: Wo fängt die Lüge an? Bei einer bewusst unwahren Aussage oder bereits dort, wo ich, womöglich ebenfalls bewusst, aber vor allem halt zwangsläufig etwas verschweige? Wenn ich sage, ein Baum sei aus Holz, ohne gleichzeitig zu sagen, woraus Holz ist und woraus das ist, was ich als Antwort gebe auf die Frage, woraus Holz ist, usw. – lüge ich dann?


    Bernhards Satz lässt sich erläutern anhand eines Vergleichs zwischen dem Schriftsteller Thomas Bernhard (oder einem beliebigen anderen Schriftsteller) und dem Bildhauer Michelangelo, welcher anno dazumal nichts ersinnen konnte, was unter seiner Fläche nicht der Marmor bereits in sich enthielt. Nämlich eifert auch der Schriftsteller Bildern nach, die er irgendwann vor seinem geistigen Auge sah, und versucht diese in Sätze zu fassen, die er in sich hört. Aber ganz anders als Michelangelo, der durchaus davon überzeugt war, die Hand, die ganz dem Geist gehorche, könne das Bild im Stein erreichen, ist Bernhard in diesem Punkt voll Skepsis. Verständlicherweise, denn zwischen der Arbeit des Schriftstellers und jener des Steinbildhauers gibt es einen himmelweiten Unterschied. Der besteht im Stoff, an dem und mit dem beide arbeiten. Dinge wie Michelangelos Marmor existieren nämlich in anderer Weise als Gedanken, deren Substanz nicht materiell ist. Während also Michelangelo einen Stein vor sich hat, ein Ding, aus dem er mit dem Meissel eine Form schält, sieht sich Bernhard als Schreibender gezwungen, seine Imagination zu formen und zu gestalten, quasi aus dem Nichts heraus. Anders ausgedrückt: Der Schreibende formuliert seine Gedanken und Ideen, denn nichts anderes als dies bedeutet es, wenn man schreibt. Ausgangspunkt des Vorstellungsvermögen aber ist immer die Wirklichkeit, jene Wirklichkeit, die Michealangelos Stein ist. Diese Wirklichkeit umzusetzen in geschriebenen Text bedeutet für den Schriftsteller, sie in ein Kondensat zu überführen. Das Instrument des Schreibenden, um dieses Kondensat bzw. Michelangelos Bild im Stein zu erreichen, ist die Sprache, sind die Wörter. Eben jene Wörter, welche gemäss Bernhard „alles zu Boden drücken“. Denn Wörter funktionieren ja folgendermassen: Sie rufen geistige Bilder hervor im Menschen. Etwa ein Wort wie Baum. Sofort hat jeder Leser eine Vorstellung von diesem Baum. Selbst im dunkelsten Raum noch sieht er den Baum. Aber Worte sind Symbole, und Symbole bezeichnen nicht die Wirklichkeit, sondern vielmehr die Idee hinter der Wirklichkeit. Der Baum, den der Schriftsteller beschreibt, ist vielleicht jener in seinem Garten. Der Baum jedoch, den der Leser erkennt, ist vielleicht jener vor seinem, des Lesers Fenster. Ohne dies weiter zu erklären, möchte ich stattdessen festhalten: Der Schreibende braucht Wörter, braucht Symbole, mit denen er seine Wirklichkeit beschreibt. Diese kleiden seine Wahrheit ein. Doch eben dadurch verhüllen sie diese Wahrheit, anstatt sie zu offenbaren. Während der Bildhauer dankbar sein inneres Bild von der Hülle des Steins befreit und dadurch letztlich die nackte Wahrheit zeigt, so er sie denn erreicht, muss der Schreibende einsehen, dass er die Wahrheit verschleiert mit seinen Wörtern, und so schreibt Bernhard: „Die Wörter drücken alles zu Boden und machen die totale Wahrheit auf dem Papier zur Lüge.“


    Was ich soeben sehr theoretisch und gezwungenermassen abstrakt zu erklären versucht habe, lässt sich einleuchtender anhand eines Beispiels zeigen. Das Wort „unbeschreiblich“ nämlich braucht der Schriftsteller überall dort, wo er die totale Wahrheit aufs Papier zu bringen versucht. Sei es das Wunderbare einer unvergesslichen Liebesnacht oder das Grauenvolle, das sich ereignet hat in den Nazi-Konzentrationslagern, unbeschreiblich ist beides, die Wörter reichen nicht hin bis zur totalen Wahrheit, sondern beschreiben immer eine andere Wahrheit und Wirklichkeit. Thomas Bernhard nennt diese: eine Lüge.


    Wenn ich selbst schreibe, tue ich es im Bewusstsein beziehungsweise aus dem Bewusstsein heraus, dass niemand sonst dasselbe zu sagen vermöchte in derselben Art und Weise wie ich. Dabei teile ich Bernhards Skepsis insofern, als auch ich mich als Schreibender zuweilen eingeengt fühle von den Grenzen der Sprache. Jedoch teile ich nicht Bernhards Pessimismus. Wohl mag es stimmen, dass sich die „totale Wahrheit“ nicht niederschreiben lässt, zumal diese eine vielschichtige Angelegenheit ist und alle Wörter nie deren ganze Tiefe auszuloten vermögen, sondern, wenn man Glück hat, kratzen sie wenigstens an ihrer Oberfläche. Nichtsdestotrotz glaube ich fest, dass das Geschriebene, mit dem immer auch alles Ungeschriebene hinter und zwischen und unter den Worten gegeben ist, sich wahr deuten lässt. Jedoch ist dies dann die Aufgabe des Lesers. Das Unaussprechliche, sage ich mir, ist das Leben schlechthin, und ein Text ist von anderer Natur als dieses, ist von der Substanz, aus der Träume gemacht sind. Ich gebe die Unmöglichkeit zu, jemals mit Wörtern die totale Wahrheit zu erreichen, aber ich denke nicht, dass es überhaupt darum geht. Man erreicht nämlich immer eine Wahrheit, aber eine andere halt. Die eine, die totale Wahrheit ist so schön und unmöglich wie Perfektion. Und so halte ich dem Zitat Bernhards ein anderes von Hilde Domain entgegen:


    Ich setzte den Fuss in die Luft,
    und sie trug.


    Und denke mir dabei: Es wird schon seinen guten Grund haben, dass Papier derart geduldig ist. Also Hand aufs Herz und Schwamm drüber, schreibe ich und träume mich ein Stückchen weiter. Auch wenn das kaum die totale Wahrheit ist.


    für hilde: bitte, gern geschehen.


    zu deinen wahrheiten: ich überleg noch, ob ich zu deinen gläubigern gehören will.


    und: an der oberfläche kratzen nur idioten, schreibst du, robertus. idioten wie dostojewski, goethe, wittgenstein, idioten wie dylan und dürrenmatt. wir könnten selbstverständlich der mauer um uns auch den rücken zukehren und stattdessen mit dir spielen. machen wir ja auch, dann und wann. aber die hoffnung, irgendwann ein loch gegraben zu haben durch diese verflixte mauer, die geben wir halt so schnell nicht auf. wir sind idioten, stimmt schon.


    Robert meinte:
    Das Paradoxe in des Epimenides Aussage löst sich auf, wenn wir ihn nicht als Verkünder einer Wahrheit betrachten, einer logisch bzw. erkenntnistheoretisch zu beleuchtenden Aussage, sondern unter kommunikativem Aspekt.

    folgender text dazu, um das wirrwarr in unseren köpfen zu vervollkommnen, denn wo immer wir denken, ordnung geschaffen zu haben, tritt sofort - von einer höheren warte aus betrachtet - alles chaos von neuem offen zutage:




    Das Paradoxon
    _______________________


    Rabbi Ephraim erzählte:
    In einem bayrischen Barfüßerkloster lebte einst ein Mönch namens Ignatius. Sein ganzes Leben verbrachte er mit dem Studium der Lehre des Aristoteles, der, obwohl ein Heide, von der Kirche jahrtausendelang als Autorität anerkannt, ja geradezu verehrt wurde. Besonders die Logik des Aristoteles hatte es dem Mönch angetan, die da sagt, daß ein Gegenstand nur entweder A oder Nicht-A sein könne, und ein Drittes gibt es nicht; und daß eine Aussage entweder wahr oder falsch sei, und nicht beides oder etwas ganz anderes sein könne. Schließlich stieß er auch auf das berühmte Lügnerparadoxon, in welchem Epimenides der Kreter erklärt: "Alle Kreter lügen." Nun ist dieses Paradoxon gar keines. Wäre die Aussage des Epimenides wahr, so würden alle Kreter, folglich auch dieser, lügen, folglich wäre seine Aussage falsch, und nicht alle Kreter lügen. Ist der Satz des Epimenides aber falsch, so ergibt sich kein Widerspruch. Dieser Kreter lügt zwar, aber nicht alle.


    Schwieriger wird es aber, wenn irgendjemand, er sei ein Kreter oder nicht, behauptet: "Ich lüge jetzt", oder: "Dieser Satz ist falsch".


    Ist der Satz richtig, dann muß er, wie er selber behauptet, falsch sein. Ist der Satz aber falsch, dann ist das Gegenteil wahr von dem, was der Satz behauptet, also ist der Satz richtig. Wenn der Satz richtig ist, ist er falsch, wenn er falsch ist, ist er richtig, und so dreht sich die Sache im Kreis. Das ist ein Paradoxon.


