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Thema: www.bürgerkonvent.de

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post www.bürgerkonvent.de

    Hurra, wir leben! Da ich begierig auf alle Regungen nichtoberflächlicher Selbstweihung bin, lese ich Manifeste mit Vorliebe, sei es eines gegen die Arbeit oder eines dafür... Hier nun, wie auf dem Königstein versprochen, eine kurze Auseinandersetzung, sprachlicher wie inhaltlicher Art, mit dem Manifest-Text aus www.buergerkonvent.de:


    erstellt von BürgerKonvent: I.
    Wir Deutschen befinden uns in einer Sackgasse. Ohne Kursänderung werden wir in Kürze auf eine grundlegend veränderte Wirklichkeit aufprallen.
    Das ist eine mißverständliche Prämisse. Das Subjekt befindet sich in etwas. Im nächstfolgenden Satz wird das Subjekt aus dem Seienden in ein neues Seiendes vage gestellt. Es befand sich demnach, ausgangspositionell betrachtet, nicht dort, wo es im Nachfolgenden gemutmaßt wird.
    Genauer: Im zweiten Satz steht WIRKLICHKEIT. Im ersten Satz steht SACKGASSE. Bewegung von SACKGASSE zu WIRKLICHKEIT. Wirklichkeit und Sackgasse stehen in einem Ursache-Folge-Verhältnis. Dazwischen die Zeit. Da WIRKLICHKEIT Zielpunkt ist, ist Ausgangspunkt Nicht-Wirklichkeit, sondern nur Möglichkeit zum Ausgangspunkt.
    Noch deutlicher: Die beiden Sätzen lassen die Vermutung zu, daß das Wir (das Subjekt) sich nicht in dem Objekt (Wirklichkeit) befindet.
    Noch problematischer wird dieses Satzgeflecht, wenn das Adjektiv VERÄNDERTEN hinzugenommen wird.


