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Thema: Das Versagen des J.F.K.

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Das Versagen des J.F.K.

    Die Lektüre verschiedener Texte, eigenes Nachdenken und Gespräche mit Freunden und Bekannten haben mich zu dem Schluß kommen lassen, daß dieser meistgeliebte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika nicht derjenige genannt werden kann, als der er immer noch genannt wird: der Mann, der die Freiheit verteidigte (Berliner Rede 1963) und den dritten Weltkrieg verhinderte (Kuba-Krise 1962).

    Ich werde unter tätiger Mithilfe meiner Mitarbeiter, Freunde und Besserwisser diesen Ordner allmählich füllen.

    Die koloniale Befreiungsbewegung seit den 60er Jahren bewirkte eine Verstärkung des Kalten Krieges, denn nunmehr wurden Stellvertreterkriege zur Tagesordnung, meist in Afrika oder Asien, aber auch die Suezkrise 1956 und die Kuba-Krise[1] 1962 sind hier zu nennen.[2] Der Quantensprung in der amerikanischen Außenpolitik wurde durch Kennedy vorgenommen, der den Startschuß für verstärktes amerikanisches Engagement[3] in Vietnam gab, ein Gebiet, in dem die Amerikaner nur indirekte Interessen besaßen, aber befürchteten, daß das Wegbrechen Vietnams und dessen Positionierung für die Kommunisten das südöstliche Asien wie nach einem Domino-Effekt den verhaßten Kommunisten würde zuführen müssen. Das schien den Einsatz von Menschen und Material zu rechtfertigen, führte aber nicht nur zu einer Niederlage in Fernost, sondern auch zu schweren innenpolitischen Verwerfungen. Erst vierzehn Jahre nach Kennedys Grundsatzentscheidung konnte Präsident Nixon das Abenteuer beenden, gab den Befehl zum Rückzug der amerikanischen Truppen aus Vietnam und sicherte den Bestand der Region, indem er China in die Vereinten Nationen brachte und ihnen einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat konzedierte, wodurch diese Region weitgehend neutralisiert wurde. Doch dieser Rückzug 1977 bedeutete kein Ende der amerikanischen Kriegsabenteuer in allen Teilen der Welt. Dieser Rückzug schien um 1977 Mosaiksteinchen im Ost-West-Konflikt zu sein. Die strategische Offensive kam zur Sowjetunion, der es gelang, von Kuba über Nikaragua, vom Jemen über Äthiopien bis Angola kommunistisch-orientierte Zellen zu bilden, die auf umliegende Staaten ausstrahlten. Zudem hatte sich die Zahl der sowjetischen Interkontinentalraketen stark erhöht, was in Amerika als Bedrohung empfunden wurde.
    Der Abschuß der U-2, einem amerikanischen Spionageflugzeug, das im Luftraum der Sowjetunion im Mai 1960 ausgemacht und abgeschossen wurde, dazu Kennedys im Wahlkampf vom Präsidenten Eisenhower wider besseren Wissens unwidersprochene Behauptungen, die USA seien der Sowjetunion in bezug auf die atomare Ausrüstung der Streikräfte unterlegen, und schließlich das Gefühl wachsender Bedrohung forcierten von amerikanischer Seite aus das Wettrüsten, ließen den amerikanischen Imperialismus aggressiver auftreten, um verlorengeglaubtes Terrain von den Bolschewiki zurückzuerobern. Offenbar spielte es keine Rolle, welche Partei den Präsidenten stellen würde, einig war man sich in einer weiteren Erhöhung der Rüstungsausgaben. Empfindliche Schläge für das amerikanische Selbstbewußtsein folgten: der erste bemannte Weltraumflug (Juri Gagarin, 12. April 1961) zeigte den Amerikanern die Überlegenheit sowjetischer Transporttechnik, die in der Lage war, mehrere Tonnen in den Weltraum zu schicken; das Schweinebucht-Fiasko der CIA, 17. April 1961, offenbarte den Sieg des Sozialismus auf Kuba.
    Der Ost-West-Konflikt schien um 1961 von der Sowjetunion gewonnen zu werden. Es gelang ihr, in den USA das Bewußtsein zu schaffen, daß ein Atomwaffenkrieg auch zum Untergang der USA führen müßte, was die USA an den Verhandlungstisch brachten und 1963 zum Abschluß eines Atomwaffenteststoppvertrages und 1968 zum Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen führte. Im Fokus stand die Begrenzung strategischer Rüstung, was v.a. der wirtschaftlich schwächer seienden Sowjetunion nützen mußte. Das Konzept der Friedlichen Koexistenz sollte fortan den Ost-West-Krieg beenden.
    Neben den offensichtlichen Auseinandersetzungen in der Diplomatie, dem Wettrüsten und den Stellvertreterkriegen fand der Kalte Krieg auch auf psychologischem Gebiet statt. Die USA installierten zahlreiche Radiostationen an den Grenzen zu den sozialistischen Ländern und entwickelten Kommunikationsstrategien, um die Menschen im Sinne der Politik der jeweiligen amerikanischen Regierung zu beeinflussen. „Radio Free Europe“ mit entsprechenden Landesprogrammen, Europa Libera, der RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) und andere Medien arbeiteten sich an diesem Ziel ab. Erfolgreich. Die liberalen Wertvorstellungen blieben in der sozialistischen Bevölkerung präsent, westen unterschwellig und beeinflußten die Entwicklung in den sozialistischen Ländern nachhaltig. Diese Radiosender dienten der Infiltration und subversiven Tätigkeit gegen die bestehenden Ordnungen und konnten von den sozialistischen Staaten nicht abgeschirmt werden. Die USA betrieben hier eine zwiefach ausgerichtete Politik. Zum einen versuchten sie, die Einheit der sozialistischen Welt aufzubrechen, indem sie einzelne Teile aus dem Monolith des Bolschewismus herauszubrechen trachteten. Andererseits konzedierten sie der BRD den Alleinvertretungsanspruch für alle Deutschen, betrachteten die Arbeit am Fall der Berliner Mauer als deutsche Angelegenheit, was zugleich ihren Sieg im Ost-West-Konflikt bedeuten würde. Kennedy begriff die Mauer anfangs als Herausforderung, schickte seinen Vize vor Ort nach Berlin, um mit der CIA mögliche Gegenmaßnahmen zu planen und zu organisieren. Zugleich war ihm bewußt, daß diese Mauer eine Bankrott-Erklärung des Sozialismus sein mußte, deren Existenz der augenscheinliche Beweis dafür war, daß der Bolschewismus den weltanschaulichen Kampf um die Köpfe verloren hatte. Doch dann zeigte die Affäre „Felfe“[4], daß die USA seit Jahren von der Sowjetunion systematisch ausspioniert worden war, sie alle geheimen Pläne kannte, u.a. auch die, die den Widerstand gegen die DDR in Ostdeutschland betrafen. Damit war die Möglichkeit für Jahrzehnte erloschen, die Mauer von innen heraus abzureißen. Die CIA benötigte einen neuen Anlauf zum Aufbau eines Spionagenetzes in Mitteleuropa.

