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Thema: Sinngebung des Sinnlosen

  1. #26
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Sinngebung des Sinnlosen

    heiligstem ist nicht sonderlich schön. Superlative bei so was?! Ich weiß nicht...
    Man fühlte,
    Wer ist MAN?
    dieser alte Mann glaubt Wort für Wort, was er da sagt.
    mit den Zeitebenen aufpassen;
    Auch daß er nach dem Tod zu Gott kommt, auf einer Wolke hockt und sich von bevorzugtem Sitze aus Deutschland betrachtet.
    Das ist kein Satz. Die Darstellung selbst ist unanschaulich, hingeworfen.
    Eines der Kinder zeichnete später ein Bild in der Schule, Hindenburg als Engel auf der Wolke schwebend. Also, da haben Sie's. Und nun, was habe ich dann über Hindenburg geschrieben? Nichts weiter, nur: Hindenburg sei eine klare, wahre, redliche und verläßliche Natur. Ohne Problematik. Ohne Falschheit. Aber man solle sich dennoch in Acht nehmen, denn von dem Augenblick an, wo dieser unpolitischste aller Menschen zu einer politischen Rolle mißbraucht werde, würde entscheidend, daß dieser Mann durch und durch Mann des Dienstes sei. Wie ein guter und treuer Bernhardiner halt.
    Hier mußt Du nicht Text wiedergeben, Du bist in keinem Seminar. Eine bildhafte und tendenziöse Darstellung tut hier not!
    Und weiter habe ich geschrieben, daß nach Plato die Philosophen Führer der Völker sein sollen - und mit Hindenburg jedenfalls kein Philosoph den Thronstuhl besteige. Das habe ich geschrieben, ja. Daß mit Hindenburg nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero den Thronstuhl besteige, hab ich geschrieben. Man kann sagen: Besser ein Zero als ein Nero. Leider zeigt die Geschichte, daß hinter einem Zero immer ein Nero verborgen steht.
    Das ist die einfache Form von Verteidigung, die das wiedergibt, was bereits gesagt wurde, nichts hinzufügt. In zweierlei Sinn schlecht: 1. zeugt von Phantasielosigkeit und 2. hat etwas von Rechthaberei, denn diese Dinge dürften dem (gedachten und mutmaßlichen) Gegner ja hinlänglich bekannt sein. Der Zuschauer aber will unterhalten sein, sollte also vor allem Bilder bekommen. Abgesehen davon solltest Du hier, wenn Du schon akademisch parlierst, den Gegner auch zu Wort kommen lassen, also dessen Argumente nennen.
    Auch das habe ich geschrieben. Und das also fand ein Fähnlein Studenten nicht vaterländisch. Aber, ach, was wissen die schon!
    L. sollte nicht so tun, als ob er mit dem Begriff VATERLÄNDISCH etwas anfangen könnte. Diese Argumentationstechnik wäre verfehlt. Er hat kein Gefühl fürs Vaterland. Über manches muß er eben schweigen, oder aber: Du setzt hier einen drauf und läßt ihn patriotische Reden führen.
    Es ist die Nachkriegsjugend, sie hat keine Ahnung vom Krieg und darum weiß sie auch nichts vom Hindenburg. Sie glaubt das Vaterland zu retten, diese Jugend. Und mich nennt sie einen Vaterlandsverräter, weil ich einen Aufsatz über Hindenburg schrieb.
    diese letzten Sätze streichen
    (Winkt kopfschüttelnd ab.) Ach, nichts wissen die! Sie kennen die alte Herrlichkeit des Imperiums nur aus ihrem Schullesebuch und ergreifen die Ideale ihrer Großväter, weil es nicht die ihrer Väter sind. Nichts wissen die, gar nichts! Aber ich... Ich erinnere mich. Ja, ich erinnere mich! Wenn ich nur die Augen schließe, dann sehe ich alles wieder vor mir. Als wäre es gestern gewesen... (Schließt die Augen.) Ungezählte Scharen, ungezählte, die deutschen Geschütze, die deutschen Pferde, die deutschen Husaren und Jäger, wie sie ihres Weges ziehen, Schritt um Schritt in den von Millionen anderen Füßen vorgebahnten Stapfen voran drängend, durch Schotter und Kreideschlamm, und allen klang dumpf und stumpf aus dem eintönigen Stampfen des Marschtaktes immer dieselbe, immer dieselbe irrsinnige Melodie:


    (Fängt leise an vor sich hin zu singen.)


    "Und mit Klingelingeling,
    und mit Singesangesang,
    gehn wir Schritt so um Schritt,
    in den Tod, Tod, Tod!"


    (Macht eine Pause, die Augen immer geschlossen. Fährt fort, als spräche er sein letztes Gebet.)


    Einen endlosen Zug von Todgeweihten sehe ich, wenn ich die Augen so geschlossen halte. Zuweilen löst sich ein mir vertrautes Gesicht aus der großen Schattenkarawane. Ach, ich sehe immer mehr, immer mehr. Und sind doch alle nur ein paar Blätter, die vom Baume fielen. Und am Weihnachtsabend zünden viele Mütter ihr Lichtlein an und denken an einen, den nur sie kannten, sie ganz allein, und der ihr alles war und nun schon so viele Jahre dahin... Ja, ich erinnere mich. Bevor ihr losmarschiert seid, habt ihr ein Päckchen mit Honigkuchen bekommen. Vom Hindenburg. Denn der Alte hat ein gutes Herz. Ja, ein gutes Herz. Das sagtet ihr alle. Und dann zogt ihr die große Straße hinunter und seid niemals wieder gekommen.
    (Bleibt regungslos stehen, läßt eine Minute verstreichen. Als er die Augen wieder öffnet, ist Hindenburg verschwunden.) Was soll ich also sagen! Die Welt ist meine Not! Sie beginnt an der Stelle, wo das Leiden, wo das Sichwehren beginnt. Nichts anderes ist wahr und glaubwürdig an der ganzen Komödie der Geschichte, ich sag's Ihnen. Nichts als die Not und... (Wird von einer Fliege geplagt.) Ah! Verdammte Fliegen! Nichts als die Not, der Schmerz, das Leiden ist wahr, sag ich! (Geht zum Fenster, wirft einen Blick hinaus. Schüttelt ratlos den Kopf.)
    Mich friert. Ende August, und mich friert.
    (Die Muse Klio rührt sich, kommt mit einer Wolldecke, legt sie ihm um die Schultern, sinkt zu Boden und verharrt.) Sie werden kommen. Es kann nicht mehr lange dauern.
    (Beginnt auf und ab zu gehen, in die Wolldecke gehüllt.) Hundert Zeitungen und Druckschriften erscheinen heute in Deutschland, Tag für Tag, Stunde für Stunde, um alle Not einer himmeltraurigen Zeit auf einen Sündenbock zu bürden. An jeder Plakatsäule prangt das Wort: "Juden sind ausgeschlossen" - wo es in Wahrheit heißen sollte: "Die Vernunft ist ausgeschlossen."
    (Zeigt die Faust.)
    nun ja; Juden mit Vernunft gleichzusetzen, erscheint mir dann doch etwas prätentiös - aber, meinetwegen, Lessing darf das sein