    Schlage folgendes vor: Einfacher strukturieren. Beim Festen beginnen.
    Fixiert auf Vergangenes sehen viele nicht das Kommende.
    Schon wieder eine Behauptung. Das Kommende ist nicht zu sehen. Das sollte niemand von sich behaupten dürfen, daß er das Kommende SEHE.
    Wenn das Kommende geahnt wird, dann nur, weil aus der Vergangenheit Muster bekannt sind, die eine Konstruktion des Künftigen ermöglichen.
    Das hat Folgen. Die wirtschaftliche Dynamik ist weithin erlahmt; Millionen von Menschen sind ohne Arbeit; die Zahl der Insolvenzen erklimmt Rekordhöhen.
    Obwohl wir Bürger dem Staat die Hälfte des von uns Erarbeiteten überlassen, macht dieser hohe Schulden. Allein für die Verzinsung seiner Altschulden gibt er mehr aus als für Investitionen. Die Stabilitätskriterien von Maastricht einzuhalten fällt ihm schwer. Sie aber sind Grundlage eines starken Euro.
    Zugleich bröckeln die sozialen Sicherungssysteme. Die Wechsel, die hier auf die Zukunft gezogen wurden, sind nicht gedeckt. Damit immer mehr alte von immer weniger jungen Menschen auskömmlich versorgt werden können, müssen die Nachwachsenden die bestmögliche Bildung und Ausbildung und ausreichend produktive Arbeitsplätze erhalten. Beides geschieht nicht. In Deutschland wird zu wenig investiert - in Menschen und Arbeitsplätze. Die Folgen hiervon haben vor allem die Jüngeren zu tragen.
    Das ist eine ausgesprochen enge, beinahe mechanische Sicht der Zusammenhänge. Sie verkennt und mißachtet die in den Menschen verortbaren Willenskräfte und setzt den Menschen in eine Kasuistik reiner Naturnotwendigkeit. Sein Handeln würde demnach in einer 1:1-Abhängigkeit zu Paragraphen und gesellschaftlichen Bedingtheiten stehen. Daß der Mensch in diesem Sinne abhängig ist - er ist aber nicht nur abhängig! -, will ich nicht bestreiten, doch in diesem Textabschnitt wird sehr eng argumentiert, sehr vieles ausgeblendet, nicht einmal mitgesagt.
    Ich schlage vor, hier einem Gedanken Raum zu verschaffen, der die Freiheit des Menschen betont und seinen Drang, mit anderen zu schaffen, zu wirken, zu arbeiten, sich selbst zu reproduzieren durch die Vielzahl seiner selbst gewählten oder auch ihm bestimmten Tätigkeiten...
    Wertvolles Potential liegt brach.
    Das ist das Wesen der Potenz, brach zu liegen. Einem Manifest sollte es in erster Linie nicht so sehr darum gehen, Potenzial freizusetzen, sondern Potenzial zu schaffen. Ich empfehle hier einen Blick in Schellings Potenzen-Lehre.
    Herausragende Leistungen sind selten geworden.
    Dieser Satz ist - man möge es mir nachsehen - dumm, weil er durch mindestens zweitausendvierhundertundachtzehn Gegenbeispiele widerlegt werden könnte. Abgesehen davon fragt sich der Leser hier, was HERAUSRAGEND zu nennen ist. Wer legt das fest? Selbst im internationalen Zusammenhang gesehen: Sollen wir IMMER die Besten sein? Freilich. Aber man hänge das nicht an die große Glocke, daß es eben so sein sollte, sondern arbeite still an den Zielen, die letztlich die aller Menschen sind. Frieden, Wohlstand, Gleichberechtigung, Solidarität.
    Zukunftsinvestitionen in schulische und berufliche Bildung, Wissenschaft und Kunst stehen im Schatten flüchtigen Gegenwartskonsums.
    Auch die Herausforderungen der deutschen Wiedervereinigung sind nur zum Teil bewältigt. Ost und West sind noch längst nicht zusammengewachsen. Hinzu kommen wirtschaftliche Probleme. Seit Mitte der neunziger Jahre stagniert die Wirtschaftskraft in den neuen Bundesländern bei reichlich 60 Prozent des Westniveaus.
    Das dürfte noch eine ganze Weile so bleiben, bis es eines schönen Tages wieder umkippen wird, also heute unterstützende Gebiete zu unterstützten werden. Der Mitteldeutsche - für den ich sprechen kann - ist rührig, muß immer etwas tun. Früher oder später wird er sich auf die Hinterbeine stellen und ackern. Ich wage zu bezweifeln, daß er es tut, wenn er nicht aus sich heraus den Drang entwickelt, es eben zu tun. Mit neuen Gesetzen oder Erleichterungen dürfte da kaum etwas zu bewegen sein. Ich halte von derartigen Rechenexempeln auch nicht viel, sie setzen einen Aspekt in die Diskussion, der schädlich ist, weil er immer an den Grundfesten rüttelt: Entweder bildet man ein Gemeinwesen und unterstützt sich - oder man läßt es eben bleiben. Vor dem letzten Krieg war Mitteldeutschland die Werkstatt Deutschlands. Warum? Es waren der Menschenschlag, die Lage und die politischen Verhältnisse. Man gebe diesem Menschenschlag Gelegenheit, er selbst zu sein, kaufe ihn nicht oder entmündige ihn nicht durch Verbote und Auflagen, durch wirtschaftliche Unselbständigkeit, man lasse ihm seinen Spielraum und wird sehen, er dankt es dem "europäischen" Gemeinwesen.
    Um dennoch den ostdeutschen Lebensstandard dem westdeutschen anzunähern, fließen ständig hohe Milliardenbeträge von West nach Ost. So einsichtig dieser Transfer ist: Er hinterläßt in den alten Bundesländern mittlerweile deutliche Spuren.


