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Thema: Die Bestie

  1. #1
    Reinhard K.
    Status: ungeklärt

    Post Die Bestie

    Mir ist plötzlich so kalt. Ich bin allein wie immer. Ich bekomme schon eine Gänsehaut, wenn ich durch die Scheiben meines klapprigen Autos nach draußen in die Tiefe diese Steinbruches schaue: Kalte Steine, verkrüppelte Sträucher, die sich mit letzter Kraft an den kargen Boden klammern, bis ihnen auch der entzogen wird. Das ist also meine letzte Zuflucht.
    Die Bullen sind hinter mir her. Die kriegen mich nie! Und sollten sie mich schnappen, werde ich mich für meine Taten verantworten. Ich habe keinen Grund, mich für das zu schämen, was ich getan habe. Alle andern müßten sich schämen. Besonders diejenigen, die nicht in der Lage sind, in unserem Land für Ordnung zu sorgen. Sie haben mich mit ihrer Unfähigkeit dazu gezwungen, das zu tun, was ich getan habe. Es müßte viel mehr Menschen wie mich geben, die sich für die Sauberkeit und Sicherheit in der Gesellschaft einsetzen und mit erhobenem Haupt zu ihrem Tun stehen. Ich bin anders und ich bin besser als diese jämmerlichen Versager und Nichtskönner, von denen ich umgeben bin. Ich übernehme Verantwortung. Und habe schon immer die Menschen gehaßt, die ihrer schweren Kindheit oder falschen Lehrern die Schuld dafür geben, weil aus ihren Leben nichts geworden ist. Das sind doch nur dumme Ausreden. Und es kommt noch viel schlimmer! Um die eigenen Fehler auf Unschuldige abschieben zu können, bespitzeln, betrügen und bedrohen diese jammernden Waschlappen mich und ihre Mitmenschen. Dabei ist es ihnen egal, ob es sich bei den Betrogenen und so genannte Freunde, Kollegen oder sogar Familienmitglieder handelt. Sie haben keine Moral. Ich muß das wissen, denn ich bin fast ausschließlich von solchen Primitivlingen umgeben. Dabei glauben diese Nattern, ich könnte ihre Hinterhältigkeiten nicht erkennen, weil sie mit ihren verlogenen, lächelnden Masken vor mich hintreten. Lächerlich! Ich habe sie alle schon immer durchschaut. Und bedauerlicherweise züchtet unsere Staatsmacht solche rückgratlosen Typen geradezu heran. Und weil das so ist, bin ich hier gelandet, muß meine Haut zu Markte tragen, für Leute, denen es gleichgültig ist, was aus Menschen wie mir wird.
    Die Wurzeln dafür werden in den Schulen gelegt, wo die Lehrer kleine Idioten heranziehen, weil sie ihren Schützlingen nichts abverlangen. Und es setzt sich in allen Bereichen des öffentlichen Lebens fort. Jeder darf jedem auf der Nase herumtanzen: Frauen ihren Männern, Kinder ihren Vätern, Chefs ihren Unterstellten. Das Prinzip einer harten Bestrafung, die der Schwere des Vergehens entspricht und den Täter zur Vernunft bringt, existiert nicht mehr. Gefängnisse sind zu komfortablen Hotels geworden, in denen sich jeder Häftling mit dem versorgen kann, was er für ein angenehmes Dasein braucht. Und daran sind die Gerichte schuld. Was sind denn das auch für Urteile? Jeder Fehltritt, und sei er auch noch so kriminell und brutal, wird von Experten erklärt und von den Richtern verziehen. Für jedes Verbrechen, das so ein dreckiger Krimineller begeht, haben die Halbgötter in den Gerichtssälen und ihre Handlanger hieb- und stichfeste psychologische Deutungen erfunden, die nur dem Zweck dienen, die Delinquenten zu entschuldigen. Urteile werden gesprochen und die Täter von ihren Selbstzweifeln zu befreien. Es muß doch für einen Mörder ein wunderbares Gefühl sein, den Gerichtssaal zu verlassen, wenn ihm erklärt wurde, die Schuld für sein Verbrechen war eine Laune der frühkindlichen Erziehung. Ganze Heerscharen von Psychologen und Psychiatern sind damit beschäftigt, die Gründe für die Entgleisungen ihrer Patienten, die doch nichts als miese Verbrecher sind, in ihrer Kindheit oder ihren Träumen wiederzufinden. Was es da nicht alles gibt?! Neulich wurde einem Kinderschänder seine antisoziale Persönlichkeitsstörung attestiert. Dieses abstruse Wortkonstrukt wird ihn nun mit größter Wahrscheinlichkeit vor dem Gefängnis bewahren; für unser Steuergeld wird er in einer geschlossenen Klapsmühle durchgefüttert. Das erinnert mich gewaltig an die Zettel, die meine Mutter schrieb, wenn ich als Kind zu spät zur Schule kam: „Entschuldigen Sie bitte die Verspätung meines Sohnes. Ich habe verschlafen. Mit freundlichen Grüßen...“
