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Thema: Sinngebung des Sinnlosen

  1. #1
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    Post Sinngebung des Sinnlosen

    SiNNGEBUNG DES SiNNLOSEN

    Bühnenstück in drei Akten
    Nach Biographie und Werk von Theodor Lessing (1872-1933)

    Personen

    Zischka
    Eckert
    Theodor Lessing
    Klio

    1. Akt

    (Bühne im Dunkeln. Links beleuchtet eine Öllampe einen Ausschnitt: Die Wand; eine Türe, zwei Stühle, der Tisch, auf dem die Lampe steht und ausserdem ein Krug mit Wasser, Gläser, ein Salzfass, eine Schüssel mit Kartoffeln. Ein Mann hockt da und dreht Däumchen.
    An der Rückwand, vor einem riesigen Spiegel, befindet sich, vielleicht erkennbar im Halbdunkel, auf einem Sockel eine Statue: die Muse Klio.
    Man hört, wie jemand in die Tasten einer Schreibmaschine hämmert. Sonst Stille. Dann klopft es an die Tür.)

    ZISCHKA: Komm rein.
    (Eckert tritt ein.)
    ZISCHKA: Setz dich.
    (Eckert setzt sich.)
    ZISCHKA: Hast Hunger? Greif zu.
    ECKERT: Kartoffeln...
    ZISCHKA: Ja, Kartoffeln. Iss. Nicht, dass dann die ganze Sache noch bachab geht, weil im falschen Moment dein Magen plötzlich knurrt. Iss, Eckert.
    (Eckert isst.)
    ZISCHKA: Wasser?
    (Eckert nickt und isst gierig weiter. Zischka schenkt ihm ein.)
    ZISCHKA: Ja, hau tüchtig rein. Is ja noch viel zu tun nachher.

    (Langsam breitet sich Licht auf der Bühne aus.
    Arbeitszimmer. Auf der rechten Seite, zwischen den beiden geschlossenen Fenstern, ein Schemel. Darauf ein Grammophon. In der Ecke ein alter Sekretür. Über diesem, an der Wand, hängen Bilder: Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche. Zwischen den Blumentöpfen auf dem Sekretär zwei Photographien: Eine Mutter mit Säugling, ein Porträt, das einen grimmig dreinblickenden Mann zeigt. Auf der linken Seite befindet sich auf einem Sockel eine lebensgrosse Statue: die Muse Klio. Ausserdem, unverändert, der Tisch, an dem Zischka und Eckert sitzen, der eine essend und trinkend, der andere schweigend. In der Mitte des Raums befindet sich ein Tischchen, darauf eine Schreibmaschine. Ein philosophenbärtiger Jemand tippt. Dann hört das Tippen auf, der Jemand reisst das Papier aus der Schreibmaschine. Er steht auf, das Blatt in der Hand, und geht, während er schweigend liest, auf und ab, kopfschüttelnd. Schliesslich zerknüllt er das Papier.)

    Ach was, ach papperlapapp! Ich hab's gewusst, hab's immer gewusst, ganz genau hab ich's gewusst. Wer ein Dichter, ein Denker, ein Künstler ist, der kann sich gar nicht früh genug auf seine letzten Worte vorbereiten.

    (Wirft das Papier in den Kübel.)

    Ja, gewiss, hab's gewusst! Die vermaledeiten letzten Worte!

    (Geht zum Esstisch, schenkt sich Wasser ins Glas. Wendet sich mit dem Glas in der Hand dem Publikum zu.)

    Übrigens, Lessing mein Name, Theodor Lessing. Psychologe am Geist, Skeptiker an der Kultur. Aber davon später, vielleicht. Denn ich bin in Not. In grosser Not.

    (Geht zurück zum Schreibtischchen, setzt sich, trinkt.)

    Ich bin spät dran.

    (Wirft einen raschen Blick zu den Fenstern, blickt dann wieder ins Publikum.)

    Sehen Sie, man wird mich ermorden. Heute noch. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Und die letzten Worte sind nun mal die wichtigsten! Oft genug bleibt im Munde der Nachwelt nichts anderes übrig von einem grossen Menschen, nichts – als ein einziges letztes Wort.

    (Nimmt einen weiteren Schluck.)

    Und oft genug wird's dann auch noch missverstanden! Nehmen wir Goethe. Sein letztes Wort soll gewesen sein: "Mehr Licht!" Was hat man dann doch alles aus diesem angeblich letztem Wort herausgefiltert. Das war im Jahre 1832. In demselben Jahr wurden die schwedischen Zündhölzer erfunden. Und das ist noch nicht alles. Ausserdem wurde auf den Strassen das Petroleumlicht durch das Gaslicht ersetzt, wurden die ersten Lichtbilder angefertigt und die ersten elektrischen Maschinen gebaut... Man mag jetzt behaupten, das alles sei die Erfüllung von Goethes letztem Wunsch gewesen, die Vision des scheidenden Sehers. Und das wird ja auch behauptet. Aber nein, ich muss Sie enttäuschen, denn zweifellos steht fest: Der kranke Goethe wollte mit seinem "Mehr Licht!" lediglich dem Diener sagen, dieser solle die Fenstervorhänge aufmachen. Sie sehen also, es ist eine rechte Dummheit...

    (Macht hektisch abwehrende Handbewegungen, weil ihm surrt eine Fliege um den Kopf.)

    Ah, Fliegen! Ich mag Fliegen nicht!

    (überlegt.)

    Wo war ich? Ah ja. Es ist eine rechte Dummheit, sag ich, ein ganzes Menschenleben erkennen und beurteilen zu wollen gerade aus dem Zufall des letzten Augenblicks. Da, sehen sie.

    (Zeigt auf die Statue.)

    Sie tut das. Klio, die Muse der Geschichte. Eine lächerliche Muse. Denn es ist und bleibt eine Dummheit sondergleichen, ausgerechnet auf den letzten Augenblick eines Lebens zu achten.

    (Spricht weiter mit erhobenem Zeigefinger.)

    Und besonders tragisch wird es, wenn durch Zufall der letzte Augenblick auch noch im Gegensatz steht zu allem, was der abgeschiedene grosse Mensch eigentlich gewollt hat. Ich kann Ihnen solche Beispiele nennen, Beispiele etwa aus der Geschichte der Philosophie. Denken Sie nur an den Tod des Tycho de Brahe. Der starb an einer Urämie. Wissen Sie, was das heisst, Urämie? Das heisst, Tycho de Brahe starb am Eintritt des Harnstoffes ins Blut. Und wissen Sie, wie es zu diesem Eintritt des Harnstoffes ins Blut kam? Durch einen Blasenriss. Stellen Sie sich vor. Der grosse Denker sass an königlicher Tafel und genierte sich, während des Essens aufzustehen und hinauszugehen. Sagen Sie selbst, gibt es eine lächerlichere Vollendung? Der Geist, der Sternenwelten lenkt, stirbt daran, dass er sich vor Hofschranzen geniert, das Essen zu unterbrechen... Absurd, nicht wahr? Noch ein Beispiel. Der Tod des Lammetrie. Dessen Ende ist nämlich ganz ebenso dumm, erlitt er doch an der königlichen Tafel einen Schlagfluss, weil ihm, als er über einen Scherz lachen musste, eine mit Fisch gefüllte Pastete im Hals stecken blieb. Diese im Hals stecken gebliebene Pastete wurde dann zum Symbol. Und der Verstorbene lebt nun weiter in der Geschichte - als ein Fresser und Säufer. Und ist dabei wahrscheinlich der nüchternste und bescheidenste Wassertrinker gewesen!

    (Trinkt.)

    Sie sehen also, man kann nicht vorsichtig genug sein bei der Wahl des passenden Todes... Der alte Professor Plötz füllt mir jetzt spontan ein, Verfasser einer französischen Grammatik. Nicht jedem ist ein so stilgemässer Tod beschieden. Der Alte nahm nämlich Abschied mit dem Worte: "Je meurs, man kann auch sagen: Je me meurs!" Herrlich, das, nicht wahr. Und ganz und gar unproblematisch, ein solches Sterben... Noch ein Beispiel, ein letztes. Auch dieses Beispiel hat mir immer als Schreckgespenst vorgeschwebt. Der Tod des grossen Descartes nämlich...

    (Hält inne.)

    Aber was red ich da eigentlich! Descartes!

    (Winkt ab.)

    Ich schweife ab. Sehen Sie, worauf ich hinauswill ist einfach die Feststellung, dass es sehr empfehlenswert sein kann, sich rechtzeitig mit ein paar passenden Worten für die letzten Augenblicke zu versehen. Einfach damit im Nachhinein keine Geschichtsirrtümer entstehen. Das leuchtet ein, denke ich.

    (Spannt neues Papier ein.)

    Es ist und bleibt eine Dummheit sondergleichen, gerade auf den letzten Augenblick zu achten.

    (Wendet sich der Statue zu.)

    Hörst du, Muse. Eine Dummheit sondergleichen!

    (Fährt etwas leiser fort.)

    Aber eben, mit dieser Dummheit der Welt muss unsereiner nun mal rechnen. Und auch mit der Dummheit der Nachwelt, weil Nachwelt ist immer wiederholte Mitwelt. Leider.

    (Grübelt, beginnt dann zu tippen... Macht plötzlich fliegenverscheuchende Bewegungen.)

    Ah! Laute, wichtigtuerische Geschöpfe! Fliegen! Ich mag sie überhaupt nicht.

    (Sammelt sich, tippt weiter.)

    ZISCHKA: Hast auch alles vorbereitet?
    (Eckert nickt.)
    ZISCHKA: Die Leiter?
    (Eckert nickt.)
    ECKERT: Sieben Meter lang.
    ZISCHKA: Gestohlen, nehm ich an.
    ECKERT: Aus dem Feuerwehrhaus.
    ZISCHKA: Die Haken abgeschlagen?
    ECKERT: Die Haken abgeschlagen. Wie du gesagt hast. Und die Enden mit Lappen umwickelt. Der hört gar nichts, wenn wir die an die Wand stellen, mach dir da mal keine Sorgen, Zischka.
    (Eckert isst. Zischka sieht ihm schweigend zu.)
    ZISCHKA: Die Pistolen?
    (Eckert nickt und redet mit vollem Mund.)
    ECKERT: Kaliber 7 mm für mich.
    (Eckert zieht eine Pistole hervor und legt sie vor Zischka auf die Tischplatte.)
    ECKERT: Kaliber 6,35 mm für dich.
    (Zischka ohrfeigt Eckert.)
    ECKERT: He, was!?
    ZISCHKA: Eine Fliege. Hab sie nicht erwischt.
    (Eckert massiert sich die Wange.)
    ECKERT: Mach das nicht nochmal, du!
    (Zischka steckt die Pistole ein.)
    ZISCHKA: Also hör zu. Wenn wir den Volksschädling beiseite schaffen, wird für uns gesorgt. SA-Kluft und neue Identitäten für uns beide. Haben sie mir so gesagt.
    ECKERT: Neue was?
    ZISCHKA: Neue Namen. Neue Pässe. Verstehst? Hauptsache, haben sie gesagt, wir lassen uns nich erwischen.
    ECKERT: Lassen wir uns nich.
    ZISCHKA: Wenn alles klappt, dann haben wir viel geleistet für das deutsche Volk, Eckert.
    ECKERT: Für das deutsche Volk? Meinetwegen. Vor allem aber für 80'000 Reichsmark.
    ZISCHKA: Ja, 80'000 Reichsmark. Stell dir vor!
    ECKERT: Kann ich nich. 80'000 Reichsmark. Gott nee, kann ich mir nich vorstellen.
    ZISCHKA: Wenn die Sache klappt, brauchsts dir auch nicht mehr vorzustellen.
    ECKERT: Und is ja nur e Jud...
    ZISCHKA: Ja, is nich weiter schlimm, is nur e Jud.

    (Der Philosophenbärtige reisst das Papier aus der Schreibmaschine, steht auf, geht schweigend und kopfschüttelnd auf und ab, während er liest. Zerreisst schliesslich das Papier und wirft es in den Kübel.)

    Ach was. Alles Quatsch!

    (Geht zum Esstisch, schenkt sich ein.)

    Sehen Sie, dabei kenne ich das. Schon als ich vierzig war, begann ich Erinnerungen zu schreiben. Ich habe das Geschriebene dann wieder vernichtet. Zehn Jahre später versuchte ich noch einmal, mein Leben aufzuzeichnen. Es wurden nahezu tausend Blätter. Ich habe sie vernichtet.

    (Trinkt, stellt sich dann vor den Spiegel.)

    Wie eine chambre particuliare komm ich mir vor, zuweilen. Darin sitzt mein Doppel-Ich. Der eine ist Dichter, der andere Kritiker. Und mein kritisches Ich macht zu allem, was mein Dichter-Ich träumt, seine Sprüche. Und vermiest mir die ganze Dichterei. Mein Dichter-Ich hält sich selber für mein besseres Ich. Und befindet meine kritische Hälfte für satanisch. Jeder verhindert so die Leistung des anderen. Sie raufen die ganze Zeit in mir. Beide haben blaue Flecken, tragen Prothesen.

    (Geht zurück zum Schreibtischchen, resigniert. Setzt sich an die Schreibmaschine, fasst sich.)

    Jetzt bin ich also sechzig Jahre alt...

    (Schluckt leer.)

    Wie doch die Zeit vergeht.

    (Spannt neues Papier ein.)

    Jedenfalls, noch einmal will ich den Versuch wagen. 30. August 1933, Theodor Lessing, "Meine Philosophie der Not"... So oder so, ich schreibe zum letzten Mal. Und zum Verrücktwerden ist's! Sehen Sie, ich will wahr sein! Aber kann ich das denn? Kann man überhaupt wahr sein? Stellen Sie sich vor, ein Mensch schreibt Erinnerungen. Sehen Sie, es geht nicht. Man kann nicht wahr sein dabei. Denn jede in Worte aufgefangene Geschichte verhält sich zum wirklich Erlebten nicht anders wie... wie... wie sich zum Beispiel das Verzeichnis von Dampfschifflinien verhält zur wirklichen See. Ist einfach nicht möglich, das Leben darzustellen. Nur eine Deutung ist möglich. Eine nachträgliche Zurechtlegung. Sinngebung im Nachhinein. Ich sag's Ihnen, alle Geschichtsschreibung ist nichts anderes. Nichts als Sinngebung im Nachhinein. Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen!

    (überlegt, seufzt dann.)

    Ach, wenn man sieht, wie die entsetzlichen, irrsinnigen Gegebenheiten des Lebens von hintennach zu Geschichte umgebogen werden und sich dann schliesslich in der Geschichtsüberlieferung so einfach lesen. Wie ein bunter spannender Roman liest sich da, was doch so schmerzlich zu erleben war... Man könnte fast auf den Gedanken kommen, dass der Mensch mit der Geschichte nicht die Wiedergabe seines Lebens bezwecke, sondern...

    (überlegt.)

    Das Umgekehrte. Ja. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass der Mensch mit der Geschichte nicht etwas wiedergeben, sondern im Gegenteil seine Erlösung bezwecke von allen den quälenden Begebnissen und Erlebnissen. Seit dem Weltkrieg ist mir das klar. Ich habe erlebt, was ein solcher Krieg bedeutet. Und ich habe gelesen, was dann darüber geschrieben wurde. Selbst ein solches Chaos an Höllenqual denkt man sich kausal verknüpft, hinterher. Wir vernünfteln so lange am Leben herum, bis es uns aus Weltvernunft geboren scheint. Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen!

    (Steht auf, wendet sich der Statue zu.)

    Sehen Sie sie an. Klio. Eine verlogene Muse, sag ich Ihnen. Denn nie tritt sie wunschlosen Auges an die Geschichte heran. Immer verformt sie Wirklichkeit, macht ein Kunst- und Traumwerk daraus. Worte, nichts als Worte!

    (Macht eine wegwerfende Geste. Geht wortlos auf und ab. Setzt sich dann wieder ans Schreibtischchen. Legt das Gesicht in die Hände. Stille... Da beginnt sich die Statue zu rühren und schwebt von ihrem Sockel, kommt zum Tischchen, schnippt mit den Fingern. Sodann hat sie eine Flamme in der Hand, mit der sie eine Kerze anzündet und diese neben die Schreibmaschine stellt. Er schaut auf und die brennende Kerze an. Klio gleitet unterdessen zum Grammophon. Musik beginnt: Schuberts "Unvollendete", 2. Satz, Andante con moto. Klio sinkt zu Boden, verharrt.)

    Oh sicher, ich weiss, vielleicht fällt nie ein fremdes Auge auf meine Aufzeichnungen. Und sollten sie doch gelesen werden, dann habe ich die Welt ohnehin hinter mir. Aber... Ich muss Ihnen jetzt unbedingt etwas vorlesen...

    (Steht auf.)

    Damit Sie verstehen.

    (Eilt zum Sekretär.)

    Einen Moment, ich hab's gleich...

    (Wühlt in den Schubladen des Sekretärs, findet schliesslich einen Zeitungsausschnitt.)

    Hier. Ausgeschnitten aus der Zeitung. Eine Rede, die der jetzige Propagandaminister der Nationalsozialisten, der Doktor Goebbels, in Leipzig gehalten hat. Ich lese jetzt einen Passus daraus vor. Also. "Der jüdische Geschichtsprofessor Lessing" - also ich - "der jüdische Geschichtsprofessor Lessing hat den Herrn Reichspräsidenten Hindenburg in ausländischen Blättern mit dem Massenmörder Haarmann verglichen, wofür ihn die nationale Studentenschaft züchtigte." Ist das nicht - schrecklich? Sehen Sie. Erstens, ich bin nicht Geschichtsprofessor. Zweitens habe ich nie in ausländischen Blättern etwas geschrieben, sondern bin seit Jahren Mitarbeiter des 'Prager Tagblatt', und das ist doch wohl eine waschechte deutsche Zeitung. Drittens, ich habe nie den Herrn Reichspräsidenten mit dem Massenmörder Haarmann verglichen, sondern lediglich Aufsätze über beide verfasst, zum einen Aufsätze des Haarmannprozesses, zum anderen einen Aufsatz über die Persönlichkeit Hindenburgs. Einen vollkommen unpolitischen, durchaus anständigen und ehrfürchtigen Aufsatz übrigens. Viertens bin ich nicht von irgendeiner nationalen Studentenschaft gezüchtigt worden, sondern ein Häuflein Jungen, noch grün hinter den Ohren, hat eben wegen dieses Aufsatzes über Hindenburg Radau gemacht an der technischen Hochschule, wo ich unterrichtete. Denn in der patriotischen Begeisterung, die nach der Wahl Hindenburgs losbrach, fanden diese Burschen, mein Aufsatz sei nicht deutsch, nicht vaterländisch. Und brüllten: "Steinigt ihn!" - also mich. Verstehen Sie mich jetzt?

