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Thema: Die des Lebens ...

  1. #1
    Enno Ahrens
    Status: ungeklärt

    Die des Lebens ...

    Enno Ahrens

    Die des Lebens Überdrüssigen

    kratzten sich an ihren Köpfen,
    schon jahrelang, von Minute
    zu Minute, machten es sich
    nicht leicht, gruben
    die Nägel tief in die Haut.
    Sie grübelten, worüber sie gedacht.
    Die Oberfläche auf ihren
    Köpfen war eine Kraterlandschaft,
    wie auf dem Mond, nur mit
    blutiger Kruste. Auch ihr
    Ersonnenes verkrustete
    und ihr Haupthaar wich
    der Verkrustung.
    Sie dachten, und sie kratzten; oft
    kratzten sie mehr, als gedacht.

    Seit zwanzig Jahren schon, kurz nach
    Mitternacht, sagte sie:
    “Wieder ein Tag weniger im Leben.”
    Er antwortete jedes Mal:
    “Ein Tag mehr.”
    Schweigend gab sie ihm dann immer
    einen Kuss auf die Stirn und trottete
    ins Schlafgemach. Er folgte eine halbe
    Stunde später. Da schlief sie bereits.

    Er hatte Suizidgedanken.
    Nachts trug er zuweilen
    fantastische Krawatten,
    gefertigt aus selbsterlegter
    Klapperschlange, die Rassel
    dazu verdeckt im Saum.
    Seine Schuhe waren krokodilledern,
    das Jagdmesser mit Griff
    vom Elfenbein aus
    reinen Gedanken.
    Sie waren lichtscheu
    wie blutrünstige Vampire.

    Eines Morgens am Frühstückstisch
    blätterte sie gelangweilt wie immer in
    der Tageszeitung. Er schlürfte
    seinen Rheumatee. Plötzlich fing sie an etwas
    höhnisch zu lachen, sah von der Zeitung auf
    in Richtung ihres Gatten und sagte:
    „Oh, eine neue Sex-Studie. Demnach haben
    die Deutschen vier bis sechsmal die Woche
    Geschlechtsverkehr. Und wir? Garni…“
    Er fiel ihr ins Wort:
    „Daran kannste mal wieder erkennen,
    dass diese Studien nichts taugen.“
    Gleichzeitig verabscheute er es, wie
    sie sich in letzter Zeit gegenseitig hirnlos
    in ihre Köpfe schossen.

    Am Nachmittag zeigte die alte Linde
    vor ihrem Fenster sich angeschlagen – mehr
    ein Baum wie ein Mann als ein Mann wie ein Baum,
    warf sie ihnen beim Lüften ein letztes Blatt auf
    den Küchentisch wie ein Boxer das Handtuch. Abends
    haben sie die Gebrochene hereingeholt an ihren Kamin.

    Nachdem der Alte einige Stunden ins Feuer geschaut und
    einige Flaschen Wein geleert hatte durchbrach er plötzlich
    die knisternde Stille im Raum und sprach so laut, dass
    seine schläfrig im Sessel sitzende Frau aufschreckte. Er sagte:
    „Ich will nicht, dass du mich feuerbestatten lässt
    und alle zum Leichenschmaus berufenen leibeigenen
    Mikroben um ihr Erbe gebracht werden.“ Sie drehte ihren
    Kopf weg und döste weiter. Seine Asche war längst besiegelt.
    Sie wollte sich einen Diamanten draus fertigen lassen.

    (zusammengekloppt aus Teilstücken)

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die des Lebens ...

    Ein gutes Stück Lyrsa. Die Charaktere leben und sind nicht nur so hingerotzt, da steckt Kenntnis ihrer lebendigen Vorbilder dahinter. Der Plot ist banal, aber das schadet hier nicht. Daß die "Verse" zum Ende hin breiter werden, ist dem Wunsch geschuldet, fertig zu werden. Das mit der Asche ist ungenau. Es geht doch um das Schicksal der Asche (in diesem Falle seiner verbrannten Überreste), nicht um die Asche selber.

    Ich mag den Text.

  3. #3
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    Renommee-Modifikator
    10

    AW: Die des Lebens ...

    Aus meiner Sicht:

    Lyrsa...ja, gute Lyrsa...eher nein

    gut ist die Geschichte - etwas lieblos die Präsentation

    Sie grübelten, worüber sie gedacht.
    Daran kannste mal
    entweder/oder angestaubt/Slang

    Die Oberfläche auf ihren
    Köpfen war eine Kraterlandschaft,
    wie auf dem Mond, nur mit
    blutiger Kruste
    Auch ihr
    Ersonnenes verkrustete
    und ihr Haupthaar wich
    der Verkrustung
    .

    ...erinnerte an die Kraterlandschaft
    des Mondes, überzogen mit der gleichen
    blutigen Kruste, die Ersonnenes
    samt Haupthaar verdrängte

    Sie dachten, und sie kratzten; oft
    kratzten sie mehr, als gedacht.
    so wie es da steht...ist (als) gedacht ein Synonym für geglaubt

    und was heißt "mehr"?---ich weiß, "häufiger"...aber was bringt das deiner Geschichte?

    oft kratzten sie tiefer als sie nachdachten


    Seit zwanzig Jahren schon, kurz nach
    Mitternacht, sagte sie
    In der Kombination seit/schon ist es bei mir ein "sagt"

    Über zwanzig Jahre, stets kurz nach Mitternacht, sagte...


