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Thema: Mein ganz persönlicher Blasphemieordner

  1. #1
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    Mein ganz persönlicher Blasphemieordner

    Als Atheist ist Blasphemie für mich natürlich verlorene Liebesmüh. Wenn ich auch sicher bin, dass kein göttliches Wesen in persona oder in natura existiert, so gibt es doch diese Idee davon. Und um die geht es mir hier. Und zwar um die Idee eines einzigen Gottes, den Monotheismus. Die alten Götter aus grauer Vorzeit lasse ich mal beiseite. Die sind abgehakt. Zu offensichtlich ist die Primitivität und Unreflektiertheit dieser Vorstellung.

    Es geht mir hier also um den einen Schöpfergott, also die Idee davon. Hauptsächlich repräsentiert durch jüdische, christliche und muslimische Religionen.

    Keine Idee hat mehr Unheil, Leid, Gewalt uind Zerstörung bewirkt, wie die eines einzigen Schöpfergottes. Keine Idee hat den Menschen zu mehr Größenwahn, Selbstüberschätzung und Vermessenheit verleitet, wie der Monotheismus. Weil in ihm die Ebenbildlichkeit, ja Gottgleichheit des Menschen intrinsisch mitgedacht werden muß. Und da dieser eine Gott als allmächtiger, allwissender und allgütiger ja über jeder Moral und jedem Gesetz - auch dem Naturgesetz - steht, kann sich der Mensch, von Gott quasi legitimiert, ebenfalls über alles hinwegsetzen - Moral, Gesetz, selbst Naturgesetz - wenn er nur eine Legitimation, einen göttlichen Auftrag dafür erfindet. Die Folgen solchen Wahnsinns können wir täglich mitverfolgen und auch erleben.

    Darum solls hier gehen. Wenn mir hin und wieder dazu was einfällt.

  2. #2
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    AW: Mein ganz persönlicher Blasphemieordner

    Apropos Gottes Ebenbild


    Im alten Testament heisst es, Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Das wirft zwei Fragen auf. Ist Gott, der Schöpfer dieses monströsen Universums, der Allmächtige, Allwissende, Allgütige – in Abkürzung verwende ich dafür ab jetzt AAA – wirklich nicht fähig gewesen, ein besseres, vernüftigeres, stärkeres Abbild von sich zu schaffen, als diese schwache, dumme, opportunistische Kreatur Mensch? Das spräche gegen Gottes Triple-A Bewertung. Und machte ihn für mich endgültig zum Feindbild und Popanz.



    Oder ist es vielmehr so, dass der eitle, selbstverliebte und sich selbst überschätzende Mensch in seinem Wahn sich nur einbildet, Gott habe ihn nach seinem – Gottes – Bild erschaffen? Und sich damit selbst ein bisschen zu Gott macht.


    Für mich ist die Antwort klar. Mensch hat sich Götter und letztlich den einen Gott nach seiner beschränkten menschlichen Vorstellung ausgedacht und gedanklich in den Himmel gesetzt. Die Götter- und Gottesvorstellungen spiegeln ja 1:1 das Welt- und Menschenbild der jeweiligen Völker und Kulturen wider. Jede Epoche und jede Kultur hat ihre Transzendenz, ihre Jenseitsvorstellung und ihre Gottesbilder, ganz nach ihrem Wissensstand und Weltverständnis.


    Wäre es tatsächlich der AAA-Gott gewesen, der dieses gigantomanische Universum samt unserer winzigen Erde und dem darauf wütenden, wahnsinnigen Menschen geschaffen hätte und dieser tatsächlich die 'Krone' der Schöpfung, dann müsste man diesen Gott als Schwerstverbrecher zum Tode verurteilen. Ich würde mich freiwillig als Henker zur Verfügung stellen. Denn was Meinesgleichen im Lauf ihrer kurzen Geschichte an Leid, Tod und Verwüstung, Gewalt, Folter, Haß und Zerstörung über diesen idyllischen Planeten gebracht haben, geht auf keine Gott-Haut!