    Viele Jahre seines Lebens grübelte Bruder Ignatius über diesem Paradoxon. Ist der Satz richtig, so ist er falsch, ist er falsch, so ist er richtig, ging es ihm ständig im Kopf herum. Es war seine ständige Meditation, sein Credo und sein Amen. Eines Tages jedoch durchhieb Bruder Ignatius den gordischen Knoten und schrie laut hinaus:


    "Es gibt noch ein Drittes neben Wahr und Falsch: und das ist Paradox"


    In dieser Nacht erschien in demselben Kloster dem Mönch Bonifatius der Teufel. Bonifatius war kein Logiker, wie Ignatius, sondern befaßte sich, wie es manche Mönche tun, mit Theologie. Sein besonderes Fachgebiet war der Teufel. Man kann sagen, daß Bonifatius alles über den Teufel wußte, was - außer dem Allwissenden selbst - jemand wissen kann. Eine der interessanteren Tatsachen über den Teufel, die er herausfand - er hatte auch weniger interessante herausgefunden, wie die Dicke seiner Hörner, das Gewicht seines Hufes, oder die Länge seines Schwanzes - eine der interessanten Tatsachen jedenfalls, die Bonifatius herausgefunden hatte, war die, daß der Teufel, der Geist, der stets verneint, niemals die Wahrheit sagt. Vorstellen kann sich das jeder leicht, es leuchtet ein und klingt plausibel. Doch in jenem Kloster hatte man die Theologie zur exakten Wissenschaft erhoben. Die genaue Methode tut hier nichts zur Sache, jedenfalls hatten die Untersuchungen und Experimente des Bruder Bonifatius exakt ergeben, daß der Teufel niemals die Wahrheit sagt.


    In dieser Nacht nun erschien dem frommen Mönch der Gewisse. Bruder Bonifatius, reinen Herzens und unbelasteter Seele, war weniger geängstigt als vielmehr erfreut, dem Objekt seiner Forschungen einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.


    "Darf ich Dir einige Fragen stellen?" bat er den Teufel ungeniert.


    "Nein!" sagte dieser.


    Bruder Bonifatius bedankte sich erfreut, denn dies war die Antwort, die er sich erhofft hatte.


    "Werde ich in die Hölle kommen?" fragte er.


    "Das weiß ich nicht!" antwortete der Höllenfürst lächelnd.


    "Du weißt es sehr gut", sagte Bruder Bonifatius. "Ich weiß, daß Du nie die Wahrheit sagst!"


    Da überzog ein bösartiges Lächeln das Gesicht des Höllenfürsten wie eine Maske aus Spinngewebe:


    "Ja, das stimmt," sagte der Böse, "ich sage nie die Wahrheit!"


    Und mit einem teuflischen Lachen, dessen Echo aus allen Ecken des Klosters widerhallte, verschwand der Teufel.


    Bruder Bonifatius stand da wie mit einer Keule getroffen. Wie konnte das sein? Wie konnte der Teufel zugeben, daß er nie die Wahrheit sagte?


    Bruder Bonifatius begann zu grübeln. Als notorischer Lügner hätte der Teufel doch sagen müssen: Nein, ich sage immer die Wahrheit! oder: Doch, manchmal sage ich auch die Wahrheit, jedenfalls etwas in diesem Sinn.


    Konnte es sein, daß der Teufel die Wahrheit gesagt hatte? Das würde aber doch bedeuten, daß der Teufel nie die Wahrheit sagte, also auch dieser Satz unwahr war!


    Der Satz widersprach sich selbst!


    Wenn dieser Satz aber unwahr war, dann hieß das, daß der Teufel doch manchmal die Wahrheit sagte, zwar nicht unbedingt in diesem Fall, aber hin und wieder, wenigstens ein einziges Mal. Logisch ergab diese Annahme keinen Widerspruch. Aber sie stand im Widerspruch zu der von Bruder Bonifatius mitentwickelten Exakten Theologie. Denn die hatte doch eindeutig, mit mathematischen und physikalischen Mitteln nachgewiesen, daß der Teufel nie die Wahrheit gesagt hatte, sagte, oder sagen würde!


    War die Exakte Theologie doch falsch? Hatten die Klerikalkulationsprogramme versagt? Waren die Theologarithmen fehlerhaft?


    Demütig schlich Bruder Bonifatius zum Abt und gestand ihm seine Zweifel, und daß möglicherweise die Exakte Theologie und mit ihr das dem Kloster zugeteilte Forschungsbudget auf wackligen Beinen stünden. Der Abt gebot dem Bruder Bonifatius strengstes Stillschweigen und berief sofort eine geheime Beratung seiner vier oder fünf vertrautesten Mönche ein. Unter denen war auch Bruder Ignatius. Als er die Problemstellung hörte, brauchte er nicht lange nachzudenken. Lächelnd erhob er sich und sagte:


    "Verehrter Abt, liebe Mitbrüder, ich kann euch beruhigen, der Exakten Theologie und unserem Forschungsbudget droht keine Gefahr. Unser Bruder Bonifatius ist einem Trugschluß aufgesessen. Seine Schlußfolgerung lautete: Wenn der Satz des Teufels wahr ist, dann sind alle Sätze des Teufels falsch, folglich auch dieser. Da dies ein Widerspruch ist, so schloß Bruder Bonifatius, kann der Satz nicht wahr sein. Wenn er aber unwahr ist, so schloß er weiter, so muß der Teufel zumindest einmal irgendwo, irgendwann die Wahrheit gesagt haben. Und dann ist die Exakte Theologie falsch, die nachgewiesen hat, daß der Teufel noch nie die Wahrheit gesagt hat. Nun liebe Mitbrüder, an dieser Schlußfolgerung stimmt eines nicht: Wenn ein Satz nicht wahr ist, so heißt das noch nicht, daß er falsch ist. Er kann auch paradox sein. Von paradoxen Sätzen kann man nicht sagen, ob sie wahr oder falsch sind. Denn beide Annahmen führen zu einem Widerspruch. Ich erinnere an das berühmte Lügnerparadoxon vom Kreter Epimenides.


    Der Satz des Teufels, der unseren Bruder Bonifatius so beunruhigt hat, ist so ein Satz. Weder wahr noch falsch, sondern einfach paradox. Der Satz des Teufels ist ebenso paradox wie die Sätze: ,Ich lüge jetzt? oder: ,Dieser Satz ist falsch?. Er ist weder wahr noch falsch, denn da der Teufel nie die Wahrheit sagt, kann der Satz nicht wahr sein. Da er aber behauptet, daß der Teufel nie die Wahrheit sagt, kann er auch nicht falsch sein. Er ist paradox. Und die exakte Theologie ist gerettet. Wir dürfen nur die Aussage ,Der Teufel sagt nie die Wahrheit' nicht so verstehen, als bedeute sie ,Der Teufel lügt immer'. Sie bedeutet vielmehr: ,Was der Teufel sagt, ist entweder falsch oder paradox'."


    Die Ausführungen von Bruder Ignatius überzeugten einige der Mönche, die anderen jedoch nicht. Zweifel machte sich breit. Unter anderem zweifelte auch der Bruder Bonifatius. Da die Fortsetzung der Diskussion zu keiner Lösung führte, befahl der Abt den beiden Mönchen, zu fasten und um eine göttliche Eingebung zu beten.


    Das taten die beiden denn auch, gehorsam und voll Hingebung. Sie fasteten vierzig Tage lang, und am einundvierzigsten Tag starben sie. Beide zur selben Minute. Der Herr hatte sie zu sich gerufen.


    "Endlich werden wir nun die Wahrheit erfahren", sprach die Seele von Bruder Bonifatius zur Seele von Bruder Ignatius während der Himmelfahrt.


    "Sicher," sprach des Seele von Bruder Ignatius, "denn der Herr lügt weder noch ist er paradox."


    Der Herr empfing die beiden Seelen mit ernster Miene.


    "Nun, was habt ihr mir zu sagen?" fragte er bekümmert.


    "Stimmt es, daß der Teufel nie die Wahrheit sagt?" fragte die Seele von Bruder Bonifatius.


    "Ja, das stimmt", sagte der Herr.


    "Und stimmt es, daß es außer wahren und falschen Sätzen auch noch eine dritte Art gibt, nämlich paradoxe?"


    "Ja, das stimmt", sagte der Herr. "Es gibt die beiden Wahrheitswerte Wahr und Falsch, und es gibt Sätze, die keinen dieser Wahrheitswerte haben, sondern paradox sind."


    "So dürfen wir frohlocken?" fragten die beiden Seelen vorsichtig, denn die Miene des Herrn schien ihnen düster.


    "Ihr habt, scheint's, noch nicht begriffen, was passiert ist. Du, Bonifatius, hast den Teufel zu einer paradoxen Antwort provoziert! Und du, Ignatius, hast ihn mit deiner Entdeckung auf diese Idee gebracht. Denn wo Menschen forschen, schaut ihnen der Teufel beständig über die Schulter, um zu sehen, wie aus den Erfindungen des Geistes teuflischer Nutzen gezogen werden kann. Und nun seht, was ihr angerichtet habt. Der Satz des Teufels ist nämlich nicht nur paradox, sondern zugleich noch etwas viel Schlimmeres. Seht euch diesen Satz an:"


    Und der Herr schrieb mit seinem Finger in die Wolken:


    "Dieser Satz ist entweder falsch oder paradox."


