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Thema: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

  1. #51
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    "Das Schachspiel ist wie ein See in dem eine Mücke baden und ein Elefant ertrinken kann." (Indisches Sprichwort)

    Anmerkung: Die 50-Züge-Regel trat aber nur in Kraft, wenn ein Spieler ein Remis beantragte. So hat der Schachverband 2014 beschlossen, dass der Schiri nach 75 Zügen ohne Schlagen oder Bauernzug eine Partie unentschieden zu werten hat. Vorher war bei Spielern, die kein remis reklamierten, nur die begrenzte Lebenszeit eine Versicherung gegen ewige Partien. (Bei Spielen mit Zeitgutschrift pro ausgeführten Zug)

    Ansonsten: Die Spieler sind zu fleißig im Eröffnungsstudium. Keiner kann mehr was Überrascherndes auspacken und so enden die Partien zwischen Spitzenschachspielern frustrierend häufig remis. Abhilfe kann da beispielsweise eine Verkürzung der Bedenkzeit bringen. Im Kurz- und Blitzschach können auch Opferwendungen, die bei normaler Bedenkzeit pariert werden könnten, zum Erfolg führen. Oder neue Varianten wie die Armageddon-Partie.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Armageddon-Partie

  2. #52
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Danke für deinen Hinweis. Die 50/75-Züge Regel hat eh fast nur theoretische Bedeutung. Spitzenspieler lassen es nicht so weit kommen. Darüber hinaus gibt es noch die 3-malige Stellungswiederholung, auch da kann einer der Spieler remis beantragen. Zusätzlich gibt es eine unübersichtliche Zahl von Regeln zu Bedenkzeiten, die ich aber nicht weiter anführen wollte. Eine Partie, in der die Spieler immer die gleichen Züge wiederholen, ist ja praktisch zu Ende, weil keine Siegeschance mehr vorhanden ist oder weil kein Siegeswille bei beiden vorhanden. Das ist praktisch auch remis.

  3. #53
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    ***


    DD. Digitale - nicht Dörfer - Diktatur. Wie komm ich darauf? Als digitalem Alien und nicht Native, wird mir dieser ganze Komplex Digitalisierung - ein verharmlosender und vor allem technisch-neutraler Inbegriff für soziale, wirtschaftliche und politische Umwälzungen - immer unheimlicher. Was da auf uns und unsere Kindergeneration zukommt, haben wir noch nicht mal im Ansatz realisiert. Auf allen Ebenen und in allen Lebensbereichen greift die digitale Datenkrake zu und ihr Hunger scheint unstillbar. Für immer mehr selbstverständliche und alltägliche Tätigkeiten benötigst du heute schon eine digitale Zugangsberechtigung. Ob das Bezahlen mit Karte an der Supermarktkassa, der Tankstelle oder im Internet, ob die Behandlung beim Arzt, der Zutritt zum Bankfoyer oder das Bezahlen des Bahnfahrscheins - heisst ja Ticket, sorry - am Ticketautomaten und und und, überall brauch ich eine Karte. Eine Karte mit Daten über mich. Über die Stationen, an denen ich meine Karte vorweisen muß, kannst du ein lückenloses Bewegungsprofil meiner Person erstellen. Über das Handy, das ich ohnehin fast überall mitführe, sowieso. Da haben wir noch gar nicht über meine Finger- und Fußabdrücke im Netz, dem Datennetz, dem Internetz geredet. Was ich da an Spuren hinterlasse, allein durch das 'Surfen', ohne dass ich irgendeinen Marktplatz, Forum oder ein Shop aufsuche, wo ich mich identifizieren muß, das übersteigt jedes Vorstellungsvermögen.


    Allein was jeder von uns, der ein Smartphone mit Internetzugang besitzt - und das ist heute schon eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung -, an Fingerabdrücken im Netz hinterlässt, die eifrig gesammelt werden, lässt sich kaum mehr verfolgen. Der jeweilige Nutzer kann das am wenigsten. Die meisten scheint es auch nicht zu interessieren oder zu bekümmern. Ich alter Idiot verwende mein Mobiltelefon nur zum Telefonieren und Verschicken von SMS. Ich hab kein Google und auch sonst kein account und mein Internetzugang am Handy ist deaktiviert. Dafür werde ich von Familie und Freunden gescholten, weil ich mich den verschiedenen Diensten, die jeder kennt und nutzt, verschließe. Man kann mir Fotos oder Dokumente nur per email schicken. Wie unpraktisch. Man kann mit mir nur akustisch, nicht optisch am Handy kommunizieren. Wie altmodisch, wie hinterwäldlerisch. Ich surfe nicht, wenn ich unterwegs bin. Weder in der Bahn, unter der Dusche oder im Bett und erst recht nicht beim Wandern. Wie uncool. Wie isolated und unconnected. Alter Depp eben.


    Aber darum geht es hier gar nicht. Was naive Gemüter in *sozialen* Medien alles von sich geben und zeigen, interessiert mich nicht. Das hat seine soziologische Dimension, die mir erstmal gleichgültig ist. Mir geht es mehr um die analogen, realen Abhängigkeiten, die durch die - ich nenne es mal breitbeinig Digitalisierung - geschaffen werden. Die sind nämlich nachhaltiger als die Energiewende und tiefgreifender als ein Ehebündnis. Das kann man lösen. Die Fesseln der Digitalisierung nicht. Ich zähl mal ein paar davon auf: Plastikgeld, digitale Services statt analoger Erledigung von immer mehr amtlichen und privaten Geschäften, Zugang zum Gesundheitssystem, Recruiting und Personalmanagement, Datenschutz vs. gläserner Bürger usw. Die Wirtschaft kennt dabei nur ein Ziel: den totalen Konsum, den total digitalen Konsum. Die Politik hechelt hinterher, die Bürokratie reibt sich die noch immer tintenblauen, tonerschwarzen Händchen und digitalisiert den Bürger, auf dass er immer durchsichtiger werde. Der totale Konsument und der total transparente Bürger, das sind die beiden Koordinaten zwischen denen wir zerissen werden. Und wir? Wir finden das alles erstmal unheimlich geil, praktisch, bequem, cool. Kein lästiges Bargeld mehr in der Börse, keine Münzensammlungen mehr in den ausgebeulten Taschen, keine Wartezeiten mehr auf Ämtern und Behörden in muffigen, heißen Wartezimmern, kein Papierchaos mehr bei Steuererklärungen und Anträgen auf Anträge, bequemes Shoppen aus dem Lehnsessel statt Herumgehampel in überfüllten Kaufhäusern nach entnervender Parkplatzsuche, Lieferung des Mülls an die Haustür statt Kampf mit zu kleinem Kofferraum und Hochschleppen des Krempels, weil der Aufzug zu eng ...


    Sehr bequem, keine Frage. Barrierefrei und mühelos. Barrierefrei? Nur für den, der einige Voraussetzungen erfüllt: ein ausreichend gedecktes Girokonto, eine akzeptierte Kreditkarte, einen Internetzzugang, eine Unzahl von Kundenkonten, die geforderte Kreditwürdigkeit und manch anderes mehr. Wie und wo die Pay-services deine Kreditwürdigkeit prüfen, bleibt dir verborgen. Bist du mal auf der roten Liste, kommst du so leicht nicht mehr runter. Dann bleibt dir die überbordende Warenwelt des Wundernetzes verschlossen. Dann heisst es wieder einkaufen gehen, Schlange stehen, sofern du noch ein Shop findest, das Bargeld annimmt. Das Gleiche gilt zunehmend für Ämter und Behörden. Das nächste analoge Finanzamt befindet sich in 50 km Entfernung. Da musst du ohne Auto und Öffianschluß erstmal hinkommen. Um festzustellen, dass Papierformulare abgeschafft, Anträge nurmehr digital angenommen werden. Und Parteienverkehr, wie es hierzulande in schöner k. u. k. Tradition heisst, eingespart und durch eine hotline ersetzt wurde. Da stehst du nun, du analoger Tor, vor verschlossener Tür.


    Barrierefreiheit ist in der digitalen Welt kein Thema. Im Gegenteil, unter dem Vorwand der Sicherheit und sicher berechtigter Sorge vor Betrug und Missbrauch, wird immer mehr verschlüsselt, mit Passwörtern, Signaturen und biometrischen Verfahren zu Indentitätsfeststellung der Person gearbeitet. Hast du kein Handy, nicht die richtige App, nicht die geforderte Signatur und bist du nicht registriert, freigeschaltet oder identifiziert, bleibst du draussen. Kannst du kein Geld abheben, keine Überweisung tätigen, nicht bargeldlos bezahlen, kommst nicht an die benötigte Auskunft, Information oder Dienstleistung, kannst nichtmal betteln, weil dir ein Smartphone, ein Vertrag dafür, ein persönliches Spendenkonto und die notwendige App fehlen. Also heisst es Mülltonnen durchstöbern und Naturalien erbetteln. Übertrieben, paranoid? Nö, nur logisch und konsequent.


    Also bitte, wenn das Volk es so haben will, mir soll's recht sein. Ich bin alt genug, mich noch ein paar Jahre analog durchzumogeln. Nur fürchte ich, der Zug Richtung totaler Digitalisierung ist kein bewusst und freiwillig bestiegener. Die Jungen sind berauscht und dizzy von dem digitalen Fummel, der sie überall anspringt. Die Versuchung, sich die Welt, Luxus oder Anerkennung mit ein paar Handbewegungen herbei zu wischen, ist natürlich grad für Jugendliche unwiderstehlich. Doch auch die Älteren und Alten benutzen die Klick-, Wisch-und-Tippwerkzeuge wie die Magier früher den Zauberstab. Geht doch alles so easy und macht Spaß. Der Kick des Klicks erfasst alle Altersgruppen. Die Schattenseiten bleiben oft ungesehen, im Dunkel. Wer will sich schon vorstellen, was da alles im Hintergrund erfasst, getrackt, gecheckt, gespeichert, analysiert und algorithmisiert wird? Und selbst wenn er wollte, er könnte es nicht. Jeder Besuch einer Seite wird vielfach registriert, jede Suchanfrage wird analysiert. Allein die Zusammenstellung meiner Suchbegriffe sagt mehr über mich aus, als ein handgeschriebener Lebenslauf. Das Profil meiner Internetnutzung enthält mehr Information über mich, als jede Psychoanalyse. Kann mir schon egal sein. Doch was, wenn diese Information künftig für Zwecke verwendet wird, die meine Grundrechte beschädigen? Übertriebene Angst, Verfolgungswahn? Mal sehen. Das Netz vergisst nichts. Jeder Klick, jede Eingabe, jeder Besuch einer Seite bleibt für immer gespeichert. Alles, was du gelöscht hast, bleibt erhalten. Du findest es nur nicht mehr. Andere schon.


    Was, wenn mein digitaler Fußabdruck, der alle meine verfolgbaren Aktivitäten im Netz enthält, bei der Jobsuche, bei der Versicherung von Risiken, bei der Bewertung meiner Gesundheit, meiner Kreditwürdigkeit, meiner Einschätzung als Sicherheitsrisiko, als Anhänger einer politischen, weltanschaulichen oder religiösen Gruppierung herangezogen wird? Vielfach geschieht das bereits, ohne dass die Betroffenen davon eine Ahnung haben. Was, wenn künftig immer mehr Künstliche Intelligenz eingesetzt wird, um mich zu taxieren, zu bewerten oder als Risiko jedweder Art einzuschätzen? Eine Versicherung in den USA lässt die Schadensmeldungen von Kunden bereits jetzt ausschließlich durch KI analysieren. Diese entscheidet auch über allfällige Versicherungsleistungen und deren Höhe. KI oder AI wird auch zunehmend im Gesundheitswesen eingesetzt und der digitale Arzt, Diagnose und Therapie werden künftig immer häufiger durch KI-Systeme erstellt werden. Dass dabei jedes Mal ein menschlicher Experte die letzte Entscheidung fällt, darauf würde ich keinen Cent wetten. Und es ist ja nicht so, dass der Einsatz von Expertensystemen und KI grundsätzlich risikobehafteter, fehleranfälliger oder qualitativ bedenklicher wäre. Im Gegenteil, eine Maschine macht keine Flüchtigkeitsfehler, übersieht nix, kennt kein menschliches Versagen, keine Irrtümer. Wenn das System funktioniert, funktioniert es immer gleich. Nur ist eben kein System fehlerfrei. Fehler, die dem System inhärent sind, die beim Design und Test bislang übersehen wurden, Fälle, die nie überprüft wurden, sind unvermeidlich. Jedes Programm, jede Maschine enthält solche systematischen Fehler, die erst dann erkannt werden, wenn sie das erste Mal im Einsatz auftreten. Je komplexer ein System ist, desto mehr solcher unerkannten bugs wird es beinhalten.


    Was das mit digitaler Diktatur zu tun hat? Es hat mit Abhängigkeit zu tun. Wir schlittern immer mehr in persönliche, gesellschaftliche, wirtschaftliche, nationale und internationale Abhängigkeiten hinein, von denen uns die wenigsten überhaupt bewusst sind. Fast alles an Daten, Sicherheit, Organisation, Verwaltung, Versorgung etc. wird heute ins Netz ausgelagert. Und ist dort vielfältigen Angriffen ausgesetzt. Allein die Elektrizitätswirtschaft ist heute völlig von einem international verfügbaren und funktionierenden Internet abhängig. Ein überregionaler Blackout ist keine Frage des Ob mehr, sondern nur eine des Wann. Sage nicht ich, sondern einige Experten. Wem ist schon klar, was dann alles futsch ist, weg, nicht mehr verfügbar, und zwar längerfristig, also Tage oder Wochen: Elektrizität, ja, aber damit kein Licht, keine Kühlung, keine Heizung, kein Herd, kein Handynetz, kein Benzin (Tankstellen tot), kein Wasser aus der Leitung, kein Internet, kein Bezahlen mit Karten, kein Abheben von Bargeld, kein öffentlicher Verkehr usw.


    Horrorvisionen, Paranoia, Verschwörungstheorien? Keine Ahnung, nur würd ich mich nicht auf das Bauchgefühl verlassen, das könne eh nie passieren und DIE - wer immer das sei - wüssten schon, was zu tun sei. Dadurch, dass immer mehr Funktionalität, Sicherheit und Betriebsmittel ins Netz ausgelagert werden, kann ein solcher Blackout weitreichender, nachhaltiger und schwerer reparierbar sein, als wenn ein Trupp Monteure mit Zangen, Zwingen, Schraubern, Schlüsseln und Meßgeräten genügt, um im nächsten Umspannwerk nach dem Rechten zu sehen. Und die Sache ist erledigt.


    Digitale Diktatur? Keine Diktatur im herkömmlichen Sinn mit bösem Diktator, finsteren Kerkerkellern und Folterkammern. Dafür ein weltumspannendes Myzel von Datenfallen, fire-walls, Zugangskontrollen, Trackern, Überwachungssoftware, Algorithmen, die jeden deiner Klicks und Wischer registrieren, analysieren. Im praktischen Leben kommst du nur noch zu Waren und Dienstleistungen mit entsprechenden Konten, Guthaben, Registrierungen, Passwörtern, Signaturen, biometrischen Fingerabdrücken, Gesichtskontrollen, Profilen. Fällst du durch die Maschen des Netzes, bist du draussen. Buchstäblich. Du kriegst nichtmal einen Mietvertrag ohne das ganze digitale Brimborium. Nichtmal eine Wurstsemmel kannst du dir ohne Chipkarte mehr kaufen. Du bist der digitale Untertan, Sklave. Gefangen im Netz. Finanziell, sozial, total.