    Die Entscheidung Kennedys, sich in Vietnam zu engagieren, 1963, löste anfangs noch keine Kritik in der aufgeschlossenen Jugend aus, im Gegenteil: Kennedys Entscheidung nach der Ermordung des südvitetnamesischen Präsidenten Diem am 2. November 1963 wurde als ein kräftiges Pro zur Durchsetzung des Selbstbestimmungsrechtes und als Fanal gegen die bolschewistische Gefahr verstanden, nicht als Schachzug imperialer Machtpolitik. Die Ermordung Kennedys im November 1963 löste in weiten Kreisen der Bevölkerung, insbesondere der progressiven westdeutschen Jugend, Solidaritätsbekundungen, Betroffenheit und Abscheu vor den mutmaßlichen Hintermännern des Mörders, dem russischen Geheimdienst (KGB), aus. Doch Zweifel an diesen Zusammenhängen blieben. Die Zweifel wuchsen mit der Kenntnis der Art und Weise des amerikanischen Engagements in Vietnam: Flächenbombardements gegen die Zivilbevölkerung, agent orange, Ermordung Unschuldiger, Zweifel an der moralischen Rechtmäßigkeit des amerikanischen Einsatzes, die Bildung der GroKO, die Wirtschaftskrise Mitte der 60er Jahre, zunehmender Materialismus und Egoismus…