    Von wegen beste aller Welten! Welche Blindheit und Vermessenheit muß einen doch so klaren und verständigen Geist wie Leibniz geschlagen haben, dass er sich dazu verstieg, diese Welt und damit auch den Menschen als optimal einzustufen? Das Universum an sich ist grauenerregend, wenn du dir anschaust, was da so abgeht. Die kleine Erde hingegen wäre noch halbwegs heil, wenn der Mensch nicht auf den Plan gekommen wäre. Würde die eingangs zitierte Bibelstelle zutreffen, dann wäre das Böse erst duch Gott und seine 'Krone' der Schöpfung in die Welt gekommen.


    Du kannst es drehen und wenden wie du willst, die Ebenbildlichkeit Gottes und des Menschen führt zu nichts als Widersprüchen oder eben der Erkenntnis, dass Gott nicht Gott sein kann, sondern nur eine Ausgeburt unseres Gehirns.

  3. #3
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    AW: Mein ganz persönlicher Blasphemieordner

    Apropos Rationalität der Welt


    Die Naturwissenschaft geht davon aus, dass die Welt rational verstanden werden kann, dass ihr rationale Gesetze zugrunde liegen. Die Mathematik, die Formelsprache der Physik, basiert auf Logik und Ratio. Nun ist aber gerade die hippe und überall in der Physik und Kosmologie präsente Quantenphysik im Grunde irrational und unverständlich. Selbst hervorragende Physiker gestehen, dass sie die Quantenphysik nicht verstehen können, nur mathematisch beschreiben und experimentell erforschen können. Q-Physik ist hip, allerhand obskure Pseudowissenschafter und Populärquantenphysiker verquicken sie mit Esoterik, Mystizismus und allerhand medizinischem Bullshit zu einer ungenießbaren Melange aus Scharlatanerie und Geldschneiderei.


    Aber langsam. Bleiben wir grundsätzlich. Wer oder was sagt mir, dass die Welt rational sei, verständlich sein müsse, logisch, kausal, empirisch vermessbar nach meinen Maßstäben? Nichts als mein Gefühl. Und das ist wenig verlässlich.


    Es gibt genau genommen nicht eine einzige belastbare Tatsache/Erkenntnis, die mir eindeutig und unzweifelhaft versichern würde, dass die Mechanik des Kosmos, sein Bauplan und seine Konstruktion, rational seien. Ich kenne keine. Wer es besser weiß, bitte melden.


    Zurück zur Physik. Quantenphysik ist für mich nichts anderes als religiöser Obskurantismus im naturwissenschaftlichen Kleidchen. Verschränkung, Nichtlokalität, Quantenradierer und andere Zumutungen sind für mich genauso abwegig wie Theismus, intelligent design oder alle Spielarten von Schöpfungsmythen.


    Damit kein Missverständnis aufkommt. Ich maße mir nicht an, die Welt zu verstehen, besser zu verstehen als Q-Physiker oder Gläubige, aber ich nehme mir die Freiheit, eine Welt, besser: ein Weltbild, abzulehnen, das mir Zumutugen wie die oben genannten aus der Q-Physik oder der Mythologie beschert.


    Es ist für mich eine Frage der Haltung. So wie ich einen oder mehrere Götter ablehne, so lehne ich Naturgesetze ab, die mir, wie die Q-Physik, ein irrationales, logisch nicht erfassbares Weltbild andienen. Nicht mit mir.


    Weder Gott, Götter, noch Physiker oder Naturgesetze werden mich umstimmen. Fahrt zur Hölle!

  4. #4
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    AW: Mein ganz persönlicher Blasphemieordner

    Ein belesener, in der Sache sattelfester und dazu litrarisch amüsanter Autor müsste mal den ganzen monotheistisch-konfessionellen Komplex - also sagen wir mal von Judentum bis zu den heutigen Freikirchen samt Sekten - und ihrem Patrone und spiritus rector - ja IHN und seine Lehren und sein (angebliches) Wirken und Eingreifen in die Geschichte - nach den Kriterien des heutigen Strafrechts vermessen und beurteilen. Ich fürchte, ich weiß schon was dabei rauskommen könnte.

    ER als Gründer vieler global organisierter, krimineller Vereinigungen, als Drahtzieher einiger mächtiger, verbrecherischer Organisationen von den heiligen, römisch-christlichen Kaiserreichen bis hin zum Vatikan, ER müsste sich dann vor Gericht verantworten wegen Delikten wie Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Verhetzung, Menschenopfer, politische und religiöse Verfolgung, Inquisition, Sklaverei, Kindesmissbrauch etc. etc.