    Das und manches andere stimmt viele Menschen pessimistisch.
    Ganz schlecht. Diese Sätze hinterlassen beim Leser nur schlechte Gefühle. Sie spreizen einen Gedanken in eine Richtung, aus der er kaum zurückfindet. Ein Manifest muß Türen öffnen, nicht verschließen. Das sind Gedanken der Verengung, aus dem Allgemeinen ins Spezielle, aus dem Menschheits-Ich zu einem Ich, weg von Deutschland hin zu einer Denke Ost-West-Nord-Süd-Deutschland, dann weiter Nordrhein-Westfalen, Köln, Bonn, Hafenstraße... Dieser Weg ist falsch.
    Man beginne immer beim Festen, bei dem, wofür etwas sein soll.
    Das ist hier nicht deutlich gesagt, vielmehr ist mit einer Einzelkritik, die zudem noch fragwürdig ist, ob die Wiedervereinigung nicht vielleicht doch nicht eine derartige Rechnung zuläßt, sondern vielmehr wirtschaftlich und politisch die BRD stärkte... Wer will das genau berechnen, wer hier wieviel verdiente oder einbüßte?
    Ich schlage vor, hier bei dem Gegenwärtigen zu bleiben, das sich aus dem Vergangenen speist und daraus ein Konzept für die Zukunft zu entwerfen, zu offenbaren (manifestieren).
    Unabhängig von Parteienkonstellationen haben sie Zweifel an der Fähigkeit der Politik, die sich auftürmenden Probleme zu lösen.
    Wer hat woran Zweifel? Menschen haben an der Politik Zweifel? Das ist bestenfalls eine Binsenweisheit. Der Ansatz ist hier bedenklich, weil er Verantwortung abschiebt. Das Land wird nicht durch Politik gestaltet. Menschen und Verhältnisse (die Politik ist ein Ausdruck der Verhältnisse) gestalten das Land. Also geht es nicht darum, in einem Manifest, die Politik zu geißeln - davon kann ausgegangen werden, daß da irgend etwas nicht richtig gut läuft, sonst gäbe es das Manifest nicht -, vielmehr geht es darum, den Menschen so zu erfassen, wie er zum gegenwärtigen Zeitpunkt eben aufgefaßt werden müßte, um sich selbst zu entsprechen. Oder soll der Mensch des Jahres 2003 einem abstrakten Ideal entsprechend gemodelt werden?
    Die Lage spitzt sich zu. Viele Bürger wollen nicht länger zusehen, wie ihre Zukunft aufs Spiel gesetzt wird. Es ist Zeit zu handeln.



    P.S. Bemerkungen, die sich mir nicht sachbezogen erkennbar zeigen, werden gnadenlos gelöscht.

  2. #2
    Kurzvormabschussiger
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    AW: www.bürgerkonvent.de

    Ich kommentiere hier also nicht weiter sondern füge etwas hinzu (wie immer).

    Eine Initiative der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft.


    Diese Menschen behaupten: Deutschland kann mehr!
    Von Januar 2003 bis Juni 2003 erschienen insgesamt 100 Anzeigen in Bild und BamS.



    Untermauert wird der Phrasenwahnsinn durch eine sogenannte Langfassung im Internet. Und weil diese Menschen bisher nicht organisiert waren hat das einfach die nette Werbeagentur Scholz & Friends übernommen.


    Wir brauchen mehr virtuelle AgitProp-Demonstrationen! So kann es nicht weitergehen!
    Macht endlich Schluss mit philosophischen Manifesten, riesigen Agenda-Vorschlägen!
    Wir brauchen umsetzbare Phrasen!
    Sagt Kollege Randolf Rodenstock: "Da habts welche!" Ich unterbreche an dieser Stelle kurz meine Runde am 16. Loch, um mich in aller Kürze der kontemplativen Phrasenfindung und Politikverkürzung hinzugeben. So nun aber zum Abschlag. Jeder ist seines Glückes Schmied. Deshalb nehme ich für den Abschlag ein Eisen 4.