    "Nun," sprach er, "ist der Satz wahr, falsch oder paradox? Wenn er wahr ist, dann muß er entweder falsch oder paradox sein, wie er selbst behauptet. Wenn er aber falsch ist, dann stimmt seine Behauptung, also ist er wahr. Wenn er paradox ist, so trifft seine Behauptung wiederum zu, also ist er wiederum wahr. Wenn er aber wahr ist, so muß er entweder falsch oder paradox sein! Siehst du nun, was du angerichtet hast, Ignatius? Ständig werden wir zwischen den Wahrheitswerten hin- und hergeworfen. Es ist also offensichtlich, daß der Satz wirklich paradox ist, und zwar so paradox, daß wir nicht einmal entscheiden können, ob er paradox ist. Wenn wir aber zugeben, daß er wirklich paradox ist, dann ist er doch wahr! Und wir müssen zugeben, daß er paradox ist, denn wir können doch nicht sagen: dieser Satz ist nicht wahr, er ist nicht falsch, und es stimmt auch nicht, daß er keinen Wahrheitswert hat! Und nun versteht ihr hoffentlich, was wirklich geschehen ist: der Teufel, der nie die Wahrheit sagt, hat einen paradoxen Satz gesagt. Und dieser paradoxe Satz ist wahr! Versteht ihr, was das bedeutet? Die Paradoxie ist wahr, und die Wahrheit ist paradox!"


    "Aber Allmächtiger!" rief Bruder Ignatius aus, "Hast Du das nicht schon immer gewußt?"


    "Ich schon," sagte der Herr, "aber ich habe gehofft, es vor euch geheimhalten zu können. Jetzt muß ich dieses Geheimnis mit euch teilen!"


    "Du mußt?" sprach Bonifatius erschüttert. "Du bist doch der Allmächtige?"


    "Ach Gott," seufzte der Herr, "allmächtig! Kann ich einen Stein machen, so groß, daß ich ihn selbst nicht heben kann?"




    __________________
    Mr. Jones

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    5.621
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    28

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    Das Paradoxe in des Epimenides Aussage löst sich auf, wenn wir ihn nicht als Verkünder einer Wahrheit betrachten, einer logisch bzw. erkenntnistheoretisch zu beleuchtenden Aussage, sondern unter kommunikativem Aspekt. Was anderes ist Sprache uns Dichtern? Dient sie einer Wahrheitsfindung? Partiell. Der eigenen. Aber die ist immer an ein feedback gebunden, mithin jedenfalls kommunikationspragmatisch sinnvoll. Ein Lügner, der das Wort ALLE in den Mund nimmt, muß lügen. Das ist der Witz, wir sehen ihn mit anderen Augen. Kein Paradoxon, sondern Mithilfe zur Selbsthilfe, zum Anfang eines Miteinanderredens.
    Die Aussage lautet eigentlich, hinsichtlich ihres weiteren Nachgehens befragt: Hütet euch vor mir!
    TOTALE WAHRHEIT läßt sich mithin niederschreiben. Man muß den Gesichtskreis nur eng genug zurren. Ein Satz wie ICH BIN WEISE. ist ziemlich unwiderlegbar. Ein Satz wie: Die ERDE IST EINE SCHEIBE. ist es ebenso. Unwiderlegbar. Und an der Oberfläche kratzen nur Idioten, das weißt Du doch, mein lieber Jonathan. Loten hat mehr mit Löten zu tun, als es Dir lieb sein kann. In den Tiefen lotet es sich nicht, es raunt. Das ist auch eine unwiderlegbare ewige Wahrheit. Aber hörst Du auch in den Höhen den Gesang der Sphäre? Die dritte Wahrheit, die ich Dir, von Dir nicht zu widerlegen, mit auf den Weg durch enge schweizerische Tal gebe.


    Für Hilde Domin danke ich Dir. Eine großartige Frau.

  10. #10
    Mitgestalter
    Registriert seit
    12.May 2001
    Ort
    Wien
    Beiträge
    1.061
    Renommee-Modifikator
    21

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    das ist schön!


    und was sagt uns die geschichte? auch mit dreiwertiger logik (wahr, falsch, paradox) verfängt man sich in widersprüche.


    vielleicht sollte man den widerspruch als gegeben (wahr) einfach akzeptieren!


    gruss eule.

  11. #11
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    624
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    wenn wir dem paradoxon ins auge blicken, sehen wir den menschen. und damit: gott wahrheit wirklichkeit. das ist das gesetz der gegensätze: immer, immer bleibt der widerspruch.


    sprache ist deshalb nicht unbrauchbar.
    aber ungenügend. wofür? um das rätsel des paradoxons zu knacken, und damit das geheimnis zu lüften, das geheimnis: von gott wahrheit wirklichkeit.


    denk ich mal.


    dear greetings,
    Mr. Jones

  12. #12
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    5.621
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    28

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    WENN WIR... sagst Du. Darauf kömmt es an, aufs WIR. Wir nämlich macht aus einem abstrakten Tüftler ein soziales Wesen. Und dann, bekanntermaßen bedarf es der Sprache nicht NUR, um auszudrücken, sondern vor allem, um mitzuteilen, aus einem Sprachkörper (der erkanntermaßen unerkannt bleiben möchte, weil es doch das Wesen der Sprache ist, sich zu verbergen) wird ein notwendiges Mittel zur Kommunikation, wobei Verständnis nicht unbedingt an erster Stelle steht. Zwischen Menschen steht SPRACHorientierte Kommunikation niean erster Stelle, es sind die Körper und die Mitteilungen der Augen, die sehr viel mehr vermögen, aber wie will ein SPRACHKÖRPER da artifiziert und analysiert werden (können)? Ich glaube, eines der großen Geheimnisse zwischen Mann und Frau besteht darin, daß sie sich nichts zu SAGEN haben, wohl aber mitzuteilen. (Ich habe das, glaube ich, erkannt, gefühltermaßen erkannt.)
    Nur, Jonathan, warum bringst Du hier Gott ins Spiel unserer Worte und Mitteilungen?

    Sie ist's, wenn die Liebste in der Nähe ist, das Herz voll ist von Worten und Gefühlen, aber die Noth keinen Ausweh weiß, bis daß sie geht und Du zurück bleibst, allein mit Dir und Deiner Vielfalt.


    Dann, und nur dann, gebe ich Dir recht, daß Sprache nur ein Vehikel sein kann, eines, das Ersatz verschafft, eines, das den unbefriedigten und harrenden Gelibeten allein bei seinen Freunden läßt, die doch aufgehört haben, es zu sein.
    Und, mein lieber Jonathan, ist das nicht der Anfang von Philosophie?

    Das Stein-Paradox läßt sich allerdings leicht lösen. Auch das mit dem Kreter. Der Zugang ergibt sich über das Meinen und die Verben.

  13. #13
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    624
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    Auszug aus 'Die Illusionsfassade':


    "Sie bleibt unlöslich, die Judenfrage, wahrlich. Wie eben alles fraglos Lebendige unlöslich wird, sobald man - denkend, meine ich jetzt - an es herantritt, es antithetisch auseinanderzieht, in Sprache, in Gedanken auseinanderzieht und verbiegt und verdreht. Weil Leben richtet sich eben nicht nach Logik! Nein, ich sag Ihnen, wir lösen Widersprüche immer nur dadurch, dass wir sind, was wir sind."

    Original erstellt von Robert:
    Nur, Jonathan, warum bringst Du hier Gott ins Spiel unserer Worte und Mitteilungen?

    im anfang war das wort... wär doch möglich, dass nicht gott dies wort sprach, sondern selbst war?


    ausserdem: es gibt diesen film. before sunrise. mit paltrow und hawke. da erklärt sie ihm, was gott sei - für sie. ist lange her, meine erinnerung verschwommen. sie sagte etwas ähnliches wie: gott sei das zwischen den menschen, das zwischen-menschliche.


    nebenbei:
    die sprache begrenzt unsere welt.
    -zitat wittgenstein... na ja, so ähnlich wenigstens, wenn auch käumlich so im wortlaut.



    Mr. Jones

  14. #14
    Ingeborg
    Status: ungeklärt

    Post AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    IHR WORTE - Gedicht 1962


    Ihr Worte, auf, mir nach!,
    und sind wir auch schon weiter,
    zu weit gegangen, geht's noch einmal
    weiter, zu keinem Ende geht's.


    Es hellt nicht auf.


    Das Wort
    wird doch nur
    andre Worte nach sich ziehn,
    Satz den Satz.
    So möchte Welt,
    endgültig,
    sich aufdrängen,
    schon gesagt sein.
    Sagt sie nicht.


    Worte, mir nach,
    dass nicht endgültig wird
    - nicht diese Wortbegier
    und Spruch auf Widerspruch!


    Laßt eine Weile jetzt
    keins der Gefühle sprechen,
    den Muskel Herz
    sich anders üben.


    Laßt, sag ich, laßt.


    Ins höchste Ohr nicht,
    nichts, sag ich, geflüstert,
    zum Tod fall dir nichts ein,
    laß, und mir nach, nicht mild
    noch bitterlich,
    nicht trostreich,
    ohne Trost
    bezeichnend nicht,
    so auch nicht zeichenlos -


    Und nur nicht dies: das Bild
    im Staubgespinst, leeres Geroll
    von Silben, Sterbenswörter.