    Ja, werden jetzt einige Klugscheisser einwenden, das war ja nicht ER, das waren ja seine verblendeten Geschäftsführer, das irdische Management bis hin zu den blindwütigen Sachbearbeitern.

    Ja, sage ich dann, wer, wenn nicht ER muß doch für Ordnung in seinen Läden und vielen Konzernen sorgen! Wo ER allein doch das volle Durchgriffsrecht hat, gesegnet mit Allmacht und Allwissenheit. Ne, so leicht kommt ER aus dieser Nummer nicht raus.

    Aber wer soll so ein Werk verfassen? Wer hat die historische und jutistische Potenz dazu? Das wär doch ein Megaseller! Statt sich mit Kinkerlitzchen wie Sterbehilfe abzumühen, sollte Herr von Schirach mal Gott vor Gericht stellen! Titel: DER Prozeß!

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Mein ganz persönlicher Blasphemieordner

    In den USA ist mal ein Prozess gegen Gott gescheitert, weil man diesem keine Anklageschrift zustellen konnte.

    https://www.sueddeutsche.de/panorama...-gott-1.541549
    Wer keine Adresse hat, dem kann man auch die Anklageschrift nicht zusenden - mit dieser Begründung hat ein US-Richter die Klage von Ernie Chambers gegen Gott abgeleht.

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Mein ganz persönlicher Blasphemieordner

    Gute Idee, Till! Ich würde mich freuen, wenn Du den Anfang machtest. Man könnte das so aufziehn wie einen Prozeß mit Rede und Gegenrede, also linke Seite "Anklage", rechte Seite eines Buches "Verteidigung".
    Man könnte das auch umkehren, daß Gott die Anklage wider die Menschheit führt, so ganz im Sinne von: "Da habe ich euch nun die Willensfreiheit gegeben - und das macht ihr daraus!"

  7. #7
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    AW: Mein ganz persönlicher Blasphemieordner

    Ich fürchte, das übersteigt meine fachlichen und litrarischen Kompetenzen. Aber amüsant wär es schon. Man müsste es zuspitzen, auf eine Kernfrage. Ich überleg mal. Der Prozeß ist angestoßen, mein müdes und weiches Gehirn sehnt sich eh nach einer Herausforderung. Auch wenn es eine Sysiphosarbeit ist.

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder Avatar von WirbelFCM
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    AW: Mein ganz persönlicher Blasphemieordner

    Verfasse doch zuerst mal eine handfeste Anklage, auf Grund derer man überhaupt debattieren könnte. Was GENAU wirfst du ihm vor?

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Mein ganz persönlicher Blasphemieordner

    Als Vertreter der Anklage und als Verteidiger könnte man historische Figuren wählen. Leibniz, Luther, Augustinus zoffen sich mit Voltaire, Holbach, Schopenhauer.
    Ein kleiner Überblick über die vorzubringenden Argumente:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Theodizee

  10. #10
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    AW: Mein ganz persönlicher Blasphemieordner

    Danke für die Anregungen und links.

    Was ich ihm vorwerfe? Ganz einfach, ein allmächtiger, allwissender Gott ist letztlich verantwortlich für alle Verbrechen, die in seinem Namen von seinen Geschöpfen geschehen, während er zuschaut ohne diese Verbrechen zu verhindern. Mal ganz unjuristisch gesagt.

    Natürlich glaube ich nicht an diesen persönlichen, allwissenden, alllmächtigen Opa über den Wolken. Doch seine iridischen Stellvertreter, Manager, Angestellten und Arbeiter tun genau das. Und ich nehme sie einfach mal beim Wort.

    Es ist die Frage der Theodizee. Leibniz hat in hanebüchener Weise eine Art Münchhauseniade gemacht, indem er sich am eigenen Schopf aus dem Wasser zog. Ein Zirkelschluß par excellence: weil ER allmächtig und allgütig ist, konnte er nur die beste aller Welten schaffen. Frage mich nur, warum diese Welt dann so ist, wie sie ist und ob es nicht besser gewesen wäre, das Unternehmen zu unterlassen.