    (Schweigt, betrachtet lange den Zeitungsausschnitt. Zerknüllt ihn dann.)

    Bedenken Sie. Zahlreiche Geschichtsbilder, etwa das Bild des Sokrates, beruhen einzig auf ein paar Sätzen, die von Zeitgenossen überliefert sind. Auf ein paar läppischen Sätzen! Wer gibt Gewähr dafür, dass da nicht ein solcher Unfug, ein Rattenkönig wie der Ausspruch vom Goebbels überliefert wird? Stellen Sie sich das mal vor, wenn alles, was dereinst von mir übrig bleibt, der Satz aus Goebbels Rede sein wird... gerade so wie vom Catilina nichts übrig blieb als die Rede des Cicero. Stellen Sie sich das mal vor. Schrecklich, einfach schrecklich!

    (Wirft den Zeitungsartikel in den Kübel.)

    Was will man! Es geht nicht um Wahrheit hier. Es geht um alles andere, aber nicht um Wahrheit. Um Judenhass geht es. Ein Wort dazu, Sie gestatten. Ein Wort zum Thema Antisemitismus. Welch ein Schauspiel für Psychologen! Sehen Sie, ich behaupte nämlich, im antisemitischen Ressentiment... Ich nehme an, Sie kennen das Wort? Ist schliesslich durch Nietzsche berühmt geworden. Ressentiment. Zu deutsch: Rückschlagsgefühl. Einer meiner Kritiker hat mir übrigens einmal vorgeworfen, dass ich die Menschen nur aus Ressentiment liebe. Aber das nebenbei. Im antisemitischen Ressentiment jedenfalls, da rebelliert das instinktive Gefühl des Unterlegenseins. Behaupte ich. Ich, ein Jude. Der Antisemitismus wäre demnach - psychologisch gesprochen jetzt - Terror gegen das Andere des eigenen Selbst. Im Fall Goebbels wäre das zumindest gut vorstellbar, liegt das Gefühl des Unterlegenseins bei ihm doch offensichtlich auf der Hand. Beziehungsweise in seiner ganzen äusserlichen Erscheinung. Ein Zwerg mit Krüppelfuss und unverhältnismässig grossem Kopf. Ausserdem kommen in diesem Fall noch Kränkungen hinzu, Zurückweisungen, die der Goebbels in seiner journalistischen Tätigkeit haufenweise hat in Kauf nehmen müssen. Verstehen Sie? Was ist denn unsere Abneigung anderes als unsere Zuneigung, die man zertreten hat! Also, jedenfalls. Worauf ich hinauswill, es gibt solche Menschen wie den Goebbels zuhauf, denen der Antisemitismus zur verkappten Religion geworden ist. Ihre Fixierung auf einen Punkt bringt sie dann schliesslich dazu, die Welt auch aus einem einzigen Punkt kurieren zu wollen. Und so suchen sie diese Welt halt nach Beweisstücken ab, die ihnen bestätigen sollen, was sie schon immer gewusst haben. So ist das. Es geht nicht um Wahrheit hier, gewiss nicht. Man kann das beinahe experimentell nachweisen. Sprechen Sie nur einmal mit einem fanatischen Antisemiten, zum Beispiel über...

    (Schaut sich um, entdeckt das Salzfass auf dem Esstisch.)

    Zum Beispiel über das Salzfass auf dem Esstisch.

    (Nimmt es in die Hand, hält es hoch.)

    Ja. Sprechen Sie einmal mit einem fanatischen Antisemiten über dieses Salzfass. Nach zwei Sätzen, sag ich, wird er bei der These angekommen sein, schon die alten Juden hätten beim Salzhandel aus Phönizien betrogen. Oder er wird sagen, der Prozentsatz jüdischer Angestellter in den staatlichen Salinen sei viel zu hoch. Aber das Salzfass, das Salzfass als solches - ist er schlicht nicht fähig zu sehen. Ich sag's Ihnen. Weder als Salzbehälter noch als Behälter von Streit und Tränen erblickt er es. Auch nicht als Gradmesser der ehelichen Liebe. Und auch nicht als Mittel, um frische Weinflecken aus dem Tischtuch zu entfernen. Nein, der fanatische Antisemit sieht darin allein das, was ein anderer auch bei regster Phantasie in dem Salzfasse einfach nicht finden kann: den Juden...-

    (Setzt sich ans Schreibtischchen.)

    Und ich bin nun eben einmal Jude.

    (Trinkt.)

    Meine Eltern waren Juden. Beiderseits.

    (Steht auf, geht zum Sekretär.)

    Hier.

    (Nimmt die Photographie der Mutter mit Säugling in die Hand.)

    Ein Bild meiner Mutter. Der Säugling auf ihrem Arm, das bin ich. Meine Mutter... Regelmässig bekam sie Schläge mit der Reitpeitsche. Wenn ich ihr aber zu Hilfe kommen wollte, bekam auch ich Schläge. Aber nicht vom Vater, sondern von ihr selbst. Das war ihre Weise, sich beim Mann einzuschmeicheln. Meine Mutter hatte jene Sklavenseele, die zufrieden ist, wenn man ihre Ketten nur fleissig vergoldet. Mich? Mich liebte sie so wie man eine Puppe liebt...

    (Stellt die Photographie zurück, nimmt dafür das Porträtbild des grimmig dreinblickenden Mannes in die Hand.)

    Das ist er. Mein Vater. War ein erfolgreicher Modearzt und Lebemann. Er hasste mich, ehe ich geboren war. Und mir kam immer, auch als ich schon ein reifer Jüngling war, derselbe Gedanke, wenn ich ihn mittags schlummern sah: Jetzt könntest du es tun, Theodor, erwürge ihn, und alle wären befreit...

    (Stellt auch das Porträtbild zurück an seinen Platz.)

    Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich an Elternhaus und Schuljahre zurückdenke. Dass ich hindurchkam, ohne völlig zerrüttet zu werden. Dass mich die seelischen und auch körperlichen Marterungen nicht in den Tod trieben... Aber das nebenbei.

    (Atmet tief ein und aus.)

    Jedenfalls waren sie Juden, beide. Aber mir wurde erst in der Schule bewusst, was es heisst, als Jude geboren zu sein. "Jude, Jude Itzig, mach dich doch nicht witzig!" sangen sie in der Schule. Worauf ich jeweils losbrüllte: "Macht doch ihr mich nicht witzig!"...- Wenn ich mir das recht überlege heute, dann lag in dieser meiner Erwiderung eigentlich schon meine ganze spätere 'Philosophie der Not'.

    (überlegt.)

    Sehen Sie, Denken ist Funktion der Not. Wissen und Leiden sind identisch. Verstehen Sie? Jedes Wissen bedeutet die Beseitigung eines kleinen Schmerzes. Jeder Schmerz ist das Tor zu einer neuen Vollkommenheit. Der Geist ist das Ergebnis, ist die Blüte aller Not...

    (Hält inne, winkt ab.)

    Aber dafür ist es zu spät. Dafür reicht die Zeit nicht mehr.

    (überlegt.)

    Nur eines noch, ganz kurz. Ich merkte also, dass ich Jude bin. Aber sehen Sie, ich wusste dennoch nicht, was das eigentlich sein soll, ein Jude. Wann ist man ein Jude? Wie sieht ein Jude aus? Als ich meine Mutter danach fragte, wurde sie verlegen und zeigte mir einen auf der Strasse an uns vorbeigehenden Kaftanjuden mit Schläfenlocken. Das also war der Jude... Ich sah keinen Bezug zu mir. Ich...

    (Fuchtelt plötzlich wild herum, eine Fliege verscheuchend.)

    Ah! Fliegen! Schreckliche Viecher, das. Aber egal, ganz egal.

    (Geht zum Fenster, sieht hinaus, geht dann zum Spiegel, schaut sein Bild an. Berührt sein Gesicht.)

    Das ist also... Ich meine, sieht so... Habe ich das Gesicht eines Juden?

    (Streicht sich über die Nase.)

    Ist das die Nase eines Juden?

    (Schüttelt langsam den Kopf, sagt aber...)

    Ja.

    (Beisst sich in den Handrücken.)

    Ich kann sie nicht lieben, diese grossen Spiegel. So teilnahmslos spiegeln sie und sind dabei so tief wie die Welt.

    (Geht langsam zum Schreibtischchen, setzt sich hin. Die Muse Klio rührt sich, kommt zu ihm, zieht ihm die Schuhe aus. Er, mit zittriger Stimme...)

    Ach, wären doch meine vielen Gegner hier heute. Ich hätte sie alle einladen sollen.

    (Lächelt gequält.)

    Endlich könnt ich denen auch mal eine Freude machen und sagen: Meine Herren, ich gebe jetzt meinen Geist auf; ich bin froh, meine Herren, dass Sie das besorgen für mich, denn bei Ihnen geht dies entschieden viel leichter als es mir fällt.

    (Zeigt auf Zischka und Eckert.)

    Stattdessen schickt man zwei Dumme, die überhaupt nichts verstehen.

    (Klio zaubert Wasserkrug und Lappen hervor und beginnt, Lessings Füsse zu waschen. Langsam Licht aus; beleuchtet bleiben vom Kerzenschein Lessing, dem Klio die Füsse wäscht, und Zischka und Eckert vom Licht der Öllampe.)

    ZISCHKA: S wird Zeit, Eckert. Bist soweit?
    (Eckert nickt.)
    ZISCHKA: Alsdann. Lass uns den Jud abknallen.
    ECKERT: Ja, Zischka. Lass uns den Jud abknallen.
    (Sie stehen auf und gehen durch die Tür ab. Eckert kommt nochmal zurück, um eine Kartoffel mitzunehmen.)
    ECKERT: 80'000 Reichsmark!
    (Eckert macht die Öllampe aus. Bühne im Dunkeln, bis auf Lessing, der im Kerzenschein hockt. Vorhang.)

    (Ende 1. Akt)

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Hier hat der Text jetzt seine Heimat gefunden.


    Zum Anfang ein paar Beobachtungen bezüglich des Herrn Th. Lessing.


    Der Moralist und der Satiriker geraten bei ihm aneinander. Und da das so ist, muß ein dramatischer Versuch eben diese Spannung aushalten und halten. Das dürfte beinahe unmöglich umgesetzt werden können. Aber der Versuch ist vielleicht schon Satire genug. Vielleicht. Jedenfalls lohnt sich da was. Es dürfte also mit einem Monolog nicht zu schaffen sein. Die angemessene Diktion ist die des sanften Vorwurfs, die der sanften Selbsterniedrigung, die sich kompensiert. Ja, Überkompensation war doch auch eines seiner Lieblingsworte, ganz paß ist eine Befasse mit der Psychoanalyse, die war seinerzeit schwer in Mode.


    Apropos Theorie: Ein Essayist hat selten eine, redet aber stets davon. Ein Feuilletonist hat immer eine, redet aber nur drumrum. Was mehr ist, ist auf der Bühne Spielbühne; Würde des Denkens schaffen, darum geht es Philosophen immer. Wie das mit Noth zusammengehen soll? Ich weiß nicht, ob ein moderner Mensch eine Ahnung davon haben kann, was Würde und Noth gemeinsam haben. Verzicht vielleicht. Doch wie den dramaturgisch umsetzen?


    Lessings Trinität: Noth, Schmerz, Leiden.
    Ich hege aber die Befürchtung, daß er es nicht ganz ernst meint, immer noch einen Schlenker machen muß und somit irgendwann entsetzlich langweilt. Darf ein ernsthafter Mensch Zusammenhänge pointieren? Man schaue sich seine Auffassung der Weltgeschichte als einem planlosen Vexierspiel (a'la Valery?) an, um zu wissen, daß Lessing niemals wirkliche Noth verstehen kann. Er ist ein Kasper.


    Vielleicht ist er ein Aufklärer, daß das die Brille ist, die ein Be-Schreiber Lessings aufsetzen muß, um ihm gerecht zu werden?! Er will ein Bild von den schrecklichen Dingen machen, so die Noth wenden. Das ist Aufklärungspathos. Und die einzige Möglichkeit, hier Fragestellungen zu entwickeln, ohne die ein Drama nicht auskommen kann, Figuren zu entwickeln, die miteinander Welttheater spielen.

  3. #3
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    merci, rodebertus, für das heimatsgefühl, das mein text hier haben darf.


    ich darf deinem ersten kommentar grundsätzlich recht geben, widerspreche nicht einmal dem kasper.


    allerdings: ich befürchte hier eine schizophrene diskussion, die ich gerne vermeiden tät, so weit als möglich. nämlich:
    es gab einen gewissen theodor lessing. er veröffentlichte viele kleine schriften, essays, feuilletons und glossen. und auch das eine oder andere grössere werk: alles der stoff zu meinem theaterstück, letztlich.


    1933 wird dieser lessing von anhängern der nationalsozialisten in marienbad ermordet.


    ausserdem gibt es nun aber eben meinen theater-lessing...


    über beide lessings muss ich mir gedanken machen. sind beide dieselbe person? in gewisser weise sicher. aber nachdenken muss ich zwangsläufig über lessing, als wären es lessings, also zwei unterschiedliche personen: der theater-lessing und der wirkliche. ich wäre dankbar, wenn bei weiteren kommentaren auf dies rücksicht genommen werden würde, auf die "ideale" und die "wirkliche" person in abstrakter Abgrenzung voneinander. ist das verständlich, was ich meine?


    ausserdem. rodebertus, du schreibst: "Er will ein Bild von den schrecklichen Dingen machen, so die Noth wenden. Das ist Aufklärungspathos. Und die einzige Möglichkeit, hier Fragestellungen zu entwickeln, ohne die ein Drama nicht auskommen kann, Figuren zu entwickeln, die miteinander Welttheater spielen."


    desweiteren wäre ich sehr dankbar, wo immer möglich, für konkrete fingerzeige und beispiele, ausgehend von meinem stück. weil darum geht es mir hier. dass es dabei um lessing geht, um seine weltanschauung, seine person, seine geschichte, ist eine wohl oder üblige zwangsläufigkeit...


    ich lasse mich jederzeit gern auf eine diskussion ein, die theodor lessing thematisiert. aber ich möchte gern wissen, welcher lessing thematisiert wird: der theater-lessing, der innerhalb des theaters zu funktionieren hat, oder der wirkliche lessing und seine weltanschauung. (es gibt unterschiede, soll dies mein gewort implizieren!)


    rodebertus, du schreibst: "Ich weiß nicht, ob ein moderner Mensch überhaupt eine Ahnung davon haben kann, was Würde und Noth gemeinsam haben. Verzicht vielleicht. Doch wie den dramaturgisch umsetzen?"


    ich sehe, du bist aufmerksam. ja, tatsächlich, ist nur schon not überhaupt nachvollziehbar in unserer überflussgesellschaft? welche not meinen wir, wenn wir das wort hören? welche not meint lessing? der brückenschlag zur würde ist dann ein zusätzlicher, ein weiterer stolperstein. dass du dann aber noch fragst, wie dies ungelöste rätsel auch noch dramaturgisch umzusetzen sei, nehm ich dir fast übel. nicht wirklich, aber eigentlich. so machst mich fertig, rodebertus, und das wollen wir nicht... bitte stell solche fragen ausgehend vom stoff, den ich geliefert, weil vieles vieles hab ich nicht geliefert. ich weiss das. wenn du mir aber konkret zeigst, wo innerhalb des stücks was fehlt, dann schuld ich dir dank. weil dann ist mir geholfen. wenn du mir zeigst, was ausserhalb meines stücks an lessing dran, dann... nun ja, was will man!


    letzter punkt im moment: langzeitprojekt. hmmm. ist die zeit von jetzt bis weihnachten lang?


    ich danke dir, rodebertus, für deine befasse, erhoffe mindestens den guten klammer in fröhlicher lessing-runde noch begrüssen zu dürfen, der hannemann serviert vielleicht zwischendurch mal ein würziges irgendwas feines, na ja, oder ich bleib einsam hängen überm abgrund. aber das glaub ich nicht.


    freu mich. auf diesen ordner. danke euch im voraus.


    Mr. Jones

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Ein Mann hockt da
    wo?
    und dreht Däumchen. An der Rückwand, vor einem riesigen Spiegel, befindet sich, vielleicht erkennbar im Halbdunkel, auf einem Sockel eine Statue: die Muse Klio.
    Jemand hämmert in die Tasten einer Schreibmaschine.
    Wo ist dieser Jemand?
    Es klopft an der Tür.)


    ZISCHKA: Komm rein! (Eckert tritt ein.)
    ZISCHKA: Setz dich! (Eckert setzt sich.)
    ZISCHKA: Hast Hunger? Greif zu!
    ECKERT: Kartoffeln...
    ZISCHKA: Ja, Kartoffeln. Iß! Nicht, daß dann die ganze Sache noch bachab
    Damit konnotierst Du den Sprecher als einen Schweizer. Im Reich, zumindest in Nord- und Mitteldeutschland, sagt man den Bach runter; Du kannst aus Zischka und Eckert Schweizer/Süddeutsche machen, aber muß das so sein?
    geht, weil im falschen Moment dein Magen plötzlich knurrt. Iß, Eckert! (Eckert ißt.)
    ZISCHKA: Wasser? (Eckert nickt und ißt gierig weiter.
    [/b]schlingt ist besser
    Zischka schenkt ihm ein.)
    ZISCHKA: Ja, hau tüchtig rein! Is ja noch viel zu tun nachher.
    In der Art mach ich weiter, wenn Du willst.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    ein mann hockt da... wo? am tisch, türlich. werd ihn also verorten.

    der jemand ist im dunkeln. bald auch das explizit.

    eckert und zischka sind mitnichten schweizer. aber ich. ab sofort gehts also den bach nicht ab, sondern runter. merci, rodebertus.

    schlingt, ja, gefällt mir auch besser, werd ich ändern, gerne.

    wenn ich will? machst mir jedenfalls eine freude damit. und dem stück, rodebertus, tust gut, denk ich. merci.