    Kein Sterbenswort,
    Ihr Worte!

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    5.621
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    28

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    Textinterpretation "Ihr Worte" von Ingeborg Bachmann


    Ich benutze im folgenden die Interpretationsmethode Wilhelm Diltheys, die aus drei Arbeitsschritten besteht:


    1. Textbeschreibung mit eigenen Worten;
    2. Textanalyse und
    3. eigentliche Interpretation.


    zu 1.) Der Text ist in einfachen Worten in einer überschaubaren Gliederung verfaßt. Die Autorin benutzt in keiner Verszeile mehr als sechs Worte. Sie sucht ein Wort und hat nur Worte, um dieses Wort zu finden, glaubt, daß die Worte selbst ihr dieses Wort nennen könnten und fordert diese (Personifikation!) wiederholt auf, ihr bei dieser Suche zu helfen, ihr dieses gesuchte Wort zu erzeugen, wobei sie Welt (Worte sind Welt!) ganz bei sich halten will. Ich und Du (das Du ist die Welt, sind die Worte) beziehen sich aufeinander, aber die Kommunikation zwischen beiden ist durch irgend etwas gestört (Aphasie). Dieses Etwas wird nicht näher erklärt, schwebt aber als eigentliches Thema des Textes zwischen den Verszeilen; statt dessen wird durch den Partikel NICHT wiederholt der Irrweg des bisherigen Suchens benannt.
    Das Ich ist stark und trotzig, es hat nicht aufgegeben. Aber es weiß auch, daß es irgend etwas bislang falsch machte. ES HELLT SICH AUF. Das Wort aber fällt nicht, die Suche ist entscheidend und Wesensbestandteil des lyrischen Ich. Die vielen Brüche bei dieser Sinnsuche werden parenthetisch verschränkt. SATZ DEN SATZ, aber Widerspruch bleibt OHNE TROST.
    Das zweite wichtige Wort ist WELT. Welt drängt sich auf, verhindert wirkliche Sinnsuche, ohne selbst Sinn zu sein und das Wort generieren zu können. So bleibt das FLÜSTERN als Methode und der Trotz, WIDERSPRUCH und WORTBEGIER ENDGÜLTIG auszusetzen, sich dem Wort auszusetzen und es vielleicht still zu erhaschen oder, um es mit den Worten Wittgensteins zu sagen: "Wovon man nicht sprechen kann, davon muß man schweigen."


    zu 2.) Bachmann schrieb den Text 1961 mit einer Widmung für Nelly Sachs, ...
    Der Text steht für Bachmanns Auseinandersetzung mit den Existenzialisten, die seinerzeit die vorherrschende philosophische Strömung darstellten und das Wesen der Sprache als Schweigen beschrieben (was eigentlich ein Widerspruch ist). Bachmann setzt hier ein klares Nein gegen diese Annahme. Sie trotzt dieser Auffassung und kann das Werkzeug ihres schriftstellerischen Daseins niemals so betrachten. Es käme einem Selbstverzicht gleich. Und darüber hinaus wäre eine Zustimmung zu dieser existenzialistischen Auffassung gleichzusetzen mit einem wichtigen Bestandteil des Menschseins, Sprache. Hatten die Existenzialisten doch den Menschen selbst dieser Eigenschaft zu entkleiden versucht.
    Bachmann will die Sprache retten, nur sie kann das Wort, es möge Freiheit, Liebe oder sonstwie heißen, erzeugen helfen; aber das doch nur, wenn der Mensch es will und ständig danach sucht. Bachmann zeigt sich in diesem Kontext als Humanist.
    Ihr Text gewinnt in der Auseinadersetzung mit den Existenzialisten noch an Brisanz, wenn man sich vor Augen hält, daß Heidegger - der seinerzeit als einer führenden Existenzialisten galt - von Bachmann nicht unbedingt kritisch aufgenommen wurde, wie ich aus einer Arbeit ... herauslas. In dieser Frage jedoch muß vieles unausgesprochen bleiben, weil ich mir darüber noch nicht im klaren bin.


    zu 3.) ...

  16. #16
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    26.June 2001
    Beiträge
    25
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    zweiter Versuch...


    a) zur Widmung für Nelly Sachs


    Das Gedicht ist ein poetologisches Gedicht, ein Widmungsgedicht.
    „Ihr Worte“ ist eine Hommage an die große jüdische Dichterin Nelly Sachs. Es erschien 1961 in dem Band „Nelly Sachs zu Ehren“, dort an prominenter Stelle am Anfang des Buches. Die Widmung „Für Nelly Sachs, die Freundin, die Dichterin, in Verehrung“ drückt die persönliche Beziehung der Dichterin zu Nelly Sachs in gemessen am lyrischen Text selbst beinahe überschwenglichen Worten aus. Beim Wiederabdruck des Gedichtes 1964 und 1970 in dem Sammelband: „Gedichte Erzählungen Hörspiele Essays“ ließ Bachmann diese Widmung aber wieder weg.


    b) sprachliche Besonderheiten


    Das Gedicht „Ihr Worte“ ist ein vorwiegend jambisches Gedicht, der erste Vers legt diese rhythmische Bewegung fest: „Ihr Worte, auf, mir nach“. Außer dem bekannten jambischen Versfuß lassen sich auch vereinzelt andere antike Versmaße identifizieren, die aber alle diesem jambischen Grundduktus entsprechen.
    So der Amphibrachys (kurz-lang-kurz): „nicht trostreich“ oder: „ihr Worte“.
    Dann der Kretikus, ein typischer Tanzvers, (lang-kurz-lang): „ohne Trost“ oder: „Satz den Satz“.
    Und schließlich der Chorjambus (lang-kurz-kurz-lang): „Worte, mir nach,“ oder: „Laßt, sag ich, laßt“.
    Bei genauerer Betrachtung spürt man, dass das Gedicht „Ihr Worte“ zwar einen jambischen Grundrhythmus hat, aber das zeigt schon der Chorjambus , keineswegs nur jambisch alternierend gebaut ist. Dennoch sind es die jambischen Metren, bzw. die hüpfenden Versfüße, auf denen die „Worte“ hier sozusagen davoneilen.


    c) die eigentliche textbezogene Interpretation


    Das Gedicht hat eine Überschrift, die man als ein Incipit bezeichnen kann, denn sie besteht einfach aus den ersten Worten des Gedichtes. Das Incipit ist die sachlichste Möglichkeit, einen Text zu betiteln, indem die Überschrift einen Text oder ein Gedicht dadurch identifiziert, daß sie die Anfangsworte hervorhebt.
    Der Titel selber hat so, als Incipit, eigentlich gar keine eigene Bedeutung, sondern dient lediglich der Wiederauffindbarkeit eines Textes im Archiv. Diese gleichsam bürokratische Funktion des Titels ist in Bachmanns Gedicht freilich selber wieder ein poetisches Ausdrucksmittel. Denn das Incipit, d.h. der „Anfang“ wird mit „Ihr Worte“ gemacht.
    „Ihr Worte“ ist nun eine Anrede an das, womit man redet. Dieser Selbstbezug der Worte auf sich ist so stark, daß sie die Widmung an Nelly Sachs gleichsam überspringt. (Vielleicht ist dies auch der Grund, daß die Widmung beim späteren Druck des Gedichtes von Bachmann wieder weggelassen wurde.)
    Dieser dringliche Appell an die „Worte“, die sich als pathetische Anrede an die Sprache der Dichtung verstehen läßt hat einen seltsam verdinglichenden Effekt: Die Worte erscheinen so konkret gegenständlich als seien sie selbst Dinge oder gar Personen und nicht nur vermittelnde Zeichen.
    Dieser starke Effekt läßt zunächst eine kleine Differenz übersehn, die in der Pluralform von „Wort“ liegt. Denn das Wort „Wort“ hat ja bekanntlich zwei verschiedene Pluralformen. Umgangssprachlich ist diese Differenz zwar am Verschwinden, aber ich denke, sie hat für Bachmanns Gedicht durchaus noch eine Bedeutung: Denn der Plural lautet entweder „Wörter“ oder „Worte“. Der Plural “Wörter“ wird verwendet, wenn man die linguistischen Einheiten meint, ohne Rücksicht auf den Zusammenhang. Daher heißt ein Dictionaire auf Deutsch auch „Wörterbuch“ und nicht „Wortebuch“. Hingegen spricht man auf dem Totenbett „letzte Worte“ und nicht „letzte Wörter“. Der Unterschied ist nicht ganz einfach zu erklären, im Gebrauch werden die beiden Pluralformen auch gern verwechselt, bzw. findet man heute immer öfter den Plural „Worte“ auch dann, wenn es eigentlich nur um Einzelwörter geht.
    Der Appell an die „Worte“ ist aber, streng genommen, keiner, der sich nur an die linguistischen Zeichen richtet, sondern an bedeutsame Worte, an Worte zudem, die sich an die Stelle der Dinge gedrängt haben.
    Wie aber ist der Appell an solche „Worte“ zu verstehen? Ich habe zwei allerdings sehr kurze Interpretationen zu diesem Gedicht konsultiert; die eine in der „Geschichte der deutschen Lyrik“ von Gerhard Kaiser, die andere von Birgit Erdle in dem erwähnten Sammelband „Poetische Korrespondenzen. Vierzehn Beiträge“ von 1997.
    Gerhard Kaiser schreibt, 1991:


