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Thema: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

  1. #26
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

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    Das Spiel ist vorüber. Ich habe gewonnen. Nichts kann mir den Sieg mehr nehmen. Die Nachspielzeit ist für das Ergebnis ohne Bedeutung. Sie ist sowas wie ein Bonus, ein Encore, eine Draufgabe. Aus Spaß an der Freude. Ich habe nichts zu verlieren. Außer meinen Verstand. Und mein Leben natürlich, aber das ist kein Verlust, weil ich davon nichts mitbekomme. Nichts mehr weiß. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. So gesehen, bin ich ein glücklicher Mensch. Müsste ich einer sein. Dennoch stehen meinem Dauerglück tausend kleine und große Widrigkeiten, Ärgernisse und Aufregungen, Ängste und Sorgen entgegen. Warum ist das so? Bin ich nicht Herr meiner Gedanken und Gefühle? Offenbar nicht.


    Gedanken und Gefühle sind wie Henne und Ei. Das Eine bedingt das Andere und umgekehrt. Es scheint so, als ob die Gedanken Gefühle auslösen, die wieder mein Denken lenken. Meistens sind wir uns dessen nicht bewusst. Heisst, wir treiben gedanklich und emotional so vor uns hin, meist in denselben Bahnen. Mensch ist ein Gewohnheitstier. Bei mir ist das so. Heisst aber auch, dass wir nicht selbstbestimmt denken und handeln, sondern überwiegend gewohnheitsmäßig.


    Die Frage ist, woher kommen meine Gedanken und Gefühle? Ist da eine Gedankenbatterie in meinem Gehirn, die dauernd schwache Ströme ins neuronale Netz speist? Ist da ein Gefühlsakku, der Emotionen generiert und mit Gedanken verknüpft? Chemisch gesehen sind das komplexe aber nachvollziehbare Reaktionen. Doch wie entstehen daraus Gedanken und Gefühle? Die Chemie selbst hat keine Gefühle, die Physik selbst denkt nicht. Wie werden daraus bewusst erlebte Inhalte? Ein scheinbar unlösbares Rätsel.


    Manche kommen dann mit Quantenphysik. Die erklärt aber auch nichts. Ich kann mit meinem Bewusstsein das Phänomen Bewusstsein anscheinend nicht begreifen. Wär ja auch wie Münchhausen, der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zieht. Dass Bewusstsein an eine funktionierende Chemie und Physik gebunden ist, beweist jede Anästhesie. Und jedes Schläfchen, das wir uns gönnen. Wie aber wird Bewusstsein an- und abgeschaltet? Wenn wir das wüssten.


    Andere kommen mit Gödel und seinem Unvollständigkeitssatz. Der erklärt zwar nicht das Bewusstsein, lässt aber sowas wie eine Ahnung aufkeimen, dass ein hinreichend komplexes System wie das Gehirn an seine Grenzen stößt, wenn es sich selbst 'beweisen' will. Es bleibt ein Rest Unbeweisbarkeit, im Falle des Bewusstseins Unbegreiflichkeit. Wir haben es, verstehen es aber nicht.


    Wieder andere kommen mit der Hypothese, dass jedes ausreichend komplexe System Bewusstsein bildet. Also, nur genügend viele Schalter vernetzen und schwupp, ab einer gewissen Anzahl Schaltkreise - entsprechend angeordnet - blitzt Bewusstsein auf. Glaub ich zwar nicht, kann ich aber nicht widerlegen. Vielleicht ist es so. Die Krux liegt in der Anordnung der Schalter, ob sie richtig verdrahtet sind. Ein elektronisches Gerät funktioniert ja auch nicht, wenn die Schaltung nicht entsprechend ausgelegt ist. Ich weiß nicht, ob diese Analogien weiter helfen oder nur in die Irre führen. Wenn Bewusstsein ans Gehirn gebunden ist, dann muß dieses entsprechende chemische, physikalische und konstruktive Voraussetzungen erfüllen. Wie aber kommt es dazu?