    [1] Nachdem die Amerikaner durch Spionage wußten, daß auf Kuba Mittelstreckenabschußanlagen installiert wurden, zudem etliche sowjetische Militärberater auf Kuba stationiert worden waren, gab Präsident Kennedy den Befehl zu einer Blockade, um die Anlieferung weiterer Materialien zu unterbinden. Der sowjetische Generalsekretär Chrustschow ließ dennoch 25 Schiffe Kurs auf Kuba nehmen und berief sich auf die Freiheit der Meere und verwies zudem auf amerikanische Raketenabschußanlagen in der Türkei, die die Sowjetunion bedrohen würden. Der amerikanische Verteidigungsminister McNamara erklärte, man werde die sowjetischen Schiffe zur Umkehr zwingen, falls sie die Blockade durchbrechen wollten. Chrustschow lenkte ein und ließ abdrehen.

    [2] Neben der Initiierung des Stellvertreterkrieges verfolgten die beiden Weltmächte das Konzept der Infiltration des Gegners, aber auch das des indirekten Angriffs: Politik des Brückenschlags. Die USA stärkten die liberalen (reaktionären) Kräfte in den sozialistischen Ländern, spekulierten auf Nationalstolz, religiöse Unterschiede, bürgerliche Diesseitshoffnungen. Kreditaussichten, vergünstigte Handelsverträge, Kulturaustausch, Aufbau bürgerlicher Wertvorstellungen etc.pp sollten diese Politik bestärken, letzten Endes das Hauptmanko des Sozialismus angreifen, dessen Unfähigkeit zur Anerkennung des wichtigsten sozialen Bausteins jeder Gesellschaftsordnung, dem im Volks- und Familienbewußtsein wurzelnden Gemeinschaftsgefühl, das Eingebundenheit und Pflicht auf die Verantwortlichkeit des Einzelnen stellt und nicht auf den als abstrakt und blutleer empfundenen proletarischen Internationalismus, der zudem rigoros gegen Abweichler von der reinen Lehre des Marxismus vorging. Der Westen erkennt dieses Prinzip nur als vernünftig an, weil es ihm und der Ausbeutung des Menschen nützt, aber er erkennt es an. Die Bolschewiki erkennen es nicht nur nicht an, sie bekämpfen es als reaktionär. Es dauerte Jahrzehnte, bis man bei den Bolschewiki begriff, wie fundamental die familiäre Bindung für den Menschen ist. Die Bedeutung des Nationalen begriff man nie.

    [3] „In den Kriegsjahren 1964 bis 1968 wurden die amerikanischen Truppen in Indochina um mehr als das Dreißigfache verstärkt und auf über eine halbe Million erhöht, fielen mehr Bomben auf die leidgeprüfte DRV [Demokratische Republik Vietnam], als während des ganzen zweiten Weltkrieges abgeworfen wurden. Frauen und Kinder wurden ermordet, Städte und Felder durch Bomben Napalm und giftige Chemikalien zerstört.“ (Schulbuch 10, S. 193.)

    [4] Der einstige SS-Mann Heinz Felfe arbeitete als hoher Beamter im BND, bis er 1961 als Spion der Sowjetunion enttarnt wurde. Er soll 15000 Geheiminformationen nach Moskau übermittelt haben, was zur Enttarnung von Hunderten von CIA-Mitarbeitern führte und die Arbeitsgrundlagen der CIA in Ost- und Mitteleuropa zerstörte.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Das Versagen des J.F.K.

    Mit Kennedy befand sich Amerika auf dem Höhepunkt seiner Macht. Kennedy bildet den Scheitelpunkt des amerikanischen Macht-Selbstverständnisses: Der Kalte Krieg war auf dem Höhepunkt: Unsere große Strategie besteht allein im Rüstungswettlauf und im Kalten Krieg. (Kennedy 1961) Das Ziel war das des CFR (council of foereign relations), dem Kennedy angehörte, die Weltregierung unter amerikanischem Vorsitz. Also scharte Kennedy die "Besten" seines Landes um sich, z.B. Dean Rusk von der Rockefeller-Stiftung. Der hatte in Fernost seine Geschäfte zu sichern. Fernost, d.i. z.B. Vietnam. Es waren Männer aus der Industrie (Ford-Präsident McNamara) und aus seiner Familie (Bruder Robert), die den neuen und aggressiveren Kurs der USA prägten. Es galt, die 3:1-Überlegenheit bei strategischen Waffen nunmehr politisch vollends zur Geltung zu bringen, galt, das wirtschaftliche Übergewicht (ca. 40% Weltindustrieanteil) zum tragen zu bringen... Der amerikanische Traum sollte Amerika und die Welt beglücken: Freiheit, Gleichheit und Wohlstand. Und Kennedy glaubte daran.
    Also mußten die Grenzen neu bestimmt werden. Die Grenzen der Zuständigkeit. Der Isolationismus seiner Vorgänger, die den mehr oder weniger zum politischen Credo erklärt hatten, wich der Prämisse: neue Herausforderungen. Statt AMERICA FIRST wurde FREEDOM FOR ALL propagiert. Und die USA wollten hier die Führung innehaben, nicht länger dem ängstlichen Sicherheitsdenken der Dulleschen Sicherheitspaktiererei huldigen.