    „Der Befehl ‚mir nach!’, mit dem üblicherweise ein Befehlshaber seine Truppe zum Angriff gegen den Feind führt, erweist sich als Lockruf des Rattenfängers von Hameln, der die Worte ihrem Untergang zuführt. ‚Kein Sterbenswort, / Ihr Worte!’“ hört auf, die übliche Hyperbel zu sein, mit der striktes Schweigen verlangt wird. ‚Kein Sterbenswort, / Ihr Worte!’ verlangt, daß die Worte auch sterbend keine letzten Worte von sich geben, weil sie sonst nicht sterben würden.“


    Birgit Erdle, 1997, liest den Anfang hingegen so:


    „Wie die erste Zeile (‚Ihr Worte, auf, mir nach!,) zu verstehen gibt, ist das Gedicht ein Nachruf. Das lyrische Sprechen in ihm konstituiert sich aus einer Verneinung, die im Verlauf des Textes zu einer immer komplizierteren Figur entwickelt wird zu einer Figur, die sich auch von Formeln des Negativen verabschiedet, um in der letzten Zeile die Worte zu einem Stillschweigen zu verpflichten, in dem ein Geheimnis, etwas Verschwiegenes, unausgesprochen und so bewahrt bleibt (‚Kein Sterbenswort, / Ihr Worte!’) “


    Hübsch ist bei diesen beiden in gewissem Sinne konträren Lektüren des Anfangs- und Schlussverses daß beide Interpretinnen sich im Begriff „Ruf“ treffen. Kaiser versteht den Vers als „Lockruf“, Erdle als „Nachruf“. Die Deutung von Erdle, den Ruf „Ihr Worte, auf, mir nach!,“ als „Nachruf“ zu lesen, nimmt den Text des Gedichtes also ganz wörtlich, als „Nachruf“, während Kaiser ihn eher metaphorisch auffasst, indem er die militärische Metapher von Befehlshaber und Soldaten bemüht. (Ich werde auf diese Metapher später noch einmal zurückkommen).
    Die Schwierigkeit, den Sinn des Gedichtanfangs zu fassen, ist objektiv; denn die Personifikation von „Worten“ zu Soldaten oder Komplizen oder Verführten oder Verstorbenen geschieht mittels Wörtern und führt so oder so gelesen zu einer sehr unmittelbaren, aber alles andere als glatten Selbstbezüglichkeit.
    Der Anfang ist mit einem Rufzeichen markiert das durch das nachdoppelnde Komma noch hervorgehoben wird und ist so auf eine vertrackte Weise performativ: Denn der Appell, dem die Worte nachkommen sollen, geschieht ja mittels Worten, ist also schon befolgt, noch eh er ganz ausgesprochen ist.
    Die befehlende, rufende Instanz im Gedicht ist ihren Worten nur scheinbar voraus, in der Wirklichkeit der poetischen Praxis ist sie, die rufende, von ihnen, ihren Worten, nicht trennbar, sie kann ihnen gar nicht vorauseilen, eher noch hinterherhinken. Jedenfalls sind „wir“ das sind hier die „Worte“ und die rufende Instanz im Gedicht zusammen schon „weiter“ und wohl auch richtungslos:


    Ihr Worte, auf, mir nach!,
    und sind wir auch schon weiter,
    zu weit gegangen, geht’s noch einmal
    weiter, zu keinem Ende geht’s.


    Was wirklich da ist, ist das Tempo der Worte. Was sich aber im Text des Gedichtes mittels der zu weit gehenden (und daher auch immer weiter gehenden) Worte ereignet, sind das hat auch Gerhard Kaiser in seiner Deutung hervorgehoben Redensarten: ‚wir sind zu weit gegangen’, ‚es geht weiter’, ‚es geht zu keinem Ende’. Mittels Redensarten wird gesagt, daß die vom Gedicht hervorgerufenen, evozierten Worte bloße, leere Redensarten seien. Die erste Strophe stellt sich folglich in leerer Selbstbezüglichkeit dar:
    erste Zeile: Aufruf der Worte
    zweite Zeile: Gedicht und Worte sind „schon weiter“
    dritte Zeile: hier sind sie eigentlich schon „zu weit“, aber
    dritte/ vierte Zeile: „es geht noch einmal / weiter“
    vierte Zeile: „zu keinem Ende“. Das Ende der ersten Strophe ist nicht das Ende des Gedichtes. Aber auch das Ende des Gedichtes, die Zeile:„Ihr Worte“ wäre wieder nur der Anfang des Gedichtes, oder das Incipit des Titels jedenfalls geht es, das Gedicht, „zu keinem Ende“.


    Wenn die evozierten Worte dem Aufruf so fraglos folgen, sagen die Worte eigentlich nichts mehr, eben das sagt die fünfte Zeile: „Es hellt nicht auf.“
    Wenn Worte nichtssagend werden und sich als bloße Wörter ohne Zusammenhang und Sinn an einander reihen, dann werden die Signifikanten dominant und Homophonien erzeugen Bedeutung: „Es hellt nicht auf“ bedeutet zunächst, daß etwas nicht klar wird, es kann aber auch gehört werden als „Es hält nicht auf“, abgeleitet vom Wort „aufhalten“. Aufhellen oder aufhalten das hört man hier als gleichbedeutend, zumal wenn die Worte so davoneilen. Fast ist die paronomastische Lektüre, d.h. die vom Wortspiel abgeleitete, hier die evidentere. Die einmal gerufenen Worte sind nicht aufzuhalten, wenn’s, wie die vorige Zeile sagte, „zu keinem Ende geht.“
    Nicht wörtlich, sondern buchstäblich gelesen, steht da aber „hellt“ auf, von „aufhellen“. Das bedeutet soviel als: ‚es wird nicht klar’.
    Soviel wird aus dem Kontext immerhin klar. Allerdings bleibt unklar, was das „Es“ meint: „Es hellt nicht auf“. Zurückbezogen ist es verstehbar als Weiterführung jenes subjektlosen „es“, das in dem apostrophierten „geht’s“ in Vers 3 und Vers 4 angedeutet ist. Das Vorwärtsstürmen von Ruf und Worten „Ihr Worte, auf, mir nach!“ vollzieht sich also, genau und buchstälich gelesen, ohne ein Subjekt ‚es geht weiter’, ‚es geht zu keinem Ende’, ‚es hellt nicht auf’.
    Man kann aber auch in der Sinnrichtung des Gedichtes, also vorwärtsstürmend, lesen, und man entdeckt als das nächste Substantiv, auf das sich das Pronomen „Es“ in dem einzeln stehenden Vers beziehen kann, das Wort „Das Wort“ in der unmittelbar folgenden Zeile 6 .
    Wenn Vers 5 also so zu beziehen wäre, würde der Satz: „Es hellt nicht auf“ bedeuten: ‚Das Wort hellt nicht auf’. Die Verneinung betrifft nun einen poetologischen Fundamentalsatz. Es ist nämlich, wie Sie hoffentlich wissen, das Wort Gottes, das hell macht und das hier, in Vers 5 vom Gedicht verneint wird.
    Sie erinnern sich an den Schöpfungsbericht: Genesis 1, Vers 3:


    „Und Gott sprach: es werde Licht und es ward Licht.“


    In diesem Bezug gelesen wird der Vers 5 zur Negation des anfänglichen Wortes. Denn das Wort „es werde Licht“ ist das erste Wort, daß Gott in der Bibel spricht.
    Ja, mit dem Johannes-Evangelium gelesen ist das Wort überhaupt der Anfang von Allem: Johannes 1,1 lautet:


    „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“


    Und wenn wir uns nun noch mal verdeutlichen, daß der Titel des Gedichtes „Ihr Worte“ ein „Incipit“ ist, d.h. ein Anfangs-Zitat, dann wird die Engführung von Phrase und Wortgeplänkel mit dem Wort Gottes aus der Heiligen Schrift evident
    Freilich gilt das alles nur im Zustand der Negation. Die folgende Strophe legt die Unmöglichkeit der Welterschaffung durch Sprache dar:


    Das Wort
    wird doch nur
    andre Worte nach sich ziehn,
    Satz den Satz.
    So möchte Welt,
    endgültig,
    sich aufdrängen,
    schon gesagt sein.
    Sagt sie nicht.


    Die Welt der Worte, die symbolische Welt, ist nicht die Welt. Denn Worte und Sätze können nur ihresgleichen erzeugen, andre Worte oder andre Sätze „nach sich ziehn“, nicht aber Welt schaffen, auch wenn die Poeten das glauben.
    Dennoch: auch die Welt als das Wirkliche, Reale, möchte in das Symbolische eingehen. Erst die gesagte Welt, will man dem Gedicht und den Dichtern glauben, wäre gültig, ja endgültig. Daher möchte sie, die Welt, „endgültig“ „gesagt sein“.
    Der Satzbau in der zweiten Hälfte der Strophe ist kunstvoll verwirrt. Man erkennt in der Satzfügung eben jenes Halsüberkopf, das sich schon durch die Hervorrufung der Worte in der ersten Strophe ereignete. So möchte die Welt nicht nur gesagt werden, sondern immer schon gesagt sein. Und zwar vor allem und zu allererst „endgültig“.