    Die schrittweise Evolution des Gehirns aus einfachen Sensoren und Rezeptoren von Eiweißmolekülen scheint da noch die zutreffendste Annahme. Das legen auch die unterschiedlichen Größen und Komplexitätsstufen der Gehirne verschiedener Säuger nahe. Und dass diese selbstlernende Schaltkreise beinhalten, die an den Aufgaben wachsen und ihre Kompetenzen erweitern. Das Konzept eines Geistes widerspricht allen beobachtbaren Entwicklungen und Leistungen tierischer Intelligenz. Ein Kleinkind muss alles an Fähigkeiten, Kognition und Motorik erlernen. Die Möglichkeiten, dies zu bewältigen, sind zwar schon im Gehirn angelegt, die korrespondierenden Fähigkeiten müssen aber erst durch Fleiß, Wiederholung und Übung realisiert werden. Wäre da ein Geist am Werk, wieso müsste der erst lernen? Da verlagern wir doch die Entwicklung und das Lernen nur von der materiellen Ebene auf eine nebulose geistige. Von der wir noch viel weniger wissen, als von Physik und Chemie. Von der wir nicht mal wissen, wie sie beschaffen und ob sie überhaupt existiert.


    Geist ist ein untaugliches Konzept, weil unbestimmt, unbestimmbar, unfaßbar und damit eine leere Begrifflichkeit. In die ich alles hineinpacken kann, was ich nicht verstehe. Was mir aber das Gefühl verleiht, damit wäre etwas erklärt. Ist es nicht. Zudem bleiben so viele Fragen unbeantwortet. Wo ist der Geist im Schlaf, während der Anästhesie? Wo weilt er vor der Geburt? Warum kommt und geht er, warum verlieren wir Gedächtnisinhalte bei Gehirntraumata? Dieser Geist erklärt gar nichts. Er schafft nur eine zusätzliche Ebene des Unbestimmten und Ungewissen, des Beliebigen.


    Von der ominösen Seele ganz zu schweigen. Diese Magd des Geistes nährt zwar einen ganzen Berufsstand, doch diese Leute wissen auch nicht mehr über sie als irgendein Dummkopf wie ich. Ja, sie kennen einen ganzen Fuder voll Fachausdrücken, Theorien und name-dropping ist eine ihrer liebsten Beschäftigungen. Die Psychologie hat aber bislang nicht mehr zu bieten als jeder Dorfseelsorger. Mit dem einzigen Unterschied, dass dieser noch einen Gott im Angebot hat, jene sich mit ein paar vergilbten Säulenheiligen begnügen muß. Psychologie und Theologie sind so wissenschaftlich wie die Gegenstände ihrer Befasse: unbegreiflich, unbeweisbar, beliebig definierbar usw. Kein Wunder, dass ausser Gelaber nicht viel raus kommt dabei.


    Jetzt hab ich beinah schon alle Felder der Erkenntnis abgegrast und bin knapp vor dem Verhungern. Nichts als Disteln, Dornen, verdorrtes Gras und kein Tropfen Wasser der Erkenntnis. Nur Steine und Staub. Von A wie Allgemeine Relativitätstheorie bis Q wie Quantentheorie, entweder unverständlich oder widersprüchlich oder beides. Ich schließe für mich daraus, dass ich zu dumm bin dafür. Die Ergebnisse der Experimente seh ich wohl, doch mir fehlt das Verständnis. Und die Theorien sind so monströs und mit höherer Mathematik durchsetzt, dass nur Eingeweihte sie diskutieren können. Die Wissenschaft, die seriöse, sie führt am Ende auch dorthin, wohin uns schon Theologie und Geisterglaube gebracht haben: in eine Irre, in ein Labyrinth von Termini und Hypothesen, die nur die Eingeweihten richtig zu deuten vorgeben. Keine Freiheit durch Wissenschaft, sondern ein Teilchenzirkus, ein Theorienwust und Kapazitäten, die die Hoheit über die Exegese der Ergebnisse für sich beanspruchen.