    ***

  4. #54
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Zitat eulenspiegel

    Ich alter Idiot verwende mein Mobiltelefon nur zum Telefonieren und Verschicken von SMS. Ich hab kein Google und auch sonst kein account und mein Internetzugang am Handy ist deaktiviert. Dafür werde ich von Familie und Freunden gescholten, weil ich mich den verschiedenen Diensten, die jeder kennt und nutzt, verschließe. Man kann mir Fotos oder Dokumente nur per email schicken. Wie unpraktisch. Man kann mit mir nur akustisch, nicht optisch am Handy kommunizieren
    Damit stehst Du nicht alleine, ich handhabe das ebenso - und viele andere auch.

    Dabei war ich mal genau das Gegenteil...in Sachen Digitalisierung einer der Vorreiter im Lande. Heute genieße ich mein Exil in einer freiwillig gewählten analogen Welt. Und ich habe nicht das Gefühl, dass ich dabei etwas verpasse.
    Es hat auch Nachteile, das ist nicht von der Hand zu weisen. Man gerät in Vergessenheit, weil man gar nicht existiert, sozusagen unauffindbar ist.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  5. #55
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Es hat auch Nachteile, das ist nicht von der Hand zu weisen. Man gerät in Vergessenheit, weil man gar nicht existiert, sozusagen unauffindbar ist.
    Möglichst wenig Fußabdrücke im Netz zu hinterlassen, kann gar nicht von Nachteil sein.

    Für räumlich entfernte Leute gibt es ja noch die offlineigen Kommunikationskanäle wie Sprachtelefonie, email, SMS oder sogar die Bahn für den Besuch! Ist ja jetzt wieder ohne Coroanbehinderung möglich ...

  6. #56
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Eulenspiegel schrieb:
    Möglichst wenig Fußabdrücke im Netz zu hinterlassen, kann gar nicht von Nachteil sein.
    Es sei denn, beim NSA oder BKA gibt es eine Abteilung, die sich mit diesen Leisetretern befasst; in der Annahme, dass wer so sparsam auftritt, sicher Leichen im Keller hat.

  7. #57
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Ich lade die gerne in meinen Keller ein ... :)

  8. #58
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    DD die zweite. Nehmen wir mal an, Bargeld ist weitgehend funktionslos oder gar abgeschafft. Die Banken und die EU arbeiten dran. Die meisten Geschäfte akzeptieren nur noch bargeldlose Zahlung. Auch Taxis, Bahn, Busse, Trams und Rikschas nehmen keine klingende Münze und Scheine mehr an. Es sei denn ein fettes Trinkgeld. Aber auch da wird bargeldlos über Spezial-App bevorzugt. Einkommen aller Art von Lohn und Gehalt bis zu Renten, Pensionen, Unterstützungsleistungen von A bis Z werden ausnahmslos nur noch bargeldlos ausgezahlt. Ein Mensch ohne Konto, zugehöriger Kontokarte, die als Zahlkarte, egal ob mit 'credit-' oder 'debit-Funktion', benutzt wird, ohne Handy mit diversen Zahlungs-Apps, ohne mobiles Internet, so ein Mensch ist nicht nur von jedem wirtschaftlichen Handeln ausgeschlossen, er kann keine Sozialleistungen mehr empfangen, hat kein Einkommen, kann sich nicht mal mehr die Dinge des täglichen Bedarf kaufen. Betteln geht auch nicht mehr, weil niemand mehr Münzen oder Scheine bei sich hat. Der Mensch müsste verhungern, verdursten, erfrieren oder stehlen und einbrechen gehen.


    Die erste Forderung in einer bargeldlosen Gesellschaft wäre also das Menschenrecht auf ein kostenloses Girokonto samt zugehöriger Zahlkarte, die von jedem Händler und Dienstleister akzeptiert werden muß. Und das schau ich mir erstmal an. Ob die Politik die Banken und Händler dazu verdonnern wird (können). Wahrscheinlich gibt es auch die eine oder andere Fußangel im GG oder der Verfassung. De facto wird dennoch das Bargeld abgeschafft werden. Dann warte ich nur auf die ersten Schlagzeilen: Mann verhungert - er hatte kein Konto,kein Handy, kein Plastikgeld; Frau stirbt allein und verlassen - ihr Handy-Akku war leer. So oder so ähnlich.


    Das Nächste wäre ein kostenloser Mobilfunkvertrag samt Smartphone, SIM-Karte und mobilem Internet. Das möcht ich sehen, wer das durchsetzt. Aber ohne Handy mit Internet bist du praktisch von all den Millionen Apps, die es dann geben wird und ohne die gar nichts geht, ausgeschlossen und damit auch von jeglicher Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Vom täglichen Einkauf bis zur Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen. Alle Türen sind dir verschlossen. Du bist buchstäblich ein nowhere-man, eine nowhere-woman. Nichtmal eine öffentliche Toilette wirst du mehr aufsuchen können. Ich kann und will mir gar nicht ausmalen, was künftig alles nur mehr mittels Smartphone, Apps und unzähligen Signaturen zugänglich sein wird. Ohne dieses equipment bist du sozial und wirtschaftlich garnicht mehr existent.


    Was machen dann kleine Kinder und alte Leute? Kids ab dem Volksschulalter sind sowieso schon digital natives, voll auf Welle und stets online. Die Vorschulkinder brauchen halt Eltern. So wie heute auch. Und die Alten? Die brauchen wohl zusätzlich einen Digitalisierungsbetreuer zum Pflegedienst und dem Sachwalter ihrer finanziellen Angelegenheiten.


    Das sind nur ein paar grobe, unvollständige Konsequenzen, die eine Digitalisierung mit sich bringt. Ein ganzer Zopf von Rattenschwänzen an weiteren Folgen fehlt hier und wird sich auch erst nach und nach herausstellen. Doch eines ist klar: eine mehr und mehr durchdigitalisierte Welt braucht auch den kostenlosen Zugang zu ebendieser für all jene, die sich Konto, Smartphone, Internet, Kreditkarten etc. nicht leisten können oder auf Grund ihres Alters oder anderer Barrieren Hilfe und Beistand benötigen. Denn ohne Zutritt in die digitale Welt wirst du nicht mehr überleben können.


    Apropos Überleben. Die Gesundheitsdienste, die ärztliche Versorgung und alles, was damit zusammenhängt, wird sich voll ins Netz verlagern. Von deiner Krankenakte, die sämtliche zu deiner Person erfasste Gesundheitsdaten enthält, über den Fitness-tracker an deinem Handgelenk bis zur Kontrolle deiner Lebensgewohnheiten wird alles aufgezeichnet, erfasst, gespeichert. Das wirkt sich natürlich auf vieles aus: die Höhe deiner gesetzlichen wie privaten Krankenversicherungsbeiträge, deine Fahrerlaubnis, deine Anstellung und Bezahlung - Stichwort Leistungsfähigkeit, auf 'Einladungen' zu Gesundheits-Checks - deren Ablehnung natürlich Folgen hat, auf deine Vorsorgeleistungen für Alter und Pflege, auf die Zulassung zu bestimmten Berufen, Teilnahme an Veranstaltungen - vom Volkslauf bis zum Besuch eines Fußballstadions usw. usw. Ich kann mir gar nicht ausmalen, was da alles gecheckt, überprüft, gesperrt, zugelassen, erzwungen, abgelehnt, dir auferlegt werden wird. Glaube keiner, das wäre übertrieben. Vieles wird sich schleichend wie von selbst ergeben, Anderes wird verordnet, oktroyiert, erzwungen werden. Die Covidpandemie war ein kleiner Vorgeschmack, was alles geht. Wer da nicht mitspielt, wird isoliert, unter physische, soziale, finanzielle Quarantäne gestellt. Unter breiter Zustimmung und Duldung der Mehrheit. George Orwell konnte sich das alles nichtmal in seinen kühnsten Alpträumen vorstellen. Und auch wir werden uns noch wundern.


    Noch was? Naja, so Kleinigkeiten wie lebenslange Speicherung aller Daten zu deiner Lebensführung, deinen Gewohnheiten, deinen Vorstrafen, Gesetzesübertretungen, Auffälligkeiten, physischen und psychischen Problemen, politischen, weltanschaulichen, sexuellen Präferenzen, Netzaktivitäten, Konsumgewohnheiten und und und. Reicht das? Kein Mensch kann heute sagen, wie sich die Digitalisierung konkretisieren wird. Niemand weiß, wie unterschiedlich Staaten damit umgehen werden. Eines aber ist sicher: sie kommt und wird mehr und mehr in dein Leben eindringen, es bestimmen und du wirst immer weniger Souveränität über deine Entscheidungen und deinen Alltag haben. Und, die meisten werden das gar nicht bemerken. Im Gegenteil, die Allgegenwart des Netzes und die vermittelte Fürsorge durch seine Fühler, Sensoren und Anweisungen wird dich in ein trügerisches Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit lullen, dem du dich gar nicht entziehen wollen werden wirst. Wollen werden wirst? Oder wirst werden wollen? Oder werden wollen wirst? Egal. Das stellt die Sprachharmonisierungs-App schon richtig.


    Die Digitalisierung ist die dritte industrielle Revolution, wobei sie über die Industrie als Produktionswelt für Waren und Dienstleistungen weit hinaus geht. Die Digitalisierung ist vielmehr eine totale, globale Revolution aller Lebensbereiche. Die erste umfasste die Nutzung der Dampfkraft und anderer Drucktechniken im 19. Jahrhundert. Die zweite war geprägt von der Nutzung fossiler Energien für die (individuelle) Fortbewegung, der Elektrizität für öffentlichen Verkehr und privaten Haushalt sowie nachrichtentechnischer Technologien wie Telefon, Radio, TV. Die Atomkraft nicht zu vergessen. Die dritte, weltumspannende - quasi katholische - Revolution fasst alle diese Tätigkeitsfelder und Lebensbereiche zusammen, vernetzt und verwebt sie zu einem Datenmyzel unvorstellbaren Ausmaßes. Die Vorstellung globaler Informationscluster, die die Geschicke der Menschheit zunehmend bestimmen, ist gar nicht so weit hergeholt, wie manche meinen mögen. Alles, was möglich ist, wird genutzt. Das meiste davon kriegst du gar nicht mit. Das Netz ist überall, seine Ohren und Fühler unsichtbar. Die schöne, neue Welt wird eine vernetzte, digitale, sehr verletzbare sein. Seine vermittelte Sicherheit ist eine trügerische. Es fängt dich nicht nur auf, wenn du fällst, es fängt dich vor allem ein, lässt dich nicht mehr los, umfängt dich von der Wiege bis zur Bahre. Apropos Wiege. Natürlich wird die Bevölkerungsplanung auch digital gesteuert, begleitet, überwacht und durchgesetzt werden. Glaub ich. Kann mich aber irren. Vielleicht weiß das Netz ja mehr.


    War noch was? Ach, da wär noch viel. Die soziale Dimension der Digitalisierung. Unsere Beziehung zu anderen Menschen, die Formen der Kommunikation, der ganze private und berufliche, öffentliche, politische 'Diskurs', unsere Sozialisation und Prägung, die Funktion der Medien, die Möglichkeiten zur Mobilisierung, Manipulation und Meinungsmache, all das ist noch gar nicht absehbar. Wer da dominieren wird, in welche Richtung sich diese Umwälzung wenden wird, Fragen über Fragen, die Zukunft war noch nie so offen und zugleich so determiniert wie heute. Ganz schön interessant. Chance und Bedrohung zugleich. Bin irgendwie froh, dass ich diesen Kelch nicht mehr bis zur Neige werd trinken müssen.


    ***

  9. #59
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    ***



    Klima die wievielte? Dabei, das Wetter reicht mir schon! Das angeblich zu kalte und verregnete Frühjahr, das war in der Tat mal nicht allzu warm, aber dennoch viel zu trocken. Die von der Natur und ihrer unmittelbaren Umgebung anscheinend völlig isolierten Mitmenschen glauben, wenn sie mal den Scheibenwischer am Auto für 3 Minuten einschalten müssen, dass es schon 'geregnet' hat. Und verbinden damit irgendwie auch Feuchtigkeit für Boden und Pflanzen, Wälder und Felder. Welch ein tragischer Irrtum (ich verkneife mir den Jandl)! Im gesamten Osten Österreichs haben wir im 5. Jahr in Folge ein Niederschlagsdefizit von ca. 30%. Die Verdunstung ist höher als der Niederschlag an Feuchtigkeit liefert. Die Böden sind tiefgründig zu trocken. Die Hitze jetzt schon im Juni verschärft die Dramatik. Die aber anscheinend keiner sehen will, kann. Den meisten ist es eh scheissegal. Hauptsache Benzin wird wieder billiger, Flugreisen wieder möglich, Urlaub wieder wie gehabt. Na dann! Werft die Griller an. Das Diskonterfleisch brutzelt und der kleine Mann zapft sich ein Bier. Prost!



    Hier im Ort hat man in den letzten Jahren viele neue Bäume gepflanzt, dafür wurden auch viele alte Bäume abgeholzt. Warum weiß keiner so genau. Offiziell hieß es, sie wären nicht ausreichend sturmfest oder seien krank. Vielleicht war es auch nur Arbeitsbeschaffung für befreundete Baumschulen. Egal. Die Neupflanzungen bieten vielerorts ein trauriges Bild. Zu wenig oder zu unregelmäßig bewässert - die Gemeinde bewässert zwar öffentliche Anlagen, doch nach welchem Plan, das bleibt ihr Geheimnis -, sind manche schon tot oder dabei zu sterben: Braune, dürre Blätter, schlaff herabhängendes, noch grünes Blattwerk. Und die Bevölkerung? Fehlanzeige. Nur einer unter hundert Mitbürgern fühlt sich gefordert. Die meisten bemerken gar nicht, wie die Bäumchen verdorren. Die schauen in ihre Smartphones oder Fußball-EM. Wenn jeder Hausbesitzer nur eine Gießkanne Wasser alle 3 Tage für jeden Baum spendieren täte, wär das Problem gelöst. Aber diese Hoffnung ist scheinbar illusionär. Die Bürger fühlen sich nicht angesprochen. Dabei wurden die Bäume von ihrem Steuergeld angeschafft und gepflanzt. Egal. Scheissegal. Wie will man solche Mensch zu Bewusstsein und Verantwortung für ihre Umwelt gewinnen? Es ist ihre Zukunft! Egal. Scheissegal. Offensichtlich.


    Wie kann man das erklären? Warum sind die meisten Menschen für mehr Umweltschutz, weniger Flächenverbrauch, für Klima- und Tierschutz, so ganz generell und unverbindlich, doch im konkreten Fall - am Supermarktregal, an der Tankstelle, bei der Urlaubsplanung, der Freizeitgestaltung oder den Pflanzen vor der Haustür -, da greift man zum Billigsten, entscheidet sich gegen die Umwelt, gegen das Klima, gegen das Nutztier oder ist einfach blind. Ist es ein Intelligenzdefizit, Gedankenlosigkeit, Egoismus? Ich bin ratlos. Und auch nicht. Ich halte nicht viel von der Intelligenz des Menschen. Ich mache mir keine Illusionen über seine Einsichtsfähigkeit und sein Vermögen, vernünftig zu handeln. Besonders im Schwarm, in der Masse, sinkt die Intelligenz gegen Null, handelt Mensch instinktiv, emotional und nicht rational. Die Schwarmintelligenz ist eine Mär. Wenigstens, was den Homo sapiens betrifft. Da gilt der 2. Thermodynamische Satz: Die Entropie eines geschlossenen Systems muß immer zunehmen. Übersetzt auf die Menschheit lautet das, die Dummheit steigt irreversibel mit der Zahl der Einzelindividuen. Man könnte auch die Reibung oder die Gravitation heranziehen. Immer kommt es auf das Gleiche heraus: Reibungsverluste sind immer verloren, alles fällt nach unten. Die Trägheit siegt über die Einsicht, was an Verstand gewonnen wird, geht an Handlungsfähigkeit verloren. Die goldene Regel menschlichen Strebens.



