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Thema: Poesiewürdigungsstuhl

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post Poesiewürdigungsstuhl

    Loben ??.....also:


    In einem Ort im Winter,
    gabs Blumen blau und rot,
    im Fenster, einst dahinter,
    stach sich ein Mädlein tot.


    Es war ein Dolch, gebläuter Stahl,
    dem Liebsten einst entrissen,
    sollt schützen sie vor falscher Wahl,
    sollt je ein andrer Mund sie küssen.


    Doch nachts im Schlafe, ungeträumt,
    kam ein Jüngling stolz geritten,
    auf weißem Roß, das Maul umschäumt,
    ach, was hat das Herz gelitten.


    Dem Liebsten dann im Arme lag,
    dem anderen zugeflüstert,
    und als sie ihre Scham verbarg,
    hat sein Körper arg gelüstet.


    So kam sie dann ins Heimgemach,
    ungetreu und tränenfeucht,
    gewaltig überfiel die schwere Schmach,
    die arme Seel, die nun im Himmel leucht.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Poesiewürdigungsstuhl

    madonna hat auf Anhieb den richtigen Ton getroffen.


    Als Erfinder des Poesiewürdigungsstuhles gelten die Vogonen, beschrieben in "Per Anhalter durch die Galaxis":
    "...Die Gefangenen saßen auf Poesiewürdigungsstühlen - festgeschnallt. Die Vogonen gaben sich, was die allgemeine Werschätzung ihrer Werke anging, keinen Illusionen hin. Ihre früheren Kompositionsversuche waren als Teil eines gewalttätigen Beharrens darauf anzusehen, als vollständig entwickelte und kultivierte Rasse angesehen zu werden, jetzt trieb sie nur noch reine Mordgier.


    Kalter Schweiß stand Ford Prefect auf der Stirn und rann um die Elektroden herum, die an seinen Schläfen befestigt waren. Die Elektroden waren mit einer ganzen Batterie elektronischer Apparaturen verbunden - Bildverstärkern, Rhythmusmodulatoren, Alliterationsverwertern und Gleichniskippen - die alle dazu dienten, das Erlebnis des Gedichts zu steigern und sicherzustellen, daß auch nicht die kleinste Nuance des dichterischen Gedankens verlorenging ... "

  3. #3
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    Exclamation Poesiewürdigungsstuhl

    sehr geehrte banausen und innen,

    am 09.06.02 war wieder einmal.
    der todestag von ernst.
    jandl.
    ich hoffe schwer und vermute,
    daß auch in diesem, wie
    in jedem.
    jahr seiner und würdig.
    gedacht.
    nicht nur die.
    mayröcker.
    auch du, ich, wir.
    vielleicht nur still.

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    Ernst Jandl

    Ja...nnddllll
    still...still...still
    weils kindlein schlafen will

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Hölderlin

    Manche Tage des Jahres besitzen eine magische Wirkung. Da mag eine Dopplung vorliegen, eigene Wünsche treffen auf einen Lebensrhythmus, der auch mit dem natürlichen Kreislauf etwas zu tun hat. Der heutige 20. März ist einer dieser Tage - Äquinoctium - so gut als wie, wie Goethe das nennte. Es ist aber nicht Goethe, den ich hier laudatieren möchte, sondern ein ihm im Schreibenswesen ähnlichen, den Schwaben Friedrich Hölderlin. Hölderlin brach einst auf, in Jena sein Glück zu machen, dort im Kreise derer zu leben, denen er sich zugehörig fühlte. Doch der Goethe duldet kein gleiches. Und so trollte sich Hölterlein, wie er von ihm genennet ward, erst nach Frankfurt/Main - das ist kein Witz -, später dann nach Tübingen zu einem Zimmermann, der ihn aufnahm und bewirtete, 37 Jahre lang.


