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Thema: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

  1. #1
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    Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Nachdem ich heute meinen Kaffeesud nach Hinweisen auf den weiteren Verlauf der Coronakrise durchsucht habe, stelle ich zufrieden fest, dass das Ende eben dieser Krise nahe. Der charakteristische Pfeil nach rechts im Kaffeegries, ähnlich dem Piktogramm für das männliche Geschlecht, zeigt nach oben. Es geht aufwärts, verheisst er. Das Virus ist zwar noch nicht besiegt, einige Schlachten sind noch zu schlagen, der Krieg aber ist gewonnen. Das suggeriert der Blick in den Filter.


    So mental gewappnet, mache ich mich auf eine Expedition durch die aktuellen Meldungen zur Lage. Das RKI, sozusagen das Führerhauptquartier im Coronakrieg, meldet eine Inzidenz von 74. Ignorant ich, der nicht weiß, was diese Zahl genau bedeutet. Irgendwie hat sie mit der Anzahl der Neuinfektionen pro einer gewissen Einwohnerzahl zu tun. Sind es 100.000 oder eine Million? Egal. Weiter. Der Chef eben dieses Instituts erklärt, es sei zu früh für Lockerungen. In den Leserkommentaren gehen die Meinungen auseinander, wild durcheinander. Von Covid-Diktatur ist ebenso die Rede wie von einer fahrlässigen Laissez-faire-Politik der Regierung. Die einen fordern Öffnung aller Türen für alle, die anderen Quarantäne für das ganze Land. Dazwischen eine Melange von dies und das. Corona geht mir auf die Nerven. Ich will es nicht mehr hören, dieses Gegacker. Jeder Ahnungslose trägt seine Stimme bei zur Kakophonie des Covid-Panikorchesters.


    Gibt es ein Grundrecht auf Idiotie? Auf vorsätzliche Dummheit? Auf mutwillige Destruktivität im Meinungsaustausch? Diskurs heisst das heute. Pardon. Oder sind die meisten dieser Stimmen nur Ausdruck von unbedarfter, aber ehrlicher Besorgnis? Virologen, Epidemiologen, Psychologen, Pädagogen, Demagogen, Ökonomen, Ökologen, Astrologen und noch viele andere Logen und Nomen werfen ihre Meinungen, Analysen, Befunde und Prophezeihungen in die bunte Arena der Talk- und Printformate, der sozialen und asozialen Medien. Soziopathen und Paranoiker singen genauso mit im Chor der Kassandras, Pythien und Apokalyptiker, wie seriöse Wissenschafter, Meinungsmacher und Kommentatoren. Wer kennt sich noch aus? Wer soll das überblicken?


    Ich beschließe Netz- und Medienquarantäne für den Rest des Tages. Das ist gar nicht so einfach. Computer ausschalten. Handy? Offline. Radio? Nur mehr Musik. Besser ganz abschalten. Es wird ruhig um mich herum. Der Körper und sein motorisches Gedächtnis will einschalten. Alles. Licht, Herd, Radio, TV, Computer. Ich muß mich beherrschen. Gehe hinaus. Ins Freie. Handy vergessen. Gut so. Ich will ja abschalten. Wie das so ist mit dem Wollen. Die Gedanken jagen dahin wie eine Horde wilder Mustangs. Gehe hinauf zum Wald. Auf dem Weg dahin bläst mir ein eisiger Nordwind ins Gesicht. Die Nase friert zuerst. Ich beschleunige meine Schritte. Habe ich abgeschlossen? Der Schlüsselbund in meiner Anoraktasche legt das nahe. Kein Mensch weit und breit. Sonst sind hier um diese Zeit viele Leute unterwegs. Die meisten mit ihren Hunden. Die kacken die Wegränder und Feldraine voll. Die Hunde werden immer mehr. Früher hielten nur Bio-Österreicher Hunde. Inzwischen holen die Neo-Österreicher auf. Selbst Türken und andere Muslime halten neuerdings Hunde. Das gab's früher nicht. Ein Zeichen für Integration? Wie steht es um Katzen? Schwer zu sagen, weil die nicht Gassi geführt werden müssen. Die gehen selber raus. Oder bleiben gleich in der Wohnung. Ich erreiche den Waldrand. Der Kältestress durch den Wind nimmt ab. Im Wald ist es beinah windstill. Mir wird warm. Ich schlage den gleichen Weg ein wie immer. Warum wähle ich nicht mal einen anderen? Gleich mehrere Wege böten sich an. Ich bleibe auf dem gewohnten Pfad. Der Boden ist hart. Gefroren. Schnee liegt nur wenig. Von den Baumkronen rieseln Graupeln.


    Dieser Tage wäre Thomas Bernhard 90 Jahre alt geworden. Ein literarischer Weltankläger, ein gekränkter Dauerbeleidigter, dessen Gesuder und Geseier man auf den ersten Seiten amüsant findet, mit jeder weiteren Seite aber immer langweiliger und fader, bis man noch vor der Mitte den Text angewidert beiseite legt. Bernhard hat dem berechtigten Anliegen, dem österreichischen Alltagsfaschismus und der postnazionalen Amnesie die scheinheilige Maske von der Fratze zu reissen, einen Bärendienst erwiesen. Durch seine maßlose Übertreibungen, durch sein manisch-mantrisches Monologisieren, durch seine blindwütigen Anschuldigungen gegen alles und jeden, eine verletzte, gekränkte Seele, die sich offenbar durch aggressives Verfassen immer gleicher Anklageschriften Erleichterungen verschaffte. Schreibtherapie mit Anerkennung durch den Literaturbetrieb. Darin ähnelt er Handke, der auch durch Verachtung des Publikums Zustimmung findet und eine masochistische Lesegemeinde um sich schart. Es ist wohl ein Wesensmerkmal vieler zeitgenössischer Künstler, dass sie ihr Publikum verachten. Und je mehr sie es verachten und beschimpfen, umso mehr bewundert werden. Umso erfolgreicher sind. Das spricht weniger gegen die Künstler als gegen das Publikum, das offensichtlich zu blöd ist, diese Masche zu durchschauen. Oder zu verunsichert und entwurzelt, als dass es sich ein eigenes Urteil bilden kann. Und bloß nachbetet, was trendige und hippe Kritik ex cathedra und unfehlbar von den Kanzeln der Kunsttempel predigt, Bestsellerlisten und Auktionserlösen folgend. Kurswert statt Kunstwerk.


    Die Sonne scheint mir ins Gesicht, tiefstehend aus einem Wolkenfenster, von einem grauen, windzerzausten Himmel. Was vermeid ich denn die Wege, die die andern Wandrer geh'n? Der gute Wilhelm Müller. War der aus anderm Holz geschnitzt als unsere modernen, hochmütigen, selbstverliebten Kunstpharisäer? Mir scheint aus seinen Versen eine Liebe zum Menschen in seinem Leid hervor zu schauen, ein Mitgefühl mit den Blinden, Vermessenen, Vergessenen. Waren die Künstler seiner Zeit noch lauterer, ernsthafter, ehrlicher? Oder sind das auch bloß Zuschreibungen eines heutigen, desillusionierten, verbitterten und vergrämten Zappelphillips im Spinnennetz medialer Dauerbeschallung und Zwangsbeglückung? Nostalgie anstelle intellektueller Neuralgie?


