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Thema: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    Auseinandersetzung mit Alfred Rosenberg - man muß wissen, woran man ist


    (Ich werde im folgenden Rosenbergs MYTHUS DES 20. JAHRHUNDERTS kommentieren.)


    Rosenberg beginnt mit einer These: Das Blut, welches starb, beginnt lebendig zu werden. (S. 1) Nach Jahrhunderten vernünftigen Kämpfen rebelliert das Blut. Rasse statt Vernunft. Rasse ist für Rosenberg die Außenseite der Seele (S. 2), die Seele im Umkehrschluß Rasse von innen (S. 2). Damit schafft er schon einen Begriffskontext, der hermetisch bleibt. Aus seiner These formuliert er das Ziel seiner Abhandlung: aus dem neuen Lebensmythus einen neuen Menschentypus schaffen (S. 2).
    Wichtig sind die Parameter des NS, die Rosenberg setzt. Der NS bejaht den Straßburger Münster und die Wartburg, wohingegen das AT und das römische Zentrum (als Weltzentrum zu verstehen) verneint werden. Das sind ästhetische Anhaltspunkte. Als Patrioten und Protestanten kann der proselytierte Kathole mich damit nur gewinnen. Auch ich bin gegen den Universalreichsgedanken unter katholischer Führung und auch gegen die Gottauffassung des Alten Testaments, sehe allerdings Gott als einen sich Entwickelnden, also einen, der sich aus dem Auge um Auge.. des ATs in einen Verkünder unbedingter Nächstenliebe - Und wenn dich einer auf die eine Wange schlägt, so halte ihm auch die andere hin - entwickelt. Allerdings hat Rosenberg das nicht im Sinn, diese Entwicklung aufzuzeigen, statt dessen nennt er Wagner und die Gotik als Anhaltspunkte, die Juden als Ursetzer der feindlichen Prinzipien auf der anderen Seite. Er will eine Siegführung der bisherigen Rebellen (!), will das Chaos in gleiche Seelen- und Geisteshaltung gleichschalten (S. 14). Gleichschaltung? Seelen gleichschalten? ? Hier darf gefragt werden.
    Ich will jetzt nicht danach fragen, wie der Sieg errungen werden solle, auch nicht, was mit den Besiegten geschehen solle, auch nicht, ob ein Mythus für die bisherigen Verlierer sinnvoll formulierbar sei: nein! Ich will fragen, ob die Gleichschaltung der Seelen zum Zwecke der Herbeiführung eines bisherig sieglosen Prinzips wünschbar ist! Seelengleichschaltung kann in meinen Augen kein (sonstwie artikuliertes) Ziel sein. Sicherlich würde sich mit der Nivellierung von Gegensätzen ein Gutteil Chaos in der Welt beseitigen lassen - vielleicht, sicher kann auch das nicht sein -; allerdings aber sind Gegensätze gerade lebensbejahend, gerade das, was Spiel der Kräfte erst zuläßt, was Menschsein möglich macht. Der Mensch lebt in sich die Gegensätze, er klammert sich aus, gelegentlich, aber in seiner Gesamtheit benötigt er ENT-Wicklungen, muß sich im Kontext seiner Zeit zu dem BILDEN, was er eben ist, und sei es ein Monster. Gleichschaltung und der Verlust von Feindung ist Lebensverzicht, ist Gewalt und geht gegen die Natur des Menschen, wogegen er sich wehren dürfte, früher oder später.


    Ich sage NEIN zur (beabsichtigten) Gleichschaltung der Seelen!


    Aber sehen wir, wie Rosenberg seine Zielstellung erreichen will, was er an Indizien anführt, wie er die Begriffe bestimmt und welche Feinde er wie bekämpfen will, und wie er merzen will, was ihm nicht paßt, das widerspenstige und sich chaotisch gerierende Menschengeschlecht.

  2. #2
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    strittig, in sich, scheint mir?
    ein jude?
    die gegensätze?
    fragen nur, pardon... -
    ein eins, natürlich,
    einfach wie förmchen im sandhasten,
    oder ist er des harkens nicht mächtig?
    hin und her nur,
    ganz einfach,
    kern an kern,
    das wußte schon der pudel... -
    auf einem seil tanzen -
    wer nicht fällt,
    hält den zazazauberstab...

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    II


    Rosenbergs methodischer Ansatz ist kaum anfechtbar. Er definiert Begriffe, mit denen er arbeiten möchte. Seine Prämisse lautet: Eine neue Epoche muß die Weltgeschichte neu schreiben, v.a. an den Wurzeln neu definieren! Allerdings ist es eine Definition per negationem, mithin inhaltlich anfechtbar. R. will sich abkehren, das sich einst setzende absolute Eine konnte im Laufe des bisherigen Weltgeschichte keine übermenschliche Gemeinsamkeit stiften. Die beiden großen Ideen des Christentums und des Humanismus starben in ihrer Seele, der Glaube daran ist nicht mehr von den Lebenden zu erwecken. (S. 22) Also ist das Neue ein Reflex auf das Versagen der bisherigen Präambel menschlichen Gemeinschaftstiftens, muß sich gegen die Ideale des Christentums und des Humanismus wenden, DENN diese hätten schließlich versagt, wie R.s Bezeichnung des Totseins nur ein Totsein der Substanz der bisherigen Ideale bedeuten kann. Für R. ist eine Modifikation ausgeschlossen, etwas Neues muß her!
    Was setzt R. dagegen? Den Mythus. Diese immerwährende Idee, die immer auch einen Gegenwartsbezug besitzen muß, wie könnte sie sonst ewig genannt werden?


    kurzer Exkurs: R.s Buch heißt: Der Mythus des 20. Jahrhunderts Wenn Mythus ewig ist, dann kann der Titel nur lauten Mythus im 20. Jahrhundert, das aber würde bedeuten, daß R. koinzedieren müßte, er müßte zugeben, daß Mythus als Ewiges einen Kontext benötigt, aus der Ewigkeit in die Zeitlichkeit greift und somit das Absolute verliert, mithin Modifikation und Mehrwertigkeit (Interpretation) notwendige Bestandteile des Mythologisierens sein müssen. Mythus selbst wäre dann Substanz, was eine Bestimmung des Wesens nach sich zöge. (Wollen wir einmal sehen, ob sich R. zu einer Begriffsbestimmung des Wesens vom Mythus durchringt.)


    R. setzt das Blut als Bindemittel und bezeichnet Blutvermischung als Blutschande, woraus sich in der Weltgeschichte immer die Deszendenz des herrschenden Volkes ableitete. So gingen Indien und Persien, Griechenland und Rom durch Blutschande zugrunde! Das aus dem Blut gelöste selbstherrliche, freie und über sich selbst reflektierende Ich ist R. kein Wert mehr, sondern verzweifelte ... brüchig gewordene Satzungen einer polaritätslosen Naturvergewaltigung zugunsten von Abstraktionen (S. 22).
    Das ist die Einschneidung des Denkens und die Knüppelung von Freiheit! Wer sich selbst setzt, hat auch das Recht, das Gegenteil zu wollen. Wer reflektiert, der darf es auch lassen. Wer nicht mehr reflektieren darf, der ist beschnitten und vergewaltigt. So herum wird ein Schuh daraus, Herr R.!

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    Ich habe über die Begrifflichkeit des Eingangswortes nachgedacht und glaube, R. will den Wortinhalt umdeuten. Eigentlich hat der Philologe HEYNE (1729-1812) MYTHUS (statt mythos)zuerst gebraucht/eingeführt, um deutlich zu machen, daß er sich nicht mit einer fabula bzw. Erfindung beschäftige, sondern sich um die Historisierung und Rechtfertigung des Phänomens bemühe. H. leitet somit die moderne Beschäftigung mit dem Mythus ein, den Diskurs


    - mythus ist Ausdruck eines spezifischen Volksgeistes (Schüler heißen Adam MÜLLER), die aetas mythica sind eine geschichtlich notwendige Entwicklungsstufe des Menschengeschlechts, die in der modernen Zeit in veränderlicher Gestalt fortleben, als sermo poeticus (steht so in meiner Datenbank, muß also irgendwann einmal wahr gewesen sein!)

  5. #5
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    IV


    R.s Kampf gilt dem rasselosen Universalismus. Nachdem er sich in Asien etwas Luft holte, braucht R. für Europa einen langen Athem. Ursprungssuche des europäischen Geistes. Görres nennt er. Den Forscher Görres aus Heidelberg. Der Mann wortete den Gedanken der weltgeschichtlichen Polarität zwischen Männlichem und Weiblichem. Die Gründe des altgriechischen Lebens - denn Griechenland ist es, woran wir uns orientieren müssen, Griechenland und nicht Rom oder sonstwas!, womit Rosenberg beziehungsweise Görres richtig liegen - heißen

    • Mutter
    • Erde
    • Nacht
    • Tod

    .

    Unsere Vorfahren, diese Haudraufgermanen blondrötlicher Färbung drangen ins warme Griechenland und brachten das Licht. Es war der Sieg des Vaters über die Mutter, des Lichts über das Dunkel. Homer singt in der Ilias noch von diesem Siegeszug der Wagenlenker im Duktus des Siegesgesanges des Lichts ueber die Dunkelheit. (Das war einige Hundert Jahre später, aber im Bewußtsein der Griechen immer noch präsent!) Die Germanen kamen nach Griechenland (Dorische Wanderungen), fanden Mutterrecht vor und bekämpften es. Schließlich floß der Himmel zusammen (in Hesiods Theogonie nachlesbar), man erkannte sich wieder und ging eine innige Freundschaft ein. Aus Protogriechen und germanischen Eroberern entwuchs ein Volk, die Griechen. Man nahm die alten Gottheiten und stülpte ihnen die neue Bedeutung über. Ein Rest Vergangenheit aber blieb, am besten in Apollon veranschaulichbar. Aus dem Mäusekönig (man denke nur an Homers Frösch- und Mäusekrieg) wurde der strahlende Gott des Lichts, aber die Pythia, die sog ihre Weisheiten aus einer Erdritze, und kein Grieche stieß sich daran!
    So weit, so gut, Herr Görres. Und was stampft Rosenberg aus G.? R. spricht vom nordischen Menschen, der in den Gewässern Kleinasiens zersetzt würde (S. 50), spricht von den Sümpfen des Nils, die die Lichtgestalt germanischen Wollens zerstöre und bequem mache. Ja, aber! Das nehmen wir als Prinzip R.scher Quintessenzierung erst einmal auf. Entwicklungen sind nicht, es gibt diese Trinität Herrn Spenglers: Aufstieg, Blüte, Verfall. Auf unsere Vorfahren angewendet: Sie kamen, siegten und verfielen. Platz da für die neuen Eroberer aus dem kalten Norden. Aber das Licht ist nun bei ihnen, bei denen, bei ihnen... Klar ist das nicht, ob wir die Griechen nun noch einmal erobern sollen, ob vielleicht schon der Gedanke in sie drang, ob wir vielleicht gar keine Gedanken mehr besitzen, die wir der Welt bringen können... Das bleibt alles vage.


    Weiter im Text: Rom!
    R. findet eine Parenthese zwischen Rom, JC und Goethe. Goethe fand das Leben Christi wichtig, nicht seinen Tod, der der Menschheit neue Hoffnung gab/geben sollte. R. setzt hier die Polarität zwischen der Lebensverneinung des negativen Christentums, seine etruskisch-syrische Entsprechung durch die Apostolität Roms und dem prallen Lebensbejahen Goethes, dessen nordisches Blut nach einer lebenspraktikablen Adaption, einer Aufwerfung der Sinnfrage fragte. (S. 79)
    Einfacher: Die Rezeption Jesus? verneint Leben und ist schlecht. Jesus' Leben ist als Vorbild gut. Schlechtes Christentum - gutes Christentum. Schlecht: Süden. Gut - Norden.

  6. #6
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    V


    Rosenberg muß in Italien schlechte Erfahrungen gemacht haben. Nachdem er Jesus nun so falsch ins Licht setzte, aus dem Dunklen heraus anschaute und nun die Starre des für die Menschen Gestorbenen (damit eben den Menschen das ewige Licht leuchte!) brandmarkt als Lebensverzicht (hier klingt ein Rest Moderne herüber, Christus-Kritik, wie denn die Modernen an allem überkommenem Kritik üben zu müssen glaubten) und dem das Leben eines schaffenden Geistes wie Goethe gegenüberstellt. Der Witz: Goethe schaute mit Schelling an, traf sich in zunehmendem Alter immer mehr mit Anschauungen der römisch-katholischen Kirche, weil er eben eine stille Ordnung in der Welt sah, die er zuvörderst durch die Kirche erhalten und auszubauen trachtete. Heilige Ordnung, Maria! (Rosenberg ist noch ein junger Mensch, einer, der schnell Urteile faßt und auch Sachverhalte anpaßt). Egal. Weiter im Text.