    Ich war aus dem Schneider und meiner Mutter war egal, was der Lehrer über sie dachte.
    Was ist also das eigentliche Ergebnis eines psychologisch begründeten Entschuldigungszettels: Die Expertisen der Seelenklempner helfen den Kriminellen nur, sich vor der Anerkennung ihrer eigenen Schuld zu drücken. Nicht auszudenken, was geschieht, wenn ich diesen Gesetzeshütern in die Hände falle. Aber mit mir können sie das nicht machen. Sollte es diesen Knechten tatsächlich gelingen, ihre Gesetze an mir zu praktizieren, werde ich jede Untersuchung durch diese psychologischen Kapazitäten strikt ablehnen. Ich werde ihnen die blanke Wahrheit um die Ohren schleudern, bis sie begreifen, ich bin aus einem anderen Holz geschnitzt. Und wenn sie mich zu solchen Tests zwingen, werde ich jede Mitarbeit verweigern. Sie würden doch nur versuchen, mich für verrückt zu erklären, indem sie mir die Worte im Mund umdrehen, bis sie meine Mission mit Füßen treten können. Aber ich werde ihnen keine Gelegenheit geben, sich aus ihrer Verantwortung zu stehlen, indem sie mich als durchgedreht präsentieren. Ich bin der Wissende, der Träger der Wahrheit. Ja, ich werde sie boykottieren! Nur wenn ich mir treu bleibe, bin ich vor ihnen sicher. Ich brauche ihre verlogenen Hilfsangebote nicht. In meinem ganzen Leben habe ich nie fremde Hilfe bekommen. Das macht hart.
    Sie werden mich nicht kriegen! Wenn nur diese verdammte Dunkelheit und die Kälte nicht wären. Aber ich will nicht jammern. Ich gehöre nicht zu den blutigen Amateuren, die sich fassen lassen, um bei ihrem ersten Freigang zu türmen und den nächsten primitiven Mord zu begehen. Diese instinktgesteuerten Halbtiere bewegen sich in einer unteren Liga, ganz oben gibt es nur mich. Sie haben mich lange genug dort unten gehalten, wo ich nicht hingehöre. Ich bin der Beste, denn ich töte perfekt, und niemand würde auch nur ahnen, ausgerechnet ich könnte hinter den Hinrichtungen stecken, die der Reinigung der Gesellschaft dienen. Natürlich weiß ich, wie weit außerhalb der Gesetze ich mich bewege, die von denen da oben festgeschrieben wurden. Aber kann man es noch ein Gesetz nennen, wenn ein feiger Mörder besser behandelt wird als die Angehörigen seiner Opfer. Deshalb weigere ich mich, diese sinnlosen Richtlinien anzuerkennen. Das gibt meiner Mission einen schönen Nebeneffekt: Durch mich ist die Theorie vom perfekten Verbrechen zur Praxis geworden. Wenn sie mich doch einmal schnappen sollten, könnte das nur durch einen Zufall passieren. Bei meinen Arbeiten sind keine gemeinen Gefühle wie Haß oder Liebe im Spiel. Diese nutzlosen Regungen würden mich nur verwundbar machen. Gefühle sind ein verzichtbarer Luxus. Dabei wurde ich in einer Zeit erwachsen, in der ständig über Gefühle, Toleranz und Verständnis geschwafelt wurde. Frauen emanzipierten sich von den Männern und Kinder von ihren Eltern. Die offizielle Lehre der Nachkriegsgeneration, die sie aus dem Verhalten der Alten zogen, basierte auf dem festen Willen, sich von den kriegerischen Vorvätern so deutlich abzusetzen. Die blutige Verwandtschaft sollte nur noch unter größter Mühe nachgewiesen werden. Dabei wurde auch alles kurz und klein geschlagen, was gut war. Disziplin und Ordnung gehörten nicht mehr zu den erstrebenswerten Idealen. Jeder sollte plötzlich tun und lassen können, was ihm gerade in den Kopf kam. Die