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Thema: Natur - eine Begriffsbestimmung

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Natur - eine Begriffsbestimmung

    Goethe sagt: "Alles ist Natur." Er meint, wir könnten nicht aus ihr heraus.

    Kommentar: Problematisch. Ich bin NICHT dieser Ansicht, denn ich halte diese Bemerkung Goethes für eine Idee, die seiner Natur entspricht, nicht aber Natur ist.

    Der Kubu (Negerstamm in Zentralafrika) sagt: "Ich kenne alles." Er meint die Summe seiner Sinneseindrücke, die ihn jedes Geräusch, jede Pflanze, jedes Tier, jeden Stein... in seiner Lebensumwelt bestimmen läßt.

    Kommentar: Korrekt. Der Kubu blendet das Ideelle aus. Es gehört NICHT zu seinem Lebensbereich. Er bewegt sich im Kreislauf des Lebens. Die Natur bestimmt diesen Kreislauf. Aber die Natur (als Idee) interessiert ihn nicht: ihn interessiert die Entäußerung der Lebensprinzipien in ihrer Wirkung auf ihn. Darum kann er alles BESTIMMEN. Er ist hier ganz Mensch, das einzig messende Wesen innert der Natur.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Natur - eine Begriffsbestimmung

    Natur wird als System begriffen. Man spricht von "geschlossenen Ökosystemen", 13 cm für 119 €. Bizarr. Lebensdauer: 2 Jahre. Sollte das nicht zu denken geben? Mir jedenfalls gibt das zu denken. Geschlossene Systeme existieren nicht, nicht auf Dauer.
    Stellt sich der Mensch in die Natur, so erfaßt ihn anfangs Schaudern, ein Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit (das Numinose) folgt später, aber es entsteht durch das Bewußtsein eigener Unvollkommenheit innerhalb eines Vollkommenen, jedenfalls Übermächtigen. Wie läßt sich die Stellung des Menschen zur Natur bestimmen? Er müßte sich aus dem Ganzen herausreißen und dann das Ganze zu betrachten versuchen. Wie sollte das funktionieren? Über den Instinkt? Über eine erkannte Abbildlichkeit in uns? Über möglichst objektive Beobachtung, Messungen oder auch Experimente?
    Der Mensch kann nur das wahrnehmen, was er in die Dinge selbst hineinlegte. Wenn Natur ALLES sein soll(te), braucht er kein Objekt außerhalb seines Körpers: sein Körper müßte hinreichend sein, alle Dinge der Natur erfassen zu können. Der Mensch - das Große im Kleinen!

    erstellt von Franz Castelli:

    Der Mensch ist eine Welt im Kleinen.
    Beim Manne will mir's nicht so scheinen,
    Doch bei dem Weibe ohne Scherzen,
    Trifft dieses Sprichwort ein, gewiß.
    In ihrem Auge ist ein Paradies
    Und eine Höll' in ihrem Herzen.
    Jetzt fehlt hier nur noch der Gedanke, der JEDES System zerscherbelt. Es ist der Gedanke des Fortschritts, weniger progressiv benannt, der des Fortschreitens. Wer einen Naturmenschen (!) bei der Arbeit beobachtet, wie er sich an ein Wild anschleicht, wie er Früchte von einem übervollen Baume sammelt, wie er im Gleichklang der Jahreszeiten aufwächst, aufblüht, altert und stirbt, dem drängt sich der Gedanke auf, daß da eine Harmonie, ein Einklang besteht, eine Einergibigkeit zwischen Mensch udn Natur.
    Nichts ist falscher, denn dieses Naturmenschlein trägt bereits alles in sich, was scheinbare Harmonie zu zerstören trachtet. Er muß es nur auswickeln - wie ein Geschenk! Und er wird es auspacken. Das ist Trieb, seine Bestimmung, Ontogenese, Phylogenese, Menschheitsgeschichte.
    Es ist die Phantasie, die als Dämonin wirkt und das scheinbare Gleichgewicht zerstört. Die Phantasie aber muß ihren Ursprung in etwas über die Natur Hinausreichendem haben, denn ihr Trachten zielt immer auf Überwindung naturgegebener Voraussetzungen. Der stete Wandel. Der Mensch nimmt ihn wahr und versucht, diesen Wandel auf Gesetze zurückzuführen, ihm das Erschreckende zu nehmen, indem er ihn erstarren läßt, systematisiert.

  3. #3
    Kalu
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    AW: Natur - eine Begriffsbestimmung

    Vielleicht kann man 'Natur' im Ausschlussverfahren definieren? Sie ist nicht die schwärmerische Vorstellung von 'natürlich'. Sie entzieht sich einer allgemeine gültigen Definition. Sie ist nicht außerhalb von Alles. Sie ist kein philosophisches Konstrukt. Sie ist nicht vollkommen. Sie ist kein Zustand - sondern ein Prozess. Sie ist nicht nur freundlich. etc.