    Wenn ich mir so ansehe, was rund um mich abgeht, lokal, regional und global - mich inkludiert -, so komme ich zu dem Schluß: ich wünsche uns den Teufel an den Hals, die Klimakatastrophe an die Arschbacke, Dürre, Mißernten, Hagel, Sturm und Verwüstung ans Hinkebein. Je früher diese Verirrung der Evolution von der Erdoberfläche verschwindet, umso besser. Ja, ich weiß, das darf man nicht mal denken, geschweige denn sagen oder schreiben. Ich tu's trotzdem. Die Geschichte der Menschheit ist eine einzige Folge von Zerstörung und Vandalismus. Oh ja, was haben wir nicht alles geschaffen, gebaut, erfunden, erkannt! Kunst und Kultur, diese Alleinstellungsmerkmale des aufrecht gehenden Affen, Religion und Philosophie, sind das nicht Zeugnisse unserer Gottebenbildlichkeit, unseres göttlichen Ursprungs? Ach, was bilden wir uns nicht alles ein! Schau ich mir an, was dieser weise, moralische, intelligente Mensch so anrichtet, wie er wütet, verwüstet, in Schutt und Asche legt, tötet und schindet, dann schrumpfen seine kulturellen Leistung in meinen Augen auf einen Fliegenschiss, einen Wimpernschlag der Evolution. Da sind mehr Eitelkeit, Selbstüberschätzung und Größenwahn drin, als Verstand und Güte.


    Mein bescheidener Verstand sagt mir, reg dich nicht auf, cool down, es ist sowieso alles geregelt. Die Buchhaltung der Physik ist unbestechlich, fehlerlos und vollkommen determiniert. Da gibt es keine Ausnahmen, keinen Aufschub, keinen Einspruch, kein Erbarmen. Jede Einnahme wird gleichzeitig als Ausgabe verbucht. Jedem Gewinn steht ein Verlust gegenüber. Es ist immer ein Nullsummenspiel. Was Mensch zu gewinnen glaubt, geht gleichzeitig und undwiederbringlich verloren. Vielleicht woanders, vielleicht erst später, doch unausweichlich. Und wenn wir uns unbedingt den Ast absägen, auf dem wir sitzen, werden wir fallen und umkommen. So einfach ist das. Dennoch. Wozu das alles? Wozu das Leid, der Schmerz, die Qualen? Also die, die wir absichtlich und vorsätzlich zufügen. Die also vermeidbar wären. Warum muß ein Lastesel unsägliche Hitze, Durst und Schinderei erleiden, bis ihn irgendwann ein gnädiger Tod erlöst? Warum müssen Millionen Mastschweine im eigenen Kot auf Betonspaltenböden bis zu ihrem - für den Mäster profitablen - Ende ein elendes Dasein fristen? Warum all das Leid, das wir Natur und Mitmenschen zufügen, obwohl wir wissen, was wir tun? Wissen könnten, wissen müssten. Wozu? Das kann mir keiner erklären. Nichtmal der Froschkönig mit seinem Rauschebart da droben in seiner Erbärmlichkeit.


    Wenn es wenigstens gerecht zugehen würde. Doch weit gefehlt. Wenn wenigstens jeder die Schulden begleichen müsste, die er selbst gemacht. Doch im Allgemeinen müssen andere den Mist wegräumen, den ich verursache. Generell müssen andere die Zeche zahlen, die ich konsumiert hab. Was für ein Irrsinn! Da hilft eigentlich nur Alkohol oder die gnädige Augenbinde des Wahnsinns. Oder der Selbstbetrug der Verdrängung. Nichts sehen, nichts hören, nichts wissen (wollen). Die Trias der Erlösung. Der Königsweg ins Nirvana? Vielleicht. Doch wie kommt man dahin? Da gibt es kein Navi für, keine Landkarte. Kein Reisebüro bietet als Destination das Nichts. Kein Tourenplaner führt aus der endlosen Mechanik des Karmas. Wie die Gedanken abschalten, den Willen killen, das Verlangen austrocknen? - Sind solche Überlegungen krank, widernatürlich, abwegig? Für den Alltagsverstand sehr wohl. Jeder Psychiater würde mir eine schwere psychische Störung bescheinigen. Eine Abweichung von der Norm. Na gut. Sei's drum. Ist es halt pathologisch, sich mit dem alltäglichen Wahnsinn nicht abzufinden. Ist es halt abnormal, den globalen, kollektiven Suizid als Fortschritt zu feiern. Bin ich halt nicht normal. Na und? Wer in einer total verrückten Welt nicht verrückt wird, ist nicht normal.


    Wir sind ja alle Meister der Verdrängung. Die, die glauben, sich selbst, ihr Leben und überhaupt alles im Griff zu haben, für alles eine Lösung und überhaupt zu haben, die sind die Weltmeister der Verdrängung. Niemand könnte auch nur einen Tag weiterleben, müsste er bloß den winzigsten Bruchteil der Scheusslichkeiten, Brutalität, Bösartigkeit, Gewalt, Qual und Leid mit ansehen, der an nur einem Tag auf dem Planeten von Menschen an Mitmenschen, Tieren, Natur und Umwelt verübt wird. Jeder Mensch mit intakten Sinnen müsste der totalen Verzweiflung, dem vollkommenen Irrsinn verfallen. Allein, was täglich an unvorstellbarer Brutalität bei Tiertransporten in der Wertegemeinschaft der EU abgeht, brächte mich nicht nur um den Schlaf, sondern um den Verstand. Wer noch einen Funken Mitgefühl im Leibe trägt, müsste verzweifeln. Und das ist nur ein verschwindend kleiner Teil dessen, was wir anderen so antun. Es braucht gar keine Hölle mehr, wir schaffen sie selbst. Hier auf diesem an sich paradiesischen Planeten. Gäbe es einen Gott, man müsste ihn vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zerren. Aber ich wiederhole mich. Hatte ich doch schon mal.


    Ich würde gern mit Ihm abrechnen. Ihm Dinge sagen, die Ihm seine Engel und himmlischen Heerscharen sicher noch nie gesagt haben. Am Ende würde ich Ihn umbringen. Eiskalt und aus vollster Überzeugung. Und ja, das ist kindisch, infantil. Eine Vatermordfantasie. Hat ja Tradition, Ödipus ist der bekannteste Vatermörder, doch die Mythen und Sagen sind voll davon. Von der Edda bis zur Bibel, von Indien bis Island findest du den Patrizid. Nur Ihn da oben hat noch keiner gemeuchelt. Nichtmal Versuche wurden berichtet. Liegt wohl daran, dass es Ihn gar nicht gibt. Oder dass Er seit ewigen Zeiten vermisst wird. Wahrscheinlich hat er sich einfach aus dem kosmischen Staub gemacht, als Er realisierte, was für ein Desaster sein Schöpfungsversuch war. Und jetzt expandiert dieses verfluchte Universum vor sich hin, der Schöpfer hat sich verpisst und bastelt wahrscheinlich an neuen Schöpfungsgeschichten. Kann nur hoffen, dass Er mich mit seinen Innovationen verschont. Wie gesagt, sollte Er mir je unter die Augen kommen, bring ich Ihn um. Ich versuch es wenigstens. Wird ja nicht leicht sein. Einen Ewigen kannst du nicht so einfach killen. Einen Allmächtigen noch weniger. Und, gescheiterte Tyrannenmordversuche und Attentate auf Diktatoren sind Legion. Scheint so, dass diese Typen besonders wachsame und fähige Schutzengel haben. Kein Wunder, bei dem Übervater. Der schaut halt auf seine Nachahmer und Söhne im Geiste. Also leg ich meine Gottesmordfantasien mal auf Eis. Das bei der Hitze dieses Sommers dahin schmilzt. Wie die Arktis hätt ich beinah gesagt. Womit ich wieder beim Klima und seiner Katastrophe wär. Grad hör ich, dass sie in Kanada unter einer rekordmäßigen Hitzewelle leiden. 48° und mehr und das über viele Tage hinweg. Hitzetote, erschöpfte Helfer. Ohne Klimagerät gehst du da zum Teufel. Das hält keiner aus. Schöne, neue Welt! Nicht Deutschland schafft sich ab, Menschheit schafft sich ab. Wir sind auf bestem Wege und das schaffen wir auch noch!


    Soeben erscheint die Wetterbilanz des Juni2021 für Österreich. Es war der zweitheisseste Juni der Meßgeschichte. Und der dritttrockenste. Im Osten, hier bei mir vor der Haustür, hat es sage und schreibe 9 lt. pro Quadratmeter im ganzen Monat geregnet, das sind 10% des durchschnittlichen Juniniederschlags. Das Niederschlagsdefizit des ganzen Jahres 2021 beläuft sich inzwischen auf 150 lt. pro Quadratmeter, das ist ein Viertel des durchschnittlichen Jahresniederschlags hier am Ort. Mit 500-600 lt. pro m2 pro Jahr im Durchschnitt seit 1972 sind wir eh schon sehr bescheiden. Doch diese Werte werden kaum mehr erreicht. Der Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre liegt zwischen nur noch bei 400-500 lt. pro m2 pro Jahr. Kann man sagen, was soll's, in der Sahara oder Namib ist es noch viel weniger. Und die meisten meiner lieben Mitbürger scheinen das genau so zu sehen. Also die sehen gar nix. Die sehen nichtmal, wie die Jungbäumchen vor ihren Häusern verdorren. Die sehen nicht mal, wie die Pflanzungen, die auf Steuerzahlers Kosten von der Kommune auf öffentlichen Plätzen gesetzt wurden, vertrocknen. Dieselbe Gemeinde, die - lobenswert, ja! - diese Bäumchen und Blumen gepflanzt hat, ist nicht willens, in der Lage oder schlicht zu blöd, diese ihre Pflanzungen zu bewässern. Ach, ich wiederhole mich.



    Ich wünsche allen Arschlöchern, Dummtöpfen, Vollpfosten und Sommeridioten den Schorf an den Hals! Wie verblödet ist das Volk eigentlich schon? Rhethorische Frage. Die Dummheit kennt wahrlich keine Grenzen! Und sie geht immer einher mit Gefühllosigkeit. Für andere - Tier und Pflanze inkludiert. Sie kennt nur sich selbst. Die Dummheit.


    Inzwischen sind wieder ein paar Tage vergangen. Wieder haben sich Regenprognosen in Wind und heiße Luft aufgelöst. Dieses Muster wiederholt sich nun schon wochenlang. Während man ein paar Dutzend Kilometer weiter westlich in Gewitterfluten buchstäblich absäuft, vertrocknet hier das Land. Die Wälder bieten ein Bild des Jammers. Bäume und Sträucher verdorren. Umgefallene Baumleichen wohin du schaust. Auf den Äckern vertrocknen Mais, Sonnenblumen und andere im Frühjahr gesäte Feldfrüchte wie Ölkürbis, Hafer, Soja und Hirse.


    Das alles scheint kaum jemand zu bekümmern. Die Mitmenschen feiern Parties, gucken Fußball-EM und können es gar nicht erwarten in den noch heißeren Süden zu fliegen. Dass hier die Vegetation verdorrt, sieht niemand, interessiert niemand. Auch die Medien nicht. Stattdessen der dreizehntausendste Bericht über Covid, Impfgeschehen, Urlaubsziele, Reisebeschränkungen, Öffnungen ....



    Bin ich verrückt oder die anderen? Bild ich mir das alles ein? Existieren die verdorrten Felder nur in meinem Hirn? Ist mein vertrockneter Garten, wo nur die bewässerten Sträucher grün sind, Einbildung? Spinn ich? Oder sind meine lieben Mitmenschen blind, uninteressiert, gleichgültig dem gegenüber, was da grad vor ihren Türen abläuft? Ich wünsch euch jedenfalls allen den Untergang, ihr Idioten. Je schneller diese Brut von der Erdoberfläche verschwindet, umso besser. Umso weniger Schaden kann sie noch anrichten. Böse, unethisch, menschenverachtend? Ist mir ganz ehrlich wurscht. Scheissegal. Diese Menschheit hat nur den Tod verdient. Samt ihren Göttern und kranken Allmachtsfantasien.Ja, das ist meine Meinung.


    Wie kommt mir das alles vor? Wie die Minuten auf der Titanic vor der Kollision mit dem Eisberg. Während in den Salons noch Champagner in Strömen fließt, die Musik zum Tanz aufspielt, wissen die paar Hanseln auf dem Steuerdeck schon, was droht. Heute könnten es alle wissen, doch sie wollen nicht. Wir steuern volldampf auf die Katastrophe zu, doch sind unfähig, das zu realisieren. Inzwischen ist es meiner unmaßgeblichen Meinung nach eh viel zu spät, um noch wirksam gegen die Erdüberhitzung vorzugehen. Ist aber egal, weil eh keiner was tut. Ausser Alibiaktionen und Scheinaktivismus passiert nichts. Na dann, weiter so! Hoffentlich geht's schneller, als die vielen Experten unken. Die übrigens auch verharmlosen. Wie ich meine. Bin ich nun tatsächlich verrückt? Übertreibe ich? Vielleicht. Wer aber inmitten all dieser Verrückten nicht selber irre wird, ist entweder schon verrückt oder grad dabei, wahnsinnig zu werden.


    Diesmal wird es keine Arche Noah geben. Auch kein Ausweichen auf einen Exoplaneten, wovon einige durchgeknallte Idioten träumen. Diesmal werden wir buchstäblich gegrillt. Und auf dem Komposthaufen der Evolution verrotten. Auch irgendwie eine tröstliche Vorstellung. Sollte es doch sowas wie einen Rest Gerechtigkeit geben?


    ***

  10. #60
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Eulenspiegel schrieb:
    Ich würde gern mit Ihm abrechnen. Ihm Dinge sagen, die Ihm seine Engel und himmlischen Heerscharen sicher noch nie gesagt haben. Am Ende würde ich Ihn umbringen.
    Ob er die Todesstrafe verdient? Der Mensch kann ja den Determinismus vorbringen um sein Treiben zu entschuldigen. Er hatte ja nie eine Möglichkeit anders zu Handeln als er letztlich gehandelt hat. Vielleicht kann auch Gott auf den Determinismus zurückgreifen um seine Tätigkeit zu entschuldigen. Vielleicht ist er ihm wirklich unterworfen. Wir wissen nicht wie so ein Gott funktioniert, noch nicht mal aus was er besteht und wie er überhaupt entstanden ist.
    Na gut, Richter zeigen sich gänzlich unbeeindruckt von Determinismus und solchen Sachen. Das was die berücksichtigen ist verminderte oder fehlende Zurechnungsfähigkeit. Wie steht es eigentlich um die Zurechnungsfähigkeit Gottes? Die ganze Zeit allein mit sich - das kann nicht gesund sein. Da hatten es die griechischen und römischen Götter besser. Da fanden soziale Normierungsprozesse unter ihresgleichen statt um damit das Abrutschen in die Delinquenz zu verhindern. Aber einer allein - da muss man immer mit dem Schlimmsten rechnen.