    Die Sonne hat sich wieder hinter grauem Schleiergewölk verschanzt, der Wind ist stärker geworden, als ich den Wald verlasse und über eine kahle Anhöhe laufe. Ein paar Vögel, sorry, es sind Krähen, ich kann nichts dafür, es ist keine absichtliche Anspielung auf die Winterreise, ein paar schwarze Vögel lassen sich vom Wind treiben, krächzen ärgerlich und entfernen sich, kleiner werdende Punkte in einem Koordinatensystem aus Augenmetrik, Himmelsgeometrie und neuronalen Signalen. Was ist das alles? Illusion, Realität, Bewusstsein, Traum, Konstruktion, Chemie, Physik, Schwingung, Quantenfluktuation ... ?


    Ich komme mir vor wie eine Banane mit braunen Flecken, die achtlos in den Müll geworfen, sich ihrer Existenz auf einer Palme als heranwachsende Frucht, voll Kraft und Saft, erinnert. Woher, wohin? Wem kann ich trauen? Dem Gefühl, der Ratio, den Sinnen? Relativitätstheorie oder Quantenmechanik? Jehova oder Buddha? Paradies oder Nirvana? Ich entscheide mich für das Nichts. Nichts ist vollkommener als das Nichts. Aber das Nichts gibt es nicht. Nichts ist nichts. Weil da ist immer etwas. Ich verfluche das Etwas. Ich verfluche alles, was ist. Alles. Weil alles, was ist, unvollkommen, leidvoll, imperfekt, mangelhaft, fehlerhaft, verabscheuungswürdig ist. Nur das Nichts ist vollkommen. Aber das Nichts gibt es nicht. Kann es nicht geben. Weil es sonst nicht Nichts wäre. Scheisse. Ich verfluche die Welt, den Kosmos, das Universum, die Multiversen, Gott, Götter, die Physik, alles. Verflucht sind wir, in Ewigkeit Amen.


    (wird fortgesetzt. Vielleicht)

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Guten Abend Eulenspiegel,

    Das, was du hier beschreibst empfand ich im Herbst und Winter des letzten Jahres ähnlich. Ich habe diesen Medienzirkus fast gänzlich satt und meine Schlüsse daraus gezogen. Die Leute sagen oft zu mir, daß sie froh sind, daß ich da bin in diesen schwierigen Zeiten, in denen es scheinbar keine Konstanten mehr gibt und jederzeit neue Notstandsbestimmungen das Leben auf den Kopf stellen können. Ich habe darüber nachgedacht und muß zugeben die Antwort verwundert die Leute etwas, zumindest rechnen sie nicht damit; ich versuche sie auf sich selbst zu lenken und gebe ihnen zunächst einmal grundsätzlich zu verstehen, daß spätestens mit diesem nahezu kollektiv spürbaren Ohnmachtsgefühl die Leute zwangsläufig darüber nachdenken, sich langfristig von diesem Ungeheuer Staat unabhängig zu machen und ihr Leben autonom statt fremdgesteuert zu gestalten.

    Ich finde einige Fragen, die du hier stellst interessant und möchte die eine beantworten: Es gibt kein Recht auf Idiotie, es gibt ein Grundrecht auf Bildung, was aber als Zwang zur Idiotie gedeutet werden kann (jaja ich weiß Idiotie is ne Krankheit blabla).

    Gruß,
    saul

  3. #3
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Danke Saul für dein aktives Mitlesen. Das mit dem Recht auf Idiotie - das Wort Idiot bezeichnet ursprünglich einen Menschen, der sich nur um seine privaten, persönlichen Angelegenheit kümmert - hebe ich mir für später auf ....


    ***

    weiter im Text:




    Was ist lächerlich? Das, worüber man lacht, ich lache, das, was lustig ist, ein Witz, ein Kalauer, eine Situation, eine Schwäche, Komik oder Tragik, gar Tiefsinn, Schwermut, Depression? Alles kann lächerlich sein, es kommt auf die Umstände an, die Relation. Auch ein Suizid aus Angst, Hoffnungslosigkeit oder krankhafter Melancholie kann lächerlich sein. Ich muß nicht lachen können, um etwas lächerlich zu finden. Sonst müsste ich andauernd lachen über mich. Weil ich meine Existenz und meine Person absolut lächerlich finde. Mich für einen Witz halte, einen schlechten Witz. Betrachte ich mein Leben, meine Rolle in der Farce, die sich Lebenslauf nennt, dann muß ich eher weinen denn lachen. Nicht weil ich mich für überdurchschnittlich unfähig, gescheitert, dumm oder dämlich fände, nein, eher deshalb, weil ich mich und meine Verfasstheit ernst nehme. Der Ernst des Lebens ist das eigentlich Lächerliche. Wer nicht lachen kann, vor allem nicht über sich selbst lachen kann, der ist eine lächerliche Figur. Da dreht sich die Gedankenkette im Kreis, verheddert und verknäuelt sich. Was ich ernst nehme, befördert mich ins Reich des Lächerlichen. Worüber ich von Herzen lache, das hab ich überwunden. Kann ich über mich, eine Peinlichkeit, eine Blamage, eine gefühlte Niederlage lachen, stehe ich über der Situation, über mir. Aber das wird mir schon wieder zu verkopft, zu philosophisch. Wer sich täglich in diesem Unterholz aus Gefühlen, Beziehungen, Verstrickungen, Hoffnungen und Ängsten einen Weg schlagen, einen Platz finden muß, der ist nicht zu dieser Distanz von sich selbst fähig, die es braucht, um über sich und seine Emotionen zu lachen.


    Über sich Lachen können, ist Teil des Erhabenen. Das Bierernste ist das Lächerliche. Wenn ich keine Blamage, keine Niederlage, kein Scheitern scheue, bin ich frei. Wenn ich mich selbst ernst nehme, mache ich mich lächerlich, zur komischen, tragischen Figur. Selber schuld. Der Erfolgreiche, der hart und verbissen um seine Erfolge kämpft, ist eine tragische, komische Figur. Er kann nur über andere lachen, nicht über sich selbst. Der Loser, der es schafft, sein Scheitern zu belächeln, bekommt vielleicht eine Ahnung davon, was Freiheit bedeutet, wie sich Erhabenheit anfühlen könnte.


    Der Begriff des Erhabenen kommt mir inmitten meiner Alltäglichkeit lächerlich vor. Mein Alltags-Ich nimmt nur ernst, was handfest, habhaft, spürbar, furchterregend und lustvoll ist. Das Erhabene schwebt jenseits dieser Attribute. Es west im Unbedingten, nicht im Kausalen. Mann, geht es noch schwülstiger, pathetischer? Was will ich mir sagen? Im Grunde nur, du kannst nichts verlieren, ausser deinem Verstand, und das wäre nicht schlimm. Alles andere ist belanglos. Wovor fürchtest du dich, Menschlein? Verlierst du dein Gesicht, deinen Ruf, deine Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit, Seriosität, dein Hab und Gut, deine Gesundheit, dein Leben, so ist das vielleicht sehr unangenehm, aber nicht ernst. Es gehört zur Existenz, dass du am Ende nackt und tot da liegst. Dein Leben wurde dir geschenkt, ohne dass du danach gefragt hast. Wird es dir genommen, bist wieder bei Null, ist das Konto ausgeglichen. Das Erhabene berührt das nicht. Drum ist es vom Alltäglichen so weit entfernt, so unerreichbar.


    Ist das nun lächerlich oder tragisch, komisch oder ernst? Bin ich überhaupt in der Lage, Erhabenheit zu begreifen, zu erreichen? Solange ich in diesem verdammten Körper auf diesem verdammten Planeten krieche, sicher nicht. Das Erhabene ist mir ebenso unerreichbar wie die Andromedagalaxie. Ich bin nur armselig, eine Fliege, die im Spinnennetz zappelt. Ein Sisyphos, unfähig zum Ausbruch aus dem, was man Schicksal nennt.