    Durch Rom wären alpine Überwucherungen (!!) nach Deutschland getragen worden. Diese seien Demokratie, geistliche Bedürfnislosigkeit, unkühner Pazifismus, geschäftstüchtige Schlauheit und die Rücksichtslosigkeit im Verfolgen gewinnversprechender, händlerischer Unternehmungen. (S. 86)

    Aufmerksame Leser dieses Forums werden feststellen müssen, daß die eben genannten Charakterschwächen samt und sonders auch von uns abgemahnt werden, jedenfalls, sofern sie zu den vordringlichen Charakterbildungen der heutigen Deutschen gehören. Rosenberg hat schon ganz recht, diese Dinge sind uns artfremd, Teil des anderen. Sie müssen sein, nur dann gewönne Menschlichkeit ihr Recht, Menschen tauschen einander aus, prägen einander in Kontrast zum anderen aus. Nichts ist mehr oder weniger wert, um es gleich vorweg zu sagen. Aber der Kontext ist hier alles. Sei es doch einmal verstattet, zu fragen, ob denn Einfluß antreffen muß. Wenn nicht in uns das Streben nach Gewinn läge, wie könnte dann ein Bazillus gleichen Namens Wirtung finden? Ich glaube, Rosenberg hat hier den Begriff des Deutschseins inadäquat ausgelegt. Wir sind selbst Juden, zum Teil zumindest, wir sind selbst gestorben und wiedergeboren, sind selbst auf Gewinn, auf Frieden, den Beugsamen, aus, suchen ex tempori Modulationen des Daseins, Erfüllung. Deutsch muß all das sein, was eine Mitte sucht,
    • (Deutsch muß all das sein, was ein Zentrum will, das bleibt und dem Menschen sagt: "Du bist nicht Nichts! Du warst und bist ewig". In dieser Mitte schwingt die Harmonie der Vollkommenheit der sich ausgleichenden Kräfte, die im Spiele sich vereinigen und lösen, die sich politisch verbinden zu einem ständischen Gemeinwesen, das dem Gemeinwesen Raum verschafft, seine Glieder zusammenschweißt, wobei jedes Glied eine selbständige Einheit ist, Schutz ringsum gewährt, dabei selbst des Schutzes bedarf und denselben in einer übergeordneten Macht auch findet. - Diese theogonische Welterfassung grenzt sich aufs strengste gegenüber der pragmatischen Erfassung des Daseins als Geben und Nehmen, Handeln und Tun ab, denn diese Mitte will alle Widersprüche im Zirkel der in sie Hineingeborenen und aus ihr Herausgestorbenen halten. Diese Gemeinschaft ist nicht offen. Sie öffnet sich aber all denen, die sich ihr dadurch einverleiben wollen, daß sie mit ihr zu leben und für sie zu sterben trachten!)




    Deutsch ist eben keine REINHEIT. Rein kann ein Volk, das in der Mitte aller anderen lebt, nicht sein, im Gegenteil: Es muß unrein sein, es muß die Hand reichen, aufnehmen und aus dem Aufnehmenden sich selbst immer wieder neu gebären! Rosenberg versucht hier, etwas zu konzedieren, was nicht zu konzedieren, die stille Mitte, aus der der Born des Lebens (für die Welt) quillt. Der Born speist Leben, aber nicht, weil er REIN ist!


    Vielleicht ist das sein größter Denkfehler gewesen, eben zu glauben, daß in der Mitte der Welt das Reinste sein soll, was dann gegebenenfalls, wenn man es ernst meint, mit Gewalt geschafft werden soll. Ein letzter Rest Eschatologie ist das, irgendwie.

  7. #7
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    VII


    Zurück nach Deutschland. Wir befinden uns immer noch im expositionellen Teil des Buches und kommen jetzt zum metaphysischen Zentrum. Der Ansatz Rosenbergs ist deduktiv: Aus einer alles andere bestimmenden Grundthese wird abgeleitet, was zu tun bleibt. Wenn also in der Grundthese bereits Fehler angefunden werden können, muß das System fallen. Findet sich Plausibilität - einen hohen Grad an Überzeugung wird man bei keiner These erreichen, selbst das Universum hat sich letztlich als Scheibe herausgestellt, was vor einhundert Jahren Lacher nach sich gezogen hätte, ja Ausschluß aus sämtlichen wissenschaftlichen Vereinigungen, hätte dies jemand behauptet -, muß weitergesucht werden. Hier gilt es also, sehr genau zu sein!


    Die Grundthese in bezug auf Verhaltensmuster eines Volkes, woraus letztlich politische und gesellschaftliche Forderungen gezogen werden können, lautet bei Rosenberg: Das Leben eines Volkes ist keine sich logisch entwickelnde Philosophie, sondern die Ausbildung einer mystischen Synthese, die weder durch Vernunftschlüsse erklärt, noch durch Darstellung in Ursache und Wirkung begreiflich gemacht werden kann. (S. 117)
    Rosenberg folgert daraus die Aufgabe der Philosophen, den Höchstwert des jeweiligen Untersuchungsgegenstandes (Volk) auszumachen, der den Lebensrhythmus bestimmt und den Kräften im Volk das ihm entsprechende politische System zuweist. Er glaubt festzustellen, daß dem einen Volk Schönheit besonders wichtig ist, einem anderen religiöse Sinnsuche. Das ist allgemein gesagt. Konkreter macht Rosenberg diese Sinnsuche, die jeweiligen Akzente in drei Kräftegruppierungen in Europa fest, zwischen denen seit spätestens dem Aufstieg Deutschlands im 19. Jahrhundert ein erbitterter Kampf tobt:



    1. das ursprüngliche, auf Freiheit der Seele und der Idee der Ehre ruhende nordische Abendland;
    2. das vollendete römische Dogma der demutsvollen, unterwürfige Liebe im Dienste einer einheitlich regierten Priesterschaft und
    3. der schrankenlose, materialistische Individualismus mit dem Ziel einer wirtschaftspolitischen Weltherrschaft des Geldes als einigender, typenbildender Kraft. (S. 118)

    Schauplatz des Kampfes: Das Zentrum Europas, Deutschland.

    Der erste Krieg des Jahrhunderts als eine Folge dieses Weltkampfes endete mit einem totalen Sieg der Plutokratie und römischen Kirche.
    Das Problem der Weltprinzipien stellt sich für Rosenberg so dar, daß die nordische Rassenseele kein gleichberechtigtes Nebeneinander sich gegenseitig ausschließender Prinzipien/Höchstwerte duldet, Rom hat damit auch seine Probleme, verlegt Protest jedoch in eine Anderswelt, währenddessen der schrankenlose Individualismus geradezu feindliche Prinzipien schürt, um sie in den Kanon seiner utilitaristischen Philosophie zu stellen, alles letztlich nach einem Gewinn abfragt, der als oberstes Prinzip durch Hinterfragung des Masseteilchens Mensch nicht gefährdet ist.
    Das erste Prinzip begründet seine Abwehrhaltung gegenüber den anderen beiden Prinzipien damit, daß Artfremdheit das innere Wesen des ihm Artfremden zerstöre.


    Einige Worte der Erläuterung: Aufmerksame Leser unseres Forums werden bemerken, daß hiermit Ziele und Überlegungen genannt sind, die auch wir verfolgen. Auch wir Verantwortlichen dieser Internet-Seiten stehen gegen den schrankenlosen Individualismus, gegen die Herrschaft des Geldes, gegen unterwürfige und weltverneinende Liebespostulate, gegen zentralistische Indoktrination, eben alles, was damit zu tun hat. Wir glauben auch, daß Deutschland zumindest in Teilen seiner Seele beraubt werden mußte, um in den großen Kontext der Weltherrschaft des Geldes eingepaßt werden zu können. Nun hat es noch Reste in den Tiefsten seiner letzten Sühne, die aber mucken nur, trauen sich nicht so recht, weil es ihnen viel zu gut geht, diese fettgfreßnen Maden auf den Gräbern Nietzsches...
    Was Rosenberg aber hier an Unfertigkeit hinstellt, bedarf eines genaueren Hinsehens: Es fällt v.a. die Gegenüberstellung von Individualismus und Freiheit auf, die verwirren könnte. Das erste Prinzip will Freiheit, aber keinen Individualismus, will man Rosenberg glauben - und anders läßt sich sein Spruch vom sich gegenseitig ausschließender Prinzipien nicht deuten, als daß eben Freiheit und Individualismus Antinomien sein müssen.
    Freiheit und Individualismus schließen einander aber nicht aus. Sie sind nicht gleichzusetzen, beileibe nicht, die Freiheit des Geistes will immer auch die Individuation in Anspruch nehmen können. Rosenberg hat hier wohl eine andere Freiheit im Auge als die des Geistes, vielmehr die Einsicht (ein falsch verstandener Hegel leuchtet hier dunkel auf: Einsicht in die Notwendigkeit!), selbst nur Masseteilchen zu sein, das dem Wort des Blutes folgt, also letztlich eingetaktet werden kann. - Ehre ist an Wortung und Recht gebunden. Das aber erläutert Rosenberg nicht, was hier Ehre bedeutet, welche Bedeutung das Wort der Ehre im Rechtsempfinden und dem daraus folgenden gesellschaftlichen Aufbau hat.
    Das ist ein großes Manko seiner Abhandlung: die Begriffsbildung. Was meint denn der Mann mit Freiheit, mit Seele, mit Individualismus, mit Geld... Das kann man alles sehr verschieden interpretieren.


    Dostojewski hat er gelesen, aber den OSTEN in seinem Weltbild gar nicht verortet. Zufall? Hallo, Alfred, der Osten ist existent!


    Ergebnis: Seine These von der Unmöglichkeit, menschliches Leben zu erklären, gehe ich mit. Das bleibt alles "mystisch-kapitalistisch", wie mein Vater gesagt hätte, meinetwegen auch eine mystische Synthese, wie es Rosenberg nennt. Ich kann mich seiner Trinität der Weltherrschaftsprinzipien leider nicht anschließen. A. fehlt der Osten und B. herrscht bei der Verwendung der Begriffe Unklarheit; C. einen Überkreuzvergleich, was ausschließend und einschließend gedacht und gesagt werden kann, halten die Begriffe nicht aus. Das System Rosenbergi muß in sich zusammenfallen. Es scheitert am Begriff der Freiheit, den es in ungehöriger Weise ans Blut zurückkoppelt; es scheitert an der Unklarheit der gewählten Begriffe, arbeitet mit Begriffen, deren Bedeutungskontext vergeben, der, wenn schon, neu bestimmt werden müßte, was aber nicht möglich ist, denn welchen Rahmen will man einem Wort wie Freiheit oder Individualismus geben, wenn nicht den, sich genug zu sein!
    Was bleibt?
    Glosse. Rosenbergs Text kann nur eine Glosse sein, Randbemerkungen zum Weltgeschehen. Als solche werde ich sie hinfort lesen. Manchmal findet auch ein blinder Alfred ein Korn.

  8. #8
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    VIII


    Rosenbergs Text geht auf Differenzierung aus. Das tun wissenschaftliche oder wissenschaftsheischende Texte in der Regel. Aber greifen wir nicht vor. Sachlichkeit und Auseinandersetzung statt Polemik. Themabezogenheit. Rosenbergs Thema ist in diesem Teil der Schrift die Wissenschaft. Er fragt nach dem Unterschied zwischen germanischer und jüdischer Wissenschaft. Unbedarftere Gemüter würden jetzt einwenden, daß 1 und 1 bei beiden 2 sein müsse..., nein, so weit wollen wir jetzt nicht gehen. Rosenberg geht es immer um Gründe, um Voraussetzungen des Denkens und Handelns. Seine Schrift ist vielmehr Metaschrift als sachfundierte Auseinandersetzung. Was nun hier?
    Die Juden, so schreibt er, sehen in der Voraussetzung ihrer Wissenschaft eine Fiktion (S. 124), nach Rosenberg einen Betrug; sie setzen etwas Ausgedachtes und konstruieren die Welt hinein beziehungsweise heraus. Den Germanen dagegen ist die Anerkennung der Welt eine in verschiedenen Folgen sich offenbarende Gesetzmäßigkeit des Weltalls und der Menschenseele. Germanen schauen an, Juden interpretieren hinein. Fassen wir Betrug als Täuschung, Fiktion als Wahrnehmungsergänzung, dann sieht das Bild schon possierlicher aus. Germanen schauen aber an! Oh Gott! Undeutsch gedacht, Herr Rosenberg!


    Gehen wir ein Jahrhundert zurück. Es tobte der Streit zwischen den subjektiven und objektiven Idealisten. Die einen sahen an (Schelling und mit ihm Goethe), die anderen schauten aus ihren Systemen (Hegel). Beide wollten die Welt erkennen, nicht nur, wie sie ist, sondern vor allem, wie sie sein soll(te). Der Streit wurde unter Freunden geführt, Ergebnis deutschen Geistes, eben immer alles zu wollen, auch die Fiktion, zu vermitteln und einen Ausgleich zu suchen, das aber systematisch und bestenfalls nach Niederringung des Gegners. Fiktion dient und erweitert bei jeder Wissenschaft. Das macht sie aus, darin liegt ihre Funktion. Ein Ideal will man werden, nicht sein. Ein NUR angeschauter Gott in all seinen Modifikationen muß blind machen. Wissenschaft nun verbindet disparate Ansätze, weil es um Wahrheitsfindung geht. Anschauung dient hierbei genau wie Fiktion. Die deutsche Wissenschaft hatte sich ihren dato führenden Rang in der Welt dadurch erobert, daß sie verschiedene Ansätze des Denkens und Wahrnehmens ertragen konnte, eben ausgeglichen wurde, nicht beschränkt, als wahr dasjenige Behauptete galt (wie Popper es später als Methode formulierte), bis das Gegenteil des Geglaubten erwiesen ward oder allgemeine Meinung wurde, die aber mußte wiederum erwiesen werden durch mehr als Anschauung, Anschauung dagegen behielt ihr Recht.
    Wenn Rosenberg jetzt einen Teil der Wissenschaft als Betrug (weil eben nur Fiktion) ansieht - und letztlich tilgen möchte -, dann legt er Hand an, dann will er etwas Gewachsenes beschneiden, Ausgleich und Waage waghalsig hintern. Pfui, Alfi! Vor allem hat er nicht begriffen, was das Wesen des deutschen Geistes und des deutschen Humors ausmacht: sich an den Faxen des Gegenteils, welches aus dem eigenen Ich ausgeschnitten ward, zu ergötzen. Lacht in Rosenbergs Buch eigentlich mal jemand? Mythus ist auch Lachen, dieser Wesensbestandteil des Menschen!
    Weiter.


