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Thema: Terra Triumphalis

  1. #1
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    Terra Triumphalis

    1. Im Erwachen


    Berührt, von der schmückenden Hand
    eines Sonnenaufgangs, ruht der Himmel
    über einem Meer von roten Dächern


    Nur das Murmeln eines Baches
    durchbricht das Gewölk der Stille,
    in der die flüchtige Sekunde
    zur Ewigkeit reift




    2. Im Erleben


    Unter dem Bahndamm hindurch
    führt ein Weg zu einem märchenhaften See,
    auf dessen Haut sich tausendfach
    züngelnde Flammen
    spiegeln -


    entzündet von zarten Gestalten
    in lichtdurchlässigen Gewändern,
    die auf gläsernen Fliesen
    die Nacht bewandern




    3. Im Erkennen


    Inmitten des Farbenrausches
    eines heraufdämmernden Morgens,
    trägt ein Vogel Zweig für Zweig zusammen
    zu einem beschaulichen Nest -


    wohl nichts geschieht von selbst,
    keine Tat erwächst aus müden Zweifeln,
    auch nicht in einer Welt von
    unerschöpflichem
    Reichtum




    4. Mit geschlossenen Augen


    Jahre versinken wie Wasser im Wüstensand,
    es bleibt die Erinnerung,
    eine Fülle an Bildern -


    die Dankbarkeit für ein Leben,
    das sich im letzten Augenblick
    erfüllt,


    aber auch die Hoffnung;
    in ihm ruhe das Bekenntnis
    eines Anfangs

  2. #2
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    AW: Terra Triumphalis

    Also, ich tu mir da schwer. Weil aber das Gedicht offensichtlich mit sehr viel Mühe, Können und handwerklichem Geschick gebaut wurde, will ich versuchen, mir selber klar darüber zu werden, was es bei mir bewirkt und hinterlässt.

    Die Form ist ziemlich streng und in 4 Überschriften gefasst. Die lesen sich wie Kapitel eines altväterischen Erleuchtungsbuchs. Das weckt natürlich Neugier und Erwartungen. Die werden gleich im ersten Abschnitt enttäuscht. Kein Erwachen zu höherer Einsicht offenbart sich da, sondern in blumiger Sprache ein Sonnenaufgang. Ähnlich geht es mir im zweiten und dritten Abteil. Romantische Bilder, symbolhafte Worte öffnen Räume für dei Imagination. Diese erdrückt zeitweilig den Intellekt, der - in meinem Fall - nicht immer folgen kann. Wie im 2. Kapitel, wo ich bei den züngelnden Flammen, zarten Gestalten und gläsernen Fliesen ziemlich ins Schleudern komme.

    Überschrift 3 schließlich assoziiert Wahrheit, Durchbruch zum Durchblick: Erkennen! Aber, wieder führt mich der Text auf ein anderes, als das erwartete Feld. Der nestbauende Vogel ist eine starke Metapher, geht aber an meinen Erwartungen vorbei.

    Teil 4 schließlich drückt aus, was für mich als Leser bleibt: eine Fülle an Bildern. Nicht verdichtet, nicht destilliert, nicht zu einem roten Faden verdreht. So stehen die vielversprechenden Motti schließlich ein bissl verloren im Textraum.

    Eine Fülle an Vorstellung befeuernden Bildern. Nicht das schlechteste, was man über ein Gedicht sagen kann.
    Wie gesagt, mein persönlicher Zugang. Vielleicht hab ich ja auch gar nix verstanden.

  3. #3
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Terra Triumphalis

    Vielen Dank, dass Du deine Gedanken zu meinem Gedicht mit mir teilst.

    Ich muss etwas ausholen: neulich schenkte mir ein älterer Herr (Anfang 80) ein Buch - genauer gesagt ein Sammelalbum der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin und Garmisch - Partenkirchen, Band 2. Auf dem Cover eine goldene Glocke mit der Aufschrift " Ich rufe die Jugend der Welt". Ich hatte schon einige Dokus zu diesen Spielen gesehen und war überrascht, dass die Sprache des Buches so gar nicht zu dem passte...das ich bis dahin wusste. Auch die sportlichen Leistungen und Siege der Schwarzamerikaner werden in hohem Maße respektvoll beschrieben und gewürdigt. Von Rassismus keine Spur. Im Gegenteil; despektierliche Äußerungen seitens der Zuschauer....mit dem Ziel die Leistungen von Sportlern fremder Herkunft zu relativieren und zu diskreditieren werden verurteilt und korrigiert. Das hat mich doch schon sehr überrascht. Man weiß, dass sich die Nazis der Welt vor und während der Spiele als Gutmenschen ins Licht rückten, damit sich die Welt in Sicherheit wiegen konnte...aber nach den Spielen gab es diese Notwendigkeit nicht mehr.

    Der oder die Autoren werden namentlich nicht genannt...aber von seiner/ihrer Sprache bin ich begeistert. Nicht nur typisch für die Nazis...sondern auch für diese Zeit...fällt natürlich auch der ein oder andere martialische Begriff. Der Nationalismus war zu jener Zeit allgemein...nicht nur in Deutschland sehr ausgeprägt.

    Lange Rede...kurzer Sinn; mein Ansporn war es diese Sprache...etwas abgewandelt und in einen anderen Kontext gestellt...aufleben zu lassen. So schlimm diese Zeit auch war...wir sollten nicht alle Kunst und Kultur systemtreuer Gesellen leugnen und auslöschen - sie ist Teil unserer Identität.

    Und so hast Du mit dieser Äußerung ins Schwarze getroffen

    Die lesen sich wie Kapitel eines altväterischen Erleuchtungsbuchs.
    Dass der Titel, Terra Triumphalis, etwas anderes verheißt...als das...das dann zu lesen ist...das sollte genau so sein. Es gibt nur einen Triumphbogen, den wir durchschreiten sollten...und das ist unser Leben selbst...synonym die Erde als Mutter unseres Lebens.

    Danke und Gruß, A.D.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Terra Triumphalis

    Diese Spiele waren etwas ganz besonderes, auch für mich. Nun war ich nicht dabei, aber meine Großeltern. Meine Oma erzählte mir mit leuchtenden Augen von Jesse Owens, wie sie ihm zujubelten. Sie erzählte mir, wie sie mit meinem Opa auf einer Harley die neue Autobahn von Magdeburg bis zum Olympiastadion entlangsausten, das immer noch an der Reichsstraße 1, dem Höllenweg, liegt, und in einer guten Stunde erreichten und dort schönste Stunden verbrachten. (Mit der gleichen Harley war er Meldegänger im Krieg. Er starb Silvester 1944 bei der Verteidigung Budapests.) Mein Lieblingsbild ist nicht der Sieg von Jesse Owens, sondern dieses hier:

    helenemayer1936.JPG Drei Deutsche auf dem Podest. Jede startet für ein anderes Land. Ganz oben die Siegerin Schacherer für Ungarn, vorn die für Österreich startende und aus Berlin stammende Müller als Zweitplazierte, die beim Abspielen des Deutschlandliedes verträumt die Augen schließt. Hinten die für Deutschland startende Jüdin Helene Mayer, Drittplazierte, mit dem seinerzeit so genannten deutschen Gruß. Das bizarrste Sportbild, das ich kenne. Im Hintergrund sieht man die Ehrentribüne. Sicherheitspersonal? Fehlanzeige.

    Zu Deinem Text: schön. Nur der Gebrauch der Partizipien stört mich.

  5. #5
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    AW: Terra Triumphalis

    Danke für die Hintergrundinfo. Erhellt manches ....

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