    Oho, höre ich meinen inneren Besserwisser tadeln. Du kannst, wenn du willst. Du musst nur den inneren Schweinehund überwinden. Nur. Du musst, du sollst, du kannst, du, du, du .... Ja, so einfach ist das. Du musst nur wollen. Wollen müssen, wollen sollen. Erfolgsbücher gibt es mehr als Erfolgserlebnisse, Ratgeber zuhauf, höher als den Himalaya, Gurus mehr als Götter und Dumme mehr als Tränen im Ozean. Es ist alles eitel Wahn, Täuschung, Illusion, sagt die dekonstruktive Widerstandszelle in meinem präfontalen Cortex. Wem kann ich glauben, dem alltagsgewissen Praktiker, dem erfahrenen Lebenskünstler oder der entschleierten Maya, dem desillusionierten Nihilisten in mir?




    ***




    Ich vertage die Entscheidung und wende mich näherliegenden Fragen zu. Es ist Zeit für meinen täglichen Ausgang. Die Sonne wirft scharfe Schatten, steht schon merklich höher als noch vor wenigen Wochen. Der Frühling kündigt sich an, obwohl auch heute ein schneidend kalter Nordwind weht. Es ist ratsam, sich trotz aller Solarenergie warm anzuziehen. Also lege ich Schicht um Schicht Isolationsmaterial an, schlüpfe in Fuß- und Handschuhe, ziehe ein Stirnband über die Ohren, ziehe die Kapuze über das schneebedeckte Haupt und gehe nach draußen. Heute sind mehr Leute unterwegs als gestern. Von der Sonne angelockt, stecken sie ihre Nasen in die Atmosphäre, recken ihre Köpfe gen Himmel und staksen mit dickbesohlten, gefütterten Beinkleidern über gefrorne Wege. Der kalte Wind zwingt mich, den Kopf wie zum Gebet zu neigen und den Blick an den Boden zu heften. Noch ein paar Grad weniger und alle philosophischen Spiegelfechterein erübrigten sich. Noch ein paar Kilometer höhere Windgeschwindigkeit und alle spitzfindigen Haarspaltereien zerstiebten in der eisigen Trift. Unsere Intellektualität, unsere Zivilisiertheit, all unsere Konventionen und Tugenden gelten nur in einem engen Temperaturbereich, bei ausreichender Versorgung mit Luft, Wasser, Nahrung und Kleidung. Unsere vielen Gebote, Verbote, Gesetze und das ausgewogene Spiel von Rechten und Pflichten bedürfen der Befriedigung der basalen, biologischen Bedürfnisse. Ist mein körperliches Überleben bedroht, befinde ich mich in Lebensgefahr durch äußere Umstände, werde ich alle Zivilisiertheit ablegen, allen Altruismus verlieren und mich dem Recht des Stärkeren, dem uralten Gesetz des 'Friß oder stirb' unterwerfen. Zivilisiertheit ist eine dünne Schicht Patina, Humanismus reicht nur bis zum Kühlschrank, dem Heizkörper, dem vollen Supermarktregal. Darunter, dahinter lauert der Wolf in uns, der Selbsterhaltungstrieb ist der einzige Gott in uns, er regiert mich. Nächstenliebe ist ein Motto für wohlbestallte Professoren und Kuttenträger, der kategorische Imperativ ein Luxus für Satte. Was einem ein paar Minusgrade und 60 Kilometer Gegenwind alles lehren können. Ich komme mir lächerlich, nicht erhaben vor.

  4. #4
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Moral ist Sitte. Es ist nunmal so Sitte. Zum Beispiel, sich besser darzustellen, als man sich fühlt, sich sozial und altruistisch zu präsentieren, nicht negativ aufzufallen. Das gilt nicht nur den Mitmenschen gegenüber, auch mir selbst führe ich lieber den guten, mitfühlenden, hilfsbereiten und nächstenliebenden Menschen vor, als den eigennützigen, selbstsüchtigen, gierigen, niederträchtigen. In unserer Wettbewerbsgesellschaft sind wir immer in der Situation des Hungrigen am eröffneten Buffett. Wer da nicht seine Ellbogen einsetzt, wird mit leerem Teller überbleiben. Wer da den höflichen 'Bitte nach Ihnen'- Kavalier spielt, wird mit knurrendem Magen zu Bett gehen. Ach ja, Corona. Betreff Impfung. Europa, USA, Israel und andere potente Einkäufer ordern Milliarden Impfdosen, ärmere Länder stehen ganz hinten an und kriegen die ersten Ampullen erst dann, wenn bei uns jeder Willige zweimal gepiekst wurde. Und die Parias wie Iran oder Nordkorea gehen wohl bis auf weiteres leer aus. Ja, so ist das mit unseren Werten. Wir definieren sie selbst und heften sie uns selbst auf das Revers. Weil wir es uns wert sind. Und dazu noch das Gezeter, man hätte doch noch mehr Impfstoff ordern müssen, noch schneller bestellen, noch mehr bezahlen sollen. Ja, die Fettesten und Sattesten schaufeln am meisten auf ihre Teller am Buffett. Und haben dazu die Angst, zu verhungern. Lächerlich, komisch, tragisch? Erhaben sicher nicht.


    Ach ja, die Mutanten. Die noch ansteckenderen. Die noch gefährlicheren. St. Corona macht's möglich. Die südafrikanische Variante soeben in Neuseeland nachgewiesen. Die britische überall in der EU. Die brasilianische wo? Die noch unbekannten sind im Anmarsch. Wir müssen uns schützen! Wir sind es uns schuldig. Wir sind es uns wert. Wir, wir, wir. Wer sind wir und wenn ja, wer gehört dazu? Die Wertegemeinschaft ist eine geschlossene Gesellschaft. Wo nicht jeder Zutritt hat. Wo nicht jeder Mitglied werden kann. Die wertelosen müssen draussen bleiben. Oder sich zumindest erst beweisen. Nachweisen, dass sie unsere Werte inhaliert, inkorporiert, imprägniert haben. Weil wir unsere Werte schützen müssen. Vor Nachahmung, vor Entwertung. Es ist wie mit dem Geld. Das ja auch seinen Wert hat. Und nur behält, wenn es nicht unkontrolliert vermehrt wird. Eine Inflation der an der Wertegemeinschaft Teilhabenden führt notwendig zur Entwertung unserer Werte. Wenn schon die EZB die Märkte mit aus dem Nichts geschöpften Geld flutet, dann sollten wir das in Bezug auf unsere Ideale nicht nachahmen. Je mehr Ideale, desto weniger wert ist das einzelne Ideal. Und je mehr Idealisten, umso verschwommener das konkrete Ideal. Also Vorsicht! Das mit dem Idealismus ist überhaupt so eine Sache! Komm mir am besten gar nicht damit. Am Idealismus ist noch jede Gesellschaft zugrunde gegangen. Nichts ist verführerischer, verderblicher und gefährlicher als der Idealismus!


