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Thema: Im Abseits

  1. #1
    Enno Ahrens
    Status: ungeklärt

    Im Abseits

    Die Trennungslinie zu den Lebenden in der Stadt bildet eine Formation aus Lebensbäumchen. Wie Wächter der Toten muten sie an. Aber in Wirklichkeit beherbergen sie nur Namensschilder, die Personen bezeichnen, welche mit ihrem Ableben ihre Existenz verloren haben. Von ihnen befindet sich nur ein Häuflein Asche unterirdisch oder ein verwesender Überrest. Als ich den Friedhof verlassen hatte und an den Häusern in der Stadt vorbeiging, sah ich dort die gleichen Namen wie auf dem Friedhof, neben den Klingelknöpfen, von Angehörigen, in deren Herzhöhlen die Toten begraben sind, lebend. Als solche Personen können sich die Toten nur in intakten Gehirnen aufhalten. Die Gräber auf dem Friedhof bleiben leer.

    Ich setzte mich, zuhause angekommen, an meinen Schreibtisch und verfasste einen letzten Wunsch hinsichtlich meines Beerdigungsfalles:

    Schatzi, sollte ich vor Dir sterben, lasse es nicht zu, dass
    mein Leichnam auf dem Friedhof bestattet und damit quasi
    den Würmern zum Fraße vorgeworfen wird. So böse darfst
    Du nicht sein, und vielleicht noch einen Stein aufzustellen
    mit jener Aufschrift „Hier ruht …“ Nein, Schatzi, so sarkastisch
    bist Du nicht.

    Lass Dir aus meiner Asche einen Diamanten anfertigen und
    in einen goldenen Ring einfassen. Und wenn Du nach ungefähr
    zwanzig Jahren einen neuen Kerl kennenlernst, nimm bitte den
    Ring ab, bevor ihr ins Bettchen steigt.

    Für immer Dein.

    Dann kam mit der Luftpost dies Überraschungspaket von der Straßenaufsichtsbehörde. Oh Schatzi, darin befand sich lediglich deine eiskalte Hand, abgetrennt vom fehlenden Kadaver. Anhand jener identifizierte ich dich, mein liebestoller Schutzengel. Mit erschrockenem Blick hob ich dich hervor aus dem Sumpf der Erinnerung, aus unseren Blütezeiten im heiligen Schrein, welcher dem neuen Streckenabschnitt zum Opfer gefallen war und wo ich das Warnschild passiert hatte mit der Aufschrift „Gefahrenstelle“ und zwischen die Fronten geraten war auf den Streifen der verlorenen Seelen, zwischen Hasenmörder und Jägerallee wurde ich blutig geschlagen, ans Autobahnkreuz führte kein Weg vorbei. Auffahrt und Abfahrt in dunkle Gründe, in sich überschneidende Sonnenaufgänge, machte ich einen Boxenstopp neben der Spur, den Blinker lange gesetzt, während du, meine Schutzempfohlene (in guten sowie schlechten Zeiten), abtrünnig wandeltest auf verschlungenen Pfaden der Aborigines, dich räkeltest im Beutel eines Riesen-Riesenkängurus beim Liebesspiel mit George Clooney.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    119
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    18

    AW: Im Abseits

    es gibt da so einen Literaturwettbewerb: die Nacht der schlechten Texte...

  3. #3
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    9

    AW: Im Abseits

    ...zu spät, diesen Wettbewerb habe ich bereits gewonnen. Ich genüge als Schreiber leider nicht den Ansprüchen, die ich als Leser habe.

    Als Leser:

    Als ich den Friedhof verlassen hatte und an den Häusern in der Stadt vorbeiging
    Kurzgeschichte=Dichte

    heißt...möglichst keine "Bilder" liegen lassen und auf das Nichtssagende und das Selbstredende verzichten.

    "...an den rot verklinkerten Vorstadthäusern..."


    zur Plausibilität:

    sah ich dort die gleichen Namen wie auf dem Friedhof, neben den Klingelknöpfen, von Angehörigen, in deren Herzhöhlen die Toten begraben sind, lebend.
    die Geschichte als solche muss ich nicht glauben können...heißt aber nicht, dass ich auf jede Logik in der Handlungsabfolge verzichten kann. Der Protagonist hat sich also alle...oder zumindest viele Namen gemerkt - und sie im "Vorbeigehen" auf den Namenschildern wiederentdeckt?!? Er hat ein super Gedächtnis, Adleraugen...und er konnte schon mein ersten Namen einen Bezug herstellen...sonst hätte er den zweiten, dritten usw erst gar nicht gelesen. Nein, das ist mE nicht plausibel.

    welche mit ihrem Ableben ihre Existenz verloren haben. Von ihnen befindet sich nur ein Häuflein Asche unterirdisch oder ein verwesender Überrest.
    Da hast Du etwas vergessen...unterschlagen...oder Du musst das Adjektiv "unterirdisch" anders platzieren.

    Von ihnen befindet sich unterirdisch nur ein Häuflein Asche - oder ein verwesender Überrest


    Ich würde das aber ganz anders...nicht im Beamtendeutsch (befindet sich) formulieren...

    und warum "nur"?...das ist doch der Standard - im unterirdischen Bereich lässt sich nichts anderes vermuten, erwarten...



    Dann kam mit der Luftpost dies Überraschungspaket von der Straßenaufsichtsbehörde. Oh Schatzi, darin befand sich lediglich deine eiskalte Hand
    Die persönliche Anrede endet (eigentlich) mit "Für immer Dein"...dabei würde ich es auch belassen - und auf "Oh Schatzi" verzichten.

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