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Thema: Poesiewürdigungsstuhl (II)

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    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Poesiewürdigungsstuhl (II)

    Agnes Miegel: Unter hellem Himmel (1936)

    Die unlängst von linksfaschistischen Gutmenschen diffamierte ostpreußische Dichterin Agnes Miegel veröffentlichte 1936 57jährig einen autobiographischen Text, 71 Seiten stark, in eilf jeweils abgeschlossene Kapitelchen unterteilt. Das Buch ist keineswegs herausragend, aber es enthält Herausragendes. Miegel kann psychologisieren, ist eine aufmerksame Beobachterin ihrer Umwelt und versteht es, hinter der Oberfläche Wesentliches zu entdecken, das sie im kühnen Schwung dem geneigten Leser anheimstellt. Ihre Fähigkeit, Belangloses in sanft fließenden Satzgefügen zu verdichten, beeindruckte mich. Eine Vielzahl heute untergegangener Wörter belegt den Wortwald, in dem sich die Autorin zeitlebens bewegte, eröffnet dem Leser eine wundersam idyllische Welt, in der das Böse nur als Schemen west, diese Welt aber nicht unterlegt, sondern den Leser bei aller Wahrnehmung stets als sicheren Sieger aus dem Kampf treten läßt, denn: es sind nur Schemen, die längst besiegt worden sind. Eine kurze Auswahl: dinarisch (für Süddeutsche), Lusche und Usche (Kosenamen für Tantchen und sich selbst), Schwadengrütze, Gierschblättchen, Grassoden, Landslüd (Landsmann), Akazienflinsen (Puffer aus Akazienblättern), Palwe, Quitschen (ostpreußisch für Vogelbeere), Maßliebchen (ostpreußisch für Gänseblümchen), Skabiosen, Katzenpfötchen... Rettung. Aber Miegel ist nicht nur eine Bewahrerin des Wortes, sondern weiß in antithetischer Verschränkung dem Bösen auch die Kraft zur Erzeugung des Guten beizufügen. Die in der Familie genetisch bedingte Neigung zum Blindwerden führte zur Schärfung der auditiven Sinne, zur Stärkung des Gedächtnisses und damit auch zur Stärkung des Bedürfnisses, festzuhhalten: Sprache, Pflanzennamen, Gebräuche, Erinnerungsarbeit. Das ist das Δ und Ω, das ist ihre ostpreußisch-protestantische Lebensgewißheit, die nur Gott Rechenschaft übers eigene Tun geben muß und sich dieses Recht vor aller Welt auch stets zu erstreiten weiß. Agnes "erwarb die weiße Rosenkrone, die Palme des Blutzeugentums", sie wird auch noch im Himmel Gedichte machen: das ist ihr Schicksal bis ins Schwabenalter. Der höchste Tag: der Pfingsttag, wenn sie im weißen Kleid mit festgezogenem Haar die Weite des Landes ausschreiten durfte. Miegel blieb die ewige Jungfrau, die ihren Vater selbstlos pflegte, eine Karriere als Dichterin machte und Hitler erst ins Herz schloß, nachdem er 1939 ihr geliebtes Ostpreußen wieder mit dem Reich verbunden hatte. 1940 wurde sie Mitglied der NSDAP. 1940! Und genau das machen ihr heute dümmliche Korrekte zum Vorwurf und verwerfen alles von ihr Geschriebene als Nazischranzenpropaganda. Nun, im vorliegenden autobiographischen Buch von 1936 gibt es keine Politik, keinen Hitler, kein Nazitum, keinen Rassendünkel, keine Blut- und Bodenromantik der schwarzen Art, aber es gibt doch so etwas wie ein politisches Bekenntnis. Miegel fragt sich voller Ehrfurcht im Angesicht des Brandenburger Tores: "wie man das eigene kleine Ich in der stummen Selbstzucht pflichterfüllten Alltags solchen Ruhms, solch strenger Größe wert erweisen könnte?" Sie kommt zu der Überzeugung, zum Beruf des Dichters: "anderen mitteilen, damit sie es sehen und lieben können, wie der Dichter es sieht". Ja, man muß lieben können, um Dichter zu verstehen. Wer aber die Welt dogmatisch einteilt, der vergibt sich so viel, vor allem die Liebe.
    Bleiben wir noch einen Augenblick bei Miegels dichterischem Credo: Jeder gute Dichter besitzt eine grundätzliche Wahrheit, auf der all sein Schaffen ruht, sozusagen die Quintessenz seiner Weltwahrnehmung, eine Schablone, die es ermöglicht, alles Niedergeschriebene als Ausfluß dieser einen Grundwahrheit zu deuten, einen Verständnisschlüssel. Miegels Schlüsselwörter lauten "verbotener Garten". Das kenne ich. Die verbotene Frucht im verbotenen Raum. Eltern verbieten Kindern Umgang, Lebensräume, Zugang, Lebensbereiche. Agnes Miegel sollte nicht mit der Hexe spielen, die da in einem Haus im Walde wohnte, einer Zugezogenen aus dem Rheingebiet. Erika. Die Fremde, die Andere, die Geheimnisvolle, die einen Bruder früh verloren hatte, weil der im Rhein ertrunken war. Aber Kinder hören nicht. Erika war für die ewige Jungfrau Miegel auch eine sexuelle Verheißung, also spielten die unschuldigen Kinder die Spiele ihrer Ahnen, heimlich im Wald, dem Unendlichen. Und wenn dann die Natur im schönsten Wechsel der Töne ihr Lied dazu singt, übertritt das junge Menschlein die Grenzen des Selbst, weitet Herz, Augen, Sinne, Gefühlswelt. Grenzenlos schön beschrieben in der Geschichte "Die Anderen" (siehe Textauszug unten), später dann noch einmal reifer verschränkt in "Mein Rhein". Das Credo lautet demnach: "Komm, Kind, wir fahren herüber in unseren Garten!"
    Beim Lesen dieses Buches wuchs in mir der Schmerz ins Unermeßliche und entlud sich Trauer, was wir verloren haben. Wie bei einer Bach-Passionata.


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