  11. #61
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Da war doch noch das Auto. Das Automobil. Dieses liebste Kind deutscher und Männer anderer Nationen. Dieses Freiheitssymbol, dieser Penisersatz, dieses Balz- und Bolzvehikel. Was ist es nicht alles. Inzwischen hat es ja auch die Herzen der meisten Frauen erobert. Über LGBTQ-* und ihr Verhältnis zum Auto gibt es leider noch keine evidenzbasierten Studien. Kommt sicher noch!


    Nun, dieses Auto ist grad heftig diskutiert. Vor allem seine künftige genetische Ausstattung, seine funktionale Ausführung, seine gesellschaftliche Rolle. E-Mobil oder Wasserstoff, Verbrenner oder Stromfresser, Individual- oder Kollektivverkehr, öffentlich oder privat. Das sind nur einige der Fragen, die Politik und Bürger bewegen. Auto bewegt, bewegt nicht nur sich selbst, sondern auch Hirne und Herzen.


    Ein paar kleine Fragen sind noch unbeantwortet, ein paar kleine Probleme noch ungelöst. Strom oder Öl, Gas oder was? Was bringt unterm Strich weniger CO2? Wie sieht die Gesamtökobilanz der unterschiedlichen Energieträger aus? Ist ein E-Auto wirklich CO2-freundlicher? Es gibt begründete Zweifel. Die Batterietechnologie steckt noch in den Kleinkindschuhen. Woher soll der Strom für Milliarden E-Autos kommen? Aus der Steckdose, sagen die Befürworter. Und wie kommt er da rein? Solar, windig, nuklear, photovoltaisch, wasserkräftig oder wie sonst? Tatsächlich ein paar klitzekleine Fragen, die da noch der Antworten harren.


    Grünbewegte wollen Verbrenner schlicht ab 203x verbieten. Punkt. Fossilbewegte schreien Verbotspolitik, Ökoterror! Unbewegten ist das wurscht. Wie wollen wir uns künftig bewegen? Der Verbiß in technische und technologische Details blendet aus, worum es am Ende wirklich geht: Die Frage, wer sich wie im öffentlichen Raum bewegen soll! Können wir uns hemmungslosen Individualverkehr angesichts des rasanten Klimawandels noch leisten? Können wir weiter die gesamte Lagerhaltung der Industrie auf die Straße verlagern? Können wir weiter jeden Scheißdreck quer durch Europa karren, über den Globus fliegen oder schiffen? Ich fürchte, nein. Doch wer soll so ein Transportverbot unnötigen Mülls durchsetzen?


    Da sind wir wieder bei der Gretchenfrage: Wer soll die Klimakrise lösen? Und wie? Auf nationaler Ebene wird das nicht gelingen. Wenn überhaupt, kann das Weltklima nur eine Weltregierung retten. Eine globale Öko-Diktatur. Würden die Kritiker sagen. Die einzige Chance, sag ich. Und weil ich aber kein vollkommener Trottel bin, weiß ich auch, dass es die nicht geben wird. Und deshalb werden wir vollgas oder vollelektrisch in die Katastrophe rasen. Meine bescheidene Meinung. Und weil diese unerheblich ist, wird sie auch nichts bewegen. Nichtmal ein Windrad, schon gar kein E-Mobil.


    Streitereien über Klimawandel, wenn überhaupt und wieviel, sind müßig. Ich bin der Meinung, dass selbst die Experten, die sich mit ihren Klimakurven gut auskennen, noch ziemlich schönfärben. Mir kommt vor, wir verhalten uns wie ein Bergsteiger, der angesichts aufziehender Unwetterwolken weiter klettert, statt die nächste Schutzhütte aufzusuchen. Der gute Mann jedoch hat bessere Überlebenschancen als wir. Es könnte sein, dass ihn die Bergrettung noch aus seiner Lage befreit. Weltklimamäßig gibt es leider keine Rettung. Weder die UNO noch die EU-Kommission und auch kein Beten wird uns retten. Sag ich. Aber wer bin ich schon?


    Wo war ich? Ach ja, beim Automobil. Tja, das ist nur ein klitzekleines Steinchen im Klimamosaik. Das ist ja das Verflixte an der Chose. So viele kleine Steinchen, die wir alle gleichzeitig bewegen müssten. Fast nicht zu schaffen, als da sind: Flächenverbrauch, Rodungen, Fleischproduktion, Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern samt Energieverbrauch, Rohstoffbedarf, Meeresverschmutzung, Auftauen der Permafrostböden, Abschmelzen der Polkappen, Transport und Verkehr, Überbevölkerung usw. usw. Der Kampf mit der Hydra. Selbstgemacht. Selber schuld. Sag ich. Aber wer bin ich schon?


    Man muß kein Prophet sein, um zu schnallen, dass die unverändert steigende Produktion von Automobilen, egal ob E oder V, H oder PV, weder das CO2-Problem noch das Klimadilemma wird lösen. Im Gegenteil. Die Individualfortbewegungskiste ist sowas von gestern, dass ich mich frage, wie man das nicht sehen kann. Jedem Erdling sein Auto ist letztlich die Endlösung. Eine totalere als sie sich Adolf und Konsorten nicht mal in ihren verwegensten Umnachtungen hätten träumen lassen können. Da kannste gleich sagen, jedem Erdenbürger seinen Blechsarg. Denn da werden wir enden. Wenn wir nicht endlich kapieren.


    Da kannste sehen, was Freiheit bedeutet, wenn sie nicht mit Einsicht in die Notwendigkeit gepaart ist. Dann bedeutet sie nämlich die Freiheit zur massenhaften Selbstauslöschung, zum kollektiven Suizid. Mir soll's recht sein. Ich halte sowieso nichts vom Menschen als Gattung. In der Masse übersteigt die Schwarmdummheit regelmäßig die Intelligenz des Individuums. Das ist evolutionäres Einmaleins.


    Also, dann lasst uns mal vollgas, vollstrom, ungebremst und CO2-neutral ins Verderben rasen. Natürlich ohne Tempolimit. Wo kämen wir denn da hin? Schließlich wollen wir doch alle dahin!


    ***

  12. #62
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Das beste Auto ist das Auto, das erst gar nicht gebaut wird. In diesem Punkt bin ich ein "Grüner". Wir reden von Abgasen, vom Klima...aber dem Fahrradfahrer wird es egal sein, ob er von einem stinkenden oder einem sauberen Auto umgenietet wird. Auch dem auf der Straße spielenden Kind wird es egal sein, von welcher Art Auto es hupend verscheucht wird. Wir denken da zu "klein". All diese Blechhaufen, die an 23 von 24 Stunden die Gehwege und Gassen zuparken. Das alles müsste nicht sein, würde man den politischen Willen aufbringen...hier etwas grundlegend verändern zu wollen. Aber genau das ist der Punkt...wo die Psychologie ins Spiel kommt. Die Menschen bekommen Panik und Schweißausbrüche, wenn man sie mit solchen Planspielen konfrontiert. Würden sie doch wenigstens nur mal in Ruhe ein paar Minuten darüber nachdenken.....
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  13. #63
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Primzahlen. So etwas wie eine einseitige, unerwiderte Liebe. Also ich mag Mathe und da vor allem Zahlen, ein bissl Zahlentheorie. So wie ein Sehbehinderter, der sich an Farben erfreut. Ich bin kein Mathematiker, habe es nur bis zu Maturalevel gebracht und kurve halt so durch die Seitengassen der mathematischen Vorstädte, treffe häufig auf rote Ampeln, Fahrverbote und Sackgassen, verirre mich regelmäßig und finde ohne fremde Hilfe nicht heraus. Mathe ist berüchtigt als vermintes Gelände, viele Leute entwickeln regelrechte Mathe-Phobien und die meisten verbinden mit Mathe die vier Grundrechenarten und sonst nix. Das ist so, als würde eine Ameise ihren Bewegungsradius für die ganze Welt halten. Mathe fängt ja dort erst an, wo sie für die meisten längst zu Ende ist.


    Also Primzahlen. Das sind ganze Zahlen, positive ganze Zahlen, also natürliche Zahlen. Definitiv. Man könnte auch die negativen ganzen Zahlen dazu zählen, brächte aber nichts, weil es sich um dieselben Zahlen handelte, nur mit einem Minus davor. Nun, was sind Primzahlen? Es sind jene natürlichen Zahlen, die nur durch 1 und sich selbst restlos teilbar sind. Das weiß ja jedes Kind. Und was soll das Besondere daran sein? Ja, mehr nicht. Aber wie sie nun mal sind, diese komischen Mathefuzzis, geben sie sich mit einfachen Antworten nicht zufrieden. Gleich wollen sie wissen, wieviele Primzahlen gibt es, ist ihre Menge vielleicht unendlich, gibt es unten - also bei den kleineren Zahlen, also etwa fünf- bis zehnstelligen Zahlen - wie oben, also in den unendlichen Weiten der vielstelligen Zahlen, die gleiche Dichte an Primzahlen, oder werden sie mehr oder weniger häufig, gibt es endlich oder unendlich viele Primzahlzwillinge (das sind zwei Primzahlen, die eine ganze Zahl umzingeln, als z. B. 11 und 13 oder 17 und 19) usw. usw.


    Nun, die meisten dieser Fragen sind inzwischen beantwortet, einige wenige erweisen sich aber als richtig harte Nüsse, eine davon, die nach der Anzahl von Primzahlzwillingen ist so eine davon. Bis heute hat man mehrere ungelöste Probleme mit Primzahlen auf der Liste. Sicher gäbe es noch mehr, es fehlen nur die Fragestellungen dazu.


    Wozu das alles? Haben wir keine anderen Probleme? Nun, auch da ein Vergleich. Warum gaffen Millionen Interessierte wieder und wieder auf 22 Menschlein auf einem grünen Rasen, die einem Ball nachlaufen, um ihn in einem kleinen Kasten zu versenken? Haben wir nichts Bess'res zu tun? Oder warum spielen Leute Schach, Roulette, rennen sich die Seele aus dem Leib oder sammeln Tonscherben, die tausende Jahre in der Erde ruhten? Ist denen allen fad im Hirn, leiden sie an Depressionen oder sind sie romatische Spinner? Tja, der Mensch lebt nicht vom Brot allein. So ist es auch mit der Mathematik. Vieles daran ist praktisch unbrauchbar, das meiste davon war irgendwann mal theoretisch, ohne jede Aussicht auf Anwendung und plötzlich wurde es benötigt, um irgendwas damit anzustellen. Zum Mond zu fliegen etwa, oder ein Auto mit möglichst wenig Luftwiderstand zu bauen, Flugzeugflügel aerodynamisch zu optimieren oder auch bloß den Zinseszins für Kredite und Guthaben zu berechnen.


    Aber Primzahlen? Was soll das? Wozu kann man die brauchen? Jahrtausende lang gar nicht. Da waren sie tatsächlich ein reines Liebhaberprogramm. Bis einer entdeckte, dass man sie sehr gut in der Kryptografie einsetzen kann. Mithilfe zweier ziemlich großer Primzahlen können Eingeweihte einen Schlüssel basteln, der mit heutigen Computern in keiner vernünftigen Zeitspanne zu knacken ist. Künftige Quantencomputer könnten diese Verfahren gefährden. Aber noch ist es nicht so weit.


    Auch in der Natur kommen sie vor. Bestimmte Insekten und Pflanzen vermehren sich in Jahreszyklen, die prim sind, besonders stark. Also alle 11, 13 oder 17 Jahre (Zykaden, Fichten ...). Zufall oder Absicht? Auch im Zusammenhang mit den Fibonacci-Zahlen spielen Primzahlen eine Rolle und finden praktische Anwendung. Doch genug, schließlich müssen sich Primzahlen nicht rechtfertigen. Sie sind da, sie sind immer schon da gewesen, sie bilden eine unendliche Menge, sie haben ein Existenzrecht wie du und ich.


    War noch was? Genug. Zum Beispiel, ob es unendlich viele Primzahlen gibt. Der Beweis für die Unendlichkeit der Primzahlmenge ist so einfach und schön, dass ich ihn hier vor den Vorhang bitten muß. Wie berichtet, stammt er vom alten Griechen Euklid, einem Mathematiker, der auch die Geometrie der Ebene begründete. Das ist die, die wir gemeinhin als Geometrie kennen und in der Schule lernen.Zurück zu den Primzahlen. Angenommen, es gibt endlich viele Primzahlen. Die größte davon sei N. Dann gibt es eine endliche Folge von Primzahlen von 1 bis N. (Genaugenommen wird 1 nicht zu den Primzahlen gezählt, aber das ist mathematische Spitzfindigkeit. Für unseren Beweis ist das belanglos.)


    Die Menge der Primzahlen umfasst daher die folgende Reihe:
    1,2,3,5,7,11,13, ....., N


    Nun bilde ich eine Zahl, die das Produkt aller Primzahlen 1 bis N sei und nenne sie M:
    1x2x3x5x7x11x .... xN = M


    Diese Zahl ist ziemlich groß, viel, viel größer als N, d. h. zwischen N und M liegen ungleich mehr Zahlen als zwischen 1 und N. Nun addiere ich 1 zu M (ich könnte auch 1 abziehen, aber machen wir es nicht unnötig kompliziert):
    M+1 = prim?


    Klar ist, dass M+1 durch keine Primzahl von 2 bis N restlos teilbar ist. Weil sie sich ja von jedem Primfaktor von 2 bis N um 1 unterscheidet, bei der Division durch einen der Primfaktoren 2 bis Nalso immer Rest 1 bleibt. Und das war's auch schon. Hat doch nicht weh getan, oder?


    Wenn also M+1 durch keinen Primfaktor von 2 bis N restlos teilbar ist, dann ist M+1 entweder selbst eine Primzahl, oder ein Produkt aus Primfaktoren, die im weiten Feld zwischen N und M+1 liegen! (Sacken lassen). D. h. aber, dass es noch mindestens zwei Primzahlen geben muss, die größer als N sind. Und damit ist unsere anfängliche Annahme, N sei die größte Primzahl, falsch!


    Da ich dieses Verfahren unendlich fortsetzen kann, indem ich die neuen Primfaktoren oberhalb von N benutze, um neue M zu bilden, muß es also auch unendlich viele Primzahlen geben. War doch nicht schlimm, oder?


    Übrigens, diese Zahl M, die alle Primfaktoren von 2 bis N als Teiler enthält, muß in der Einerstelle eine 0 haben. Klar? (Weil 2 und 5 als Teiler enthalten sind und 2 x 5 = 10 ist. Und jede beliebige natürliche Zahl, die mit 10 multipliziert wird, muß an der Einerstelle eine 0 stehen haben). Daher muß M+1 eine 1 an der Einerstelle führen, M-1 eine 9.


    Dazu kommt noch:Wenn M+1 eine Primzahl ist, dann folgt daraus, M-1 muß auch eine Primzahlsein, ergo, wir haben einen weiteren Primzahlzwilling gefunden!