Alten trugen dann aber immer noch die Schuld, wenn ein Leben gründlich schief ging. Wir hatten uns als Volk gefälligst unserer Väter und Mütter zu schämen, wenn wir nicht den Anschein erregen wollten, reaktionär zu sein. Was mich betrifft, hätte mir zum Schämen bereits das Verhalten meiner eigenen Familie genügt. Für mich hätte es der Historie unseres ganzen, schuldbeladenen Volkes sicher nicht bedurft, um die Existenz meiner Erzeuger zu verschweigen, wann immer es mir möglich war. Um Kriegsverbrecher gewesen zu sein, waren meine alten Herrschaften zwar zu jung, doch ihnen reichte auch der Frieden, um ihre totale Lebensuntüchtigkeit zu beweisen. Und Frieden war innerhalb unserer Familie keinesfalls die Abwesenheit von Krieg. Was Fremde nicht an meinen Eltern verbrachen, erledigten sie im pausenlosen Kampf untereinander in unserem Wohnzimmer und ihrem Schlafzimmer, in dem sie nach jedem Streit wie die wilden Tiere zu einer Versöhnungsbegattung übereinander herfielen. Ekelhaft! Diesem bedauerlichen Umstand haben es meine Geschwister und ich vermutlich zu verdanken, als gesellschaftlich geforderte Nachkommen in ihrem unbehagliches Nest zu landen. Wir sind die Produkte tierischer Geilheit und ungehemmter Aggressionen. Ich wollte nie so sein, wie sie und habe meine Vergangenheit aus eigener Kraft überwunden. Bin ich ein Autodieb oder Drogenabhängiger geworden, wie es nach den Theorien der Psychologen zwanghaft der Fall sein müßte. Nein. Ich bin ein ordentliches Mitglied der Gesellschaft. Wenn ich nicht gerade die Liste meiner Opfer erweitere, bin ich ein treusorgender Familienvater und Ehemann. Ich bin das geworden, was man den statistischen Durchschnitt nennt. Ich habe eine Frau, die alle für einen Engel halten. Dadurch verfüge ich natürlich auch über einen überdurchschnittlichen Schuldenberg, an dem noch meine Enkel abzutragen haben werden. Denn ich habe auch zwei beinahe erwachsene Kinder, denen das Etikett „Wohlgeraten“ angeheftet wurde. Meine Nachbarn halten mich für einen netten und hilfsbereiten Menschen. Hinter vorgehaltener Hand nennen sie mich mit größter Sicherheit einen Trottel, der alles und jedermann akzeptiert, nie aggressiv reagiert und dem man vom Backei bis zur Bohrmaschine einfach alles aus dem Kreuz leiern kann, wenn man ihn recht freundlich darum bittet. Alle, die mich zu kennen glauben, sind fest davon überzeugt, ich würde für meine Freunde mein allerletztes Hemd geben. Dabei habe ich doch gar keine Freunde. Und ich will auch keine haben! Freunde zu haben, würde bedeuten, vertrauen zu müssen. Doch wem sollte ich außer mir selbst trauen? Niemand! Erst seit ich meine Aufgabe gefunden habe, weiß ich, was das Wort Selbstvertrauen wirklich bedeutet. Ich kann nur mir vertrauen! Nur ein Mann, der sich selbst vertraut, ist stark genug, den ununterbrochenen Betrug durch alle anderen zu überstehen. Und niemand kann mir vorwerfen, ich hätte es nie mit den anderen versucht. Aber es ist mit tödlicher Sicherheit immer schief gegangen. Ein wirklich schönes Adjektiv, das mir da eingefallen ist: tödlich. Dieses Wort charakterisiert mein Empfinden besser als jede seitenlange Expertise über den Zustand meines Geistes und meiner Seele. Meine schöne Seele. Manche Leute behaupten, die Seele eines Menschen würde mit seinem letzten Furz aus dem Leib eines Sterbenden entweichen. Wenn das stimmt, haben die meisten eine verfaulte Seele. Und ich muß es wissen, denn ich habe schon einige letzte Fürze erlebt. Ich, der Vollstrecker! Ich, die Bestie! Dabei hätte ich nie gedacht, einmal mit dem Töten von Menschen anzufangen. Ich haßte die Gewalt, den Betrug und bekam dafür immer die Quittung. Immer fielen mir diejenigen in den Rücken, die ich liebte oder denen ich vertraute. Jetzt breche ich das Gesetz, um ihm Geltung zu verschaffen. Das ist nur auf den ersten Blick