    Was hat der Idealismus nicht alles angerichtet auf dieser schönen Erde! Milliarden Kriegstote, Völkermord, Kreuzzüge, KZs, Arbeitslager, Flucht, Vertreibung, Scheiterhaufen, alles, was du willst. Idealismus ist absolut tödlich. Eine Krankheit gegen die es bis heute keine Impfung gibt. Sie ist die Kraft, die stets das Gute will und bloß das Böse hervorbringt. Eine tragische Figur, dieser Idealismus. Eine komische dazu. Nur keine erhabene. Das ganze Gegenteil. Ein absolut lächerliches Unterfangen. So gar nicht zum Lachen. Ernst und pathetisch. Apodiktisch und unfehlbar. So die Eigendefinition. Der Idealismus nimmt sich ernst, sehr ernst, todernst. Idealisten verstehen keinen Spaß. Haben keinen Humor. Das würde ihre Ideale beschädigen, meinen sie. Über Ideale macht man keine Witze. Ideale sind heilig. Unerreichbar. Eben Ideen. Von denen kein Sterblicher weiß, woher sie kommen, wo sie thronen, wer sie geschaffen. Nur eines weiß ich: noch jedes Ideal wurde instrumentalisiert, zurechtgeschnitzt, passend gemacht für die eigenen Wünsche und Begierden und am Ende gestürzt. Vom hohen Sockel. Durch den Dreck gezogen. Noch jeder Idealist hat seine Ideale verraten. Hat sich verkauft, korrumpiert. Schließlich wurde aus jedem Ideal in der Praxis das Gegenteil. Mensch ist eben nicht kompatibel mit Ideal. Passen nicht zusammen, Idealismus und Pragmatismus. So ist das mit uns und den Idealen. Die sind einfach zu hoch, zu weit weg, kommen nie herab aus ihrem Olymp in die Ebenen täglicher Mühsal, menschlicher Nöte. Umso mehr hängen die Menschen an ihnen. Umso mehr wollen sie ihnen dienen. Umso mehr sollen diese Ideale realisiert werden. Und das geht immer schief. Zwangsweise, notwendig, ausnahmslos.


    Idealisten sind gefährlich. Sind blind. Sind irrational unterwegs. Je mehr Idealismus, desto weniger Einsicht. Ja, aber, höre ich die Lordsiegelbewahrer des TÜV-geprüften Idealismus deutscher und europäischer Prägung mir widersprechen. Ein Idealismus, der sich der Aufklärung verpflichtet fühlt, auf dem Boden des Rechsstaats ruht und den kategorischen Imperativ als Generalschlüssel für alle Schrauben, an denen man im Alltag drehen kann, verwendet, ein solcher Idealismus ist gefeit vor Fanatismus, blindwütigem Eifer und Unfehlbarkeitsanspruch. Schön wär's. Geschichte und Alltagserfahrung lehren mich das Gegenteil. Die Aufklärung hat ihre erste bedeutende Gallionsfigur Napoleon nicht davor bewahrt, zum menschenverschlingenden Kriegsverbrecher zu werden. Die Aufklärung ist keine Therapie und bewahrt niemand davor, in ihrem Namen zum Narren oder Teufel zu werden. Die Aufklärung ist schon gar kein Heilmittel gegen Ignoranz, Irrationalismus und Fanatismus. Hitler, Stalin, Mao, drei höchst unterschiedliche Führerfiguren, drei der größten Massenmörder, haben jeder für sich in Anspruch genommen, aufklärerisch zu wirken. Hier kann einem die Aufklärung schon erbarmen. Weil sie sich ja nicht wehren kann gegen die Inanspruchnahme durch alles und jeden. Dem Idealismus geht es genauso. Auch er wird benutzt wie ein Universalöffner für alle möglichen Büchsen. Auch die der Pandora.


    ***

  5. #5
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Idealisten sind nicht gefährlicher als Realisten oder Pragmatiker. Gefährlich sind die Dogmatiker. Den kategorischen Imperativ hast Du, scheint's mir, nicht so recht verstanden. Er hat nur ein Problem, also derjenige, der ihn anwendet: Die meisten anderen machen schlichtweg nicht mit. Aber ist das ein Grund, auf ihn zu verzichten? Ja, sagt der Realist, weil doch dadurch Schaden angerichtet wird. Welcher Schaden wird durch eine Grundhaltung angerichtet, die keinen Schaden anrichten will? Ja, sagt der Realist, aber genau das passiert doch, wenn man keinen Schaden anrichten will, man richtet Schaden an. Nun ja, so gesehen ist jede Handlung schädlich.

  6. #6
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Was ist der Unterschied zwischen einem Idealisten und einem Dogmatiker? Beide berufen sich auf nicht beweisbare oder faktisch nicht verifizierbare Behauptungen. Der Eine auf Ideen/Urbilder, der andere auf angeblich unumstößliche Wahrheiten, die nur leider niemand nachweisen kann. Und der KI, ja dazu kommt noch was.


    ***


    Idealismus ist vorrangig ein deutsches Phänomen. Der Angelsachse bevorzugt den Pragmatismus, der Franzose den Chauvinismus, der Italiener das Chaos oder besser, die Improvisation. Der Idealismus kommt dem deutschen Wesen idealerweise entgegen, passt zu ihm wie ein perfekt sitzender Handschuh. Oder eher Kopfschmuck. Kann man Plato auch als Urheber und Gründer des Unternehmens betrachten, so waren es doch vor allem deutsche Denker und Dichter, die das Geschäft voran, zur Blüte und endlich in die Insolvenz führten. Die theologischen Köpfe mal ausgeklammert, war der erste Geschäftsführer der Idealismus AG vor allem Leibniz. Zu welch absurden Schlußfolgerungen er gelangte, ist schon erstaunlich. Ich sage nur Theodizee. Dabei war er ein exzellenter Mathematiker. Tja, selbst ein scharfer Verstand schützt nicht vor törichten Entgleisungen. Leibniz ist das beste Beispiel. Der nächste Fahnenträger der Ideen war Kant. Auch hier gilt, ein kluger Kopf bewahrt nicht vor irrationalen Verrenkungen und Verirrungen. Ich sage nur Kant und Religion, Kant und 'Vom ewigen Frieden'. Und munter weiter gings, den sprichwörtlichen Vogel, oder sollte ich besser Bock sagen, schoß allerdings Hegel ab. Er führte das Unternehmen zur Spitze und in den Bankrott. Auf ihn beriefen sich Marx und Engels, fasziniert vom Hegelschen trojanischen Pferd der Dialektik. Diese ist ja an sich ein Fortschritt im idealistischen Kopfkino. Weil sie das Prozesshafte der Welt begreift und damit eine neue Dynamik in die philosophische Denkmechanik einführt. Auch wenn der arme Hegel selbst nichts dafür kann, so wissen wir doch inzwischen, wohin der Marxismus endlich führte. Mensch ist offenbar dazu verdammt, immer das Beste zu wollen und dabei krachend zu scheitern.


    Ach ja, kategorischer Imperativ. Nochmal zurück. In seiner universalen Allgemeinheit tatsächlich nicht zu widerlegen. Ein ideales Werkzeug zur Lösung aller festklemmenden Schrauben. Eine Weltformel der Ethik, nach der die Physiker in der Natur bisher vergeblich suchen. Nur, und da liegt der Hund von Baskerville begraben, diese Allgemeinheit des KI macht ihn praktisch unbrauchbar. Weil er keine konkrete, im Alltag anwendbare Anweisung ist - wie z. B. die 10 Gebote - sondern eben eine algebraische Formel mit lauter Variablen, die unendlich viele Lösungen offeriert, ohne eine bestimmte Lösung zu bestimmen. x+y=z, einfach, allgemein, doch es gibt unendlich viele Lösungen. Praktisch eine Nullaussage. So wie der KI. Der wäre damit erledigt. Für Idealisten eine Ikone der Moral, ja die Antwort auf die Frage 'Was soll ich tun?' schlechthin. Eine Antwort ohne praktisch verwendbaren Inhalt jedoch. Schade. Wieder nix.


