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Thema: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Arrow Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Heute fertig geworden mit Erstdurchsicht.


    erstellt von R.K.:
    Thomas Kroll will raus!

    Nina Hagens nackter Fuß hätte den Sand von Hiddensee nicht böser stampfen können als die Sohlen der Schuhe, in denen Thomas Kroll aus seinem Haus zum Auto floh.
    „Verdammt! Dieser Ausflug fängt ja wirklich gut an! Und dann lauert auch noch die Sondersche, die alte Klatschtante, auf mich!“
    Tommy fluchte, als er seine schnüffelnasige Nachbarin beim Spähen erwischte, obwohl sie sich im toten Winkel ihres Holunderstrauches befand. Diese Kuh glotzte blöde auf seinen Parkplatz. Eigentlich wollte er seine Hand liebend gern vom kochend heißen Dach seines Autos reißen. Mannhaft unterdrückte er den Reflex. Ganz langsam ließ er die fast gare Hand über das Bratdach gleiten. Er überwand sich, keinen Schmerzensschrei in den blauen Himmel über Berlin zu jodeln. Während er die Tür der japanischen Reisschüssel öffnete, lag seine Hand immer noch auf dem brodelnden Blech des Wagens. Die Frühlingssonne und er hatten ganze Arbeit geleistet. Mit einer Drehung, die nur er für sportlich hielt, schob Thomas seinen raumgreifenden Körper auf den Autositz. Doch den hatte sich seine deutlich schlankere Frau erdrückend weit nach vorn geschoben. Als sein gut genährter Bauch zwischen Sitzlehne und Lenkrad steckte, blieb ihm für einen Augenblick die Luft weg. Sofort hatte das alte Nachbar-Reff wieder ihr falsches Orgasmuslächeln drauf. Wie immer, wenn es etwas Schlechtes über andere Leute zu berichten gab, zeigte sie die handwerkliche Meisterleistung ihres Prothetikers. In der Überlebenszone der einstigen West-Berliner Stadtrandsiedlung, in der Thomas Kroll, seine Frau und ihre beiden Kinder ein kleines Haus bewohnten, schwang Frau Sonder ein vergiftetes Zepter über den Häuptern ihrer lieben Nachbarn. Damit entschieden sie und ihre Mitrufmörder über den Wert jedes Mitbürgers, den es in ihren Lauschkreis verschlug. Sie und die üblichen Verdächtiger würden sich schon in wenigen Stunden das Maul über ihn zerreißen.
    Haß stieg in ihm auf. Thomas Kroll haßte seine Arbeit, er haßte die schmucken Häuser, und er fühlte, daß er in diesem Moment auch die Menschen in diesen Häusern zu hassen begann. Dabei waren sie doch nicht wirklich daran schuld, daß er zu einem Schriftsteller mit Schreihemmung geworden war. Er mußte hier weg.
    Tommy war heute fester denn je entschlossen, die Flucht anzutreten. Das Arbeitszimmer unter dem Dach war zu seiner persönlichen Hölle geworden. Die farbigen Gemälde über seinem Schreibtisch waren zum Leben erwacht. Aus den großflächigen Hieronymus Bosch-Reproduktionen hatten ihn die Aufgeschlitzten und die Gehörnten angegrinst, als freuten sie sich über Tommys Qualen. Aber es waren nicht die Monster aus den Bildern, die ihn quälten. Es war sein eigener Schädel, der ihm die übelsten Streiche spielte. Wenigstens für ein paar Stunden wollte er seinen Computer und die Ordner mit den Ergebnissen seiner Recherchen nicht mehr sehen. Schon seit Tagen hatte er keine vernünftige Zeile geschrieben. Aus dem Zimmer seines Sohnes hämmerten wie immer die härtesten Rap-Beats unter seine Fußsohlen. Tommys Tochter produzierte in ihrem Zimmer wie üblich einen unerträglichen Geräuschbrei, indem sie versuchte, mit den Backstreet-Boys die ultracoolen Rapper ihres Bruders zu übertönen. Und zu all dem Überfluß malträtierte der Nachbarssohn wie jeden Tag sein Klavier mit seinem Vorschlaghammer und gröhlte dazu geistliche Lieder in das Grün der Vorstadtgärten. Aber das Schlimmste war sein Gefühl der Unfähigkeit. Nur seine nächtlichen Ängste waren noch peinigender. Manchmal glaubte Tommy Kroll sogar, die schräge Decke seiner Dachkammer würde sich auf ihn herabsenken, um ihn gnadenlos zu zerquetschen. Die Arbeit am Computer drohte ihm die Luft abzudrücken; sie war sinnlos und kostete wertvolle Lebenszeit. Und seit seine Klaudia befördert worden war, benahm sie sich auch zu Hause immer öfter wie eine Vorgesetzte. Wo waren die Zeiten geblieben, in denen sie alles miteinander besprechen konnten? Thomas Kroll hockte im Auto und seine Gedanken brodelten und überschlugen sich. Der Kopf lastete ihm wie eine riesige Wassermelone auf den Schultern.
    Ich habe Wassermelonen getragen“, sagt Jennifer Grey in „Dirty Dancing“ zu Patrick Swayze’, schwirrte es durch seinen Kopf.
    Er schüttelte den Gedanken, den er instinktiv auf seine weitere Verwendbarkeit hin abgeklopft hatte, aus seinem brummenden Schädel. Genau deshalb hatte er vor ein paar Minuten die Schlüssel des Japaners geschnappt und war zum Parkplatz gerannt. „Ich will hier raus!“ hatte ihn Purple Schulz aus dem Radio seines Arbeitszimmers angeschrieen, als er in seinem Computer wieder vergeblich nach den richtigen Worten bohrte.
    Thomas Kroll startete den Wagen. Das krachende Geräusch des asiatischen Getriebes fuhr ihm wie eine Explosion durch den Körper. Und ausgerechnet jetzt mußte diese alte Tratsche ihm auf die Hände gucken! Er stellte sich vor, wie sich die Nachricht über seine außerirdischen Fahrkünste als ehrabschneidendes Lauffeuer durch das ganze Dorf walzte, nachdem sie aus ihrem Schandmaul gekrochen war. Wie lange war er eigentlich keinen Schaltwagen mehr gefahren? Keine Ahnung! Und wenn Klaudia nicht darauf bestanden hätte, heute den Großen zu nehmen, wäre es auch nicht zu dieser knallharten Blamage vor diesem lebenden Boulevardblatt gekommen.
    „Dieses verdammte Aas!“ fluchte Thomas Kroll und stutzte sofort. Hast du eigentlich den Küchenherd abgeschaltet? Klar! Und die Fenster sind auch zu. Wasserdicht und knüppelfest! Wenn alles nur seine Ordnung hat. -
    Das Autochen klang unter seiner Regie ein bißchen sauer, als müßte es das Murren seiner Besitzerin imitieren, doch dann zog der kleine Motor von Klaudias Wagen endlich an. Thomas ließ die seit Jahren ärgerliche Pfütze an der Einfahrt zur Hauptstraße und diese Informelle Nachbarin hinter sich.
    ‚Informelle Nachbarin... IN Sonder!’ registrierte er. ‚Gar nicht so schlecht. Muß ich mir merken.’
    Hart stürzte der Kleinwagen in das erste Loch im schlecht geflickten Asphalt der Hauptstraße. Nachdem der Japaner wieder aus seiner Bitumenfalle gekrepelt war, legte Thomas butterweich den zweiten Gang ein und ließ den Kleinen über Stock und Stein hoppeln. Nach ein paar hundert Metern hatte er sich wieder an das lästige Schalten und Kuppeln der Gänge gewöhnt. Er grunzte zufrieden und staunte darüber. Thomas sah auf die Häuser des Dorfes, die ihm in den letzten Jahren so vertraut geworden waren. Aber trotzdem stellte er sich immer wieder die Frage, ob das hier sein zu Hause war. Natürlich kam mit er den Leuten hier gut aus. Aber schließlich band er nur den wenigsten auf die Nase, woher er gekommen war. Thomas Kroll hatte einfach keinen Bock auf gerümpfte Nasen und die dummen Fragen oder sogar schlaue Erklärungen der Lage im Osten, die er so nötig hatte wie ein Loch im Kopf.
    Die Straße rüttelte seine Wirbelsäule heftig durch, denn der Wagen war nicht besonders gut im Abfangen der Schlaglöcher des gerade vergangenen Winters. Die Sonne brannte weiter auf das Blech des Wagens und er träumte schwitzend von seiner Klimaanlage, die Klaudia auf der Autobahn nach Süden sicher gerade kühle Luft in das selbstbewußte Gesicht blies. Endlich war Thomas an der Bundeswehrkaserne vorbei. Der englische Feldherr, der dieser Militärunterkunft zu Mauerzeiten seinen Namen geliehen hatte, war bereits vor einigen Jahren durch einen alten Preußen ersetzt worden. „Gestern noch auf hohen Rossen, heute in die Brust geschossen“, summte Tommy in das Dröhnen des Aggregates. Am Ende des Dorfes wurden die Löcher in der Hauptstraße noch tiefer, denn hier draußen investierte die verschuldete Stadt noch weniger als anderswo. Ein harter Ruck schoß in sein angeschlagenes Kreuz. Trotz aller Schütteleien wußte er aber noch zu genau, wie dringend Klaudia das große Auto heute brauchte. Bei ihrem Geschäftstreffen in einer Münchener Edelherberge machte es einen besseren Eindruck mit dem neuen BMW vorzufahren, als aus dem mickrigen Japaner zu klettern. Sie wußte schon lange, wie wichtig solche Details waren, wenn sie einen guten Geschäftsabschluß erreichen wollte. Wenn sie in ihr dunkles Kostüm und das perfekte Make-up verkleidet vor ihm stand, wagte Tommy es kaum noch, diese fremde, coole Frau zu küssen. Auch darin war sie seltsam fremd geworden. Doch Klaudias Dienstreise in den Freistaat gab ihm die Möglichkeit, einfach und kommentarlos in den Wagen zu steigen, um in eine befristete Freiheit zu kutschieren.
    „Was willst du nun eigentlich?“ glaubte er Klaudias Stimme zu hören. „Keiner hat soviel Ruhe zum Arbeiten wie du auf deinem geliebten Dachboden!“
    Thomas atmete erleichtert auf. Das Schild, auf dem zu lesen war, daß an dieser Stelle Berlin aufhörte, glitt an seiner rechten Seite vorbei; ganz plötzlich gab es wieder eine richtige Straße. Die Grenze ins benachbarte Brandenburg lag genau hier am Ortsausgang. Sie war bis vor einigen Jahren streng bewachte Staatsgrenze von der einen, und britische Sektorengrenze von der anderen Seite gewesen. Diese Grenze hatte immer zu seinem Leben gehört. Spielend überwand der kleine Japaner die noch immer erkennbare Linie, die früher von schwer bewaffneten Posten und völlig verblödeten Hunden gesichert worden war. Das war zu einer Zeit, als es noch fast unmöglich war, von Ost nach West zu gelangen.
    Tommy verfolgte den Verlauf des unbewachten Grenzabschnittes. Ganz leise knatternd setzte sich sein innerer Projektor in Gang:

    Thomas Kroll steht einige Meter vor der Paßkontrolle. Er ist von einer grummelnden Menschenmenge umgeben und krallt seine Finger um die Griffe der Reisetasche. Klaudia steht ganz dicht neben ihm und quetscht seinen Oberarm bis es schmerzt. Sie haben Angst! Das Ehepaar ist Teil einer Schlange, wie sie im Osten üblich ist. Außergewöhnlich ist nur der Grund für die Ansammlung von DDR-Bürgern, die sich gewohnt diszipliniert in die für sie vorgeschriebene Reihe gestellt haben. Hier gibt es nicht etwa die knappe H-Milch, die synthetischen Fruchtjoghurts oder sogar echte Importjeans zu kaufen. Alle Leute, die diese Schlange bilden, stehen im Glashaus am Bahnhof Berlin-Friedrichstraße. Hier werden alle vom Zoll und den Grenzern abgefertigt, die Berlin-Ost in Richtung Berlin-West verlassen dürfen. Sie alle sind privilegiert, denn ihr Staat hat ihnen gnädig erlaubt, legal die Grenze nach Westen zu überschreiten. Thomas Kroll kann immer noch nicht fassen, daß er nun zu denen gehört, von denen die Organe annehmen, daß sie wieder in den Arbeiter- und Bauernstaat zurückkehren.
    Angefangen hat sein Lebensabschnitt als anderer Mensch mit einer Dienstreise in den Westen, für deren Genehmigung Tommy noch keine Erklärung gefunden hat. Er ist zurückgekommen. Wohl deshalb haben sie ihm auch noch erlaubt, zu Onkel Erwins Geburtstag von Prenzlauer Berg nach Charlottenburg auszureisen. Natürlich haben die Genossen der Volkspolizei seinen Personalausweis und seinen Wehrpaß eingezogen, bevor sie ihn in die feindliche Welt ziehen ließen.
    In der ausreisewilligen Schlange im Glashaus zuckt die Nervosität. Ob sie wirklich rausgelassen werden, wissen die gelernten Schlangenglieder erst, wenn sie drüben sind. Dementsprechend eingeschüchtert ist die Menschenmenge.
    Thomas Kroll ist ganz bestimmt der Aufgeregteste unter ihnen, denn er ist ein potentieller DDR-Flüchtling. Auf dem Boden in seiner Reisetasche, noch unter der Leibwäsche und den weißen Tennissocken, ruhen Ausweispapiere, die seine bürgerliche Existenz beweisen sollen, wenn er sich bei den Behörden im Westen meldet. Sollten die Zöllner und Grenzer die Ausweise und Urkunden in der Tasche nicht entdecken, will Tommy für die Kroll-Familie den Scout im wilden Westen machen. Sollten die Uniformierten seinen Fluchtplan entdecken, macht sich Thomas Kroll auf ein paar Jahre in Bautzen gefaßt.
    „Hast du dir das auch wirklich genau überlegt?“ flüstert Klaudia mit einigen Seitenblicken, denn man kann ja nie wissen. „Noch können wir die Papiere aus der Tasche nehmen. Dann kommst du einfach wieder zurück, wenn der Geburtstag von Onkel Erwin vorbei ist.“
    „Hör auf!“ zischt Tommy zurück. „Darüber haben wir doch wirklich lange genug diskutiert. Wenn sie mich schnappen, habe ich Pech gehabt und gehe für ein paar Jahre in den Bau. Aber wenigstens werden sie mich hier drin nicht abknallen.“
    Tommy staunt selbst über die Sicherheit in seiner Stimme, denn seine Knie sind aus ekelhaft weichem Gummi.
    Es dauert noch fast eine Viertelstunde, bis die Reihe an Thomas Kroll ist. Nun ist er allein. Klaudia mußte sich schon vor einigen Metern verabschieden und von den Abfertigungsschaltern zurücktreten. Sie steht jetzt auf der oberen Treppenstufe des Ostausganges. Dort haben sich alle versammelt, die nicht ausreisen dürfen. Sie winken und heulen. Thomas Kroll erlaubt sich den ablenkenden Luxus, über die Zurückbleibenden nachzudenken. Er überlegt, ob er der Einzige in der Schlange ist, der die Flocke macht? Vielleicht sind unter ihnen noch andere, die sich für viele Jahre oder sogar für immer von ihren geliebten Menschen verabschieden? Es ist wieder Mode geworden, den ersten sozialistischen Friedensstaat auf deutschem Boden in Massen zu verlassen. Die versuchen es legal, die anderen nicht.
    Dann greift der Genosse Zöllner nach Tommys Reisetasche; sein Herz rumort plötzlich in seinem Darm. Thomas Kroll hofft, seine Gesichtsfarbe im Griff zu haben. Aber rings um ihn sind lauter Leute, die sich vor Angst beinahe naßmachen. In diesem Land ist es normal, die Hosen voll zu haben, wenn man von der Staatsmacht kontrolliert wird. Thomas Kroll fällt mit seinen zitternden Händen und dem blassen Gesicht nicht auf. Kraftlos und schlapp wartet er die Kontrolle ab. Nicht nur der Geist ist machtlos, wenn die Macht geistlos ist! Aber Tommy hat Glück, weil der Filzer keine Lust hat, seine Unterhosen zu durchwühlen. Mit mürrischem Gesicht winkt er den abgehenden Landesverräter schon nach einigen prüfenden Griffen in seine Wäsche weiter. Dann hat Thomas Kroll es plötzlich so eilig, daß er sogar vergißt, seiner Klaudia ein letztes Mal zuzuwinken. Das Blut pocht bis unter seine Schädeldecke und verdrängt jeden klaren Gedanken. Er denkt deshalb auch nicht daran, daß die Trennung von seiner Familie vielleicht für immer sein könnte. Thomas Kroll ist auf der Republikflucht.
    Die halbdunklen Gänge hinter der Kontrollschranke nimmt er kaum wahr. Auf dem S- Bahnsteig springt er in den Zug gen Westen, als wäre er bereits dadurch gerettet. Aber er weiß natürlich, daß er sich immer noch im Osten befindet. Auch der Anblick des Grenzgefreiten in Offiziersstiefeln, der neben dem Zug patrouilliert, läßt sein Herz pausenlos weiterhämmern.
    Dann zischen die automatischen Türen; endlich setzt sich der Zug in Bewegung. Tommy starrt aus dem Fenster. Er fährt über die Spree, wirft einen letzten Blick auf die Rückseite des Künstlerclubs „Möwe“, wo es immer so tolles Essen gibt, sieht auf der anderen Seite schon den Reichstag, aber er fährt immer noch vor der Grenze. Auf dem Kolonnenweg unterhalb der S-Bahntrasse rollt ein grüner Trabbi auf den B-Turm vor der Spree zu, die hier einen großen Bogen macht. Thomas kennt die Strecke, obwohl er sie nie fahren durfte. Das Hochhaus der Charitè ist das Signal, allmählich ruhiger zu werden. Jetzt muß er nur noch einmal am Humboldthafen über die Spree fahren, dann ist er im Westen. Minuten später rollt der Zug in den Bahnhof Lehrter Straße ein. Westen!
    Thomas Kroll spürt ein Glucksen im Bauch. Am liebsten würde er lachen. Aber er traut sich nicht. Die Geschichten von den Flüchtlingen, die aus der DDR-eigenen S-Bahn geholt wurden, spuken noch immer durch seinen Kopf. Erst am Bahnhof Zoo wagt sich Tommy Kroll aus dem Zug. Angekommen.
    So einfach ist es also, aus dem Osten abzuhauen.

    Früher war ihm alles einfacher erschienen. Da hatte es auch noch keine Nachwendepoeten gegeben, die das Ausreiseaquarium am Bahnhof Friedrichstraße mit dem unsäglichen Titel „Tränenpalast“ versahen. Neulich hatte ihm ein Gleichaltriger gesagt, daß sie nun in das Alter kämen, in dem sie immer öfter früher sagen und denken würden, aber da hatte Thomas Kroll es schon gewußt.

    2. Kalte Heimat

    Dieses schöne Gefühl von Freiheit, das sich Thomas Kroll von seiner Alltagsflucht versprochen hatte, wollte nicht sofort aufkommen. Erst einmal mußte er an die rechte Seite fahren, denn der stündliche Bus aus Potsdam kam ihm auf dem Kolonnenweg der abgewickelten Grenztruppen entgegen. Die Zweige der frisch gepflanzten Birken kitzelten den Motorzwerg, als er sich fast so ängstlich wie sein Kutscher zur Seite neigte, damit ihn der Omnibus nicht zerquetschte. Unter den rechten Reifen des Japaners knirschte der märkische Sand. Thomas Kroll fürchtete, mit dem Unterboden auf der hohen Asphaltkante aufzusetzen. Hektisch kurbelte er am Lenkrad herum und Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn, hinter der wieder einmal diese Panik emporstieg, die er hilflos verspürte.
    Du hast ein zerrüttetes Nervenkostüm, mein Lieber, hätte Oma gesagt, versuchte er, sich zu beruhigen. Doch der fromme Wunsch genügte nicht, um die Unruhe aus seinem Kopf zu vertreiben. Mit aller verbliebenen Macht konzentrierte Tommy seine Gedanken auf die Asphaltstrecke. Er war ein erfahrener Kämpfer, wenn es um das besiegen von Angstgefühlen ging. Endlich verschwand der Omnibus auch aus dem Blickwinkel seines Rückspiegels, und die geschwungene Trasse der Straße, auf der einst Grenzposten zu Fuß, in Trabbis oder auf MZ-Motorrädern patroullierten, lag angenehm menschenleer vor ihm. Mitten in der Woche verirrten sich zu dieser Jahreszeit nur wenige Leute hierher. Nur an den Wochenenden füllten sich Wald und Flur aber mit geputzten Menschen. Thomas hatte das Seitenfenster heruntergedreht, legte seinen Ellbogen nach draußen und genoß die Strahlen der Sonne. Sogar das Blenden machte ihm nichts mehr aus.
    ‚Brennend heiß, der Wüstensand. So schön, schön war die Zeit...’, sendete sein musikalisches Gedächtnisradio auf zitternde Lippen.
    Die nächsten Kilometer des blühenden Todesstreifens gehörten ihm ganz allein. Erst mit dem Ortseingangsschild des Nachbardorfes begann der Osten richtig. Er gab sich keine Mühe, einer zärtlicheren Umschreibung für seine aufgelöste, kalte Heimat zu suchen, die er zwar nie SBZ, aber auch nie DDR, sondern immer nur Osten genannt hatte. Welcher verwirrte Schöngeist war denn bloß auf die abwegige Bezeichnung „Neue Bundesländer“ gekommen?
    Die Straße führte gerade an dem verfallenen Holzgebäude der alten Grenzkompanie des Dorfes vorbei. Die kastigen Offizierswohnhäuser erstrahlten inzwischen in den zartesten Pastelltönen; trotzdem gehörten sie immer noch zu der alten Bruchbude nebenan. Das märkische Kopfsteinpflaster bullerte unter den Rädern des Autos, während Thomas durch das ehemalige Grenznest fuhr. Durch sein offenes Fenster beizte sich der Gestank aktiver Hausschornsteine in seine Nase. Thomas kannte diesen brandigen Dunst bestens, und sein persönliches Gerüchearchiv erinnerte ihn an die Zeit seiner Kindheit und Jugend. Thomas Kroll war ein waschechter Prenzlauer Berger. Einige seiner Vorfahren hatten schon vor hundertzwanzig Jahren die am Windmühlenberg hochgezogenen Mietskasernen trockengewohnt. Wenige Wochen zuvor hatte Tommy seinen irgendwie gelangweilten Kindern erzählt, daß es damals Menschen gegeben hatte, die im Auftrag der Bauherren von Neubau zu Neubau zogen, um die Feuchtigkeit aus dem frischen Mauerwerk zu heizen. Waren die Schwindsüchtigen verschwunden, richteten sich die richtigen Mieter dort ein. Erst als sich die Windmühlenflügel nicht mehr auf ihrem angestammten Hügel drehten, wurde aus der nordöstlichen Boomtown der Prenzlauer Berg. Niemals war jemand von den angestammten Bewohnern darauf gekommen, ihn Prenzelberg zu nennen. Das war eine Erfindung der Spinner von j.w.d. (janz weit draußen) Tommys Ahnen lebten und arbeiteten auf ihrem Prenzlauer Berg, zeugten Kinder, gingen in die Kriege der Großen und starben dort oder zu Hause, mitten in ihrer großen Stadt. Seine Leute übertrieben es mit dem Sterben jedoch, wie Thomas mit erst fünfundzwanzig Jahren feststellte. Inzwischen war er nämlich nicht nur das älteste, sondern beinahe auch das letzte Familienmitglied geworden. Doch dann traf ihn Klaudia wie ein Hammerschlag.

    Für Tommy hat das Jahr 1980 einschneidende Veränderungen gebracht. Und keine guten. Aber zum Grübeln bleibt kaum Zeit. Mit seinem Diplomatenkoffer, in dem er sein Einbruchswerkzeug mit sich herumschleppt, ist er zu der Verabredung in Bommels Wohnung erschienen. Seine eigene Wohnung hat er nur wenige Tage zuvor geknackt. Nachdem ihn die Tanten vom Wohnungsamt tausend Mal vertröstet und verarscht haben, hat auch er sich selbst versorgt. Auf dem Prenzlauer Berg stehen hunderte Wohnungen leer. Aber die staatliche Behörde sieht nicht durch oder vergibt Wohnungen nur an Verwandte, liebe Freunde oder Busenfreunde des Parteistaates. Da bleibt nur die Selbsthilfe! Ständig ziehen junge Leute durch die Hinterhöfe der Mietskasernen , suchen, öffnen und besetzen Wohnungen, in die kein anderer ziehen will oder darf. Alle diese Behausungen, die sie beziehen, ohne um Erlaubnis zu bitten, sind von den eigentlich Verantwortlichen längst vergessen und verfallen schon seit Jahren. Auch um Tommys Hinterhauswohnung hat sich jahrelang kein Schwanz gekümmert. Das Klo ist explodiert und der Fußboden vom Schwamm zerfressen. Aber daraus kann wieder eine Wohnung werden. Unter den widrigen Umständen sozialistischer Mangelwirtschaft versetzt er die illegal besetzte Trümmerhütte in einen bewohnbaren Zustand. Bommel geht mit ihm in jeder Nacht Bretter klauen. Er hat ihm auch bei der Suche und beim Aufbrechen seiner Wohnung geholfen. Tommy hat sofort zugesagt, als ihn sein Freund um Hilfe für eine Freundin bat; und der Auftritt dieser Frau verschlägt ihm glatt den Atem. Als sie endlich eintrudelt, wird ihm die Luft im Raum zu dünn. Thomas versteht ihre Worte kaum, dabei sind es doch so viele, denn sie quasselt pausenlos. Nur ein paar Fetzen von ihrer Erzählung erreichen sein Gehirn; Tommy Kroll besteht nur noch aus Auge und Lende.
    Als selbst Klaudia einmal Luft holen muß, brechen die drei Freunde auf. Zuerst aus Bommels Bude, danach die Wohnung, die SIE ausgesucht hat. Für Studenten mit einem Kinderzimmer bei den Eltern ist es in Ostberlin absolut unmöglich, ohne Vitamin B eine Wohnung zu bekommen. Der sozialistische Staat hat ihr einen Vogel gezeigt; Klaudia durfte erst gar keinen Antrag auf Versorgung mit Wohnraum stellen.
    Deshalb mischt sich auch Klaudia unter die kriminellen Wohnungsbesetzer. Nur ein paar Minuten, nachdem Klaudia über ihn gekommen ist, stehen sie auf dem Absatz einer Quergebäudetreppe und Tommy bricht in aller Seelenruhe die Tür zu Klaudias „Glück im Hinterhaus“ auf. Er braucht dazu das Werkzeug nicht, das ihm hilfsbereite, vielleicht zukünftige Nachbarn von Klaudia zur Verfügung stellen wollen. Sein Koffer enthält alles Nötige. Klaudia sieht staunend, wie er erledigt, was die anderen bei den bisherigen Versuchen nicht geschafft haben. Tommy vergißt die Gefahr der Verhaftung und wird unter den Blicken dieser wunderbaren Frau zu einem unüberwindbaren Riesen, dem allerdings immer noch die Worte fehlen. Erst ein paar Stunden später, als sie zu dritt an einem Tisch in der „Bodega“ sitzen, wagt er sie anzusprechen. Doch wie soll sie ihn verstehen, bei dem Höllenlärm in dieser Spelunke. Die meisten der Stammgäste tragen die Verwundungen aus den Schlägereien der letzten Zeit zur Schau, wie schwer errungene Trophäen. Doch Tommy Kroll kennt das und ausgerechnet heute kümmern ihn ihre Gipsarme, Augenklappen und Armschlingen noch weniger als sonst. Alle drei Freunde schreien gegen die dröhnende Musikbox an, neben der ihr Tisch steht und lachen sich fast die Seele aus dem Hals. Doch Tommy ist es eigentlich egal, wo und wie er mit Klaudia zusammen sein kann. So kann aus seinem schwarzen Jahr doch noch etwas werden!

    „Großer Auftritt“ wäre schon das richtige Wort für ihr Eintreffen gewesen! Thomas lächelte blöde gegen die Frontscheibe des kleinen Japaners, als er an Klaudias Tigersprung in sein Leben dachte. Sie war niemals in die Wohnung eingezogen, die er für sie geknackt hatte. Seine Wohnung, mit dem Luxus einer eigenen Innentoilette ausgestattet, erwies sich als groß genug für zwei Personen - später sogar für drei. Klaudias Bude verschenkten sie an einen weiteren Freund, der sofort und glücklich in die winzige Hinterhauswohnung mit dem Außenklo zog.
    Aber auch Thomas’ Wohnung war alles andere als komfortabel. Der Dielenfußboden der Zimmer durfte stellenweise wegen akuter Einbruchgefahr nicht betreten werden, denn alles konnten auch sie nicht reparieren. Wie in einem Nachkriegszustand verbrachten sie in diesem schäbigen Hinterhaus die glücklichsten Jahre ihres gemeinsamen Lebens. Tommy hatte es nie erwarten können, wieder nach Hause zu kommen, wo Klaudia schon auf ihn wartete. Manchmal war es ihnen in ihrem lichtlosen Paradies sogar gelungen, alles zu vergessen, was sie draußen störte. War es wirklich so einfach, glücklich zu sein?
    ‚„Glück im Hinterhaus“, und Dieter Mann hat, wenn ich mich recht entsinne, beim Sex die Socken anbehalten’, erinnerte sich Thomas Kroll an den passenden DEFA-Streifen.
    Wie unkompliziert unser Leben trotz der Schwierigkeiten gewesen ist?, dachte Tommy. In ihrer primitiven Bude war immer Trubel, denn irgend jemand klopfte immer an ihre Tür, um sie oder sich zu einem Umtrunk oder einer Fete einzuladen. Dann schnappten sie sich eine Flasche „Cabernet“, schmierten ein paar Schmalzstullen und ab ging die Post. Niemand fragte nach der Marke der Garderobe oder mußte unbedingt von seiner neuen Ausrüstung für den letzten Skiurlaub in den Schweizer Alpen berichten.
    Thomas Kroll verzog das Gesicht, als er an die letzten Partys in seiner gut situierten Vorstadtheimat dachte, vor denen er sich nicht drücken konnte, ohne für ungesellig gehalten zu werden. Und was konnte in der Welt der Kleinbourgeois zu einem schlimmeren Ruf führen als das Prädikat „Partymuffel“? Spießerleins Festivitäten hießen dann „Brunch“ oder „Barbeque“ und waren doch nur Brechreiz erzeugende Werbeveranstaltungen, bei denen jeder Gast den anderen übertreffen mußte. Thomas Kroll verzog sich jedes Mal in die entfernteste Ecke, wenn eines dieser „Mein-Haus-mein-Pferd-mein-Auto-Kampfgespräche“ startete. Er fiel auch immer wieder negativ auf, weil er an seiner Gewohnheit festhielt und ein kühles Bier mit einer schönen Blume dem modischen Chablis vorzog. Dabei hatte er es lange versucht, sich zu benehmen, als hätte er niemals unter anderen Umständen gelebt. Allerdings war aus ihm nie ein Weinkenner geworden, und alle anderen Gäste interessierten sich dem entsprechend wenig für seine Ausführungen zur Braukunst. Erst allmählich war ihm aufgegangen, daß ihm das weder gelingen würde, noch konnte, so zu sein, wie diese „gelernten Wessis“. Seitdem ihn diese Erkenntnis wie eine heilende Flutwelle überrollt hatte, ging es ihm geringfügig besser.
    Tommy sah konzentriert auf die Katzenköpfe, die gleich darauf unter seinem Auto verschwanden. Schon nach ein paar hundert Metern verendete das Dorf im abgeschafften Niemandsland. Am Straßenrand tauchte das Hinweisschild für den großen Ortsparkplatz auf. Tommy bog ab.
    An diesem Tag, mitten in der Woche, war die Automenge auf dem Platz gut überschaubar. Er sah nur zwei Wagen, die weit voneinander entfernt abgestellt worden waren. Das vordere Auto stand mit offener Fahrertür direkt neben der Einfahrt. Im Inneren des frisch geputzten Opels sah Thomas einen verschrumpelten Greis mit extrem gelber Gesichtsfarbe im Fahrersitz liegen.
    ‚Gegen den sah Boris Karloff in „Die Mumie“ absolut frisch aus’, zuckte ein Schock durch Tommys Kopf.
    Sofort ging er in die Eisen! Dieser Alte machte den Eindruck, als würde er dringend nur noch die Hilfe eines Priesters benötigen. Seine Augen waren geschlossen, der Mund halb geöffnet, so daß der Blick auf seine makellosen Dritten frei wurde. Jeden Augenblick drohte sein ausgemergelter Körper aus dem geöffneten Wagen zu rutschen. Das trockene Röcheln aus seinem Hals, das sogar das rollende Auto übertönte, beruhigte Thomas auch nicht sonderlich. Der grobe Kies des Parkplatzes knirschte hart unter den Reifen des Japaners; der Tattergreis schlug überrascht die Augen auf. Tommys eigenes Gesicht drückte in diesem Moment mindestens soviel Entsetzen aus wie dieses faltige, in ostasiatisches Gelb gehüllte Opagesicht. Doch dann verschob ein verstehendes Lächeln die unzähligen Runzeln des alten Mannes.
    „Keine Angst, junger Mann! Ich ruhe mich hier nur aus, während meine Frau einen ihrer geliebten Waldspaziergänge macht. Mir ist das schon lange zu anstrengend.“
    ‚Und wahrscheinlich muß der alte Zausel alle seine restlichen Kräfte für die Heimfahrt aufsparen’, beruhigte sich Thomas Kroll.
    Nach einigen Atemzügen wurden seine vibrierenden Nervenstränge wieder ruhiger. In letzter Zeit flippte er bei jeder Kleinigkeit aus, ohne etwas dagegen tun zu können: ‚Warum gelingt es allen anderen Menschen, ihr Leben in Ruhe zu leben?’ fragte er sich wieder. Thomas war erleichtert, sich nicht um eine Leiche am Straßenrand kümmern zu müssen. Er winkte dem Alten zu und fuhr weiter.
    Langsam rumpelte er zum hinteren Teil der gerodeten Fläche. Hier stand Thomas Kroll im Schutz einer Baumgarde von echten Langen Kerls, deren Umfang und Höhe ihn immer wieder den Atem stocken ließen. Wenn er mit seiner Klaudia hierher kam, waren nur selten Naturbeobachtungen oder Romantik angesagt. Auch hier setzte es die ewig gleichen Diskussionsschlachten, die immer wieder im Nichts endeten. Napoleon gegen den Rest der Welt und Arminius gegen die Römer. Aber im Teutoburger Wald hatte es wenigstens einen Sieger gegeben...Die letzten Jahre hatten sie beide zum besten Beispiel dafür werden lassen, wie Alltagskram das Leben versauen konnte. Seit sie die letzten vernünftigen Worte miteinander wechselten, ohne sich in die Haare zu geraten, waren sicher schon Monate vergangen. Dabei hatte es doch eine Zeit gegeben, in der sie sich auch ohne Worte verstanden hatten. Doch er an diesem Tag war Tommy selbst für gute Worte nicht mehr empfänglich. Der Zyklus des ungewollten Wachseins hatte ihn wieder einmal seit Wochen fest im Griff. Dazu gehörte, daß ihn die Hoffnung auf Schlaf bereits verließ, wenn er sein Bett nur sah. Ein immer gleiches Gefühl sagte ihm dann, wie übel die Schlaflosigkeit ihm auch in der vor ihm liegenden Nacht mitspielen würde. Mit steifem Körper, die Glieder wie mit Blei gefüllt, lag er in diesen Nächten unbeweglich auf seiner Matratze. Um seine Klaudia schlafen zu lassen, versteinerte er in dieser Aufbahrungspose wie weiland der gottgleiche Genosse Lenin in seinem Mausoleum. Aber im Gegensatz zu Towarisch Uljanow lebte Thomas Kroll noch ein wenig. In diesem Dämmerzustand wurde sein Bewußtsein zu einem offenen Trichter, der alles aufnahm, was ihn verletzen konnte. Sein brummender Schädel füllte sich umgehend mit einem bunten Gedankensalat. Wild wirbelten die Denkteile durch sein hilfloses Hirn. Wenn es soweit gekommen war, konnte Tommy nur noch die weiße Fahne schwenken. Widerstand war zwecklos. Dann lag er mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und hoffte, daß etwas seine Kapitulation akzeptierte und doch noch mit ein wenig Schlaf honorierte. Thomas Kroll haßte es, nachts so in seinem Bett zu liegen. Wenn es von Klaudia nicht zuviel verlangt gewesen wäre, hätte er in dieser Zone zwischen Himmel und Hölle am liebsten die hübsche Kugellampe auf dem Nachttisch brennen lassen, in jeder dieser verdammten Nächte. Ihn hätte das Licht jedenfalls nicht gestört. Wieviel Jahre es ihm schon so ging, konnte er nicht mehr sagen, dafür waren es zuviel. Am Anfang hatte er sogar versucht, Müdigkeit zu erzeugen, bevor er in die Federn stieg. Nichts, null, zero, nada! Bis zur Erschöpfung hatte sich Tommy abgestrampelt. Aber das machte es nur noch schlimmer. Jedesmal, wenn Tommy danach völlig zerstört in seinem Bett lag, wurden seine antrainierten Schutzschilde ebenso schwach wie er selbst. Grauenhafte Denkrammen rollten aus seinem Unterbewußtsein herauf und erschütterten mit jedem ihrer Angriffsstöße seine mühsam herangekarrten Schutzwälle. Die Rammen stellte er sich immer wie eiserne Käfer vor. Sie durchbrachen alle Mauern, bohrten sich durch unsichtbare Löcher in seine Rübe und hefteten sich an sein entblößtes Nervenkostüm. Das widerliche Ungeziefer kroch immer tiefer in sein Unterbewußtsein. Dann mußte Tommy Koll alle Kräfte mobilisieren, um sie hinter die Stacheldrahtverhaue ihrer eigenen Frontstellungen zurückzudrängen. Doch es waren leider nicht nur die insektenähnlichen Tanks, die Offensive auf Offensive gegen ihn führten. Da erschien in ekelhafter Regelmäßigkeit dieser Finstermann. Er trat ins Zimmer, obwohl Tommy absolut sicher war, abgeschlossen zu haben. Der Fremde kam lautlos auf Tommys Bett zu.
    „Einbrecher! Mörder!“ schrie dann das halbschlafende Krollhirn in panischer Angst und stumm. Und bedauerlich selten funktionierte in diesen Momenten seine stärkste Waffe: Nur manchmal gelang es seinen trainierten Scharen grauer Zellen, sich aus dem schrecklichen Traumland zurückzuholen. Nach seinem eigenen Weckschrei saß er dann neben der aus ihrem Schlummer gerissenen Klaudia im Bett. Zum Glück war sie mit einem unnatürlichen Schlafdrang gesegnet. Schon nach Sekunden sank sie wieder selig in Morpheus Arme; regelmäßig vergaß sie bis zum nächsten Morgen auch die Kraftausdrücke, mit denen Thomas sie beide in die Realität zurückgebrüllt hatte.
    Der Motor tuckerte im Leerlauf und Thomas sah über den Waldparkplatz zu dem Halbtoten im Opel. Aus dem Lautsprecher des Autoradios dröhnten „Foreigner“, die inbrünstig den „Dirty white boy“ besangen. Thomas Kroll hatte die Nase gründlich voll von den miesen, täglichen Sorgen, der sie beide vom eigentlichen Leben abhielt. Es konnte doch nicht sein, daß auch ihr Leben nur aus so etwas Spießigem, wie den Sonderangeboten der Kaufhäuser oder der Bepflanzung unseres Vorgartens bestand!
    Seine aggressiven Gedanken schossen wieder einmal wie Leuchtkugeln durch seinen Schädel. In dieser Donnerkuppel konnte keine vernünftige Idee gedeihen. Seit einer Viertel Ewigkeit hatte er in seinem neuen Manuskript keine gute Zeile zustande gebracht. Und dabei gab es auf der weiten Welt niemand, der den neuen Roman schneller fertig bekommen wollte als Thomas Kroll selbst. Doch wenn er vor diesem verdammtem Computer saß und diese seltsamen Sätze fabrizierte, schüttelte es ihn manchmal vor Lachen und Entsetzen, wenn er gerade noch rechtzeitig die Blödheit seiner geistlosen Produkte begriff. Keiner dieser Pappkameraden, die seinem müden Schädel entschlüpften, machte sich die Mühe, aus seiner Idee eine plausible Geschichte mit richtigen Menschen zu machen. Jedesmal griff die Angst nach seinen Hals, wenn dieses schreckliche Gefühl in ihm aufkam, ihm könnte seine Phantasie abhanden gekommen sein!
    „Versuch, nicht dran zu denken, Mann. Deshalb bist zu hierher gekommen. Vergiß es für ein paar Stunden!“
    Ein warmer Wind fegte durch die mächtigen Baumwipfel, die über den Parkplatz einen Schattendeckel legten. Vor seine schwarzen Gedanken drängten sich trotzdem die immer gleichen Vorwürfe, die ihm Klaudia auch bei ihrem letzten Waffengang in diesem Wald um die Ohren gehauen hatte. Hier hatte es keinen Sinn, nach Ruhe zu suchen. Thomas startete resigniert den Wagen und ließ ihn langsam zur Ausfahrt zurückrollen. Der alte Opelmann hob seinen Kopf mit dem Hautüberschuß von der Stütze und nickte ihm grüßend zu, als der Japaner auf die Asphaltstrecke zurückkletterte. Thomas verließ den trostlosen Ort und tauchte in das flimmernde Halbdunkel des Mischwaldes ein.
    ‚Nobel geht der Sozialismus zugrunde’, dachte Thomas Kroll.
    Die makellose Asphaltstrecke durch den Wald war wohl die einzige und letzte Neuerung für diesen Ort im Stacheldraht gewesen, den selbst seine Bewohner jahrzehntelang nur mit der entsprechenden Sondergenehmigung betreten durften. Rechts von der Straße tauchte der lang gezogene See wieder im Wald ab. Im Winter gab er eine schöne Eislaufbahn und im Sommer einen akzeptablen Badesee ab. Wahrscheinlich hatte sich das Ministerium für Staatssicherheit deshalb am anderen Ende des Sees eine Bungalowsiedlung eingerichtet, die seit einigen Jahren ungenutzt und von Randalierern zerstört, wieder im Wald des ehemaligen Grenzgebietes versank.


    Meinungen erbeten.

  2. #2
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    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    So, durch das Stück bin ich durch. Also zuallererst ungefähr 100 mal das "japanische Auto" streichen. Der Typ fährt mit einem Kleinwagen. Das hat jeder Leser schnell begriffen und will nicht immer wieder auf dieses Auto hingewiesen werden. Hinzu kommt, die Fahrt = Strecke ist interessant, weniger interessant ist dabei wie das Auto gerade fährt, hoppel, rumpelt, schliddert usw.. Die Innensichten eines Schreibers, der nicht mehr schreiben kann, habe ich schon zu oft gelesen.
    Jetzt mal zum positiven. Mich als Wessi interessiert natürlich die Geschichte mit dem Wohnungsbesetzungen. Das weiß hier kein Mensch. Die Flucht ist schön geschildert. Was ich nicht verstehe, und was denke ich, sehr wichtig ist - warum will der Mann sich so anpassen? Warum ist es ihm so wichtig was die Nachbarin denkt? Der Anfang war für mich völlig unverständlich. Ist doch egal, wer das zusieht, wenn er wegfährt. Warum ist er so abhängig, bzw. macht er sich so abhängig von anderer Leute Meinung? Kommt das noch auch ddr Zeiten? War da die Gemeinschaft wichtiger? Ich habe über lange Zeiten auf Dörfern gelebt, niemand muss zu den Gartenparties. Letztlich ist fast alles den Leuten egal, solange Du nicht in ihren Vorgarten scheisst. Ist das seine Mentalität - oder ist es was ossiartiges? Das Anpassen.
    Es gibt einige Schönheitfehler in der Sprache, sie ist mir zu übertrieben. Das heißt, zu "originell", zu gewollt an manchen Stellen. Zu betont flott. Was Grenzsoldaten angeht, mit denen hätte ich die gleichen Probleme, die ich hier auch mit Berufsmilitärs habe. Für sie waren eben die Flüchtlinge der Feind. Der einzige Unterschied, sie mussten um die Ecke denken. Nicht der Angreifer ist ein Fein, sondern der Flüchtling. Der ist damit eben der Angreifer des Staates. Auf Fliehende wurde immer schon geschossen. Das ist nichts Neues. Ich denke mal, es waren Freiwillige, die das gemacht haben. Die würde man hier sicher auch finden. Ich denke mal, die meisten Grenzsoldaten, haben gar nicht damit gerechnet in so eine Situation zu kommen, und wenn - dann haben sie eben geschossen. Wie Soldaten in der ganzen Welt. Oder sind geflohen - wie auf diesem berühmten Foto.
    Ich habe mich früher mit amerikanischen Vietnamkämpfern unterhalten. Gutaussehende Burschen, die mir erzählt haben, wie sie aus nächster Nähe die Vietnamesen abgeknallt haben. Aus dem Hubschrauber. Sie hätten noch sehen können, was die Leute auf dem Teller hatten, so tief sind sie geflogen. Grundsätzlich habe ich nichts von dieser Politik der DDR gehalten, die Leute einzusperren. Aber in diesen Zusammenhang waren die Grenzsoldaten ja nur logisch.
    Ach ja, der Anfang, den finde ich rein menschlich völlig unverständlich. Warum hält er die Hand so lange auf dem Autodach, obwohl sie ihm fast verbrennt? Selbst wenn die Alte ihn beobachtet, ist das doch völlig unnötig, oder? Kommt Nina Hagen noch einmal vor, oder soll das nur ein flotter Anfangssatz sein? Würde ich weglassen. Ich kann noch nicht erkennen, wohin das Ganze steuert. Die Hauptperson ist ein wenig weinerlich, aber ok. Mir wären mehr Schilderungen der äußeren Dinge wichtiger, als die Innensicht des Helden. Diese Schreiben über jemanden der schreibt, ist gerade sehr in, siehe Grass und Handke, selbst Phillip Roth...aber der macht es besser. Ich finde das immer ein wenig mühsam. Sicher kann man so einsteigen, aber muss es wirklich sein? Schreibt der jetzt über einen Grenzsoldaten? Ist das das Thema, wo er nicht weiterkommt? Das wundert mich, es spielt ja wohl in der Gegenwart, da sollte er doch gemerkt haben, dass der Westen keine Gründe hat, ein moralisches Schwert zu erheben.
    Es muss selbst für die Grenzsoldaten ein blödes Gefühl gewesen sein, immer nur Menschen in den Rücken zu schießen. Nichts worauf selbst Soldaten stolz sind, oder?


    Kyra

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Ich bin ja nun in Berlin geboren. West-Berlin, bitteschön. Von daher habe ich vielleicht eine etwas eingeschränkte Sicht der Dinge. Eben die Sicht von West nach Ost. Nun gut.
    Bisher ist noch nicht zu erkennen, was diese Geschichte mit Grenzsoldaten zu tun hat, zu tun haben wird. Insofern kann es keine wirkliche Bewertung der Geschichte geben - schließlich weiß man noch nicht, wohin die Reise überhaupt gehen soll. Dennoch ein paar Bemerkungen zum Thema Grenze:


    In unserer Familie war die Grenze eigentlich nie wirklich ein Thema. Meine Mutter hat fleissig Fresspakete nach "drüben" geschickt und bisweilen ist sie auch zu den dort lebenden Verwandten und Bekannten rüber gefahren. Und natürlich haben wir auch immer wieder Geschichten aus dem Osten zu hören bekommen. Vom Schlangestehen und Organisieren. Von Bevormundung durch Behörden und Schikanen bei der Ein- oder Durchreise (durch die "Zone"). Und natürlich von verschwundenen Freßpaketen. Wir kannten die Geschichte um meine Großeltern und meine Mutter, die kurz vor dem Mauerbau ganz offiziell aus dem Ostteil in den Westen ausgewandert waren. Dennoch stand im Klassenbuch über meine Mutter später angeblich: "republikflüchtig". Beim Baden in der Havel wurde uns immer wieder eingebläut, nicht "aus Versehen" ans andere Ufer zu schwimmen - und die auf der Ostseite patroullierenden Schnellboote brachten das immer wieder eindrucksvoll ins Gedächtnis. So war das in den 70er Jahren und Anfang der 80er.
    Und trotzdem. Die Grenze bzw. Mauer war einfach da. Es war einfach so. Niemand sprach darüber, daß es einmal anders sein könnte. Wir fühlten uns wohl in West-Berlin und machten uns herzlich wenig Gedanken darüber, daß man bei einem Ausflug ins Grüne in allen Richtungen begrenzt war oder auf dem Weg in den Urlaub die Zone passieren mußte. Gespächsthema hier waren lediglich die schlechten Straßenverhältnisse auf den DDR-Autobahnen und die Geschwindigkeitsbeschränkung. Es war, als hätte man Scheuklappen auf - und ich bin sicher, daß es nicht nur in meiner Familie so war.


    Was ich damit sagen will:
    Im Alltag gab es keinen wirklichen Konflikt zwischen Ost und West - außer in den Nachrichten. Der Durchschnittsbürger lebte sein Leben in seiner (beschränkten) Welt und akzeptierte den Status Quo als gottgegeben und unverrückbar. Die Grenzsoldaten hatten kein Gesicht und man nahm sie höchstens zur Kenntnis, wenn es an der Grenze mal wieder einen Zwischenfall gab. Oder wenn man einen Ausflug zur Mauer machte um uns Kindern die "eingesperrten" zu zeigen. Die DDR war ein Niemandsland, von dem man weniger wußte, als von den USA oder von Wolfenbüttel. Zwar wurde uns bei der Olympiade gesagt, daß auch die Medaillen für die DDR im Grunde Trophäen für Deutschland sind - aber im Grunde waren das Aliens, deren Aussehen bereits irgendwie anders war.


    Vielleicht schwafle ich hier viel zu viel rum - aber diese "Nicht-Bemerkung" des Lebens "drüben" macht mir die vorliegende Geschichte (zumindest diesen Anfang der Geschichte) irgendwie unsympathisch. Es wird - mal wieder - über Geschehnisse berichtet, die in Wirklichkeit niemanden interessiert haben und heute wohl auch niemanden interessieren. Eine ganz alltägliche Geschichte, die ohne wirklichen Höhepunkt ist und damit völlig ohne Bedeutung für den Leser. Eine künstliche "Wichtigkeit" wird erzeugt in dem man von "DDR" und "Ost-West" und all dem Kram redet. Doch - wen interessiert das? Wen interessiert das wirklich? Es war damals nicht wichtig und heute noch weniger. Die DDR ist Geschichte, der sprichwörtliche Konflikt zwischen Ossis und Wessis kaum noch einen Kalauer wert.


    Klar - ich habe es vielleicht einfach so zu reden. Die Menschen, die 40 Jahre hinter der Mauer haben verbringen müssen, sehen das vermutlich ganz anders. Ist ja auch verständlich. Dennoch - ich werde mich zwingen müssen weiterzulesen.


    By the way - mir sind eine ganze Anzahl von Fehlern aufgefallen. Soll ich das hier breit treten? Der Text müßte jedenfalls nochmals gründlich Korrektur gelesen werden.

    Noch etwas:


    Der betont lässige Schreibstil ist für meine Begriffe anfangs etwas ZU betont lässig. Später schleift es sich etwas ein.
    Als ich das Wort "Autochen" las, bin ich hängen geblieben - erst beim dritten mal wußte ich, was es eigentlich heißen soll.


    Den Satz (Seite 13) "Ganz leise knatternd setzte sich sein innerer Projektor in Gang" finde ich unfreiwillig komisch und damit schon störend.


    Hier (Seite 20): "Nur an den Wochenenden füllten sich Wald und Flur aber mit geputzten Menschen" würde ich entweder "Nur" oder "aber" streichen. Das paßt nicht zusammen.


    Noch ein paar Tippfehler gefällig?

  4. #4
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    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Der Anfang stimmt vorne und hintern nicht. Entweder stürzt Thomas entnervt und fluchtartig "stampfend" aus seinem Haus, weil er es dort nicht mehr aushält - oder er macht sich lang und breit Gedanken, wie es wohl aussieht, wenn er die Hand gleich wieder vom Autodach nimmt und sich elegant hinter das Steuer schwingt. Beides gleichzeitig paßt einfach nicht zusammen. Überhaupt stört mich diese gehässige Emotionalität am Anfang. Ich kenne Thomas noch gar nicht richtig, da werde ich schon volles Rohr in seine Ressentiments gegenüber der Nachbarin hineingezogen. Sympathisch macht ihn mir das bestimmt nicht, auch wenn er aus seiner Sicht gute Gründe für seine Abneigung haben mag. Dann wüßte ich auch gern, was man sich unter einem "Orgasmuslächeln" vorzustellen hat. Ich habe noch nie jemanden dabei lächeln sehen.


    Gut gefallen hat mir die Schilderung der "Republikflucht" im ersten Kapitel. Da wird man hineingezogen und leidet mit. Insgesamt aber finde ich den ganzen Aufbau bis jetzt ein bißchen mühsam. In die Autofahrt am Anfang sind zwei lange Rückblenden geschaltet (Republikflucht und Wohnungsbesetzung), dazwischen noch jede Menge weitschweifiger Überlegungen, ohne daß die äußere Handlung vorangeht. Vielleicht erklärt sich das aus dem Fortgang der Geschichte, aber bis jetzt kommt es mir ziemlich überfrachtet vor.


    Neben einigen Tippfehlern und einem Umbruchfehler auf den Seiten 24/25 fällt mir der kreative Umgang mit zusammengesetzten Substantiven auf. "DDR-Bürger", "Kroll-Familie" und an anderer Stelle wohl zum Ausgleich "Hieronymus-Bosch-Reproduktion" - hat diese Abweichung von der gängigen Norm einen Sinn oder ist das bloß Spielerei?

    lG, Zefira

  5. #5
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    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Vielen Dank, Ihr Lieben!


    Etwas zum procedere, wie wir Bücher machen. Wir lesen das Manuskript und schreiben Kommentare. Der Autor ändert den Text dann aufgrund der angegebenen Kommentare, manchmal mehr oder weniger geflissentlich. In Phase zwei streicht der Lektor gnadenlos und stellt den Text um. In Phase drei setzen sich Autor und Lektor zusammen und suchen vermittelnde Worte. Dann wird das Buch gesetzt und gedruckt.


    Vorliegender Text steht vor Phase zwei, Rechtschreibfehler und dergleichen bitte ich also zu übersehen. Wichtig ist, was jetzt gestrichen, ausgearbeitet und umgestellt werden soll. Da habt ihr mir schon einige Lesehilfen gegeben, wofür ich mich bedanken möchte.

    Ich fasse mal kurz zusammen:

    • die psychologische Ausgangsposition des Helden ist zweifelhaft: Was treibt ihn aus seinem Vorstadtparadies? --> Sollte der Autor stärker auf seine Beweggründe eingehen?
    • Grenzsoldaten sind kaum mit amerikanischen Vietnam-Kriegern zu vergleichen, in keiner Weise: Sollte der Autor gerade deshalb Vergleichsmomente schaffen und poetisch behandeln?
    • Wie soll der Lektor mit Marotten (da fällt nicht nur Dir auf, Kyra, daß Tommy Kroll eine Aversion gegen Autos besitzt, wobei ich Dir sagen muß, daß ich schon für den Anfang fünfundzwanzig Empfehlungen gab, Autobezeichnungen und -beschimpfungen zu streichen) des Erzählers umgehen? Andererseits führen diese Marotten auch zu Wahrnehmungen und daraus folgenden Erlebnissen, die ein maßvoller Leser/Mensch kaum haben dürfte. Also, mit welchem Maß soll gemessen werden?
    • Wie viel Dialekt und Bagaudensprache verträgt der Text? (Man muß wissen, daß die Zielgruppe eben Lieschen Müller ist, nicht Robert-Christian Knorr von Wolkenstein!) Der Mann verdient sein Geld als Karikaturist für verschiedene Berliner Zeitungen und Illustrierte; er kennt seine Klientel. Wiedererkennungswert!
    • Griffons Selbstwahrnehmung dürfte für seine Generation weitgehend stimmen, nicht aber für das gros der Deutschen. Meine Familie, auch durch die Mauer getrennt, nahm diesen "antifaschistischen Schutzwall" ganz anders wahr, nämlich als Bankrotterklärung des Sozialismus und als nur einseitig durchlässig. Abgesehen davon ist für Jugendliche immer ein Erlebnis, im Grenzbereich der tötlichen Gefahr im See zu planschen.




    Neben einem Leseeindruck wollte ich schon längst mal einen Arbeitsordner aufmachen, bei dem die Mitglieder direkt aufgefordert werden, mit Hand anzulegen. Macht weiter mit, es freut mich.


    P.S. Den Autoren werden wir hier nicht sehen, er hat Computern den Krieg erklärt!

  6. #6
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    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Nur noch mal ganz kurz zum Anfang, der ist mir nämlich ganz besonders aufgestoßen.
    Ich bin kein Lektor und weiß nicht, ob es da irgendwelche Regeln gibt. Aber nehmen wir mal an, Thomas - ich setze voraus, er wird die Sympathiefigur des Buches - begegnet mir im wirklichen Leben: Ich mag es nicht besonders, wenn jemand, den ich gerade kennengelernt habe, mir als erstes erzählt, was er nicht ausstehen kann.
    Warum geht es nicht etwa so: den ersten Satz streichen - der sowieso Unsinn ist, denn da ich nicht weiß, wie Nina Hagen stampfte (rannte sie? trampelte sie? tanzte sie?) tut sich mir da auch kein Bild auf. Statt dessen erst mal wie eine Kamera von außen an das Haus heranfahren und den Leser teilhaben lassen an der Vorstadtatmosphäre. Hier kann auch schon die Nachbarin ins Spiel kommen, die immer wieder die Blicke kontrollierend über die Vorgärten schweifen läßt. Brüllende Hitze, aus den geöffneten Fenstern dringt lautstarke Musik, hier Rap, dort Metal. So daß der Leser denkt: ist das furchtbar. Und erst dann, wenn sich diese Meinung von selbst gebildet hat, kommt Thomas fluchtartig aus dem Haus gestürzt und hat sofort die Sympathie des Lesers ("ach, der rennt jetzt weg... tät ich auch!").
    Nur mal so als Vorschlag. Ist ja nicht mein Buch.
    Die flapsige Sprache hat mich weniger gestört. Ich fand sie zwar nicht gerade berauschend, kann aber auch nicht sagen, daß sie sich in den Vordergrund drängt.


    LG, Zefira

  7. #7
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    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Grenzsoldaten sind kaum mit amerikanischen Vietnam-Kriegern zu vergleichen, in keiner Weise: Sollte der Autor gerade deshalb Vergleichsmomente schaffen und poetisch behandeln?




    Sicher Vietnam Soldaten hatten auch immer selber Angst. Das ist der grosse Unterschied. Aber sie waren beide in einer perversen Situation. Die einen schossen auf Wegläufer, die anderen schossen auf Asiaten in einem fernen Land, die nicht die geringste Bedrohung für Amerika darstellten. Beide konnten nicht den moralischen Vorwand von Verteidigung für sich in Anspruch nehmen, wenn sie jemanden erschossen. Ich denke der wichtigste Unterschied zu normalen Soldaten, war das Fehlen von Angst. Sie waren eher Henker, als Soldaten. Richter und Vollstrecker in einer Person.


    Kyra


    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 06. April 2002 editiert.]

  8. #8
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    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Ganz so einfach ist die chose dann doch nicht.


    1. der BMW gehört ihm.
    2. der Japaner gehört auch ihm, aber er hat ihn seiner Frau gekauft.
    3. er lebt seit 1980 in West-Berlin, seine Frau samt Kindern kam einige Jahre später nach.
    4. er tritt auf der Stelle.
    5. seine Frau macht Karriere und braucht dazu etwas Renommierendes.
    6. er fragt sich, was er falsch macht und sucht Erklärungen in der Vergangenheit, wo sonst.
    7. im Japaner weiß er, warum er sattsam und zufrieden wurde, es aber eigentlich nicht war.
    8. der Japaner muß brennen, damit Tommy Kroll wieder auf Achse geht.
    9. das heiße Blechdach... die Katze... der dumme Kroll! (Umgekehrte Vorzeichen.)
    10. es gibt mehrere Ebenen, suchen wir uns eine heraus.

    Die Nina-Hagen-Reminiszenz hat eine doppelte Bedeutung:
    1. in der DDR kennt jeder ihren Superhit: "Du hast den Farbfilm vergessen", worin das benutzte Zitat steckt und
    2. Nina Hagen ist (wie der Held) auch "abgehauen"


  9. #9
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    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Zur Zeit wird meine Wohnung renoviert. Eigentlich ist es mehr eine Großbaustelle! Deshalb kann ich leider nicht so auf die Beiträge im Forum eingehen, wie ich es gerne möchte!


    Und deshalb nur kurz, aber dennoch meine Meinung:

    Ich habe diesen Roman anders gelesen. Nicht auf Form oder Tippfehler geachtet (damit verdient Robert sein Geld), sondern welche Gedankengänge durch den Inhalt bei mir ausgelöst wurden.


    Die Hauptfigur steckt in einer Krise. Er ist unzufrieden und überdenkt sein Leben. In dieser Vorstadtsiedlung fühlt er sich durch seine Nachbarn ständig kontrolliert. Stasi auf Westniveau. Ausserdem hat er arge Probleme mit der Karriere seine Ehefrau. In den Roman durch das WEST-Statussymbol Auto sehr hervorgehoben (BMW contra kleiner Japaner). Deshalb kommt es auch so oft vor! Er fühlt sich gegenüber seiner Frau klein und erniedrigt. Das Auto als Spiegelung. Sein Selbstbewußtsein vom BMW auf den kleinen, alten, schepperden Japaner gesunken. Er überdenkt sich. Deshalb immer wieder die Rückblicke auf die alten Zeiten. Auf Dinge die sein Selbstbewußtsein, sein Ego stärkten... die Wohnungsbesetzung, die Flucht in den Westen. Er hat alles bekommen, was im Äusserem wichtig ist. Geglückte Flucht, Familie vereint, Haus in Vorstandsiedlung mit eigenem Zimmer und PC, Autos, aber innerlich ist er leer und ausgebrannt, hat sich selbst dabei verloren! Der alte Mann auf dem Parkplatz. Ein Toter...., nein er lebt noch... aber wie... auch eine Spiegelung.
    Klar, er wirkt zum jetzigen Zeitpunkt jämmerlich. Aber für mich ist das Entscheidende... er hat es gemerkt. Und das erweckt in mir die Neugier diesen Roman weiterzulesen. Schafft er es sich selbst wiederzufinden, sein Ego zu stärken und wenn ja, wie?
    Ach ja, beim lesen war für mich ein evtl. Ost/Westkonflikt völlig ohne Bedeutung. Ich sah den Menschen und seine Probleme und mich interessiert mehr ob und wie er sich daraus holt, weniger durch was sein Probleme ausgelöst wurde.


    Philo

  10. #10
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    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Wenn ich das Buch richtig lektoriere, dann wird der mutmaßliche OST-WEST-Konflikt, den es eigentlich nicht gibt, wie ich sagen möchte, der gemacht und dumm ist, keine Funktion im Buch bekommen, auch nicht indirekt oder mitteilend, es geht um die Entwicklung Tommy Krolls, des Helden, der eben in jener von PZ beschriebenen Weise in seiner Spandauer Vorstadtidylle dümpelt und beäugt wird und sich fragt: War das nun schon alles? PZ, ich glaube, wenn Du es so lesen kannst, war meine Arbeit bislang nicht ganz umsonst. So wollte ich es verstanden wissen.


    Ich stell mal einen Auszug aus einem Kapitel rein, in dem über die Angst der Grenzsoldaten auf DDR-Seite erzählt wird, Kyra. Nebenbei bemerkt wird hier auch die Angst zwischen Eheleuten thematisiert. Ein Grillabend mit Klaudias Chef im Hause der Krolls über OST-WEST-Schießbefehle und dergleichen:

    erstellt bei Reinhard Kaul, etwa S. 172: Thomas Kroll schluckte eine unsichtbare Alaunpille. Sein Mund verzog sich und er hätte dem Spruch seines Gastes einen Schlag von Mike Tyson in die Magengrube vorgezogen. Mettmacher grinste zufrieden. Klaudia Kroll sah aus, als wollte sie Edward Munch für seinen „Schrei“ Modell stehen. Nun war alles zu spät. Tommy quietschte, wie eine Straßenbahn in der Kurve.
    „Freiwillig? Was meinen Sie mit freiwillige Mörder?“
    Mettmacher schreckte aus seinem Grinsen auf. Selbst er konnte nicht mehr übersehen, daß Tommy kochte, anstatt zu grillen. Er schnappte nach Luft, bevor er sein erstes Wort herausbrachte.
    „Na ja, ich meine die Vopos an den Grenzübergängen, die uns gefilzt haben als wären wir Schwerverbrecher. Wir haben die doch jahrelang auf der Transitstrecke erlebt. Die haben sich doch daran aufgegeilt, uns in Angst und Schrecken zu versetzen. Noch jetzt bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich an den aufgegebenen Kontrollpunkten vorbeifahre.“
    „So so, an den Grenzübergängen. Dann haben sie ja ganz fundierte Erfahrungen mit den Mördern an der Grenze. Sie wußten doch immer, daß Sie wieder nach Hause kommen würden. Diese Mauer ist aber nur errichtet worden, um keinen herauszulassen. Können Sie mir vielleicht sagen, wie viele Westdeutsche unter den Toten an der Grenze waren?“
    Klaudias Chef schwieg. Aber Tommy erwartete keine Antwort. Zu oft hatte er das mit den Freiwilligen schon gehört. Er spürte wie seine Magensäure ätzend aufstieg. Zu gern hätte er auf dem Absatz kehrt gemacht, um das unselige Gespräch zu beenden. Doch er konnte nicht mehr aufhören. Krachend landete die Grillzange auf dem Rost, bevor Thomas Kroll loslegte.
    „Sehr geehrter Herr Mettmacher. Ganz sicher gab es bei den Grenztruppen der DDR auch Freiwillige. Dabei handelte es sich um Unteroffiziere und Offiziere. Sämtliche Soldatendienstgrade wurden mit Wehrpflichtigen besetzt. Innerhalb der Jahrzehnte der Mauer wurden dabei ungefähr eine Viertelmillion junge Männer mit einer Kalaschnikow und sechzig Schuß Munition an die Grenze geschickt. Nicht einmal Sie werden annehmen, daß es sich bei allen um blutrünstige Mörder gehandelt hat. Sicher wollen Sie jetzt fragen, warum keiner den Wehrdienst verweigert hat. Schließlich durftet ihr das im Westen schon seit ‘61. Im Osten ging das erst ab Anfang der Achtziger. Allerdings gab es keinen Zivildienst. Dafür haben die Genossen die so genannten Spatentruppen erfunden. Wer es also schaffte, die Offiziere im Wehrkreiskommando davon zu überzeugen, daß er aus religiösen Gründen keine Waffe führen konnte, mußte achtzehn Monate lang in der Uniform der NVA Scheiße schippen. Mit anderen Worten: Wer nicht mitspielte, wurde in ein Strafbataillon geschickt. Und wer komplett verweigerte, wanderte für ein paar Jahre in den Knast. Und danach war das Leben in diesem staatsgesteuerten Land erledigt. Nicht jeder war mutig oder blöd genug, um sich schon mit achtzehn Jahren aufzugeben. So war das.“
    Thomas Kroll hatte sich heißgeredet. Er spürte jeden seiner Herzschläge bis unter die Schädeldecke. ‚Bist ich jetzt völlig durchgeknallt?’ fragte er sich aufgeregt. ‚Was können denn die Leute dafür, daß ich nicht klar komme. Ich muß wieder runter.’ Mit aller Kraft zwang er sich zur Ruhe. Es gelang ihm nur wenig. Zum Glück lag noch ein Steak auf dem Grill. Konzentriert wendete er zuerst sich und dann die schwärzliche Fleischscheibe. Konrad Mettmacher hatte inzwischen begriffen, daß er bei seinem Gastgeber einen wunden Punkt getroffen hatte.
    „Das habe ich so nicht gewußt, Herr Kroll. So habe ich das auch nicht gemeint. Ich wollte doch nur sagen, daß man heute keine solche Mauer errichten könnte, selbst, wenn man das wollte. Unser Grundgesetz würde das überhaupt nicht zulassen.“
    Gerade wollte Tommy zu einer Erwiderung ansetzen, da schob Klaudia diesmal ihren Körper als Schutzschild zwischen ihn und ihren Chef. Thomas Kroll wußte nicht genau, wen sie in diesem Moment schützen wollte.
    „Ich denke, nun haben wir genug über Politik geredet. Es gibt noch vieles zu tun! Packen wir’s an!“
    Ihr Lachen klang furchtbar verkrampft. Sie lehnte inzwischen an ihrem Mann, um ihn zu beruhigen. Thomas Kroll zitterte nur noch ganz leicht. Aber sie wußten beide, daß es ihm nicht gut ging, nachdem er wieder einmal auf dem besten Wege gewesen war, sich für Taten an der Grenze zu verantworten, die er nie begangen hatte.
    „Ja, Sie haben völlig recht, Klaudia! Wir sollten uns hier nicht wegen Sachen zerfleischen, die lange zurückliegen und mit denen weder Sie, noch wir zu tun hatten. Wir waren die Opfer.“ Auch Konrad Mettmacher, der sich offensichtlich gern in seiner Diskussion mit Thomas Kroll unterbrechen ließ, krächzte rabenhaft.
    ‚Da haben wir den Salat!’ fiel Tommys Hauptkampflinie lautlos zusammen. ‚Jetzt muß ich den Unbeteiligten spielen, um die Form zu wahren. Wenn ich jetzt zugebe, daß ich dabei war, bekommt jedes Wort, das ich gesagt habe, einen völlig anderen Sinn. Die beiden Importe müßten denken, daß ich nur die eigenen Sünden von meinen Händen waschen wollte. Oh, Scheiße. Es ist doch immer das gleiche.’
    Konrad Mettmacher hatte in Windeseile zu seiner alten Form zurückgefunden. Lautstark ließ er ein Loblied auf des schöne Leben unter seiner Führung erklingen. Niemand sollte bezweifeln, daß alle Menschen seiner Umgebung von ihm profitierten. „Alles vergangen, vergeben, vergessen. Nur die Zukunft zählt, sage ich immer. In meiner Firma können Sie noch alles erreichen. Meine Ideen und ihre Durchsetzungskraft bringen uns an die Spitze. Immer Initiative zeigen, liebe Klaudia. Das Ergebnis sieht man ja dann auch: Nette Familie, nettes Haus, Erfolg im Beruf...“
    „Stimmt, Herr Mettmacher.“ Klaudia und legte einen Arm um ihren Mann. „Auch wir haben eine Menge gemeinsamer Arbeit hinter und vor uns. Und manchmal muß man dabei über seinen Schatten springen.“
    Tommy, der noch nie etwas gegen die Nähe seiner Frau gehabt hatte, empfand ihren Arm in diesem Augenblick wie eine stählerne Klammer. Auch ohne den Druck ihrer Finger wußte er, daß sie die einzige Person auf dieser Terrasse war, die in der Lage war, die verfahrene Situation zu retten, indem sie ihn augenblicklich zum Schweigen brachte. Ihr folgender thematischer Schlenker fegte jede Form von Streit über die polierten Steinplatten in den naheliegenden Garten.
    „Wir haben hier übrigens einen ausgezeichneten Reiterhof, Frau Mettmacher. Wenn Sie wollen, spreche ich mit der Inhaberin. Ich kenne sie nämlich über die Schule unserer Tochter. Und sehr viele schöne Häuser haben wir hier auch, Chef.“
    „Sie haben völlig recht, Klaudia. Ich weiß schon, was ich an Ihnen habe.“
    Endlich ließ Klaudia ihren Tommy wieder frei. Längst war ihm klar, daß Klaudia eingegriffen hatte, damit er sie in seiner Rage nicht um Kopf und Kragen redete. Aber sie hatte auch für ihren Mann gesorgt, der sich mit jedem weiteren Wort ins Abseits der Mettmacher-Gesellschaft geschossen hätte.
    ‚Okay, Baby’, dachte Thomas Kroll glücklich. ‚Morgen zünde ich in der Dorfkirche zehn Kerzen für dich an und lasse auch noch hundert Rosenkränze beten. Auch wenn du höchstens daran glaubst, daß man mit seinen Blumen sprechen kann. Jetzt weiß ich, daß wir immer noch zusammen gehören. Du weißt doch noch, was mit mir los ist, wenn es mir dreckig geht. Vielleicht können wir sogar darüber reden?’ Tommy drehte sich wieder zu seinem brutzelnden Fleischbrocken um. Er konnte sich sehr gut vorstellen, wie dämlich sein glückliches Grinsen aussehen mußte, das ihm der Gedanke an seine Frau ins Gesicht stempelte. Heute Abend war Klaudia Kroll wieder das Teufelsweib, sein geliebtes Teufelsweib!

  11. #11
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Heute fertig geworden mit der Letztdurchsicht. Wollen wir hoffen, daß die Druckerei ihr Wort hält, das Buch am Freitag fertig ist.


    Seid alle recht herzlich am Sonnabend begrüßt. Gatower Str. 296, 16 Uhr in Berlin.

  12. #12
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    willieh fand ca. 80 Fehler der bereits verkauften Erstauflage! Dank ooch!
    Zweitauflage in Vorbereitung. - grummel -

  13. #13
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Zweitauflage zu dunkel und schlecht geschnitten, aber: keine Fehler.
    Ob wir's jemals hinkriegen?

  14. #14
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Fragt mich der Fischer aus Sardinien, ob die ersten sechzig Seiten lektoriert worden seien.... Erschießt den Knilch! Schubt ihn ins Wasser! Hängt seine Gedärme in den Wind!

  15. #15
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Dank des Knilches aus Sardinien und meiner Mutter weitere dreiunddreißig Fehler getilgt. Jetzt müßten wir soweit sein, es veröffentlichen zu können.

  16. #16
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Zweitverlese am 18.10. in Berlin-Spandau.

  17. #17
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Nachdem jetzt zweiundsiebenzig weitere Fehler auftauchten und getilgt wurden, steht einer Veröffentlichung nix mehr im Wege.


    Wir starten eine Werbeaktion. Folgender Text steht in schwarzer Schrift auf einem farbigen Blatt, ca. ein Viertel von A 4. Wer sich um die Verteilung diverser Blätter an Lesekundige in seiner Heimatstadt verdient machen möchte, dem schicke ich gern eine bestimmbare Anzahl dieser Zettelchen zu, damit er sie Passanten, Buchläden, Briefkästen, Freunden und Bekannten verabreiche...


    P.S. 2 Euro jedes verkauften Buches spenden wir für die Hochwasseropfer!


    Hier der Text zum Inhalt, auf der Vorderseite stehen Name des Autoren und Buchtitel


    Wie kann ein Mensch für die Zukunft leben, wenn seine Vergangenheit ihn nicht losläßt? Der Berliner Autor, Cartoonist und Illustrator Reinhard Kaul sucht auf unterhaltsame Weise nach einer Antwort auf diese Frage. "Hart an der Grenze" erzählt die deutsche Ost-West-Geschichte eines Mannes, aus dessen Leben man getrost drei andere, kaum langweilige machen könnte. Weil der Ex-Grenzsoldat, Wohnungsbesetzer und DDR-Flüchtling Thomas Kroll mit Gewalt aus seinem inzwischen spießig gewordenen Alltag gerissen wird, macht er sich auf die Suche nach seinem eigenen Leben. Sie führt ihn quer durch Berlin und durch das halbe Deutschland, das den seltsamen Beinamen "Neue Länder" trägt.Tommy Krolls Begegnungen, Erlebnisse und Erinnerungen sind skurril, komisch, spannend, traurig und mit vielen Details der vergangenen Jahrzehnte gespickt, die sicher einigen Lesern neu sein werden.

    Reinhard Kaul: "Hart an der Grenze" Roman. 409 Seiten. ISBN 3-93-1069-15-X 13 Euro (Nebenkosten 4 Euro bei einem Exemplar Bestellmenge, ab 2 Exemplaren Bestellmenge entfallen die Nebenkosten)

  18. #18
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
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    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Schön. Reichlich viele geographische und popkulturelle Verweise betten den Roman historisch ein. Auf Seite 11: "Tommy starrt aus dem Fenster. Er fährt über die Spree, wirft einen letzten Blick auf die Rückseite des Künstlerclubs 'Möwe', wo es immer so tolles Essen gibt..." Dort war ich vor zwei Wochen. Immer noch klassisches Ambiente und verpflichtend hohes Niveau.

  19. #19
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Heute in der Super-Illu (Auflage: ca. 400000 Exemplare) eine Anzeige geschaltet.
    Nächste Woche soll eine ganzseitige Buchbesprechung folgen.
    Hoffen, dat bringt wat.

  20. #20
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Reinhard Kaul: Hart an der Grenze

    Das war damals eine schöne Arbeit, die mir Spaß machte. Leider zeigte diese Arbeit auch die gravierenden Probleme auf, derer wir damals nicht Herr wurden: Druckqualität, Terminabsprachen, Abstimmung der einzelnen Arbeitsfelder.
    Das Buch ist inzwischen bei amazon gelistet.

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