    Mr. Jones

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    (Langsam breitet sich Licht auf der Bühne aus.
    Arbeitszimmer. Auf der rechten Seite, zwischen den beiden geschlossenen Fenstern, ein Schemel. Darauf ein Grammophon. In der Ecke ein alter Sekretär. Über diesem, an der Wand, hängen Bilder: Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche.
    Da fehlt das schalkische Moment, ein Ringelnatz oder ein Busch, vielleicht einer aus der Gegend um Hannover, Münchhausen fällt mir ein; Selbstreferenz!
    Zwischen den Blumentöpfen auf dem Sekretär zwei Photographien: Eine Mutter mit Säugling, ein Porträt, das einen grimmig dreinblickenden Mann zeigt.
    Beschreibung knapper, nach Möglichkeit ohne Nebensatz-Konstruktion. Abgesehen davon frage ich mich, ob die Zuschauer diese Bilder wahrnehmen können.
    Auf der linken Seite befindet sich auf einem Sockel eine lebensgroße Statue: Klio. Außerdem, unverändert, der Tisch, an dem Zischka und Eckert sitzen, der eine essend und trinkend, der andere schweigend.
    Wenn Du es als Partizip schreibst, dann klingt es so bedeutungsvoll, man könnte auch sagen manieriert. Will ich aber nicht sagen, ich will nur meinen, daß man es so lesen kann.
    In der Mitte des Raums befindet sich ein Tischchen, darauf eine Schreibmaschine. Ein philosophenbärtiger Jemand tippt. Dann hört das Tippen auf, der Jemand reißt das Papier aus der Schreibmaschine. Er steht auf, das Blatt in der Hand, und geht, während er schweigend liest, auf und ab, kopfschüttelnd. Schließlich zerknüllt er das Papier.)
    Es fehlt noch ein wenig mehr Perspektivisches, das, was den Zuschauer gefangennehmen soll; Du solltest, wenn Du schon so kapriziös alles einleuchtest, die Bewegungsabläufe an die Perspektivität des Zuschauers zurückbinden. Womit soll der Zuschauer mitgehen, mit den Augen?

  7. #7
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    "Du solltest, wenn Du schon so kapriziös alles einleuchtest, die Bewegungsabläufe an die Perspektivität des Zuschauers zurückbinden. Womit soll der Zuschauer mitgehen, mit den Augen?"


    bin mit dir einverstanden, soweit, und dank dir auch für diese etappen-rückmeldung. bloss bei letzter mäkelei (siehe zitat) blick ich nicht durch. heisst das, du schlägst mir vor, ich solle schreiben: "Der Zuschauer sieht mit seinen Augen: In der Mitte des Raums befindet sich ein Tischchen, darauf eine Schreibmaschine..." und weiter wie gehabt?


    dankschön im voraus für erhellung des dunkels und fortsetzung der beschäftigung mit meinem stückli.


    vorwarnung: bald schon folgt akt zwei.


    (und wieder einmal, bevor ich es vergess, mein ruf nach dem herrn klammer, der mich über die muse noch nicht unterrichtet, dies aber angekündigt...)


    greetings,
    Mr. Jones

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    ja, ja, ja... Ich habe mein Versprechen nicht vergessen.
    Aber gut (?) Ding will eben Weile haben und ich bin momentan ordentlich eingedeckt mit Arbeit.
    Aber ab Freitag sind Ferien, dann habe ich auch alle Geschenke und Zeit für das Sinnlose.


    Gruß, Klammer, der jetzt unterrichten muss.
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Ach was, ach papperlapapp! Ich hab's gewußt, hab's immer gewußt, ganz genau hab ich's gewußt. Wer ein Dichter, ein Denker, ein Künstler ist, der kann sich gar nicht früh genug auf seine letzten Worte vorbereiten. (Wirft das Papier in den Kübel.) Ja, gewiß, hab's gewußt! Die vermaledeiten letzten Worte!
    Gewußt taucht zu oft auf, wird nicht erweitert. Als Ausruf zu leerstehend. Das Tragische schaut kurz empor, aber das SaTIRISCHE mußt Du hier mit benennen, damit von Anfang an klar ist, daß der Zuschauer eine gedoppelte Optik besitzen muß, um diesem Text folgen zu können.
    (Geht zum Eßtisch, schenkt sich Wasser ins Glas. Wendet sich mit dem Glas in der Hand dem Publikum zu.) Übrigens, Lessing mein Name, Theodor Lessing. Psychologe am Geist, Skeptiker an der Kultur. Aber davon später, vielleicht. Denn ich bin in Not. In großer Not. (Geht zurück zum Schreibtischchen, setzt sich, trinkt.) Ich bin spät dran. (Wirft einen raschen Blick zu den Fenstern, blickt dann wieder ins Publikum.) Sehen Sie, man wird mich ermorden. Heute noch. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit.
    Ich weiß nicht, ob Du dem Begriff NOT damit einen Bärendienst erweist. Lessing verstand die Not nicht unbedingt in diesem existenziellen Sinn, sondern eher als menschheitsübergreifenden Begriff des Existentials, was einen kleinen, aber feinen Unterschied hergibt. Was Du hier beschreibst, das ist eine Bedrängnis, der sich der Held ausgesetzt sieht. Diese selbst ist fürs Theater wie geschaffen, kann aber im konkreten Fall nicht an Th. Lessing rückgebunden werden.
    Und die letzten Worte sind nun mal die wichtigsten!
    Da muß ein Vergleich her und hin!
    Oft genug bleibt im Munde der Nachwelt nichts anderes übrig von einem großen Menschen, nichts - als ein einziges letztes Wort. (Nimmt einen weiteren Schluck.)
    Und oft genug wird's dann auch noch mißverstanden! Nehmen wir Goethe. Sein letztes Wort soll gewesen sein: "Mehr Licht!" Was hat man dann doch alles aus diesem angeblich letztem Wort herausgefiltert! Das war im Jahre 1832. In demselben Jahr wurden die schwedischen Zündhölzer erfunden. Und das ist noch nicht alles. Außerdem wurde auf den Straßen das Petroleumlicht durch das Gaslicht ersetzt, wurden die ersten Lichtbilder angefertigt und die ersten elektrischen Maschinen gebaut... Man mag jetzt behaupten, das alles sei die Erfüllung von Goethes letztem Wunsch gewesen, die Vision des scheidenden Sehers. Und das wird ja auch behauptet. Aber nein, ich muß Sie enttäuschen, denn zweifellos steht fest: Der kranke Goethe wollte mit seinem "Mehr Licht!" lediglich dem Diener sagen, dieser solle die Fenstervorhänge aufmachen. Sie sehen also, es ist eine rechte Dummheit...
    Das ist gut. Und es stammt aus einem Lessing-Text: Letzte Worte, glaube ich. Das könntest Du noch ein wenig pointieren, aber eigentlich ist es ganz gut so.
    (Macht hektisch abwehrende Handbewegungen, weil ihm surrt eine Fliege um den Kopf.) Ah, Fliegen! Ich mag Fliegen nicht! (überlegt.)

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    "Gewußt taucht zu oft auf, wird nicht erweitert. Als Ausruf zu leerstehend. Das Tragische schaut kurz empor, aber das SaTIRISCHE mußt Du hier mit benennen, damit von Anfang an klar ist, daß der Zuschauer eine gedoppelte Optik besitzen muß, um diesem Text folgen zu können."

    ein zwei gewusst gestrichen...
    aber das zu benennende satirische, diese benennung mach doch bitte mal vor, guter rodebertus!

    recht hast mit dem lessing und wie er not verstanden haben mag. dass du not neuerdings ohne h schreibst, enttäuscht hingegen.
    im ernst: die beschriebene bedrängnis ist in der (philosophie der) tat nicht die lessingsche (philosophie der) not. aber fürs theater wie geschaffen, ja. und ein spiegel, recht eigentlich, der not, von und über die lessing philosophiert. ich denk, das passt schon.

    der verlangte vergleich ist goethe und alles danach. weniger vergleich allerdings als begründung.

    mit dem lessing-text "letzte worte" hast recht. besagter kurzer text war der einfall, durch den dies stück zu diesem wurde...

    freu mich auf mehr deinerseits, und immer wieder und abermals: danke schön.

    Mr. Jones

  11. #11
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    heute nur ein Literaturtip, denn ich geh jetzt saufen


    Wolf Goetze: Die Gegensätzlichkeit der Geschichtsphilosophie O.Spenglers und Theodor Lessings. Diss. Leipzig 1930.


    Soll ich die Dir zu besorgen versuchen?

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    hab die einleitung im internet gefunden...


    "Soll ich die Dir zu besorgen versuchen?" wie könnte ich da nein sagen? wie sollte ich aber ja sagen? ja, wärst ein schatz.


    prost, rodebertus!

  13. #13
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Wo war ich? Ah ja. Es ist eine rechte Dummheit, sag ich, ein ganzes Menschenleben erkennen und beurteilen zu wollen gerade aus dem Zufall des letzten Augenblicks. Da, sehen Sie! (Zeigt auf die Statue.) Sie tut das. Klio, die Muse der Geschichte. Eine lächerliche Muse. Denn es ist und bleibt eine Dummheit sondergleichen, ausgerechnet auf den letzten Augenblick eines Lebens zu achten.
    Diese Diktion scheint mir nicht so recht zu L. zu passen, sie ist zu apodiktisch. L. schreibt leichter, hüpft und springt, besitzt einen trocknen Humor. Diese Sätze hier sind schwerfällig, betulich und bereiten schon im Ansatz etwas Großes vor. Das ist nicht L.s Stil. Du mußt das Einleitende brechen, meinetwegen durch ein starres 1.,2.,3..., aber diese in einem Sinnzusammenhang, der klar und unmißverständlich ist. Das Lehrerhafte ist L. schon, aber er hält das nicht lang durch, kreist ums Thema, spitzt zu und findet im Kleinen das Große. Das ist es doch!
    Hier aber habe ich den Eindruck, daß Du vom Großen zum Kleinen kömmst, deduzierst, nicht induzierst.


    Die Fliegen haben nur dann eine allegorische Bedeutung, wenn Du hier eingangs auch ihr Gegenteil nennst, die Spinnen. Da knüpfen sich schöne Vergleiche, denn sitzt L. nicht selbst in seinem Netz, unverwüstbar, unzernichtbar, sich immer wieder rappelnd, deutsch nennt man das auch. Und daran könnte sich eine wundervolle Ironie knüpfen, die genau dem gusto L.s entspräche: Er ist es eigentlich, was die anderen sein wollen! Und L. weiß es.
    (Spricht weiter mit erhobenem Zeigefinger.) Und besonders tragisch wird es, wenn durch Zufall der letzte Augenblick auch noch im Gegensatz steht zu allem, was der abgeschiedene große Mensch eigentlich gewollt hat. Ich kann Ihnen solche Beispiele nennen, Beispiele etwa aus der Geschichte der Philosophie.
    Da ist es wieder, das Ihnen. Ich halte diese Perspektive für bedenklich, sie setzt dem Text von vornherein eine Brille auf, zwängt ihn, da kannst im nachhinein machen, wat willst.
    Denken Sie nur an den Tod des Tycho de Brahe. Der starb an einer Urämie. Wissen Sie, was das heißt, Urämie? Das heißt, Tycho de Brahe starb am Eintritt des Harnstoffes ins Blut. Und wissen Sie, wie es zu diesem Eintritt des Harnstoffes ins Blut kam? Durch einen Blasenriß. Stellen Sie sich vor. Der große Denker
    Schrieb er das? Schrieb er DENKER? Ich glaube, nicht. Brahe war in erster Hinsicht Nicht-Denker, sondern Spekulant. Insofern ist sein Tod typisch, er verspekulierte sich, wie mit seinen astronomischen Ansichten. Und dann wird die Sache schon wieder witzig. (Das ist jetzt eine Idee, die Du einbauen könntest.)
    saß an königlicher Tafel und genierte sich, während des Essens aufzustehen und hinauszugehen. Sagen Sie selbst, gibt es eine lächerlichere Vollendung? Der Geist, der Sternenwelten lenkt,
    kaum
    stirbt daran, daß er sich vor Hofschranzen geniert, das Essen zu unterbrechen...
    Gegen diese Konstruktion habe ich etwas... DASZ und ZU ist kein guter dutsch sein tut.
    Absurd, nicht wahr? Noch ein Beispiel. Der Tod des Lammetrie. Dessen Ende ist nämlich ganz ebenso dumm, erlitt er doch an der königlichen Tafel einen Schlagfluß, weil ihm, als er über einen Scherz lachen mußte, eine mit Fisch gefüllte Pastete im Hals stecken blieb. Diese im Hals stecken gebliebene Pastete wurde dann zum Symbol. Und der Verstorbene lebt nun weiter in der Geschichte - als ein Fresser und Säufer. Und ist dabei wahrscheinlich der nüchternste und bescheidenste Wassertrinker gewesen!

  14. #14
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Weiter geht's. Ein wenig schaffen wir in diesem Jahr noch. Gestern las ich in meinem Lessing-Buch herum. Sind mir ein paar Ideen gekommen.
    Phil. der Not steht gegen Phil. der Tat
    Geschichte vollzieht sich in Gesetzen, für L. nicht --> er setzt den Zufall und das Sinnlose, den ewigen Kreislauf vor eine Richtung, findet allerdings nur Beispiele, keine Konkretation durch Auseinandersetzung mit geläufigen Modellen. (Geht das gegen sein flatterhaftes Naturell, dem es gefällt, nur so zu gefallen?)
    L. wird durch das Gegnwartsbewußtsein getragen, in einer unvollkommenen Welt zu leben. Dies gab es immer schon, dennoch müßte selbst ihm auffallen, daß es da Unterschiede gibt in den Zeiten. Die benennt er nicht, zeigt sie nicht einmal an, greift sich immer nur den Aspekt heraus, der seinen Gedanken unterstützt. (Das ist nicht loyal, beinahe ruchlos.) Das nennt man tendenzielles Schreiben und Denken, beinahe modisches Lavieren.
    Setzt er sich mit etwas auseinander, das seinem Lebensbereich entstammt (Weltkrieg), dann ist er nicht in der Lage, sein Erleben in einem Du zu teilen, seine Emotionen ins andere Ich zu transformieren: L. bleibt allein und einsam. Er kann Denken und Fühlen nicht teilen. Er kann nicht verdichten, kann eine metaphysische Ebene gar nicht erreichen, Begriffe wie Schuld und Schuldhaftigkeit sind ihm zutiefst fremd; Verantwortung und Versenkung, Übertragung und Gemeinschaft denkt er nicht einmal. Aber er wertet! Wie kann er es wagen, eine Wertung über etwas auszusprechen, das ihm im Kern unverständlich ist? Er steht daneben und betrachtet. L. ist ein Nante!
    Für Dich bedeutet das eine ungeheure Möglichkeitspalette, sehr viel theaterwirksames Spielen: Du könntest hier Figuren erstehen lassen, die vor dem geistigen Auge des Zuschauers erstehen, L. dito, ihm unbequeme Fragen stellen, ihn in eine Ecke manövrieren, aus der er sich kaum befreien kann. Du könntest so die ihn umzingelnde Not greifbar machen als das in ihm unterbewußt stets das Geschriebene tragende Unauflösliche, wie es Menschen erscheint, die eben nur betrachten, aber nicht sympathetisieren, weil sie zu ihrem Gefühl immer auch das Gegenteil denken können.
    Namen, die ihm begegnen könnten: von Sacher-Masoch, Gerilke, Werfel, Chagall, Benn, Bahr, Barres, Möller, Grimm, Hitler, Lasker-Schüler, Katja Mann, Salome, Thälmann...
    (Trinkt.) Sie sehen also, man kann nicht vorsichtig genug sein bei der Wahl des passenden Todes... Der alte Professor Plötz fällt mir jetzt spontan
    SPONTAN ist etwas anderes. Was Du hier meinst, das ist eine Assoziation, aber keine spontane Regung.
    ein, Verfasser einer französischen Grammatik. Nicht jedem ist ein so stilgemäßer Tod beschieden. Der Alte nahm nämlich Abschied mit dem Worte: 'Je meurs, man kann auch sagen: Je me meurs!' Herrlich, das, nicht wahr. Und ganz und gar unproblematisch, ein solches Sterben... Noch ein Beispiel, ein letztes. Auch dieses Beispiel hat mir immer als Schreckgespenst vorgeschwebt. Der Tod des großen Descartes nämlich... (Hält inne.) Aber was red ich da eigentlich! Descartes! (Winkt ab.)
    Ich glaube, Du solltest Des. völlig außen vor lassen. Dadurch setzt Du dem Anfang so einen gewollt wichtigen Aspekt auf.
    Ich schweife ab. Sehen Sie, worauf ich hinauswill ist einfach die Feststellung, daß es sehr empfehlenswert sein kann, sich rechtzeitig mit ein paar passenden Worten für die letzten Augenblicke zu versehen.
    Die ironische Ebene kann ich bei diesem gespreizten Satz nicht erkennen.
    Einfach damit im nachhinein keine Geschichtsirrtümer entstehen.
    Das ist kein Satz. Eine elliptische Funktion läßt sich nicht erkennen.
    Das leuchtet ein, denke ich. (Spannt neues Papier ein.) Es ist und bleibt eine Dummheit sondergleichen, gerade auf den letzten Augenblick zu achten.
    Wenn man L. etwas zugute halten kann, dann dies: Er vermeidet Sätze mit der ZU-Konstruktion. Du vermeidest sie nicht.
    (Wendet sich der Statue zu.) Hörst du, Muse. Eine Dummheit sondergleichen! (Fährt etwas leiser fort.) Aber eben, mit dieser Dummheit der Welt muß unsereiner nun mal rechnen. Und auch mit der Dummheit der Nachwelt, weil Nachwelt ist immer wiederholte Mitwelt. Leider.
    Das glaube ich nicht, daß L. dies bedauert. Es ist ihm gleichgültig, er nimmt es als factum hin, wie man einen niederfallenden Apfel als factum hinnimmt. Das LEIDER ist ganz schlecht.
    (Grübelt, beginnt dann zu tippen... Macht plötzlich fliegenverscheuchende Bewegungen.) Ah! Laute, wichtigtuerische Geschöpfe! Fliegen! Ich mag sie überhaupt nicht. (Sammelt sich, tippt weiter.)
    Damit vergibst Du Dir hier Steigerungsmöglichkeiten. Anfangs sollten die Fliegen nur verscheucht werden, erst allmählich verdichtet er seine Aversion und erinnert sich...