    Ein beliebiges Exempel zum KI sei hier stellvertretend angeführt. Ein praktisches, alltägliches, sehr divers diskutiertes. Steuern. Soll ich Steuern zahlen? Natürlich sagt mir mein Gewissen, sagt mein staatsbürgerliches Über-Ich. Wer soll sonst für ein funktionierendes Allgemeinwesen sorgen, für Schulsystem, Gesundheitssystem, Ordnung und Sicherheit, Wasser und Elektrizität, Straßen und öffentlichen Verkehr, wenn nicht der Steuerzahler? Im Sinne des KI gibt es da nur ein unbedingtes Ja. Das Aber folgt wie das Amen im Gebet. Wieviel Steuer soll ich zahlen? Was ist das rechte Maß, wer soll wieviel zahlen. Wofür soll ich Steuer zahlen? Der Fragen ist kein Ende. Bei deren Beantwortung hilft der KI immer weniger, je tiefer ich ins Detail gehe. Mit dem KI ist es wie mit seinem Abkürzungs-Zwilling künstliche Intelligenz, auch KI genannt. Es gibt sie nicht. Sie ist ein Marketing-Schmäh von publicitygeilen und subventionssüchtigen KI-Forschern. Sie ist ein Mythos, der noch nie annähernd gehalten hat, was er verspricht. Künstliche Intelligenz ist so wahrscheinlich wie die Jungfrauengeburt. Gar nicht. Ja, es gibt smarte Programme, clevere Software, für Menschen unvorstellbare Präzision von Robotik, Automatik und Kybernetik. Es gibt inzwischen Schachprogramme, die jeden Weltmeister schlagen. Es gibt Software, die im Dialog kaum von einem menschlichen Gesprächspartner unterscheidbar ist. Es gibt selbstlernende Systeme. Aber das ist alles keine künstliche Intelligenz. Es ist menschliche Intelligenz in Maschinen verpackt. Immer fehlerbehaftet, unvollkommen und vor allem: ohne Bewusstsein. Ja, ich weiß, viele Experten behaupten das Gegenteil. Bewusstsein entstünde wie von selbst, wenn ein System nur genügend komplex sei. Ich bin da altmodisch und skeptisch. Bewusstsein in einer Maschine halte ich für so wahrscheinlich, wie die Existenz Gottes. Und an den glauben Milliarden Menschen. Obwohl es ihn nicht gibt. Je weniger wir wissen können, desto verbissener wollen wir anscheinend glauben. Auch nicht grad ein Beleg für menschliche Intelligenz. Die allgemein überschätzt wird. Wer weiß, ob es sie überhaupt gibt? Wo wir nicht mal eine akzeptierte Definition dafür haben. Ich halte es da eher mit dem evolutionären Prinzip von Versuch und Irrtum. Das zu beachten, wäre schon intelligent genug. Nichtmal das schaffen wir. Wir lernen nicht aus unseren Fehlern, Katastrophen. Wie die Geschichte überzeugend beweist.

  7. #7
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    ***

    Und nochmal KI. Katholische Internate. Da hab ich Erfahrung. Anfang der 60-er Jahre. Dreieinhalb Jahre Vollinternat, also mit Schlafen im Heim. Vollpension sozusagen. Prügelpädagogik all inclusive. Gesellschaftlich akzeptiert. Religiöse Indoktrination. Ganz normal. Die Leute glauben das selbst, wovon sie delirieren. Ich hab einen Pater als Religionslehrer. Tja, wie soll ich ihn beschreiben? Es fehlen die passenden Worte. Schmierig, schleimig drängt sich auf. Immer lächelnd. Immer Kopf, Nacken, Wangen tätschelnd. Also nie unter der Gürtellinie. Nicht dass falsche Assoziationen entstehen. Sexuelle Übergriffe habe ich nicht erlebt und auch davon bei anderen nichts mitbekommen. Die nichtsexuellen reichen schon. Bambusstab für die Fingerrücken. Kniestöße in die Oberschenkel. Tun höllisch weh. Danach kannst du für Sekunden nicht mehr stehen. Sie heissen Pufferchecks. Keine Ahnung warum. Ach und der Haaransatz zwischen Schläfen und Ohren. Daran kann man sowas von ziehen! Du stehst schon auf den Zehenspitzen und noch immer zieht der Kerl von Präfekt. So heissen unsere Erzieher und Aufseher. Sämtlich junge Männer aus dem Verein. Marianisten nennen sie sich. Nach Maria, der unbefleckten Empfängnis. So nennen sie Sie. Ach ja, dann sind da noch Watschen. Was für welche! Gewaltige Watschen. Ohrfeigen wären eine grobe Verharmlosung. Und Stehen mit ausgestreckten Armen, meist mit einer Schultasche beschwert. Wenn die Arme nach unten sinken, gibt's schnell eins mit dem Bambusstab über die Fingerrücken. Hab ich was vergessen? Von Kopfnüssen, Schimpfkanonaden, Streichung der Freizeit, Schikanen aller Art, von Schrankaufräumen, Strafarbeiten bis zu Wochenendsperren (da darfst du Samstag/Sonntag nicht nach Hause) mal abgesehen. Da ist da noch das lange Register psychischer Misshandlungen. Beschämung vor der Gruppe, Drohungen, Einschüchterung, Streichung kleiner, aber für uns Zöglinge - so nennen sie uns - wichtiger und wertvoller Aufhellungen des tristen Alltags. Zimmerarrest, während die anderen im Hof Ball spielen. Kein Genuß von zu Hause mitgebrachten Süßigkeiten, Leckereien, Naschereien - die Sachen werden dir vom Präfekten abgenommen. Rapport beim Heimleiter, dem du dein Vergehen beichten musst. Meist verbunden mit einer weiteren Sanktion. So geht das dahin. In jedem Raum hängen Kreuze, zweimal die Woche Frühmesse um 7 Uhr, vor dem Frühstück. Jede Woche Beichten. Ach das Beichten. Der bereits erwähnte Pater ist gleichzeitig unser aller Beichtvater. Und er fragt jedes Mal, ob man Unkeuschheit getrieben habe. Ob allein oder mit anderen. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was er damit meint. Aber die Unkeuschheit ist fixer Bestandteil meines Sündenregisters. Auch Lügen, Ungehorsam und Bösartigkeiten wie Wut, Zorn, Neid oder Geiz werden dem gütigen Pater zum Sündenerlaß anvertraut. Jede Woche die gleiche Farce, dasselbe Ritual. Same procedure as every week. Nur dass es gar nicht lustig ist.


    Tja, dabei ging's mir noch gut. Ich habe Stories über Vorfälle in katholischen Internaten von Betroffenen gehört, die nur noch monströs, abartig, kriminell genannt werden können. Aber Kreuze hängen überall. Gebetet wird dreimal am Tag. Jeden 2. Tag Heilige Messe. Jede Woche Beichte. Die Sprache verseucht mit religiösen Floskeln, Gott in jedem zweiten Satz, Jesus und Maria sind die meistgebrauchten Worte. Gott sieht alles. Viel mehr als Big Brother. Jesus hört alles. Der Teufel lauert überall. Das Böse ist allgegenwärtig, lockt mich mit Annehmlichkeiten, mit allem, was mein Herz begehrt. Wir sind nichts als Sünder. Verdorben, nichtsnutz, immer mit einem Fuß in der Hölle. Jesus ist die einzige Hoffnung, allein die Rettung. Und zu ihm gelangt man nur über die Kirche und ihre Diener. Die Priester. Die Hirten. Sie allein weisen den Weg zur Erlösung. In den Himmel. Nur sie können uns die Sünden erlassen. Nur sie haben die Macht, uns von den Folgen unserer Verfehlungen zu befreien. Sie sind die Statthalter Gottes auf Erden.