    Für das Zahlenpaar (M+1, M-1) gibt es prinzipiell folgende Möglichkeiten:

    • beide sind keine Primzahlen, dann muß es für M+1 und M-1 mindestens je zwei weitere Teiler (=Primfaktoren) zwischen N und M geben. (Weil von 2 bis N gibt es ja keine)
    • eine der beiden Zahlen ist prim, die andere nicht
    • beide sind Primzahlen, also Zwillinge



    Noch was? Vielleicht das. Die Hälfte aller natürlichen Zahlen, nämlich alle geraden Zahlen, sind keine Primzahlen, weil sie den Teiler 2 beinhalten. Von der anderen Hälfte, also den ungeraden Zahlen, sind alle Zahlen mit der Einerstelle 5 keine Primzahlen, da die alle durch 5 ohne Rest teilbar sind. Das heisst, 60% aller natürlichen (= positiven, ganzen) Zahlen, sind von Haus aus keine Primzahlen (das sind alle mit den Einerstellen 0,2,4,5,6,8). Von den restlichen 40% ist es auch nur ein ganz kleiner Teil. Dennoch gibt es genauso viele Primzahlen wie natürliche Zahlen. Hoppla! Wie das?


    Ganz einfach. Beide Mengen sind abzählbar unendlich. Was ist das nun wieder? Der Hausverstand sagt einem doch, dass es mehr natürliche Zahlen geben muss, als Primzahlen. Sind diese doch eine Teilmenge der natürlichen Zahlen. Das stimmt vielleicht in der Philosophie Kants (Urteile a priori: der Teil ist kleiner als das Ganze), nicht aber in der Mathematik. Deshalb vertraue ich der Mathematik auch mehr, als dem ollen Königsberger.


    Also, warum sind beide Mengen gleichwertig? Weil ich jeder natürlichen Zahl eine Primzahl zuordnen kann, ausnahmslos - und ohne Ende. Der einzige Unterschied ist: die natürlichen Zahlen steigen weniger rasch als die Primzahlen. Was aber kein Problem ist, weil beide Mengen unendlich sind, der Vorrat an Primzahlen also dem der natürlichen Zahlen ebenbürtig (gleichwertig) ist!


    Beispiel:


    Folge der natürlichen Zahlen: .................................. Folge der Primzahlen:
    1 .................................................. ......................................... 2
    2 .................................................. ......................................... 3
    3 .................................................. ......................................... 5
    4 .................................................. ......................................... 7
    5 .................................................. ........................................ 11
    6 .................................................. ........................................ 13
    7 .................................................. ........................................ 17
    8 .................................................. ........................................ 19
    9 .................................................. ........................................ 23
    usw.

    (sorry für die unmathematische Darstellung, doch die Forumssoftware lässt keine bessere zu)


    Diese Abbildungvon natürlichen Zahlen auf Primzahlen (ist eigentlich nichts anderes, als eine Durchnummerierung, ein Abzählen der Primzahlen) kannst du unendlich fortsetzen. Das heisst, es gibt genauso viele natürliche Zahlen wie Primzahlen, nämlich unendlich viele. Bei Unendlich stößt nämlich die Logik an ihre Grenzen. Irgendwie. Und dennoch kann man - nicht immer - damit, also mit Unendlich (), rechnen und richtige Aussagen treffen.


    War noch was? Also zu den Primzahlen könnte man Bände füllen. Mir fehlt dazu das KnowHow und die mathematische Kompetenz. Die prominentesten Probleme zu den Primen, die noch ungelöst sind, möchte ich anführen:


    1. Die schwache Goldbachvermutung
    Jede gerade Zahl größer 2 ist die Summe zweier Primzahlen.


    2. Die starke Goldbachvermutung
    Jede ungerade Zahl größer 5 ist die Summe dreier Primzahlen.


    3. Die Riemannvermutung
    Zu kompliziert, um sie hier vorzustellen.


    4. Gibt es unendlich viele Primzahlzwillinge (Primzahlpaare mit Abstand 2)?
    Eine Abstimmung unter Mathematikern würde ein klares JA ergeben.


    5. Gibt es unendlich viele Primzahlpaare mit Abstand n (für n = beliebige gerade Zahl)? (Also 13 und 17 für n=4 oder 31 und 37 für n=6).


    Die Vermutungen 1, 2 und 4 gelten hochwahrscheinlich als zutreffend, doch es fehlt der strikte Beweis. Zu 3 kann ich nix sagen, das versteh ich nicht. Und 5 ist eigentlich nur die allgemeine Formulierung der Primzahlzwillingsvermutung. Nur eben mit größerem Abstand voneinander.


    Wozu brauch ich das? Wozu brauch ich Fußball, Literatur, soziale Kontakte, Eiscreme oder Schach? Im Grunde gar nicht. Dennoch lässt mich manches daran nicht los. Und so ich befass' mich lieber mit Primzahlen, Gravitation und Schachproblemen, als Lebenszeit mit Autos, Urlaubszielen oder sinnbefreiten Apps zu verschwenden.


    ***

  14. #64
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Nochmal Mathe, Zahlen, natürliche Zahlen, ein bissl Zahlentheorie. Haben wir alles schon bei den Primzahlen gestreift. Primzahlen sind ja eine Teilmenge der natürlichen Zahlen. Wir erinnern uns, natürliche Zahlen sind positive, ganze Zahlen, also 1,2,3,4,5,..... n. Und n kann jeden Wert einnehmen, beliebig groß werden, der Mathematiker sagt n geht gegen unendlich.


    Es gibt ein faszinierendes Matheproblem, das bislang ungelöst ist, von dem viele Mathematiker sagen, es sei vielleicht unlösbar oder unsere bisher bekannte Mathematik reiche nicht aus, es zu entscheiden. Jetzt meint man vielleicht, hui, das muss aber kompliziert sein, allein die Frage schon müsse wohl für den Menschen mit Maturaniveau unverständlich sein. Im Gegenteil! Die Fragestellung setzt nur das Verständnis der 4 Grundrechenarten voraus. Kann also von jedem Volksschüler verstanden werden. Und da hört die Einfachheit schon auf.


    Also, das Problem läuft unter dem Namen Collatzvermutung oder Collatzproblem. Warum? Weil es von dem deutschen Mathematiker Collatz erstmals einer breiteren Mathegemeinde vorgestellt wurde. Da es so einfach ist, dürfte es aber von vielen Mathematikern an vielen Zeiten und Orten bereits formuliert worden sein, wurde aber vielleicht seiner scheinbaren Trivialität wegen nicht weiter beachtet oder fand nicht den Weg in die Öffentlichkeit. Es gibt einige Mathematiker, die für sich die Urheberschaft beanspruchen, doch das interessiert hier nicht. Es geht mir um das Problem selbst und nicht die Eitelkeit einiger Mathematiker.


    Also, wie geht das nun? Es ist ganz einfach, besteht nur aus 2 einfachen Operationen:


    Man nehme eine natürliche Zahl n.
    Ist n gerade, dividiere sie durch 2: n/2
    Ist n ungerade, so verfahre wie folgt: 3n+1
    Mit der neuen Zahl verfahre genau so, immer weiter, immer weiter ....
    Weil jedes gerade n durch 2 dividiert wird, beginnt man gleich nur mit ungeraden Zahlen.


    Die Frage lautet: führt jedes n am Ende zu 1?


    Beispiel: n sei 7. Das ergibt die Folge: 7, 22, 11, 34, 17, 52, 26, 13, 40, 20, 10, 5, 16, 8, 4, 2, 1. Fertig.


    Der Einfachheit nehmen wir als Regel nicht 3n+1, sondern verbinden es gleich zu (3n+1)/2. Warum?Weil 3n+1 immer eine gerade Zahl ergibt (weil n ja ungerade sein muß, um diesen Schritt zu tun, siehe oben) und gerade Zahlen durch 2 zu teilen sind.


    Die Folge für 7 lässt sich dadurch vereinfachen zu: 7, 11, 17, 26, 13, 20, 10, 5, 8, 4, 2, 1.


    Und das soll so schwer zu lösen sein? Dachte ich auch. Dabei hatte ich noch nicht mal ansatzweise Tiefe und Umfang der Frage verstanden. Es hat sich herausgestellt, dass bis heute nicht mal der Ansatz zur Lösung des Problems gefunden wurde. Es scheint eine Art Solitär mathematischer Fragestellungen zu sein, ein zahlentheoretischer Monolith mit kaum Korrelationen zu anderen Gebieten oder Problemen. Paul Erdös, ein bedeutender Mathematiker, bezeichnete das Collatzproblem als 'hoffnungslos'. Wer bin ich, ihm zu widersprechen?


    Bis heute hat man die Folgen bis zu einem n = 2 exp 68, oder eine 3 mit 20 Nullen, berechnet und alle führten zurück zu 1. Man nimmt daher sehr stark an, dass die Vermutung, dass alle Collatzfolgen für natürliche Zahlen früher oder später bei 1 enden, zutrifft, aber der saubere mathematische Beweis dafür fehlt. Und es scheint so, als könnte er vielleicht nie gelingen.


    Wie wäre es, wenn man(3n-1) statt (3n+1) für die Bildung der Collatzfolgeverwendete? Dann wäre bei n=5 schon Schluß, denn diese Folge lautete:


    5, 14, 7, 20, 10, 5, 14, 7, 20, 10, 5, .... ad infinitum


    Womit bereits bei 5 die Collatzvermutung, dass nämlich alle ganzen Zahlen auf 1 zurückfielen, widerlegt wäre. Warum macht es so einen großen Unterschied, ob man zur Bildung (3n-1) oder (3n+1) nimmt? Das weiß keiner. Kennte man den Grund dafür, wäre man wohl der Lösung des Problems einen Riesenschritt näher. Womöglich, vielleicht aber auch nicht.


    Das Faszinierende an der Mathematik, besonders aber der Zahlentheorie ist, dass ganz einfache Fragen zu höchst komplexen, oft unlösbaren Problemen führen. Das berühmteste Beispiel ist wohl der große Satz von Fermat aus dem 17. Jahrhundert, der beschäftigte die Mathematiker über 300 Jahre. Er lautet:


    Ist n eine natürliche Zahl größer als 2, so ist die n[IMG]file:///C:/Users/Hannes/AppData/Local/Temp/lu63761frlk3.tmp/lu63761frlq1_tmp_2e5abdef5c48fe8f.gif[/IMG] -te Potenz keiner positiven Zahlgleich der Summe zweier ebensolcher Potenzen. Oder anders ausgedrückt:


    a exp n + b exp n = c exp n stimmt für kein n > 2.


    Wir kennen diese Formel bereits als den Satz von Pythagoras. Da ist n=2 und es gibt unendlich viele Lösungen. Der Satz von Fermat wurde erst 1994 durch Andrew Wiles bewiesen.


    Wenn schon einfache Fragen bei den simplen positiven, ganzen Zahlen (also den 'natürlichen' Zahlen) zu komplexen Problemstellungen führen, die selbst die klügsten Mathefuzzis überfordern oder über Jahrhunderte beschäftigen, dann liegt doch nahe, dass das Webmuster, der Bauplan der natürlichen Zahlen ein ebenso komplexer ist. Es gibt offensichtlich unübersehbar viele verborgene, schwer auffindbare und verstehbare Beziehungen, Korrelationen, Gesetzmäßigkeiten in der unendlichen Menge der natürlichen Zahlen - und nicht nur dieser. Was mich zu der Frage führt, woher diese komplexen Gesetzmäßigkeiten stammen, was sie bildet, was sie formt und festlegt?


    Ist es der Mensch, der sich die Mathematik ausdenkt und nach seinem Denkbild formt? Sind es allgemein gültige Gesetze, universell, unabhängig von Zeit und Ort? Anders gefragt, ist Mathematik eine Erfindung des Menschen oder eine Entdeckung? Sind die Regeln und Gesetze der Mathematik immer schon vorhanden gewesen, unabhängig davon, ob ein aufrecht gehender Affe darüber nachdachte und sie schrittweise entdeckte? Die allermeisten Mathematiker und Wissenschaftstheoretiker werden diese Frage bejahren. Auch ich bin mir ziemlich sicher, dass der Satz von Pythagoras, Newtons Mechanik, Keplers Planetengesetze und Einsteins Relativitätstheorie immer schon galten und nicht erst von diesen Köpfen erdacht und erfunden wurden. Sie haben diese universellen Regeln entdeckt, nicht erfunden.


    Was für die Mathe gilt, gilt letztlich für alle Wissenschaft. Wir entdecken die Welt, wir erfinden sie nicht. Andernfalls wäre der Kosmos ja eine bloße Vorstellung des Menschen ohne reale Basis. Womit wir beim Idealismus, beim Solipsismus im besonderen gestrandet wären. Wer annimmt, die Welt wäre eine Vorstellung des Bewusstseins, eine bloße Imagination ohne reale Dinge und Sachen, der glaubt auch an Gott und Teufel. Ich weiß nicht, was lächerlicher ist. Die verschrobene Ansicht einer idealen Welt oder die Armseligkeit des solipsistischen Autismus. Streng logisch ist natürlich die Existenz einer realen Außenwelt unabhängig von meinem Bewusstsein nicht zu beweisen. Ich kann alles als Vorstellung meines - rein geistigen - Bewusstseins abtun. Der Gegenbeweis ist unmöglich. Ebenso kann die reale Existenz einer von meinem Bewusstsein unbhängigen Außenwelt nicht widerlegt werden. Das ist ein akademischer Streit um Gottes Bart.


    Wenn mir einer mit Solipsismus kommt, frag ich ihn, ob er auch nur eine Einbildung meines Bewusstseins ist. Ich konfrontiere ihn mit der Konsequenz, dass dann all die erstaunlichen Erkenntnisse großer Geister wie die Allgemeine Relativitätstheorie, die ganze Mathematik, die Quantenphysik, die unüberschaubare Welt der Chemie, der Biologie, der Kosmologie etc. etc., dass all das, was ich nichtmal ansatzweise weiß und verstehe, dass das alles von meinem Bewusstsein erdacht und erfunden worden sein müsste. Woher hab ich armer Tropf all dies unendliche Wissen?


    Solipsismus ist Hirnwichserei. Sonst nix. Mit Verlaub. Apropos Hirnwichserei. Womit wir bei der Philosophie wären und ihrer missratenen Urahnin der Theologie. Ich sag mal, wer sich heute noch ernsthaft als Philosoph bezeichnet und das womöglich professionell betreibt als Freischaffender, Lehrender oder Buchautor, der hat entweder einen an der Waffel oder er betreibt unlautere Geschäfte. In der Philosophie sind alle Fragen und Probleme geklärt. Da kommt nichts Neues mehr. Kann nichts Neues mehr kommen. Spätestens seit Kant ist alle Philosophiererei Wiedergekäue, Plagiat oder Variation des Ewiggleichen. Plato, Sokrates bis hinauf zum ollen Königsberger, die haben das Terrain abgesteckt, abgegrast, versiegelt. Da spriesst kein Halm mehr. Alles, was danach kam, ist reine Philosophisterei! Von Theologie will ich gar nicht reden, Vergeudung von Lebenszeit.


    Ein skeptischer Realismus dürfte das Beste sein, was wir an Erkenntnis erlangen können. Dass da etwas ist, kann ich nicht leugnen. Dass das nur mein Denken sei, ist Unfug. Da ist etwas und etwas viel mehr als mein Bewusstsein ausserhalb dessen. Was die Dinge sind, kann ich unmittelbar nicht erkennen und erfahren. All meine Eindrücke und Wahrnehmungen sind mittelbar, indirekter Natur. Meine Welt ist das, was Sinne, Nerven und Gehirn mir vermitteln. Die Welt selbst bleibt mir unerreichbar. Obwohl ich Teil davon bin, trennt mich eine unüberwindbare Barriere vom Wesen der Dinge. Selbst mein eigenes Wesen bleibt mir verborgen. Ich erfahre es nur über den Spiegel der Reflexion. Höhlengleichnis. Alles, was ich erkennen, erfahren, spüren, fühlen, denken kann, ist Spiegelung, Projektion.