  2. #27
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Etwas muß geschehen! Es muß einfach.
    Zwei mal drei Worte. An zweiter Stelle jeweils ein MUSZ, anfangs ein E, eine Alliteration, eine Anapher sogar. Schöner wäre sie, wenn sie auch vom Takt her stimmte, also zwei Silben fürs erste Wort oder eine fürs erste Wort! Ein E und zwei Silben... Solcher Art Kleinigkeit nimm Dir an; die Schauspieler danken's Dir.
    Alle sollten wir um einen großen Tisch sitzen und einmal nachdenken darüber, wie wir die ewige Ungerechtigkeit beenden.
    Der Sprung ist zu groß. Der Mann ist hier noch bei sich, entwickelt aus sich selbst das Problem. - Ich glaube jedoch, daß das Große, das Ganze ihn nicht sonderlich berührt. Wenn Du das aber hier thematisierst, dieses Luftholen im Angesicht der weltgeschichtlichen Perspektiven, dann sieh das Zynische, den Gedanken des Nutzlosen und den Gedanken der unstäten Entwicklung, die Lessing präjudizierte. Ich glaube nicht, daß er einen Gedanken wie den der Lösung durch eine gemeinschaftliche Form aussprechen würde. Auch hat er nicht dieses Belehrende, Moralische. Das geht ihm ab! Wenn Du es thematisierst, dann kontextuell, also nur über ein Bild, ein Geschehnis von außen. (Daran hapert's sowieso im gesamten Text. Der Mann köchelt zu sehr im eigenen Saft, zu sehr.)
    Doch nein. Statt dessen brüllt ein jeder: Vaterland! Und hat dabei Schaum vor dem Mund... Vaterland! Verstehen Sie? Ich verstehe nicht, jedenfalls. Was ist denn das, Vaterland? Ich weiß es nicht. Nicht mehr.
    Unbedingt notwendig ist hier eine Darstellung der Noth des Denkens und Fühlens. Wenn's einer nun mal nicht hat, das Empfinden für die Verantwortung am Nächsten, wie will er dann eine Philosophie der Noth schreiben? Ist das nicht widersinnig? - Ich würde mich über einen Begleiter, der Bilder zeichnet, der einficht, der schäkert und ernsthaft zugleich ist hier sehr freuen.
    Als ich ein gutgläubiger und braver Junge war, da fühlte ich mich in Ehrfurcht bereit zu sterben für das, was da Vaterland hieß. Aber was denn war es? Bis heute frage ich mich das vergeblich. Was meinen die, die da behaupten, ich sei vaterlandslos, sie aber hätten, nein, sie wären das Vaterland?
    Zu plakativ und damit langweilig. Finde hier ein Bild!
    Ist es das Blut? Ist es die Rasse? Vaterland, sagen sie, das sei Liebe. Liebe zu Deutschland. Aber wenn sie von Liebe sprechen, warum bekommen sie dann böse Augen? (Spricht leise weiter, wird lauter und schreit schließlich.) Ich weiß es nicht. Nur in den stillsten Stunden, so wie jetzt, da ahne ich etwas. Ich ahne, daß die großen Worte, welche die Menschen gerne im Mund führen, Worte wie Gott, Menschheit, Staat, Worte wie Vaterland halt, dass diese großen Worte eigentlich allesamt nichts anderes sind als Umschreibungen für etwas ganz anderes, nämlich: Ich! Ich, ich und nochmals ich.
    Das ist ein wichtiger Gedanke. Er steht hier falsch. Er sollte am Anfang dieser Überlegungen stehen, dann deduziere auf die BÖSEN AUGEN. (Das ist spannender.) - Abgesehen davon halte ich diese Betrachtungen für sehr plakativ. Poetischer ist die Erhöhung der Gegner auch im moralischen Sinne.
    Das meinen, das allein kennen sie. Vater-land, das ist das Ich. (Macht eine Pause.) Wir Menschen drehen uns letztlich eben immer um unser liebes Ich. Was will man! Es geht scheinbar einfach nicht ohne Illusionen. Aber ich hätte große Lust jetzt, denen ihr Ich zu verleiden.
    So. Dieser Gedanke ist jetzt abgeschlossen. Alles weitere im Bild oder durch einen Bruch zum vorigen.
    Einfach indem ich ihnen beweise, dass es ihr Ich gar nicht gibt. Denn wenn die Ich sagen, so ist das nur eine Redensart. Tatsächlich ist ein Ich gar nie vorhanden. Jawohl, so ist das. Ich, das gibt es nicht. Bin ich etwa meine Drüsen! Oder mein Liebesleben oder mein Gallenleben? Meine Organe tun ja doch, was sie wollen. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Ihren Schlagworten wie "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile".
    alles streichen, es lenkt das Augenmerk in die Machsche Richtung, die hier mehr verwirrt als Klarheit schafft
    Geschwätz, alles Geschwätz! Die bekannten Idiotismen! Selbstverständlich, natürlich, in der Mitte thront immer das souveräne Ich. Und das Ich meint immer, es wäre da. Aber ich sag's Ihnen, in Wahrheit ist es schon futsch, das Ich, im selben Moment, wo der Magen anfängt, sich selbst aufzufressen. Das tut er nämlich, der Magen. Wenn man nicht wieder was anderes hineinstopft, frißt er sich selber. Das ist dann beginnende Unsterblichkeit, wenn endlich jede Zelle jede andere fressen darf. Verstehen Sie? Es gibt kein Ich. Es gibt nur einen momentanen Gleichgewichtszustand einander fressenwollender Atome. Und so ist die Lage in diesem Deutschland, genauso. Vaterland, das ist nichts anderes als Wille zur Macht, als Wille zum Versklaven immer der anderen. So ist das. (Schüttelt resigniert den Kopf, schweigt eine Weile. Seufzt.) 'Dieser Mann ist ein Zero, aber dahinter steht der Nero.' Das habe ich geschrieben, jawohl. Und das, das stimmt auch. (Geht an eines der Fenster, schaut hinaus.) Irgendwo da draußen im Dunkeln hält genau in diesem Zeitpunkt der neue Kanzler des deutschen Reichs, der Mann mit der Trommel, eine große außenpolitische Rede, eine, die zu Tränen rührt, freilich. Nicht Jesus, nicht Buddha könnten frömmer, menschlicher reden. Und während der Hitler also redet und redet, steht Deutschland bis an die Zähne bewaffnet da.
    Deutschland hatte 1933 keine Waffen. Auch als Bild ist das nicht korrekt. Deutschland würde es sich 1933 gewünscht haben, Waffen zu besitzen, um die Schandtat von Versailles zu tilgen. Aber es hatte keine Zähne. (Das ist übrigens einer der Gründe, warum Hitler von den Deutschen gewählt wurde, denn H. hatte versprochen, Versailles zu tilgen. Auch stand hinter Hindenburg kein Nero. Wer schwebte L. da vor? Ist L. am Ende Marxist?
    Giftgase werden aufgespeichert in kaum noch vorstellbaren Mengen. Tanks, Kanonen, neue Gewehre werden gebaut.
    Das ist nicht korrekt. Ein nicht statthafter Vorgriff. Du mußt Dich hier auf die Situation 1933 konzentrieren. Auf Lessing und seine Ich-Losigkeit. Auf die Verlorenheit des ganzen Welttheaters. Diese Klischees vom waffenstarrenden Deutschland sind schlichtweg falsch. Konzentrieren wir uns auf das Psychogramm Lessings, auf seine Philosophie vom Scheitern, der Not und der Unfähigkeit des Teils, im Ganzen aufzugehen, dies aber immer wieder (scheinbar) zu wollen.
    Wahrlich, ganz Deutschland ist ein Kriegslager heute.
    Dieses Bild ist okay. Und besonders anschaulich wird es, wenn Du hier ein Bild schaffst oder ihn gestikulieren läßt.
    Aber man sieht es nicht, weil es dunkel geworden ist und weil man den wunderbaren Reden des Führers lauscht.
    Dieses MAN ist hier eher schädlich. Thematisiere das unpersönliche Es/Man! Dann darfst Du es auch benutzen.
    Reden über Menschenliebe und Völkerbündnisse und Vaterland.
    Beißt sich mit dem vorigen Text. Willst Du Heuchelei/Opportunismus thematisieren, dann stelle den Kontext her, am besten durch ein Bild.