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Ich habe jetzt einiges von Herrn L. gelesen. Um es auf den Punkt zu bringen: Fan bin ich nicht, aber ich erfreue mich an mancher Kapriole. - Das hier werden wir in diesem Jahr noch schaffen. Hier erst einmal das. Ich hoffe, Du bist noch dabei, denn NETT bin ich wohl nicht.
    ZISCHKA: Hast auch alles vorbereitet? (Eckert nickt.) Die Leiter? (Eckert nickt.)
    ECKERT: Sieben Meter lang.
    ZISCHKA: Gestohlen, nehm ich an.
    ECKERT: Aus dem Feuerwehrhaus.
    ZISCHKA: Die Haken abgeschlagen?
    ECKERT: Die Haken abgeschlagen. Wie du gesagt hast. Und die Enden mit Lappen umwickelt. Der hört gar nichts, wenn wir die an die Wand stellen, mach dir da mal keine Sorgen, Zischka! (Eckert ißt. Zischka sieht ihm schweigend zu.)
    ZISCHKA: Die Pistolen? (Eckert nickt und redet mit vollem Mund.)
    ECKERT: Kaliber 7 mm für mich. (Eckert zieht eine Pistole hervor und legt sie vor Zischka auf die Tischplatte.) Kaliber 6,35 mm für dich. (Zischka ohrfeigt Eckert.) He, was!?
    ZISCHKA: Eine Fliege. Hab sie nicht erwischt. (Eckert massiert sich die Wange.)
    ECKERT: Mach das nicht noch mal, du! (Zischka steckt die Pistole ein.)
    ZISCHKA: Also, hör zu! Wenn wir den Volksschädling beiseite schaffen, wird für uns gesorgt. SA-Kluft
    Mir gefiele es besser, wenn die beiden schwiegen. Nur die Sache mit der Fliege sollte Sprache sein. Sonst schweigen. Stell Dir eine stumme Vorbereitung vor. Sehr wirkungsvoll. Worte wie SA-Kluft fallen nicht. Vielleicht etwas in der Art: "Wir werden versorgt..."
    und neue Identitäten
    zu modern, zu amerikanisch...
    für uns beide. Haben sie mir so gesagt.
    ECKERT: Neue was?
    ZISCHKA: Neue Namen. Neue Pässe. Verstehst? Hauptsache, haben sie gesagt, wir lassen uns nich erwischen.
    ECKERT: Lassen wir uns nich.
    ZISCHKA: Wenn alles klappt, dann haben wir viel geleistet für das deutsche Volk
    Sie sprechen, als ob sie nicht dazu gehörten.
    Eckert.
    ECKERT: Für das deutsche Volk? Meinetwegen. Vor allem aber für 80000 Reichsmark.
    ZISCHKA: Ja, 80000 Reichsmark. Stell dir vor!
    ECKERT: Kann ich nich. 80000 Reichsmark. Gott nee, kann ich mir nich vorstellen.
    ZISCHKA: Wenn die Sache klappt, brauchst 's dir auch nicht mehr vorzustellen.
    ECKERT: Und is ja nur e Jud...
    ZISCHKA: Ja, is nich weiter schlimm, is nur e Jud.
    Regieanweisung? Abgesehen davon, diese Leute töteten nicht für Geld und neue Identitäten. Es ist poetisch und psychologisch spannender, wenn sie eherne Ideale vertreten und die auf der Bühne auch thematisiert werden. sie glauben doch, sie täten etwas Gutes.
    (Der Philosophenbärtige reißt das Papier aus der Schreibmaschine, steht auf, geht schweigend und kopfschüttelnd auf und ab, während er liest. Zerreißt schließlich das Papier und wirft es in den Kübel.)
    Lessing: Ach, was. Alles Quatsch! (Geht zum Eßtisch, schenkt sich ein.) Sehen Sie, dabei kenne ich das. Schon als ich vierzig war, begann ich Erinnerungen zu schreiben. Ich habe das Geschriebene dann wieder vernichtet. Zehn Jahre später versuchte ich noch einmal, mein Leben aufzuzeichnen. Es wurden nahezu tausend Bl?tter. Ich habe sie vernichtet. (Trinkt, stellt sich dann vor den Spiegel.) Wie eine chambre particuliere komm ich mir vor, zuweilen. Darin sitzt mein Doppel-Ich. Der eine ist Dichter, der andere Kritiker. Und mein kritisches Ich macht zu allem, was mein Dichter-Ich träumt, seine Sprüche. Und vermiest mir die ganze Dichterei. Mein Dichter-Ich hält sich selber für mein besseres Ich. Und befindet meine kritische Hälfte für satanisch. Jeder verhindert so die Leistung des anderen. Sie raufen die ganze Zeit in mir. Beide haben blaue Flecken, tragen Prothesen. (Geht zurück zum Schreibtischchen, resigniert. Setzt sich an die Schreibmaschine, faßt sich.) Jetzt bin ich also sechzig Jahre alt... (Schluckt leer.)
    Warum jetzt so? Du stellst ihn hier mit dem Rücken zur Wand. Er verteidigt sich. Warum? Was bedeutet SCHLUCKT LEER?
    Mir ist die psychologische Situation nicht gegenwärtig. Macht er mit sich Schluß? Meinetwegen laß das anklingen. Wie wäre es mit der vagen These, daß er sich das Leben nahm? - Die anderen kommen zu spät! Aber die Welt will sie für die Täter halten, weil sie es eben will. Der Dichter im Exil. Der sprachlos Gewordene nach tausend Seiten Unvollständigkeit. Der die Not nicht wirft, und so wirft die Not ihn.


    Metaebene: jenseits der Zeitumstände, jenseits seines Judentums, seiner braunen Feinde, eben der Denker, der nicht weiter weiß...

  16. #16
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    "Ich hoffe, Du bist noch dabei, denn NETT bin ich wohl nicht."


    ich bin noch dabei, sicher. mit dem rücken zur wand zwar, bedrängt vom schatten der zeit. verzeih, dass ich nicht gross kommentier hier. ich komm erst übermorgen dazu, an der sinngebung weiterzuwerkeln. heut nacht gehört dem labyrinth.


    bin dir dankbar, rodebertus, für alles davor und danach.


    Mr. Jones

  17. #17
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Sinngebung des Sinnlosen

    erstellt von Jonathan: Wie doch die Zeit vergeht. (Spannt neues Papier ein.)
    Jedenfalls, noch einmal will ich den Versuch wagen. 30. August 1933, Theodor Lessing, „Meine Philosophie der Not“. So oder so, ich schreibe zum letzten Mal. Und zum Verrücktwerden ist’s! Sehen Sie, ich will wahr sein!
    Diese Diktion scheint mir nicht recht zu L. zu passen, sie ist süddeutsch-breit, nicht norddeutsch-knapp. SEHEN SIE? Diese Abbildlichkeit hat L. nicht in seinem Denken, er ist kein Scheler, sondern ein Valery. Er macht es nicht übers Anschauliche, sondern er deduziert.
    Aber kann ich das denn? Kann man überhaupt wahr sein? Stellen Sie sich vor, ein Mensch schreibt Erinnerungen! Sehen Sie, es geht nicht. Man kann nicht wahr sein dabei. Denn jede in Worte aufgefangene Geschichte verhält sich zum wirklich Erlebten nicht anders wie... wie... wie sich zum Beispiel das Verzeichnis von Dampfschifflinien verhält zur wirklichen See. Ist einfach nicht möglich, das Leben darzustellen. Nur eine Deutung ist möglich. Eine nachträgliche Zurechtlegung. Sinngebung im nachhinein.
    Er muß grübeln, es nicht steigern. Es kömmt ihm plötzlich, dann sprudeln die Gedanken. MÖGLICH zu oft.
    Ich sag’s Ihnen, alle Geschichtsschreibung ist nichts anderes. Nichts als Sinngebung im nachhinein. Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen! (Überlegt, seufzt dann.) Ach, wenn man sieht, wie die entsetzlichen, irrsinnigen Gegebenheiten des Lebens von hintennach
    ?
    zu Geschichte
    Das sind sie allemal. L. bestreitet aber, daß Geschichte eine Entwicklung nähme. Das muß hier deutlicher werden. Deutlicher muß auch werden, warum er das nicht glauben kann.
    umgebogen werden und sich dann schließlich in der Geschichtsüberlieferung so einfach lesen. Wie ein bunter spannender Roman liest sich da, was doch so schmerzlich zu erleben war...
    zu gespeizt - leichter
    Man könnte fast auf den Gedanken kommen, daß der Mensch mit der Geschichte nicht die Wiedergabe seines Lebens bezwecke, sondern...
    (Überlegt.) Das Umgekehrte. Ja. Man könnte auf den Gedanken kommen, daß
    wenigstens ein Daß streichen
    der Mensch mit der Geschichte nicht etwas wiedergeben, sondern im Gegenteil seine Erlösung bezwecke von allen den quälenden Begebnissen und Erlebnissen. Seit dem Weltkrieg ist mir das klar. Ich habe erlebt, was ein solcher Krieg bedeutet. Und ich habe gelesen, was dann darüber geschrieben wurde. Selbst ein solches Chaos an Höllenqual denkt man sich kausal verknüpft, hinterher. Wir vernünfteln so lange am Leben herum, bis es uns aus Weltvernunft geboren scheint. Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen! (Steht auf, wendet sich der Statue zu.) Sehen Sie sie an. Klio. Eine verlogene Muse, sag ich Ihnen. Denn nie tritt sie wunschlosen Auges an die Geschichte heran. Immer verformt sie Wirklichkeit, macht ein Kunst- und Traumwerk daraus. Worte, nichts als Worte! (Macht eine wegwerfende Geste. Geht wortlos auf und ab. Setzt sich dann wieder ans Schreibtischchen. Legt das Gesicht in die Hände. Stille... Da beginnt sich die Statue zu rühren und schwebt von ihrem Sockel, kommt zum Tischchen, schnippt mit den Fingern. Sodann hat sie eine Flamme in der Hand, mit der sie eine Kerze anzündet und diese neben die Schreibmaschine stellt. Er schaut auf und die brennende Kerze an. Klio gleitet unterdessen zum Grammophon. Musik beginnt: Schuberts „Unvollendete“, 2. Satz, Andante con moto. Klio sinkt zu Boden, verharrt.) Oh sicher, ich weiß, vielleicht fällt nie ein fremdes Auge auf meine Aufzeichnungen. Und sollten sie doch gelesen werden, dann habe ich die Welt ohnehin hinter mir. Aber... Ich muß Ihnen jetzt unbedingt etwas vorlesen... (Steht auf.)Damit Sie verstehen. (Eilt zum Sekretär.) Einen Moment, ich hab’s gleich... (Wühlt in den Schubladen des Sekretärs, findet einen Zeitungsausschnitt.) Hier. Ausgeschnitten aus der Zeitung. Eine Rede, die der jetzige Propagandaminister der Nationalsozialisten, der Doktor Goebbels, in Leipzig gehalten hat.
    Das DER ist überflüssig. - Der Abschnitt steht rein dramaturgisch richtig, ist aber immer noch zu eindimensional. Klio muß etwas leisten, nicht nur andeuten, ein Argument bringen, dem L. nicht widersprechen kann, es aber verwirft. Mehr SPIEL!
    Ich lese jetzt einen Passus daraus vor. Also. „Der jüdische Geschichtsprofessor Lessing“ – also ich – „der jüdische Geschichtsprofessor Lessing hat den Herrn Reichspräsidenten Hindenburg in ausländischen Blättern mit dem Massenmörder Haarmann verglichen, wofür ihn die nationale Studentenschaft züchtigte.“ Ist das nicht – schrecklich? Sehen Sie. Erstens, ich bin nicht Geschichtsprofessor. Zweitens habe ich nie in ausländischen Blättern etwas geschrieben, sondern bin seit Jahren Mitarbeiter des ‚Prager Tagblatt’, und das ist doch wohl eine waschechte deutsche Zeitung. Drittens, ich habe nie den Herrn Reichspräsidenten mit dem Massenmörder Haarmann verglichen, sondern lediglich Aufsätze über beide verfaßt, zum einen Aufsätze des Haarmannprozesses, zum anderen einen Aufsatz über die Persönlichkeit Hindenburgs. Einen vollkommen unpolitischen, durchaus anständigen und ehrfürchtigen Aufsatz übrigens. Viertens bin ich nicht von irgendeiner nationalen Studentenschaft gezüchtigt worden, sondern ein Häuflein Jungen, noch grün hinter den Ohren, hat eben wegen dieses Aufsatzes über Hindenburg Radau gemacht an der technischen Hochschule, wo ich unterrichtete. Denn in der patriotischen Begeisterung, die nach der Wahl Hindenburgs losbrach, fanden diese Burschen, mein Aufsatz sei nicht deutsch, nicht vaterländisch. Und brüllten: „Steinigt ihn!“ – also mich. Verstehen Sie mich jetzt?
    (Schweigt, betrachtet lange den Zeitungsausschnitt. Zerknüllt ihn dann.) Bedenken Sie. Zahlreiche Geschichtsbilder, etwa das Bild des Sokrates, beruhen einzig auf ein paar Sätzen, die von Zeitgenossen überliefert sind. Auf ein paar läppischen Sätzen! Wer gibt Gewähr dafür, daß da nicht ein solcher Unfug, ein Rattenkönig wie der Ausspruch vom Goebbels überliefert wird? Stellen Sie sich das mal vor, wenn alles, was dereinst von mir übrig bleibt, der Satz aus Goebbels Rede sein wird... gerade so wie vom Catilina nichts übrig blieb als die Rede des Cicero. Stellen Sie sich das mal vor! Schrecklich, einfach schrecklich! (Wirft den Zeitungsartikel in den Kübel.) Was will man! Es geht nicht um Wahrheit hier. Es geht um alles andere, aber nicht um Wahrheit. Um Judenhaß geht es. Ein Wort dazu, Sie gestatten. Ein Wort zum Thema Antisemitismus. Welch ein Schauspiel für Psychologen! Sehen Sie, ich behaupte nämlich, im antisemitischen Ressentiment... Ich nehme an, Sie kennen das Wort? Ist schließlich durch Nietzsche berühmt geworden. Ressentiment. Zu deutsch: Rückschlagsgefühl.
    ]Kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Nicht gut für die Aufmerksamkeit, schon gar nicht für die Exposition. Streichen, streichen, streichen. Entweder sind die jungen Studenten nun wichtig oder Nietzsche oder das Verhältnis L.s zu den Nazis... Eins thematisieren, aber nicht alles auf einmal.
    Einer meiner Kritiker hat mir übrigens
    Dieses ÜBRIGENS ließe sich übrigens zu einem Thema machen.
    einmal vorgeworfen, daß ich die Menschen nur aus Ressentiment liebe. Aber das nebenbei. Im antisemitischen Ressentiment jedenfalls, da rebelliert das instinktive Gefühl des Unterlegenseins. Behaupte ich. Ich, ein Jude. Der Antisemitismus wäre demnach – psychologisch gesprochen jetzt – Terror gegen das Andere des eigenen Selbst. Im Fall Goebbels wäre das zumindest gut vorstellbar, liegt das Gefühl des Unterlegenseins bei ihm doch offensichtlich auf der Hand. Beziehungsweise in seiner ganzen äußerlichen Erscheinung. Ein Zwerg mit Krüppelfuß und unverhältnismäßig großem Kopf. Außerdem kommen in diesem Fall noch Kränkungen hinzu, Zurückweisungen, die der Goebbels in seiner journalistischen Tätigkeit haufenweise hat in Kauf nehmen müssen. Verstehen Sie? Was ist denn unsere Abneigung anderes als unsere Zuneigung, die man zertreten hat! Also, jedenfalls. Worauf ich hinauswill, es gibt solche Menschen wie den Goebbels zuhauf, denen der Antisemitismus zur verkappten Religion geworden ist. Ihre Fixierung auf einen Punkt bringt sie dazu, die Welt auch aus einem einzigen Punkt kurieren zu wollen. Und so suchen sie diese Welt halt nach Beweisstücken ab, die ihnen bestätigen sollen, was sie schon immer gewußt haben. So ist das. Es geht nicht um Wahrheit hier, gewiß nicht. Man kann das beinahe experimentell nachweisen. Sprechen Sie nur einmal mit einem fanatischen Antisemiten, zum Beispiel über... (Schaut sich um, entdeckt das Salzfaß auf dem Eßtisch.) Zum Beispiel über das Salzfaß auf dem Eßtisch. (Nimmt es in die Hand, hält es hoch.) Ja. Sprechen Sie einmal mit einem fanatischen Antisemiten über dieses Salzfaß. Nach zwei Sätzen, sag ich, wird er bei der These angekommen sein, schon die alten Juden hätten beim Salzhandel aus Phönizien betrogen. Oder er wird sagen, der Prozentsatz jüdischer Angestellter in den staatlichen Salinen sei viel zu hoch. Aber das Salzfaß, das Salzfaß als solches – ist er schlicht nicht fähig zu sehen. Ich sag’s Ihnen. Weder als Salzbehälter noch als Behälter von Streit und Tränen erblickt er es. Auch nicht als Gradmesser der ehelichen Liebe. Und auch nicht als Mittel, um frische Weinflecken aus dem Tischtuch zu entfernen. Nein, der fanatische Antisemit sieht darin allein das, was ein anderer auch bei regster Phantasie in dem Salzfasse einfach nicht finden kann: den Juden...- (Setzt sich ans Schreibtischchen.) Und ich bin nun eben einmal Jude. (Trinkt.) Meine Eltern waren Juden. Beiderseits. (Steht auf, geht zum Sekretär.) Hier. (Nimmt die Photographie der Mutter mit Säugling in die Hand.) Ein Bild meiner Mutter. Der Säugling auf ihrem Arm, das bin ich. Meine Mutter... Regelmäßig bekam sie Schläge mit der Reitpeitsche. Wenn ich ihr aber zu Hilfe kommen wollte, bekam auch ich Schläge. Aber nicht vom Vater, sondern von ihr selbst. Das war ihre Weise, sich beim Mann einzuschmeicheln. Meine Mutter hatte jene Sklavenseele, die zufrieden ist, wenn man ihre Ketten nur fleißig vergoldet. Mich? Mich liebte sie so wie man eine Puppe liebt... (Stellt die Photographie zurück, nimmt dafür das Porträtbild des grimmig dreinblickenden Mannes in die Hand.) Das ist er. Mein Vater. War ein erfolgreicher Modearzt und Lebemann. Er haßte mich, ehe ich geboren war. Und mir kam immer, auch als ich schon ein reifer Jüngling war, derselbe Gedanke, wenn ich ihn mittags schlummern sah: Jetzt könntest du es tun, Theodor, erwürge ihn, und alle wären befreit... (Stellt auch das Porträtbild zurück an seinen Platz.) Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich an Elternhaus und Schuljahre zurückdenke. Daß ich hindurchkam, ohne völlig zerrüttet zu werden. Daß mich die seelischen und auch körperlichen Marterungen nicht in den Tod trieben... Aber das nebenbei. (Atmet tief ein und aus.)
    Das vorn an. Hiermit beginnen, wenn KLIO da war und ihn auf seine Ursprünge brachte, darauf, wessen er sei. Die antisemitischen Studenten dann ableiten und thematisieren, meinetwegen. Methodisch ist das zu verwerfen, was also den Antisemitismus betrifft. Es ist primitiv, Antisemitismus so zu begegnen. Eine sehr viel klügere Entgegnung ließe sich über konkrete Vorwürfe erzeugen. - Einige Füllwörter streichen: SCHLIESZLICH, DANN...
    Jedenfalls waren sie Juden, beide. Aber mir wurde erst in der Schule bewußt, was es heißt, als Jude geboren zu sein. „Jude, Jude Itzig, mach dich doch nicht witzig!“ sangen sie in der Schule. Worauf ich jeweils losbrüllte: „Macht doch ihr mich nicht witzig!“...- Wenn ich mir das recht überlege heute, dann lag in dieser meiner Erwiderung eigentlich schon meine ganze spätere ‚Philosophie der Not’. (Überlegt.) Sehen Sie, Denken ist Funktion der Not. Wissen und Leiden sind identisch. Verstehen Sie? Jedes Wissen bedeutet die Beseitigung eines kleinen Schmerzes. Jeder Schmerz ist das Tor zu einer neuen Vollkommenheit. Der Geist ist das Ergebnis, ist die Blüte aller Not... (Hält inne, winkt ab.) Aber dafür ist es zu spät. Dafür reicht die Zeit nicht mehr. (Überlegt.) Nur eines noch, ganz kurz. Ich merkte also, daß ich Jude bin. Aber sehen Sie, ich wußte dennoch nicht, was das eigentlich sein soll, ein Jude. Wann ist man ein Jude? Wie sieht ein Jude aus? Als ich meine Mutter danach fragte, wurde sie verlegen und zeigte mir einen auf der Strasse an uns vorbeigehenden Kaftanjuden mit Schläfenlocken. Das also war der Jude... Ich sah keinen Bezug zu mir. Ich... (Fuchtelt plötzlich wild herum, eine Fliege verscheuchend.) Ah! Fliegen! Schreckliche Viecher, das. Aber egal, ganz egal. (Geht zum Fenster, sieht hinaus, geht dann zum Spiegel, schaut sein Bild an. Berührt sein Gesicht.) Das ist also... Ich meine, sieht so... Habe ich das Gesicht eines Juden? (Streicht sich über die Nase.)
    Ist das die Nase eines Juden? (Schüttelt langsam den Kopf, sagt aber...) Ja.
    (Beißt sich in den Handrücken.) Ich kann sie nicht lieben, diese großen Spiegel. So teilnahmslos spiegeln sie und sind dabei so tief wie die Welt. (Geht langsam zum Schreibtischchen, setzt sich hin. Die Muse Klio rührt sich, kommt zu ihm, zieht ihm die Schuhe aus. Er, mit zittriger Stimme...) Ach, wären doch meine vielen Gegner hier heute. Ich hätte sie alle einladen sollen.
    (Lächelt gequält.) Endlich könnt ich denen auch mal eine Freude machen und sagen: Meine Herren, ich gebe jetzt meinen Geist auf; ich bin froh, meine Herren, daß Sie das besorgen für mich, denn bei Ihnen geht dies entschieden viel leichter als es mir fällt.
    der faden ist verloren...
    (Zeigt auf Zischka und Eckert.) Statt dessen schickt man zwei Dumme, die überhaupt nichts verstehen. (Klio zaubert Wasserkrug und Lappen hervor und beginnt, Lessings Füße zu waschen. Langsam Licht aus; beleuchtet bleiben vom Kerzenschein Lessing, dem Klio die Füße wäscht, und Zischka und Eckert vom Licht der Öllampe.)