    Hm.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Natur mit ALLES gleichzusetzen ist das Gegenteil von Definition. Eine Definition muß abgrenzen, andernfalls läßt sich nicht damit arbeiten. Es hat sich die Parenthese Natur - Denken eingebürgert, meint: die Natur denkt nicht, sondern folgt Gesetzen; das Denken folgt ebenfalls Gesetzen, bildet aber auch neue, d.s. Antinomien.

    Ich bin mit dieser Parenthese nicht zufrieden. Das Begriffspaar Naturerkenntnis vs. Phantsie befriedigt mich auch nicht, auch nicht die Einbindung der Phantasie im Denken durch die Setzung eines Als-ob. Irgendwann kömmt man zum widersprüchlichen Konstrukt "Naturphilosophie" Schellings, was in Folge in Mystik enden muß.

    Nein, ich muß meinen Leib (Natur), mein Herkommen und mein Wollen in ein Ganzes weben können und nicht aus mir herausheben - entweder in Form eines abstrakten Sittengesetzes oder in Form mystischer Schwärmerei.

    Es muß bei der Bestimmung des Naturbegriffs das Christentum mitgedacht werden. Es gibt einige konfrontative Aspekte zu beachten. Wir müssen beachten, daß unsere Vorfahren bis ins Hochmittelalter keinen Begriff für die Natur besaßen. Das wundert nicht, weil es dem Menschen schwerfällt, sich innerhalb eines Ganzen in ein Außerhalb zu stellen. Natur stand für sie NICHT im Gegensatz zur Politik, nicht im Gegensatz zum christlichen Glauben, nicht im Gegensatz zu ihrer Weltwahrnehmung.
    Andererseits prägte sich ein Gegensatz zwischen dem Naturgefühl und der asketischen Einsiedelei des Mönchtums bereits im Frühmittelalter aus. Wüsteneien (ägyptische Christen), aber auch irische Klöster (das satte Grün der ewigfeuchten Insel)... Die Ausbreitung des Frankenreiches ist ohne christliche Beamte, Priester und Mönche nicht denkbar. Warum aber drang das Wort "Natur" in dieser Zeit (5. Jahrhundert) nicht ins Bewußtsein der Deutschen und prägte ein entsprechendes Lehnwort aus? Gab es die apostrophierte Verengung des Naturbegriffs durch Asketentum vielleicht gar nicht? Ist das eine Interpolation Nachgeborener (Franziskaner oder gar erst von Jesuiten?), um eine Tradition zu beschwören, die es nicht gab, die aber im engherzigen Gemüt asketisch-selbstkasteiender Mönche heranwuchs?
    Dunkle Jahrhunderte.
    Es waren die Troubadoure des 13. Jahrhunderts, die erstmals von der Natur sangen, also einen Gegnsatz zur höfischen Sitte resp. zur Dogmatik thematisierten.

    Der philologische Weg zur Entdeckung historischer Wahrheiten ist ein guter Weg. Sprache ist verräterisch. Am deutlichsten wird das Selbstbewußtsein dann, wenn etwas fehlt, das dasein müßte, in diesem Fall müßte das WOrt "Natur" im Kontext christlicher Weltwahrnehmung den Gegensatz beschreiben. Aber das fehlt. Es ist also davon auszugehen, daß das Christentum bis ins 13. Jahrhundert keineswegs als naturverneinende Religion auftrat. Das Zölibat ist eine Erfindung dieser Tage und keineswegs eine Tatsache bei Jesus oder den Christen bis ins 13. Jahrhundert.

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Natur - eine Begriffsbestimmung

    Die Vergegenwärtigung der Natur als einem Mehr als Kulisse wird für uns zuerst über die Malerei aufgeworfen, dargestellt. Wenn der Künstler sehenden Auges einen Zusammenhang zwischen dem Ringsum und dem Kern des Darzustellenden herstellen will, dann ist das vielleicht nur seiner pantheistischen Weltanschauung geschuldet, vielleicht aber auch, weil er instinktiv diesen Zusammenhang kennt. Von dieser Darstellung, wie wir sie bei Breughel oder Altdorfer kennen, ist es nur ein Sprung bis zur Entfaltung moderner Naturwissenschaftsforschung. Eben Moderne. Sie beginnt im frühen 16. Jahrhundert, nicht erst mit der Aufklärung! Und dies hat etwas mit dem Begriff, dem Begreifen der Natur zu tun, die zum Mehr wird als zur Kulisse, zur Bedrohung, zum Hinzunehmenden.
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  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Phantasie und Wirklichkeit

    das genau ist phantasie, wenn ich das sehe, was ich sehen will/soll. halluzination ist keine phantasie, sondern ein trugbild aus dem unterbewußten. der phantast dagegen bläht das, was er sieht, nur zu etwas auf, was das, was er sieht, aus den grenzen hebt. im kern aber ist phantasie nichts anderes als ebenbildlichkeit. im kern. ein phantasiegebäude kann nur aus dem bestehen, was derjenige, der es baut, KENNT. er hat aber keinen überblickt über das ganze, sondern bleibt in seiner welt gefangen.

  7. #7
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    AW: Natur - eine Begriffsbestimmung

    Ist da wirklich ein Widerspruch zwischen den Kubu und Goethe?