    Ach Gott, nie ist Deutschtum so unecht und unwirklich gewesen wie heute, wo der gräßliche Schwulst Hitlerischer Reden Ausdruck der deutschen Seele, wo all der Haß der unzähligen Goebbels Offenbarung deutscher Natur sein soll.
    Ungezählt ist besser, aber auch nicht gut. Dieser Gedanke ist gut, aber steht ein bißchen luftleer im Raum. Ist aber zu wichtig, um ungehört zu verpuffen. Die Nazis waren die undeutscheste Bewegung, der größenwahnsinnig gewordene Kleinbürger greift nach der Macht und usurpiert das Denken. Was für ein Thema für ein Drama! Und dann nennt sich das auch noch Weltgeschichte. - Was fehlt aber, mei Libber? Du müßtest definieren, was DEUTSCH ist. Willst und kannst Du das? Will oder kann Lessing das? Besteht hier nicht vielmehr seine eigenste (entschuldige diesen bizarren Superlativ) Grenze, daß er nämlich nicht positiv bestimmen kann, sondern nur negativ analysieren, und selbst das nicht einmal sonderlich tief? Worin besteht die Leistung Lessings? Was hat er gebracht? - Du bleibst bislang eine Antwort schuldig. Gehst Du davon aus, daß der Zuschauer Lessing kennt? Willst Du ein Kompendium zur Eintrittskarte dazulegen?
    Kranke Figuren der Zeitgeschichte sind das, ich sag's Ihnen, wie's ist. Innerlich ausgebrannt und allzeit zum Mord bereit. Wie eine Zwiebel ist ihr Deutschsein. Wie eine Zwiebel, sag ich, ohne jeden Kern. (Hat die letzten Worte verärgert gesprochen.) Hitler also. Es kommt jetzt gar nicht an auf den wirklichen Menschen. Geschichte steigt aus Mythe und endet in Mythe. Doch sehen Sie, der Mittelpunkt jeden Sturms ist ja der völlige Nullpunkt. Und Hitler mag der Nullpunkt sein. Jedenfalls aber deutet er auf den Sturm, der Mann mit der Trommel. (Überlegt.) Es bedeutet nichts Gutes, wenn so laut getrommelt wird. August 1914 wurde genauso getrommelt. Damals wurde ein Volk in den Tod getrommelt.
    Historisch falsch. August 1914 wurde geblasen und gejammert, dann erst der Trotz. Man wollte keinen Krieg, aber als es dann soweit war, da hat man ihn angenommen mit dem ganzen Herzen. Das wird in den Medien immer falsch dargestellt, als ob die Deutschen begeistert über den Krieg gewesen. Im Juli 1914 waren sie es nicht, im August nahmen sie ihn an und steigerten sich in der ihnen eigenen dynamischen Art in den Zauber des vorweggenommenen Siegens... Paß mir bloß auf, daß Du hier keine Klischees verwendest.
    Aber nie wird so viel getrommelt als dann, wenn man die Ruhe des Friedhofs will...
    Das ist so ein Bild, wie ich mir deren viele wünschte.
    (Zuckt zusammen, beißt sich in den Handrücken.) Mein Gott! Da. Da sind Schatten, unten auf der Straße. Das sind sie. Sie kommen. Sie kommen, mich zu morden.
    (Steht wie erstarrt vor Angst.) Muß weg! Muß weg von hier! (Wirft die Wolldecke von sich. Schaut halb panisch umher, greift rasch nach dem Bild seiner Mutter und eilt zur Tür. Aber dort steht die Muse Klio und streckt ihm ihren Arm entgegen. Er bleibt stehen, sieht sich im Spiegel, sieht Klio an, dann das Bild in seiner Hand. Ist verzweifelt.)
    Was soll ich tun? Was soll ich denn bloß...
    (Kämpft innerlich, ballt dann die Fäuste.)
    Muß bleiben! (Atmet schwer ein und aus und ein.) Philosophie als Tat. Philosophie der Not. Muß bleiben.
    Kaum nachvollziehbar ohne weitere Erläuterungen. Einen innerlichen Kampf darzustellen... Theater!
    (Sucht und findet Fassung.) Tut mir leid. Tut mir leid. Ich wollte nicht... Sie müssen das verstehen. Leben kann eben nur leben wollen. Glauben Sie mir, es stirbt sich viel leichter, wenn die äußeren Bedingungen in Ordnung sind. Es fehlt dann der Zwang, sich das Leben retten zu müssen. Tut mir leid. Ich muß mich zusammenreißen.
    (Geht langsam zum Fenster, sieht hinaus.)
    Aber... Die Straße... ist leer. Wo sind die hin? Worauf warten die? (Schreit.) Worauf warten die? (Beruhigt sich langsam wieder.)
    Wie heiß es plötzlich ist. (Fährt sich mit dem Unterarm über die Stirn.) Ich schwitze. Ich bin ja ganz naß. (Setzt sich an den Eßtisch. Die Muse Klio rührt sich, kommt mit einem Tuch, um damit sein Gesicht abzutupfen und ihm dann Wind zuzufächern. Er steht auf, plötzlich.) Ein Deutschland hoffnungsloser Verdummung ist das! Ein Deutschland, in dem ein Geschlecht heranwächst, für welches das Wort „Jude“ gleichbedeutend sein muß mit Begriffen wie Schädling, Schmarotzer, Wucherer, Verbrecher... (Eine Fliege plagt ihn.) Ah, Fliegen, verdammte Plagegeister! Ich hasse sie! (Folgt mit dem Blick der Fliege im Raum. Greift dann nach ihr, fängt sie. Hält sich die Faust, in welcher die Fliege ist, ans Ohr.) Der Volksglaube macht sie ja zum Begleiter des Teufels, die Fliegen. Recht hat er, der Volksglaube.
    (Läßt die Fliege frei.)
    Gut so. Starkes Bild, dem nur die Zeit fehlt, sich im Zuschauer auszubreiten. Hier ein weiteres retardierendes Element.
    Wo war ich? Ah ja, ich weiß, ich weiß, wo ich war. Beim Deutschen war ich, beim Deutschen, der das Wort „Jude“ nur noch ergreift als brauchbar zur Bezeichnung alles ihm Ekligen, das Wort Deutsch aber als Namen für das schlechthin Herrliche... (Geht zum Eßtisch, holt das Weinglas, trinkt.) Sehen Sie, ich war ein braver und reiner Junge. Doch ich mußte lernen: Auch wenn ich noch tausend mal braver und reiner gewesen wäre. Auch wenn ich ein Wunder gewesen wäre an Seele und Leistung. Alles, alles, alles wäre doch umsonst gewesen.
    vergeblich
    Sie nahmen mich nicht an. Sie empfanden mich als fremd. Immer schon. Ich, der Jude. Und keine Tat, kein Werk hätte mir so genutzt, wie es mir genutzt hätte, wenn ich, sagen wir, Stoffel geheißen hätte, Christian Stoffel, Sohn eines deutschen Bauern mit Niedersachsenschädel und einer blondhaarigen Frau...
    Das weiter ausspinnen und verdichten. Vielleicht Beispiele. Weininger. Aber der Mann heißt „Lessing“, d.i. Ein urdeutscher Name.
    (Hält inne, als sein Blick den Spiegel trifft.) Ich, der Jude. (Wirft das Glas gegen den Spiegel, schreit.) Bin ich denn nichts außerdem? Was habe ich getan? Womit habe ich das verdient?
    (Beruhigt sich langsam, setzt sich auf einen Stuhl, seufzend.) Ich Narr. Ich armer Narr. Dabei weiß ich es doch besser. Der Spiegel ist da, so oder so. Denn die Welt ist immer ein Spiegel, und immer siehst du im Spiegelbild der Umgebung jede deiner Schwächen vertausendfacht. Zerschlage ruhig den Spiegel, armer Narr. Du zerschlägst doch nicht das Bild... (Macht eine Pause, nickt.)
    Ich weiß schon. Aber nein. Kommen Sie mir jetzt nicht mit „selbst schuld“, weil meine Vorfahren vor zweitausend Jahren den Sohn Gottes gekreuzigt hätten. Jaja, gewiß, alle haben ihn erkannt damals, den Heiland, alle - nur die Juden, die nicht... Nun, ich zweifle! Hier und jetzt sage ich Ihnen: Ich zweifle! Und weiter sage ich: Ich weiß es nicht. Aber wenn ich auch nicht weiß, ob jemals unedlere Menschen, aus denen dann ich wurde, einen edleren umgebracht haben.
    Weiß zu oft. Habe zu oft. Satzkonstruktionen der Langeweile bei mehr oder minder gelungenem Parlieren. Kürzen oder zuspitzen. Deshalb zuvor das retardierende Moment, damit Du jetzt Spannung erzeugst, denn daß die Juden vergeblich versuchten, deutsch zu sein, das muß ins Zentrum des Textes. - Allerdings tat L. etwas, er beleidigte Hindenburg als Hampelmann, als „Zero“. Das ist nicht nichts.