    Wie gesagt, alles unter den Vorgaben des heutigen Strafrechts. Wenn man himmlische Maßstäbe anlegt, kann man alles gutheißen. Dann ist alles menschliche und tierische Leid relativ und einem höheren Zweck untergeordnet. Dann ist wirklich alles gut. Doch ich leg einfach mal menschliche Maßstäbe an.

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Mein ganz persönlicher Blasphemieordner

    Wenn man die Bibel als Anklageschrift zulässt, dann kann man ihm auch die Anzettelung von Angriffskriegen mit anschlie0enden Greueltaten zum Vorwurf machen.
    https://www.schlachterbibel.de/de/bibel/4_mose/31/
    1 Und der Herr redete zu Mose und sprach: 2 Nimm für die Kinder Israels Rache an den Midianitern; danach sollst du zu deinem Volk versammelt werden!
    Moses müsste auch auf die Anklagebank:
    15 Und Mose sprach zu ihnen: Habt ihr alle Frauen am Leben gelassen? 16 Siehe, sie haben ja in der Sache des Peor durch den Rat Bileams die Kinder Israels vom Herrn abgewandt, so daß der Gemeinde des Herrn die Plage widerfuhr! 17 So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und tötet alle Frauen, die einen Mann im Beischlaf erkannt haben; 18 aber alle Kinder weiblichen Geschlechts, die keinen Mann im Beischlaf erkannt haben, die laßt für euch leben.

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Mein ganz persönlicher Blasphemieordner

    Gegen Gott kann nur prozessiert werden, wenn der noch lebt. Nietzsche hat bereits seinen Tod festgestellt und nun auch noch Sloterdijk.
    https://www.nzz.ch/feuilleton/sloter...ion-ld.1592210

  13. #13
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    AW: Mein ganz persönlicher Blasphemieordner

    Es gibt einige Sätze, die sich so tief ins kollektive Bewusstsein der Menschheit graviert und eingeschrieben haben, dass ich sie als Leitmotive für das Handeln und Grundmuster unseres Denkens und Wollens ansehe. Der wirkmächtigste ist für mich eindeutig das biblische Gebot: 'Macht euch die Erde untertan.' Kein anderes Motto hat sich so sehr in unser Hirn eingebrannt, wie dieses. Angeblich ein Gebot des Herrn, des Schöpfergottes der Israeliten. Für mich, der nicht an die Existenz dieses Gottes glaubt, ist es eine evolutionär bedingte Lebens- und Überlebensmaxime der jungen Menschheit, die sich gerade anschickte, die Welt mittels ihrer praktischen Intelligenz zu erobern und sich nutzbar zu machen. Andere Motti vergleichbarer Wirkmacht gibt es einige, mir fallen dazu ad hoc folgende ein:


    Gemeinsam sind wir stärker.
    Traue keinem Fremden.
    Teile und herrsche.
    ...


    Kein anderer Satz der Menschheitsgeschichte hat sich jedoch so fatal ausgewirkt, wie der aus dem Buch Mose 1,28. Dieser Wunsch, sich die Welt nutzbar zu machen, war damals unerlässlich für den Fortschritt und die Entwicklung des homo erectus, faber, sapiens, usw. Mit zunehmender Effektivität unserer Werkzeuge und Mittel zum Zweck begann dieses Erfolgsrezept allerdings auch seine Schattenseiten zu zeigen. Schon in der Antike holzten die Völker Wälder ab, um Schiffe und Häuser zu bauen und Fleisch und Brot zu backen. Schon damals desertifizierten ganze Regionen, weil der Mensch rücksichtslos Wälder rodete und Wasser für seine eigenen Zwecke dem Boden entzog. Allerdings auf bloß regionalem Level.


    Heute stehen wir an einem Wendepunkt, ich glaube, wir haben ihn bereits längst überschritten. Das Weltklima steht entweder auf der Kippe oder ist bereits gekippt. Durch die - nach menschlichen Maßstäben - langsame Veränderung des Klimas, haben wir noch gar nicht begriffen, wohin die Reise geht.


    Verflucht sei der Gott, der seiner Krone der Schöpfung diesen Auftrag gab. Aber, gemach, dieser Gott ist eine Projektion unserer Gedanken, Wünsche und Ängste. Wir selbst sind es, die sich gerade abschießen.


    Na dann, Waidmanns Heil!

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