    Die Inder, deren Weltenauffassung nunmehr behandelt werden - S. 130 folgende -, lösten das All in Symbolik auf. Das Ich entwickelt sich nicht zu einem Beßren oder Schlechtren, es bleibt das Immergleiche. Also haben Dinge wie Ursache und Wirkung keine objektdächtige Bedeutung, sie bleiben eine subjektive Annahme, der Augenblick ist entscheidend, nicht die Betrachtung langer Kausalketten. Das bedeutet aber auch, Erzähltes ist im Menschen vorhanden, der Mythus schwingt mit bei allem Tun.
    Das klingt alles recht fremd, soll darum auch hier nicht näher behandelt werden. Es besteht die Gefahr, den Indiern Unrecht zu tun.

  9. #9
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    IX

    Wir kommen nun zu einem Thema, welches den Autoren dieser Glossen beschäftigt: der Unterschied zwischen griechischem und deutschem Denken. Gar weit flog der Geist aus dem Norden, sich immer anlehnend an die Griechen, die einst die Gedanken so weit in den Himmel geschossen, sich an sich selbst sattfraßen und untergingen, weil sie nicht die Grenzen zu ziehen vermochten. Oder ist alle Höhe auch zum tiefen Fall verurteilt, ist es Gleichmaß und Mittelmäßigkeit, die den langem Athem verschaffen? Wer in die tiefsten Tiefen sinkt, der weiß um den Sphärengesang und will ihn WIEDER aus der Nähe hören. Denn Hören ist es, was den Menschen erst zum Menschen macht.
    Rosenberg sieht hier einen fundamentalen Unterschied zwischen den Griechen und den Deutschen: Die Deutschen faßten Verantwortung (eine griechische Entsprechung für dieses Wort existiert nicht!) als Abwehr aus dem sittlichen Sumpf, in den das nackte und an sich berauschende Denken führt, ein Denken ohne Liebe für den Nächsten, ein bestenfalls diesen mitdenkendes Fragen nach dem Bestmöglichen, das aber doch immer Menschen nur befragt, nicht aber ein Einschließung des Menschen angeraten sein läßt.
    Die Deutschen wurden zu dem, was sie noch heute sind, im 13./14. Jahrhundert - einen Namen nennt Rosenberg, der stellvertretend für die Bewußtwerdung und Artikulation tieferen Seelenlebens wurde: Meister Eckehardt -; es ist die Idee einer seelischen Persönlichkeit, die in den tiefsten Brunnen das höchste Wasser sucht und findet. (S. 220) Seelische Macht macht frei. Freiheit zu haben, war das Ziel, Ablaßhandel erbog das Freiheitsempfinden, machte von Verantwortung und Zwang (Gewissen) frei, um in Abhängigkeit und Unfreiheit zu halten. Empörung und Wut. Protest! Meister Eckehardt nannte die Burgfeste der Seele Grundpfeiler des Menschseins, die raum- und zeitlosen Wesenheiten, aus denen die Feste der Seele besteht, darauf drängte Eckehardt, dies wahrzunehmen und für sich zu erschließen.
    Rosenberg nennt den zweihundert Jahre später entstehenden Protestantismus einen Ausdruck der Sinnsuche nach Wesenheiten und Freiheit des Gewissens, nach Eigenverantwortlichkeit, aber er beschuldigt den Protestantismus auch, sich nicht Eckehardts Seelenmacht angenommen, statt dessen das Alte Testament zum Volksbuch gemacht zu haben, wodurch der Pöbel die Macht der Seele distanzlos pervertierte. (S. 218) Es darf gefragt werden: Liegen Fehlinterpretation und falsche Nutzanwendung in jemandes Macht?

    Die Macht der Seele! Adel. Bewußt wird Adel durch Wissen, welches als Herrlichkeit wahrgenommen wird, durch Bewußtwerdung der Kraft und durch Fruchtbarkeit der daraus werdenden Werke. So hat Adel eine Funktion. Recht so! Eine andere Apperzeption des Adels in einem Gespräch:

    "Sie haben nicht aufgegeben, Schnarrenbeck."
    "Ich hege die Befürchtung, Edgar, daß mein Positivismus nur aus einer Negation rührt. Kennen Sie den armen Kerl, der glaubte, unser Ich sei eine unrettbare Illusion und wir existierten nur in der Vorstellung, ein Ich zu sein? Und so seien wir aufgefordert zu suchen, unser anderes Ich zu suchen unter den vielen, die wir neugierig, ja gierig als Unsergleichen betrachten und aufsaugen. Edgar, ich will Sie auffordern, aus dem Sumpf aufzutauchen und an die Menschen in Ihrem Tun zu denken, nicht länger politisch oder ästhetisch nach Allgemeinphrasen zu suchen, die als tägliches Bonmot Ihrem Geist entquillen."
    "Ich begreife, worauf Sie hinauswollen. Sie wollen, daß ich Freiheit selbständig erringe."
    "Darauf läuft jede ernstgemeinte Pädagogik hinaus."
    Sie sprachen noch eine ganze Weile so fort. Edgar entwickelte seine Thesen über die Aufgabe des modernen Adels, sprach vom spezialisierten Verstande, der angesichts des Zwanges in der modernen Gesellschaft, sich auf einen besonderen Sachverhalt spezialisieren zu müssen, ein totes Begriffli würde, wobei Charakter und Zusammenhang verloren gingen. Dies verband er mit seinem Lieblingsgedanken, daß man nämlich den Nominativ dazu benutzte, mit Vorliebe dem Unsagbaren einen Namen zu verpassen, den man sich dann um so leichter aneignen könne, eine Aneignung sei das, die ihren Sinn im Nutzen habe, nicht in der Herrschaft über den eigenen Gedanken. Selbst die Mitmenschen würden deshalb zu Dingen und interessierten nur so lange, wie sich der postmoderne Mensch sie in einem Nutzzusammenhang vorstellen könnte. Zum Schluß seiner Antwort auf Schnarrenbecks Vorrede fragte er:
    "Kennen Sie nicht auch diese Leute, die sagen: 'Ich muß nicht wissen, wie es in meinem Auto aussieht, es soll mich ans Ziel bringen?'“ Edgar meinte weiterhin, die gewohnheitsmäßige Handhabung dieses Prinzips zerstöre die Bindung zur Welt und allmählich würden alle Angelegenheiten nur noch nach ihrem Nutzsinn beurteilt. Also sei dieses Prinzip der Nutzanwendung falsch und man müsse ein neues worten, eines, das nicht nach dem Gewinn frage!
    Schnarrenbeck hörte zu und runzelte die Stirn.
    "Gruftgesang, junger Mann", antwortete er nach längerem Nachdenken. Nun wollte Edgar zeitgemäßer argumentieren und sprach über die neueste politische Bewegung, die es sich in selbstvergessener Absicht auf die Stirn geschrieben hatte, die Welt unzerstört zu hinterlassen. Seine Stimme klang merkwürdig abgegriffen.
    "Können Sie sich jeden Chinesen in einem Auto vorstellen? - Wollten wir logisch und gerecht vorgehen, so muß das Autofahren selbst so teuer werden, daß sich keiner oder nur ganz wenige dies leisten können. Logisch aber ist, daß wir uns selbstverständliche Rechte nicht jedem Erdbewohner zugestehen können, da sonst alles kaputt ginge, alles. - Sie müssen also zustimmen, daß Besitzstandswahrung als persönliches Anrecht und die damit zusammenhängende Heuchelei der dies garantierenden demokratischen Vertreter die Grundpfeiler der westlichen Demokratie bilden. Dann haben wir die Menschenverachtung auf der Hand liegen. Einige herrschen. Recht ist bezahlbar und kein Gemeingut aller. Freiheit ist auf wenige beschränkt, die es sich leisten können, dem Recht zu gehorchen, weil es auf ihrer Seite ist." Und, als ob er seine eigenen Folgerungen nicht ernst nähme, polterte Edgar fort, nannte die Demokratie eine Farce und grinste wissend, denn schließlich genau das wollte er nämlich sagen. Er forderte von Schnarrenbeck, zuzugeben, daß die Menschen ungleich seien, daß sich daraus eine Gleichheit in Koinzidenz mit der Gerechtigkeit verböte und daß schließlich ein Staat mit unterschiedlicher Verantwortlichkeit und Pflicht auch zu einer maßgerechten Verteilung der politischen Macht führen müsse, meinte man es mit dem Postulat der Gerechtigkeit ernst. Und weil er sich seinem Lehrer methodisch verpflichtet fühlte, faßte Edgar seine Argumentation in einem kurzen Schlußplädoyer zusammen: "Wie kann man einem Verbrecher oder Dummkopf die gleichen Rechte geben wie einem um das Gemeinwohl verdienten Menschen? Vor Gott sind wir alle gleich, doch in der politischen Wirklichkeit dürfen wir niemals zulassen, daß alle über einen Kamm geschoren werden: Man muß die Stimmen wägen und nicht zählen, sagte einer ihrer berühmten Vorgänger zurecht!"
    Der kratzte sich am Kinn: "Vielleicht rührt unsere Unzufriedenheit daher, daß wir Geistreichen nicht herrschen und von Dingen eingeschränkt werden, denen wir zumeist keine Achtung entgegenbringen.. Ich spreche von den alten Bildern in unserem Kopf, die es uns verbieten, dagegen Widerspruch zu wagen. Wir kriechen vor der urbanen Machtentfaltung der Plebs ergeben im Staub und wagen nur theoretischen Einspruch. Seien Sie ehrlich, mein Junge, auch Sie tun das letztlich! Also verkümmert der Wille zur Macht.."
    "Sprechen Sie weiter, Schnarrenbeck. Jetzt spricht Ihr Herz."
    "Geben Sie mir Zeit, junger Mann! Die kleinen grauen Zellen arbeiten nicht so schnell in lange nicht benutzten Bahnen. Da ist Kalk aus dem Wege zu räumen."
    "Ja, ich verstehe. Aber nicht nur die Jungen müssen die Karre aus dem Dreck ziehen."
    "Ja doch, Edgar, ich verstehe Ihre Aversionen, aber eine Antwort geben Sie nicht. So frage ich mich immer noch, wie Sie die Besten ausmachen wollen und wenn Sie die ausgemacht haben, wie Sie feststellen wollen, ob die Erwählten es auch noch Jahre später sind! Charismatische Herrschaft sinkt und fällt mit dem Glauben der Jünger an ihre Führer, nicht wahr? Wie aber erweisen Ihre Besten besondere Qualitäten?"
    "Die Suche ist die Antwort, Schnarrenbeck. Wer einmal in diesen Kreis gewählt wurde, hat die Aufgabe der Suche.."
    "Durch wen gewählt wurde?"
    "Den Anfang setzt das Volk durch demokratische Wahl, dann bestimmt sich dieses Gremium jedes Jahr aufs neu selbst, erwählt oder wählt ab, doch sollte hier nur eine große Mehrheit abwählen können. Wichtig ist nur, daß keine Patriarchalität entsteht, denn die ist jedenfalls schlechter als Erwähltheit. So genau weiß ich das alles noch nicht. Die Sache muß sich entwickeln und nicht von vornherein bestimmt werden. Vielleicht könnte man plebiszitäre Elemente einfügen, beispielsweise das Volk alle fünf Jahre Tribunen in diesen Senat wählen lassen."
    "Ich sehe da große Probleme, junger Mann. Streitschlichtung und Führerkämpfe, Rechtsunsicherheit, was immer auch bei dem Wort Herrschaftsausübung für Begleitwörter auftreten. Es wird nicht einfach sein, Kompetenzen genau abzugrenzen. Letztlich artet Ihr Projekt zu einer Schwatzbude aus."
    "Lassen Sie uns doch erst einmal anfangen! Sie werden sehen, wie dynamisch sich alles entwickelt."
    "Uns?"
    "Irgendwer muß anfangen."
    "Ach, Edgar, Edgar, Edgar!"

    Adel.

    Weiter zur Funktion der Liebe und Ehre... Goethe war Ehrfurcht vor sich selber das höchste Evangelium. Die Gnade dagegen, die als Ergebnis das Existenzrecht des Menschen in der Schöpfung ausmacht (nach allgemeiner Übereinstimmung verschiedener Religionen) ist für Rosenberg nur eine herablassende Gewährung eines allmächtigen Wesens, keine menschliche Leistung, kein aus dem menschen stammendes Faktum. Es bleibt unklar, ob Rosenberg Jesus? Bestandsaufnahme des Menschen als Zielentsprechung für sich und seine Darstellung des Modernen begreift, er nennt das Ziel der Menschheit mit Jesus Worten das Eins-Sein mit Gott, die Erlösung. (S. 235) Gott dagegen ist für Rosenberg historisch, ist geworden, gehört zur Außenwelt. (S. 244) Unklar blieb dem Leser auch, ob Rosenberg hier Vater und Sohn trennt, also in den alten germanischen Arianismus zurückfällt, der eben eine Wesensverschiedenheit zwischen Vater und Sohn auszumachen glaubte und jahrhundertelang von der katholischen Kirche deswegen verfolgt wurde.
    Rosenberg interessieren seelische Vorgänge, Entwicklung der Seele. Aber darf hier nicht gefragt werden, ob EINS-SEIN nicht v.a. eine seelische Einheit bedeutet? Seit wann interessieren Jesus äußere Attribute? Will Rosenberg den Vater vom Sohn wegdividieren?
    Nein, Gott ist v.a. Innenbildung, immer gewesen, da trifft Gott den Menschen an, da wirkt er auf die Entwicklung des Menschengeschlechts.

  10. #10
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Was ist jüdisch?