    Heute steht vielleicht auch die Trennung von einem Schwaben an. So schließt sich ein kleiner Kreis. Das ist gelebte Erinnerung, wenn dieses Vergangne im gegenwärtigen heimisch wird.

    Aber ich wollte loben: Ich lobe Hölderlin für seine Sehnsucht, die sich in der Sprache und im Wesen, in seinem gelebten Leben, der mir beinahe ein Entwurf scheint; ich lobe ihn für seine Hartnäckigkeit und seine Rastlosigkeit, ich lobe ihn für seine verhimmelte Lebensächtheit des Numinosen, das ich ihm abnehme, Schillern dagegen nicht; ich lobe ihn für die Zartheit seiner Darstellungen, die Menschen nicht modeln will, sondern bloß Wege aus der Beengtheit ihres Daseins anzeigt.

    Ich glaube, etwas Positiveres ist zu einem Dichter nicht zu sagen, ach ja, doch noch eins: Ich danke ihm dafür, daß er mir mein Herz jedes Mal weit aufstößt, wenn ich in seiner Sprache bleibe.
    Aber die Zeit heute ist nicht dafür. Und so muß ich Heutiger immer wieder aufs neue zu ihm zurück.

  6. #6
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    Post Kaleko

    Oh doch, Mascha Kaleko möchte ich hier mal loben. Ich mag das Zusammenspiel von Melancholie und Humor, das diese Frau so einzigartig machte. Sie klammerte kaum ein Thema aus und spannte den Bogen von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt.








    Memento


    Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
    nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
    Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?


    Allein im Nebel tast ich todentlang
    und lass mich willig in das Dunkel treiben.
    Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.


    Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr -
    und die es trugen, mögen mir vergeben.
    Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur;
    doch mit dem Tod der anderen muss man leben.


    Mascha Kaleko

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Poesiewürdigungsstuhl

    Agnes Miegel: Unter hellem Himmel (1936)