    So möchte Welt,
    endgültig,
    sich aufdrängen,
    schon gesagt sein.
    Sagt sie nicht.


    Die letzte Zeile der Strophe „Sagt sie nicht“ ist ambigue, also doppelsinnig. Sie läßt sich verstanden als 3. Person Einzahl Indikativ (‚sie sagt nicht’) beziehen auf die Welt, die immer „schon gesagt“ sein möchte, aber gerade das nicht sagen kann, weil sie ja noch nicht teilhat am Symbolischen.
    Oder, man bezieht das „Sagt sie nicht“ nun als 2. Person Plural Imperativ (‚ihr sollt sie nicht sagen’) auf die folgende Strophe, die den Anfang des Gedichts wieder aufnimmt: „Worte, mir nach“.
    Dann bedeutet der Vers 14, die Worte sollen die Welt nicht sagen: „Sagt sie nicht“. Wenn die Worte aber Welt nicht sagen, ent-sagen sie der Welt und werden tautologisch: sie sagen nur noch sich selbst: Sie werden Wörter. (Und wir werden bald sehen, was das für sie bedeutet)


    Worte, mir nach,
    daß nicht endgültig wird
    nicht diese Wortbegier
    und Spruch auf Widerspruch!


    In dieser Strophe ist es nicht zuletzt die Umstellung der Satzteile, die den Sinn verdunkelt. Dunkel bleibt so, was es denn sei, das „nicht endgültig“ werden soll. Nach dem Gedankenstrich den man als Zeichen einer Leerstelle lesen kann: ein Strich für einen Gedanken nach dem Gedankenstrich wird das „nicht“ wiederholt, was aber nicht zu einer doppelten Verneinung führt. Verneint wird die, diese „Wortbegier“. Das kann die Gegensinnstruktur des Gedichtes ist uns nun schon fast vertraut das kann ein Genitiv subjectivus oder ein Genitiv objectivus sein: Die Begier der Worte oder die Begier nach Worten. In der Verneinung kann beides verneint werden, ohne daß der Sinn sich aufhebt: Denn die gierigen Worte und die Gier der Welt nach Worten entsprechen einander.
    Der Vers „und Spruch auf Widerspruch!“ ließe sich als eine verfehlende Umkehrung auffassen. Eigentlich so das analytische Argument eigentlich folgt ja der „Widerspruch“ auf den „Spruch“. Logisch ist das im Vers umgestellt: hier folgt „Spruch auf Widerspruch!“ Aber in der Satzstellung folgt der Widerspruch doch erst nach dem Spruch.
    Hier wäre nun ein Exkurs angebracht über die Satzstellung. Denn die Frage nach der Stellung der Worte im Satz berührt ein Grundproblem aller Poetik und Rhetorik, das auch Ingeborg Bachmann sehr bewußt war, wie wir noch hören werden.
    Ich möchte dazu nur auf Jean Paul verweisen, der in der „Vorschule der Ästhetik“ auf die entscheidende Wirkung der Satzstellung hinweist, und es dann in einem eindrücklichen und auch sehr bekannt gewordenen Vergleich festhält. Jean Paul sagt:


    „ So sehr siegt überall bloße Stellung, es sei der Krieger oder ihrer Sätze.“


    Und schon haben wir wieder die militärische Metapher für die Satzstellung, die wie ich erwähnt hatte Gerhard Kaiser dem Beginn von Bachmanns Gedicht unterlegt.


    Der Verwirrung der Worte in der „Wortbegier“ wird in der folgenden Strophe durch eine Art Askese-Vorschrift begegnet:


    Laßt eine Weile jetzt
    keins der Gefühle sprechen,
    den Muskel Herz
    sich anders üben.


    Das Verbot an die Worte, sie sollten jetzt eine Zeitlang keine Gefühle mehr sprechen lassen, wird im zweiten Teil der Strophe vorgeführt: Das Wort „Herz“ ist kein Gefühlswort, sondern die Bezeichnung für einen Muskel. Und das Ding Herz soll jenseits der Worte „sich anders üben“. Diese Ausdrucksweise betont das Nüchterne, Sachliche. Der Effekt ist aber in Wirklichkeit hochpathetisch: Die Rede von den Gefühlen ist in der Verneinung nur umso glaubwürdiger. Und die demonstrative Negation der Metapher Herz in der Rede vom „Muskel Herz“ macht erst recht das Herz als den Ort der Gefühle bewußt. Auch das ist eine alte rhetorische Figur, die „Präteritio“ heißt, also das ‚Vorbeigehen’, und die darin besteht, daß man etwas dadurch besonders nachdrücklich sagt, daß man sagt, man würde es jetzt nicht sagen.


    In Zeile 23 setzt sich diese negativ vermittelte Emotionalität fort, mit einem erstaunlichen semantischen Verschiebungs-Effekt.


    Laßt, sag ich, laßt.


    Aus dem Seinlassen, wird hier durch die emphatische Wiederholung, gesperrt durch den Einschub „sag ich“, ein Zulassen der Gefühle. Und aus dieser zweideutigen Situation des seinlassenden Zulassens folgt die längste und die syntaktisch komplizierteste Strophe:


    Ins höchste Ohr nicht,
    nichts, sag ich, geflüstert,
    zum Tod fall dir nichts ein,
    laß, und mir nach, nicht mild
    noch bitterlich,
    nicht trostreich,
    ohne Trost
    bezeichnend nicht,
    so auch nicht zeichenlos


    Auch wenn es gelingen sollte, diesen Satz syntaktisch-semantisch ‚auf die Reihe’ zu bekommen, muß man zunächst feststellen, daß er völlig chaotisch wirkt. Die Aufgeregtheit der Wortfolge, gesteigert durch rein phatische Einschübe „sag ich“ führt zu Doppeldeutigkeits-Effekten, die den Sinn der Strophe erschüttern. Die Verweigerung, etwas zu sagen führt zu einer rapiden Steigerung des Ausdrucks.
    Der Satz: „Ins höchste Ohr nicht, / nichts, sag ich, geflüstert,“ ist so gebaut, daß das Komma zwischen „nicht“ und „nichts“ von der Dynamik der Sprachbewegung aufgehoben wird und aus der emphatischen zweifachen Verneinung eine doppelte Verneinung zu werden droht, die das Sprechen umso eindringlicher zu bejahen scheint: „nicht nichts“ gesagt, geflüstert. Das heißt nun plötzlich doch, dass unbedingt etwas gesagt sein soll.
    Auch die Aufforderung: „zum Tod fall dir nichts ein,“ läßt ganz unvermittelt gerade an den Tod denken, vor dem die Rede im Gedicht davon stürmt. Die nun plötzlich im Imperativ Singular ergehende Aufforderung, es solle „dir nichts einfallen“ und „laß“ anstelle von „laßt“ wendet die Anrede der anfänglichen poetischen Instanz nun auf sich selbst zurück: Mit dem Appell: „laß, und mir nach“ befiehlt sie nicht mehr den Worten, wie noch in der ersten Strophe, sondern unmittelbar sich, als Befehlendem, selbst.
    Solche Engführung sprengt die poetische Tätigkeit in verneinte Antithesen auseinander:
    „nicht mild / noch bitterlich“ und dann, das kaum auflösbare Gegensatzpaar:
    „nicht trostreich, / ohne Trost / bezeichnend nicht“. Hier wird die Antithese „nicht trostreich“ „ohne Trost ... nicht“ durch das Adverb „bezeichnend“ irritiert. Und wenn man versucht, das Wort „bezeichnend“ in die antithetische Konstruktion zu integrieren, so wird sie durch die gleichsam nachhängende Zeile „so auch nicht zeichenlos“ nocheinmal antithetisch enggeführt und bricht mit einem Gedankenstrich ab.
    Die letzte Wendung der aufgeregt verwirrten Periode „nicht zeichenlos“ ist eine markante rhetorische Figur, die Litotes heißt. Wörtlich bedeutet der Name „Litotes“ soviel wie „die Schlichtheit“. Die Litotes ist eine rhetorische Figur, die an die Bewegung der doppelten Verneinung gebunden ist und dadurch selber wieder den Effekt der Emphase, der Nachdrücklichkeit hervorbringt. „Nicht zeichenlos“ drückt, rhetorisch gelesen, einen Überschuß an Zeichen aus.
    Die folgende Strophe erweist sich als eine explizit poetologische, indem sie die Bildhaftigkeit der Sprache, die Metaphorizität verneint oder verbietet:


    Und nur nicht dies: das Bild
    im Staubgespinst, leeres Geroll
    von Silben, Sterbenswörter.