ein Paradoxon, denn meine Hinrichtungen dienen nur dazu, Schmarotzer auszuräumen, die von unseren sauer verdienten Steuergeldern leben, ohne etwas zurückzugeben. Ich bin von meinem niederen Platz aufgestanden, ihre Wertlosigkeit zu beweisen, denn niemand wird meinen Objekten eine Träne nachweinen. Und mir ist dabei völlig klar, die Menschen meiner Umgebung würden in ihrer üblichen Verlogenheit so tun, als dürfte nicht sein, was ich tue. Sie würden nach außen die moralischen Regeln unserer Gesellschaft lautstark befürworten und in ihrem Innersten dankbar sein, weil sich jemand gefunden hat, der sie vom Abschaum befreit.
    Die anderen. Was sind das schon für welche? Womit darf ich es schon zu tun haben? Sind es etwa die großen Geister unserer Zeit, die es zweifellos gibt, und denen ich mehr als ebenbürtig bin? Nein, ich bin dazu verdammt, mich mit den blöden Herdentieren zu umgeben, die widerspruchslos den Befehlen der großen Manipulatoren folgen, weil ihr Geist nicht ausreicht, das Stupide an ihrem eigenen Leben zu erkennen. Wie die Lemminge stürzen sie sich über jede Klippe, wenn sie ihnen nur schmackhaft genug gemacht wird. Aber ich lasse mich nicht durch den schnöden Krempel korrumpieren, der uns als Leben verkauft werden soll. Ich weiß, was läuft: Wir sind die stumme Masse, die nur an ihrer Kaufkraft eingeschätzt wird. Wir sollen unser ganzes Leben, alle unsere Wünsche und Träume nach den Sonderangeboten der Kaufhäuser und Supermärkte ausrichten. Das gemeine Fußvolk, die zahlungsfähige Meute, soll zu einer hilflos herumdümpelnden Menschenmasse werden, der ein cleverer Verkäufer nur ein paar jämmerliche Stücke nackter Haut präsentieren muß, wenn er seinen Schund jeglicher Art loswerden will. Fleisch, Fleisch, Fleisch. Überall nackte Titten und Ärsche! Wann schlug denn eigentlich die Verklemmtheit meiner Kindheit in die grenzenlose Hemmungslosigkeit und Schamlosigkeit des heutigen Nacktheitswahnes um? Wann und von wem wurde beschlossen, es gehöre zum guten Ton , Pornodarstellerinnen zu Fernsehshows für die ganze Familie einzuladen? Noch vor ein paar Jahren hätten es diese Celluloidhuren vorgezogen, sich in der Öffentlichkeit als biedere Bettenverkäuferin vorzustellen. Sonst hätte ihnen niemand auch nur die Hand zum Gruß gereicht. Vorbei. Dreht da jemand an einem riesigen Rad, um uns endgültig ins Chaos der Sittenlosigkeit zu stürzen? Wollen die Macher uns endgültig verwirren, um noch mehr Macht über uns zu bekommen? Nur durch einen Zufall habe ich die für mich einzige Möglichkeit gefunden, mir meine Welt zu schaffen. Ohne das wäre ich wahrscheinlich schon längst verrückt geworden. Aber auf meine Weise habe ich die unvergleichliche Möglichkeit, das zu tun, was an den Stammtischen nur mehr oder weniger laut gewünscht wird. Ich bin die Faust des Volkes! Die lächerliche Staatsmacht ist längst machtlos. Es belustigt mich immer wieder, die Unfähigkeit meiner Jäger zu beobachten. Was sind das denn für „Jäger“, die nach verschiedenen Mördern meiner Objekte suchen? Denn sie suchen ja nicht nach mir. Dazu fehlt ihnen der Grips. Ich bin so lange kein Gejagter, wie diese blinden Stocherer keine Ahnung haben, wo sie nach nur einem einzelnen Vollstrecker suchen müssen, der für alle Hinrichtungen verantwortlich ist. Ein wunderschönes Gefühl: Die Bestie bin ich! Die werden mich niemals erwischen! Ich bin perfekt!

  2. #2
    bauer hans
    Status: ungeklärt

    AW: Die Bestie

    Irgendwo, so etwa bei Zeile 264, denkt Mann sich: Zu Sache, K, knall sie alle ab!

  3. #3
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Die Bestie

    in dieser Zeit, so um 2003, gab es mehrere Texte, die letztlich Phantasien entstammten, die allesamt mit Verdrängung zu tun hatten; muß damals eine Volkskrankheit gewesen sein

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