    Ignorabimus. Oder ignorabo, weniger größenwahnsinnig ausgedrückt. Ich versteh das alles nicht und werde es nie begreifen. Die Welt ist kein Buch mit sieben Siegeln, sondern ein Labyrinth ohne Ziel und ohne Ausgang. Der Kosmos ist ein monströses Theater, oder nur eine Simulation. Materie zerinnt unter den Detektoren der Teilchenbeschleuniger, verflüchtigt sich in Licht und Energie, sobald du näher hinschaust. Was aber Energie ist, können wir genauso wenig begreifen, wie wir Aussagen über das Wesen des Lichts, des Raums, der Zeit oder der Wechselwirkungen der verschiedenen Phänomene machen können. Ja, die Wissenschaftsadepten können Formeln anbieten, die beschreiben, was sie messen. Das ist enorm viel. Doch diese Formeln verstehen nur wenige, sind der Allgemeinheit kaum zugänglich. Was früher die Priester und Propheten in den Religionen, sind heute die Stars der Physik und Kosmologie. Immerhin beschert uns die Physik Quantencomputer, Quantenkryptographie und GPS. Die Religionen haben nur Gebote und Gebete im Kontor. Ein Wettbewerbsnachteil. Mir kann das egal sein. Ich strebe weder nach dem Nobelpreis noch nach einer Bischofsmütze. Mir reicht die Erkenntnis, dass ich dumm geboren bin und ebenso dumm sterben werde.


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  2. #27
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

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    Da haben sie also am Fermilab Myonen vermessen und eine Abweichung vom erwarteten Ergebnis in der achten Stelle hinter dem Komma festgestellt. Hat man übrigens schon mal 2001 gemessen, diese Abweichung. Die Physik steht Kopf, das Standardmodell gerät ins Wanken. Es muß noch mehr Teilchen geben, als wir bisher angenommen und nachgewiesen haben. Das an sich ist keine Sensation. Wo wir doch nicht den blassesten Schimmer haben, aus welchen Trümmern die sogenannte Dunkle Materie bestehen soll. Der Teilchenzirkus zieht weiter und sammelt emsig neue Tierchen ein. Um sie hinter die Gitter der immer riesiger werdenden Beschleuniger zu zwingen. Ob die Myonabweichung zu neuen Erkenntnissen führen wird? Mal sehen.


    Myonen hin oder her, für unser praktisches Leben hat das wenig Konsequenz. Für mein Weltbild ebenso. Da hab ich sowieso längst den Überblick verloren, die Elementarbausteine der Materie und ihre Bedeutung für das Wissen um die Welt, wer soll das verstehen? Die meisten von ihnen sind ohnehin flüchtig, bestehen nur für winzigste Bruchteile einer Sekunde, um sich entweder mit anderen Genossinen zu vereinen oder weiter zu zerfallen. Die Stabilität der Welt, die Fundamente unseres Kosmos scheinen ohnehin bedenklich instabil. Jetzt nur keine Analogieschlüsse auf den Wankelmut der Menschen, die Labilität unserer Gefühle. Dazwischen liegen Welten, ein Dutzend Zehnerpotenzen mindestens.


    Die Größenordnungen. Die Welt im Kleinsten und im Größten umspannt einige Dutzend Zehnerpotenzen. Eine Zahl mit mehr als 100 Stellen vor dem Komma. Oder dahinter. Egal. Wir können Größe nur erfassen nach unserem Maß. Dem Metermaß. Ein Kilometer kann ich mir noch vorstellen. Tausend auch. Die Entfernung zum Mond bringt mich an die Grenzen. Ein Lichtjahr ist schlicht unvorstellbar. Milliarden davon - das Maß des Universums - bedeuten mir nichts. Nach unten, innen oder hinter dem Komma geht es ähnlich zu. Ein Millimeter kann ich noch sehen. Ein Zehntel davon gerade noch. Darunter wirds fürs bloße Auge dunkel. Da helfen Mikroskop und andere Hilfsmittel. Ein durchschnittliches Atom bringt es auf ein paar Billionstel eines Meters, erscheint also ungefähr ab der 10. Stelle hinter dem Komma meines Metermaßes. Dabei sind wir noch nicht im Innern des Atoms. Seine Bausteine, Protonen und Neutronen, sind aufgrund ihrer Wellennatur kaum mehr vermessbar. Grob gesagt liegen sie ungefähr 5 Zehnerpotenzen unterhalb des Atomdurchmessers. Also ab der 15. Stelle hinter dem Komma bezogen auf ein Meter. Die subatomaren Partikelchen wie die Myonen liegen entsprechend noch weiter hinter dem Komma. Die kleinste Länge in der Physik ist die Plancklänge, sie liegt bei schlappen 35 Stellen hinter dem Komma (pro Meter). Sie hat natürlich keiner gemessen, sie ergibt sich aus Naturkonstanten. Der bekannte Aktionsradius des Universums in Metern umfasst also cirka 35 Stellen hinter dem Komma plus etwa 20 Stellen vor dem Komma, macht grob 55-60 Zehnerpotenzen. Der gesamte uns zugängliche Kosmos lässt sich also 60 mal verschachtelt/konsekutiv - also jedes Zehntel wieder geteilt durch 10 - durch 10 teilen, bis man bei der Plancklänge strandet. Wer sich das noch vorstellen kann, möge sich melden.