    Es dauert Jahre, bis ich mich von dieser Gehirnwäsche erhole und davon befreie. Zwar besuche ich nach der Internatszeit keine Gottesdienste mehr, absolviere keine Beichte mehr und halte mich von Oblate, also dem Leib Christi fern. Doch die Verletzungen und Verätzungen durch die wiederholten Floskeln, Mantren, die vielen Predigten, Bußen und Strafen wollen noch lange nicht heilen. Das Gift wirkt lange nach. Die Verseuchung mit dem Gedankengut dieser kriminellen Vereinigung ist tief und nachhaltig. Ich brauche viele Jahre, bis ich begreife, dass die Qualität des Bodenpersonals eindeutig auf die Chefetage schließen lässt. Wenn Gott es toleriert, dass in seinem Namen und Auftrag Leute agieren, die ich nur als Irre oder Kriminelle bezeichnen kann, wenn Er es zulässt, dass sich eine globale, verbrecherische Vereinigung als alleinseligmachender Erlösungskonzern aufspielt und Generationen von Kindern und Erwachsenen foltert, indoktriniert und versklavt, dann ist Er auch nicht besser. Er und seine himmlischen Kohorten, Erzengel und die ganze unheilige Familie. Es dauert noch 30 Jahre bis ich diese mafiöse Vereinigung verlasse und aus der KK austrete. Eine der besten Entscheidungen meines ganzen Lebens. Es gibt kein richtiges Leben im falschen Verein. Und damit genug der Ehre für diese Obskuranten.

  8. #8
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    Schlagworte. Sie können eine Menge. Etwa einschlagen. Wie der Blitz, ein Meteorit oder eine Bombe. Jedes Land, das was auf sich hält, hält sich eine Kommission oder Jury, die das Wort und das Unwort des Jahres kürt. Was Wort, was Unwort, das entscheidet der politisch-gesellschaftliche Diskurs. Oder die Meinung der Befragten, Abstimmenden. Oder auch nur der Vorsitzende der Jury. Ich weiß es nicht, ist mir auch ziemlich wurscht. Im Jahr 2020 landeten in Deutschland Corona-Pandemie, Lockdown, Verschwörungserzählung (? ich höre immer nur V-theorie) auf den ersten Plätzen. In Österreich waren das Babyelefant (wer's nicht weiß, soll kugeln), Corona, verblümeln (letzteres abgeleitet aus dem Namen des Finanzministers Blümel, steht für beschönigen, für dumm verkaufen - im Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen gegen Blümel). Die Unwörter 2020 lauteten in Österreich: Coronaparty, social distancing, coronabedingt. In Deutschland waren das Coronadiktatur, Rückführungspatenschaften. Anscheinend werden da nur 2 Unwörter gekürt. Ich wüsste noch eines: Impfdosen. Oder Impfgegner. Oder Neuinfektionen. Es gibt zur Zeit so viele Wörter und Unwörter des Jahres, des Monats, des Tages, dass man mit dem Wörterzählen nicht mehr nachkommt. Aber ich war bei den Schlagworten. Sie können nicht nur einschlagen. Sie können auch erschlagen. Den Meinungsaustausch, die Diskussion. Da gibt es richtige Keulen von Wörtern. Totschläger. Ganz oben in den charts: Rassist, Querdenker, Antisemit, Fremdenfeind, rechtsextrem, identitär, faschistoid. Populist ist schon ein wenig abgenutzt. Rassismus ist so ziemlich das Ärgste, das dir im Moment umgehängt werden kann. Da bist du erledigt. Und Rassist bist du schnell. Bist du weiß, männlich und über 50, bist du automatisch in der Hochrisikogruppe. Ein unüberlegtes oder auch nur aktuell auf dem Antikorrektheitsindex stehendes Wort und das Attribut Rassist klebt an dir wie Pech. Pech gehabt. Warum bist du auch weiß, männlich und über 50? Selber schuld. Hättest eben bissl aufpassen müssen. Rechtzeitig vorsorgen. Man wird das nicht einfach so über Nacht.


    Die Leute, die mit dem Rassismus hausieren gehen, merken nicht, dass sie selbst Rassisten sind. Nun, das ist bei den meisten -isten so. Ausgenommen Polizisten, Publizisten, Humoristen. Ich? Ich doch nicht. Natürlich nicht. Ich bin doch Antirassist. Im Gegensatz zu den Rechten, den Nazis, den Coronaleugnern, den Querdenkern, den Impfgegnern, den Feminismusgegnern, den Fremdenfeinden, den ..... Antirassisten haben viele Schubladen, in die sie dich stecken, wenn du ihnen widersprichst. AwM (alter, weißer Mann), Boomer, Matscho, Klimaleugner, Wutbürger usw. Aber das ist natürlich kein Rassismus. Antirassisten haben eine lange Reihe von Urteilen, vorgefertigt - aber keine Vorurteile, niemals -, die sie über dich fällen, wenn du nicht ihrer Meinung bist. Antirassisten wissen einfach Bescheid. Sie unterscheiden haarscharf. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Sollst ruhig ersticken daran. Da verstehen sie keinen Spaß, die Antirassisten. Die verstehen überhaupt keinen Spaß. Die Guten. Spaß ist anscheinend nur was für verlorene, verdorbene Seelen. Humorlose Gesellen, diese Moralisten. Aber das hatten wir schon. Moral ist eine ernste Sache. Und immer, wenn es ernst wird, wird es gefährlich. Du kannst nicht zwei Herren dienen. Entweder, oder. Das Gute verträgt keine halben Sachen. Dem muß man sich ganz, mit Haut und Haar verschreiben. Das Gute verträgt keine Lauheit. Der Laue ist noch ärger als der Böse. Sagte schon Jesus. Wenn ich nicht irre. Und der muß es wissen. Weil er alles weiß. Wie sein Vater. Warum der keine Mutter? Keine Göttin? Warum sind die alle männlich? Vater, Sohn, der heilige Geist. Weiß Gott! Was für ein patriarchaler Himmelsclan. Überhaupt fast nur Männer da oben. Einzig Maria im Vorstand. Die Quotenfrau. Wobei, kein Vollweib, bloß Jungfrau. Darauf legen sie Wert. Die Männer oben und erst recht hier unten. Da ist überhaupt frauenfreie Zone. Beim alleinseligmachenden Erlösungsmonopolisten. Das Kardinalskollegium, ein Greisenparlament. Alte weiße Männer über 70. Die Bischöfe, der Praktikantenkader für die Kardinalswürde. Und dann die Priesterkaste. Die müssen sich zerreissen zwischen Zölibat und Hirtenamt. Müssen ihren Schäfchen Seelsorge leisten, dabei aber immer auf den körperlichen Abstand achten. Nach der Lehre. Das gelingt nicht immer. Weder bei den kleinen Buben noch bei den erwachsenen Frauen. Auch Priester sind nur Männer. Aber ich wollte dieser ehrenwerten Gemeinschaft eigentlich keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Amen.