    ZISCHKA: S wird Zeit, Eckert. Bist soweit?
    (Eckert nickt.)
    ZISCHKA: Alsdann. Laß uns den Jud abknallen!
    ECKERT: Ja, Zischka. Laß uns den Jud abknallen! (Sie stehen auf und gehen durch die Tür ab. Eckert kommt nochmal zurück, um eine Kartoffel mitzunehmen.)
    ECKERT: 80000 Reichsmark! (Eckert macht die Öllampe aus. Bühne im Dunkeln, bis auf Lessing, der im Kerzenschein hockt. Vorhang.)


    (Ende 1. Akt)
    Die Idee, daß L. um seinen vorschnellen Tod ahnt, ist nicht schlecht, erklärt aber nicht sein flatterhaftes Getue.

  18. #18
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    Post AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Fortsetzung: Sinngebung des Sinnlosen


    2./3. Akt, Schluss


    Personen


    Hindenburg
    Klio
    Theodor Lessing




    2. Akt


    (Bühne im Dunkeln, bis auf Lessing, der im Kerzenschein an der Schreibmaschine hockt und tippt. Plötzlich wird er von einer Fliege gestört, unterdrückt einen Ausbruch.)


    Fliegen! Verdammt lästige Fliegen! Nietzsche warnt ja alle Schöpferischen. "Sie wollen dein Blut. Sie sind dankbar, wenn du bescheiden genug bist, eitel zu sein. Geh in die Einsamkeit." Schreibt Nietzsche. "Geh in die Einsamkeit. Du bist zu gut, um Fliegenwedel zu sein." Recht hat er, der Nietzsche. Verdammt lästige Fliegen!


    (Beruhigt sich, denkt nach. Schüttelt den Kopf.)


    Bald sind sie da. Kann nicht mehr lange dauern jetzt. Der Tod kommt immer, wenn man an ihn glaubt. Viel zu bald.


    (Starrt das Blatt in der Schreibmaschine an.)


    Manchmal frage ich mich, wie es gekommen wäre, wenn ich diesen Aufsatz über Hindenburg nicht geschrieben hätte, damals, vor acht Jahren. Was hätte ich statt dessen alles schreiben können!


    (Macht eine nachdrückliche Pause.)


    Ein Weltsystem! Ich besitze heute ein geschlossenes Weltsystem. Ich nenne es: "Philosophie der Not". In all den Jahren ist es gewachsen, sind meine drei persönlichen Zentrallehren zur vollen Klarheit gereift. Meine Dreisphärentheorie. Meine Lehre von Stauung und Rauschsurrogat. Meine Ahmungspsychologie, aus der sich meine ganze Charakterologie entwickelt hat. Ja, ich habe mein Weltsystem vollendet!


    (Sackt zusammen auf dem Stuhl und in sich.)


    Aber eben, eben nur im Kopf...


    (Macht eine Pause.)


    Was soll ich also sagen? Der letzte Bescheid meiner Weisheit, der Krönung meines Denkens - bleibt ungeschrieben.


    (Hebt die Hände über den Kopf, als flehe er die Zimmerdecke an, und spricht auch so.)


    Meine "Philosophie der Not"!


    (Macht eine Verschnaufpause, in der er sich besinnt.)


    Der Traum meines Lebens war's. Ich hatte auch einen Verleger. Aber nein, alles kam anders. Der Weltkrieg brach aus. Von der ersten Minute an war ich besessen vom Gedanken: Wie lässt sich dieser Wahnsinn aufhalten? Mein Verleger aber fragte sich: Wie kann ich dem Vaterland dienen? Er war einer der ersten Kriegsfreiwilligen. Von seinem Tod weiss ich nicht viel. Er starb gleich nach dem Ausmarsch beim Sturmangriff. Dann brach bald alles zusammen, Sie wissen das, der Krieg geht verloren und Deutschland in Trümmer. Was will man! Damals entflog der unsterbliche Teil von mir.


    (Ist immer leiser geworden beim Sprechen, jetzt Stille.)


    Ich habe dann mein Weltsystem zerschneiden müssen. In kleinere Formen. In hundert Feuilletons und Essays. Was will man! Davon kann unsereiner immerhin Brot kaufen. Und so sagte ich's denn halt in der Zeitung und leider Gottes nicht sehr erhaben. Denn sonst wär's ja kein Zeitungsartikel mehr. Sonst wär's ja - Philosophie! Und Philosophie, das erlaubt das Gesetz der Zeitung nicht. Aber Feuilletons! Ich sag's Ihnen, Feuilletons tut sich einer nur an, wenn er dringend Geld braucht. Sie ahnen ja nicht, was es bedeutet, ein Feuilleton zu schreiben! Viel leichter als zehn Zeilen Feuilleton schreibe ich Ihnen zehn Seiten wissenschaftliche Abhandlung! Weil ich halt ein Schwätzer bin. Ein Gelehrter darf ein Schwätzer sein. Aber Feuilletons, Feuilletons müssen kurz sein. Und das kostet Zeit. Aber ich hab keine Zeit mehr! Keine Zeit, um das Gesamtbild meines Weltsystems zu schreiben.


    (Schluckt leer.)


    Ich muss jetzt wirklich... Meine letzten Worte!


    (Denkt nach, zögert mit Tippen. Reisst das Blatt aus der Schreibmaschine. Steht auf.)


    Es geht nicht! Es geht einfach nicht! Weil die Zeit, die Zeit reicht einfach nicht mehr hin. Und alles wegen dieses läppischen Aufsatzes über Hindenburg!


    (Langsam breitet sich Licht aus. Klio kauert in einer Ecke, reglos. In der Mitte der Bühne steht aufrecht, in der Uniform des Feldmarschalls: Hindenburg. Lessing überfliegt die Zeilen, die er soeben geschrieben hat, und zerknüllt das Papier. Geht um Hindenburg herum.)


    Hindenburg! Ein Charakterbild dieses Menschen habe ich gegeben. Nicht mehr, nicht weniger. Ein Charakterbild, Herrgott nochmal, ein ganz und gar unpolitisches Charakterbild!


    (Schreit den letzten Satz fast, behält sich aber im Griff. Wendet sich dem Publikum zu.)


    Als Charakterologe muss unsereins die Züge der Wirklichkeit überzeichnen, das sehen Sie ein. Einfach um die Wahrheit und das Wesen der empirischen Person... herauszulösen. Nun ja, so habe ich verschiedene Reden Hindenburgs miteinander kombiniert. Einfach um dadurch einen Gesamteindruck herzustellen. Dieses Mosaik ist dann kein Abklatsch der Wirklichkeit, nein. Vielmehr zeigt es gerade das Wesentliche!


    (Wirft das Papier in den Kübel, geht dann vor Hindenburg auf und ab, nachdenklich.)


    Arthur Schopenhauer schrieb eine Abhandlung unter dem Titel: "Von dem, was Einer vorstellt." Darin setzt er auseinander, dass im Menschenleben wenig darauf ankomme, was man ist, viel aber auf die Meinung der anderen. Denn für die anderen bedeutet man immer etwas. Und ist doch so. Was weiss denn der eine vom anderen? Dass du blonde oder schwarze Haare hast, dass du gross bist von Wuchs oder klein. Nach solchen Merkmalen bauen sich die Menschen ihr Weltbild. Ein Weltbild, das keine andere Wirklichkeit hat als die, die uns äusserlich erscheint. Ist doch so. Diese Wirklichkeit nun nenne ich Illusionsfassade. Ein Begriff, der eigentlich schon längst neu in die Sprache eingeführt gehörte. Hier.


    (Zeigt auf Hindenburg.)


    Das ist nicht Hindenburg, der Mensch. Nein, Sie sehen hier Hindenburg, die Illusionsfassade. Eine prachtvolle Uniform und viele Orden an der Brust. Und diese Uniform, diese Orden lassen die Frauenherzen höher schlagen. Begreiflich. Wenn aber derselbe Mensch, der jetzt in dieser Uniform steckt, in abgetragener Kleidung hier erschienen wäre? Ich sags Ihnen, er würde sofort zum gewöhnlichen Sterblichen in Ihren Augen!


    (Macht eine Pause.)


    Das meine ich mit Illusionsfassade. Ein Bild, von dem durchaus nicht gewiss ist, ob es Abbild der Wirklichkeit oder eine Fatamorgana ist. Hier, sehen Sie ihn sich doch an, den alten Hindenburg. Die Glut eines Volkes brannte für ihn. Aber, wenn man ihn aus nächster Nähe kennt, erscheint er vielleicht wie ein leeres Gefäss. Ein leeres Gefäss, sag ich, in welches die Flamme eines Volkes den Inhalt goss.


    (Spricht leise weiter.)


    Es leuchtet ein, dass sich als weitaus beste Illusionsfassaden Typen erweisen, die nicht grübeln, nicht philosophieren, sondern einfach stramm dastehen und Vaterland darstellen. Also frage ich Sie: Welcher Mensch eignete sich besser zur Statue, zum Symbol - als dieser!


    (Weist auf Hindenburg.)


    Hindenburg! So einfach, so gradlinig und selbstverständlich hat ihn die Natur gewollt...


    (Macht eine denkerische Pause.)


    Verstehen Sie mich. Deutschland wählte sein neues Staatsoberhaupt, und dieser Mensch stand zur Wahl. In den Tagen vor der Wahl habe ich meinen Hindenburg-Aufsatz geschrieben. Einfach um die Illusionsfassade dieses Menschen einzureissen und ein für allemal zu zerstören. Das ist alles.


    (Zuckt die Achseln.)


    Aber das wollten eben die braven deutschen Jungen nicht, dass ein Jude ihnen einen anderen Hindenburg zeigt als diesen hier, den sie sehen wollten. Und so fanden die deutschen Jungen eben, dass solches zu schreiben nicht deutsch, nicht vaterländisch sei. Aber was wissen die denn? Nichts wissen die, gar nichts. Aber ich...


    (Macht eine Pause, holt tief Luft.)


    Es war an einem Jahrestag der Schlacht von Tannenberg. Ich war damals an einem Gymnasium der Stadt als Lehrer tätig, aushilfsweise. Die Schulen sollten "Deutschland über alles!" singend an Hindenburgs Haus vorüberziehen. Hunderte von hellbegeisterten Kindern gingen also unter Führung der Lehrer froh jubelnd an dem alten Mann vorüber. Da wollte es der Zufall, dass ich gerade vor dem Alten stand, Aug in Auge, als er die Hand hob und eine Ansprache begann.


    (Hindenburg hebt die Hand.)


    Ich erinnere mich gut daran. Hindenburg sprach voller tiefsten Ernstes.


    (Hebt die Hand, macht Hindenburg nach. Lessing spricht lautlos, Hindenburg gleichfalls, aber laut.)


    "Deutschland liegt tief darnieder. Die herrlichen Zeiten des Kaisers und seiner Helden sind dahin. Aber diese Kinder hier werden das alte Reich erneuern. Sie werden wiederkommen sehen die herrliche Zeit der grossen siegreichen Kriege. Siegreich werdet ihr in Paris einziehen, Kinder. Ich werde es nicht mehr erleben. Ich werde dann bei Gott sein. Aber vom Himmel werde ich auf euch niederblicken und werde mich an euren Taten freuen und euch segnen."


    (Die Hände gehen wieder runter.)


    Dies sagte er. Und alles in heiligstem Ernste! Man fühlte, dieser alte Mann glaubt Wort für Wort, was er da sagt. Auch dass er nach dem Tod zu Gott kommt, auf einer Wolke hockt und sich von bevorzugtem Sitze aus Deutschland betrachtet. Eines der Kinder zeichnete später ein Bild in der Schule, Hindenburg als Engel auf der Wolke schwebend. Also, da haben Sie's. Und nun, was habe ich dann über Hindenburg geschrieben? Nichts weiter, nur: Hindenburg sei eine klare, wahre, redliche und verlässliche Natur. Ohne Problematik. Ohne Falschheit. Aber man solle sich dennoch in Acht nehmen, denn von dem Augenblick an, wo dieser unpolitischste aller Menschen zu einer politischen Rolle missbraucht werde, würde entscheidend, dass dieser Mann durch und durch Mann des Dienstes sei. Wie ein guter und treuer Bernhardiner halt. Und weiter habe ich geschrieben, dass nach Plato die Philosophen Führer der Völker sein sollen - und mit Hindenburg jedenfalls kein Philosoph den Thronstuhl besteige. Das habe ich geschrieben, ja. Dass mit Hindenburg nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero den Thronstuhl besteige, hab ich geschrieben. Man kann sagen: Besser ein Zero als ein Nero. Leider zeigt die Geschichte, dass hinter einem Zero immer ein Nero verborgen steht. Auch das habe ich geschrieben. Und das also fand ein Fähnlein Studenten nicht vaterländisch. Aber, ach, was wissen die schon! Es ist die Nachkriegsjugend, sie hat keine Ahnung vom Krieg und darum weiss sie auch nichts vom Hindenburg. Sie glaubt das Vaterland zu retten, diese Jugend. Und mich nennt sie einen Vaterlandsverräter, weil ich einen Aufsatz über Hindenburg schrieb.


