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Thema: Rodebertus auf Wanderschaft

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Rodebertus auf Wanderschaft

    Rodebertus war auf Wanderschaft. Er hatte sein Säckchen schnüren müssen, vertrieben von rauhbeinigen Nordmännern, die im Namen einer sonstwie gearteten Freiheit Klöster plünderten und Mönchen die Schädel einschlugen. Rodebertus wollte nicht auf den allerunmchristlichsten Gegenschlag seines Kaisers warten, hatte die baren Füße in Korksandalen gesteckt und sich ein Stück Ziegenkäse als Wegzehrung von seinem bayrischen Freund schenken lassen. Es trieb ihn in den friedvolleren Westen. Dort hatte man vor einigen Jahren schon mit einem Schlage einfach sämtliche Protestanten totgeschlagen, kürzlich erst erfolgreich dem äußeren Feind den letzten Rest Eigenbestimmung abgerungen und konnte sich jetzt der Konstituierung einer inneren Ordnung widmen, von der Rodebertus zwar aufgrund der kriegerischen Vorgeschichte nicht viel halten konnte, sie jedoch mit eigenen Augen... Er hatte von einem bedeutenden Mathematicus mit dem schütteren, einst schwarzen Haar gehört, der an allem zweifelte. Der Mann nannte sich - sicher aus einer neckischen Laune heraus - auch noch Pyrrhon! Das konnte Rodebertus nicht verstehen, daß man als Mathematiker an einem Ergebnis zweifeln könne, zu dem schließlich selbst ein fünfjähriges Kind kommen konnte. Und ferner behauptete dieser Zweifler auch, daß Gott nichts Kreatürliches an sich habe, daß er nur ein Gespinst der Phantasie sein müsse, wenn man ihn in die Natur, in die Offenbarung eines kreatürlichen Rahmens steckte.
    Das widersprach Rodebertus? Erfahrungen. Der Gedanke einer unnatürlichen Verbindung zu seinem Schöpfer quälte ihn. So ging er hinaus ins Weite und suchte den großen Zweifler im fernen Westen. Rodebertus mußte bis La Rochelle. Auf der Zinne der frisch eroberten Burg saß Pyrrhon und baumelte mit den Beinen.
    "Was denkst du?" fragte Rodebertus zur Begrüßung.
    "Ein tätiges Pro, mein Freund", antwortete Pyrrhon beschwingt und führte den Weinkrug behend zum Mund. Dann reichte er ihn, den Krug, Rodebertus. Der nahm den dankbar und ein wenig erstaunt wegen der Begrüßung. "Was führt dich hierher, Fremder? Wie ich dem Stoff deiner Kutte entnehme, bist du entweder in der Mode nicht auf dem neuesten Stand, ein armer Schlucker oder aber ein Auswärtiger... Nun?"
    "Das muß nicht stimmen, was du da denkst, Bruder Leichtfuß“, antwortete Rodebertus mit einem Lächeln. "Nur weil ich mich an Kleiderordnungen deines Landes nicht halte, muß ich noch längst kein unmoralischer Mensch sein."
    "Du schießt aber scharf, Hinkebein. Sag an, was trieb dich zu mir?"
    "Zweifel an deinen Theorien."
    "Ich habe keine, nur Methoden..."
    "Bitte? Du scheinst mir Gott verloren zu haben, und mit ihm hast du auch deine Teufel verloren. Wer treibt dich dann an?"
    "Falsch gefragt, Rodebertus. Kein noch so schlauer Dämon könnte mich hinters Licht führen, wenn ich nicht existierte. Ich habe also nur sicherzustellen, daß ich existiere."
    "Gewiß. Gilt für dich nicht das längst bekannte Wort vom unbedingten Gehorsam gegenüber der Wahrheit, die du in deinem Herzen anschaust, Tag für Tag?"
    "Anschauung ersetzt nicht Denken. Wie könnte ich sicher sein, daß es meine Augen sind, die sehen? Vielleicht sollen sie nur etwas sehen, man gaukelt mir etwas vor. Bist du da? Bist du ein Traum? - Komm, Bruder, trink mit mir!" Pyrrhon sprang von der Zinne, hakte sich bei Rodebertus unter und zeigte auf einen Misthaufen an der Mauer der Feste von La Rochelle. "Die Weltgeschichte ist nichts ohne Eier zum Frühstück. Wir haben die Feste erobert, weil die Hühner geschlachtet werden mußten, die Leute kein frisches Eiweiß mehr bekamen, die Seele ausdörrte und sich aus dem Staube ihrer Körper machte...“
    "Halt, halt! Was erzählst du?"
    "Das hab ich gesehen. So scheint es doch zu sein, Rodebertus. Eins und eins zusammengezählt..."
    "Und dennoch falsch!"
    "Vielleicht läßt mich Gott einen Fehler machen, sooft ich versuche, die Seiten eines Quadrats zu berechnen... Möglicherweise ist es falsch, Gott auch nur in Gedanken eine solche Unfreundlichkeit zuzutrauen; wohl aber mag es einen bösen Dämon geben, der ebenso schlau wie hinterhältig ist und mich immer wieder irre führt. Die Existenz eines solchen Dämons vorausgesetzt, könnten alle Dinge, die ich anschaue, Täuschungen sein, deren er sich bedient, um meiner Leichtgläubigkeit Fallen zu stellen. Vielleicht habe ich keinen Körper, denn auch der könnte Täuschung sein. Das Denken aber ist etwas anderes: Ich fand nun, daß ich, da ich alles andere in dieser Welt als falsch zurückwies, schlechterdings nicht daran zweifeln konnte, daß ich selbst da sei..."
    "Du bist! Dann glaubst du doch! Dann ist alles nur ein fürchterliches Mißverständnis."
    "Sag ich doch. Eine Methodenfrage. Ich will in keiner Tonne leben, sondern hier und jetzt mit meiner Hoffnung, meinem Tun. Das sind Tatsachen. Sie sind mein. Und du? Hast du eigene Gedanken?"
    "Eigene?"
    "Bist du nur hergekommen, mich zu schulmeistern?"
    "Du irrst dich!"
    "Du kamst, um mir die Leviten zu lesen. Gib es zu! Das bist nicht du. Du gehorchst nur einer Meinung und hast dir noch kein eigenes Urteil gebildet."
    "Ich bin nicht so selbstherrlich, alles, was war, über den Haufen zu werfen, nur, um selbst herrlich zu sein."
    Sie gingen noch einige Meter durch Kreuzgang und Bogengänge, kreuzten ihre Gedanken und verschränkten die Arme im Gespräch über Methoden der Wahrheitsgewinnung. Rodebertus fand schließlich heraus, daß Pyrrhon den tiefen Blick bestenfalls als Mittel akzeptieren würde, Gewißheit über etwas zu bekommen, an das man nur glauben könne, was also selbst gewiß sei. Daraus, aus dem Gewonnenen, würde Pyrrhon keine Folgerung ziehen wollen, weil er die Befürchtung hegen müßte, diesen Gewinn stets modifizieren zu müssen. Was ihm zu wenig wäre. Also reichte Pyrrhon die Methode. Rodebertus dagegen suchte immer nach Zusammenhängen, nach Ganzheit und setzte sich die Gewißheit als Unhinterfragbares. Als beiden diese Differenz gewiß wurde, verstummte das Gespräch. Sie hielten an besagtem Misthaufen, Pyrrhon stocherte mit seinem Gehstock darin herum, hob den Stock und warf ein Büschel Mist über die Zinne. Rodebertus nahm Pyrrhon den Stock aus der Hand, glättete die Oberfläche und schwang sich selbst über die Zinne.

  2. #2
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    AW: Rodebertus auf Wanderschaft

    Ist wohl ein Ausschnitt aus was Groesserem?

    „Daß wir das Ganze wollen, nicht den Detailzweifel, daß wir nur baumelnd die Wahrheit sagen, daß wir wandern müssen, um wissen zu können...“

    Warum punktpunktpunkt, Robert, frag ich Dich. Weil viel mehr als in diesem Satze find ich nicht in Deinem obigen Getexte. Warum also das obige Getexte, frag ich gleich auch noch.

    „Und ferner“, schreibst, „behauptete dieser Zweifler auch, dass Gott nichts Kreatürliches an sich habe, ein Gespinst der Phantasie sein müsse, wenn man ihn in die...Offenbarung eines kreatürlichen Rahmens steckte.“

    Und weiter les ich: „Das widersprach Rodebertus' Erfahrungen. Der Gedanke einer unnatürlichen Verbindung zu seinem Schöpfer quälte ihn. So ging er...“

    Frage: Was hat er denn für Erfahrungen gemacht, warum quält ihn ein Gedanke, der Pyrrhon nicht quält? Weiterlesen, wirst sagen. Gut, also...
    (Nebenbei an dieser Stelle: Das willst schon so, dass P. plötzlich den Namen des Rodebertus kennt: „Falsch gefragt, Rodebertus“?)
    Weiter im (Kon-)Text.

    „Kein noch so schlauer Dämon könnte mich hinters Licht führen, wenn ich nicht existierte.“ Evident. Vielleicht das einzig Evidente. „Ich habe also nur sicherzustellen, dass ich existiere.“ Cogito ergo sum. Aber ist die Schlussfolgerung denn richtig und berechtigt? Viel besser wär es, Pyrrhon würde logisch folgern: Ich hab also nur sicherzustellen, dass ich nicht existiere. Dann hab ich auch keine Probleme mehr mit schlauen Dämonen...
    „Ich fand nun... dass ich selbst da sei.“ Descartes. Ich nehm an, es folgt bald einmal Kant. Dann Popper? Wandre weiter Deines Wegs, Dein Plan liegt offenkundig. Aber ich frag mich, wozu Du diese Wanderschaft unternimmst, wenn Du nicht auf die Gedanken der Philosophen eingehst. Stattdessen die Frage: „Und du, hast du eigene Gedanken?“ Durchaus nicht ohne Komik, das. Verstehst das komische Moment?
    Der letzte Abschnitt macht deutlich, was schief läuft in diesem Text: Es wird behauptet, erklärt, aber nicht gezeigt, es wird ge-, aber nicht be-schrieben.
    Zum Inhalt: „Rodebertus suchte immer nach Zusammenhängen, nach Ganzheit und setzte sich die Gewissheit als Unhinterfragbares.“ Und Pyrrhon? Hinterfragt er denn die Gewissheit? Wo denn, wie denn, wann denn? Sobald er sie irgendwo entdeckt, die Gewissheit, hält er sich dran fest und lässt nicht mehr los. Cogito ergo sum. Im Hinterkopf spukt jetzt auch der Name Newton rum, unterdessen.
    Der Schluss jetzt. Vielleicht wird ich jetzt klüger? „Als beiden diese Differenz gewiss wurde, verstummte das Gespräch.“
    Welche Differenz eigentlich, frag ich nochmals. Und wieder, ich les den Satz, les vom Verstummen und empfinde es als (unfreiwillige) Komik. Niemand antwortet auf diesen Text. Ich verstehe es. Und les weiter, weiter den Schluss.
    „Sie hielten an besagtem Misthaufen.“ Pyrrhon wirft Mist über die Zinne. Rodebertus springt selbst rüber. Ein Gleichnis, nehm ich an. Ich muss nachdenken, endlich einmal. Deshalb ist dieser Schluss auch das Beste des Textes. Das Gleichnis lässt sich auch lösen. Zum Beispiel so: Rodebertus ist derjenige, der sich hineinwirft ins Ungewisse, ohne wenn und aber und kopfvoran. Pyrrhon wirft nur Mist auf. Es gibt weitere Interpretationsmöglichkeiten. Scheitern tut das Gleichnis dennoch. Nicht als Gleichnis an und für sich. Sondern weil die Figuren und ihre Gedanken zuvor scheiterten.

    Zuviel Allgemeinplätze. Zuviel Vages. Ich wünschte mir einen einzigen präzisen, messerscharfen, klaren Gedanken. Klar formuliert. Verstehst? Ein Strich, mit schwarzem dickem Filzstift gezogen, und nicht eine hauchdünne, verwischte Bleistiftlinie. Der Rand des Abgrundes. Du aber lässt mich stehen. Irgendwo im Feld, das Du Metaebene nennst.

    Fazit: Auch meinereiner tanzt nicht mit Dir auf dieser Metaebene. Vielleicht, weil ich Dich nicht finde in diesem Nebel?

    Greetings,
    Mr. Jones

  3. #3
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    Post AW: Rodebertus auf Wanderschaft

    ein paar verse zum thema;




    wirklichkeit ist
    wahrheit wird gemacht
    nach belieben
    bitter und süss


    wirklichkeit ist fiktion
    wahrheit ist aktion
    mittel zum zweck
    magd und knecht


    wirklichkeit ist unauffindbar
    wahrheit liegt auf der hand
    der kämpfenden
    der schlagenden


    wirklichkeit ist jenseits
    wahrheit diesseits
    des horizonts
    von möglichkeiten


    wirklichkeit ist
    wahrheit wird gemacht
    mit hirnen und händen
    gut oder schlecht


    wirklichkeit ist verborgen
    wahrheit drängt sich auf
    dem suchenden blick
    dem eifernden geist


    wirklichkeit schweigt
    wahrheit schreit
    in kirchen und märkten
    preist sie sich an


    wirklichkeit entzieht sich
    wahrheit hurt
    um gunst und ehre
    ruhm und macht


    wirklichkeit ist
    wahrheit wird gemacht
    zum segen und fluch
    immer beides zugleich
    nur unterschieden
    durch den standpunkt

  4. #4
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    Post AW: Rodebertus auf Wanderschaft

    Lieber Till! Nein. Und ich befürchte, wir werden bei der Beackrung Deines Textfeldes da noch gehörig ins Harnischte kömme.
    Dein Wirklichkeitsbild ist, gelinde gesagt, ostentativ indisponibel. Später mehr.

    Hier erst einmal der überarbeitete Text der Begegnung zwischen Rodebertus und Pyrrhon
    /Descartes: Rodebertus war auf Wanderschaft. Er hatte sein Säckchen schnüren müssen, vertrieben von rauhbeinigen Nordmännern, die im Namen einer sonstwie gearteten Freiheit Klöster plünderten und Mönchen die Schädel einschlugen. Rodebertus wollte nicht auf den allerunchristlichsten Gegenschlag seines Kaisers warten, hatte die baren Füße in Korksandalen gesteckt und sich ein Stück Ziegenkäse als Wegzehrung von seinem bayrischen Freund schenken lassen. Es trieb ihn in den friedvolleren Westen. Dort hatte man vor einigen Jahren schon mit einem Schlage einfach sämtliche Protestanten totgeschlagen, kürzlich erst erfolgreich dem äußeren Feind den letzten Rest Eigenbestimmung abgerungen und konnte sich jetzt der Konstituierung einer inneren Ordnung widmen, von der Rodebertus zwar aufgrund der kriegerischen Vorgeschichte nicht viel halten konnte, sie jedoch mit eigenen Augen... Er hatte von einem bedeutenden Mathematicus mit dem schütteren, einst schwarzen Haar gehört, der an allem zweifelte. Der Mann nannte sich - sicher aus einer neckischen Laune heraus - auch noch Pyrrhon! Das konnte Rodebertus nicht verstehen, daß man als Mathematiker an einem Ergebnis zweifeln könne, zu dem schließlich ein fünfjähriges Kind kommen könnte. Und ferner behauptete dieser Zweifler auch, daß Gott nichts Kreatürliches an sich habe, nur ein Gespinst der Phantasie sein müsse, wenn man ihn in die Natur, in die Offenbarung eines kreatürlichen Rahmens steckte.
    Das widersprach Rodeberti Erfahrungen. In jeder Blume erkannte er den Fingerzeig Gottes, aus der Empfindung der Schönheit einer knospenden Pracht konnte doch nur die Allmacht von Gottes Ratschluß gefolgert werden. In jedem vorzeitigen Tod war Strafe, schwang Unlust und Leid mit, Ansporn fürs Künftige. Wie sollte der Mensch ein Empfinden für das Gleichgewicht der Kräfte besitzen, wenn da nicht ein stilles Einverständnis mit der Ordnung, die doch Gottes Namen entsprach, vorausgegangen seinmußte. Natur und Recht, sie bildeten einen Kreislauf für Rodebertus. Und nun dieser Zweifler, der Gott herausnahm aus dem ewigen Fluß des Werdens und Vergehens.
    Der Gedanke einer nur möglichen unnatürlichen Verbindung zu seinem Schöpfer quälte Rodebertus. So ging er hinaus ins Weite und suchte den großen Zweifler im fernen Westen. Rodebertus mußte bis La Rochelle. Auf der Zinne der frisch eroberten Burg saß Pyrrhon und baumelte mit den Beinen.
    „Was denkst du?“ fragte Rodebertus zur Begrüßung.
    „Ein tätiges Pro, mein Freund“, antwortete Pyrrhon beschwingt und führte den Weinkrug behend zum Mund. Dann reichte er ihn, den Krug, Rodebertus. Der nahm den dankbar und ein wenig erstaunt wegen der Begrüßung. „Was führt dich hierher, Fremder? Wie ich dem Stoff deiner Kutte entnehme, bist du entweder in der Mode nicht auf dem neuesten Stand, ein armer Schlucker oder aber ein Auswärtiger... Nun?“
    „Ich komme aus Falen. Mein Name ist Bruder Rodebertus“, antwortete Rodebertus mit einem Lächeln. „Die Antwort zu deiner Mutmaßung, tätiges Pro: Auch wenn ich mich nicht an die Kleiderordnung deines Landes halte, bin ich noch längst kein unmoralischer Mensch.“
    „Du schießt aber scharf, Hinkebein. Sag an, was trieb dich aus Falen zu mir?“
    „Zweifel an deinen Theorien.“
    „Ich habe keine, nur Methoden...“
    „Bitte? Auf welchem Grund ruhen deine Methoden?“
    „Es ist nichts, wie es scheint.“
    „Du hast keine Erfahrungen mit dem, der alles schuf!“
    “Wie könnte ich! Ich habe vielleicht eine Hoffnung, doch die ist nicht interessant. Ich frage mich, was mich sicher machen kann, daß ich ich bin! Wenn ich bin, dann kann ich auch anderes wahrnehmen, selbst einen Fremden wie dich.“
    „Du scheinst mir Gott verloren zu haben, und mit ihm hast du auch deine Teufel verloren. Wer treibt dich an?“
    „Falsch gefragt, Rodebertus. Kein noch so schlauer Dämon könnte mich hinters Licht führen, wenn ich nicht existierte. Ich habe also nur sicherzustellen, da“ ich existiere.“
    „Gewi?. Gilt für dich nicht das längst bekannte Wort vom unbedingten Gehorsam gegenüber der Wahrheit, die du in deinem Herzen anschaust, Tag für Tag?“
    „Anschauung ersetzt nicht das Denken. Wie könnte ich sicher sein, daß es meine Augen sind, die sehen? Vielleicht sollen sie nur etwas sehen, man gaukelt mir etwas vor. Bist du da? Bist du ein Traum? - Komm, Bruder, trink mit mir!“ Pyrrhon sprang von der Zinne, hakte sich bei Rodebertus unter und zeigte auf einen Misthaufen an der Mauer der Feste von La Rochelle. „Die Weltgeschichte ist unbedeutend für einen, der keine Eier zum Frühstück hatte. Wir haben die Feste nur erobert, weil die Hühner geschlachtet werden mußten, die Leute kein frisches Eiweiß mehr bekamen, die Seele ausdörrte und sich aus dem Staube ihrer Körper machte...“
    „Halt, halt! Was erzählst du?“
    „Das hab ich gesehen. So scheint es doch zu sein, Rodebertus. Eins und eins zusammengezählt...“
    „Und dennoch falsch!“
    „Vielleicht läßt mich Gott einen Fehler machen, sooft ich versuche, die Seiten eines Quadrats zu berechnen... Möglicherweise ist es falsch, Gott auch nur in Gedanken eine solche Unfreundlichkeit zuzutrauen; wohl aber mag es einen bösen Dämon geben, der ebenso schlau wie hinterhältig ist und mich immer wieder irre führt. Die Existenz eines solchen Dämons vorausgesetzt, könnten alle Dinge, die ich anschaue, Täuschungen sein, deren er sich bedient, um meiner Leichtgläubigkeit Fallen zu stellen. Vielleicht habe ich keinen Körper, denn auch der könnte Täuschung sein. Das Denken aber ist etwas anderes: Ich fand nun, daß ich, da ich alles andere in dieser Welt als falsch zurückwies, schlechterdings nicht daran zweifeln konnte, daß ich selbst da sei – auch wenn ich selber eine Täuschung sei, so würde eben diese Täuschung doch immerhin zweifeln können, also eine Existenz besitzen, die da zweifelt.“
    „Du bist! Dann glaubst du doch! Dann ist alles nur ein fürchterliches Mißverständnis.“
    „Sag ich doch, mein Hinkebein aus dem fernen Falen. Eine Methodenfrage. Ich will in keiner Tonne leben, sondern hier und jetzt mit meiner Hoffnung, meinem Tun. Das sind Tatsachen. Sie sind mein. - Und du? Hast du eigene Gedanken?“
    „Eigene? Wozu?“
    „Bist du nur hergekommen, mich zu schulmeistern?“
    „Du irrst dich!“
    „Du kamst, um mir die Leviten zu lesen. Gib es zu! Das bist nicht du. Du gehorchst nur einer Meinung und hast dir noch kein eigenes Urteil gebildet.“
    „Ich bin nicht so selbstherrlich, alles, was war, über den Haufen zu werfen, nur, um selbst herrlich zu sein.“
    Sie gingen noch einige Meter durch Kreuzgang und Bogengänge, kreuzten ihre Gedanken und verschränkten die Arme im Gespräch über Methoden der Wahrheitsgewinnung. Rodebertus fand schließlich heraus, daß Pyrrhon den tiefen Blick bestenfalls als Mittel akzeptieren würde, Gewißheit über etwas zu bekommen, an das man nur glauben könne, was also selbst gewiß sei. Daraus, aus dem Gewonnenen, würde Pyrrhon keine Folgerung ziehen wollen, weil er die Befürchtung hegen müßte, diesen Gewinn stets modifizieren zu müssen. Was ihm zu wenig wäre. Also reichte Pyrrhon die Methode. Rodebertus dagegen suchte immer nach Zusammenhängen, nach Ganzheit und setzte sich die Gewißheit als Unhinterfragbares. Als beiden diese Differenz gewiß wurde, verstummte das Gespräch. Sie hielten an besagtem Misthaufen, Pyrrhon stocherte mit seinem Gehstock darin herum, hob den Stock und warf ein Büschel Mist über die Zinne. Rodebertus nahm Pyrrhon den Stock aus der Hand, glättete die Oberfläche und schwang sich über die Zinne.


    Mein lieber Jonathan! An einigen Punkten hast Du mich gründlich mißverstanden. Doch möchte ich nicht Dir die Schuld dafür geben, sondern mir. Ich muß eben deutlicher werden/sein. Hab nochmals recht herzlichen Dank für Deine Anarbeit. Ich berede Dich.

  5. #5
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    AW: Rodebertus auf Wanderschaft

    Besser so, Rodebertus.
    Widmen wir uns also Inhaltlichem. Dir geht es offensichtlich um den Wanderer Rodebertus, nicht um P. Der mir benutzt vorkommt: als Abgrenzung zum Protagonisten R., oder, anders ausgedrückt, als Erklärung hinhalten muss dafür, was R. nicht ist bzw. will. Ein bisschen find ich das schade. Weil Du damit verzichtest darauf, näher auf das cogito ergo sum einzugehen. Ist die Kernaussage des Textes doch recht eigentlich, dass P. keine Theorien hat, sondern Methoden. Ich denke: Der Dämon, der (eventuell) in die Irre führt, ist er nicht das Denken selbst vielleicht, das Denken an sich? Wie kommt Descartes darauf, dass das Denken ihm sein Sein vergewissere? Kundera hat dazu eine geistreiche Bemerkung formuliert irgendwo, nämlich sagt er, wer cogito ergo sum sage, der habe noch nie Zahnweh gehabt...
    Nun, Dein Text als solcher hält stand meiner Kritik, jetzt. Ich nehme ihn, wie er ist, und lass auch ihn so sein. Aber Du forderst zum Tanz auf der Metaebene... Ich muss eingestehen, ich kann nicht sehr gut tanzen, ich glaub, ich kanns überhaupt nicht. Jedenfalls wird das nicht tanzen genannt, was ich zustande bringe. Dein Rodebertus aber tanzt. Er erinnert mich von seinem Stil her tatsächlich an Newton, an Induktionssalsa. Darauf läuft es hinaus, Dein Text. Sofern ich das richtig... Aber eben, cogito ergo sum. Dem Satz weichst Du aus. Ich, ich versteh ja nicht, wie Descartes darauf kommt, wie ihm dieser Satz genügen kann. Ich bin ja ein Bauer. Deshalb kapier ich auch das eine oder andere nicht, verzeih. Aber Du, Du hättest zum Zusammenhang von Sein und Denken ruhig eine Bemerkung machen können. Zumal Du dies Thema mindestens ansatzweise gewählt...
    Eine Frage noch, die Du bis jetzt unbeantwortet gelassen: Ist das ein Ausschnitt aus was Grösserem? Wenn nicht, dann um doch noch mal zu Deinem Geschreibe zurückzukehren braucht der Text seinen Anfang nicht.




    weil ich geschrieben, das denken selbst sei eventuell der irreführende dämon:


    c.f. meyer hat ein gedicht geschrieben. es handelt von möwen, die kreisen über ihm. er sieht ihre weiss schimmernden bahnen aber ebenso auch gespiegelt im wasser. dabei erkennt er, dass schein und sein sich verwandt sind. und er fragt sich zum schluss des gedichts, ob er selber wohl ein spiegelbild, eine täuschung, oder ob blut in seinen flügeln sei...




    Mr. Jones

  6. #6
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    Post AW: Rodebertus auf Wanderschaft

    Danke für Conradus, so selbigen Du meinst. Ich werd ihn sprechen lassen, wenn Rodebertus seiner begegnet. Und dies wird in Bälde der FAll. Bin ich doch gegenwärtig im fernen Rußland, trotze Dostojewski und Berdjajew. Da ist's nicht mehr weit bis zum Conradus, dem Meier. Und dann ist der Kreis des Denkens beinahe vollendet, wären da nicht diese vermaledeiten Existentialisten mit dem Schwure der Zähheit.

    Rodebertus ist in Rußland angekommen und trifft dort einen Tunichtgut auf einem Gut bei Scherestmetjewo.
    Ich habe hart gearbeitet, werde das Manifest aber bis zum Obernberg-Kunstfest nicht backen können. Bin erst Seite 122. Muß noch hundert Jahre Geistesgeschichte durchackern. Ist spannend, aber sehr anstrengend.
    Über Meinungen zum Rußland-Besuch freue ich mich.

    Paul, Du wirst bemerken, daß ich Deine Antwort auf meine Anfrage einarbeitete.

    Rodebertus hatte genug von den Schwätzern in den vornehmen Klubs der großen Städte. Es zog ihn aufs Land. Viele der Menschen dort wußten nicht einmal, daß sie arm waren. Sie kannten es doch nicht anders. Und selbst die Adligen lebten von der Hand in den Mund, verzehrten Pensionen, die sie sich in Kriegen verdient hatten. Aber zu denen wollte er nicht. Er hatte von einem sehr reichen Gutsbesitzer, Alexej Iwanowitsch D., gehört, der in selbstvergeßner Weise mit seinen Leibeigenen lebte, sie sogar in die Freiheit entlassen hatte, seinen Pflichten als vermögender Mann jedoch nach wie vor nachkam. Rodebertus konnte es sich gut vorstellen, wie die umwohnenden Gutsbesitzer haßerfüllt auf diesen Mann schauten: Das Beispiel sollte sicherlich keine Schule machen. Um so bedeutsamer mußte das Beharren des Eigenbrötlers anmuten. Rodebertus beabsichtigte, sich vor Ort davon zu überzeugen, wollte sich ein Bild machen, Gespenster aus seinem Kopf verjagen.
    Ehrlicherweise muß hier mitgeteilt werden, daß es nicht nur diese Gründe waren, die Rodebertus antrieben, aufs Land zu reisen. Wenn er klären könnte, ob Alexej Iwanowitschs Konzept revolutionär sei und Kirche und Sitte bedrohe oder aber ein bildungsfeindliches, das Kultur vernichten wolle, dann könnte er für seinen eigenen Bildungsweg entscheidende Impulse erwarten, würde vielleicht sogar endlich sein Meisterwerk fertigschreiben können.
    Rodebertus durchschritt grüne Hanffelder, umgepflügte Schwarzerdeäcker, das Meer der Weiden. Hier irgendwo mußte doch ein Feldweg zum Gut Alexej Iwanowitschs führen! Endlich sah er in der Ferne ein Herrenhaus. Die Bauern zogen die Mützen, als Rodebertus an ihnen vorbei den Weg zum Haus entlanglief. Aber sie sprachen kein Wort. Stumme Gesellen. Am Wegesrand zum Haus des Herrn, in dem Rodebertus schillernd wie spekulativ sein Ziel vermutete, standen Apfelbäume mit knorrigen Stämmen, unter denen verzottelte Ziegen weideten. Darüber flatterten und krächzten Krähen ihr klapprig Lied.
    Rodebertus fand Alexej beim jäten. Der war ein alter Mann geworden. Spitzbübisch lächelten die Augen. In den Mundrändern hatte sich ein brauner Schorf gebildet. Vielleicht lag es daran, daß Alexej nicht sonderlich viel sprach.
    "Willkommen, Sohn! Was führt dich zu mir?" entrang es sich ihm.
    "Es ist immer das gleiche, Väterchen", antwortete Rodebertus. "Ich komme nicht weiter."
    "Und hoffst jetzt, ich könnte dir weiterhelfen...", vermutete Alexej, hielt inne und schaute Rodebertus tief in die Augen. "Du hast schlimme Träume und einen schlechten Geist in dir. Aber es ist gut, daß du kamst."
    "Ich frage besser nicht, was dich veranlaßt haben könnte, ..."
    "Im Fragen wirst du dich erkennen, mein Sohn. - Doch nun komm erst einmal mit, setz dich in den Korbsessel dort unter dem Pflaumenbaum, streck die Füßchen aus und erfreue dich am unverfälschten Gesang der Spottdrosseln."
    Rodebertus tat, wie ihm geheißen. Es war eigentlich nicht seine Art, doch manchmal gehorcht man eben, auch ganz gegen seinen Willen. Rodebertus machte es sich im nämlichen Sessel bequem, streckte die Beine, stülpte die alten Korksandalen von den verdreckten Füßen und streckte sie vom Körper weg ins knöchelhohe Gras. Ein Diener brachte Tee, dazu trockenes Gebäck und getrocknetes Gras für ein Pfeifchen danach, ein anderer einen zweiten Sessel.
    "Du kommst aus dem Paradies der Nutzmenschen, mein Sohn?" fragte Alexej und setzte sich in den zweiten Sessel. Er schmauchte den streng nach Harn riechenden Tabak und blickte durch den Rauch zu Rodebertus.
    "Ja, direkt in das der Taugenichtse...", sagte der nach einiger Zeit.
    "Das ist für mich keine Beleidigung", meinte Alexej gleichmütig und versank wieder hinter einem Schwadenschleier.
    "Natur kennt das nicht, ich weiß. Ich spreche ohne Scheuklappen..."
    "Gut gesagt. Folge ruhigen Herzens deinen Instinkten. - Nun, ich warte, Söhnchen!"
    "Wo soll ich anfangen? Du weißt, ich suche schon sehr lange nach einem Zipfel, nach etwas, woran ich glauben kann, nach einem Weg. Ich sehe aber nur eine gähnende Leere vor mir."
    "Bist du dir sicher, daß du es bist, der diese Leere sieht?"
    "Ganz sicher. Wer sonst? Daß ich bin, weiß ich. Wichtiger ist für mich, daß es ist, daß es außer mir noch etwas gibt, an dem ich mich orientieren kann. Ich will nicht nur aus mir wachsen. Das ist irgendwie unbefriedigend. Mit der Dauer des Suchens und Arbeitens jedenfalls."
    "Der Anfang muß in dir liegen, Söhnchen. Das ist noch immer gescheitert, wenn sich die Menschen einen Zweck außerhalb ihres Ichs setzten."
    "Hast du nicht auch von diesem Deutschen gehört, der meinte, unser Ich sei unrettbar?"
    "Nein, aber es würde mich nicht wundern, wenn sie das behaupteten. Erzähl mir davon!"
    "Da gibt es diesen armen Kerl, der glaubte, unser Ich sei eine unrettbare Illusion und wir existierten nur in der Vorstellung, ein Ich zu sein. Und so seien wir aufgefordert zu suchen, unser anderes Ich zu suchen unter den vielen, die wir neu-gierig als Unsergleichen betrachten und aussaugen."
    "Ist das alles? Wenn das alles sein soll, dann würde mich das sehr enttäuschen. Grabe in deinem Hirn, was weißt du noch darüber?"
    "Der Mann behauptet, Farben, Töne, Wärme, Drücke, Räume, Zeiten seien miteinander verbunden und an dieselben Stimmungen, Gefühle, den Willen gebunden. Die Summe des Beständigen gegenüber den allmähligen Veränderungen ist größer, so daß diese zurücktreten. Nach ihm ist das Ich nicht das Erste, sondern die Elemente sind es. Elemente bilden seiner Meinung nach das Ich: Empfindungen, Farben, Töne, all das eben."
    "Wie verständigen sich die verschiedenen Ichs?"
    "Das ist es ja. Eine Verständigung ist da nicht möglich. Er begründet das mit der Unmöglichkeit, sinnliche Erkenntnisse in anderen Körpern zu empfinden, weswegen sie dazugedacht werden. Das andere Ich wird ein Konstrukt, das eigene ist eines."
    "Hat man es endlich aufgegeben, in der Kunst hier einen Ersatz zu suchen, was Kunst nicht leisten kann?"
    "Was meinst du?"
    "Es ist in den letzten Jahren Mode geworden, sich um Kunstwerke zu kümmern, die Menschen aber beiseite zu lassen. Laß dir ein Beispiel erzählen, Söhnchen: Ich traf in Petersburg einen Kritiker, ja, so nannte sich der, der stand völlig abwesend vor einem Bild. Nach einiger Zeit bemerkte er mein Interesse - es war ein wundervolles Bild mit einem Schwan, aus dessen Hals Blut tropfte -, hob seinen rechten Zeigefinger und sprach von einer Strahlung des Ichs im Kunstwerk, so sagte er, die in ihm Welten entwickle. Fragte, ob es mir ähnlich erginge! Ich meinte, ja, es sei schön, einen anderen Menschen in seiner Kunst anzutreffen. Und dann sagte ich, daß ich bereichert aus dem Museum gehen würde. Schließlich fragte ich ihn, was er mit seinem Wissen um den anderen Menschen anfangen wolle. Da schaute er mich verdutzt an und schwieg."
    "Du wolltest dem Mann nicht vertrauen! Hast ihn gleich in eine Schublade gesteckt... Vielleicht suchte er nach einer Inspiration, vielleicht hat er eben in diesem Augenblick einen Vers geschrieben, der viele Menschen erfreut..."
    "Halt! Halt, mein Sohn! Dieser Kritiker war kein Suchender. Um diesen Vertreter geht es mir auch gar nicht. Wer hat schon ein Recht, über andere zu richten? Ich werde das nicht tun, dich bitte ich, es ebenfalls bleiben zu lassen. Vielmehr glaube ich, daß die Kunst heute eine Funktion besitzt und immer wieder in diese gebracht wird. Sie soll ablenken und Geist töten, sie soll uns Heutige sterilisieren, unsere Ideen stigmatisieren, inwiefern sie in einer Form verkaufbar und anwendbar sind. Ja, Künstler haben heute allen Bezug zu Gott verloren, schreiben ihre schrecklichen Paraphrasen des Alltags nieder und stopfen sie den Lesenden ins Maul. Diese Künstler verstopfen alle Poren unseres Denkens, machen unser Ich zu einem Müllhaufen."
    "Keiner ist gezwungen, sich diesen Müll zu kaufen..."
    "Glaubst du!? Du verkennst die feinen Fäden, die deinen Geist umzüngeln, ihn schließlich knebeln und schließlich das zulassen, was ihre Kraft nicht paßt, also das Triviale, den Schmutz, die Entkeimung des Denkens. Nennen wir es Manipulation."
    "Das will ich sehen", lachte Rodebertus. Alexej lehnte sich in seinen Sessel weit zurück, lächelte und fuhr fort:
    "Ich will dich einmal manipulieren, vielleicht verstehst du dann, was ich meine: Stell dir einen russischen Bauern vor, der einen Schubkarren vor sich herschiebt. Neulich kam so einer zu mir und beschwerte sich über seinen Sozius. Er meinte, dieser Sozius würde immer mit ihm schimpfen, wenn er über einen Stein führe. Fragte ich ihn, warum denn der Sozius es nicht besser machte. Sagt doch das Bäuerchen zu mir, daß ich und mein Bruder Leo es seien, ob ich denn das nicht mehr wüßte. - Das Bäuerchen schiebt also mich und meinen Bruder Leo immer durch die Gegend, obwohl er es eben nicht tun könnte. Leo ist seit 10 Jahren tot."
    "Ich verstehe. Du meinst, jeder hat sein Kreuz zu tragen."
    "Nein. Ich meine, daß du jetzt, ab sofort, jedes Mal, wenn du einen Bauern eine Schubkarre schieben siehst, dich an diese Geschichte erinnern wirst. Und nach dem gleichen Muster funktioniert der Verkauf der bürgerlichen Kunst. Sie sagen dir indirekt, was du als schön und erheiternd empfinden sollst, dein Denken aber stellen sie nur beiseite."
    "Väterchen, ich habe das Gefühl, daß du an gar nichts mehr glaubst."
    "Im Gegenteil: Ich möchte direkt plump behaupten wollen, daß bei uns eigentlich nichts etwas mit Nihilismus zu tun hat - mögen sich die Zeichen auch anders deuten lassen. Es gibt sie, unsere unvergängliche russische Seele, die alles irgendwie hinnimmt und zu resorbieren versteht - und diese Seele ist es auch, die mit dem Nichts eigentlich nichts am Hut hat... Möge da auch Anarchie beigemengt sein, aber die Genügsamkeit, der Glaube und die Ehrfurcht vor den Eltern, vor Mütterchen Rußland und Väterchen Frost, halten das Ganze noch zusammen."
    "Wie soll das gehen, wenn die Dichter nur das aufschreiben, was ihnen Geld bringt?"
    "Denk dir, Dostojewski! Am liebsten mag ich seine Erzählungen, seine kleineren Romane, bei all diesen hat er mehr experimentiert, mehr gewagt, hat die Grenzen des menschlich Ertragbaren aufgesucht. Das muß ein Künstler tun. Doch lesen das die Menschen? Kaum. Eine Minderheit. Wer will schon in ein tiefes tiefes Loch fallen, an die Grenze seiner selbst gehen? Da droht das Nichts. Und diesem Nichts will keiner begegnen."
    "Es ist sehr anstrengend. Nicht jeder hat ein Bedürfnis auf solche Höllenritte."
    "Das wird auch so bleiben. Aber wir können kleine Gebiete schaffen, in denen die Menschen frei sind, sich gerecht behandelt fühlen, einer sicheren Existenz entgegensehen und ihre Probleme miteinander lösen. Das schaffen wir aber nur, wenn die Gebildeten um die Ängste eines jeden Bescheid wissen, wenn sie selbst durch die Höllentore geritten sind. Dann können sie die bewahren, die vor solchen Ritten gefeit sein müssen."
    Rodebertus hatte verstanden. Und spätestens jetzt hatte er die bange Befürchtung, daß seine Reise vergeblich gewesen. Noch sehr viel ärger setzte ihm ein bedrückender Gedanke zu, in dem Rußland eine Hauptrolle spielte. Er konnte sich nicht vorstellen, daß es eine Zukunft haben könnte...

  7. #7
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    Post AW: Rodebertus auf Wanderschaft

    statt eines Nachwortes im Manifest das hier...




    "Und das soll es jetzt gewesen sein? Dieser autoritäre, militärische Ertüchtigungsstaat soll das Beste für die Menschheit sein?"
    Rodebertus schreckte von seinem Schreibtisch hoch. Lilith stand vor ihm, breitbeinig, rot, lächelnd, eine Hand in der Rocktasche, die andere lustvoll wippend an der Seite lassend.
    "Frau, es wird Zeit, daß es so kommt!"
    "Wo sind die Frauen in deinem Text?"
    "Es gab keine, die sich darüber Gedanken machte, womit ich mich so lange quälte..."
    "Warum wohl?!"
    "Gute Frage. Weißt du es? - Du schweigst. Frauen haben diesen Spleen nicht, ein kaum gedachtes Leben in eine Form bringen zu wollen."
    „Warum wohl!?“
    „Ich nenne es das Elend der blauen Keramiktasse. Sie können Umbrüche im Denken nicht akzeptieren, sind dann eben nicht mehr interessiert, wenn das Gespräch auf etwas kommt, was ihrer Lebenserfahrung widerspricht...“
    „Ich habe deinen Text schon gelesen. Ich habe auch alles verstanden, denke ich. Mir gefällt er nicht. Du hebst den Finger, um zu sagen, daß du nichts bestimmen willst, nicht belehren willst... und was machst du dann? - Eben. Und deine Arroganz ist erniedrigend. Du sparst hundert Jahre aus, die letzten, da sagst du fast nichts darüber, nichts über Geschlechterkampf, nichts über sozialen Ausgleich und die allmähliche Verbeßrung der Menschheit, nichts über die Nöte in vielen Teilen der Welt. Du hast keinen wirklichen Punkt in deiner Kritik, sprichst nur vage von Allgemeinheiten, die du auch noch nur anschauen willst. Das soll dann alles sein? Die Wahrheit in der Tiefe eines unermeßlich tiefen Brunnens? Daß ich nicht lache!“
    „Es ist im den letzten Jahrhundert nichts wirklich Wichtiges geschehen, jedenfalls für meine Fragestellung.“
    „Und die wäre?“
    „Wie läßt sich eine gerechte Welt einrichten?“
    „Ah, so! Hast du geschrieben, ja. Ich erinnre mich mit Widerwillen an dein Wegputzen der Ausländer. An jedem hast du immer nur Oberflächlichkeit und Suche nach etwas Greifbarem auszusetzen... Ja, worum geht es denn sonst in der Welt? Was soll ich mit Hirngespenstern? Und überleg mal, wenn du eine Welt willst, in der es gerecht zugeht, dann darfst du nicht die meisten Denker mit einer Handbewegung wegwischen und sagen: 'Ja, die Deitschen dagegen, die ham 's aber drauf gehabt! Also nehm' mer se! Diese Deitschen, die immer mit einer Hand an ihrem Bierkrug hängen und den Blick dann vertrübt nach oben richten, wo sie nichts Klares mehr er-kennen können...“
    „Nun ist aber gut, Weib! Mein Buch ist eine Sicht der Dinge. Schreib mir auf, was du zu kritisieren hast, dann haben wir eine Gesprächsgrundlage. So ist's einmal Keiferei...“
    „'Schreib auf, Weib!' Das ist alles? Du schaffst ja nicht einmal hier im eigenen Haus Ordnung...“
    „Ich tappe nicht in deine Falle, Lilith. Ich schlage dir vor, daß du Einwände hier geltend machst. Vielleicht findet sich in der zweiten Auflage meines Textes noch zusammen, was du als zugehörig empfindest, vielleicht aber auch nicht!“ -

  8. #8
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Rodebertus auf Wanderschaft

    Ich glaube, rodebertus ist bei sich angekommen. Er wartet jetzt nicht mehr, sondern ist. Kein schlechtes Gefühl.

  9. #9
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    AW: Rodebertus auf Wanderschaft

    schön, daß ihr zwei euch gefunden habt -
    wenn auch morgens um 3, aber zeit is da wurrrscht! -
    und warten ist scheiße, warten alleine macht den hahn nicht fett - wenn schon, dann suchen!
    aber wohlja, ankommen ist heilig!

  10. #10
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Rodebertus auf Wanderschaft

    Angekommen SEIN, Paul.
    Wir müssen den Rahmen der Wanderschaft dahingehend erweitern, daß wir aus dem WANDERN selbst eine Kunst machen. Im Leben geht es nicht darum, zu wandern, anzukommen, auszuruhen, rastlos zu sein, zu lieben, zu hassen, zu arbeiten... Die wirkliche Kunst besteht wohl darin, eine dynamische Verbindung aus allem zu finden. Wanderschaft ist in diesem Falle eine Bewegung zu sich selbst. Bewegung aber entsteht nur zwischen Punkten, also zwischen Festem. Wenn ich aus mir herausgehe und zu mir zurückkehre, dann habe ich mich bewegt, wenn das Dazwischen Brückenpunkt gewest. Nur, wie erkenne ich es?


    Wahrscheinlich in der Form der Begegnung. Ich begegne nur dem Interessierten, jemandem, der bei mir ist, Teil meiner selbst ist. Die Öffnung ist hier beinahe alles, beinahe. Der sich Öffnende bedarf eines verstehenden Wortes/Geste, in sich selbst einen Funktuationspunkt seiner Seele markieren und aussprechen/worten zu können. Dann geht es einen kurzen Weg gemeinsam, manchmal auch ein wenig länger gemeinsam. Das ist Ankommen, die Bewegung zu sich selbst, angetrieben durch Fremdes, nicht ganz Fremdes.


    Auswahlprinzip.

  11. #11
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Rodebertus auf Wanderschaft

    Dieser Satz des cogito ergo sum könnte auch sum cogito ergo lauten, dann nämlich, wenn man sich seines Urmenschlichen erinnert, dessen, daß Mensch sehr viel älter sein muß als die materielle Welt. Steckt nicht genau in diesem SUM cogito ergo dieser philosophische Sinn, da? das Ich VOR aller materiellen Welt sein muß?

  12. #12
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    AW: Rodebertus auf Wanderschaft

    endlich denkt mal jemand descartes weiter. falsch - nicht weiter, sondern neu. wird diese aufklärung endlich probiotisch? sum - ist das höchste und wirklichste. es braucht keine herleitung und keine wahrheitsfindung, ist ontologisch dada. ohne logik, ohne analogik. sum. dieses sum ist zu 8en, hält den existenzialisten den abwehrspiegel vor wie dem denken. streckt seine fühler aus, tentakelt in die welt, geht auf in ein nonsum nondum, findet sich dort erst wirklich und rollt auf sich zu und durch sich hindurch wie eine durch nichts änderbare singularität.
    dann aber die kernschmelze: sumus. welche welten sind zu gestalten jenseits!

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