    Das machte großen Eindruck auf die v.a. jungen Verehrer und Verehrerinnen des smarten Präsidenten und hilft den Mythos Kennedys bis heute begründen.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Das Versagen des J.F.K.

    Bedenklich, Robert. Scharte er selbst oder wurde er mit all den Knechten umgeben? Hat er selbst an die schwachsinnige Trias von Freiheit, Gleichheit und Wohlstand geglaubt bzw. hat sich dieser Glaube im Verlauf seiner Amtszeit verändert oder nicht?
    Usw. usf.

  4. #4
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    AW: Das Versagen des J.F.K.

    Teil II


    Es liegt auf der Hand, daß Kennedy die Sowjets als wichtigsten außenpolitischen Gegner begriff. Das Wie der Auseinandersetzung war hier entscheidend. Nach dem Bau der Berliner Mauer gerieten die Sowjets außenpolitisch in die Defensive. Es war Kennedy ein leichtes, auf den Betonwall zu zeigen und zu sagen: Die Mauer ist die abscheulichste und stärkste Demonstration für das Versagen des kommunistischen Systems. Das war ein greifbarer Ansatzpunkt für viele Indifferente in der Welt, und der jugendliche und charismatische Kennedy spürte hier eine große Chance, diese Zweifler auf den amerikanischen Weg einschwören zu können. Er wußte, daß die globale Auseinandersetzung mit dem Kommunismus dann zu seinen (Amerikas) Gunsten entschieden werden könne, wenn es gelänge, sozialen Wandel in der Welt ohne kommunistische Attitüde zu fördern: Wohlstand und Gleichheit für alle. Unter dieser Formel wollte Kennedy auch im eigenen Land demokratisieren, will heißen die bislang kurzgehaltenen Minderheiten an die Fleischtöpfe der westlichen Zivilisation führen, die Überlegenheit des kapitalistischen Systems dahingehend beweisen, daß durch Hebung des (Lebens)-Standards viele neue Käuferschichten gewonnen werden könnten, die es den Demokraten bei der nächsten Wahl danken würden. Diese Theorie auf die Welt angewandt verhieß den Sieg im Kalten Krieg. Denn die Sowjetunion würde sich diesbezüglich nicht als konkurrenzfähig erweisen können.
    Kennedy definierte also eine neue Grenze, es gab den alten Isolationismus nicht mehr. Die Grenze war die zum Reich des Bösen, wie ein späterer Präsident den gleichen Gedanken Kennedys formulierte, wohinter die amerikanische Welt endete. Der Rest blieb in der Verantwortung von Amerikas Segensträumen: freedom and justice for all. Wer nicht mit ihm zog, der wurde Feind, denn wer könne schon ernsthaft gegen diesen Plan Amerikas Einwände erheben?

  5. #5
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Das Versagen des J.F.K.

    da ließe sich noch sehr viel mehr erzählen, denke ich

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Das Versagen des J.F.K.

    Ein wichtiger Nachtrag: Viele glauben Kennedy habe gesagt "ich bin ein Berliner". Die Wahrheit ist; er sagte: "ich hätte gerne einen Berliner". Übrigens ist das nicht meine Erkenntnis, sondern C.K.'s. Doch der Vollständigkeit wegen sei es angefügt.
    Die Geschichte ist schon etwas eigenartig.

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder Avatar von WirbelFCM
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    AW: Das Versagen des J.F.K.

    Nee nee, das stimmt nicht! Das kann ich sogar widerlegen:
    https://www.youtube.com/watch?v=2Ha9GJwlus8

    Wenn man genau hinhört versteht man deutlich, daß er "Ich will ein' Berliner" sagt :D

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