    kurzer Einschnitt:

    JUDENTUM, westliches
    - steht für die Welt der bloßen Vernunft → dieser Aspekt bildete den eigentlichen Hintergrund für den metaphysischen Haß der Nazis
    - das genaue Gegenspiel der Deutschen und ihnen verwandt → die Deutschen glauben an die ewige Bewegung, die Juden sind ewig in Bewegung
    - schuf den westlichen Kapitalismus, diesen raffinierten und doch simpelselbsttätigen Mechanismus (Carmin)
    - die meisten Assimilierten wollten weg vom J., meist mit unklarer Zustimmung der Väter, aber wer deutsch zu schreiben anfing, klebte mit den Hinterbeinchen noch am J. des Vaters „und mit den Vorderbeinchen fanden sie keinen neuen Boden. Die Verzweiflung darüber war ihre Inspiration.“ (Kafka)

    (Wird lauter, wütender.) Wenn ich das auch nicht weiß. Eines, das weiß ich doch um so sicherer. (Ist an eines der Fenster gegangen und reißt es auf. Brüllt hinaus.) Daß ich, Theodor Lessing, als würdigerer Mensch von den unwürdigsten in Deutschland gekreuzigt werde! Jawohl, das weiß ich! Und ich sage, was ich weiß, jawohl! Ich habe ohnehin noch viel zu wenig erzählt! Hört ihr? (Schließt das Fenster wieder. Beruhigt sich langsam, spricht leise weiter.) Das mußte sein. Entschuldigen Sie. Aber sehen Sie, ich verrat Ihnen jetzt was: Die Natur selber hat der Weltgeschichte diesen allverwendbaren Sündenbock, diesen Drecksjud, geschenkt. Zum Gleichnis. Zum Spiegel aller. Punkt. (Setzt sich wieder an die Schreibmaschine, spannt ein neues Blatt Papier ein.) Sie bleibt unlöslich, die Judenfrage. Wie eben alles fraglos Lebendige unlöslich wird, sobald man - denkend, meine ich jetzt - an es herantritt, es antithetisch auseinanderzieht, in Sprache, in Gedanken auseinanderzieht und verbiegt und verdreht. Weil Leben richtet sich eben nicht nach Logik! Nein, ich sag Ihnen, wir lösen Widersprüche immer nur dadurch, daß wir sind, was wir sind. So einfach wäre es eigentlich.
    Bestimmung des Juden zwingend, aber nicht belehrend. Zeit für ein wenig Aktionstheater - oder eben die genannte Antithetik, die ich in diesem Stück bislang schmerzlich vermisse.
    (Macht eine lange Pause. Schlägt dann wütend auf die Tischplatte.) Aber Menschen sind eben verhinderte Bestien. Und zum Gedenken daran schufen sie sich die Judenfrage. (Beruhigt sich.) So sehe ich das, und so ist es auch. Es ist kein Widerspruch, Jude und Deutscher in eins zu sein. Ich zum Beispiel, ich fühle mich immer dann besonders als Jude, wenn man die Juden angreift. Und als Deutscher, wenn man die Deutschen angreift. Und sollten einmal Juden und Deutsche gemeinsam über die Zulukaffern herfallen, ich sag's Ihnen, dann werde ich den Wunsch haben, Zulukaffer zu sein. (Schweigt.) Es ist tatsächlich so. Es ist kein Widerspruch, Jude und Deutscher zugleich zu sein. (Starrt lange das leere Blatt in der Schreibmaschine an. Da kommt die Muse Klio herangeschwebt, die Feder eines Schwans in der Hand, und streicht damit über seine Wangen. Er läßt es geschehen. Das Licht verlöscht. Lessing im Kerzenschein.) ---
    Ich zweite Teil fertig haben tut.