    Die Kubu sind nicht aus der Einheit herausgetreten und Goethe findet in diese Einheit zurück, wenn er sagt, Natur sei alles.

    Die Verbindung zwischen dem, was Mikrokosmos (der kleine Mensch) genannt wird, und dem, was als Mekrokosmos (der große Mensch als "Menschensohn") bezeichnet wird, ist das Gemüt.

    Zunächst ist daher buchstäblich die Schlacke der Vergangenheit in "Gold" zu verwandeln.

    Was die Kubu empfinden, ist die Anbindung an das große Jetzt. Was Goethe empfand, war ebenso die Anbindung an alles, was ist.

    Wie wir in diese Einheit mit allem, was ist, zurückkehren, ist letztlich eine Frage der Absicht, die im Herzen beantwortet wird und im Gemüt ihren Ausdruck findet.

    Des Pudels Kern ist die Absicht. Grundfrage: Egoismus oder Altruismus?

    Egoismus schafft (die Illusion) geschlossener Systeme, Altruismus hebt die Grenze zwischen Leben und Leben auf.

    In beiden Aussagen drückt sich für mich die Einheit des Lebens aus, alle Wege führen zurück, daher Re-ligio, die Rück-anbindung an die Quelle.

    Allerdings ist diese Grundsatzentscheidung mit einem jeweiligen kategorischen Imperartiv verbunden.

  8. #8
    Lyrik Inferno
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    AW: Natur - eine Begriffsbestimmung

    Wir reden oft von der "Mutter Natur"...und so sehe ich sie auch...als Familienmitglied. Eine Mutter straft, eine Mutter verzeiht, sie gibt und sie nimmt. Die Natur gestaltet Blüten und Früchte bunt, lädt zum Mahl.
    Der Naturmensch weiß, dass es ein Geben und Nehmen ist. Die Natur kennt, auch wenn wir das nicht immer so sehen, keine Verschwendung. In den Tiefen der Meere sind die Geschöpfe weiß und blind. Wo kein Licht ist ... braucht es weder Farben noch Augen. Eine Mutter lässt sich, so biestig ihre Kinder auch sind, nicht so leicht unterkriegen. Aber auch ihre Geduld hat irgendwann mal ein Ende.

  9. #9
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    AW: Natur - eine Begriffsbestimmung

    Da hst Du eine Kernfrage angesprochen:

    Hat der faustische Mensch, in seiner Ausblendung eigener "Beastigkeit" gegenüber der Natur, nunmehr einen natürlichen Impuls, wenn er annimmt, die Geduld der Natur sei begrenzt?

    Oder erwartet er nicht geradezu das Reißen des Geduldsfadens seiner Mutter?

    Wenn wir die ganze Zeit Entscheidungen gegen (das Lebenssystem) Natur zugunsten des Todes fällen, ist es jedoch unsere Wahl, das Gleichgewicht zwischen abbauenden und aufbauenden Kräften bewusst aufzugeben.

    Dieses Fließgleichgewicht, auch Eqilibrium genannt, ist allen natürlichen Lebenssystemen innewohnend.

    Werden auf Dauer mehr lebensfeindliche als lebensfreundliche Motive verfolgt, überwiegen die abbauenden Kräfte und das System verfällt.
    Werden auf Dauer mehr lebensfreundliche Entscheidungen getroffen, verschiebt sich dieser "Montagepunkt" der Absicht genannt wird.

    Wir machen mit Absicht kaputt, weil wir unsere Fähigkeit verloren haben, uns mit der Natur verbunden zu fühlen und verhalten uns entsprechend un-zu-gehörig.

    Was ist die Ursache der Biestigkeit der Kinder gegenüber ihrer Mutter?

  10. #10
    Lyrik Inferno
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    AW: Natur - eine Begriffsbestimmung

    Was ist die Ursache der Biestigkeit der Kinder gegenüber ihrer Mutter?



    Pubertät, Anomie...vielleicht eine Mischung daraus - ich weiß es nicht. Die Pubertät wäre eine Entschuldigung...die Anomie eine Anklage wert. Die Mehrheit wird eher unbewusst Raubbau betreiben. Der Mensch hat es wohl verlernt, denn es geht ja auch so...eine gewisse Zeit...

  11. #11
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Question Was ist Gemüt?

    Das Gemüt verbindet doch nicht den kleinen und den kosmischen Menschen. Ich kann mir den kosmischen Menschen nicht mit Gemüt vorstellen, glaube auch nicht, daß Jesus ein Gemütsmensch war. Merkwürdige Vorstellung. Gemüt hat mit Poesie und Vernunft gleichermaßen zu tun, nicht aber mit Gott. Ich kann da keine Brücke bauen. Im kleinen Menschen, ja, da bildet das Gemüt die Brücke. Aber in Gott?

    Der Begriff "Gemüt" wabert spätestens seit der Romantik durch unser Wesen, bewußt gemacht von Fichte. WSIB, wie stellst Du Dir die Brücke vor?

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