    Er hatte Suizidgedanken.
    Nachts trug er zuweilen
    fantastische Krawatten,
    gefertigt aus selbsterlegter
    Klapperschlange, die Rassel
    dazu verdeckt im Saum.
    Ihn plagten Suizidgedanken....oder auch "quälten"...bzw. "beschäftigten"...wenn es neutral klingen soll.

    fantastische Krawatten...da stelle ich mir eine Vielfalt ausgefallener Krawatten vor...drum "fantastische Krawatte" ..oder wenn Krawatten...dann auch Schlangen - und "dazu" kann man streichen.


    Er hatte Suizidgedanken.
    Nachts trug er zuweilen
    fantastische Krawatten,
    gefertigt aus selbsterlegter
    Klapperschlange, die Rassel
    dazu verdeckt im Saum.
    Seine Schuhe waren krokodilledern,
    das Jagdmesser mit Griff
    vom Elfenbein aus
    reinen Gedanken.
    Sie waren lichtscheu
    wie blutrünstige Vampire.
    Da kann ich als Leser nicht mehr folgen. Trägt er diese Schuhe im Bett?!? Elfenbein aus reinen Gedanken? Und wer war lichtscheu wie blutrünstige Vampire?

    Da ist Dir die Stringenz abhanden gekommen...



    Eines Morgens am Frühstückstisch
    blätterte sie gelangweilt wie immer in
    der Tageszeitung.
    Eines Morgens...das ist abgegriffen, ausgelutscht. Die Tageszeit verrät schon der "Frühstückstisch".

    Und "wie immer"...das ist unglaubwürdig...denn hin und wieder wird sie sehr interessiert blättern...

    Tauwetter. Wie so oft, blättert sie am Frühstückstisch gelangweilt in der Tageszeitung. (oder auch ...versteckt sie sich gelangweilt hinter der Tageszeitung)

    Er schlürfte
    seinen Rheumatee. Plötzlich fing sie an etwas
    höhnisch zu lachen, sah von der Zeitung auf
    in Richtung ihres Gatten und sagte:
    etwas höhnisch, höhnisch, viel höhnisch....wo ist da der Unterschied - und wie kann man den heraushören? Sie schaut ja erst DANACH zu ihm auf...also muss ich das als Beobachter alleine an den akustischen Signalen festmachen.

    Ich würde die Abfolge ändern:

    Sie sah von der Zeitung auf, lachte höhnisch in Richtung ihres Gatten - und sagte:


    Am Nachmittag zeigte die alte Linde
    vor ihrem Fenster sich angeschlagen

    Am Nachmittag zeigte sich, beim Blick durchs Küchenfester, die alte Linde
    angeschlagen

    Abends
    haben sie die Gebrochene hereingeholt an ihren Kamin.

    Abends holten sie die Gebrochene ins Haus an den Kamin


    Nachdem der Alte einige Stunden ins Feuer geschaut und
    einige Flaschen Wein geleert hatte durchbrach er plötzlich
    die knisternde Stille im Raum und sprach so laut, dass
    seine schläfrig im Sessel sitzende Frau aufschreckte
    Nach Stunden stummer Blicke ins Feuer und drei Flaschen Wein,
    durchbrach der Greis in lauten Worten das Knistern der Stille
    und schreckte seine Frau aus dem Sessel auf...

    Sie drehte ihren
    Kopf weg und döste weiter.
    Sie drehte ihren Kopf zur Seite und entschlief seinem Willen

    Seine Asche war längst besiegelt.
    Sie wollte sich einen Diamanten draus fertigen lassen
    Schon bald wird seine Asche,
    zu einem Diamanten verdichtet,
    ihren Hals schmücken
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  4. #4
    Enno Ahrens
    Status: ungeklärt

    AW: Die des Lebens ...

    „Sie entschlief seinem Willen.“ Nee, AD, sie wollte sich aus seiner Asche einen Diamanten
    anfertigen lassen, denn was ist schöner als so ein Andenken an einen geliebten Menschen. Es
    wäre natürlich besser gewesen, die Beiden hätten sich im Leben bereits gewertschätzt und entsprechend
    gelebt. Aber sie waren ja des Lebens überdrüssig geworden.

    LG E.

  5. #5
    Enno Ahrens
    Status: ungeklärt

    AW: Die des Lebens ...

    Ja, der Inhalt ist düster, aber der Text soll dem Leser eine freudige Botschaft übermitteln, nämlich nicht so zu leben wollen wie dieses Pärchen hier. Mit Texten freudigen Inhalts erreicht man den Leser da nicht so. (Ähnlicher Effekt: Warum wird so gerne Bildzeitung gelesen?)

    Der Diamant als Erinnerung/Andenken an den geliebten Menschen. Eigentlich schön und er würde der Dame ja einiges an Geld kosten. Aber das ist es ihr wert. Und die Erinnerungen, die sie damit verbindet sind wohl aus einer Zeit wo Beide noch mitten im Leben standen. Nun sind sie beide des Lebens überdrüssig geworden. Auch das verbindet sie. Am Anfang des Textes gibt sie ihm ja auch einen Kuss. Es ist also nicht so, dass die Partnerschaft übel ist. Und die Dame will sehr wohl noch was, richtig. Auch der Mann will was. Aber es äußert sich nur in kurzweiligen Aufbegehren. Letztenendes siegt aber die Überdrüssigkeit am Leben und das Völlefühl überwiegt wieder. Es ist also nicht so einfach, immer ist die Psyche von Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten und schwer der Vernunft zuzurechnendem Verhalten durchsetzt. Dies aber macht es für mich als Schreiberling so interessant. Nur habe ich das Gefühl, es in diesem Text nicht entsprechend eingebracht zu haben. Vielleicht müsste hier noch ergänzt werden?

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