  3. #28
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    yepp. ich für zweite teil danke sagen tut.


    Mr. Jones


    postscriptum:
    lieber rodebertus, eine auseinandersetzung mit deiner auseinandersetzung mit meiner auseinandersetzung mit lessing werde ich suchen, sei vorgewarnt. wenn du dritte teil fertigen haben tut? jedenfalls wenn ich matura im sack haben tut. bis dahin immer wieder, ich hoff, du magst es noch hören: merci beaucoup.


    hast was zugute. sagst mir was?

  4. #29
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    Post AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Der Text nähert sich mir auf eine verschlungene Weise, und leise. Lieber Jonathan, schick mir bitte einmal Deine Postadresse!
    3. Akt

    (Lessing im Kerzenschein. Starrt das leere Blatt in der Schreibmaschine an. Steht dann unvermittelt auf, achselzuckend.)

    Womöglich sollte ich über ein leichtes Thema schreiben, über ein harmloses Thema. Womöglich über das Rauchen? Das wäre ein Thema, wahrlich! Angenehm zu behandeln bei einer guten Pfeife. Aber lächeln Sie nicht zu früh! Auch das Thema Rauchen hat nämlich tiefe philosophische Untergründe.... Aber lassen wir das. Ich will mich ja nur ablenken.
    kein gelungener Einstand. Was müßte hier dramentheoretisch kommen? Ein Bote, eine Nachricht, ein anderes eben. Kein nämliches Weiter!
    Und das Rauchen, es ist nur eine schlechte Gewohnheit. Wobei, nun ja, das ganze Leben ist letztlich nur eine schlechte Gewohnheit. Aber eben, lassen wir das. Einzig vielleicht, ganz kurz... Woher kommt das Rauchen? Sehen Sie, ich denke, daß das Rauchen nichts Körperliches ist. Die leise Betäubung, die leichte Nervenlähmung, der sanfte Dämmer- und Rauschzustand
    Genauer. Ein Bild wäre hier schön. Ein Vergleich oder ein berühmter Raucher, eine Personifizierung des Rauchens...
    , nun ja, das alles mag durch Gewöhnung auch eine Rolle spielen. Aber wichtig scheint mir das Seelische des Rauchens zu sein. Ja, wahrlich, es ist ein tiefer, seelischer Vorgang, das Rauchen. Und nicht einmal der Tabakgenuß ist dabei wichtig, denn man könnte ja den Tabak auch kauen oder schnupfen. Nein, ich denke, allein das Träumen hinter dem Rauche her ist wichtig beim Rauchen. Dann nämlich stopft man sich die Pfeife, wenn innere Sammlung geboten ist. Rauchen, denke ich, ist wirklich das einzig mögliche Mittel, um Leidenschaften zu unterdrücken. Man versuche nur einmal, während des Rauchens entrüstet oder wütend zu sein... Es geht nicht.
    freilich geht das; die Zigarette in der Hand kann auch ein Gegenstand werden, den man im Zorne gebraucht
    (Macht eine lange Pause.) Ich hätte jedenfalls nicht schlecht Lust nach einer guten Pfeife jetzt... Aber lassen wir das. Ich will mich ja nur ablenken.
    Bei Pfeifen dagegen habe ich eher einen zynischen Menschen im Auge, vielleicht auch einen Impotenten. (Weil's doch als so typisch männlich gilt.) [QUOTE](Setzt sich wieder an die Schreibmaschine. Legt den Kopf in die Hände. Blickt auf nach einer Weile, sieht auf dem Eßtisch die Schüssel mit den Kartoffeln. Resigniert.) Vielleicht wäre die Kartoffel das richtige Thema. [Quote]Klar, er will sich ablenken, aber das kömmt nicht so rüber. Was ist denn eine dramatische Ablenkung? Ein retardierendes Moment? Eine Figur, die unwichtig ist, aber sich wichtig nimmt? Musik? Bitte schön, Herr Dichter!
    (Steht auf, schlurft langsam zum Eßtisch, nimmt eine Kartoffel in die Hand, betrachtet sie.) Die Kartoffel, warum nicht?
    (Hält die Kartoffel in der Hand wie Hamlet den Totenkopf.) Die Kartoffel wurde nach Europa gebracht, bekanntlich durch Sir Francis Drake. Es war im Jahre 1598.
    (Verstummt, versinkt ins Grübeln. Schüttelt den Kopf. Seufzt.)
    Bekanntlich? Bekanntlich. Ich wußte es nicht.