    Sonst noch was? Selbst die aktuelle Wissenschaft - ich meine speziell die Physik - übt sich in einer grundsätzlichen und sympathischen Bescheidenheit. Sie gibt nicht vor, etwas über das Wesen der Dinge auszusagen, sondern bloß über die Bedingungen, wie diese Phänomene miteinander interagieren, aufeinander reagieren. Materie ist einmal Teilchen, einmal Welle, einmal Masse, einmal Energie, je nach Bewegung, Messung und anderen Umständen. Der genaue Ort und Zustand eines 'Teilchens' sind zusammen nicht messbar, es bleibt eine Ungenauigkeit, eine Unschärfe. Entweder bestimme ich den Ort, dann verliere ich andere Eigenschaften des Teilchens. Und umgekehrt. Das ist eine prinzipielle Geschichte. Ähnlich wie beim Ding-an-sich des ollen Kant. Wobei die Physiker das aus Experimenten herausdestillierten, Kant aus eigener Überlegung. Er hätte irren können. Die Experimente nicht, lediglich deren Interpretation.


    Was in der Physik heute die große Frage, das Problem schlechthin darstellt, ist die Unvereinbarkeit von Quantenphysik und Allgemeiner Relativitätstheorie. Beide Theorien sind tausendfach experimentell bestätigt und dennoch sind sie unvereinbar. Na wenn das keine Herausforderung ist! Das Schöne an der Physik ist, man kann die Natur mit Experimenten knallhart befragen. Und sie muß antworten. Sie antwortet immer! Und wir können aus den Antworten Erkenntnisse gewinnen. Vor allem dann, wenn die Antworten unseren Erwartungen oder Theorien widersprechen. Das sind dann die Momente des Fortschritts in der Physik. In Philosophie und Theologie hast du keine unabhängige, unbestechliche, unbeirrbare, fehlerfreie Instanz, die du fragen kannst! Deshalb bleib ich lieber bei Mathe und Physik, als bei Philosophie und Theologie.


    ***

  15. #65
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe



    Jetzt mal nix mit Klima, Flutkatastrophen, E-Mobilität, Digitalisierung oder Genderwahnsinn. Was ganz Harmloses, Unverfängliches, Unpolitisches. Was aus der Küche. Es soll ja Leute geben, die noch selber ihre Mahlzeiten zubereiten. Also auch richtig Kochen, Braten, Brutzeln und so. Die auch noch was anderes zu sich nehmen als Burger, Pizza und Currywurst. Autsch. Aufpassen. Nix gegen Fleisch und Co. Sonst ist gleich Sense mit harmlos und unpolitisch. Keine Angst. Nix gegen Fleisch und Co. Jedem seine Droge. Rezeptfrei.


    Dennoch mal eine Lanze für Grünzeug, Körndl und Gemüse. Weil Sommer ist. Und jeder sowas selbst säen, heranziehen und ernten kann. Auch ohne Garten, Balkon oder Terrasse. Ja, selbst in der Wohnung kannst du ein paar essbare Sprösslinge kultivieren. Und deren Früchte ernten. Zum Beispiel Chilis, Paprika, Paradeiser oder Kräuter. Da kannst du zuschauen wie die keimen, sprießen, wachsen, Früchte ansetzen, größer werden und schließlich reifen. Mitbewohner der anderen Art. Die dazu schmecken und nicht viel Ansprüche stellen. Ein Topf Erde, Wasser und vielleicht mal eine Düngergabe. Und, es geht weniger ums Ernten, als vielmehr ums Beobachten, Lernen und Staunen. Wie sich da aus einem Samenkorn eine Pflanze ent-wickelt, nach oben schiebt, ad lucem strebt, blüht, Früchte ansetzt - vielleicht muß du bei der Bestäubung nachhelfen, jede Gattung hat da so ihre Eigenheiten - und dich am Ende mit einer mehr oder weniger geglückten Frucht beschenkt.


    Wen das nicht rührt, in Staunen versetzt, der muß schon ein recht verstocktes Digitalherz haben, ein brettgestirntes Betonhirn. Na ja, nur keine Ressentiments. Wir sind ja divers, verschieden und jedem sein individuelles Himmelreich. Chacun à son goût. Apropos goût. Vergleich mal einen frisch gepflückten Paradeiser mit einer Matschtomate aus dem Discounter deines Mißtrauens. Wenn da deine Geschmacksrezeptoren nicht Amok laufen, weiß ich auch nicht. Unsere Sinne sind diesbezüglich ja schon ziemlich degeneriert. Auf ein Niveau unter Meeresspiegel verkümmert, dass wir recht verstört reagieren, kriegen wir mal was Frisches, Urwüchsiges zwischen die Kiefer. Wer kann, gehe mal auf eine Wiese, wo ein paar alte, verkrüppelte Apfelbäume stehen. Wer suchet, der findet. Und er pflücke zur rechten Zeit einen der drauf hängenden Äpfel. Also, was du nach anfänglichem Zögern als Apfel identifizieren musst. Weil es eben keine Birne und keine Zwetschke ist. Klein, mit Schorf übersät, paar Wurmlöcher inclusive liegt er in deiner Hand. Und dann beiß mal rein. Furchtlos, mit Todesverachtung. Und dann wart mal auf die Reaktion deiner Süß-sauer-bitter-herb-Sensoren. Und was die Nase dazu beträgt. Und es könnte sein, dass du ein Erweckungserlebnis hast. So ein daja-vu ohne Erinnerung. So ein das-gibt's-doch-nicht. Und wenn nicht, dann hast du halt Pech gehabt. Oder bereits irreparabel geschädigte Geschmacksnerven.


    Das gleiche Experiment geht auch mit anderen Obstsorten, ja eigentlich mit allem, was hierzulande so wächst und genießbar ist. Und es betrifft nicht nur frisch Gepflücktes, es funktioniert auch bei selbst Gekochtem. Vorausgesetzt, du nimmst frische, möglichst naturbelassene Zutaten. Also Mehl etc. fürs selbst gebackene Brot, oder Erbse, Karotte und Co. fürn Eintopf, die Gemüsepfanne oder den Auflauf. Woher aber, wenn nicht stehlen? In der Tat nicht einfach. Vielleicht vom Wochenmarkt, aus der Gärtnerei 3-mal um die Ecke, aus Tante Ernas Schrebergarten oder Onkel Tonis Glashaus. Hast du einen Balkon, reservier mal 1-2 Quadratmeter, bau dir ein Hochbeet und dann nix wie los. Viel schief gehen kann da nicht. Ausser du bewässerst statt deiner Plantage den Balkon des Nachbarn unter dir. Also, bitte bissl Sorgfalt beim Beetbau. Es gibt auch schon Plastikcontainer beim Baumarkt. Igitt. Da kannst du gleich die Mülltonne nehmen. Und dann setz da mal ein paar selber herangezogene Sprösslinge ein: Salat, Gurke, Paprika, Paradeiser, Karotte, Kohlrabi, Radi und Co. So viel halt Platz hat. Und dann begleite, pflege, gieße, zupfe, lockere die Krume, gibt bissl Kompost oder organischen Dünger. Wenn du ein grünes Händchen und ein bissl Glück hast, wirst was ernten. Und wenn dir das nicht Glücksmomente beschert, dann weiß ich auch nicht. Dann verkauf dein Hochbeet wieder und hock dich vor den Computer oder spiel mit dem Handy.


    Wer einen Garten hat und sich die Mühe macht, einen Teil seines Gemüses selbst zu erwirtschaften, der weiß, dass das einige Zeit und Schweißkostet. Und einiges an Know-How, das man sich erst hart erarbeiten muß. So ein Garten hat aber den einen, vielleicht entscheidenden Vorteil: Man hat weniger Zeit auf dumme Gedanken zu kommen. Man richtet - ausser vielleicht an den Kulturen - weniger Schaden an seiner Umwelt, seinen Mitmenschen und in sonstigen Daseinsbezirken an. Gärtner sind an sich friedvolle Menschen, selten Mörder - auch so ein Klischee - und manchmal sogar ästhetisch begabt. Kurz, wer gärtnert, hat weniger Gelegenheit, Dummheiten zu begehen, die über seine Rabatte und Beete hinaus reichen. Und das rede mir niemand klein! Würden die Menschen mehr Garteln, sähe die Welt anders aus. Wetten, dass?


    Keine Frage, es gibt auch die Brachialgärtner. Leute, die kein Unkräutlein dulden, gleich mit der Giftspritze zur Stelle sind, wenn sich wo ein Insekt zeigt. Leute mit Nulltoleranz gegen alles, was sie Schädlinge, Parasiten, Störenfriede nennen und seien es bloß harmlose Tierchen, die gemeinhin als Nützlinge bekannt sind wie Marienkäfer, Ohrenschliefer, Bienen und Ameisen. Es sind auch die Leute, die sich häufig über Schädlingsbefall, Missernten und Kümmerwuchs ihrer Nutzpflanzen beklagen. Das sind die Gärntner, die nicht kapieren, dass so ein Garten ein hochvernetztes Gesamtlebewesen ist, wo alle Teile zusammenwirken. Nimmst du zu viele Ziegelsteine aus dem Gebäude, wird es teilweise oder ganz einbrechen. Ein bissl leben und leben lassen gehört zu einem funktionierenden Garten. Was nicht heisst, dass man bei auftretenden Unbillen nicht intervenieren soll. Natürlich muss man gießen, wenn es nicht genug regnet, natürlich musst du bei starkem Befall mit Läusen eingreifen. Doch bevor du zur Giftspritze greifst, entferne die Viecher mechanisch mit einem Pinsel, besprühe sie mit einer harmlosen Brühe wie einer Seifenlauge oder Brennesseljauche. Das reicht meist aus und bringt nicht mehr Nützlinge um als Parasiten.


    Es gibt auch die kleinen Katastrophen des Gartelns So wie heuer, wenn es partout nicht regnen will. Wenn die Wiese einem braunen Stoppelfeld gleicht, wenn Büsche und Bäume die Blätter hängen lassen und gießen nicht reicht, um Todesfälle bei Bruder Baum und Schwester Strauch zu vermeiden. Wenn Hagel Stämmchen und Triebe bricht, wenn Hitze sensiblere Naturen erschlägt, wenn Sturm und Wind den Boden zusätzlich austrocknen und Früchte von den Ästen schütteln. Nach so einem Wetter kann dein Garteparadies aussehen wie das Kampffeld einer apokalytischen Reiterschlacht. Da liegen die Leichenteile deiner Lieben abgeschlagen, zerfetzt und zerrissen verstreut am Boden. Du kannst nur noch aufsammeln, zusammenklauben, alles auf den Kompost werfen. Da kriegst du eine Ahnung von Vergänglichkeit und Naturgewalt. Was wir auch dieser Tage im Großen erleben. Da hilft keine App und kein Käsbook, da bist du zurückgeworfen auf die Biologie. Aber was unke ich alter, weißer Mann da zusammen? Digitalisierung und E-mobility, green-deal und eco-nomy sind alternativlos und überhaupt: wer, wenn nicht wir? Wir schaffen das.


    Bin ich schon wieder abgedriftet. Bleib doch im Garten! Und dazu gehören für manche? Was, wer? Klar! Die unvermeidllichen, lieblichen, gehassten, geliebten, verachteten, verehrten: Gartenzwerge! Und wenn schon, dann das ganze Kitschprogramm! Ich halte nichts von Gartenzwergen aus nachhaltigem Anbau, biologisch gezogen, aus Ton oder Stein, naturfarben, ökologisch verträglich und unverwüstlich. Wenn schon, dann 'made in PRC', aus billigstem Plastikmüll, kitschig eingefärbt, mit Giftpigmenten, die bei den ersten Sonnenstrahlen abblättern und den Boden kontaminieren. Die Dinger müssen nach einer Saison schrumpeln, verwittern und zusammensacken. Kommen dann in den Sondermüll und werden aus dem Baumarkt nachgekauft. Wie? Das ginge gar nicht, das sei ja gegen jede Gartenmoral, gegen jedes Grünhändchenethos? Mag sein, ist aber doch voll systemkompatibel: 'buy and bin', kauf und wirf weg!


    Na gut. Das war jetzt nicht grad Ironie vom Feinsten. Ich rate dem Hobbygärtner zu geschmackvolleren Accessoires: Büsten von Göthen oder Schillern aus Alabaster, Beethovens Totenmaske oder einen Faun aus Gips. Steinkugeln und Vogelskulpturen aus Alteisen sind auch noch erlaubt. Und was in keinem naturnahen Garten fehlen darf: das modische Insektenhotel. Gibt's in verschiedenen Varianten im Baumarkt oder zum Selberbauen für den handwerklich begabten Gartler. Wobei, wer nicht jedes Unkräutlein ausreisst, wer Rindenstücke, Astreste, Grasschnitt und Laub in einem schattigen Eckchen sammelt und verrotten lässt, der braucht kein Insektenhotel. Und kein Glyphosat, Pestizid und Herbizid. Der lässt leben und überleben. Und überlässt die Natur der Natur.


    Das ist doch mal ein positiver, optimistischer Schluß!


    ***

  16. #66
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    2. August 2021. Endlich hat es vergangene Woche ausgiebig geregnet. Nach Wochen mehrerer Hitzewellen und anhaltender Trockenheit ein Labsal. Und die Hoffnung, dass dieser Sommer bald Geschichte ist. Momentan lodern am Mittelmeer die ohnehin zunderdürren Wälder, plagt unmenschliche Hitze Leute und Tiere, verbrennen in Kalifornien und im Westen der USA riesige Feuer alles, was Feuer fängt, herrscht überall Wassermangel und und und. Und wir, wir denken nicht daran, unser Wirtschaften und Konsumieren radikal zu ändern. Wir warten lieber bis auch uns Katastrophen ereilen. Wir reden und palavern halt, organisieren Klimakonferenzen, wenden uns Corona zu, weil das ist ja viel dramatischer. Typische Verdrängungshaltung, kognitive Dissonanz oder wie meine Oma sagte, wer nicht hören will, muss fühlen. Und meine Oma hatte bekanntlich, ja eben.


    Ich begreife nicht, warum es sooooo schwer zu kapieren ist, dass Klima, Wetter, Bodenbeschaffenheit, Pflanzenwachstum, Biosphäre überhaupt, dass all diese Phänomene zusammenhängen, korrelieren, wie man heute so schön sagt, aufeinander wechselseitig wirken und wir als Spitze der Nahrungskette am meisten davon abhängen. Wie sagte einst Sitting Bull oder war es Winnetou?, also wie sagte der alte Häuptling der Indianer - 'tschuldigung, darf man ja nimmer sagen -, also wie sagte der Gute: Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.


    Statt Geld könnte man auch sagen E-Autos, Aktienportfolios, Windkraftanlagen, Exportstatistiken, Arbeitsplätze, Eigentumswohnungen etc. etc. Es waren übrigens die Cree, denen man diese so einfache wie einleuchtende Weissagung zuschreibt. Egal. Je einfacher, desto weniger beachtet, umso schneller verdrängt, könnte man meinen. Mensch scheint für den Katastrophenmodus nicht gemacht. Obwohl Mensch seit seiner Werdung andauernd Katastrophen produziert. Früher lokal, begrenzt, heute zunehmend global, apokalyptisch. Homo sapiens eine Sackgasse der Evolution? Sieht so aus. Wo sind sie, die Utopien? Die Fortschrittsverheissungen vom ewigen Frieden, ewigen Wohlstand, ewigen Leben. Der ewige Friede droht ein Friedhofsfrieden zu werden, der ewige Wohlstand löst sich in CO2, Methan und Rauch auf, das ewige Leben verkommt zum Fluch. Die Lebenden werden die Toten beneiden. Aber ewiges Leben ist sowieso ein Unding, eine Wunschvorstellung von Menschen mit der Intelligenz einer Amöbe. Sie möge es mir verzeihen, die geschätzte Amöbe.