    Was ist jüdisch? - I

    Die Bedeutungserklärung von JÜDISCH bedingt folgend die Wertung, bedingt Reaktion und Handlungsmuster. Wichtige Entscheidungen fallen hier. Was ist es, was die Nazis gegen die Juden aufbrachte? Wo liegen Fehleinschätzungen, was ist nicht gewährleistet, mithin Interpolation oder gar vorab bewußte Schürung eines Feindbildes? Oder ist das Jüdische, wie es Rosenberg definierte, tatsächlich ein Phänomen, das bekämpft werden muß? Oder sind es gar überjüdische Charakteristika, die sich in den Juden insbesondere festschreiben lassen? Oder sind es allgemeinmenschliche Eigenschaften, die Rosenberg für die Juden geltend festschrieb, den Deutschen aber nicht? - Man könnte die Vorabbemerkungen zur Methode der Befasse mit dem Begriff JÜDISCH noch entsprechend fortsetzen. Aber gehen wir am Text lang:

    Rosenberg verfährt methodisch richtig, wenn er Begriffe wie DEUTSCH, ARISCH, INDISCH oder JÜDISCH o.ä. an das allgemeine Selbstverständnis der jeweiligen Daseinsbestimmung knüpft. Wenn es die genannten Begriffe gibt, dann nur in einer sozialen Konnotation, dann nur in einem historischen Kontext, nur in einer konkret greifbaren Bezüglichkeit. Woran sonst wäre sie zu knüpfen? Eine adäquate Deckungsgleichheit kann es nicht geben, aber ungefähre und vielleicht sogar prinzipiell greifbare Umrisse der Begriffe, ähnlich einer Daseinsbestimmung von Sprache. Alle Sprachteilnehmer einer Sprache haben sich an grundlegende Regeln und Lexik zu halten, im Einzelfall variiert die Sprachbenutzung durch den Sprachbenutzer.

    Zur Sache: Als Eckpunkte der Daseinsbestimmung faßt Rosenberg den definierten Selbstsinn und das Bewußtsein dessen, was Tat, Eigentat, genannt werden muß. Für Goethe konzediert er Abgeschiedenheit (Sinn) und Werk (Tat), wodurch sich die Faustsche Seele ausdrücken läßt. (S. 259 ff.) Die Tat selbst kann satanisch oder luziferisch erfolgen. (Das ist ein Gedanke großer Tragweite, den Rosenberg vielleicht von Schiller - Wallensteins Tod, Verse 799-809 -, vielleicht von einem anderen nimmt.) Er bedeutet nichts anderes, als daß sich ein Gedanke im REINEN Hirn entwickeln kann, doch sobald der Gedanke in die Tat kommt, muß er sich den teuflischen Naturmächten aussetzen. Das geht auf Kosten der Reinheit des Planes. Umwege und Kurven, Anpassung und etappenweise Unterordnung, um das Ziel zu erreichen. Strengen Moralisten unannehmbar, dennoch wohl notwendig!
    Satanisch bedeutet moralische Weltüberwindung. Die triebhaften Motive zur Beherrschung des Gegenstandes drängen auf die Überwindung moralischer Hindernisse. Luziferisch dagegen ist der Kampf um die Unterjochung der widerspenstigen Materie. (S. 263) Luzifer ist kein Subjekt, will keinen persönlichen Vorteil, ist keine Person, sondern eben nur Prinzip, das der Verneinung und des Eigenwillens, der aus der Verneinung allein seine Berechtigung zieht, ein Antreiber und Un-Mensch. Lebensnotwendig, aber nicht für sich selbst sein könnend, weil selbstverzehrend, wenn kein Gegenstand vorhanden ist, an dem sich der verneinende Geist entzünden und entwickeln kann.

    Man könnte jetzt fragen, wie und wodurch Rosenberg zu derartigen Begriffsbestimmungen kömmt. Es seien hier Reitzenstein und Wilamowitz-Moellendorf genannt, zwei seinerzeit anerkannte Koryphäen auf dem Gebiet der Philologie, die auch von Thomas Mann nicht in ihrer fachlichen Kompetenz angezweifelt wurden; dennoch versuchte Thomas Mann, mit Kerenyi einen Fachmann in die Diskussion um den Bedeutungsumfang von SATANISCH und LUZIFERISCH einzubringen, der den Nazis nicht positiv gegenüberstand - Reitzenstein und Wilamowitz sollen jetzt nicht Nazifreunde genannt werden! -, aber auch Kerenyi hatte nichts Neues einzubringen, wohl wissend, daß Begriffe historisch seien, nicht weitgehend interpretierbar, überinterpretierbar... Ich schweife ab. Lassen wir die Begriffe wie oben definiert, und schauen wir uns an, was Rosenberg daraus macht.

    Was ist jüdisch? - II


    Es besteht nach Rosenberg darin, die Kräfte zusammenzuballen, die aufs irdische Wohlergehen gerichtet sind. Jüdisch ist demnach das Vorteil(s)denken, eine amoralische Geisteslage. Der Jude muß geschäftig handeln, er kann nicht ruhig sein. Ist er's, so nach äußerem Zwang. Ein Sichsammeln aus innerer Not ist dem Juden unmöglich. Rosenberg begründet diese Ansicht mit dem Rhythmusproblem (S. 272) der Juden, die nach ständiger Vertreibung stets darum bekümmert sein mußten, sich neuen Umständen anzupassen und letztlich den größten Nutzen solange aus einer Sache zu ziehen, bis sie zum Untergang (oder sie eben) verurteilt war. Diesen Gedanken mit dem zusammengebunden, was nach Rosenberg TAT ist, nämlich geformte seelische Kraft, wird aus dem Juden ein stets tätiger Mensch, der die Welt überwinden will durch satanische Benutzung und Ausnutzung des Gegebenen zur Schaffung des genossenen Augenblicks. Der Jude nutzt das Vorhandene und nutzt es für den Augenblick. Die Ordnung bekümmert ihn nicht, im Gegenteil, sie ist ihm in der Regel feindlich gesonnen, also hat er keinen Nutzen von einer Achtung des Überkommenen, so lange es sich nicht um seine eigene Ordnung handelt.


    Fragen wir, inwiefern hier der westeuropäisch-amerikanische Utilitarismus beziehungsweise Pragmatismus und das Judentum eine Symbiose eingehen konnten? Kapitalismus und Judentum sind in dieser Welt Verwandte. Beide verbindet die Jagd nach der Erfüllung des gelebten und erlebten Augenblicks. Sie verwenden ihr Augenmerk auf Nutzen, auf die schwarze Zahl am Ende eines überschaubaren Zeitraums, auf die Anschaffung von Werten, die nur den einen Zweck besitzen, ihrem Initiatoren Lebensmöglichkeit zu schaffen. Diese Lebensmöglichkeit ist ans Geld gebunden.

    erläuternde Antithese: Fragen wir, inwiefern hier ewigmenschlicher Tatbestand vorliegt! Hat nicht jeder Mensch diesen Drang in sich, seinen Lebensunterhalt zu erzielen, sich NÜTZLICH zu machen, einer Gemeinschaft Nutzen zu stiften? Was könnte Rosenberg hier konstruieren wollen? (Es ist dies eine Frage größter Bedeutung.) Leben bedeutet heute für den modernen (kapitalistischen) Menschen, sich aus seinem Alltag herauszulösen und etwas zu erleben, schöne Augenblicke dem sonstigen Tun gegenüberzustellen, sich daran zu ergötzen und zu erinnern. leben als Sammlung von Augenblicken, als Hinarbeit zu diesem Höhepunkten und Augenblicken tiefster Zufriedenheit und Angetroffenheit zwischen Sein und Dasein? Das ist es doch, wonach gestrebt wird. Und der gilt als glücklich, dem es vergönnt ist (zumeist aus Vermögensgründen), sich diese Augenblicke in immer kürzer werdenden Zwischenräumen zu verschaffen... Und ist er's? Besoffenheit!
    Um eine poetisch angestrengte Alternative zu setzen: Als sich Faust am Ende seiner Tage zum Ausgang seiner Wette äußern sollte, da sagte er zum glücklichen Augenblick: VERWEILE DOCH, DU BIST SO SCHÖN! (11575-11586) Der Teufel nahm die Wette als gewonnen an, doch im Grunde des Leserherzens, zumindest des schönen Leserherzens, wird gewußt, daß Faust die Wette gewann, denn der VERWEILTE Augenblick ist eben ans immerwährende Tun gebunden, er generiert sich aus dem Tun, aus der Tat, verliert dadurch seinen Charakter als Nichtdauerndes und gewinnt den Auftrag aus sich heraus. Dies ist nur in Ordnung und stetigem Kampf gegen die Naturgesetze, sie dienstbar (nicht auf Nutzen gemünzte Beherrschung und Anwandlung des Seienden) zu machen. Das ist LUZIFER! Und bizarr genug, als daß ich jetzt nicht aufhören sollte.


    Fasse ich kurz zusammen: Rosenberg hat den schlechten Menschen, das schlechte Menschenbild beschrieben, jenes, welches nur auf glückselige Augenblicke zielt. Diese Menschen mißachten die moralische Weltordnung, um ihrem Nutzdiktat zu gehorchen. Aber er hat einen Namen für dieses Daseinsdasein gefunden, die Juden. Das ist natürlich Unsinn. Nur weil es vorzugsweise Juden waren, die die Geldpolitik über Jahrhunderte beherrschten, muß nicht der Jude schlechthin ein Naturell satanischer Natur besitzen. Und wenn es vorzugsweise Juden waren und sind, die die Welt heute ihrem Nutzdiktat unterwerfen und Abtrünnige beziehungsweise anderslautende Wertsetzungen bekämpfen und - da sie die Macht dazu haben - auch gewaltsam (Recht, Militär, Politik) unterdrücken, so sind sie es nicht allein. Auch ein Großteil der Deutschen macht da mit, und machte auch zu Rosenbergs Zeiten da mit. Die Schneide sollte anders ansetzen.
    Aber darauf komme ich noch.

  11. #11
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    das gehört zur erarbeitung unseres manifestes. rosenberg gilt als einer der väter des nationalsozialismus. seine theorien zu verstehen heißt, den nationalsozialismus zu verstehen. ohne verständnis keine wirkliche befasse. wenn wir nach vorn schauen wollen, und wir wollen, dann nur, wenn wir uns des letzten schritts vor dem vorletzten bewußt sind. wir schleppen mit, aber wir sind keine enkel, sondern ahnen. also, was müssen wir tun? worauf gründet sich unser optimismus, worauf müssen wir achten?
    rosenberg ist einer davon, denen wir über den weg laufen, die wichtig sind.


    zur methodik: teil der öffentlichkeit, der prozeßhaftigkeit des denkens. du bist eingeladen, das denken nachzuvollziehen und gegebenenfalls einwände bzw. anfechtungen gegen die auslegung zu machen. würde mich freuen.
    internet ist medium par excellence für öffentlichen disput. dafür ist es auch gemacht worden. (nicht nur zur überwachung!)

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    Du behauptest, Rosenberg sei einer der "Väter" des Nationalsozialismus und hoffst, über Rosenberg den Nationalsozialismus verstehen zu können.
    Das ist ein schwerer Trugschluss. Denn die "philosophische" Seite dieses Verbrecherregimes spielte ernsthaft nie eine Rolle. Eine Rolle spielten allein Hitlers Abneigungen, Neurosen und Wahngebilde.


    War es nicht eher so, dass Rosenberg mit dem Mythus und seinen anderen Schriften verzweifelt versuchte, die verquasten Gedanken Hitlers nachträglich (!) auf ein wackliges philosophisches Podest zu stellen, sozusagen "Mein Kampf" und vor allem Hitlers Realpolitik auch für den bürgerlichen Intellektuellen nachvollziehbar zu machen? (Auch deshalb seine von dir bemerkten geistigen Verrenkungen: Er hat ständig die Frage vor Augen, wie er sich formulierten kann, ohne Hitlers Schwachsinn Lügen zu strafen.)
    Ich denke, du verwechselst Ursache mit Wirkung. Rosenberg ist kein Vater, sondern ein Sohn.


    Gruß, Klammer,
    der übrigens noch immer nicht verstehen kann, dass sich ein Mensch, der seine Sinne beieinander hat, mit diesem Unsinn ernsthaft beschäftigen kann.
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  13. #13
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    Hallo Klammer
    **Eine Rolle spielten allein Hitlers Abneigungen, Neurosen und Wahngebilde.**
    würde ich auch sagen, nur offensichtlich ziehen derart krankhafte Menschen andere in ihren Bann. DAS ist eine Gefahr, wenn zuviele auf diesen Zug aufspringen.
    Wer andererseits erkennt, WAS ABGEHT, welche Möglichkeiten hätte der, ohne Gewalt, eine derartige Person straucheln zu lassen.


    und Robert
    irgendwo hatte ich Käse gelesen von dem Rosenberg.
    Denn, wer sagt WAS BÖSE ist?
    UND, es gibt ja viel BÖSES, ABER es gibt noch mehr BRAVE, die sich die HÄNDE in UNschuld Waschen, und sich freuen , dass andere ihnen den Mist wegräumen, den sie sich nicht trauen. Die sind manchmal viel gefährlicher, weil unsichtbar.
    Ist mir ein wenig müßig, die Stelle jetzt wieder zu finden.


    Gruss sl

  14. #14
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    nenn es trugschluß, aber wenn es welche gibt, die behaupten, daß die Reaktion vor der Aktion liegen könne, dann wird man doch mal fragen dürfen, wer hier auf wen zielt! mit politischer korrektheit ist hier gar nichts gewonnen. kleinbürgerliche scheuklappenattitüde. pfui, deibel! setz mal die brille ab, mein lieber klammer! deine anzeigbaren VERRENKUNGEN würden mich schon sehr interessieren. gerade darum geht es mir ja, diese zu finden. also, nur mut! und behaupte jetzt nicht, du hättest dich seinerzeit damit beschäftigt, diese verrenkungen und interpolationen gefunden, womit es dann sein bewenden hatte. wenn du dich hier reinhängst, dann bitte richtig.


    sl, hier geht es erst einmal nicht um irgendwelche politischen statements, sondern um das buch von herrn rosenberg. wenn du dazu was zu sagen hast, bitte! sonst, shout up!

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    Wir werden diese Auseinandersetzung mit ins Manifest nehmen.
    Hier die Begriffsbestimmung des Kausalen, mithin ein wichtiger Bestandteil der Subjekt-Objekt-Auseinandersetzung Rosenbergs. Auswertung demnächst.