    Ach Gott ja, wie die Zeit vergeht. (Legt die Kartoffel zurück in die Schüssel, setzt sich dann wieder an die Schreibmaschine, schaut lange auf das Blatt Papier, blickt dann auf.)
    Vielleicht fragen Sie sich, warum ich nicht flüchte? Ich frage mich das selbst. Aber wohin denn, frage ich Sie? Ich bin doch bereits hierher geflohen. Bei Nacht und Nebel habe ich Deutschland verlassen müssen, nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Jetzt lebe ich hier, in Marienbad, zwanzig Kilometer hinter der deutschen Grenze. Im Exil. Noch weiter fliehen? Die Schwester will mich nach Holland holen. Zionistische Freunde bitten mich, nach Palästina zu kommen. Ein ehemaliger chinesischer Schüler bot mir eine Proforma-Professur an, um mir die Einreise nach China zu ermöglichen. Aber soll ich mich denn darauf einlassen? Soll ich wirklich von einem Land zum anderen ziehen, ständig um Asyl bittend? So oder so, überall werde ich immer verfolgt sein und immer, bei jedem Spaziergang, mit dem Gedanken leben müssen, hinter dem nächsten Baum warte mein Mörder!
    Kaum. Die Nazis wollten die Leute aus dem Einflußbereich haben, nicht ermorden. Wichtiger Unterschied. Ich denke hier ans Benns wütende Auslassungen gegenüber etliche Emigranten, die keinen Arsch in der Hose hatten, als sie ihn hätten zeigen müssen. - Wichtig für die Charakterzeichnung Deiner Titelfigur: Wenn er hier die sympathischen Äußrungen hinsichtlich seiner verantwortlichen Mitarbeit am Wortwerk anzeigt, dann muß er doch wissen, wozu er arbeitet. Dann ist da Sinngebung! Warum kommt das nicht durch? - Abgesehen davon war es für ihn schon besser, das Reich zu verlassen. Im besten Fall hätte ihn das Schicksal Klemperers ereilt.
    Und stellen Sie sich doch nur einmal vor, ich, Professor für Philosophie, in Peking! Was soll ich denn in Peking? Ich hab meine Wurzeln doch hier.
    Was ist HIER? Prag? Marienbad? Das deutsche Wort? Der Wald, das Wetter, das Geld, die Verfassung? Menschen? Gebäude, Luft, Wasser... Geschichte, Tote, Ehemaliges...
    Wenn ich abgeschnitten bin von allem, was ich liebe und was ich doch verteidigen muß, was soll ich dann noch? Wofür kämpfen, wenn nicht um dieses... dieses verfluchte Deutschland?! Nein, ich gehe nicht mehr weg. (Macht eine nachdenkliche Pause.) In Paris las ich einmal auf einem alten Grabstein ein Wort, das mir seither unvergeßlich folgt: „Jetez l'ancre et laissez flotter“ - Wirf den Anker und laß dich treiben. Über dem Grab schaukelte am Ast einer Weide ein Spinnennetz im Wind. Ich sah, wie der Wind es schließlich vom Zweige riß. Da wickelte sich die kleine Spinne fest in ihr Werk, ihr Gewebe, und gab sich ruhig dahin diesem Wind. 'Du frommes Tier', dachte ich in jenem Augenblick. Denn dies ist Frommsein: freiwillig dem Schicksal sich hingeben, statt zu warten, bis wir unter Tränen es an uns geschehen lassen müssen. Verstehen Sie? Jetez l'ancre et? (Muß wieder eine Fliege abwehren.)
    Das ist gut. Aber die Rückbindung an den Charakter LESSING ist schlecht vollzogen. Er ist geistig zu zapplig.
    Aber Fliegen! Ah, ich hasse Fliegen! Dafür mag ich Spinnen um so mehr. Denn die Fliegen sind deren Nahrung. Ja, ich liebe Spinnen. Ich kann kaum begreifen, wie man sie häßlich finden kann oder sich gar fürchten vor ihnen. Die Furcht erkläre ich mir einzig aus der Lautlosigkeit ihres schnellen Laufs... Dieses schöne Geschöpf! Keinerlei Sprache und Ausdruck hat es, als einzig sein Werk.
    Alles streichen, weil schwatzhaft und psycholisch nicht motiviert; im besten Fall ist das sympathieheischend.
    Ich sag Ihnen, die Spinne ist das Urbild der Dichter. Denn sie muß bauen, bis sie bauend sich erschöpft und stirbt. Und das geschieht nicht für den Markt. Nicht für die Geschichte. Das geschieht auch dort noch, wohin nie ein Auge dringt, in der finstersten Gruft, in der entlegensten Höhle. Darum ist die Spinne das Urbild der Dichter. Auch wir schreiben unser Gedicht in Wüstensand. Jawohl. Und darum liebe ich die Spinnen. (Verscheucht mit einer raschen Handbewegung eine Fliege.) Ah! Und darum mag ich Fliegen nicht! Verdammte Fliegen! Aber ich muß jetzt... muß jetzt wirklich... meine letzten Worte! (Sitzt lange schweigend und bewegungslos da, ins Weiß des Papiers starrend. Schüttelt dann vehement den Kopf.) Zu spät. Es ist zu spät.
    VEHEMENT den Kopf schütteln?
    (Steht auf, beginnt auf und ab zu gehen wie ein Panther im Käfig.) Es ist für alles zu spät. Zu spät. Viel zu spät.
    (Bleibt nahe der am Boden sitzenden Muse Klio stehen, mit Tränen in den Augen. Schreit mit erhobenen Händen.) Zu spät! (Klio streckt ihm ihre Arme entgegen, er hält sich fest an ihren Händen. Halb zieht sie ihn zu sich hin, halb sinkt er ihr entgegen. Sie nimmt sein Gesicht in ihre Hände, schaut ihm tief in die Augen.) Was für ein Mist! (Er steht auf.) Nein! Nein, sag ich! (Holt tief Luft.) Was ich in meinem Leben geschrieben habe... Alles vergeblich! Und jetzt? Nichts, nichts fällt uns Menschen schwerer als schweigend zu sterben. Aber es liegt eine tiefe Weisheit darin, daß bei Homer die Trojaner mit großem Schlachtgeschrei, die Griechen aber ohne einen Laut sich in den Todeskampf begeben.
    (Macht eine kurze Pause.) Kein Wort schreibe ich. (Geht zum Fenster.) Der Mord an mir, er soll für mich sprechen. Soll sagen, was meine „Philosophie der Not“ sagen wollte. Mindere die Not, denn noch leiden Millionen Geschöpfe Not. Millionen werden verunrechtet zugunsten weniger. Das mag Naturgesetz sein. Vernunftgesetz aber ist es nicht. Dies soll der Mord an mir sagen. Mindere die Not. (Überlegt.)

  5. #30
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Das mit dem Vertrauen ist so eine Sache. Man kann es nicht erzwingen, und so scheiden sich eben unsere Wege.
    (Überlegt.)