    Dabei fällt zuerst auf, daß die Verwerfung der Metapher explizit metaphorisch ausgedrückt wird: „Staubgespinst“ und „leeres Geroll von Silben“.
    Dann aber ich erinnere nun an das, was ich zum Titel gesagt habe bezüglich der Unterscheidung des Plurals von „Wort“ als „Worte“ und „Wörter“ dann aber fällt das Wort „Sterbenswörter“ auf.
    Ein „Sterbenswort“ ist laut Grimmschen Wörterbuch das Wort eines Sterbenden, oder dann, übertragen auf das Wort selbst, ein leises, fast „verlöschendes Wort“. Am Gebräuchlichsten ist der Diminutiv „Sterbenswörtchen“, es kommt aber auch „Sterbenswort“ vor. Interessanterweise ist der Begriff „Sterbenswörtchen“ in die meist negativ formulierte Redewendung „kein Sterbenswörtchen sagen“ eingebunden. Daher ist das Wort „Sterbenswörter“ äußerst ungebräuchlich und wird unmittelbar bildhaft: Sterbende Wörter. Nicht Worte von Sterbenden.
    Die Worte, die zu Beginn emphatisch aufgerufen wurden, stehen nun am Ende vor den wenn man so will: neologistischen „Sterbenswörtern“.
    Das Verspaar am Schluß des Gedichtes:


    Kein Sterbenswort,
    Ihr Worte!


    holt diese verbildlichte Bedeutung der „Sterbenswörter“ wieder zurück in die redensartliche. „Kein Sterbenswort“ bedeutet einfach: absolutes Stillschweigen. Dieser Befehl richtet sich an die Worte. Mit dem Appell „Ihr Worte!“ schließt sich der Kreis des Gedichtes zum Anfang, zum Incipit des Gedichtes „Ihr Worte“. Mit dem erneuten Beginn des Gedichtes „Ihr Worte“ ist es erwiesen, dass die Worte nichts gesagt haben werden.


    Das Gedicht „Ihr Worte“ ist also lesbar als ein radikales Gedicht über die Verweigerung des poetischen Wortes. Das Gedicht verführt dabei performativ, es führt vor, wovon es redet, indem es davon redet und nichts sagt.
    Es gibt eine Aufzeichnung aus dem Nachlaß von Ingeborg Bachmann, die vermutlich für ein Interview bestimmt war, und die 1983 in dem Band „Wir müssen wahre Sätze finden“ veröffentlicht wurde. Da äußert sich die Dichterin direkt zu ihrem Gedicht „Ihr Worte“:


    „’Ihr Worte’ habe ich geschrieben, nachdem ich mich fünf Jahre lang nicht mehr traute, ein Gedicht zu schreiben, keines mehr schreiben wollte, mir verboten habe, noch so ein Gebilde zu machen das man Gedicht nennt. Ich habe nichts gegen Gedichte, aber Sie müssen sich denken, daß man plötzlich alles dagegen haben kann, gegen jede Metapher, gegen jeden Klang, Worte zusammenrücken zu lassen, gegen dieses absolute glückliche Auftretenlassen von Worten und Bildern. daß man es ersticken möchte, damit man noch einmal überprüfen kann, was daran ist, was es ist, was es sein sollte. / Ich weiß noch immer wenig über Gedichte, aber zu dem wenigen gehört der Verdacht. [...] Die Vorzüge jeder Sprache wurzeln in ihrer Moral, hat Karl Kraus einmal gesagt [...] Ich möchte drum auch die Worte in die Schranken fordern dürfen, auffordern dürfen zu ihrer Wahrheit zu kommen. / Man muß nicht denken, daß das eine esoterische Sache ist, [an] der Moral der Sprache herumzurätseln, die Worte sind was sie sind, sie sind schon gut, aber wie wir sie stellen, verwenden, das ist selten gut. Wenn es schlecht ist, wird es uns umbringen.“


    Dieses Zitat zeigt, in seiner ganzen skizzenhaften Ungeschütztheit, daß der Anspruch der Moderne, wie er sich gerade in der Verdächtigung der Lyrik durch die Lyrikerin Ingeborg Bachmann konkretisiert, tief verwurzelt ist in einer Moral der Sprache. Nicht zufällig bezieht sich Ingeborg Bachmann auf Karl Kraus, den Kämpfer gegen die Phrase und den Mißbrauch der Sprache. Und ebenso wenig zufällig ist das Wissen der Dichterin um die Komplizenschaft der Sprache mit der kollektiven Gewalt, wie sie seit jeher in der militärischen Metapher erinnert wird. Die Dichterin von „Ihr Worte“ weiß, daß die Wortstellung tödlich sein kann.

  17. #17
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    624
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    für ingeborg bachmanns worte danke ich vielmals. und werde mich dazu äussern, bald.


    um ein anderes thema anzureissen, hier, ein wenig abrupt, zugegeben, und auf einer anderen ebene angesiedelt:


    der linguistic turn.


    wer definiert ihn mir?


    (@ robert: da du die äusserung tatest, der monsieur wittgenstein sei ein scharlatan, sprech ich dich hier im speziellen an, mit verlaub.)


    Mr. Jones

  18. #18
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    5.621
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    28

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    Katharina Blank aus München definiert ihn Dir.

    Scheint ein schöner Schwachsinn zu sein.

    Wittgenstein ist einer von denen, die an nichts glauben. Somit uninteressant. Ein Mensch, der Welt als das definiert, was der Fall ist und von dem, was nicht der Fall (hier will heißen empirische Tatsache ist) nicht sprechen, sondern schweigen will (zu schweigen gedenkt, was beinahe das gleiche ist), der hat im Leben einen festen Punkt, aber kein Zutrauen, der hat eine leere Sicherheit, aber keine Hoffnung. Das ist uninteressant; darüber würde ich mich nur abwertend und gelangweilt äußern können. (So wie ich mich übers Glasperlenspiel nur gelangweilt äußern kann, da ich schönere und interessantere Spiele kenne, es aber denen nicht in Abrede stelle, die eben noch nichts anderes kennen.)
    Welt ist mehr als das, was der Fall ist. Welt ist auch Einfall, Überfall und Unfall. Das sagt Fall nicht mit aus bei Herrn W., somit verschließt sich ihm der größte Teil des Ganzen. Wissenschaftlich macht man das allerdings manchmal, daß man, um etwas zu erklären, einen Teil aus dem Ganzen nimmt und diesen modellhaft darstellt.
    Das Rutherford-Bohrsche Atommodell ist so ein FALL, den man in der Schule heute noch nimmt, um Kindern Märchen über den Aufbau der Welt zu erzählen. Das Modell ist falsch, aber es hilft, eine Tür zu öffnen, durch die dann jeder kleine Schuling selbst gehen muß. Und so sehe ich auch Wittgenstein, er wird jedem Studenten in dessen Nihilismus-Attitüde aufs Brot geschmiert, um den Drang des Studenten, an nichts mehr glauben zu können zu erfüllen, somit ist die Befasse mit W. politisch korrekt und dient den Mächtigen. Harhar!
    Oder willst Du eine noch andere Interpretation? Daß es alles seine Berechtigung habe mit dem Glauben an das Nichts und der Begrenztheit menschlichen Sagens und Meinens? Diesen Gefallen kann ich Dir leider augenblicklich nicht tun, ich will Dich ja nicht belügen, mein Lieber.

    meine Datenbank spuckt bei Herrn W. folgendes aus:

    WITTGENSTEIN, Ludwig
    1889-1951
    Philosoph
    - stellte Fragen, die grundsätzlicher Natur waren: Wie kommt Bedeutung zustande? Wie können wir uns untereinander verständigen?
    - Bedeutung entsteht durch allgemeine Festlegung, durch Gruppendynamik. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Sprache ist kein individueller Akt, sondern eine gesellschaftlich notwendige Arbeit. W. ist der Vertreter des Konzepts der Rationalität in der Sprache und somit ein Begründer des pragmatischen Zweigs der Sprachforschung. Die persönliche Vorstellung über die Dinge ist für die Begriffsbildung unwesentlich. Die Bedeutung der Wörter ist von den Gegenständen, die mit Wörtern bezeichnet werden zu unterscheiden - es gibt ungezählte Arten von Bezeichnungen; alles ist flüssig.
    - Sprache ist eingebettet in den Handlungsraum einer Gemeinschaft
    - jede Gesellschaft baut somit eine Konvention über Sprache auf
    - zu einer unaussprechbaren Antwort kann auch die Frage nicht gestellt werden - selbst wenn alle wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, bleibt das Rätsel des Lebens unberührt - man müßte sich außerhalb der Welt aufhalten, um auf die Welt schauen zu können, das aber ist nicht möglich

    wichtige Bücher:
    tractatus logicus; 1921
    Philosophische Untersuchungen 1936:
    (1) Die Welt ist alles, was der Fall ist. (Tatsachen)
    (2) Fall:die Tatsache des Bestehens von Sachverhalten.
    (3) Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.
    (4) Der Gedanke ist der sinnvolle Satz.
    ...
    (7) worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.

  19. #19
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    624
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    ich danke dir für deine meinung zu wittgenstein. und ich verstehe dich gut. kant fällt mir ein, der da sagte: "es ist die metaphysik, in welche ich das schicksal habe verliebt zu sein." und stimmt schon, der mensch drängt über die blosse aufgabe, sich zu orientieren in der welt, hinaus. über den rand der welt hinweg fragt er - nach gott, nach freiheit, nach unsterblichkeit. es will auch mir scheinen, diese fragen hätten eine bedeutung, selbst wenn sie vielleicht - wahrscheinlich - keine antworten haben.


    du schreibst: "Wittgenstein ist einer von denen, die an nichts glauben. Somit uninteressant. Ein Mensch, der... von dem, was nicht der Fall (hier will heißen empirische Tatsache ist) nicht sprechen, sondern schweigen will (zu schweigen gedenkt, was beinahe das gleiche ist)..."


    wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. sagt wittgenstein und will nur noch sätze der naturwissenschaften zulassen. bei wittgenstein zieht herauf der untergang der philosophie. ja. du, robert, willst das nicht zulassen. das ist gut.


    allerdings, alle, die jemals etwas zermalmt haben, ob kant, ob nietzsche, ob wittgenstein, haben damit raum für neues geschaffen. wittgenstein & co. einfach zu ignorieren scheint mir der falsche weg. sie zu überwinden, das ist die herausforderung.


    vielleicht nehme ich sie an, diese herausforderung. vielleicht auch du. oder sonst wer. ich bin jedenfalls gespannt drauf. auf argumente zur rettung der philosophie - auch weiterhin auf dem feld der sprache.


    rodebertus, wohin wanderst aus? will heissen: hast dich schon mit wittgenstein unterhalten, auf deinem weiteren wege, nachdem dich über die mauer geschwungen?


