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Thema: Hermann Hesse - das Zwittrige ist uns zu eigen

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Hermann Hesse - das Zwittrige ist uns zu eigen

    Ich bin fest davon überzeugt, dass wir NICHTS aus dieser Krise lernen werden. Der Mensch ist nicht nur dumm und selbstsüchtig, sondern auch lernresistent oder -unfähig. Sobald die Neuinfektionen einigermaßen beherrschbar sind oder nahe Null gedrückt werden, wird die Wirtschaft und alles, was damit zusammenhängt - ja auch die weiter Globalisierung und der Reise- und Tourismuswahn - wieder angekurbelt und mit Gewalt auf ein Vorkrisennieveau gehievt werden. Alles andere wäre die totale Sensation, von ein paar Lippenbekenntnissen und Placeboaktivitäten mal abgesehen wie vielleicht eine etwas höhere CO2-Abgabe oder mehr Kontrollen an den Grenzen.

    Lieber Robert, deine Leseliste findet weitestgehend meine Zustimmung, nur bei einem Buch krieg ich Pusteln: Hesse, Der Steppenwolf.

    Mir ist vollkommen unverständlich, wie ein so schlechtes, triviales, kitschiges und pubertäres Geschwafel, noch dazu in schlechtestem Deutsch, solch eine Beliebtheit erlangen konnte. Das diskreditiert nicht nur die Leser, sondern vor allem auch die ganze Horde der Germanisten und Jubelkritiker. Hesse ist für mich DER überschätzteste und bei weitem schlechteste Autor, von denen, die in der ersten Reihe stehen.
    Geändert von eulenspiegel (21.03.20 um 10:51 Uhr) Grund: A

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Notizen März 2020

    Widerspruch, Till! Hesse schreibt großartig. Der Steppenwolf gefiel mir sehr gut, die Verfilmung weniger. Am besten schreibt Hesse in seinen Märchen: "Narziß und Goldmund" versetzte mich in eine Traumwelt, in der ich mich sehr wohl fühlte.

  3. #3
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    AW: Notizen März 2020

    Zum Glück gibt es diese Vielfalt, sodass sich für jeden Geschmack etwas finden lässt. Was Hesse angeht, so halte ich den noch eher für unter-als überschätzt...weil man ihn auf drei vier Werke reduziert. Seine Sprache ist einzigartig auf dieser Welt...wohl mitunter blumig und verspielt...aber ganz und gar nicht kitschig...weil sie fantastische Bilder hervorbringt...die...unabhängig vom Ganzen...auch mal für sich alleine stehen. Wir jammern und loben auf hohem Niveau...was Literatur aus dem deutschsprachigen Raum angeht. Ein Luxusproblem...aus einer solche Fülle an großartigen Geschichten auswählen zu dürfen und aussortieren zu können. N+G wurde verfilmt und kommt demnächst in die Kinos...wenn der Film nicht sogar schon läuft. Ich werde ihn mir nicht ausschauen...weil er...so gut er vielleicht auch gemacht ist...nur enttäuschen kann.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Notizen März 2020

    Na gut, wie es euch gefällt. Meins ist Hesse nicht. Schwülstiger Eso-Kitsch. Er schwurbelt große Phrasen und bedeutungsschwere Worte - platt und dahinter ist nichts.

    Da lese man doch mal Dürrenmatt als Kontrastprogramm: geistreich, witzig, stilistisch das Beste, was die deutschsprachige Literatur zu bieten hat, auch wenn es ein Krimi ist oder ein Lustspiel.

    Wer soviel von Weisheit und kosmischer Erhabenheit labert, sollte auch Substanz bringen. Aber da finde ich nichts bei HH. Literarischer Versuch einer Autotherapie bestenfalls.

    Aber gut, chacun a son gout, wie der Engländer sagt.

  5. #5
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    AW: Notizen März 2020

    Wo...woraus leitest Du das ab...ein Autor müsse substanziell mehr bieten...als "nur" seine Geschichten als solche? Mir ist ein Hesse tausendmal lieber als zB ein B. Brecht, der vielleicht mit so etwas wie einer intellektuellen Metaebene glänzen konnte...die aber dazu benutzte um seine politischen Kampfparolen zu verbreiten - ob für die richtige oder falsche Sache...das spielt dabei für mich keine Rolle. Eine Geschichte soll mich in erster Linie unterhalten...darf dabei gerne auch informativ sein...und ist es oft auch....doch wenn ich nach Informationen suche, dann greife ich zu Sachbüchern. Gerade die Deutschen sind in Sachen Kunst viel zu verkrampft...drum sind unsere Propheten im eigenen Land nur selten gefragt. Aber vermutlich war der Brecht sympathischer...als es seine Erben heute sind...die fast jeden verklagen...der den Namen Brecht auch nur erwähnt. Nach Ablauf der 75 Jahre Sperre, und das müsste schon bald sein, werden wir eine Flut von Brecht-Abhandlungen erleben. Seine Kritiker stehen schon seit Jahrzehnten in den Startlöchern. Aber vielleicht sind die bis dahin auch schon alle tot. Der bekannte Literaturkritiker Scheck hat gerade ein Buch mit den 100 wichtigsten Autoren aller Zeiten veröffentlicht...darunter nur ein Deutscher. Das alleine zeigt schon, dass wir scheinbar ein Problem damit haben...unsere guten Leute auch wirklich anzunehmen. Und sind wir mal ehrlich...würde man nicht in den Oberstufen Goethe, Schiller und Co. abhandeln...würde die heute keiner mehr kennen - und schon gar nicht lesen.
    Geändert von anderedimension (21.03.20 um 14:46 Uhr)

  6. #6
    rodbertus
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    AW: Notizen März 2020

    Wahre Freundschaft: "Du, ich und Gott." - Ich wünschte, ich könnte diesen Film sehen. Wird wohl Monate dauern, bis es soweit ist.