    Die unlängst von linksfaschistischen Gutmenschen diffamierte ostpreußische Dichterin Agnes Miegel veröffentlichte 1936 57jährig einen autobiographischen Text, 71 Seiten stark, in eilf jeweils abgeschlossene Kapitelchen unterteilt. Das Buch ist keineswegs herausragend, aber es enthält Herausragendes. Miegel kann psychologisieren, ist eine aufmerksame Beobachterin ihrer Umwelt und versteht es, hinter der Oberfläche Wesentliches zu entdecken, das sie im kühnen Schwung dem geneigten Leser anheimstellt. Ihre Fähigkeit, Belangloses in sanft fließenden Satzgefügen zu verdichten, beeindruckte mich. Eine Vielzahl heute untergegangener Wörter belegt den Wortwald, in dem sich die Autorin zeitlebens bewegte, eröffnet dem Leser eine wundersam idyllische Welt, in der das Böse nur als Schemen west, diese Welt aber nicht unterlegt, sondern den Leser bei aller Wahrnehmung stets als sicheren Sieger aus dem Kampf treten läßt, denn: es sind nur Schemen, die längst besiegt worden sind. Eine kurze Auswahl: dinarisch (für Süddeutsche), Lusche und Usche (Kosenamen für Tantchen und sich selbst), Schwadengrütze, Gierschblättchen, Grassoden, Landslüd (Landsmann), Akazienflinsen (Puffer aus Akazienblättern), Palwe, Quitschen (ostpreußisch für Vogelbeere), Maßliebchen (ostpreußisch für Gänseblümchen), Skabiosen, Katzenpfötchen... Rettung. Aber Miegel ist nicht nur eine Bewahrerin des Wortes, sondern weiß in antithetischer Verschränkung dem Bösen auch die Kraft zur Erzeugung des Guten beizufügen. Die in der Familie genetisch bedingte Neigung zum Blindwerden führte zur Schärfung der auditiven Sinne, zur Stärkung des Gedächtnisses und damit auch zur Stärkung des Bedürfnisses, festzuhhalten: Sprache, Pflanzennamen, Gebräuche, Erinnerungsarbeit. Das ist das Δ und Ω, das ist ihre ostpreußisch-protestantische Lebensgewißheit, die nur Gott Rechenschaft übers eigene Tun geben muß und sich dieses Recht vor aller Welt auch stets zu erstreiten weiß. Agnes "erwarb die weiße Rosenkrone, die Palme des Blutzeugentums", sie wird auch noch im Himmel Gedichte machen: das ist ihr Schicksal bis ins Schwabenalter. Der höchste Tag: der Pfingsttag, wenn sie im weißen Kleid mit festgezogenem Haar die Weite des Landes ausschreiten durfte. Miegel blieb die ewige Jungfrau, die ihren Vater selbstlos pflegte, eine Karriere als Dichterin machte und Hitler erst ins Herz schloß, nachdem er 1939 ihr geliebtes Ostpreußen wieder mit dem Reich verbunden hatte. 1940 wurde sie Mitglied der NSDAP. 1940! Und genau das machen ihr heute dümmliche Korrekte zum Vorwurf und verwerfen alles von ihr Geschriebene als Nazischranzenpropaganda. Nun, im vorliegenden autobiographischen Buch von 1936 gibt es keine Politik, keinen Hitler, kein Nazitum, keinen Rassendünkel, keine Blut- und Bodenromantik der schwarzen Art, aber es gibt doch so etwas wie ein politisches Bekenntnis. Miegel fragt sich voller Ehrfurcht im Angesicht des Brandenburger Tores: "wie man das eigene kleine Ich in der stummen Selbstzucht pflichterfüllten Alltags solchen Ruhms, solch strenger Größe wert erweisen könnte?" Sie kommt zu der Überzeugung, zum Beruf des Dichters: "anderen mitteilen, damit sie es sehen und lieben können, wie der Dichter es sieht". Ja, man muß lieben können, um Dichter zu verstehen. Wer aber die Welt dogmatisch einteilt, der vergibt sich so viel, vor allem die Liebe.
    Bleiben wir noch einen Augenblick bei Miegels dichterischem Credo: Jeder gute Dichter besitzt eine grundätzliche Wahrheit, auf der all sein Schaffen ruht, sozusagen die Quintessenz seiner Weltwahrnehmung, eine Schablone, die es ermöglicht, alles Niedergeschriebene als Ausfluß dieser einen Grundwahrheit zu deuten, einen Verständnisschlüssel. Miegels Schlüsselwörter lauten "verbotener Garten". Das kenne ich. Die verbotene Frucht im verbotenen Raum. Eltern verbieten Kindern Umgang, Lebensräume, Zugang, Lebensbereiche. Agnes Miegel sollte nicht mit der Hexe spielen, die da in einem Haus im Walde wohnte, einer Zugezogenen aus dem Rheingebiet. Erika. Die Fremde, die Andere, die Geheimnisvolle, die einen Bruder früh verloren hatte, weil der im Rhein ertrunken war. Aber Kinder hören nicht. Erika war für die ewige Jungfrau Miegel auch eine sexuelle Verheißung, also spielten die unschuldigen Kinder die Spiele ihrer Ahnen, heimlich im Wald, dem Unendlichen. Und wenn dann die Natur im schönsten Wechsel der Töne ihr Lied dazu singt, übertritt das junge Menschlein die Grenzen des Selbst, weitet Herz, Augen, Sinne, Gefühlswelt. Grenzenlos schön beschrieben in der Geschichte "Die Anderen" (siehe Textauszug unten), später dann noch einmal reifer verschränkt in "Mein Rhein". Das Credo lautet demnach: "Komm, Kind, wir fahren herüber in unseren Garten!"
    Beim Lesen dieses Buches wuchs in mir der Schmerz ins Unermeßliche und entlud sich Trauer, was wir verloren haben. Wie bei einer Bach-Passionata.


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