    Gewiß, es wird kein guter Mord sein. Kein echter Mord. Kein schöner Mord. Nur ein politischer Mord.
    Das ist schlecht. Nicht mal eine Klimax. Einfach nur schlecht. Nullwertig. Langweilig. Oder, um mit Klammer zu sprechen: l-a-n-g-w-e-i-l-i-g. Laß Dir hier mal was einfallen, wie Du Sarkasmus kaschierst und trotzdem anzeigst. Jüdische Selbstreferenz. Immer auch den Haß und die Berechtigung zum Genozid (als eine Art von Schuldeingeständnis) mitdenken, aber gleichsam das Vorhersehbare nicht zu einem Faktischen machen. Wir schreiben das Jahr 1933, da gibt es noch keinen Völkermord, wohl aber Otto WEININGER, Theodor Herzl und Amschel Rothschild.
    Aber immerhin, immerhin achtzigtausend Reichsmark wert. Steht in der Zeitung. Soviel bin ich als Jude den Nationalsozialisten wert.
    Fragt sich wirklich, ob hier der Jude oder der in den Augen Verräter und Vergifter des Völkischen das Geld wert sein soll. (man bedenke auch die Rolle Strassers bei der Verfolgung Lessings)
    Als toter Jude.
    übertreib es nicht mit den Parataxen
    Achtzigtausend Reichsmark für meinen Kopf! (lacht ein verzweifeltes Lachen, das im Hals steckenbleibt) Mein Gott! Was habe ich alles ein langes Leben lang über meinen Kopf hören müssen. Auf der Schule hieß es, mein Kopf sei kein Lernkopf.
    müßte motiviert werden
    Auf der Universität sagten sie, mein Kopf sei ein Wirrkopf. Die Kollegen meinten, es sei ein Querkopf. Ein Kritiker schrieb, es sei kein politischer Kopf, ein anderer, mein Kopf sei kein historischer Kopf. Und so weiter und so fort. Und ich zerbrach mir den Kopf dabei und verdiente nichts damit.
    Das Wort Kopf verdiente es, nicht uneinheitlich genannt zu werden. Die eine Reihung benutzt das Wort KOPF, eine andere, die explizierende, könnte ein Synonym benutzen - oder eine sinngemäße Erweiterung des Begriffs.
    Und nun achtzigtausend Reichsmark! Nie hätte ich für möglich gehalten, daß mit meinem Kopf einmal so viel zu verdienen wäre. (Klatscht blitzschnell die Hände zusammen; erwischt die Fliege.) Hab ich dich!
    Die TEndenz ist hier gut, duieses Zusammenspiel von Handlung, Gemeintem und Tatsächlichem (Gesagtem), aber paß nur auf, daß Du nicht plakativ wirst.
    (Legt das Insekt neben die Schreibmaschine. Geht dann wieder ans Fenster und schaut schweigend hinaus.)
    Wie still es doch ist im Haus, jetzt.
    Auch dieser Gang sollte motiviert werden, vielleicht ein Geräusch.
    Wenn alle Zimmer einmal einsam und verlassen sind.
    Diese beiden Worte EINSAM und VERLASSEN sehe ich in keinem ausgesprochen erweiternden Zusammenhang, zumal nichts darauf hindeutet, daß Lessing einmal etwas anderes als EINSAM und VERLASSEN gewesen sein könnte. Das dürfte also keine neue Erfahrung für ihn bedeuten.
    So still. So friedlich. Und es regnet.
    Seltsam, ich habe gar nicht gemerkt, wann es begonnen hat. Aber ist schon recht. Der Regen tut einem schließlich nichts...[/quote][/b]Das sind mir zu viele Bewußtseinsebenen, die hier nicht entwickelt werden, sondern nur nebeneinander stehen. Das ist einfach zu viel! Die Fliege, die Einsamkeit, der Regen, der kommende Mord, die Nazis, das Kopfgeld, die Not... all das sind Punkte, die für sich genommen schon jeden Dramatiker reizen könnten, hier etwas zu ENT-WICKELN. Du stellst das nebeneinander, aber ich sage Dir, es ergibt keinen kreis, der sich um etwas Geheimes oder gar ein Thema dreht. Versuch doch mal, Deinen Leser reinzuziehen, in den Kreis der Gedankensprünge einzulassen. Ich stehe hier wie die Kuh vorm neuen Tor und bin so klug als wie zuvor.
    Wie äußert sich Lessings Angst? Was haben die Fliegen und ihr Tod eigentlich zu bedeuten? Was kümmert ihn die Einsamkeit? Gab es da mal was anderes? Wie augenscheinlich und unabdingbar ist seine Todesangst? Welche Bedeutung haben Stille udn Regen? Steht das eben mal so da als Augenblicksbeobachtung?
    (Beginnt auf und ab zu gehen. Bleibt stehen, abrupt, entschlossen.) Ich rauche jetzt eine Pfeife!
    (Nimmt eine Pfeife aus der Schublade des Sekretärs, beginnt, sie zu stopfen. Klio rührt sich, gleitet zum Grammophon. Musik beginnt: Schuberts „Der Tod und das Mädchen“. Er geht mit der Pfeife zum Schreibtisch, nimmt dort die tote Fliege, legt sie auf den Tabak.) Es ist gut so. Was will man! Ich warf eine Flaschenpost ins Eismeer der Geschichte. Aber wer nicht alles gesagt hat, hat nichts gesagt. Ich warf eine Flaschenpost ins Eismeer der Geschichte, sag ich, und die Geschichte antwortet prompt und voll Sinnlosigkeit. Schickt ihre Mörder und Mördershelfer los. Empfänger: Ich, Theodor Lessing. Hier, jetzt. Was will man! Es ist gut so. (Tastet sich ab nach einer Zündholzschachtel.) Zündhölzer... wo hab ich denn... Eine sinnvolle Erfindung übrigens, Zündhölzer. Während sie nützen... Wo hab ich denn bloß? (Findet keine, schaut sich um, entdeckt die Kerze, geht langsam zum Eßtisch.) Habe ich der Welt noch irgend etwas zu sagen? Meine letzten Worte? Aber sie will ja ohnehin nur betrogen sein, diese Welt.
    Neuer Gedanke eines bislang ein klares Feindbild Habenden. Kann hier dramaturgisch nicht verwendet werden, es sei denn, es soll eine Plattitüde sein. Dann eben auch streichen, weil wir uns da doch sparsam halten wollen.

  6. #31
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    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Rodebertus. Wer mein Geschriebenes veröffentlichen will, der muss es vor allem und wirklich - wollen! Und dafür, mein Guter, muss einer wissen, was das heisst und bedeutet: Wille.


    Ich bin zu gut und mir zu schade für ein Spielchen nebenbei. Hab ich nicht nötig. Alles oder nichts bei mir, Baby. In diesem Falle also: nichts.

    Mr. Jones


    ps.
    Den Rest erlass ich Dir.

  7. #32
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    Post AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Den REST mache ich selbstverständlich auch noch. Du kannst nicht per Erlaß über mein gegebenes Wort verfügen.