    XI


    Objekt und Subjekt bilden nach Rosenberg voneinander unlösbare politische Korrelata. (S. 323)

    Kommentar: Das ist doch mal eine Aussage! Sie ist zu prüfen hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit, ihrer Möglichkeitsvarianz und ihrer historischen Relevanz. Glaubwürdig muß alles sein, was in die politische Wirklichkeit will, denn etwas Verlogenem folgt der Mensch nicht, es sei denn, er wird verführt, doch Verführung läßt sich nicht durchhalten, früher oder später fällt das Verlogensein auf den Lügner zurück, und er wird durch die Betrogenen gerichtet.
    Das Mögliche selbst bedarf des Anteils im Wirklichen, um sich zu schaffen. Das sind die Varianten des Möglichen, daß außer dem Tatsächlichen eben noch ein Überpersönliches, nicht gegeben Tatsächliches hinzukommt, dieses befruchtet und zur Bestimmung seiner selbst zwingt. Politik ohne Perspektive ist totgeboren.
    Prüfen wir die verwendeten Begriffe in ihrer Nutzanwendung. Zuerst fällt das Wort Idealismus, von dem Rosenberg glaubt, daß die Eigenschaften der Dinge an sich erst Objekte hervorbringen; so versteht er den Satz von der Kausalität.


    Der Begriff der Kausalität sollte hier von besonderem Interesse sein, steht er doch in einem besonders intensiven Zusammenhang zur Subjekt-Objekt-Problematik, einem der zentralen Themen der Philosophie, nicht erst ein Phänomen seit dem Barock, wie es Spengler mutmaßte. Zwar hatte einer der führenden Barockphilosophen, Hume, Kausalität als die Gewöhnung an eine immer wiederkehrende tatsächliche Aufeinanderfolge begriffen, die bewirkt, daß man diese Folge für notwendig hält. Streng mechanisch war deshalb KAUSAL:

    • es gibt keine undefinierbare Relation außer dem gemeinsamen Vorkommen oder in der Aufeinanderfolge;
    • Induktion durch bloße Enumeration ist keine stichhaltige Beweisform.

    Aber Hume war auch der erste, der den logischen Zwang des Kausalitätsgesetzes (Ursache-Wirkung-Zwang) in Frage stellte, denn er grenzt dieses Gesetz auf einen Wirkungsbereich ein - wenn Ereignisse zu gleichen Gattungen gehören, also in der Regel miteinander vorkommen. Hume meint, aus Erfahrung und Beobachtung ist nichts zu lernen, denn zwischen begrifflichem Wissen, das in der Beziehungsstiftung zwischen Ideen besteht (z.B. in der Geometrie, Algebra, Arithmetik), und der Erkenntnis von Tatsachen muß man unterscheiden.
    Auch Descartes sieht ein Übergreifen des Ichs über das Kausale, eine innere Kontinuität der Philosophie, das Ich ist nicht nur in der Subjekt-Objekt-Kausalität zu denken.
    Leibniz dagegen setzt ein Kausalitätsprinzip, nach dem alles irgendeiner Sache bedarf, die dazu dienen kann, den Grund anzugeben, warum dies mehr als in irgend einer anderen Weise existierend ist. So setzt er dieses Prinzip streng durch, beschreibt Körper als von der Zentralmonade (Vernunft!) gesteuerte Monadensysteme, die zwar Phänomen, aber kausalitätsbehaftet sind.
    Kant definiert Freiheit über den Willen, der sich aus reiner Achtung vor dem Sittengesetz dazu bekennt/bestimmt (moralische Nötigung?), denn in der Kausalität des Naturzusammenhangs ist keine Freiheit zu finden, somit jedes Streben nach Eudaimonie unvernünftig. Man müsse sich der Kausalität seiner körperlichen Neigungen unterordnen, wäre demnach unfrei. Der Wille ist eine Art von Kausalität lebender Wesen, sofern sie vernünftig sind, und Freiheit würde diejenige Eigenschaft dieser Kausalität sein, da sie unabhängig von fremden, sie bestimmenden Ursachen wirkend sein kann: So wie Naturnotwendigkeit die Eigenschaft der Kausalität aller vernunftlosen Wesen, durch den Einfluß fremder Ursachen zur Tätigkeit bestimmt zu werden.
    Humes Kausalitätsprinzip unterbricht Kants dogmatischen Schlummer (Garve-Brief 1798), der die Eindeutigkeit der Zuweisung von Ursache-Wirkungsmechanismen anzweifelte und darauf verwies, daß diese Zuweisungen aus der Erfahrung geschöpft seien und somit keine sicheren Erkenntnisse ausmachen könnten. Kant definiert KAUSALITÄT fortan als Tätigwerden der Ursache und in der Umkehrung praktische Vernunft als Kausalität in Ansehung ihrer Objekte (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 448).
    Aber das Problem geht sehr viel weiter, als dies Spengler (und mit ihm Rosenberg, der in unmittelbarer Nähe Spenglers lebte) wahrnahm.
    Bereits Thomas von Aquin befaßte (wir wechseln jetzt die Zeitform, weil wir ein wenig tiefer graben müssen) sich mit der Kausalität, als er aposteriorische Gottesbeweise subsumierte:

    1. Der Weg von der Bewegung der Welt. Erschlossen wird ein erster Beweger.
    2. Die Welt als Kausalreihe. Erschlossen wird eine erste Kausalität, eine prima causa efficiens.
    3. Der Weg von dem Möglichen und Notwendigen. Erschlossen wird ein durch sich notwendig Existierendes.
    4. Der Weg von den Seinsstufen der Dinge. Erschlossen wird ein höchstes Sein, eine maxime ens.
    5. Der Weg vom Zweck. Erschlossen wird eine Intelligenz als Ursache für die Zweckordnung.



    Diese fünf Wege zur Beweislegung der Existenz Gottes, wobei das Kausale hier als Beweis für die Existenz einer obwaltenden höheren Vernunft angenommen ward, beschäftigte bereits im Mittelalter die Denker. Kritik an Thomas kam von Wilhelm von Occam, der eben genau über die Kausalität, daß sie nicht als Anmaßung des menschlichen Geistes vernommen werden dürfte, um Gott zu erklären. Genauer:

    1. Die Beihilfe des Kausalgesetzes, um Zufälle auszuschließen ist Anmaßung des Menschen. Dagegen spricht nach Meinung Occams, daß Kausalgesetze nur soweit wie die Sinne reichen und entsprechend in der hypothetischen Anwendung unsinnig seien.
    2. Die Annahme der Erstursache der Reihe ist eine weitere Anmaßung des Menschen. Dagegen spricht, daß der Geltungsbereich der Kausalität nur der der Sinnenwelt sei.



    In Kants Welt ist Realität durch das Sittengesetz (das Sollen siegt über das Wollen). Kants Motto: Wir geben der Welt ihren Wert, indem wir sie in praktisch-sittlicher Arbeit dienstbar machen. Und darin liegt auch sein Verständnis praktischer Freiheit: Sie ist Bindung des Willens an die Vernunft der Notwendigkeit, in einem praktiziden Kontext die Kausalität in Ansehung ihrer, der Vernunft, Objekte. Der vernunftverständige Mensch arbeitet und gestaltet, darin liegt seine Freiheit, daß er das kann! Der Kausalität Geltung nach Naturgesetzen fällt da weg, wo es sich um Ansichseiendes, um noumena handelt. Also wird Kausalität zum Zustandspassiv, Potenz, weil zeitabhängig. Für Kant ist der Zeitprozeß ein Argument für das Ursächliche; ohngefähr, alles ist eine Frage der Zeit. Zeit selbst aber ist keine Projektion des Willens, kein Akt, sondern mechanisch gesetzt.
    In diesem Kontext findet Kant auch den Freiheitsbeweis, der hier, um Kant erkenntnistheoretisch-ethisch zu umreißen, mitabgehandelt werden soll: Er meint, daß der Mensch in Ansehung seiner intellektuellen Kausalität frei ist nach dem, was als Objekt der Pflicht nach er sich setzt; in Ansehung der physischen Kausalität ist der Mensch unfrei, insofern er das Geschehen seiner Handlungen erklären soll, er ist dann kein freies, sondern ein in der Naturkette bestimmtes Wesen anzusehen.
    Rund wird die Betrachtung des Begriffes der Kausalität durch einen Ausblick auf Metaphysisches. Nach Kant, dessen Philosophie sich wie eine Ehrenrettung der Metaphysik lesen lassen kann, besteht Metaphysik aus:

    1. Idee der Seele, das ist die Idee von der absoluten Einheit des denkenden Subjekts
    2. Idee des Kosmos, das ist die absolute Idee der absoluten Einheit der Reihe der Bedingungen der Erscheinungen (die Reihe, die gedacht wird, existiert bloß der Kausalität nach; Aufgabe der Idee: Reihe vollenden!)
    3. Idee Gottes, das ist die Idee von der absoluten Einheit der Bedingungen aller Gegenstände überhaupt. (Hier das eigentliche Antriebsmoment für Kants philosophisches Dasein: Wir können nicht aufhören, nach der umfassenden Ganzheit zu streben.)



    Nach Kant Schopenhauer! Für den gibt es keine Imperative, nur Beschreibungen, denn zwar ist der intelligible menschliche Wille frei, in der Wirklichkeit jedoch unterliegt er in der Realität dem Gesetze der Kausalität. Bumm! Ein Rückschritt? Der Mensch muß nach Schopenhauer dem Sein gehorchen und seinen Willen adaptieren, das ist ein operari sequitur esse. Schopenhauer wendet sich gegen Hegels Dialektik und nennt diese nichtig, weil die Wirkung nie die Ursache ihrer Ursache sein könne. Kausalität ist nur eine von den Bestimmungen des universellen Zusammenhangs (die wechselseitigen Übergänge). Letztlich verschwinden solche Fragen im Nichts, Kausalität ist ein Kind des blindwaltenden Assoziationstriebes (Gomperz).
    Nach Schopenhauer fällt die Wahl eines Zwischengliedes nicht auf Nietzsche, dessen Kausalitätsbegriff nur eine marginale Stellung in seiner Darstellung einnahm, zudem Schopenhauer größte Referenz besitzt, also Jaspers. Jaspers verbindet Impulse Nietzsches und Kierkegaards mit einem von Kant übernommenen theoretischen Gerüst. Er bezweifelt die sogenannte zwingenden Wissenschaft, die also einem Kausalitätsgesetz Folge zu leisten sich genötigt sieht. Statt dessen forscht Jaspers nach dem Substrat des Seelischen und legt hier eine Dichotomie frei, die auf Verstehen und Erklären beruht: Durch Hineinversetzen in Seelisches verstehen wir genetisch, wie Seelisches aus Seelischem hervorgeht. Durch objektive Verknüpfung mehrerer Tatbestände zu Regelmäßigkeiten auf Grund wiederholter Erfahrungen erklären wir kausal... Man hat die verständlichen Zusammenhänge des Seelischen auch Kausalität von innen genannt und damit den unüberbrückbaren Abgrund bezeichnet, der zwischen diesen nur gleichnisweise kausal zu nennenden und den echten kausalen Zusammenhängen, der Kausalität von außen, besteht.
    Wir bemerken hier einen neuen Ansatz in der Philosophie, einen, der Aufmerksamkeit auf die Regeln menschlicher Kommunikation lenkt, die ein Sosein sind und nicht vollständig kausal-genetisch erklärbar sind, obschon in Regeln faßbar. Jaspers Philosophie, die zu Lebzeiten Rosenbergs so in etwa das Fortschrittlichste gewesen, will keine objektive philosophische Darstellung des menschlichen Daseins, sondern Existenzerhellung sein. Jaspers zielt auf die Wirklichkeit, seine Hinweise sollen im faktischen Vollzug Wirklichkeit erlangen. Er sucht das Umgreifende, um das eigene Selbst zu umgrenzen (Periechontologie), denn die Welt hat ein verschwindendes Dasein zwischen Gott und Existenz.
    Aber hat Rosenberg diesen neuen Ansatz verstanden, oder hat Rosenberg diesen psychologisch-epistemologischen Ansatz als Formalie benutzt, mit eigenem politischen Wollen gefällt und in die Welt geworfen, wohl wissend, daß eine neue Form mit aberneuem Inhalt nur gehöriger Präsentation bedarf, um in den Menschen Fuß zu fassen, sich selbst aufs Schild zu hängen, sozusagen einen heraushängen zu lassen?
    Es dürfte eher sein Münchner Kollege Oswald Spengler gewesen sein, der mit dem Tage der Kriegserklärung (3.8.14) in seinem Denken eine Kehrtwende vollzog, so daß die resigniert-kontemplativen Stimmen der Lebensphilosophie verstummten und sich statt kausalontologisch analogisch äußerte, dieses als Prinzip der Weltwahrnehmung vorzog. Spenglers Ansatz will aus Geschichte eine Universalwissenschaft machen; er eliminiert die historischen Gesetzmäßigkeiten zuungunsten des Fortschrittglaubens, was bedeutet, daß der Geschichte gegenüber den Naturwissenschaften das Primat gegeben wird. Im entscheidenden Ergebnis des mutmaßlichen Paradigmenwechsels wird die Logik der Zeit (Schicksalszusammenhang) gegen die Logik des Raumes (anstelle der Kausalität, die er als Erfindung des Barockzeitalters bezeichnet) gesetzt.
    Und, wie wir es jetzt besser wissen, wird nicht darauf geachtet, daß Raum und Zeit nichts Starres sind, sondern Ergebnisse eines Willensaktes. Aber um Tiefe geht es Spengler und Rosenberg nicht, sondern um Projektionen des Geistes, die eine politische Aufgabe ermöglichen; also, es geht um die Schaffung von Grundsätzen und Analogien.

  16. #16
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    es gibt noch mehr, die sich mit diesem thema auseinandersetzen:


    Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2000


    Dr. Volker Böhnigk


    3313 Proseminar: Philosophie im Nationalsozialismus


    2 st, Mo 16 - 18 Uhr, GröR


    Gibt es eine Ideengeschichte des Nationalsozialismus?
    Die meisten Philosophen und Historiker neigen zu der Auffassung, daß der NS keine Ideengeschichte hat. Sie vertreten die Ansicht, der NS sei eine von jedweder ideengeschichtlichen Tradition abgekoppelte, konfuse, nur aus unreflektierten gedanklichen Versatzstücken zusammengeraffte, subjektivistische Weltanschauung. Deshalb könne es auch keine nationalsozialistische Philosophie gegeben haben.
    Nun beruhen diese Urteile nicht etwa auf einer umfassenden Analyse der z.B. philosophischen Literatur aus dieser Zeit, sondern auf dem Vorurteil, daß der NS nicht mehr an Ideen enthalte als die, die durch A. Hitlers Mein Kampf oder A. Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts verbreitet wurden. Dieses Vorurteil wird dann als Vorwand genutzt, um die Geschichte der Philosophie im NS aus der fachlichen Diskussion herauszuhalten und der Frage auszuweichen, inwieweit namhafte Philosophen selbst an der philosophischen Ausgestaltung des NS mitgewirkt haben. Von daher kann man sagen, daß eine Aufarbeitung der Vergangenheit der Philosophie im NS noch nicht stattgefunden hat!

    Das Proseminar möchte zur Aufarbeitung dieser Vergangenheit beitragen und nachweisen, daß der NS sehr wohl eine Ideengeschichte hat, die man ernst nehmen muß, auch wenn dessen Ideen abzulehnen sind.
    Anhand einschlägiger, philosophischer Primärtexte soll den nationalsozialistischen Ideen über Philosophie, Wissenschaft, Rasse, Volk, Kultur nachgegangen werden, aber auch den in jeder philosophischen Auseinandersetzung wichtigen Begriffen wie Objektivität, Universalität, Rationalität, Relativismus oder Wertfreiheit.
    Die Texte werden als Kopiervorlagen zu Beginn der Veranstaltung bereitgestellt.
    Scheinerwerb: regelmäßige Teilnahme und schriftliche Hausarbeit
    Beginn: 10.04.2000


    ich werde mich, wenn ich den ordner gelesen habe, dazu einige anmerkungen machen.

  17. #17
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    das ist die art von wissenschaftsvermittlung, wie ich sie hasse: das ergebnis steht bereits a priori fest. standpunkt ist wichtiger als (unbefangene) erforschung.

  18. #18
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    Ich weiß nicht, ob ich Euch richtig verstehe (Ihr scheint mir studierte Philosophen zu sein, bin nur Jurist), aber wenn ihr von dem Zusammenwirken zwischen Wissenschaft und Nationalsozialismus sprecht, dann ist das ein hochinteressantes Thema, das selbstverständlich in den Unis nur sehr ungern, wenn überhaupt, angepackt wird. Für einen der Hauptgründe des vorübergehend sehr großen Erfolgs der Nazis halte ich die Tatsache, daß es ihnen gelang, ihre Ideologie dem einfachen Bürger als wissenschaftlich fundiert zu verkaufen, und daran hat die Wissenschaft mitgestrickt. Allein der zentrale Rassismus wurde ja vielfach ex cathedra verkündet und begründet, d.h. daß Wissenschaftsgläubigkeit bei vielen Kritikvermögen und Gewissen außer Kraft gesetzt hat.


    Meint Quoth

  19. #19
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    Weiter geht's. Bringen wir die Dinge ein Stück weiter! Quoth und Hagen haben das Schiff verlassen. Der Kapitän schaut auf Trockenes. Und schreit: "Holladriho!"


    Zu Rosenberg: Jeder Philosoph benötigt geistige Väter. Er muß sich messen, vergleichen und dann einen eigenen Gedanken worten. Wenn sich eine Philosophie als so jenseitig gegenüber dem Bisherigen artikuliert, so fällt sie schnell in sich zusammen.
    Rosenberg war Thule-Mitglied. Thule suchte den Übermenschen, den arischen Ursprungsmenschen, aus dem sich und in dem sich die Weisheit entwickelt. Diese will in die Welt. Sie bleibt nicht für sich.
    Rosenbergs geistiger Vater nun sollte Schopenhauer sein. Schopenhauer hatte Wille und Trieb gleichgesetzt, aber er hatte sie in ein dynamisches Verhältnis gesetzt, das er mit dem poetischen Bild eines Zirkels ausdrückte. Die Vernunft kann durch einen Willensakt den Zirkel verlassen. Vernunft will frei sein, Vernunft ist im Zirkel als ein Substrat aus Wille und Trieb. Der Vernunfttrieb. Der Trieb im Menschen, vernünftig zu handeln. Das Ich besitzt zwei Pole: das sinnlich-triebhafte Wesen (Wille) und ein übersinnlich-willenhaftes Wesen. Daraus schöpft es sich. Daraus wird es geschöpft. Und der Mensch ist in diesem Zirkel - zwischen den Polen - immer noch voll von der Vernunft, die ihm bestimmt, was er zu tun hat: Freiheit ist nur im Kontext von Verantwortung, Moral und Seelenkultur applikabel.
    Das ist keine An-Sich-Proklamation wie noch bei Kant, keine politische Determination des Freiheitsbegriffes wie bei Hegel, sondern eine ästhetische Weltwahrnehmung, streng genommen Subjektivismus.
    Aber der Zusammenhang zu den Vorstellungen Rosenbergs ist evident: Rosenberg will den Willen in seiner Reinheit als ein dem egoistischen Prinzip entgegengesetztes Prinzip aus dem Reich der Freiheit aufgefaßt wissen. (S. 343) Wille wird bei Rosenberg nicht an das Individuum gebunden, an einen Akt aus dem Reiche der individuellen Vernunft, sondern an die sinnliche Bestandheit des einzelnen, der wiederum in einem Gruppenverband heimisch ist. Der Wille steht für Rosenberg gegen den Individualtrieb. Weil eben die Vernunft es befiehlt. Welche Vernunft? mag man fragen. Das ist der Angelpunkt: die Begriffsbestimmung dessen, was für Schopenhauer bzw. Rosenberg Vernunft ist. Für Schopenhauer hängt sie im Zirkel des Willens und Triebs, die er in eins setzt. Rosenberg dagegen nimmt nur diese Einheit auf, bestimmt den Willen aber nicht aus dem Reiche der Freiheit, sondern dem eines eingeborenen rassischen Blutdiktats, der Übermensch - Blutgeborener aus dem Thule-Land - hat eine Vernunft, die vernünftiger ist als diejenige der Nicht-Thulaner.
    Dieser Gedanke dürfte Schopenhauer so fremd sein wie der Mann im Mond. Nichtsdestotrotz arbeitet Rosenberg hier weiter mit dem Wortwald seines "Lehrers" und exemplifiziert Schopenhauer auf der einzig ihm zukommenden Weltbühne, der künstlerischen, der ästhetischen. Das bedeutet fürs erste Tendenzen menschlicher Entäußerung - die Artikulationen des menschlichen Willens. Rosenberg bestimmt fünf:

    1. Kunst: Suche nach äußerer und innerer Form;
    2. Wissenschaft: Wahrheit im Zusammentreffen von Urteil und Naturphänomen;
    3. Religion: eindringliches Symbol des Übersinnlichen;
    4. Philosophie: Übereinstimmung von Wollen und Erkennen, von Religion und Wissenschaft;
    5. Moral: notwendige Leitsätze des Handelns. (S. 343/4)

  20. #20
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    Jede politische Bewegung muß sich auf die Füße Altvorderer stellen. Je weiter die Konstruktion von Vergangenheit aus der Gegenwart möglich ist, um so bewußtseinserweiternder kann die Zukunft gestaltet werden, ist es möglich, einen Entwurf im Menschen entstehen zu lassen. Das hat hier gar nichts mit Manipulation oder Interpolation zu tun, sondern ist Behuf des Politischen. Politik bedarf des Entwurfs, sonst hebelt sie sich selbst aus. Der Mensch verortet sich sowieso, aber er bedarf verschiedener Alternativen, um Freiheit empfinden zu können. Ganz wichtig! (Bedarf benötigt ein Synonym.)


    Rosenberg geht erst einmal nicht bis ins Vorgeschichtliche zurück, denn in vorgeschichtlicher oder selbst archaischer Zeit kletterten die Deutschen auf den Bäumen herum, als in Mittelasien über Brückenprobleme oder in Indien über Kanalisation gestritten wurde. (Ich bin aber allerdings nicht borniert genug, um aus diesen Diskussionen zu schlußfolgern, daß die Deutschen in archaischer Zeit keine Kultur besessen hätten, nicht einmal, daß sie eine Kultur besessen hätten, die den Kulturen nachzuordnen wäre, die wir heute als Weltkulturen verehren. Wenn ich dies glauben würde, wäre ich aus dem gleichen Holz geschnitzt, wie etwelche Kulturimperialisten, die heutzutage glauben, sie müßten ihre Wertvorstellungen minderentwickelten Menschen aufdrücken... Ich müßte behaupten, daß die Amerikaner ein unterentwickeltes Volk seien, weil sie es bis heute nicht geschafft hätten, auch nur eine wohlklingende Oper zu schreiben oder eine Philosophie oder ein ästhetisches Konzept oder sonst irgend was, womit sich Kultur zeigt... Ach doch, Rock'n'Roll! Oder ich müßte behaupten, daß die Xosa in Mexiko ihre Selbstvernichtung beschlossen hätten, weil sie im Gegensatz zu anderen Völkern nicht ausreichend den Begriff der Ehre reflektiert hätten, daß aber Völker ohne Ehre lange überleben, bevor sie dann einen qualvollen Tod im Netz der Lüge sterben... Was ist besser? Ich müßte also vielerlei behaupten, was ich nicht behaupten will.)


    Für Rosenberg nun bildet die Gotik so einen Funktuationspunkt für die Deutschen, über den sich wundervoll eine kulturelle Bedeutung/Größe weltgeschichtlichen Ausmaßes konstruieren läßt. Die Gotik ist ein Raumgefühl, das sich in einem Zeitgefühl manifestiert: Raum und Zeit gehen eine Beziehung ein, Ewigkeit und Größe fassen sich dynamisch in einem metaphysischen Gefühl, werden im Menschen zurückgebunden, der die Größe Gottes in seinem Inneren spürt und sich mit Gott verbindet. Deutsche Größe! Oder so.
    Gotik ist für Rosenberg das Konstruieren des Nacheinander: eine waagerechte Last wird durch senkrechte Stützen gehalten; dazwischen raumfordernde Decken und Wandflächen, die ins Weite und unermeßliche drängen, aber einen Haltepunkt in Gestalt des spitzgesetzten Kreuzes bilden. Das Kreuz selbst ist der Keil ins Herz des Gemüts, aufgewogen von der Weite des umstellten Raumes. Es ist Gestaltung aus dem Inneren, die Einfühlung aus dem Inneren der Kirche.
    Rosenberg vergleicht diese Architektur mit der der Griechen. Denen sei das Wesentliche eine äußere Gesamtgestalt gewesen, nicht eine aus dem Einfühlen in die innere Größe und Gewaltigkeit sich einfindender Mensch. Die Lastenverteilung in griechischen Tempeln war rein statischer Natur, um das Gesamtbild zu sichern.


    Ich halte das für eine ziemlich feinsinnige Beobachtung.


    Die Gotik war in der Entwicklung künstlerischen Strebens nach dem Ewigen sicherlich ein gutes Stück weitergekommen. Man löste sich vom Stofflichen und suchte die schöpferische Urkraft des Menschern in Raum und Zeit zu manifestieren (S. 362). Das ist Metaphysik.

  21. #21
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    Bei dem Thema URKRAFT verweilt Rosenberg eine ganze Weile. Warum eigentlich erst hier, im letzten Dritteil des Gesamttextes? Es könnte die Einteilung Hegels und Schellings in ihren Ästhetiken mitgedacht werden, in denen sie gleichlautend das Ästhetische, mithin den Künstlertypus, nachdem sie zuvörderst allgemeine Grundlagen, das Objektive des Künstlerischen, besprachen, im letzten Teil abhandelten. (schlechter Satzbau)

    ---

    kleiner Zwei-Zeilen-Exkurs zu Hegel und Schelling muß hier erfolgen, der diesen eben genannten Gesichtspunkt verifiziert

    ------

    Für Rosenberg ist die Idee vor dem Stoff. Der Künstler hat die Idee und formt diese mit dem ausgesuchten Stoff. Der Künstler bedarf danach des Stofflichen, um darin das Ewige auszudrücken. Nachdem Rosenberg diesen schönen Gedanken präjudizierte, kömmt er unseligerweise wieder auf die Juden zu sprechen, denen er es abspricht, Unsterblichkeit selbst hervorgebracht zu haben. Vielmehr seien es die Perser gewesen, die die Juden in deren babylonischer Gefangenschaft mit diesem Gedanken affizierten. Die Perser, das sind die Arier mit ihrem Hell-Dunkel-Algorithmus zur Evokation von Recht, Gesetz und Gerechtigkeit, ihrer Dichotomie zwischen Materie und Geist, dem Guten und Bösen... Nachdem die Juden diesen Gedanken aufnahmen/aufgenommen hatten, so Rosenberg, konnten sie ihrerseits ein Ideal formulieren: Es galt fortan, das Paradies auf Erden zu schaffen, und dieses sollten sie selbst als das erwählte Volk Gottes am besten schaffen können. (S. 363) Somit begründet Rosenberg den Glauben der Juden, daß sie erwählt seien, die anderen aber nur dienen könnten.

    Das ist in sich schlüssig, aber vielleicht auf fünfunddreißig andere Völker ebenso zu münzen. Fünfunddreißig Mal in sich schlüssig.