    Mr. Jones

  20. #20
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    Wittgenstein ist mir auf meinen Wegen nicht begegnet, ich sah auch keinen Grund, die weite Reise zu ihm zu unternehmen. Er kam bisher nicht, und ich ging nicht hin. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

    Zu Deiner Einteilung der Welt in Natur und Geist (so ganz grob mache ich das bei Dir aus) bin ich noch nicht vorgeschritten. Natur und Geist gehören zusammen. Naturgesetze sind das, was sie eben sind: Meinungen. Manche halten sich als Axiom aufgestellt ein wenig länger, andere ändern sich, verlieren an Gültigkeit, werden durch neue Aspekte in Form von Multiplikatoren oder "Konstanten" ergänzt, etc. Nichts ist so vage wie die Naturwissenschaft. Was auch eine Herausforderung ist. Not for me. Ich muß mich begrenzen. Halte die Augen und Ohren aber auf, habe ja Freunde, die sich damit befassen und mir ab und an berichten, was wieder Ungeheuerliches in den Naturwissenschaften geschah. - Du mußt wissen, Jonathan, ich bin Pantheist, einer von der übelsten Sorte, da zudem auch noch Protestant. Schlimmer geht's nimmer, sagen manche. In meinem Manifest habe ich mich über die Erkenntnistheorie geäußert, EINE PLATTE ABBILDTHEORIE soll ich entworfen haben, sagt florian.

  21. #21
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    624
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    kurze klarstellung: ich hab nirgendwo die trennung von natur und geist vorgenommen, hab mich nirgendwo zu dieser thematik geäussert.


    Mr. Jones

  22. #22
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    5.621
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    28

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    Das hast Du wohl gar nicht gemerkt, DENN dies ist ja der eigentliche Grund für Dein nihilistischaffiniertes Fragen, Jonathan. Du schreibst:
    und stimmt schon, der mensch drängt über die blosse aufgabe, sich zu orientieren in der welt, hinaus. über den rand der welt hinweg fragt er - nach gott, nach freiheit, nach unsterblichkeit. es will auch mir scheinen, diese fragen hätten eine bedeutung, selbst wenn sie vielleicht - wahrscheinlich - keine antworten haben.
    Das bedeutet, daß Du die WELT setzt und ein Übergreifen. Freiheit wird Dir da nicht hineinkonstruiert werden können, also mußt Du Freiheit, Gott und Selbstbestimmung in ein Außerhalb hineinkonstruieren - und indem Du es hineinprojizierst, setzt Du stillschweigend eine Disjunktion Gott und Welt, was für Dich schon selbstverständnlich geworden ist, daß Du es gar nicht mehr bewußt machst, sondern eben als Selbstverständlichkeit fürs weitere Denken annehmen mußt -, wie's alle Nichtpantheisten machen mußten und machen müssen, sofern sie an etwas wie Freiheit glauben wollen. Für mich und all meine pantheistischen Brüder ist das nicht notwendig.
    In diesem Kontext ist auch Dein vergeblich bleiben müssendes Suchen nach einer Unendlichkeit und einem Sein von Sprache festzumachen.


    Das ist auch alles nicht so schlimm, die Welt wäre langweilig, wenn es nicht verschiedene Auffassungen über Gott, Sprache und das Nichts gäbe; es erweitert aller miteinander redenden Nach-Denker den Horizont, meinen, wie hoffentlich den Deinen.

  23. #23
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    624
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Thomas Bernhard: Sprache ist unbrauchbar

    wir schweifen vom thema ab, und doch nicht.


    "und stimmt schon, der mensch drängt über die blosse aufgabe, sich zu orientieren in der welt, hinaus. über den rand der welt hinweg fragt er - nach gott, nach freiheit, nach unsterblichkeit."


    >>>so beurteile ich den menschen. das ist meine beobachtung. aber ich stelle mich hier neben den menschen. sonst hätt ich geschrieben: "wir menschen".


    "es will auch mir scheinen, diese fragen hätten eine bedeutung, selbst wenn sie vielleicht - wahrscheinlich - keine antworten haben."


    >>>die idee gottes macht dem menschen ehre, das denke ich schon. allerdings scheitert der mensch daran, diese idee zu fassen. ihm bleibt aber gleichzeitig keine alternative zu dieser idee. sobald er fragen stellt nach dem warum von allem, nach sinn, dann gibt es nur gott als antwort. oder keine antwort. was sehr viel raum lässt. meine antwort habe ich definitiv nicht gegeben hier.


    Mr. Jones

  24. #24
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    5.621
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    28

    Hethiter eizzan wadar

    Merkwürdige Übereinstimmung: Heute beim Abendbrot schwatzte die Nachbarstochter in merkwürdigem Kauderwelsch zu meinem Sohne Conrad: "Knornradus, knast du bnpir böt de bnupel?"
    Der verstand und brachte sofort zur Antwort: "Knar, klotine. Hnirr hnaast dun se."


    Das Ganze nennt sich Ilefich-Sprache.


    Und jetzt kömmt's: 1915 saß man in der Vorderasiatischen Gesellschaft zu Berlin und überlegte, wie das Hethitische zu verstehen sei. Da standen auf einer Tonscherbe die Buchstaben nu NINDA-an e-iz-za-at-te-ni wa-a-dar-ma e-ku-ut-te-n Kein Mensch verstand diese Zeichen, diese Laute; sie waren in den herkömmlichen Sprachen einfach nicht bekannt. Dem Soldaten Friedrich, der gerade auf Heimaturlaub war, war aber aufgefallen, daß da NINDA stand, zumal großgeschrieben. Ein sumerisches Wort für Brot. Also waren die Hethiter eingewanderte Semiten aus Babylon?
    Der Soldat Friedrich wußte nun, daß zum Brot ein Verbum gehören muß, das dieses aufnimmt, das Dingwort eben. Und stand dahinter nicht unmittelbar an eizza (ein essen?) Und weil er hier verschiedene Vokale wegstrich, so erinenrte sich der Soldat seiner Kindheit und seiner ersten dichterischen Gefühle, die da schrieben sich Gehefüühälee. Und das wendete er nun auf die Silbenschrift der Hethiter an, und siehe da: Aus dem unverständlichen Satz wurde ein lesbarer mit vermischterweise althochdeutschen und semitischen Wortfetzen, in freier Übersetzung etwa: Jetzt wirst du Brot essen und dann Wasser trinken.
    Der Sachse sagt heute noch NU (Bekräftigungspartikel fürs gegenwärtige Tun) und wadar in Wasser umzutaufen...


    Und da der Soldat Friedrich das vor der Gesellschaft erklärte, wollte man ihn erst steinigen, dann aber feierte man ihn. Denn nun gab es den Schlüssel zur Sprache der Hethiter.

  25. #25
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    624
    Renommee-Modifikator
    20

    Hethiter eizzan wadar

    Aeroliths Antwort auf die Frage, was man gegen Krieg machen kann und ausserdem, nebenbei, auf die Frage, ob Sprache unbrauchbar sei:


    "Erst mal scheinbar nichts. Aber das Erstmal geht auch vorüber. Und während des Erstmal arbeitet der beflissene Mensch mit seiner Umwelt. Jedes Wort zählt. Wort ist Macht, weil Wort wirkt. Immer.
    Ich setze auf das Prinzip der größer werdenden Kreise. Ein Wort gibt das andere. Es muß schön sein, sonst nehmen die Menschen es nicht wahr; es muß rein sein, sonst verunreinigt es das Denken und es muß aus dem Tiefsten kommen, das wir sind, sonst ist es nur eine Kopfgeburt und wird bestenfalls angestaunt, aber nicht angenommen.
    Denn alles Tun kommt aus dem Menschen, nicht aus dem Gesetz, auch keinem moralischen. Das Innere des Menschen aber wird nur über Gefühl und Anschauung erreicht. Darin liegt unsere Aufgabe, diese Anschauungen zu geben, diese Gefühle zu finden, in Worten mittelbar zu machen und somit anzuregen."

+ Antworten

Ähnliche Themen

  1. Die Flügel der Sprache
    Von Tino im Forum Lyrik
    Antworten: 6
    Letzter Beitrag: 26.04.18, 18:04
  2. Die Entschlackung der Sprache
    Von ala im Forum Forum für das geschriebene Wort
    Antworten: 40
    Letzter Beitrag: 28.12.17, 11:25
  3. Weltbild und Sprache in der Frühneuzeit
    Von aerolith im Forum Schulbuch "Geschichte bis 1889"
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 23.05.15, 21:50
  4. Sprache
    Von Gegenströmung im Forum Lyrsa
    Antworten: 5
    Letzter Beitrag: 23.02.03, 10:19
  5. Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 10.09.01, 19:20

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •