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Ergebnis 1 bis 7 von 7

Thema: Kulturbursche

  1. #1
    Enno Ahrens
    Status: ungeklärt

    Kulturbursche

    Er war ein Kulturbursche

    küsste niemals Frösche wach
    leckte am Morgen nicht
    den Tau von den Rosen als
    Beweis seiner Liebe zur Natur
    beherbergte er weder Giftschlangen
    noch Skorpione in seinem Bett
    lag eine Puppe aus Silikon

    Einmal versuchte er es
    mit der Jagd
    das Wild hielt sich versteckt
    nur eine Laus war ihm über
    die Leber gehuscht zuhause
    aus den Schuhen
    und neuen Socken heraus fiel
    ihm dann doch noch eine
    Horde Wollmäuse vor die Füße

  2. #2
    laura
    Status: ungeklärt

    Post AW: Kulturbursche

    Das Gedicht beschäftigt sich mit dem Thema Einsamkeit. Es handelt von einem Mann, der sehr einsam zu sein scheint, weil er keine Frau findet, mit der er zusammen sein kann. Deswegen ist er schlecht gelaunt und scheint ohne Lebenslust zu sein.

    Das Gedicht besitzt zwei Strophen, die in sieben und neun Versen aufgeteilt ist und es reimt sich nicht. Das Gedicht ist wahrscheinlich aus der Postmoderne, denn der Sinn wird nicht sofort klar und ist eher verwirrend geschrieben. Es gibt einen allwissenden (auktorialen) Erzähler. In dem Gedicht geht es nur um eine Person (Z.8). Er scheint vom Leben überfordert zu sein (Z.6-7, Z.8-10), denn er versucht eine Frau zu bekommen. Dies klapp aber nicht, da er nur Niederlagen erlebt (Z.8-10). Er ist schlecht gelaunt (Z.11-12) und die einzigen „Lebewesen“ in seinem Leben sind die Laus auf der Leber und die Horde Wollmäuse (Z.11-12, Z.16). „Er war ein Kulturbursche“ und jetzt ist die Person es nicht mehr, denn er hat die Lebenslust und Leidenschaft verloren. Es könnte auch als ironisch gesehen werden dafür, dass er niemals ein Kulturbursche war und mit allem scheitert, was er tat. Außerdem findet ein abrupter Einstieg statt, ohne eine Einführung in die Szene. In der ersten Strophe werden noch viele „schöne“ Wörter (Rosen, Morgen, Liebe, …) verwendet. Am Anfang wird die Person auch noch beschrieben. In der letzten Strophe herrscht eher eine dunkle Stimmung/Redewendungen und keine Lebenslust. Es gibt ein abruptes Ende/offenes Ende und es findet kein Aufbau einer Geschichte statt, sondern vielmehr eine Aufzählung. Das zeigt, dass auch in den Gedichten nicht immer nur Gutes passiert. Menschen können sich auch einsam fühlen und es findet kein „Happy End“ statt. Die Enjambements (Zeilensprünge) sind sehr auffällig, denn sie verändern die Art und Weise, wie man das Gedicht liest, zum Beispiel „leckte am Morgen nicht den Tau von den Rosen als Beweis seiner Liebe zur Natur“ (Z.2-4) und „als Beweis seiner Liebe zur Natur beherbergte er weder Giftschlangen (…)“ (Z.3-6). Man kann diese Zeilen doppelt lesen und erhält so eine neue Aussage (Doppeldeutigkeit). Es verdeutlicht, dass wir oft nur das Schöne der Natur/Welt im Blick haben, aber das Negative gehört auch dazu. Die Zeile eins zeigt, dass er kein Romantiker ist und nicht an Märchen/Wunder glaubt. „(B)eherbergt er weder Giftschlangen noch Skorpione“ (Z.5-6) ist ein Merkmal dafür, dass die Person realistisch ist und nicht einfach irgendeine Frau sucht, denn er erkennt auch, was hinter der Fassade steckt. „(M)it der Jagd“ (Z.9) versucht er sich die Frauen zu holen („Frauenfang“). Dies ist genau so schwer, wie wenn man auf die Jagd geht und die passende Beute versucht zu finden (Z.10). Die Zeile zehn steht für die Frauen, die er nicht findet, denn er hat kein Erfolg auf der Jagd. Die Person sieht das gar nicht als Beziehungssache, sondern als eine Aufgabe/ein Objekt, dass er fangen muss. Die Frauen wollen aber nicht von ihm gefunden werden und fliehen. Eine „Laus“ (Z.12) ist ein sehr kleines Lebewesen (vielleicht eines der einzigen in seinem Leben). Er ist schlecht gelaunt, da er keinen Erfolg bei den Frauen hat. „Horde Wollmäuse“ (Z.17) ist eine Hyperbel, denn eine „horde“ ist übertrieben. Dieser Ausdruck zeigt, wie lange der Mann sich schon in dieser Situation befindet. Außerdem ist es eine Metapher für ein weiteres „Lebewesen“ in seinem Leben und es ist ironisch, weil er dadurch noch einsamer scheint, denn die Laus und die Wollmäuse sind beides ja keine richtigen Lebewesen. Es könnte auch als „Plage“ verstanden werden, die ihn immer umzingelt. Die „Puppe aus Silikon“ (Z.7) ist ein Euphemismus, da es sich wahrscheinlich um ein Sexspielzeug handelt, als Ersatz für eine richtige Frau. Es ist ein Gegensatz zur Natur und zu dem, wie er angeblich seine „Liebe zur Natur“ zeigt.

    Diese Erkenntnisse bestätigen die Annahme, dass der Autor durch dieses Gedicht auf die Einsamen und Traurigen aufmerksam machen möchte, über die in romantischen Gedichten nicht geschrieben wird. Wir befinden uns stets im Weltgeschehen. Oft tun wir aber gerne so, als hätten wir alles im Blick. Zur Schönheit der Natur gehört auch immer die Kehrseite: Rosen und Schlangen, Tau und Skorpione, … .

  3. #3
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Kulturbursche

    so düster würde ich den "kulturburscheN" nicht einordnen; mit Kultur hat das hier entwickelte Menschlein wenig zu tun, eher mit Zivilisation, aber diese Begriffe werden oft verwechselt; ich sag's mal deutlich: Kultur ist Beethoven, Zivilisation ist Klopapier. von beidem kann man in diesen tagen nicht genug haben.

  4. #4
    Enno Ahrens
    Status: ungeklärt

    AW: Kulturbursche

    Interessant, Laura, dein Psychogramm. Ich werde selbstverständlich nicht verraten, ob du mich trefflich erwischt hast. Danke! Kulturbursche soll hier ja auch nur ein gegenläufiges flapsiges Wortspiel zum Naturburschen sein. Sex mit einer Frau ist auch in der Zivilgesellschaft normal natürlich. Klopapier hat einen anderen Status, lieber rodbertus. Wenn einer eine Puppe benutzt, würde ich es weder als zivilisiert noch als kultiviert ansehen, obwohl eine Puppe ja eine gestaltete Figur ist und somit zum Kulturgut zählt. Auf jeden Fall ist es nicht natürlich. Und ein Mann eines Naturvolkes wird sicher ein besserer Jäger sein als einer aus unserer Kulturgesellschaft bzw. Zivilgesellschaft.

    LG Enno

  5. #5
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    1.September 2013
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    8

    AW: Kulturbursche

    küsste niemals Frösche wach
    leckte am Morgen nicht
    den Tau von den Rosen als
    Beweis seiner Liebe zur Natur
    beherbergte er weder Giftschlangen
    noch Skorpione in seinem Bett
    lag eine Puppe aus Silikon

    Einmal versuchte er es
    mit der Jagd
    das Wild hielt sich versteckt
    nur eine Laus war ihm über
    die Leber gehuscht zuhause
    aus den Schuhen
    und neuen Socken heraus fiel
    ihm dann doch noch eine
    Horde Wollmäuse vor die Füße
    das "er" muss weg und statt "einmal" "einst"

    Gruß, A.D.

  6. #6
    Philipp
    Status: ungeklärt

    AW: Kulturbursche

    Das Gedicht „Er war ein Kulturbursche“ gliedert sich in zwei Strophen zu sieben und neun Versen. Der Dichter verzichtet auf jegliche Interpunktion. Durch den konsequenten Einsatz des Stilmittels Enjambement öffnet sich die Form des Gedichts und lässt Raum für eigene Lesarten.
    Das Substantiv in der Überschrift ist ein Wortspiel aus Kunstbanause und Naturbursche.
    So wird die Erwartung aufgebaut, dass es um das Verhältnis von Kultur und Natur geht.
    In der ersten Strophe arbeitet der Dichter dann mit Allusionen: Der perfekte Prinz, der wach geküsst wird, der Rosenkavalier, der seiner Geliebten Blumen bringt. All dies macht ein Kulturbursche aber nicht. Nun setzt der Dichter seine Beschreibung fort und gibt an, dass auch keine Tiere im Bett gehalten werden sollen. Schaut man sich diese Stelle näher an, lässt sie die Deutung zu, dass er mit Metaphern arbeitet. Die Schlange als Verführung im Paradies und auch der Skorpion spielt in der Bibel als Verbündeter des Teufels eine unheilvolle Rolle. Da der Kulturbursche nun lieber Plastikfrauen im Bett hat, rät der Dichter von leidenschaftlichen, lustbetonten Frauen ab.
    Bringt man nun die Verse zu einer Bedeutungseinheit zusammen, zeichnet sich ein Bild eines soliden Mannes, der nicht viel Aufhebens macht bei der Umwerbung einer Frau. Im Gegenzug aber auch nicht viel erwartet.
    In der zweiten Strophe greift der Dichter indirekt nochmal das Bild des Skorpions auf. Der Skorpion als Schutztier der Jagdgöttin Artemis. Er beschreibt wie der Kulturbursche einmal versuchte eine Frau zu erobern. Dies scheiterte allerdings. Das Frauenbild aus der ersten Strophe wird hier nochmals untermauert, wenn der Dichter von „Wild“ schreibt. Lediglich eine unerwünschte Laus ist dem Kulturburschen vergönnt. Schädlinge, die lästig sind. Letztlich ist der Mann wieder allein zu Hause, das anscheinend verwaist ist, wo sich „Wollmäuse“ bilden, die keine Frau weg macht.
    Das Bild des Kulturburschens spitzt sich in der zweiten Strophe noch zu. Er ist ein erfolgloser Liebhaber. Er zieht sich noch „neue Socken“ an, kann aber die schönen leidenschaftlichen Frauen nicht erreichen. Sie ekeln sich, denn sie „verstecken“ sich vor ihm. Er landet also wieder beim Unechten. Die „Wollmäuse“ die keine echten Tiere sind, wie auch die „Puppe aus Silikon“ keine echte Frau ist.
    Das Gedicht insgesamt kann als Auseinandersetzung des Mannes gelesen werden, der Schwierigkeiten hat sich gegenüber modernen, selbstbestimmten Frauen durchzusetzen. Er ist im Zwiespalt mit seiner eigenen Natur und den sich veränderten kulturellen, gesellschaftlichen Normen.

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    111
    Renommee-Modifikator
    17

    AW: Kulturbursche

    na sowas, es scheint, hier hat eine Lehrerin das Forum für ihren Coronaunterricht benutzt.

    aber ein auktorialer Erzähler in einem Gedicht???

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