    Haben wir es schon verschissen? Grade in den Nachrichten gehört, welch apokalyptische Zustände in Griechenland und der Türkei herrschen. Viele Brände in Süditalien sind angeblich von Menschen gelegt worden. Ich sage trotzdem Menschen. Weil es anscheinend zutiefst menschlich ist, dumm, blind vor Gier und selbstzerstörerisch zu sein. Bleibt die Fragen, wie konnte es dieses missratene Tier so weit bringen in der Evolution? Wieso sind wir nicht schon längst ausgestorben? Das verblüfft mich total. Ein derart blödes, größenwahnsinniges Tier müsste doch längst den kollektiven Suizid vollbracht haben. Aber vielleicht sind wir ja grad dabei. Mitten drin. Im globalen Rausch der Selbstverbrennung.


    Bin ich verrückt? Übertreibe ich maßlos? Warum treibt mich diese Scheiss Klimafrage so um? Warum kümmere ich mich überhaupt ums Überleben der Mißgeburt Homo sapiens? Was aus der Art schlägt - evolutionär gesehen - muß einfach zugrunde gehen. Das ist so klar und durchsichtig wie, wie was? Wie destilliertes Wasser, ein Bergkristall oder die Argumente der Fortschrittspropheten und Berufsoptimisten. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wenn der Irrsinn zur Normalität wird, die Normalität bald zum Irrenhaus wird.


    Grade im Radio gehört, dass der WWF warnt, der Neusiedler See sei am Austrocknen. Viele der Salzlacken - das sind salzhaltige Feuchtbiotope am Rande des Sees - sind schon weg. Und mit ihnen viele seltene Pflanzen und Tiere, die genau diese Salztümpel zum Überleben brauchen. Schuld sei übrigens nicht in erster Linie der Klimawandel - auch, aber nicht an erster Stelle - , sondern die Landwirtschaft, die immer mehr Wasser zum Bewässern ihrer Kartoffeläcker und Sojaplantagen (!), sowie für Maisfelder entnimmt. Zudem erweisen sich die schon vor hundert Jahren angelegten Entwässerungskanäle nunmehr als Fluch, weil sie dem See zusätzlich Wasser entziehen. Mehr Hitze, weniger Regen, mehr Bewässerung der Felder und der See stirbt. Ein Vertreter der Landwirtschaftskammer war zu hören, der patzig und vor Uneinsichtigkeit strotzend sinngemäß erklärte: Na ja, wenn die Leute keine Kartoffeln aus Österreich mehr wollen, dann ......
    Dass, wenn der See vertrocknet ist, es auch mit der Bewässerung zu Ende ist, scheint dem guten Mann nicht zu bekümmern.


    Ist es wirklich zu viel verlangt, einmal um die Ecke zu denken? Für die meisten von uns anscheinend schon. Die Fantasielosigkeit und ein Mangel an Vorstellungskraft lassen uns in dem fatalen Glauben, es wird schon irgendwie weiter gehen und schon nicht so arg werden. Ja, es wird irgendwie weiter gehen, doch für immer mehr Menschen immer ungemütlicher und bedrohlicher. In der Wirtschaft wird nur noch bis Quartalsende im Detail, bis Geschäftsjahresende grob geplant. In der Politik maximal bis zu den nächsten Wahlen. In der Klimapolitik offensichtlich überhaupt nicht. Da begnügt man sich mit frommen Absichtserklärungen. Ist irgendeinem der verantwortlichen Hallawachel - ein leider aussterbendes Wort, nicht mal Google bringt eine 'Übersetzung' dafür; ich auch nicht, ich denke, man kann sich vorstellen, was gemeint ist - klar, dass wir die angstrebten 1,5° nie und nimmer erreichen werden? Wir sind jetzt schon bei 1,1° global. Ist es so schwer zu kapieren, dass die Erwärmung des Planeten weitergeht - viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte - selbst wenn wir global alle klimarelevanten Emissionen auf Null reduzierten? Ich wundere mich nur, dass auch die selbsternannten Klimaforscher nicht lauter und penetranter darauf verweisen, welche Nachlaufzeiten beim Klima herrschen. Bin ich total verrückt oder die anderen? Ich komme mir ja vor wie ein klimatologischer Geisterfahrer.


    Na gut, wenn sich Mensch kollektiv umbringen will, mir soll's recht sein. Komme keiner zu mir und jammere mich an. Ich bin nicht die Klagemauer. Und das Gezeter wird auch nix nützen. Zum hundertsten Mal: die Naturgesetze sind keine demokratische und schon gar keine nach Wünschen und Ängsten sich richtende Veranstaltung. Die kennen kein Pardon und zucken nicht mal mit der Celsius- oder Fahrenheitwimper, wenn wir dahinschmelzen. In vielen Regionen der Nordhalbkugel herrschten und herrschen diesen Sommer Temperaturen jenseits der 40°. Das hält kein Organismus aus. Der Mensch stirbt ab einer Körpertemperatur von 42,5°. Ist er längere Zeit Temperaturen darüber ausgesetzt, kann der Körper nicht mehr ausreichend kühlen und wir sterben. Was nun eine durchschnittliche globale Erwärmung um 3° und mehr - und wir sind auf dem besten Weg dahin - bedeutet, das mag ich mir gar nicht vorstellen. Große Gebiete werden dann über längere Zeit 50° und mehr aufweisen. Da sterben mal alle Wirbeltiere und die meisten Insekten, fast alle Pflanzen. Und Mensch ohne Klimaanlage sowieso. Und darauf kommt keiner? Das kann sich keine unserer Intelligenzbestien vorstellen, soweit reicht die Fantasie nicht?


    Hoffnungsloser Fall, dieser 'weise' Affe. Warum treibt mich das um? Was geht es mich an? Hindere niemand mit Gewalt, in sein Verderben zu rennen. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Sagte meine Oma. Und meine Oma, ja. Leider stellt sich oft heraus, dass das Himmelreich eine echte Hölle ist. Im Fall des Weltklimas kann man das im voraus wissen. Wenn man will. Aber mann und frau und diverse wollen halt nicht. Sei's drum. Laß sie in ihr Verderben rennen. Dann ist endlich mal Ruh im Karton. Wir schinden und mißbrauchen diesen Planeten eh schon viel zu lange. Ist meine Meinung. Ganz privat. Was ist unsere Hinterlassenschaft? Ein vermüllter, zubetonierter, mit Giften kontaminierter Planet. Dagegen nimmt sich unser kulturelles Erbe ziemlich bescheiden aus. Ein paar kluge Bücher, ein paar Bilder und Statuen, ein bissl Wissenschaft. War noch was? Das wird alles verbrennen, zerfallen, zu Staub zerbröseln. Und das ist auch gut so. Am Ende, also ganz am Ende, wird die Erde eh von der roten Riesensonne verschluckt. Da verbrennt auch noch der letzte Rest vom Schützenfest.


    Noch was? Wie, nichts Katastrophisches, Dystopisches, Apokalyptisches mehr? Na, so ist es auch wieder nicht. Ich hätte schon ein paar Schmankerl auf Lager, doch laß ich's mal gut sein. Es gibt sie ja auch, die gute Nachricht. Die Chinesen haben eine praktisch schadstofffreie Batterie entwickelt, die nur aus Natrium, Mangan, Eisen, Kohlenstoff und Wasser besteht. Kein Lithium, kein Kupfer, keine seltenen Elemente wie Kobold und so. Mannomann, wie geil ist das denn? Ein Freifahrtschein für eine strahlende E-Mobilitätszukunft? Vielleicht. Industrie und Autojunkies können es eh kaum erwarten, mit ökologisch grüngewaschenem Gewissen weiter über Autobahnen, Landstraßen zu rasen, Parkplätze vor Einkaufszentren zu verstopfen, zum Urlaub am Strand, zum Schifahren oder zum Flughafen zu brettern. E-Fliegerei hingegen wird es noch lang nicht geben. Scheiss drauf. Die ganze Fliegerei wird eh überbewertet, trägt zu den weltweiten CO2-Emissionen fast nix bei. Da sollen doch andere erst mal voran gehen. Mit gutem Beispiel und emissionsfrei.


    Wir sind also doch auf gutem Wege, oder? Ich lese in allen Leserkommentaren zu Klimaartikeln stets die gleiche, mantraartige Formel: Nur Innovation und Technologie werden uns retten. Da sage noch einer, der Glaube spiele bei den Jungen keine Rolle mehr. Er ist stärker präsent denn je. Er hat sich nur gewandelt. Nicht Abraham, Jesus und Buddha sind cool, das Heil liegt in Digitalisierung, Ökologisierung und Besiedlung von Exoplaneten. Hallelujah!


    ***

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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Ich habe mich entschlossen. Oder durchgerungen. Nichtmal ein Mikrobenschritt für die Menschheit. Doch ein gewaltiger für mich. Ich werde das Feld räumen. Das Steinfeld genauer gesagt. Diese regenschattige, unfruchtbare, mit viel Schotter und wenig Erde angeschwemmte Senke zwischen den Wiener Hausbergen Semmering, Rax, Schneeberg und dem Wiener Becken. Ich zieh aus. Ich ziehe weg von hier. Das war der letzte Sommer in dieser hitzigen Ebene, dieser steinigen, trockenen. Und ziehe in ein kühles, grünes Tal. Das hoffentlich ein solches bleibt, solang ich noch lebe. Wird eine ziemliche Umstellung. Doch in meinem Alter ohnehin über kurz oder lang fällig. Kann Haus und Garten eh nicht ewig bewirtschaften. Kinder haben kein Intresse dran. Lieber früher, als zu spät weg von hier.



    Ich hatte Glück. Da wurde in jenem idyllischen Ort am Fuße von Schneealpe und Rax eine kleine Wohnung frei. Grad groß genug für mich alten Esel. Wenn ich Beine und Schwanz einziehe. Und Kopf auch. Der Ort liegt in einem Tal, das ebenda endet. Am Fuße von Schneealm und Rax. Kein Durchzugsverkehr, ein Sacktal quasi. Arsch der Welt sozusagen. Kein Nahversorger. Ein Wirtshaus. Die Häuser hab ich noch nicht gezählt. Die Einwohner auch nicht. Kaum Tausend schätz ich, verteilt auf 4 km. Dafür ein Bus in die Gemeinde, der wir angeschlossen sind. Und ein Bus in die nahegelegene Bezirksstadt. 4 oder 5 mal am Tag. Immerhin. Für wann ich kein Auto mehr hab.


    Manche halten mich für verrückt. Aber ist nicht die Welt auch verrückt? Wer in einer verrückten Welt ganz normal ist, der muß krank sein. Oder so ähnlich. Bin mal gespannt. Wie das wird. Wie ich das verkrafte. Wie ich das durchhalte. Die Brücken brech ich jedenfalls ab. Haus wird verkauft. Das muß sein. Keine fall-back-option. Wie sagt man das auf Deutsch? Rückfallswahlmöglichkeit? Igitt. Also, wenn schon, denn schon. Werd ich zum Aussteiger. Oder Einsteiger. Wie man's nimmt. Einige Leute allerdings finden das eine räsonable Entscheidung. Also eine, die von mir zu erwarten war. Hm. Was immer das bedeuten mag.


    Ich bin der erste Klimaflüchtling in meinem Umkreis. War schon immer meiner Zeit voraus. Also manchmal. Hin und wieder. Glaub ich wenigstens. Besser ich hab die Wahl, als den Zugzwang. Wie viele Menschen haben keine Wahl. Sitzen eingeklemmt von einer Unzahl Sachzwängen - das Wort scheint nicht mehr in Mode zu sein, hab ich schon lang nicht mehr gehört; ist ja auch ziemlich abgenutzt und ramponiert - zwischen allen Stühlen: Job, Familie, Kinder, Karriere, Kreditraten, Konsum, Status etc., alles will bedient werden. Da geht's mir bestens. Ich bin frei. Also äußerlich. Ruheständler, schuldenfrei, soweit gesund (also rein subjektiv; zum Arzt gehe ich nur im Notfall), Single - also eher LP , da hab ich noch ne Menge von. Was also hält mich ab, jede Dummheit zu begehen, die ich mir leisten kann?


    Das wird jedenfalls spannend. Der Rest des Jahres wird sehr intensiv. Arbeitsintensiv. Entrümpeln, Haus räumen, alles weg, was ich nicht unbedingt brauche. Das wird eine Entschlackung! Eine Fastenkur der besonderen Art. Was ich nicht brauch, biete ich Familie und Freunden an. Kostenlos. Gegen Abholung. Der Rest kommt auf eine der Plattformen im Netz. Kostenlos. Gegen Abholung. Was dann noch bleibt, muß auf den Sperrmüll. Zum Glück bin ich kein Sammler. Und hab nur die nötigste Möblage. Da fällt nicht viel an. Der Horror wird der Keller. Da wurde alles abgelegt, was ich nicht aktuell brauchte. Eine Sammlung von allem möglichen und unmöglichen Glumpert. Eine Rumpelkammer der besonderen Art. Wohin mit dem Zeug? In der neuen Wohnung ist kein Platz. Im dortigen Kellerabteil auch nicht viel. Da passt nur das allernötigste rein: Werkzeug, 2-3 Regale für bissl Hausrat.


    Danach werde ich um ein paar hundert Kilo leichter sein. Was eine Erlösung. Reduktion aufs Minimum. Ich möcht mich reduzieren. Aufs Wesentliche. Auch wenn dann nicht viel bleibt. Sich selbst mit allen Macken nimmst du sowieso überallhin mit. Was brauch ich schon? Ein Dach überm Kopf und Natur. Und sonst nicht viel. Glaub ich. Mal sehen.


    Sonst nix viel Neues. Heute Nacht ein Sturmgewitter, Orkanböen, Hagel und dann Regen. Davor 4 Hitzetage mit über 30°, vor allem schwül. Für Mitte August nicht ungewöhnlich. Jetzt ein paar Tage bei entspannter Temperatur und ohne Unwetter. Angesichts des Kalenders dürfte das Ärgste überstanden sein. Schaut man sich mal die Temperaturkarte für Europa und angrenzendes Nordafrika und Vorderasien an, dann sieht man ab einer Linie Pyrenäen, Riviera, Adria, Balkan im Süden Hitzen mit bis zu 40° und mehr. Wir hier liegen grad so im Übergangsbereich, heiße Luft schwappt immer mal rüber. Wenn die atlantische Westtrift schwächer wird oder ausbleibt, dann kriecht diese Hitze auch zu uns. Eine Horrorvorstellung. Könnte aber bald so kommen.


    War noch was? Ach ja, die Collatz-Reihen. Ein Freund hat eine Menge Programme dazu geschrieben, die ungheure Grafiken und Diagramme auswerfen. Über Häufigkeiten, Längen, Besonderheiten der Reihen, linear und logarithmisch gefasst. Dabei kommen einige skurrile Eigenheiten der Collatzzahlen zum Vorschein. Im Billiardenbereich etwa gleich 54 aufeinanderfolgende Reihen der exakt gleichen Länge. 54 und nicht 42! Wenn das keine Sensation ist! Zu diesen abstrusen Reihen, die sich jeder exakten Beweisführung bisher erfolgreich widersetzten, fallen mir viele Fragen ein. Die ich alle nicht beantworten kann.