    (Winkt kopfschüttelnd ab.)


    Ach, nichts wissen die! Sie kennen die alte Herrlichkeit des Imperiums nur aus ihrem Schullesebuch und ergreifen die Ideale ihrer Grossväter, weil es nicht die ihrer Väter sind. Nichts wissen die, gar nichts! Aber ich... Ich erinnere mich. Ja, ich erinnere mich! Wenn ich nur die Augen schliesse, dann sehe ich alles wieder vor mir. Als wäre es gestern gewesen...


    (Schliesst die Augen.)


    Ungezählte Scharen, ungezählte, die deutschen Geschütze, die deutschen Pferde, die deutschen Husaren und Jäger, wie sie ihres Weges ziehen, Schritt um Schritt in den von Millionen anderen Füssen vorgebahnten Stapfen voran drängend, durch Schotter und Kreideschlamm, und allen klang dumpf und stumpf aus dem eintönigen Stampfen des Marschtaktes immer dieselbe, immer dieselbe irrsinnige Melodie:


    (Fängt leise an vor sich hin zu singen.)


    "Und mit Klingelingeling,
    und mit Singesangesang,
    gehn wir Schritt so um Schritt,
    in den Tod, Tod, Tod!"


    (Macht eine Pause, die Augen immer geschlossen. Fährt fort, als spräche er sein letztes Gebet.)


    Einen endlosen Zug von Todgeweihten sehe ich, wenn ich die Augen so geschlossen halte. Zuweilen löst sich ein mir vertrautes Gesicht aus der grossen Schattenkarawane. Ach, ich sehe immer mehr, immer mehr. Und sind doch alle nur ein paar Blätter, die vom Baume fielen. Und am Weihnachtsabend zünden viele Mütter ihr Lichtlein an und denken an einen, den nur sie kannten, sie ganz allein, und der ihr alles war und nun schon so viele Jahre dahin... Ja, ich erinnere mich. Bevor ihr losmarschiert seid, habt ihr ein Päckchen mit Honigkuchen bekommen. Vom Hindenburg. Denn der Alte hat ein gutes Herz. Ja, ein gutes Herz. Das sagtet ihr alle. Und dann zogt ihr die grosse Strasse hinunter und seid niemals wieder gekommen.


    (Bleibt regungslos stehen, lässt eine Minute verstreichen. Als er die Augen wieder öffnet, ist Hindenburg verschwunden.)


    Was soll ich also sagen! Die Welt ist meine Not! Sie beginnt an der Stelle, wo das Leiden, wo das Sichwehren beginnt. Nichts anderes ist wahr und glaubwürdig an der ganzen Komödie der Geschichte, ich sag's Ihnen. Nichts als die Not und...


    (Wird von einer Fliege geplagt.)


    Ah! Verdammte Fliegen! Nichts als die Not, der Schmerz, das Leiden ist wahr, sag ich!


    (Geht zum Fenster, wirft einen Blick hinaus. Schüttelt ein bisschen ratlos den Kopf.)


    Mich friert. Ende August, und mich friert.


    (Die Muse Klio rührt sich, kommt mit einer Wolldecke, legt sie ihm um die Schultern, sinkt zu Boden und verharrt.)


    Sie werden kommen. Es kann nicht mehr lange dauern.


    (Beginnt auf und ab zu gehen, in die Wolldecke gehüllt.)


    Hundert Zeitungen und Druckschriften erscheinen heute in Deutschland, Tag für Tag, Stunde für Stunde, um alle Not einer himmeltraurigen Zeit auf einen Sündenbock zu bürden. An jeder Plakatsäule prangt das Wort: "Juden sind ausgeschlossen" - wo es in Wahrheit heissen sollte: "Die Vernunft ist ausgeschlossen."


    (Zeigt die Faust.)


    Etwas muss geschehen! Es muss einfach. Alle sollten wir um einen grossen Tisch sitzen und einmal nachdenken darüber, wie wir die ewige Ungerechtigkeit beenden. Doch nein. Statt dessen brüllt ein jeder: Vaterland! Und hat dabei Schaum vor dem Mund... Vaterland! Verstehen Sie? Ich verstehe nicht, jedenfalls. Was ist denn das, Vaterland? Ich weiss es nicht. Nicht mehr. Als ich ein gutgläubiger und braver Junge war, da fühlte ich mich in Ehrfurcht bereit zu sterben für das, was da Vaterland hiess. Aber was denn war es? Bis heute frage ich mich das vergeblich. Was meinen die, die da behaupten, ich sei vaterlandslos, sie aber hätten, nein, sie wären das Vaterland? Ist es das Blut? Ist es die Rasse? Vaterland, sagen sie, das sei Liebe. Liebe zu Deutschland. Aber wenn sie von Liebe sprechen, warum bekommen sie dann böse Augen?


    (Spricht leise weiter, wird lauter und schreit schliesslich.)


    Ich weiss es nicht. Nur in den stillsten Stunden, so wie jetzt, da ahne ich etwas. Ich ahne, dass die grossen Worte, welche die Menschen gerne im Mund führen, Worte wie Gott, Menschheit, Staat, Worte wie Vaterland halt, dass diese grossen Worte eigentlich allesamt nichts anderes sind als Umschreibungen für etwas ganz anderes, nämlich: Ich! Ich, Ich und nochmals Ich. Das meinen, das allein kennen sie. Vaterland, das ist Ich.


    (Macht eine Pause.)


    Wir Menschen drehen uns letztlich eben immer um unser liebes Ich. Was will man! Es geht scheinbar einfach nicht ohne Illusionen. Aber ich hätte grosse Lust jetzt, denen ihr Ich zu verleiden. Einfach indem ich ihnen beweise, dass es ihr Ich gar nicht gibt. Denn wenn die Ich sagen, so ist das nur eine Redensart. Tatsächlich ist ein Ich gar nie vorhanden. Jawohl, so ist das. Ich, das gibt es nicht. Bin ich etwa meine Drüsen! Oder mein Liebesleben oder mein Gallenleben? Meine Organe tun ja doch, was sie wollen. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Ihren Schlagworten wie "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile". Geschwätz, alles Geschwätz! Die bekannten Idiotismen! Selbstverständlich, natürlich, in der Mitte thront immer das souveräne Ich. Und das Ich meint immer, es wäre da. Aber ich sag's Ihnen, in Wahrheit ist es schon futsch, das Ich, im selben Moment, wo der Magen anfängt, sich selbst aufzufressen. Das tut er nämlich, der Magen. Wenn man nicht wieder was anderes hineinstopft, frisst er sich selber. Das ist dann beginnende Unsterblichkeit, wenn endlich jede Zelle jede andere fressen darf. Verstehen Sie? Es gibt kein Ich. Es gibt nur einen momentanen Gleichgewichtszustand einander fressenwollender Atome. Und so ist die Lage in diesem Deutschland, genauso. Vaterland, das ist nichts anderes als Wille zur Macht, als Wille zum Versklaven immer der anderen. So ist das.


    (Schüttelt resigniert den Kopf, schweigt eine Weile. Seufzt.)


    Dieser Mann ist ein Zero, aber dahinter steht der Nero. Das habe ich geschrieben, jawohl. Und das, das stimmt auch.


    (Geht an eines der Fenster, schaut hinaus.)


    Irgendwo da draussen im Dunkeln hält genau in diesem Zeitpunkt der neue Kanzler des deutschen Reichs, der Mann mit der Trommel, eine grosse aussenpolitische Rede, eine, die zu Tränen rührt, freilich. Nicht Jesus, nicht Buddha könnten frömmer, menschlicher reden. Und während der Hitler also redet und redet, steht Deutschland bis an die Zähne bewaffnet da. Giftgase werden aufgespeichert in kaum noch vorstellbaren Mengen. Tanks, Kanonen, neue Gewehre werden gebaut. Wahrlich, ganz Deutschland ist ein Kriegslager heute. Aber man sieht es nicht, weil es dunkel geworden ist und weil man den wunderbaren Reden des Führers lauscht. Reden über Menschenliebe und Völkerbündnisse und Vaterland. Ach Gott, nie ist Deutschtum so unecht und unwirklich gewesen wie heute, wo der grässliche Schwulst hitlerischer Reden Ausdruck der deutschen Seele, wo all der Hass der unzähligen Goebbels Offenbarung deutscher Natur sein soll. Kranke Figuren der Zeitgeschichte sind das, ich sag's Ihnen, wie's ist. Innerlich ausgebrannt und allzeit zum Mord bereit. Wie eine Zwiebel ist ihr Deutschsein. Wie eine Zwiebel, sag ich, ohne jeden Kern.


    (Hat die letzten Worte verärgert gesprochen.)


    Hitler also. Es kommt jetzt gar nicht an auf den wirklichen Menschen. Geschichte steigt aus Mythe und endet in Mythe. Doch sehen Sie, der Mittelpunkt jeden Sturms ist ja der völlige Nullpunkt. Und Hitler mag der Nullpunkt sein. Jedenfalls aber deutet er auf den Sturm, der Mann mit der Trommel.


    (Überlegt.)


    Es bedeutet nichts Gutes, wenn so laut getrommelt wird. August 1914 wurde genauso getrommelt. Damals wurde ein Volk in den Tod getrommelt. Aber nie wird so viel getrommelt als dann, wenn man die Ruhe des Friedhofs will...


    (Zuckt zusammen, beisst sich in den Handrücken.)


    Mein Gott! Da. Da sind Schatten, unten auf der Strasse. Das sind sie. Sie kommen. Sie kommen mich zu morden.


    (Steht wie erstarrt vor Angst.)


    Muss weg! Muss weg von hier!


    (Wirft die Wolldecke von sich. Schaut halb panisch umher, greift rasch nach dem Bild seiner Mutter und eilt zur Tür. Aber dort steht die Muse Klio und streckt ihm ihren Arm entgegen. Er bleibt stehen, sieht sich im Spiegel, sieht Klio an, dann das Bild in seiner Hand. Ist verzweifelt.)


    Was soll ich tun? Was soll ich denn bloss...


    (Kämpft innerlich, ballt dann die Fäuste.)


    Muss bleiben!


    (Atmet schwer ein und aus und ein.)


    Philosophie als Tat. Philosophie der Not. Muss bleiben.


    (Sucht und findet Fassung.)


    Tut mir leid. Tut mir leid. Ich wollte nicht... Sie müssen das verstehen. Leben kann eben nur leben wollen. Glauben Sie mir, es stirbt sich viel leichter, wenn die äusseren Bedingungen in Ordnung sind. Es fehlt dann der Zwang, sich das Leben retten zu müssen. Tut mir leid. Ich muss mich zusammenreissen.


    (Geht langsam zum Fenster, sieht hinaus.)


    Aber... Die Strasse... ist leer. Wo sind die hin? Worauf warten die?


    (Schreit.)


    Worauf warten die?


    (Beruhigt sich langsam wieder.)


    Wie heiss es plötzlich ist.


    (Führt sich mit dem Unterarm über die Stirn.)


    Ich schwitze. Ich bin ja ganz nass.


    (Setzt sich an den Esstisch. Die Muse Klio rührt sich, kommt mit einem Tuch, um damit sein Gesicht abzutupfen und ihm dann Wind zuzufächern. Er steht auf, plötzlich.)


    Ein Deutschland hoffnungsloser Verdummung ist das! Ein Deutschland, in dem ein Geschlecht heranwächst, für welches das Wort "Jude" gleichbedeutend sein muss mit Begriffen wie Schädling, Schmarotzer, Wucherer, Verbrecher...


    (Eine Fliege plagt ihn.)


    Ah, Fliegen, verdammte Plagegeister! Ich hasse sie!


    (Folgt mit dem Blick der Fliege im Raum. Greift dann nach ihr, fängt sie. Hält sich die Faust, in welcher die Fliege ist, ans Ohr.)


    Der Volksglaube macht sie ja zum Begleiter des Teufels, die Fliegen. Recht hat er, der Volksglaube.


    (Lässt die Fliege frei.)


    Wo war ich? Ah ja, ich weiss, ich weiss wo ich war. Beim Deutschen war ich, beim Deutschen, der das Wort Jude nur noch ergreift als brauchbar zur Bezeichnung alles ihm Ekligen, das Wort Deutsch aber als Namen für das schlechthin Herrliche...


    (Geht zum Esstisch, holt das Weinglas, trinkt.)


    Sehen Sie, ich war ein braver und reiner Junge. Doch ich musste lernen: Auch wenn ich noch tausendmal braver und reiner gewesen wäre. Auch wenn ich ein Wunder gewesen wäre an Seele und Leistung. Alles, alles, alles wäre doch umsonst gewesen. Sie nahmen mich nicht an. Sie empfanden mich als fremd. Immer schon. Ich, der Jude. Und keine Tat, kein Werk hätte mir so genutzt, wie es mir genutzt hätte, wenn ich, sagen wir, Stoffel geheissen hätte, Christian Stoffel, Sohn eines deutschen Bauern mit Niedersachsenschädel und einer blondhaarigen Frau...


    (Hält inne, als sein Blick den Spiegel trifft.)


    Ich, der Jude.


    (Schmeisst das Glas gegen den Spiegel, schreit.)


    Bin ich denn nichts ausserdem? Was habe ich getan? Womit habe ich das verdient?


    (Beruhigt sich langsam, setzt sich auf einen Stuhl, seufzend.)


    Ich Narr. Ich armer Narr. Dabei weiss ich es doch besser. Der Spiegel ist da, so oder so. Denn die Welt ist immer ein Spiegel, und immer siehst du im Spiegelbild der Umgebung jede deiner Schwächen vertausendfacht. Zerschlage ruhig den Spiegel, armer Narr. Du zerschlägst doch nicht das Bild...


    (Macht eine Pause, nickt.)


    Ich weiss schon. Aber nein. Kommen Sie mir jetzt nicht mit "selbst schuld", weil meine Vorfahren vor zweitausend Jahren den Sohn Gottes gekreuzigt hätten. Jaja, gewiss, alle haben ihn erkannt damals, den Heiland, alle - nur die Juden, die nicht... Nun, ich zweifle! Hier und jetzt sage ich Ihnen: Ich zweifle! Und weiter sage ich: Ich weiss es nicht. Aber wenn ich auch nicht weiss, ob jemals unedlere Menschen, aus denen dann ich wurde, einen edleren umgebracht haben.


    (Wird lauter, wütender.)


    Wenn ich das auch nicht weiss. Eines, das weiss ich doch um so sicherer.


    (Ist an eines der Fenster gegangen und reisst es auf jetzt. Brüllt hinaus.)


    Dass ich, Theodor Lessing, als würdigerer Mensch von den unwürdigsten in Deutschland gekreuzigt werde! Jawohl, das weiss ich! Und ich sage, was ich weiss, jawohl! Ich habe ohnehin noch viel zu wenig erzählt! Hört ihr?


    (Schliesst das Fenster wieder. Beruhigt sich langsam, spricht leise weiter.)


    Das musste sein. Entschuldigen Sie. Aber sehen Sie, ich verrat Ihnen jetzt was: Die Natur selber hat der Weltgeschichte diesen allverwendbaren Sündenbock, diesen Drecksjud, geschenkt. Zum Gleichnis. Zum Spiegel aller. Punkt.


    (Setzt sich wieder an die Schreibmaschine, spannt ein neues Blatt Papier ein.)


    Sie bleibt unlöslich, die Judenfrage. Wie eben alles fraglos Lebendige unlöslich wird, sobald man - denkend, meine ich jetzt - an es herantritt, es antithetisch auseinanderzieht, in Sprache, in Gedanken auseinanderzieht und verbiegt und verdreht. Weil Leben richtet sich eben nicht nach Logik! Nein, ich sag Ihnen, wir lösen Widersprüche immer nur dadurch, dass wir sind, was wir sind. So einfach wäre es eigentlich.


    (Macht eine lange Pause. Schlägt dann wütend auf die Tischplatte.)


    Aber Menschen sind eben verhinderte Bestien. Und zum Gedenken daran schufen sie sich die Judenfrage.


    (Beruhigt sich.)


    So sehe ich das, und so ist es auch. Es ist kein Widerspruch, Jude und Deutscher in eins zu sein. Ich zum Beispiel, ich fühle mich immer dann besonders als Jude, wenn man die Juden angreift. Und als Deutscher, wenn man die Deutschen angreift. Und sollten einmal Juden und Deutsche gemeinsam über die Zulukaffern herfallen, ich sag's Ihnen, dann werde ich den Wunsch haben, Zulukaffer zu sein.


    (Schweigt.)


    Es ist tatsächlich so. Es ist kein Widerspruch, Jude und Deutscher zugleich zu sein.


    (Starrt lange das leere Blatt in der Schreibmaschine an. Da kommt die Muse Klio herangeschwebt, die Feder eines Schwans in der Hand, und streicht damit über seine Wangen. Er lässt es geschehen. Das Licht verlöscht. Lessing im Kerzenschein.)





    3. Akt


    (Lessing im Kerzenschein. Starrt das leere Blatt in der Schreibmaschine an. Steht dann unvermittelt auf, achselzuckend.)