  9. #9
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    Von der katholischen Kirche (katholisch = allumfassend, darunter machen sie's nicht) zum Islam. Dem politischen. Politischer Islam, auch so ein Schlagwort. Wie ein rechter Haken von Muhammad Ali. (Ach, den kennt doch keiner mehr). Politischer Islam. Islamismus. Wieder so ein -ismus. Fast so schlimm wie Rassismus. Wobei, akribische Apologeten der reinen Lehre unterscheiden hier subtil. Ein Rassist ist in der Stufenleiter des Bösen zweifellos einige Sprossen höher zu verorten. Weil, er ist weiß, männlich, also privilegiert und hätte theoretisch die Möglichkeit gehabt, sich nicht zum Rassisten zu entwickeln. Dem Islamisten gewähren die aufgeklärten Sittenwächter einen pauschalen moralischen Vorschuß, einen allgemeinen Ablaß antecessus quasi. Also wenigstens bis auf weiteres. Ist der Islamist unbelehrbar und Wiederholungstäter, dann wird mal nachgeguckt. Warum der so tickt. Und warum er nicht für eine Resozialisation im Sinne der politischen Richtigkeit zugänglich. Der Islamist an sich ist nämlich noch kein Fall für das Femegericht der politischen Korrektheit. Ich muß aufpassen. Vermintes Gebiet. Wer den Begriff politische Korrektheit benutzt, steht schon mit einem Bein im sumpfigen Brackwasser des rechten, rassistischen Ressentiments. Also Vorsicht. Aber zurück zum Islamismus. Haben manche Wächter der pK ein Problem mit traditionellen Formen abendländischer Gläubigkeit, des Brauchtums und überkommenen Sprachgebrauchs - meine Großmütter trugen tagaus, tagein Kopftuch, liefen bei jedem Glockenschlag in die Kirche, das Wort des Pfarrers war Gesetz, der Platz der Frau war in der Küche und in der Kirche links usw. - so haben dieselben Leute kein Problem mit gleichartigen Denkschablonen und Verhaltensweisen bei muslimischen Mitbürgern. (Hier wäre das -Innen angebracht, aber ich verkneif's mir). Also ob die mit anderem Maß zu messen wären. Oder sind sie gar mit mehr Nachsicht zu behandeln, weil sie ja nicht so aufgeklärt sein können, wie wir es sind? Oder sein könnten. Wir wollen ihnen doch nicht Rückständigkeit unterstellen. Das wär ja schon wieder rassistisch. Racial profiling. Man muß so aufpassen. Politische, und nicht nur die, Korrektheit ist wirklich ein Tanz auf dem Eise. Jederzeit kann es brechen oder man ausrutschen und auf die Schnauze fallen. Gegenüber unseren muslimischen Mitbürgern haben die oft grünrosa angehauchten Sittenwächter der pK eine Beißhemmung, die sie bei den angestammten, einheimischen, autochthonen nicht haben. Und schon habe ich das nächste Problem: wie bezeichne ich Mitbürger ohne Migrationshintergrund, also die Leute, deren Vorfahren seit mehreren Generation hier zu Hause waren??? Ohne dass ich Begriffe aus dem Blut-und-Boden-Milieu verwende, ohne dass ich nationale oder gar völkische Klischees bediene? Einheimische, Landsleute, Volkgenossen, Hiesige, Altösterreicher? Ich weiß es nicht. Vielleicht steht ja im neuen Duden die korrekte Bezeichnung für diesen schrumpfenden Bevölkerungsteil. Wo war ich? Ach ja, Beißhemmung. Nicht nur rechte, des Populismus oder gar mehr verdächtige Politiker - nee, vor allem sind es aufgeklärte, muslimische Neubürger, meist aus dem akademischen Milieu - beklagen die großzügigen Nachsichten und zugedrückten Augen, die dem Islam und seinen Spielarten bei uns zugebilligt werden. Was ja umgekehrt eher selten ist. Geh mal nach Saudi-Arabien, Ägypten oder gar Iran. Toleranz als Einbahnstraße politisch blinder Gutmenschen? Autsch. Das geht gar nicht. Wieder ausgerutscht. Gutmensch ist kontaminiert. Das Wort ist vergiftet. Aber wie soll man die wohlmeindenden, etwas naiven, ans Gute im vor allem Fremden glaubenden Mitmenschen nennen? Gutgläubige, Blauäugige, Philantropen, Humanisten, Christen? Ziemlich kompliziert die Geschichte. Weil so viele rote Linien, so viele Spielregeln, so viele Fallstricke, so viele Tabus, so viele Verbote und Gebote. Geht's nicht ein bissl einfacher?


    Es ist so eine Sache mit der Korrektheit, dem Antirassismus, der gendergerechten Sprache, dem Feminismus und verwandten Disziplinen. Du willst alles richtig machen, es allen recht machen und stolperst von einem Fettnäpfchen ins nächste, von einem Fehltritt zum andern. Wie sagt man jetzt zu Menschen nicht weißer Hautfarbe? Da gehen die Meinungen auseinander. Es gibt so viele Meinungen wie Farbstufen nicht weißer Haut. Wie nennt man Menschen, die sich weder als Mann, noch als Frau fühlen? Wieviele Diversitäten gibt es ? Der Duden ist dazu übergegangen, Berufe in maskulinem und femininem Genus gleichwertig zu behandeln. Ich gehe nicht zum Frisör, Bäcker, Arzt oder Buchhändler. Ich gehe zur Frisörin, wenn sie eine Frau ist. Was aber, wenn ich gar nicht weiß, ob der Buchhändler ein Mann oder eine Frau ist? Oder vielleicht weder noch? Ich kann doch nicht alles wissen! Und was macht der Duden mit den nicht mal vollständig bekannten Diversitäten? Da wird selbst der Duden scheitern! Also da haben die ein Faß aufgemacht, das sie nimmer zu kriegen. Ich alter, weißer Boomer - diese liebevolle Bezeichnung fällt natürlich nicht unter erweitertem Rassismus, die ist korrekt amtlich - beschließe, diesen Zirkus nicht mitzumachen. Auf die Gefahr hin, in irgendeine Schmuddelecke gestellt zu werden. Der Bäcker bleibt Bäcker, egal ob Männlein, Weiblein, divers oder pervers. Weil der Bäcker ist ein Beruf. Und es heisst ja auch der Beruf. Und darin steckt der Ruf. Beides männlichen, grammatischen Geschlechts. Mir reicht das.


    Und jetzt mal unter uns. Ich rede hier ja nur mit mir. Führe ein inneres Zwiegespräch. Ich red jetzt mal Tacheles, Klartext. Mir gehen all diese Gesinnungstaliban, Sittenwächter, Scheinheiligen, Oberempörten, Meinungssensoren und -zensoren, diese Hohepriester der Korrektheit, der Antidiskriminierung, die Antirassismusbeauftragen wie die Gendergendarmen, die Sprachpolizisten und Links-Rechts-Landvermesser, diese Missionare des Wahren und Guten gehen mir auf die Nerven, den Sack und die Nebennieren. Mir ist diese Dauerempörung von links, grün, rechts und braun gleichermaßen suspekt und widerlich. Mir reicht's. Soll dieser intellektuelle Veitstanz im Hühnerhof der Gerechten doch weiter gehen, bis sie alle tot umfallen. Mir egal. Ich halte es da mit Karl Valentin: 'Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.' Ich muß da nicht mitschnattern. Ich muß gar nichts. Fast. Ich versuche, mich ans Strafrecht zu halten. Niemand vorsätzlich zu schaden. Und mich nicht von der pandemischen Aufgeregtheit über selbsterfundene Probleme anstecken zu lassen. Wir hätten echte Probleme genug. Aber die schieben wir lieber vor uns her. Oder mogeln uns um sie herum. Bis sie uns umso heftiger einholen. Ich sag nur Bevölkerungswachstum, Ressourcenverbrauch, Erderwärmung, Artensterben, Regenwaldvernichtung usw. Doch wir arbeiten uns lieber ab an Gesinnungsschnüffelei, Verschwörungstheorien und Sprach- und Sprechkonventionen. Na denn, Weiter so!