    Aber kommen wir auf das Naturell des Künstlers zurück: Der Künstler lebt in einer Spannung zwischen individueller Willkür und einem inneren Gesetz, das ihn antreibt, einem Formwillen zu entsprechen. Im Brennpunkt dieser scheinbar widerstrebenden Aspekte bildet sich der Stil als eine quasi Zwischenstufe heraus. (S. 369) Stil als solcher wird wahrgenommen, wenn er antrifft, also den Charakter der Zeit in einer ihr gemäßen Art und Weise darstellen kann.

    Rosenberg geht jetzt in die Historie und vergleicht verschiedene Kunstepochen.

    Ich will Rosenberg hier einmal unterstellen, daß er sich mit dem folgenden Passus über die Natur des Künstlers quälte. Das Ich - ein Wort, das im Nationalsozialismus keine sonderliche Wertschätzung genoß - wird hier nämlich in einem Makrokosmos aus Individualismus (hört hört!) und Universalismus verortet. Seine Begrenzung erhält es nach Rosenberg durch das Volkstum, wobei unklar bleibt, ob sich das Individuum sein Volkstum bestimmte oder ob es eingeboren wurde in ein Volkstum, dem es nur entfliehen kann, dessen es aber nicht verlustig gehen kann. Im Volkstum findet das Ich eine Einheit ohne Ende. Damit konstruiert Rosenberg einen Gegensatz zum philosophischen Monismus, denn die Monade - das Ich - kehrt in den Vater zurück! (S. 391) Der Widerstand dagegen ist sein religiöser Wille, der die Welt vorantreibt. Diesen Kampf muß das Ich führen, und verlieren, sich selbst aufheben im All, dem Volksganzen, dem es zugehörig ist.


    Aber da ist das Ich, es zählt, es muß etwas tun, sich bestimmen in freier Wahl, nicht sein Ich bestimmen, sondern seinem Ich bestimmen, was es zu tun hat in eherner Notwendigkeit.


    Das geht gegen so ziemlich alles, was der westliche Liberalismus hervorbrachte und trifft sich mit den Heilslehren indischer Vedanta in dem Begriff eines Aufgehens im Welt-Einen. Nur daß Rosenberg hier das Welt-Eine aufs Volkstum beschränkt.

  22. #22
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    Die Ägypter, dieses Volk der Totenbewahrung, stehen in der abendländischen Denke für den ersten manifestierbaren Ewigkeitsbezug. Der Pharaonen Einbalsamierung gilt uns Heutigen als Bewahrung eines Zustandes, Rüstzeug für das Erwachen in einem neuen Lebensumfeld, dem Jenseits.
    Das sieht auch Rosenberg so: Die Pyramiden und die Mumifizierung stehen nicht für ein überweltlichen Ewigkeitsgefühl, sondern kraß für Daseinsbehauptung. (S. 391) Die durch die Ägypter über Pythagoras uns übermittelte Lehre der Metempsychose - die Geheimlehre behauptet, daß Konfuzius, Pythagoras und verschiedne Geheimlehrer aus Samarkand/Buchara um 550 vc. in Babylon gefangen gehalten wurden, wobei sie einander belehrten - setzt ein unveränderliches Ich, an dem sich etwas verändert. Da das Ich unveränderlich ist, ist sein Tun zwangsläufig, unentrinnbar, wie Rosenberg das nennt. Dem Ich(e) kann geholfen werden, wenn es sich selbst zu bestimmen lernt, zur Bewußtheit seiner selbst gelangt. Das Selbst ist dann in der Lage, Gesetze zu schaffen, die dem instinktiven Zielstreben (dem Leben) eine Ordnung, einen Rahmen verschaffen, in dem Lebenssicherheit möglich wird. (alter Gedanke von Baers)

  23. #23
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    Wir nähern uns mit Riesenschritten dem Ende des Buches. Erst im letzten Viertel beschäftigt sich Rosenberg mit seinerzeit zeitgemäßen Philosophen, wegen seiner ideologischen Brille sieht er sich nicht in der Lage, in einem Buch zum Mythus des 20. Jahrhunderts auch nur einen Deut gegenüber liberalen oder demokratischen oder "linken" Denkern von dem psilophischen Stigmatisieren abzurücken, das es ihm verbietet, auch nur eine Auseinandersetzung zu führen. In dem erlauchten Kreis derjenigen, mit denen sich Rosenberg auseinandersetzen will, steht Spengler, dessen Buch vom "Untergang es Abendlandes" handelte und aufs nachhaltigste das Denken am Anfang und Ende der Weimarer Republik beeinflußte. - Man denke nur an Thomas Manns Befasse mit diesem Text in den "Betrachtungen eines Unpolitischen".

    Zur Sache hier: Rosenberg macht bei Spengler zwei nicht zusammenfallende Ideen der Geschichtsbetrachtung aus:
    1. die Kausalität und
    2. das Schicksal.
    Rosenberg fehlt hier der dritte und ihm entscheidende Punkt, der Geschichte, mithin den Mythus, konstituiert: das Blut. Rosenberg kritisiert an Spengler also, daß dieser bei seiner Geschichtsbetrachtung nicht die rassisch-organische Entstehung der Kulturkreise beschreibe, in denen Geschichte - d.i. ein Bewußtsein des gemeinsam Erlebten - konstruierbar ist. Und Rosenberg spitzt seine Kritik zu, indem er behauptet, daß für Spengler diese Kulturkreise auf die Erde fielen. (S. 403)
    Der zweite Aspekt der Rosenbergschen Kritik an Spengler bezieht sich auf die Methode der Geschichtserfassung und -beschreibung: Spengler verquicke naturalistisch-marxistisches mit vorderasiatisch-magischem Denken und subsumiere dieses unter dem Faustischen Mantel, damit es die Deutschen schluckten. So könne aus dem Vergangenen Kommendes konstruiert werden, aber diesem Konstrukt entbehre ein es tragendes Element, der aus dem Tiefsten kommende Wille blutmäßiger Zusammengehörigkeit, der alles Scheinbare früher oder später zerreiße und das dem Volk zukommende Schicksal selbst bestimme, ganz ohne Denkgesetze einer rabulistischen Logik, die sich auf gesellschaftliche und historische Gesetzmäßigkeiten anzuwenden trachte.

    Das klingt beinahe wie ein Vollkommenverriß Spenglers, und man könnte sich hier sehr wundern, daß Spengler nicht 1933 auf den Scheiterhaufen brannte. Doch Rosenberg findet auch ein lobendes Wort, und an diesem lobenden Wort hat Spengler, geisteswissenschaftlich betrachtet, bis heute zu tragen: er hat heimgefunden zu urewigen Werten. (S. 404)
    Daß Spengler letztlich in einem ästhetischen Sinne durch Rosenberg aufgehoben ward, spricht nicht unbedingt für die Dichte und erkenntnistheoretische Abstraktionsfähigkeit Spenglers, Rosenbergs aber auch nicht.

    Weiter geht's nach diesem Ausflug zu Spengler mit Künstlern, die für die Nazis maßgeblich waren bzw. an denen sie sich besonders rieben...

    Jede Ästhetik befaßt sich irgendwann einmal mit dem, der Kunst macht, dem Künstler. Das Wie um den Künstler schafft auch sein Wie, jedenfalls Modifikationen des Wie. Wie die Gesellschaft und die Welt organisiert bzw. zuständig sind, so sieht es auch im Künstler aus, nicht nur, aber der Gedanke des Außen drängt sich auch in sein Innen, durchläuft dieses und wird in einem Außen geformt.
    Das müssen beinahe endliche Prozesse sein. Der Mikrokosmos und der Makrokosmos, Form ist Begrenzung dieser Wirklichkeiten und hat doch die unmögliche Aufgabe, Endlichkeit im Dasein und Unendlichkeit als Hoffnungspostulat miteinander zu verknüpfen. Einen Betrachter künstlerischer Arbeit langweilt nichts schneller als die Gewißheit, daß hier einer begrenzt ist, nicht in Freiheit zu versetzen vermag. Wenn Kunst das (zumal in einer gesellschaftlich gelenkten Förderei) aufgibt, schaufelt sie sich ihr Grab. Der Künstler muß frei sein, darf nicht ideologisch indoktriniert werden, zumal die Gesellschaft diese Aufgabe zwangsläufig übernimmt. Im Gegenteil, es muß die Aufgabe der Segensträger der Gesellschaft (Politiker, Finanziers) sein, die Künstler aufzunehmen und bestmöglich zu fördern, indem sie einfach das Maul halten, aber Geld geben. So einfach ist das. Bleibt nur die Frage, wer ist das, ein Künstler?

    Rosenberg sieht das alles ganz anders, mithin die Nazis. Kunst hat hier in erster Linie politische und gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen: Kunst gehört hier (in einem beinahe marxistisch anmutenden Gleichnis) zum Überbau der Gesellschaft, von dem aus sie auf die Menschen wirken SOLL, soll hier heißen den Mächtigen hilft, ihre politischen Ziele durchzusetzen. Auch in der heutigen und vergangenen bürgerlichen Gesellschaft war das nicht anders, doch glücklicherweise existiert in dieser (auch aus marktpolitischen Gründen) eine Subkultur, die den mainstream selbstredend speisen soll, aber auch Denken, Fühlen und Werkeln direkt dem Unendlichkeitsgefühl einzelner Künstler überläßt.
    Rosenberg muß also im Sinne der Nazis folgendes leisten: Der Künstler wird aus dem All auf die Erde geholt, aus seinem Unendlichkeitsgefühl wird ein bedingtes und reglementiertes, verhaftetes und analysierbares Diesseitsmoment geschaffen, so daß der Künstler selbst Teil des Ganzen werden kann, ohne selbst das Ganze verlassen zu können. Rationalisierung der Welt. Vernunft! Das setzt an bei der Bestimmung dessen, was Persönlichkeit ausmacht, den einzelnen Künstler: Rosenberg bestimmt den einzelnen Künstler (das Künstlersubjekt) als Träger eines umfassendsten Ausdrucks des Menschen, seines Willens, der verortet wird in seinem rassischen Naturell. (S. 406) Jau!

    Und dann werden die bekannten Künstlerpersönlichkleiten abgeklopft, wer da wie sich geriert:
    • Dostojewski besitzt für Rosenberg dieses tief innere Zusammenschweißen der Gegensätze, aber D. bleibt beim Stoff, kann sich nicht lösen; seine schöpferische Formkraft besitzt keine moralische Ausgeglichenheit, also spielt er mit den Formen und bleibt stoffverbunden.
    • Thomas Buddenbrook ist für R. ein federhaltender Ästhet, der sich bei Kerzenschein das Hirn mit nervenaufreibenden Problemen martert und dessen Tod KEIN struktureller und ästhetischer Ausdruck einer inneren Not ist; also noch nicht einmal der Noth Myschkins bei D. entspricht. Rosenberg fragt in diesem Zusammenhang, ob faule Charaktere ästhetisch wirken können?
    • Schiller unterstellt er gnädigerweise, daß er die Kraft instinktmäßig erfaßt habe (S. 411), aber ihre Gesetzmäßigkeit unterbelichtete, also daß Schiller letztlich überspannte, was er aus seinem Instinkt nicht herleiten konnte.
    Kurzes Wow!
    • Aber an Schiller, so Rosenberg, berührt uns die Vollendung der Persönlichkeit.
    Ich gebe zu, ich habe keine Ahnung, wieso Rosenberg hier den Wortführer der Humanisten als vollendete Persönlichkeit bezeichnen darf, nämliche Humanisten, die eben nichts von "nationeller Enge" wissen wollten, nichts von nationalstaatlicher Borniertheit, die nicht für ein Volk, sondern für die Menschheit schreiben wollten... Ich habe keine Ahnung, wieso Rosenberg Schiller als VOLLENDETE PERSÖNLICHKEIT bezichnet.
    Rosenberg nennt im folgenden eine ganze Reihe Namen, die uns heute nicht mehr viel sagen: Möller, Groos (Darstellung der Gefühle im Kunstwerk), Külpe (eine mehr analytische Betrachtung des Schönen fordernd), Volkert (will Normen für die Kunst setzen), Witasek (setzt den schönen Schein als WESEN des Kunstobjekts, wodurch im Betrachter die Phantasie in Gang gesetzt wird), von Lipps (setzt auf Einfühlungsästhetik)...

    All diesen Theoretikern bzw. Künstlern selbst ist gemeinsam, daß sie über das Kunstwerk selbst im Betrachter Gefühle erzeugen wollen. Rosenberg beschreibt nur die nämlichen Phänomene von Kunsterzeugung und -rezeption und wertet diese nicht in einem nationalsozialistischen Sinne um.
    Sein Buch enthält eben auch solche allgemeinen Abschnitte - sie sind von großem Interesse, weil hier mehr über die Technik der Kunstvermittlung erfahrbar ist als in manch polemischem Diktat, das nur den Namen Rosenberg benutzt, um damit sattsam alles Denken dieses Obernazis in einem Topf zu subsumieren, der beschriftet und gedeckelt wird. Auch das Bedenkenswerte wird somit aufgegeben.
    Zurück zu Rosenbergs ästhetischen Grundüberlegungen: Der Künstler schafft aus seinem Inneren etwas Äußeres, eine Handhabung, ein Objekt; der Rezipient nimmt das Äußere an/oder nicht, läßt es auf sein Inneres wirken und wird angetroffen. Kunst richtet sich immer auf den Willen des Menschen, am stärksten erfahrbar in der Musik, wie dies Schopenhauer erkannte. Rosenberg nimmt diesen Gedanken auf und beschreibt hier psychologische Phänomene. Er stößt immer wieder auf die großen Ästhetiken unserer Altvorderen, Vischer, Schopenhauer, Hegel und Kant. Der Begriff der Erhabenheit, der Schiller und Kant quasi im Sinne einer kunsttheoretischen Gesamtschau klammerte, liest sich in Kants "Kritik der Urteilskraft", § 29, als daß Erhabenheit des Kunstwerks in uns den Widerstand der Sinne evoziert, der Mensch aber trotzdem Gefallen findet. Trotz!