  3. #3
    Mike
    Status: ungeklärt

    AW: www.bürgerkonvent.de

    Der BürgerKonvent: Ein Verein der Besserverdienenden!


    Der freiberufliche Journalist "Helmut Lorscheid" hat uns diesen unveröffentlichten Bericht zur Verfügung gestellt. Hier findet ihr die wahren Hintermänner des BK's! Hochrangige, reiche Leute rufen zum Verzicht auf und selber lebt ein Teil der Leute vom Erbe ihrer Väter ...


    Unter www.keineluftmehr.de findet ihr den Bericht!


    Gruß mike

  4. #4
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: www.bürgerkonvent.de

    Lieber Mike! Ich habe mir diesen Bericht durchgelesen und kann darin nichts Desavouierendes gegenüber den Initiatoren des Bürgerkonvents entdecken. (Auf Bezahlungen meiner Rechnungen warten auch ungefähr fünfundsiebzig Leute, deshalb bin ich noch längst kein asoziales Element oder unfähig zu erkennen, was nottut.) Ich halte es methodisch auch für bedenklich, über Lebensläufe (die für sich genommen wohl sicherlich auch andere Sichtweisen ermöglichen) einen Menschen zu diskreditieren, ihm dies oder jenes abzusprechen. Das ist mir zu einfach.


    Der Gedanke, daß die Individuation sich hierzulande zu stark über den übers Geld manifestierten "Rang" innerhalb der Gesellschaft ausdrückt, hat etwas für sich. Das Dienen spielt keine Rolle mehr, derweil ist sie ein Hauptbestandteil des Menschlichen, des Humanisten. Wenn man meiner Meinung nach den Konventlern etwas vorwerfen darf, dann dieses, daß ihre Argumentation zu sehr über die Denke der Steigerung des BSP geht, wobei ich mir auch nicht so sicher bin, ob sie nicht sogar nur darauf abzielt. Dann allerdings ist das nur langweilig.
    Veränderung in der Gesellschaft beginnt über das Denken der Menschen. Diesen klassischen Standpunkt möchte ich nicht verlassen wollen, auch wenn er sich materialistisch-dialektisch (oder postpostmodern kasuistisch oder...) nicht behaupten läßt. Aber sind wir nicht alle ein bißchen gaga?

  5. #5
    Mike
    Status: ungeklärt

    AW: www.bürgerkonvent.de

    Der Bürgerkonvent ist eh. Banane! Wenn das so weiter geht können die sich umbenennen in Brauner Konvent!


    Gruß Mike

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: www.bürgerkonvent.de

    Ja, das mit dem Aufholen Mitteldeutschlands gegenüber dem Westen ist so eine Sache, die ich sehr interessant finde. 1990 lag Mitteldeutschland bei durchschnittlich 43% der westdeutschen Wirtschaftskraft, um 2003 lag sie bei 60%, 2019 bei etwa 75%, Tendenz steigend. Es liegt auf der Hand, daß Mitteldeutschland, wenn es nicht die Fehler des Westens macht, in absehbarer Zeit über dem westdeutschen Durchschnitt liegen wird, damit ein binnendeutsches Niveau erreicht, das es bis zum Kriegsende besaß. Die meisten Erfindungen und technologischen Neuerungen kamen dato aus dieser Gegend (Autobau einmal abgesehen), der Menschenschlag hat sich kaum geändert, wir sind hier immer noch betriebsame Protestanten - dem Wesen nach. Aus der Corona-Krise kamen wir besser als andere Teile des Reiches. Die Leute wollen arbeiten. Das ist gut.

    Der www.buergerkonvent.de war eine Kopfgeburt, eine Art von betulichem Vorgänger der AfD, er zeigte seinerzeit an, daß es politisch nicht besetzte Bereiche gab, die die "Volksparteien" nicht abdeckten: Nationalismus, Bürgerbewegung, Konservatismus und (nichtlinke) Solidarität .

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