    Womöglich sollte ich über ein leichtes Thema schreiben, über ein harmloses Thema. Womöglich über das Rauchen? Das wäre ein Thema, wahrlich! Angenehm zu behandeln bei einer guten Pfeife. Aber lächeln Sie nicht zu früh! Auch das Thema Rauchen hat nämlich tiefe philosophische Untergründe.... Aber lassen wir das. Ich will mich ja nur ablenken. Und das Rauchen, es ist nur eine schlechte Gewohnheit. Wobei, nun ja, das ganze Leben ist letztlich nur eine schlechte Gewohnheit. Aber eben, lassen wir das. Einzig vielleicht, ganz kurz... Woher kommt das Rauchen? Sehen Sie, ich denke, dass das Rauchen nichts Körperliches ist. Die leise Betäubung, die leichte Nervenlähmung, der sanfte Dämmer und Rauschzustand, nun ja, das alles mag durch Gewöhnung auch eine Rolle spielen. Aber wichtig scheint mir das Seelische des Rauchens zu sein. Ja, wahrlich, es ist ein tiefer, seelischer Vorgang, das Rauchen. Und nicht einmal der Tabakgenuss ist dabei wichtig, denn man könnte ja den Tabak auch kauen oder schnupfen. Nein, ich denke, allein das Träumen hinter dem Rauche her ist wichtig beim Rauchen. Dann nämlich stopft man sich die Pfeife, wenn innere Sammlung geboten ist. Rauchen, denke ich, ist wirklich das einzig mögliche Mittel, um Leidenschaften zu unterdrücken. Man versuche nur einmal, während des Rauchens entrüstet oder wütend zu sein... Es geht nicht.


    (Macht eine lange Pause.)


    Ich hätte jedenfalls nicht schlecht Lust nach einer guten Pfeife jetzt... Aber lassen wir das. Ich will mich ja nur ablenken.


    (Setzt sich wieder an die Schreibmaschine. Legt den Kopf in die Hände. Blickt auf nach einer Weile, sieht auf dem Esstisch die Schüssel mit den Kartoffeln. Resigniert.)


    Vielleicht wäre die Kartoffel das richtige Thema.


    (Steht auf, schlurft langsam zum Esstisch, nimmt eine Kartoffel in die Hand, betrachtet sie.)


    Die Kartoffel, warum nicht?


    (Hält die Kartoffel in der Hand wie Hamlet den Totenkopf.)


    Die Kartoffel wurde nach Europa gebracht, bekanntlich durch Sir Francis Drake. Es war im Jahre 1598.


    (Verstummt, versinkt ins Grübeln. Schüttelt den Kopf. Seufzt.)


    Ach Gott ja, wie die Zeit vergeht.


    (Legt die Kartoffel zurück in die Schüssel, setzt sich dann wieder an die Schreibmaschine, schaut lange auf das Blatt Papier, blickt dann auf.)


    Vielleicht fragen Sie sich, warum ich nicht flüchte? Ich frage mich das selbst. Aber wohin denn, frage ich Sie? Ich bin doch bereits hierher geflohen. Bei Nacht und Nebel habe ich Deutschland verlassen müssen, nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Jetzt lebe ich hier, in Marienbad, zwanzig Kilometer hinter der deutschen Grenze. Im Exil. Noch weiter fliehen? Die Schwester will mich nach Holland holen. Zionistische Freunde bitten mich, nach Palästina zu kommen. Ein ehemaliger chinesischer Schüler bot mir eine ProformaProfessur an, um mir die Einreise nach China zu ermöglichen. Aber soll ich mich denn darauf einlassen" Soll ich wirklich von einem Land zum anderen ziehen, ständig um Asyl bittend? So oder so, überall werde ich immer verfolgt sein und immer, bei jedem Spaziergang, mit dem Gedanken leben müssen, hinter dem nächsten Baum warte mein Mörder! Und stellen Sie sich doch nur einmal vor, ich, Professor für Philosophie, in Peking! Was soll ich denn in Peking? Ich hab meine Wurzeln doch hier. Wenn ich abgeschnitten bin von allem, was ich liebe und was ich doch verteidigen muss, was soll ich dann noch? Wofür kämpfen, wenn nicht um dieses... dieses verfluchte Deutschland?! Nein, ich gehe nicht mehr weg.


    (Macht eine nachdenkliche Pause.)


    In Paris las ich einmal auf einem alten Grabstein ein Wort, das mir seither unvergesslich folgt: "Jetez l'ancre et laissez flotter" - Wirf den Anker und lass dich treiben. Über dem Grab schaukelte am Ast einer Weide ein Spinnennetz im Wind. Ich sah, wie der Wind es schliesslich vom Zweige riss. Da wickelte sich die kleine Spinne fest in ihr Werk, ihr Gewebe, und gab sich ruhig dahin diesem Wind. "Du frommes Tier", dachte ich in jenem Augenblick. Denn dies ist Frommsein: freiwillig dem Schicksal sich hingeben, statt zu warten, bis wir unter Tränen es an uns geschehen lassen müssen. Verstehen Sie? Jetez l'ancre et?


    (Muss wieder eine Fliege abwehren.)


    Aber Fliegen! Ah, ich hasse Fliegen! Dafür mag ich Spinnen umso mehr. Denn die Fliegen sind deren Nahrung. Ja, ich liebe Spinnen. Ich kann kaum begreifen, wie man sie hässlich finden kann oder sich gar fürchten vor ihnen. Die Furcht erkläre ich mir einzig aus der Lautlosigkeit ihres schnellen Laufs... Dieses schöne Geschöpf! Keinerlei Sprache und Ausdruck hat es, als einzig sein Werk. Ich sag Ihnen, die Spinne ist das Urbild der Dichter. Denn sie muss bauen, bis sie bauend sich erschöpft und stirbt. Und das geschieht nicht für den Markt. Nicht für die Geschichte. Das geschieht auch dort noch, wohin nie ein Auge dringt, in der finstersten Gruft, in der entlegensten Höhle. Darum ist die Spinne das Urbild der Dichter. Auch wir schreiben unser Gedicht in Wüstensand. Jawohl. Und darum liebe ich die Spinnen.


    (Verscheucht mit einer raschen Handbewegung eine Fliege.)


    Ah! Und darum mag ich Fliegen nicht! Verdammte Fliegen! Aber ich muss jetzt... muss jetzt wirklich... meine letzten Worte!

    (Sitzt lange schweigend und bewegungslos da, ins Weiss des Papiers starrend. Schüttelt dann vehement den Kopf.)


    Zu spät. Es ist zu spät.


    (Steht auf, beginnt auf und ab zu gehen wie ein Panther im Käfig.)


    Es ist für alles zu spät. Zu spät. Viel zu spät.


    (Bleibt nahe der am Boden sitzenden Muse Klio stehen, mit Tränen in den Augen. Schreit mit erhobenen Händen.)


    Zu spät!


    (Klio streckt ihm ihre Arme entgegen, er hält sich fest an ihren Händen. Halb zieht sie ihn zu sich hin, halb sinkt er ihr entgegen. Sie nimmt sein Gesicht in ihre Hände, schaut ihm tief in die Augen.)


    Was für ein Mist!


    (Er steht auf.)


    Nein! Nein, sag ich!


    (Holt tief Luft.)


    Was ich in meinem Leben geschrieben habe... Alles vergeblich! Und jetzt? Nichts, nichts fällt uns Menschen schwerer als schweigend zu sterben. Aber es liegt eine tiefe Weisheit darin, dass bei Homer die Trojaner mit grossem Schlachtgeschrei, die Griechen aber ohne einen Laut sich in den Todeskampf begeben.


    (Macht eine kurze Pause.)


    Kein Wort schreibe ich.


    (Geht zum Fenster.)


    Der Mord an mir, er soll für mich sprechen. Soll sagen, was meine "Philosophie der Not" sagen wollte. Mindere die Not, denn noch leiden Millionen Geschöpfe Not. Millionen werden verunrechtet zugunsten weniger. Das mag Naturgesetz sein. Vernunftgesetz aber ist es nicht. Dies soll der Mord an mir sagen. Mindere die Not.


    (Überlegt.)


    Gewiss, es wird kein guter Mord sein. Kein echter Mord. Kein schöner Mord. Nur ein politischer Mord. Aber immerhin, immerhin achtzigtausend Reichsmark wert. Steht in der Zeitung. Soviel bin ich als Jude den Nationalsozialisten wert. Als toter Jude. Achtzigtausend Reichsmark für meinen Kopf!


    (Sein verzweifeltes Lachen bleibt ihm stecken im Hals.)


    Mein Gott! Was habe ich alles ein langes Leben lang über meinen Kopf hören müssen. Auf der Schule hiess es, mein Kopf sei kein Lernkopf. Auf der Universität sagten sie, mein Kopf sei ein Wirrkopf. Die Kollegen meinten, es sei ein Querkopf. Ein Kritiker schrieb, es sei kein politischer Kopf, ein anderer, mein Kopf sei kein historischer Kopf. Und so weiter und so fort. Und ich zerbrach mir den Kopf dabei und verdiente nichts damit. Und nun achtzigtausend Reichsmark! Nie hätte ich für möglich gehalten, dass mit meinem Kopf einmal so viel zu verdienen wäre.


    (Klatscht blitzschnell die Hände zusammen; erwischt die Fliege.)


    Hab ich dich!


    (Legt das Insekt neben die Schreibmaschine. Geht dann wieder ans Fenster und schaut schweigend hinaus.)


    Wie still es doch ist im Haus, jetzt. Wenn alle Zimmer einmal einsam und verlassen sind. So still. So friedlich. Und es regnet. Seltsam, ich habe gar nicht gemerkt, wann es begonnen hat. Aber ist schon recht. Der Regen tut einem schliesslich nichts...


    (Beginnt auf und ab zu gehen. Bleibt stehen dann, abrupt, entschlossen.)


    Ich rauche jetzt eine Pfeife!


    (Nimmt eine Pfeife aus der Schublade des Sekretärs, beginnt, sie zu stopfen. Klio rührt sich, gleitet zum Grammophon. Musik beginnt: Schuberts "Der Tod und das Mädchen". Er geht mit der Pfeife zum Schreibtisch, nimmt dort die tote Fliege, legt sie auf den Tabak.)


    Es ist gut so. Was will man! Ich warf eine Flaschenpost ins Eismeer der Geschichte. Aber wer nicht alles gesagt hat, hat nichts gesagt. Ich warf eine Flaschenpost ins Eismeer der Geschichte, sag ich, und die Geschichte antwortet prompt und voll Sinnlosigkeit. Schickt ihre Mörder und Mördershelfer los. Empfänger: Ich, Theodor Lessing. Hier, jetzt. Was will man! Es ist gut so.


    (Tastet sich ab nach einer Zündholzschachtel.)


    Zündhölzer... wo hab ich denn... Eine sinnvolle Erfindung übrigens, Zündhölzer. Während sie nützen... Wo hab ich denn bloss?


    (Findet keine, schaut sich um, entdeckt die Kerze, geht langsam zum Esstisch.)


    Habe ich der Welt noch irgend etwas zu sagen? Meine letzten Worte? Aber sie will ja ohnehin nur betrogen sein, diese Welt. Schauspieler sollen wir alle sein in ihr. Illusionsfassaden! Wer sich offenbart, der wird bald verlassen. Ja, so ist das. Unverlierbar blüht dir nur, was du in stiller Einsamkeit an dir selber hast. Aber ist schon gut so...


    (Nimmt die Kerze.)


    Auch das, eine sinnvolle Erfindung, Kerzen. Während sie nützen, beseitigen sie sich auch gleich selbst.


    (Zündet mit der Flamme der Kerze die Pfeife an, nimmt einen Zug, bläst dann den Rauch aus.)


    Ah! Kein Zug so schön wie der erste!


    (Raucht schweigend, träumt dabei dem Rauch hinterher.)


    Da! Blicken Sie nur nach den blauen Wolkenschwaden! Sehen Sie nur. Mir kommt immer ein Gedanke, der mich tröstet, wenn ich so rauche: Ich bin jetzt Weltenschöpfer. Ich rauche hier in meinem Stübchen Weltgeschichte. Sehen Sie nur.


    (Inhaliert, bläst Rauch aus.)


    Diese graublaue Karawane, das sind die Scharen Alexanders.


    (Inhaliert nochmals, bläst wieder aus.)


    Und jetzt kommt die Völkerwanderung... Jetzt jagen die Hunnen...


    (Blickt aus den Augenwinkeln zum Fenster.)


    Ich glaube, sie sind da. Draussen, vor dem Fenster. Ja, ich fühle es. Sie zielen auf mich, mit Pistolen. Um diese Uhrzeit müssen sie kaum noch mit Spaziergängern rechnen. Also gut. Also gut. Ich bin bereit. Ich habe nichts mehr zu sagen. Keine letzten Worte, nur Schweigen. Man wird mich vergessen. Ja. Und das ist gut so. Man soll mich vergessen. Eben dafür wird der Mord an mir stehen, eben dafür wird er zum Symbol werden... Aber das kann er nicht, der Mord, nicht ohne den Mörder. Also gut.


    (Raucht, bläst aus.)


    Aber sehen Sie, sehen Sie hier. Dieser dicke Schwaden, sehen Sie nur, Napoleons Heere und Völkerkriege und Revolution. Rauch alles, alles verwehender Rauch!


    (Hält inne. Blickt zum Fenster.)


    Warum schiessen die nicht endlich?


    (Geht zum Fenster, schaut hinaus.)


    Aber... Da ist niemand! Aber warum...


    (Sieht zur Schreibmaschine hin, lässt die Pfeife sinken. Schlurft langsam zum Schreibtischchen. Hockt sich hin, legt die Pfeife beiseite, starrt das leere Blatt an. Bläst die Kerze aus. Steht dann auf, vernichtet.)


    Warum kommen die nicht?


    (Schreit.)


    Ich habe ein Recht auf meinen Tod!


    (Schweigt lange.)


    Küss mich, Klio, Muse der Geschichte, gute alte Hure, bitte küss mich!


    (Sinkt vor Klio auf die Knie. Klio nimmt wieder sein Gesicht in ihre Hände. Er weint. Sie gibt ihm auf die Stirn: den Kuss der Muse. Während er bewegungslos bleibt, schwebt Klio zurück auf ihren Sockel und steht jetzt wie ursprünglich da, eine reglose Statue. Langsam steht er auf.)


    Aus, vorbei! Schluss mit dem ganzen Theater! Die Wahrheit? Sie wollen die Wahrheit wissen? Die Wahrheit ist, ich habe Ihnen was vorgemacht! Ich habe Ihnen vorgespielt, ich sei ein Held! Ich, Theodor Lessing, der der Welt eine letzte Predigt hält. Der unerschrocken dem Grässlichen ins Totenauge blickt und dabei noch sein letztes Gebet spricht.


    (Macht eine eindringliche Pause.)


    Aber ich habe doch gar nichts zu sagen.


    (Blickt zum Fenster, aber da ist niemand. Blickt zum Esstisch, geht langsam zu diesem, nimmt die Pistole in die Hand. Geht wortlos zum Sekretär. Schaut sich die Bilder von Nietzsche, Schopenhauer und Kant. Hält sich die Pistole an die Schläfe, Rücken zum Publikum. Licht aus. Ein Schuss. Vorhang.)





    Epilog


    (Bühne unverändert. Lessing liegt vor dem Schreibtischchen tot am Boden. Klio rührt sich, schwebt vom Sockel. Musik beginnt: Musik beginnt: Schuberts "Unvollendete",1.Satz, Allegro con moto. Klio beginnt Totentanz. Musik wird leiser, verklingt. Klio setzt sich an die Schreibmaschine, wo noch immer das Papier eingespannt ist. Sie beginnt zu tippen... Vorhang.)

  19. #19
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    2. Akt

    (Lessing hockt an der Schreibmaschine und tippt im Kerzenschein. Wird von einer Fliege gestört.)

    Fliegen! Verdammt lästige Fliegen! Nietzsche warnt ja alle Schöpferischen. „Sie wollen dein Blut. Sie sind dankbar, wenn du bescheiden genug bist, eitel zu sein. Geh in die Einsamkeit.“ Schreibt Nietzsche. „Geh in die Einsamkeit! Du bist zu gut, um Fliegenwedel zu sein.“ Recht hat er, der Nietzsche. Verdammt lästige Fliegen! (Beruhigt sich, denkt nach. Schüttelt den Kopf.)
    Das ist dramaturgisch nicht gelungen. Schon wieder eine Ruhephase. Drama ist Handlung. Hier fehlt sie. Meinetwegen: Er handelt eben innerlich, durchläuft die Pfade und Anwandlungen des Geistes. Aber auch die müssen eben mal ruhen, in Ruhe gelassen werden und und durch Handlung entsetzt sein. - Ich empfehle Dir für den Anfang dieses Aktes eine größere Fläche mit Volk - meinetwegen eine Reminiszenz an die Studentenschaft von 1926, die so gar nicht vaterländisch dahergekommen sein kann. - Oder: Spiel die Nietzsche-Sequenz in zwei Teilen: a) Nietzsche am Katheder. Lärmendes Publikum. b) Nietzsche in einer Waldhütte, eine Fliege sitzt auf seinem Mittag, er scheucht sie mit dieser Sequenz weg.
    Bald sind sie da. Kann nicht mehr lange dauern jetzt. Der Tod kommt immer, wenn man an ihn glaubt. Viel zu bald. (Starrt das Blatt in der Schreibmaschine an.)
    Auch hier ist die Attitüde des Vorwegnehmens brachial. Andeutungen sind sehr viel wirksamer. Du kannst von aufmerksamem publico ausgehen.
    Manchmal frage ich mich, wie es gekommen wäre, wenn ich diesen Aufsatz über Hindenburg nicht geschrieben hätte, damals, vor acht Jahren. Was hätte ich statt dessen alles schreiben können!
    Als ob ich es gewußt hätte! Um so plastischer sollte vorher der Tumult exemplifiziert werden. Hier steckt doch vielmehr die Frage, ob es in einem nationalistisch affizierten Land klug sein kann, sich in einem Essay über einen Führer dieser Nationalisten zu äußern - wie auch immer.
    (Macht eine nachdrückliche Pause.) Ein Weltsystem! Ich besitze heute ein geschlossenes Weltsystem. Ich nenne es: „Philosophie der Not“.
    Unmotivierter Sprung. Dazwischen muß etwas geschehen, ein Zeichen, eine Allegorie, eine Phantasmagorie, etwas aus der jüdischen Phantasiewelt, vielleicht nur ein Bild aus dem Himmel mit der efeuberankten Unschuldsengelei. Weißdergeier.
    In all den Jahren ist es gewachsen, sind meine drei pers?nlichen Zentrallehren zur vollen Klarheit gereift. Meine Dreisphärentheorie. Meine Lehre von Stauung und Rauschsurrogat. Meine Ahnungspsychologie, aus der sich meine ganze Charakterologie entwickelt hat. Ja, ich habe mein Weltsystem vollendet!
    Die nunmehro als Bilder in ihm sind. das ist die Kunst des Dramatikers, daß er Begriffe in Bilder umzusetzen weiß, die aus Sprache geformt. Also, plage Dich, bring die Dinge ins Bild, spiel dann mit ihnen, aber nenn sie nicht (nur).
    (Sackt zusammen auf dem Stuhl und in sich.) Aber eben, eben nur im Kopf... (Macht eine Pause.)
    Was soll ich also sagen? Der letzte Bescheid meiner Weisheit, der Krönung meines Denkens - bleibt ungeschrieben. (Hebt die Hände über den Kopf, als flehe er die Zimmerdecke an, und spricht auch so.) Meine „Philosophie der Not“! (Macht eine Verschnaufpause, in der er sich besinnt.)
    Die Verdichtung über die Wiederholung des Wortes ist plausibel. Obiges bleibt.