  7. #7
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    AW: Notizen März 2020

    Weisst du, Brecht ist auch nicht meins, absolut nicht. Aber nicht wegen seiner politischen Einstellung, vielleicht schon auch wegen seines Charakters, der nicht der alleredelste gewesen sein mochte. Aber darum geht es nicht. Brecht mag ich wegen seiner Sprache nicht. Genauso HH.

    Wer andauernd von Weisheit, Erhabenheit und kosmischer Erleuchtung schreibt, sollte das nicht nur behaupten, sondern wenigstens ein bissl unterfüttern. Davon finde ich im Steppenwolf nichts. Alles nur behauptet, hohl, ohne Inhalt. Ich fand darin keine einzige neue Erkenntnis oder auch nur interessante Perspektive.

    Mein Hauptproblem mit HH sind nicht seine fantastischen Geschichten, sondern die schlechte Sprache. Das ist wie eine schlechte Inszenierung. Falsche Wortwahl, ungelenke Satzkonstrukte - vielleicht gewollt oder nicht - keine Eleganz, nur verschwitztes Abmühen.

    Mich stört nicht das Fantastische oder Esoterische an sich, mich stört die Trivialität und Plattheit, da ist kein Witz, keine Komik, keine Eleganz. Es gibt andere Beispiele für überschätzte Autoren. Bernhard und Handke stehen da in einer Reihe mit HH. Sehr unterschiedliche Schreiber mit unterschiedlichen Hervorbringungen. Bernhard ist ein pathologischer Egomane, stilistisch weit besser als HH, aber nervig und penetrant in seiner manischen Egozentrik.

    Aber Literatur ist letztlich Geschmackssache, wie Musik auch. Was ich darüber meine, ist eben nur meine bescheidene Meinung und für andere keinesfalls verbindlich, bestenfalls eine andere Perspektive.

  8. #8
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    AW: Notizen März 2020

    Ich respektiere deine Meinung - und finde auch kaum etwas schlimmer...als wenn alle immer einer Meinung sind. Das, das dir an Hesse nicht gefällt...Satzbau, Inszenierung, Wortwahl...das ist das...das ich so sehr an ihm schätze. Die Geschichte von Narziß und Goldmund ist eine uralte und in allen Kulturen verbreitete - da hat uns Hesse nichts erzählt, das nicht jeder schon in abgewandelter Form kannte. Aber wie er diese Geschichte erzählt...das macht den Unterschied dann aus.

  9. #9
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    Hermann Hesse - das Zwittrige ist uns zu eigen

    Ich halte von HH sehr viel, auch von seiner Sprache. Ich liebe nicht jedes seiner Werke. "Unterm Rad" gefällt mir nicht, auch "Das Glasperlenspiel" habe ich nur überflogen. Am liebsten mag ich "Narziß und Goldmund", weil mich das Thema wahrer Freundschaft seit jeher berührt und weil ich das Mittelalter in seiner Dichotomie aus Pest, Blut und Vergeistigung liebe.

  10. #10
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    AW: Hermann Hesse - das Zwittrige ist uns zu eigen

    Also ich möchte klarstellen, dass ich vielleicht manchmal etwas pointiert und überspitzt formuliere. Es soll keinesfalls verletzend sein oder jemand die Freude an seinen Lieblingsbüchern vermiesen!

    Es ist meine subjektive Meinung und bei HH mehr als das, ich reagiere auf diesen Schreibstil körperlich mit Abwehr und Widerwillen. Als ich mit 18 den Demian las, gefiel er mir. Heute könnte ich das nicht mehr fertig lesen. Den Steppenwolf habe ich erst vor ca. 10 Jahren gelesen. Weil ich dachte, das musst du lesen, dieses Kultbuch der 60-er Jahre und überhaupt.

    Ich war so maßlos enttäuscht, dass ich vielleicht überreagiere. Wer bin ich schon, dass ich mir so ein negatives Urteil über HH erlauben kann? Ich bin weder Literaturfachmann, noch professioneller Kritiker oder sehr belesen. Ich urteile rein subjektiv. Aber ich habe, bilde ich mir ein, ein Gefühl für Stil und Eleganz. Also wieder rein subjektiv! Ich mag keine Texte, die sich mühen und schinden. Und da kommen mir Autoren wie Dürrenmatt in ihrer unbeschreiblichen Leichtigkeit und zugleich oft massiven Drastik sehr entgegen. Dürrenmatt ist auch oft fantastisch und sehr unrealistisch, doch immer elegant. Das mag ich halt.

  11. #11
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    AW: Hermann Hesse - das Zwittrige ist uns zu eigen

    Klar bist Du ein Literaturfachmann, Till. Laß Dir ja nüscht anners einreden! Eine kinderlose Mutter bist Du auch nicht. "Demian" ist ein sehr gutes Buch. Das lasse ich immer mal lesen, meistens in Klasse 11, wenn die lieben Kleinen schon wissen, daß die Welt nicht nur schwarz-weiß ist. Aber das ist genau Hesses immer wiederkehrendes Thema: das gefaltete Ich.

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