    Das ist das Geheinmnis wirklicher Kunst: den Betrachter überwinden, in den Bann ziehen, seine geheimsten Ängste und Hoffnungen in einer Form ausdrücken, ihn einnehmen, auch gegen seinen offensichtlichen Willen, aber im Tiefsten, da waltet das Unbenennbare, da waltet (im Sinne Rosenbergs gesprochen) das arische Blut, dessen Kunstempfänglichkeit ihn zu dem machte, was er eben sein soll: der Beherrscher der Welt.

    So bindet sich die Ästhetik des Humanisten - der Humanisten - in die Theorie Rosenbergs ein: aus dem Menschen, dem angetroffenen, wird der arische Herrenmensch, dem genau das ALLEIN zugebilligt wird, was zuvor allen (wollenden) Menschen zugesprochen ward.

    morgen dann Nietzsche und Hölderlin

  24. #24
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    Wir nähern uns mit großen Schritten dem Finale. Rosenberg ist bei den Spitzen des deutschen Geistes angekommen. Sie müssen da wohl herhalten, ihr Gewort wird gemünzt. Beispiel Nietzsche. Sein Wort:
    erstellt von Fridericus N.: Wer viel einst zu verkünden hat,
    schweigt viel in sich hinein.
    Wer einst den Blitz zu zünden hat,
    muß lange - Wolke sein.
    Der Wissende hüllt sich in Schweigen, Majas Schweigen. Rosenberg schreibt 500 Seiten! Ist das schon Vereinnahmung? Eher nicht. Eher ein stilles Gebet.
    Deutlicher ist der Bezug zu Hölderlin, dessen Wort kaum Anwendung für die Nazis haben kann, wohl aber dessen Grundstimmung. Und so beschreibt Rosenberg Hölderlin als den Größten der Sehnsucht nach Urbarem. Hölderlins Sehnsucht ins Unbestimmte fand Form in der hymnischen Sprache. Hölderlin trug keine dumpfe Sehnsucht allgemeiner Gefühle ins Unendliche, Hölderlin läßt sich leicht in die Richtung spannen, man kann ihm einen Raum im Osten geben, denn, wie Hölderlin schrieb: "Aus dem Osten kam das Licht zu uns". Der Osten ist der neue Lebensraum.
    Wir Heutigen wissen um das Staatsgrenzen nivellierende Denken der Obernazis.
    Einen ästhetischen Beweis für die Unmittelbarkeit Hölderlins und Nietzsches bleibt Rosenberg schuldig. Wie auch? Es reicht allerdings hin, daß diese beiden hier durch Rosenberg geadelt werden sollen, was hinreichend dafür sorgte, daß während der Nazizeit beide große Ehren auf sich vereinigten, sowohl hinsichtlich der Befasse als auch der Benutzung ihres Geworts zu sinnentfremdender Motivation. (Daß die Nazis dies vermochten, darum ward Nietzsche besonders lange Jahre nach dem zweiten Krieg gefemt, zuweilen sogar hysterisch verteufelt als vorbereitender Beelzebub der Naziideologie.)
    wichtig: Hier die Auseinandersetzung um Überlieferung führen. Worauf berufen sich die Deutschen? Was entspricht ihrem/unserem Naturell? Warum orientieren sich die Franzosen eher an den Römern, wir aber an den Griechen? Was ist uns warum näher? (Distanz und Nähe als notwendige Bestandteile des Dichterischen.)
    Differenz der Romantiken: die schwarze Romantik der Westeuropäer vs. die Jenaer Lichtromantik! Dann aber auch Heidelberg (Bachofen)! Zusammenhang zwischen der dunklen Seite der Romantik und der Blut- und Bodenmetaphorik der Nazis. These Lukacs' prüfen. Wo steht hier Hölderlin?
    Bezüge zur Philosophie! Das Ende der deutschen Philosophie mit Heidegger und Adorno (Antipoden). Warum?

    Hier die Exegese Hölderlins und Nietzsches verorten. Sie dienen der Darstellung des Zerrißnen, des modernen Menschen. Prüfen!

    Zurück zum Text Rosenbergs: Rosenberg ist in seiner Gegenwart angekommen, der Endzeit der Weimarer Republik - das Buch erschien erstmalig 1930. Da hatte Thomas Mann gerade den Literaturnobelpreis erhalten und besetzte literarisch gesehen diejenige Literatur, die sich über Symbole und metaphorische Mythologeme ins Bewußtsein der Leser stiehlt. Freud und Jung standen hoch im Kurs: man dachte über das Wesen des menschen nach. Die einen, Benn und andere Expressionisten, zerlegten den Menschen und ließen ihn ausdampfen, die anderen, Humanisten und existenzialistische Moralisten, suchten seine Bestandheit zu erklären, gruben tief und fanden auch immer etwas.
    Es waren nicht die Dadaisten oder Expressionisten, nicht die Marxisten, die kaum minder metaphysische Konstrukte über die historischen Missionen des Menschengeschlechts konstruierten, als vielmehr eben die humanistischen Sinnsucher wie Thomas Mann, die Rosenbergs natürliche Feinde waren. Thomas Mann konstruierte das Ewigmenschliche und gab ihm eine Aufgabe, eine schier unerfüllbare, die Sinnsuche durch Bildung fortzusetzen, um das Tier zu bändigen und letztlich zu kultivieren. [hier muß noch etwas mehr zu Thomas Manns philosophischem Selbstverständnis kommen]

    Thomas Mann war demnach der fleischgewordene Feind der Nazis, die eben genau etwas anderes wollten, nämlich die Freisetzung des (rassisch begründet durch Kräfte, die im Blut des Ariers liegen) Machtmenschen, dessen Uniformierung und Gleichsetzung die Kräfte bündelt und so das kommende Herrschergeschlecht - wenn es denn einmal in Bewegung gesetzt ward - über die Welt trägt. Thomas Mann allerdings war in der Lage, sein Denken auszuwuchten, also dem Feindlichen eine künstlerische Sprache zu geben - man denke nur an die Figur des Naphta im "Zauberberg" - ...

    Rosenberg wirft Mann vor, er trüge keinen Protest gegen Versailles im Herzen. (S. 444) Außerdem würde Thomas Mann seine Nase in den Wind hängen, schriebe im Sinne der jüdischen Presse (Berliner Tageblatt) und stelle sich mit seiner Ästhetik in den Dienst des Auslands, vor allem des jüdischen Kapitals. Dieser Vorwurf ist nicht von der Hand zu weisen. Allerdings wird er von Thomas Mann kaum als Vorzuwerfendes wahrgenommen worden sein, schließlich könnte man den Nazis ebenso vorwerfen, daß sie Geld von den Juden nahmen, man denke nur an die Zahlungen von Loeb&Schiff (jüdisches Bankhaus in New York) an Hitler oder die der englisch-jüdischen Familie Rothermere an Hitler. Vielleicht wußte Rosenberg nichts von diesen Zahlungen, wenn er es wußte, dann dürfte sein Vorwurf an Thomas Mann heuchlerisch sein, wenn nicht, so kann immer noch behauptet werden, daß nicht jeder ein Antisemit ist, sein muß. Warfum sollte es von Thomas Mann als Vorwurf empfunden werden, daß er Geld von A nahm, wenn ihm A nicht unsympathisch ist, wenn er überhaupt nicht daran denkt, jemanden nur deswegen zu verurteilen, weil er die falsche Haut-, Haar- oder Augenfarbe besitzt, dem falschen Glauben angehöre... Was soll das? Was ist das für eine Argumentation? Rosenberg kann Mann nicht vorwerfen, was für Thomas Mann Selbstverständnis ist! Er muß rein argumentationstechnisch auf einer Ebene bleiben, die beide begehen können! Und drittens wurde Thomas Mann selbst oft genug vorgeworfen, daß er antisemitische Tendenzen in seinen Schriften besitze, vor allem in denen vor 1918. Was soll das also?

  25. #25
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    AW: Rosenberg: Mythus des 20. Jahrhunderts

    Finale!


    Rosenberg formuliert aus seinen Vorüberlegungen, die mal historisch, mal zeitbezogen-tendenziös räsonierten den Kernbegriff seines Textes, aus dem heraus ein Entwurf des Künftigen erzeugt werden soll. Denn eines sollte jedem Leser klargeworden sein: Um Darstellung ist es Rosenberg nicht zu tun; vielmehr will Rosenberg das Dargestellte nur benutzen, UM etwas entwerfen zu können. Der Text ist also vorab schon argwöhnisch zu betrachten, ganz gleich, zu welchem Ergebnis er den Leser drängt: Rosenberg jedenfalls beabsichtigte durch alle Fragestellungen a priori das Ziel.


    Der Begriff des Mythus: Im Mythus werden alle Richtungen des Ich zusammengefaßt. Der Mythus ist quasi ein über dem Ich waltendes Prinzip, zu dem sich das Ich nur in Beziehung setzen kann, wogegen es aber selbst machtlos ist. Klugerweise sollte sich das Ich also im Mythus aufheben. Mythus ist für Rosenberg das Befolgen aus einem Zentrum des Selbstverständnisses, das Kraft gibt (S. 459), so gab der Mythus der Schönheit des Apollo und der Kraft des Zeus den Griechen für Jahrhunderte Kraft, ihren Eroberern zu widerstehen. (Heute muß man jedoch sagen, daß die Griechen bestenfalls ein Schatten ihrer selbst sind. Irgendwann muß der Widerstand zusammengebrochen sein.)


    Und nun faßt Rosenberg die Juden näher ins Auge: Sie sind es, die die Welt knebeln. Jakobs Kinder wirkten an den goldenen Netzen zur Fesselung der anderen. Das erdenschwere Wesen Ahasvers hängt sich an das erlahmende Gemüt und saugt es aus, frißt sich in die kranke Stelle ein. Die Juden erstreiten sich nicht im offenen Kampf ihre Vorteile (Lebensrecht), sondern sie erschleichen es sich. Ihre Herrschaft ruht nicht auf körperlicher Kraft oder dem Vertragswerk zwischen gleichstarken Gegnern, sondern auf dem Zins. So sind sie für Rosenberg Schmarotzer. (S. 460) Am anschaulichsten wird das für Rosenberg im Juden Joseph, dem Sohn Jakobs, dem Ernährer Ägyptens. Er ist die Fleischwerdung des jüdischen Mythus, er ist der Auserwählte, der die Weltherrschaft manifestierte, Anspruch auf die Erwähltheit der Juden ausmacht.


    kurze Anmerkung: Thomas Mann sah sich durch solche Bemerkungen veranlaßt, die Joseph-Trilogie zu schreiben, sich mit der Idee der Erwähltheit (er hatte bereits vor 1930 eine Novelle gleichen Titels geschrieben, woraufhin ihm in Kritiken Antisemitismus vorgeworfen wurde) zu beschäftigen.


    Zurück bei den Deutschen, nachdem nunmehr deutlich wurde, wes der deutsche Mythus nicht sein darf: 1887 war es, unter Bismarck, als sich im sogenannten Kulturkampf die Jesuiten und Marxisten in den westdeutschen Hochburgen um Köln, am Rhein entlang ... [noch heute sprechen sich Mitglieder von Fußballvereinen aus dem Rheinland und Westfalen vorzugsweise mit Borussen an!] bis ins Rheinfränkische hinein... diese Gebiete brachten das ZENTRUM als politische Bewegung hervor, das sich mit dem protestantischen Kaisertum arrangierte, den mittelalterlichen Gedanken eines universellen Kaisertums unter (wahlweise) fränkischer/salischer Führung aber immer noch nicht aufgeben wollte (was da aber auch alles mitschwimmt, von den Sezessionisten aus dem Rheinland, die sich immer schon mit Frankreich zusammentun wollte über die Erzorden aus dem katholischen Teil Deutschlands bis zu altständischen Reichskleinodien; reichstreu, aber eigentlich antipreußisch), also 1887 war es, als sich scheinbar völlig entgegengesetzte politische Prinzipien zusammenbanden (es herrschte noch das Sozialistengesetz!) und eben dieses Zentrum bildeten, das Hitler 1933 den Weg zur legalen Macht ebnete und dem auch Adenauer angehörte, der 1933 als Bürgermeister Kölns separatistischen Neigungen nicht ablehnend gegenüberstand - was dann nach 1945 seine Bedeutung erhielt - also dieses Zentrum stand nach Rosenberg im Dienste des Papsttums und wollte eine staatspolitische Orientierung zur Machtkonstruktion des Mittelalters, zu einem unilateralen Kaisertum, meinetwegen können wir den Kaiser hier auch durch eine gesamteuropäische Regierung ersetzen, die Zentralbank oder den Rat der Weisen. Gleichbedeutend.


    Spinnerei? Man lese den Aufsatz in "Germania", einer politischen Zeitschrift, in der in der letzten Nummer des Jahres 1924 die politische Rückkehr zu den politischen Prinzipien des Mittelalters ausdrücklich formuliert wurde. Rosenberg (baltendeutscher Protestant) und Pius XXIII. (Papst) stritten hier um die geistige Vormachtstellung. "...sowohl mitten im Toben des Weltkriegs, wie auch unter den jetzigen verwickelten Verhältnissen seinen Eifer, seine Tatkraft und sein Organisationsgeschick dafür eingesetzt habe, den traurigen Verfall von der römischen Kirche, der vor 400 Jahren stattfand, wieder wettzumachen." (S. 475) Das fehlende Subjekt des Satzes: der Jesuitenorden.


    Das soll dann die Rückkehr sein, soll den Mythus fürs 20. Jahrhundert abgeben, geadelt wird das durch ein Wort Goethes und ausformuliert durch eine neue Trinität.
    Das Wort Goethes: Kein Gedanke darf diktieren, aber ein Volk bleibt nie ein Volk ohne Diktat eines Gedankens. (S. 515)
    Die neue Trinität: Fritzischer Ehrbegriff, Moltkes Zuchtmethode und Bismarcks heiliger Wille. So soll denn die deutsche Zukunft beschaffen sein!


    Ich habe hier fertig. Vorerst. Amen!

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