  20. #20
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    sie sind fruchtbar, deine kommentare, rodebertus. sehr sogar, zuweilen, und im detail wie im fundamentalen. das wird wohl ein bisschen auch dein stück, die sinngebung, ich ahne es. vielleicht hast auch ein bisschen freude dran. so oder so, ich danke dir erstmal einmal mehr.


    Mr. Jones

  21. #21
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Das Endergebnis würde mich schon interessieren. Vielleicht könntest Du Dich durchringen, es bei uns zu veröffentlichen?!
    Der Traum meines Lebens war's. Ich hatte auch einen Verleger. Aber nein, alles kam anders. Der Weltkrieg brach aus. Von der ersten Minute an war ich besessen vom Gedanken: Wie läßt sich dieser Wahnsinn aufhalten? Mein Verleger aber fragte sich: Wie kann ich dem Vaterland dienen? Er war einer der ersten Kriegsfreiwilligen. Von seinem Tod weiß ich nicht viel. Er starb gleich nach dem Ausmarsch beim Sturmangriff.
    Ich glaub, das steht bei Lessing etwas pathetischer. Der gegensatz ist hier wichtig: Lessing als Verweigerer und Drückeberger, der Verleger als Todessehnsüchtiger und Idiot. - Hier könntest Du Dich an unseren Schuld-Ordner für den ersten Krieg erinnern und ein wenig polemisieren. Gegen den Krieg, gegen die Neuordner der Welt, die ihn vom Zaume brachen und auf dem Rücken der Völker austrugen... Da muß jetzt etwas Klares hin. Dann brach bald alles zusammen, Sie wissen das, der Krieg geht verloren und Deutschland in Trümmer.[/quote]Das stimmt so nicht. Der krieg hatte das Reich nie berührt, fand immer auf feindlichem Boden statt. Churchill regte zwar 1919 an, durch Giftgasbomber Deutschland zu vernichten, aber dann setzten sich doch die Stimmen durch, die das Geschäft in den Vordergrund rückten, nicht die Rache und Vergeltung für den harten Kampf. - Ich bezweifle allerdings, daß Lessing diese Einzelheiten des Krieges kannte; insofern frage ich mich gerade, welchen Blick er überhaupt darauf hatte. Was ich bislang las, spricht nicht für die denkerische Klarheit unseres Titelhelden. Vielleicht aber schafft diese Verneblung gerade eine poetische Basis, Möglichkeiten zur Zuspitzung und Pointierung. Wie wäre es hier mit einigen Kriegshelden, die mit Lessing sprechen, die Lessing sprechen läßt? Das macht er doch sonst auch immer, jemanden aufrufen. [quote]Was will man! Damals entflog der unsterbliche Teil von mir. (Ist immer leiser geworden beim Sprechen, jetzt Stille.) Ich habe dann mein Weltsystem zerschneiden müssen. In kleinere Formen. In hundert Feuilletons und Essays. Was will man! Davon kann unsereiner immerhin Brot kaufen. Und so sagte ich's denn halt in der Zeitung und leider Gottes nicht sehr erhaben.[/quote9Bleibt diffus. Weder Ansprechpartner noch bezugsrahmen sind klar. Der Zuschauer muß es wissen, vorher. Aus dem Text ergibt sich hier gar nichts.
    Denn sonst wär's ja kein Zeitungsartikel mehr. Sonst wär's ja - Philosophie! Und Philosophie, das erlaubt das Gesetz der Zeitung nicht. Aber Feuilletons! Ich sag's Ihnen, Feuilletons tut sich einer nur an, wenn er dringend Geld braucht. Sie ahnen ja nicht, was es bedeutet, ein Feuilleton zu schreiben! Viel leichter als zehn Zeilen Feuilleton schreibe ich Ihnen zehn Seiten wissenschaftliche Abhandlung! Weil ich halt ein Schwätzer bin. Ein Gelehrter darf ein Schwätzer sein.
    Das steht hier falsch. Der gute Mann springt, hat wohl kein System in seinem Denken?! Soll er so? Wenn, dann steht er gerade neben sich. Entweder fällt das mit dem Feuilleton oder das mit dem Weltkrieg.
    Aber Feuilletons, Feuilletons müssen kurz sein. Und das kostet Zeit. Aber ich hab keine Zeit mehr! Keine Zeit, um das Gesamtbild meines Weltsystems zu schreiben.
    (Schluckt leer.) Ich muß jetzt wirklich... Meine letzten Worte! (Denkt nach, zögert mit Tippen. Reißt das Blatt aus der Schreibmaschine. Steht auf.) Es geht nicht! Es geht einfach nicht! Weil die Zeit, die Zeit reicht einfach nicht mehr hin. Und alles wegen dieses läppischen Aufsatzes über Hindenburg! (Langsam breitet sich Licht aus. Klio kauert in einer Ecke, reglos. In der Mitte der Bühne steht aufrecht, in der Uniform des Feldmarschalls: Hindenburg. Lessing überfliegt die Zeilen, die er soeben geschrieben hat, und zerknüllt das Papier. Geht um Hindenburg herum.) Hindenburg! Ein Charakterbild dieses Menschen habe ich gegeben. Nicht mehr, nicht weniger. Ein Charakterbild, Herrgott nochmal, ein ganz und gar unpolitisches Charakterbild!
    (Schreit den letzten Satz fast, behält sich aber im Griff. Wendet sich dem Publikum zu.)
    Als Charakterologe muß unsereins die Züge der Wirklichkeit überzeichnen, das sehen Sie ein. Einfach um die Wahrheit und das Wesen der empirischen Person... herauszulösen. Nun ja, so habe ich verschiedene Reden Hindenburgs miteinander kombiniert. Einfach um dadurch einen Gesamteindruck herzustellen. Dieses Mosaik ist dann kein Abklatsch der Wirklichkeit, nein. Vielmehr zeigt es gerade das Wesentliche! (Wirft das Papier in den Kübel, geht dann vor Hindenburg auf und ab, nachdenklich.)
    Das könnte am Anfang stehen, dann die Hinleitung zum Charakter des gegenwärtigen Schriftstellers (von 1933), der vom Philosophen abgesetzt, der Zeit braucht, aber keine hat, dann das Geldverdienen durch Feuilletons, dann wird sich der Kreis schließen, indem L. den Grundcharakter seiner Zeit aus dem Bezug zum letzten Krieg bestimmt. Daraus dann Noth.

  22. #22
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    veröffentlichung bei dir, vielleicht, ja. wenn du, rodebertus, mir versprichst, dass du was schönes daraus machen tust. ich komm drauf zurück, jedenfalls. wenn die sache hier gegessen und sie mindestens einem von uns ganz gut geschmeckt hat. wird wohl sommer oder herbst werden, schätz ich. aber ist ja ein langzeitprojekt, nicht wahr.


    always thanx!


    Mr. Jones

  23. #23
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Hallo Mr. Jones,
    hatte jetzt endlich Zeit, dein Schriftstück zu lesen. Es hat mich von vorne bis hinten ergriffen. Ist sehr spannend geschrieben, da du neben dem Geschichtlichen auch so menschliche Gedankengänge wie über die Fliegen, Spinnen und das Rauchen einbaust. Eine gute Idee übrigens, wie er in seinen letzten Minuten immer wieder versucht, etwas aufs Papier zu bringen und letztendlich daran scheitert. Ich würde dir empfehlen, die Passage mit der Illusionsfassade noch etwas auszuweiten. Schließlich ist das ja der Kern der Geschichte. So wie es jetzt dasteht, ist mir das noch etwas zu wenig. Vielleicht kannst du ja eine kleine Philosophie darum herumbauen. Das wars jetzt mal fürs erste. Bin gespannt darauf, wie die Arbeit nach Roberts Kommentaren vorangeht.


    lg Patina

  24. #24
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    Post AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Arthur Schopenhauer schrieb eine Abhandlung unter dem Titel: "Von dem, was Einer vorstellt." Darin setzt er auseinander, daß im Menschenleben wenig darauf ankomme, was man ist, viel aber auf die Meinung der anderen.
    Die Adresse ist hier beinahe alles, die Perspektive, aus der heraus L. spricht. Er weiß das doch, er erklärt es aber hier jemandem. Der Zuschauer wird so zum Schüler, und die wenigsten Zuschauer vertragen das, glaube mir.
    Denn für die anderen bedeutet man immer etwas. Und ist doch so. Was weiß denn der eine vom anderen?
    Schlecht. Flach. Sinn und Bedeutung könnten hier in Frege-Manier abgehandelt werden. Rückbindung hier nicht ans Ich, sondern an ein ominöses Es. Daß du blonde oder schwarze Haare hast, daß du groß bist von Wuchs oder klein.[/quote]Für ZWEI Norddeutsche schickt sich diese Satzumstellung nicht. Schopenhauer war zwar kein so großer Stilist, aber eine derartige Häufung von Dasz-Sätzen hab ich bei ihm nirgends gelesen. bei L. übrigens auch nit.
    Nach solchen Merkmalen bauen sich die Menschen ihr Weltbild. Ein Weltbild, das keine andere Wirklichkeit hat als die, die uns äußerlich erscheint. Ist doch so. Diese Wirklichkeit nun nenne ich Illusionsfassade.
    So kann er am Ende seines Lebens nicht sprechen. Willst Du trotz darstellen, dann stell den dar; aber es ist der verbitterte eines 60jährigen, nicht der eines Zwanzigjährigen.
    Ein Begriff, der eigentlich schon längst neu in die Sprache eingeführt gehörte. Hier. (Zeigt auf Hindenburg.) Das ist nicht Hindenburg, der Mensch. Nein, Sie sehen hier Hindenburg, die Illusionsfassade. Eine prachtvolle Uniform und viele Orden an der Brust. Und diese Uniform, diese Orden lassen die Frauenherzen höher schlagen. Begreiflich. Wenn aber derselbe Mensch, der jetzt in dieser Uniform steckt, in abgetragener Kleidung hier erschienen wäre? Ich sag's Ihnen, er würde sofort zum gewöhnlichen Sterblichen in Ihren Augen! (Macht eine Pause.) Das meine ich mit Illusionsfassade. Ein Bild, von dem durchaus nicht gewiß ist, ob es Abbild der Wirklichkeit oder eine Fatamorgana ist. Hier, sehen Sie ihn sich doch an, den alten Hindenburg. Die Glut eines Volkes brannte für ihn. Aber, wenn man ihn aus nächster Nähe kennt, erscheint er vielleicht wie ein leeres Gefäß. Ein leeres Gefäß, sag ich, in welches die Flamme eines Volkes den Inhalt goß. (Spricht leise weiter.)
    Ich hab da noch eine Idee, um diesem Hindenburg eine Aura zu geben. Er gilt doch gemeiniglich als Greis, der sich gegen Hitler nicht wehren konnte... Es gibt eine Episode aus dem Jahre 1932, die L. kennen könnte: Hjalmar Schacht ergriff 1932 die Initiative - nachdem Hitler Selbstmordgedanken geäußert hatte -, um durch eine Petition namhafter Männer aus Industrie, Handel und Schiffahrt dem 85jährigen Hindenburg klarzumachen, er könne auf Dauer nicht gegen Hitler regieren. Die Finanzierung lief u.a. über die Schweiz. Ein Bankhaus in Basel hatte Kurt von Schröder (Schroeder-Clan in New York/London, bei denen viele Stränge der Nazi-Finanzierung zusammenliefen) zum Repräsentanten der Reichsbank in einer Schweizer Bank für internationalen Zahlungsverkehr gemacht. Darüber könntest Du hier auch ein wenig schwadronieren.
    Es leuchtet ein, daß sich als weitaus beste Illusionsfassaden Typen erweisen, die nicht grübeln, nicht philosophieren, sondern einfach stramm dastehen und Vaterland darstellen. Also frage ich Sie: Welcher Mensch eignete sich besser zur Statue, zum Symbol - als dieser!
    (Weist auf Hindenburg.) Hindenburg! So einfach, so gradlinig und selbstverständlich hat ihn die Natur gewollt... (Macht eine denkerische Pause.) Verstehen Sie mich. Deutschland wählte sein neues Staatsoberhaupt, und dieser Mensch stand zur Wahl. In den Tagen vor der Wahl habe ich meinen Hindenburg-Aufsatz geschrieben. Einfach um die Illusionsfassade dieses Menschen einzureißen und ein für allemal zu zerstören. Das ist alles. (Zuckt die Achseln.) Aber das wollten eben die braven Jungens nicht, daß ein Jude ihnen einen anderen Hindenburg zeigt als diesen hier, den sie sehen wollten. Und so fanden die deutschen Jungen eben, daß solches zu schreiben nicht deutsch, nicht vaterländisch sei. Aber was wissen die denn? Nichts wissen die, gar nichts. Aber ich...
    Details aus seinem Text hier. Verbindung zum Abstrakten schaffen. Hindenburg als Hampelmann zeigen, hinter dessen Rücken die Fäden gezogen wurden. Fassade!

    (Macht eine Pause, holt tief Luft.) Es war an einem Jahrestag der Schlacht von Tannenberg. Ich war damals an einem Gymnasium der Stadt als Lehrer tätig, aushilfsweise. Die Schulen sollten "Deutschland über alles!" singend an Hindenburgs Haus vorüberziehen. Hunderte von hellbegeisterten Kindern gingen also unter Führung der Lehrer froh jubelnd an dem alten Mann vorüber. Da wollte es der Zufall, daß ich gerade vor dem Alten stand, Aug in Auge, als er die Hand hob und eine Ansprache begann. (Hindenburg hebt die Hand.) Ich erinnere mich gut daran. Hindenburg sprach voller tiefsten Ernstes. (Hebt die Hand, macht Hindenburg nach. Lessing spricht lautlos, Hindenburg gleichfalls, aber laut.)
    "Deutschland liegt tief darnieder. Die herrlichen Zeiten des Kaisers und seiner Helden sind dahin. Aber diese Kinder hier werden das alte Reich erneuern. Sie werden wiederkommen sehen die herrliche Zeit der großen siegreichen Kriege. Siegreich werdet ihr in Paris einziehen, Kinder. Ich werde es nicht mehr erleben. Ich werde dann bei Gott sein. Aber vom Himmel werde ich auf euch niederblicken und werde mich an euren Taten freuen und euch segnen." (Die Hände gehen wieder runter.) Dies sagte er. Und alles in heiligstem Ernste!
    Hier hast Du die große Möglichkeit, auch die Grenze Lessings aufzuzeigen, diese Unfähigkeit, mit dem Herzen eines Kindes schauen zu können. - Ich will Dir einmal sagen, daß meine beinahe 90jährige Großmutter auf meine Frage, wie sie Versailles empfunden habe, mit Tränen in den Augen sagte: "Da haben WIR geblutet!" Dazu mußt Du den Kontext sehen, daß meiner Großmutter Mutter die erste Frau in Magdeburg war, die im Rat der Stadt saß, als Abgeordnete der Sozialdemokraten. Wenn sie - kurz vor ihrem Tode! - noch eine solch heftige Erinnerung an diese Zeit hat, dann möchte ich Dich fragen, wie tief dann erst Menschen mit "vaterländischer" Gesinnung diese Zeit empfunden haben. Und jetzt die entscheidende Frage: Welche Empfindung hatte L.? Wie weit war er weg vom Volk? (Und ich meine jetzt nicht diese hurraschreienden "Patrioten" aus der "vaterländischen" Studentenschaft.

    P.S. Die oft tendenziöser Wertung anheimgestellte Phrase "Deutschland über alles" ist ursprünglich ein Stoßseufzer all jener gewesen, die sich gegenüber denen, die ihre Interessen oder die ihres Kleinstaates über die Interessen der Nation stellten. Während der Weimarer Republik gab es diejenigen, die den Staat als ein Instrument zur Durchsetzung ihrer Interessen ansahen - Parteien, Verbände, Firmen, Lobbyisten etc. - und diejenigen, denen die Weimarer Republik egal war, Deutschland aber nicht. Die stießen ihr "Deutschland über alles" aus und wollten damit diejenigen als Egoisten brandmarken, die nur ihr eigenes (materialistisches) Fortkommen im Auge hatten. - Die heutige Interpretation setzt auf eine imperialistische Komponente, also die Überhöhung Deutschlands gegenüber anderen Nationen. Ein Umkehrreflex der eigentlichen Intention. Bizarr wie vieles in dieser hysterischen Zeit.

  25. #25
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    eine entscheidende frage, ja, rodertus. ich denke, wir ahnen beide: dieselbe antwort.


    thanx.


    Mr. Jones

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