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Thema: Kreuzweg

  1. #1
    Anike
    Status: ungeklärt

    Kreuzweg

    Kreuzweg

    Es ist Sonntagvormittag und ich soll mich in eine Liste eintragen, verweigere das und gehe vorbei. Immerhin sehe ich niemanden mit Stoff im Gesicht. Wenn ich mich außerhalb meiner Trutzburg bewege, gewinne ich mehr und mehr den Eindruck in einer Freiluftpsychiatrie gelandet zu sein und bin hin- und hergerissen, zwischen Belustigung und Mitleid. Über mein Entsetzen will ich an dieser Stelle schweigen.

    In einem Flur stehe ich mit dem Rücken an der Wand. Vor mir führen zwei Stufen nach oben zu einem Durchgang, dahinter öffnet sich ein Raum. Darin Stuhlreihen, auf denen Menschen sitzen; Männer, Frauen und Kinder. Ich sehe ihre Waden und Hinterköpfe. Mehrere Frauen tragen Kleider und flache Schuhe, aber nicht Turnschuhe.
    Am Ende des Raumes steht ein Pult und hinter dem spielt jemand auf einer Gitarre und singt. Und die Menschen in dem Raum singen auch. Ich kann das Gesicht des Gitarristen sehen und rotblonde Haare. Es ist das einzige Gesicht, das mich ansieht, das ich ansehe.

    In meinem Flur, neben dem Durchgang, hängt ein Monitor, darauf eine Schrift mit dem Text des Liedes. Es folgen weitere. Ich lese und singe und mag es, zu singen, jedenfalls ein bißchen. Es ist nicht so meine Musikrichtung, aber Singen ist trotzdem gut.
    (Danke für die Musik.)

    Ein Mann in einem schwarzen Anzug fragt mich im Vorbeigehen nach meinem Namen. Er freue sich, mich hier zu sehen. Es wird still und er steht hinter dem Pult und beginnt zu sprechen. Ich versuche mich berühren zu lassen, aber er kann mich nicht immer mitnehmen, irgendwo auf dem Weg biege ich falsch ab. Es ist egal. Ich presse mein Kreuz an die Wand. Denke an Jesus und daran, dass ich wahrscheinlich nicht wiederkommen werde.

    Nach der Predigt, an einem Ende angekommen, aber doch nicht am Ziel, spricht er mit mir. Über meine Motive, ich habe Fragen, er auch.
    Und dann bricht meine Stimme in dem Moment, als ich versuche zu fragen, was mit dem Menschen geschieht, der nicht mitkommen kann, weil ich ihn nicht erreiche. Vielleicht ist auch nicht ein Stimmbruch, sondern ein Herzbruch, das kann ich nicht wissen. Unerwartet, aus dem Nichts schießen Emotionen mich ab. Ich bin überrascht von diesem Geschehen, fühle ich mich doch schon lange nicht mehr so. So auffällig anfällig. Ich muss mich fangen, jemand hält mir ein Taschentuch hin, das brauche ich nicht, ich schlucke alles herunter.
    Mein Zusammenbruch geschieht noch vor der Antwort. Die ich sowieso weiß.

    Später liege ich auf dem Boden und warte auf ein Wunder. Mein Kater kommt vorbei.
    Und ich kann dich nicht zurücklassen.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Kreuzweg

    Eine bedrohliches Szenarium, in dem aber auch Haltepunkte existieren. Eine Halbhochperspektive, keine Frosch-, keine Storchenperspektive, eher die eines Kindes, das sich aber wie ein Erwachsener ausdrückt, vielleicht ein Rollstuhlfahrer? Ich suche nach einer Klammer, einem Subtext vielleicht, der alles zusammenhält. Es mag Einsamkeit sein. Insgesamt aber zu verloren, zu sehr an Impressionen orientiert, nicht daran, eine Geschichte zu erzählen. Es fehlt auch der moralische Zeigefinger, der dem Text eine Richtung/Tendenz hätte geben können.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    Renommee-Modifikator
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    AW: Kreuzweg

    liebe Anike, mein Rat, der nichts mit Literatur zu tun hat: geh woanders hin, oder nirgends, aber lass ihn nicht zurück. das wäre kein Kreuz- sondern ein Irrweg. deine Lene, Quelle: Erfahrung.

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