    Dir alles Gute auf Deinen Wegen, mein Lieber. Lebe recht wohl!
    Schauspieler sollen wir alle sein in ihr. Illusionsfassaden! Wer sich offenbart, der wird bald verlassen.
    Das ist wohl wahr. Und steht hier am Ende beinahe nur so da. Hier mußt Du noch etwas beifügen, der Gedanke des verlaßnen Ichs bedarf eines Schleiers, umhüllte Wehmut, ein Ach! oder ein Bäh! - siegt ein Lächeln? Wer legt sich hier in wessen Schatten? - Es steht aber gut hier.
    Ja, so ist das.
    Sehr gut, daß Du das hier noch einmal nachstellst. Das ist jüdisch, und diese Sprachanwandlung leistest Du im Text viel zu selten. Der Lessing geht arg wenig rabulistisch vor.
    Unverlierbar blüht dir nur, was du in stiller Einsamkeit an dir selber hast.
    Kein schlechter Satz, der aber mißverstanden werden kann.
    Aber ist schon gut so... (Nimmt die Kerze.)
    Das genau ist es nicht. Und er ist eigentlich auch nicht fertig mit der Welt. Er brennt zwar nicht, aber er ist auch nicht zu müde, um Valet zu sagen. Das Gut "Einsamkeit" war bislang kaum thematisiert. Der Mann redet von sich beinahe wie in der dritten Person. Nichts ist kränkender. Selbstbewußtsein steht und fällt mit dem sich seiner selbst bewußt seienden Ich, wird es zum Es, so ist ein Gang mit der Kerze in den dunklen Gang des Herzens kein Hülfsmittel mehr. - So ein Bild übrigens stände am Anfang des Textes sehr viel besser da.
    Auch das, eine sinnvolle Erfindung, Kerzen. Während sie nützen, beseitigen sie sich auch gleich selbst. (Zündet mit der Flamme der Kerze die Pfeife an, nimmt einen Zug, bläst dann den Rauch aus.)
    Also, diese Sprünge! Ich weiß nicht, ob das ein gutes Zeichen ist. einmal, ja, als dramaturgisches Mittel, aber ständig? So was nützt sich ab und verärgert. Wen? Den Zuschauer/Leser/Lektoren...
    Ah! Kein Zug so schön wie der erste! (Raucht schweigend, träumt dabei dem Rauch hinterher.) Da! Blicken Sie nur nach den blauen Wolkenschwaden! Sehen Sie nur! Mir kommt immer ein Gedanke, der mich tröstet, wenn ich so rauche: Ich bin jetzt Weltenschöpfer. Ich rauche hier in meinem Stübchen Weltgeschichte. Sehen Sie nur!
    (Inhaliert, bläst Rauch aus.) Diese graublaue Karawane, das sind die Scharen Alexanders. (Inhaliert nochmals, bläst wieder aus.) Und jetzt kommt die Völkerwanderung... Jetzt jagen die Hunnen...
    (Blickt aus den Augenwinkeln zum Fenster.)
    Ich glaube, sie sind da. Draußen, vor dem Fenster.
    Letzten Satz streichen.
    Ja, ich fühle es. Sie zielen auf mich, mit Pistolen. Um diese Uhrzeit müssen sie kaum noch mit Spaziergängern rechnen. Also gut. Also gut. Ich bin bereit. Ich habe nichts mehr zu sagen. Keine letzten Worte, nur Schweigen. Man wird mich vergessen. Ja. Und das ist gut so. Man soll mich vergessen. Eben dafür wird der Mord an mir stehen, eben dafür wird er zum Symbol werden... Aber das kann er nicht, der Mord, nicht ohne den Mörder. Also gut. (Raucht, bläst aus.) Aber sehen Sie, sehen Sie hier! Dieser dicke Schwaden, sehen Sie nur, Napoleons Heere und Völkerkriege und Revolution. Rauch alles, alles verwehender Rauch! (Hält inne. Blickt zum Fenster.) Warum schießen die nicht endlich? (Geht zum Fenster, schaut hinaus.)
    Aber... Da ist niemand! Aber warum...
    (Sieht zur Schreibmaschine hin, läßt die Pfeife sinken. Schlurft langsam zum Schreibtischchen. Hockt sich hin, legt die Pfeife beiseite, starrt das leere Blatt an. Bläst die Kerze aus. Steht dann auf, vernichtet.) Warum kommen die nicht? (Schreit.) Ich habe ein Recht auf meinen Tod!
    (Schweigt lange.) Küß mich, Klio, Muse der Geschichte, gute alte Hure, bitte küß mich!
    (Sinkt vor Klio auf die Knie. Klio nimmt wieder sein Gesicht in ihre Hände. Er weint. Sie gibt ihm auf die Stirn: den Kuß der Muse. Während er bewegungslos bleibt, schwebt Klio zurück auf ihren Sockel und steht jetzt wie ursprünglich da, eine reglose Statue. Langsam steht er auf.) Aus, vorbei! Schluß mit dem ganzen Theater! Die Wahrheit? Sie wollen die Wahrheit wissen? Die Wahrheit ist, ich habe Ihnen was vorgemacht! Ich habe Ihnen vorgespielt, ich sei ein Held! Ich, Theodor Lessing, der der Welt eine letzte Predigt hält. Der unerschrocken dem Gräßlichen ins Totenauge blickt und dabei noch sein letztes Gebet spricht. (Macht eine eindringliche Pause.)
    Aber ich habe doch gar nichts zu sagen.
    (Blickt zum Fenster, aber da ist niemand. Blickt zum Eßtisch, geht langsam zu diesem, nimmt die Pistole in die Hand. Geht wortlos zum Sekretär. Schaut sich die Bilder von Nietzsche, Schopenhauer und Kant. Hält sich die Pistole an die Schläfe, Rücken zum Publikum. Licht aus. Ein Schuß. Vorhang.)


    ---


    Epilog


    (Bühne unverändert. Lessing liegt vor dem Schreibtischchen tot am Boden. Klio rührt sich, schwebt vom Sockel. Musik beginnt: Musik beginnt: Schuberts "Unvollendete",1.Satz, Allegro con moto. Klio beginnt Totentanz. Musik wird leiser, verklingt. Klio setzt sich an die Schreibmaschine, wo noch immer das Papier eingespannt ist. Sie beginnt zu tippen... Vorhang.)
    Gelungener Schluß, beinahe. Die "Unvollendete" ist zu fett, v.a. wenn Du den ersten Satz spielen lassen möchtest. Das mit dem Kuß der Muse ist es vielleicht auch - zu fett -, aber es ist zumindest effektvoll, und auf den Effekt kömmt es manchmal an.

  8. #33
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    Post AW: Sinngebung des Sinnlosen

    so oder so, merci für die textarbeit, rodebertus. ich mach mich also drüber her, im juli, im august. werd mir dann erlauben, die meinerseits überarbeitete fassung hier in diesem ordner anzufügen.


    dear greetings,
    Mr. Jones

  9. #34
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Sinngebung des Sinnlosen

    Eine Riesenarbeit war das, damals wie heute.

    Das ist kein Stück für die Bühne, sondern eine Studie.

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