  10. #10
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    So. Nochmal KI. Diesmal Klimawandel inklusive. Ich bin die Diskussionen leid. Ob und wie und was die Ursachen, ob anthropogen oder nicht, ob noch abzuwenden oder nicht, ob überhaupt oder gar nicht und so fort. Ich weiß es ja auch nicht. Klima ist halt irgendwie noch eine Nummer zu groß für uns. Selbst die Experten wissen nicht, rechnen mit Modellen und Wahrscheinlichkeiten. Aber, nach allem, was wir messen, beobachten, spüren, modellieren, auf der Erde, in der Luft, aus dem All, ändert sich das Klima Richtung wärmer. Die Folgen sind bereits mit unseren menschlichen Sinnen erkennbar: Gletscher schmelzen, die Polkappen fließen dahin, der Permafrost taut auf, Wetterextreme nehmen zu. Die letzten 6 Jahre waren die 6 wärmsten der Meßgeschichte. Das sind jetzt keine Beweise nach mathematischen Maßstäben, doch wenn wir die haben, dann ist es mit Sicherheit zu spät. Wir sind in der Lage eines Menschen, dessen Haus in Flammen steht. Statt zu löschen, versucht er noch seine Suppe fertig zu kochen. Wenn er zu lange wartet, wird er mitsamt seiner Suppe verbrennen. Wird er ringsum vom Feuer eingeschlossen sein. Es muß uns doch klar sein, dass wir den Ozeandampfer Klima nicht manövrieren können wie einen Kleinwagen. Im Moment steuern wir auf einen Eisberg zu, ohne zu wissen, wie weit der weg ist und ob wir noch ausweichen oder abbremsen können, um eine Kollision zu vermeiden. Dennoch schippern wir volldampf voraus auf unverändertem Kurs. Das ist so ziemlich das Dümmste, was wir machen können. Und ich bin immer noch im Zweifel, ob es einfach Ignoranz und Blödheit sind oder ein klammheimlicher Todestrieb, die uns sehenden Auges geradewegs ins Verderben stolpern lassen. Oder Schwarmdummheit. Ich beobachte ein Leben lang, dass das Einzelidividuum Mensch viel vernünftiger und Argumenten zugänglicher ist, als die Masse. In ihr löst sich das Urteilsvermögen des Einzelnen auf und verschwimmt in einer kollektiven Fühligkeit, einer Massenmeinung. Und es schwindet der Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Beim Klima ist es sogar noch absurder. Gebetsmühlenartig beteuern Regierungen, Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft, mehrheitlich Wähler und die Jugend for future, sich der Herausforderung zu stellen, alles zu tun, um die Katastrophe abzuwenden und überhaupt müsse ab jetzt alles anders und besser gemacht werden. Und alle Jahre wieder stellen wir fest: die Emissionen steigen weiter, so wie die Weltbevölkerung, der Konsum wächst weiter, Reisen, Fleischkonsum, Energieverbrauch, Ressourcenplünderung, Bodenversiegelung, Artensterben, alles steigt, wächst wie die Temperatur auf unserer schönen Erde. Kognitive Dissonanz, Dummheit, Blindheit oder einfach kollektiver Suizid?


    Mir könnte es ja fast egal sein. Ich hab mein Leben gelebt. Bis ich mich vom Acker mach, wird es noch irgendwie gehen. Meine Kinder und meine Enkel, unser aller Kinder und Enkel sind die Gefickten. Meine Generation fragte unsere Eltern, was sie im Dritten Reich gemacht. Warum sie nicht Widerstand geleistet hatten. Warum sie mitgelaufen waren. Wir entrüsteten uns über sie. Wir fühlten uns besser, moralisch überlegen. Mit uns wäre das nicht passiert. Und nun? Wenn die Klimaszenarien eintreffen, die am wahrscheinlichsten sind, wie stehen wir dann da? Heute ist es nicht das drohende KZ, das uns mitlaufen lässt. Heute ist es das Festhalten an Wohlstand, Konsum und Luxus. Heute ist es nicht die drohende Hinrichtung, die uns kuschen lässt. Heute ist es Angst vor Arbeitsplatzverlust oder sozialem Abstieg. Heute ist es nicht Sippenhaft, die uns gefügig macht. Heute ist es die Furcht vor mangelnder Anerkennung und Erfolglosigkeit, Likes versus shitstorm. Im Vergleich mit unseren Eltern liefern wir eine verdammt miese Vorstellung, ist unsere Performance unter aller Sau. Soviel zur Überlegenheit meiner Generation. In Grund und Boden müssten wir uns schämen. Wir haben es total verkackt. Da hilft auch kein E-Mobil und kein Verzicht auf Palmöl. Da hilft kein Mülltrennen und kein fair-trade-Siegel auf unseren Kaffeebohnen. Da könnte nur noch der Allmächtige helfen. Doch der hat sich schon lange davon gemacht. Aus dem Staub. Der Feigling. Na gut, überrascht mich jetzt nicht. Er ließ ja auch seinen eigenen Sohn im Stich.


    Klima und Corona. Ein ungleiches Paar. Gegen C gibt es eine Impfung, gegen K nicht. C wirkt schneller, beeinflusst unseren Alltag in Tagen und Wochen, K ist dagegen eine Schleiche, ändert sich merkbar nur in Jahrzehnten und Jahrhunderten. C stört unsere Lebensweise und Wirtschaftsläufte. Das geht gar nicht. K zerstört dagegen allmählich unsere Lebensgrundlagen. Da kann man lange wegsehen und sich abwenden. C rüttelt nicht am System, kann mit einer Maske und ein paar Verhaltensregeln eingedämmt werden. K stellt alles in Frage: unser Wirtschaftssystem, unsere Konsumgewohnheiten, unsere Lebensart. Und da tut es weh. Und da kommen wir zur Gretchenfrage: Mensch, wie hälst du es mit dem Konsum? Weniger? Geht nicht, sagen alle, die Ökonomen, die Unternehmer, die Konsumenten. Anders? Ja, dauert aber, sagen alle, die Ökonomen, die Unternehmer, die Konsumenten. Freiwilliger Verzicht? Funktioniert nicht. Wissen alle. Spezifische Verbote? Geht gar nicht! Bedroht die Freiheit, ist gegen die Grundrechte. Klimakonferenzen? Ja, schreien sie alle. Konferenzen, Pläne, Ziele - so schaffen wir das!


    Wie nennt man das, wenn man aus emotionaler Abwehr, aus Angst vor Verlust, aus Trägheit die Realität verdrängt? Und weiter macht, wie bisher, obwohl gerade das in die Katastrophe führt? Tragödie? Nein, denn dort kämpft der Held - zwar vergeblich, aber immerhin - gegen seinen Untergang. Schicksal? Nein, ausser wir könnten nicht anders handeln. Was dann? Für mich ist das idiotisch. Kollektive, suizidale Idiotie.


    ***

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