    Bemerkenswert scheint mir, dass der Makrokosmos wesentlich überschaubarer ist, als der Mikrokosmos. Als Makrokosmos bezeichne ich die Längen ab 1 Meter, der das menschliche Maß repräsentiert. 1 Schritt sei näherungsweise 1 Meter. Dann benötigen wir 10 hoch 20 Schritte, um das Universum zu durchschreiten. Das ist eine Zahl mit 20 Stellen vor dem Komma. Hinter dem Komma verbirgt sich ein Raum von 10 hoch 35 Einheiten, um bei der kleinsten Länge, der Plancklänge, anzukommen. Was nichts anderes heisst, als dass der Mikrokosmos fast zwei Universen - ineinander verschachtelt, nicht nebeneinander - beherbergen könnte.


    Der Raum des bekannten Universums umfasst einen Würfel von ca. 10 hoch 20 mal 10 hoch 20 mal 10 hoch 20 Meter, das sind 10 hoch 60 Kubikmeter, eine Zahl mit 60 Stellen vor dem Komma.


    Der Raum eines einzigen Kubikmeters umfasst 10 hoch 35 mal 10 hoch 35 mal 10 hoch 35 Plancklängen, macht 10 hoch 105 Kubikplancklängen, eine Zahl mit 105 Stellen vor dem Komma.


    Von einem Meter bis zur Plancklänge hinab sind es 10 hoch 35 Schritte in Plancklängen. Einmal das ganze Universum abgeschritten sind 10 hoch 20 Meterschritte. Der Mikrokosmos ist also um 10 hoch 15 (eine Million Milliarden mal) öfter unterteilt, als der Makrokosmos in Metern. Wen da nicht schwindelt, dem kann ich auch nicht helfen.


    Der ganze bekannte Mikro- und Makrokosmos in Kubikplancklängen umfasst die lächerliche Zahl von 10 hoch 165, eine Zahl mit 165 Stellen (vor dem Komma; was aber belanglos ist, denn dahinter gibt es nix, weil die Plancklänge die kleinstmögliche Länge ist).


    Soviel zu den Größenverhältnissen im dreidimensionalen Raum. Dazu darf man sich jetzt in der Raumzeit noch die Zeit denken. Die Planckzeit beträgt übrigens ca. 10 hoch minus 44 Sekunden. Das sind 43 Nullen hinter dem Komma bis zur ersten Ziffer größer Null. Oder 1 geteilt durch eine Zahl mit 43 Stellen vor dem Komma.


    Mahlzeit. Wenn man mich jetzt fragt, wieviel Raumzeiteinheiten in Placklängen und Planckzeiten das ganze Universum hat, muß ich passen. Einfach den Raum von 10 hoch 165 Kubikplancklängen mit 10 hoch 44 Planckzeiten zu multiplizieren ist sicher falsch. Und höchstwahrscheinlich viel zu wenig. Die Gesamtmenge an kleinstmöglichen Raumzeitpartikeln dürfte ein Vielvielvielfaches davon sein. Und ich hab auch keine Ahnung, ob in der Raumzeit die Zukunft schon bekannt und enthalten ist. Und das ist immer noch nichts im Vergleich zu Unendlich. Weshalb der Begriff Unendlich eigentlich in der Physik nichts verloren hat. Aber man weiß ja nie, was den Quantenfuzzis noch einfällt.


    Mir fällt dazu jetzt nichts mehr ein.


    ***

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