    Gibt es isolierte Zyklen, die nicht auf 1 zurück fallen? Das wäre eine Widerlegung der Vermutung.
    Gibt es Anfangszahlen, die divergieren, also ewig wachsen, gegen Unendlich streben? Wäre ebenfalls eine Widerlegung.

    Oder streben alle Zahlen endlich gegen eine Zweierpotenz und fallen dann ungebremst gegen 1? Das wäre der Beweis für die Richtigkeit der Vermutung.
    Warum gibt es offensichtlich eine durchschnittliche Standardlänge der Reihen - mit Ausreissern nach oben und unten? Je höher die Anfangszahlen - und wir reden hier vom Bereich um 2 hoch 68! - die Reihen werden nicht länger. Merkwürdig.
    Wie sind die Reihen mit Primzahlen verknüpft? Es gibt da auffällige Parallelen, doch keine griffigen Erkärungen.
    Wie kann so eine einfache Fragestellung, die jeder Volksschüler versteht, die besten Mathematiker überfordern? Ist die Zahlenwelt der natürlichen Zahlen - also nur ganze, positive Zahlen - schon so komplex und unbegreiflich, dass wir sie nicht verstehen?


    Sinnlose Fragen? Vielleicht. Doch vermitteln sie eine Ahnung von der Vertracktheit der Wirklichkeit um uns. Und eine feste Watschen für alle Solipsisten. Nach denen ja alles Wissen um die Welt nur in meinem eigenen, beschränkten Gehirne - hoppla, auch das gibt's nicht, weil's ja keine reale, physische Welt gibt - verortet und aus diesem selbst geboren wäre. Ich wäre also Pythagoras, Jesus, Kant, Einstein und all die anderen illustren Köpfe in einer Person! Würde mir das schmeicheln, wär ich wohl endgültig gaga. Und doch, so sehr es mir widerstrebt, der Solipsismus ist unwiderlegbar. Was nicht heisst, dass er nicht Blödsinn ist. Es gibt Fragen, die haben keine Antworten. Womit wir wieder bei Collatz sind. Ein geschlossener Zyklus 4-2-1-4. Huch, die ersten beiden Ziffern ergeben 42! We are lost, lost in time and space! 42! This is the end, beautiful friend, this is the end, my only friend, the end.


    ***





  18. #68
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Gesundheitswahn. Pflegeterror. Das Gesundheitssystem, die moderne Medizin, das Pflegedesaster, die Alterspyramide usw. Ein Blick ins Inferno oder schöne, neue Welt? Die Apologeten der modernen, evidenzbasierten Medizin werden nicht müde, die Segnungen ihrer Disziplin zu preisen und vom bevorstehenden Sieg über Krankheit und Tod zu faseln. Und das Herdenvolk lauscht ergriffen, hofft inbrünstig auf Befreiung von Siechtum und träumt von einem praktisch nie endenden Leben.



    Hallo? Sind wir alle total meschugge? Ein Blick in ein Pflegeheim, ein Krankenhaus würde genügen, uns eines Besseren zu belehren. Ein gut geführtes, vorbildliches Pflegeheim oder Spital versteht sich. Da ist alles klinisch sauber, die Bettwäsche ist frisch gewaschen, kein Mangel an Medikamenten und Pflegebehelfen. Der einzige Mangel könnte fehlendes, qualifiziertes Personal sein. Aber zu dessen Behebung wird ja an vielen Fronten gearbeitet. Versichern jedenfalls Sozialpolitiker und Gesundheitsökonomen. Schaust du genauer hin, wirst du hinter den blitzblanken Fensterscheiben und glänzenden Fußböden ein paar dunkle Flecke auf den weißen Leintüchern der Betten und Kitteln der Heilungsarmee entdecken. Und die wären? Gemach.


    Die moderne Medizin und die dahinter stehende Forschung kennen nur ein Ziel: Lebensverlängerung. Um jeden Preis, egal, was es kostet. Jedes Monat erhöhte Lebenserwartung wird als Erfolg gefeiert. Jeder Tote scheint eine narzisstische Kränkung der Bader und Kurpfuscher zu sein. Man führt den totalen Krieg gegen Krankheit und Sterben. Diese Verabsolutierung des Faktors Lebensspanne hat zu einer völligen Ausblendung anderer nicht ganz unwichtiger Parameter der Existenz geführt. Lebensqualität, Lebensfreude, Autonomie über das eigene Leben, Selbständigkeit, Freiheit, über sein Leben zu bestimmen. Das alles kommt im Kataster des medizinischen Werte- und Zielatlas nicht vor. Verlängerung des Lebens ist das einzige Gebot dem alles untergeordnet wird. Der, dessen Leben verlängert werden soll, wird nicht gefragt, ob er das wünscht. Der ist meist schon so konditioniert und indoktriniert, dass er nicht auf die Idee kommt, dieses Dogma der Lebenserhaltung um jeden Preis zu hinterfragen. Wie ein Huhn in der Legebatterie, das trotz der Erbärmlichkeit seiner Haltungsbedingungen blind dem Selbsterhaltungstrieb folgt, haben wir uns inzwischen selbst soweit entmündigt, dass eine kritische Haltung und Distanz zur eigenen Existenz gar nicht mehr in Betracht kommt.


    Unter Tabellen von Blutwerten, Zuckern, Fetten, Aminosäuren, Blutdruck per Handy-App, Venendurchfluß, Computertomografen, Magnetresonatoren, Defibrilatoren und Notarztarmaden ist das Verhältnis zu unserem Körper längst erdrückt und zerquetscht worden. Mein Organismus ist zum biochemischen Hochleistungsapparat degradiert worden, der jährlich zum TÜV muß, durchgecheckt, vermessen und auf seine Normkompatibilität geprüft wird. Und da finden die immer was. Wozu der Aufwand sonst? Da muss sich doch irgendeine Abweichung vom Soll finden. Das gehört schließlich zum Erfolgserlebnis eines Weißkittels, wenn er einen Mangel oder eine Abweichung vom Standard findet. Wär ja gelacht. Und dann geht's ans Ausprobieren, pardon, Therapieren. Computer weiß Rat. Findet die passenden Pillen und Tropfen, Salben und Einreibungen. Und schon wanderst du mit einem Rezept in die Apotheke, wo dir eine freundliche Dame im weißen Arbeitsmantel einen Schuber voll Schächtelchen über die blankgeputzte Glastheke schiebt und zu jedem in Windeseile die Einnahmemodalität dazu sagt: jeweils morgens, nüchtern, diese nach dem Mittagessen, das da zwischen den Mahlzeiten, jenes am Abend vor dem Zähneputzen und das um 3 Uhr morgens, Wecker stellen nicht vergessen!


    Jetzt haben sie dich. An der Angel, am Haken. Dein Denken wird bestimmt von Einnahmen, nicht monetären, nein, von denoralen, du misst mehrmals am Tag deine Blutdrücke, Zuckerwerte, Gewicht, Temperatur und Hautwiderstand. Wirst unsicher, wenn einer der Werte abweicht, misst nochmal und nochmal, rennst zum Arzt, befragst Dr. Google und vergisst, worum es eigentlich geht: Wohlbefinden und Gefühl für den eigenen Körper. Aus lauter Sorge um deine Gesundheit, vergisst du zu leben, dich wohl zu fühlen, zu freuen, zu genießen. Immer sitzt dir die Angst im Nacken, zuviel von dem gegessen, getrunken, zu wenig davon eingenommen, körperliche Ertüchtigung vernachlässigt, beim Training dem inneren Schweinehund nachgegeben zu haben. Du hörst Gesundheitsmagazine, schaust Medizinsendungen, liest Berichte über die neuesten Studien zu Ernährung, Immunabwehr, Fitness, lebensverkürzende Gewohnheiten, lebensverlängernde Aktivitäten. Du bist verwirrt. Nicht selten widersprechen einander die Studien, Metastudien und Experten. Gesundheit wird zum absoluten Ideal, dem du dich asymptotisch nur im Unendlichen nähern kannst. Krankheit jedoch ist der Istzustand. Du bist im ständigen Abwehrkampf gegen Keime, Mikroben, Feinstaub, Verunreinigungen in Luft, Wasser, Nahrung, Stress. Dabei ist dein ständiges Bemühen um gesundes Leben längst selbst zum Stress geworden.


    Wer ist krank? Der, der ängstlich sich jeden Genuß versagt, weil der ja seiner Gesundheit schaden könnte. Oder der, der sich mal eine Zigarette gönnt, auch mal mehr als ein Glas Wein oder einen fetten Burger? Wer ist krank? Der, der fortwährend seine Körperwerte beobachtet, misst und überwacht und bei der kleinsten Abweichung sofort gegensteuert. Oder der, der seinen Körper nur dann beachtet, wenn es mal wirklich weh tut oder längere Zeit nicht so schnurrt wie gewohnt? Gesundheit ist zum Götzen unserer säkularen, evidenzbasierten, objektivierten Weltanschauung geworden. Sie ist die Placeboreligion für den aufgeklärten Zeitgenossen. Sie ist zum höchsten Gut unserer Wohlstandsgesellschaft, ja zu einer ethischen Verpflichtung erster Klasse hochstilisiert worden. Wer ungesund lebt, ist asozial. Wer seinem Körper durch Genuß schädlicher Substanzen schadet, ist ein charakterloses Schwein. Der Katechismus der gesunden Lebensführung hat die 10 Gebote, die goldene Regel, den kategorischen Imperativ und selbst den Sozialismus ersetzt. Gut ist, was gesund ist. Gut ist, wer gesund lebt. Gesund zu sein und gesund zu bleiben, ist erste Bürgerpflicht. Raucher sind unsolidarische Schmarotzer, Trinker ebenso, Fettleibige fressen unseren Sozialstaat auf und Fitnessmuffel liegen uns früher oder später auf der Tasche. Das Rauchen hat man uns schon fast abgewöhnt. Wo darfst du heute noch rauchen? Nicht mal zu Hause auf deinem Balkon. Es findet sich immer ein Nachbar, den das stört und es gibt bereits Gerichte, die das Rauchen auf dem eigenen Balkon verurteilt haben. Auf dem Gehweg geht gar nicht. Die anderen Fußgänger zum Passivrauchen zwingen. Im Park auch nicht, weil andere immer in der Nähe sein könnten. Nicht mal im Wald und auf der Heide, wegen Brandgefahr. Wenn du heute sicher sein willst, in Ruhe und ohne bei der Polizei angezeigt zu werden, eine Zigarette zu rauchen, dann musst du mindestens ein Grundstück von ein oder zwei Hektar dein eigen nennen. Und dich in die Mitte, weit weg von potentiellen Nachbarn oder Fußgängern aufstellen.


    Übertrieben? Aber nicht sehr. Ich rede hier keineswegs dem Kettenrauchen, dem Alkoholismus, der Fresssucht, Drogenkonsum und Bewegungsarmut das Wort. Das gibt es alles und das sollte man vermeiden oder sich abgewöhnen, sich Hilfe suchen, wenn man will. Denn Sucht ist ungefähr das Gegenteil von Genuß. Doch aus irgendwelchen Regeln für ein gesünderes Leben Dogmen und soziale Standards zu zimmern, deren Übertretung mit sozialer Ächtung und moralischer Aburteilung geahndet werden, halte ich für völlig abwegig. Das ist überhaupt der Fluch aller an sich vernünftigen Aufklärungs- und Reformbewegungen, dass sie ab einem gewissen Stadium ins Totalitäre gleiten, Normen und Tabus aufstellen, deren Übertretung geächtet und geahndet wird. Ich behaupte, dass jede gesellschaftlich relevante Bewegung sich irgendwann in ihr Gegenteil verkehrt. Bestes Beispiel die Religionen. Ich erspare mir Details. Ich sag nur Jesus und Vatikan. Oder die Aufklärung. Angetreten, Mensch aus selbstverursachter Unmündigkeit zu befreien, ist aus ihr längst ein Risiko des kollektiven Suizids der Menschheit geworden. Über die Umwege Wissenschaft, Technik, Industrialisierung, Kapitalismus etc. etc. sind wir von Unmündigen zu Gefangenen und Getriebenen geworden. Oder Sozialismus. Auch Teil der Aufklärung, versuchte er, deren Auswuchs Kapitalismus wegzurevolutionieren. Stagnierte und bürokratisierte sich am Ende selbst weg. Weitere Beispiele gäb's genug, ich sag nur Landwirtschaft, Mobilität, Ernährung, ... und Medizin. Ihr Fortschritt hat sich längst gegen uns gewandt, ist längst Selbstzweck. Nicht Lebensqualität steht im Mittelpunkt, nur noch Lebensverlängerung. Aber das hatten wir schon.


    Pflege. Ein sehr weites, großteils grauenhaftes Feld. Die Medizin schafft die Fälle, die in der Pflege landen. Lasst, die ihr hier hereingekarrt werdet, alle Hoffnung fahren! Dante verzeih mir. Das sogenannte Pflegeproblem ist ein selbst verursachtes. Siehe oben. Was als sozialer und medizinischer Fortschritt begann, endet als humanitäre Katastrophe. Vor 40, 50 Jahren starben die Alten im Schnitt ca. 10-15 Jahre früher als heute. Ein Heim sahen nur die wenigsten. Die meisten starben daheim. Mehr schlecht als recht von den eigenen Angehörigen versorgt. Dann kamen die Siebziger und mit ihnen der Ausbau des Wohlfahrtsstaats. Altersheime wurden gebaut, die ersten Pflegeeinrichtungen entstanden. Begleitet vom medizinischen Erfolg fortwährender Steigerung der Lebenserwartung. Gemach. Erwartet euch nicht zuviel. Was passierte, war, dass ein immer größer werdendes Heer von Alten, Siechen und Gebrechlichen die Heime füllte. Dort abgestellt, aufbewahrt, voll versorgt, rollatieren, dösen und warten sie. Bis heute. Warten, warten, das ist die Hauptbeschäftigung in den Pflegeheimen. Warten auf Besuch, ein Gespräch, auf ungewisse Besserung ihres Zustands, auf Rückkehr in die eigene Wohnung. Sie warten Tag für Tag, versorgt mit allem, was Pharmazie und Medizin zu bieten haben. Die Besuche der Angehörigen werden seltener, die Beschwerden häufiger, einschränkender. So ein Platz in einer Pflegestation kostet viel Geld. Das kann kaum jemand aus eigener Tasche bezahlen. So ein Platz bringt viel Geld. Den Betreibern der Heime. Die Pflege ist zur Industrie geworden. Ein Industriezweig mit rosigen Profitaussichten. Für Betreiber. Nicht für Personal und Bewohner. Erstere leisten viel und verdienen wenig. Letztere haben nichts zu gewinnen, schon alles verloren. Bis aufs Warten. Lebenslänglich.


    Es ist grotesk. Die Medizin feiert ständig steigende Lebenserwartung als Erfolg. Länger leben ist das ultimative Kriegsziel. Besser leben gilt nicht. Dieweil explodieren die Pflegekosten, wachsen die Ausgaben für Renten, Pensionen und Gesundheit. Milliarden müssen aus den Steuereinnahmen ins Rentensystem abgezweigt werden. Immer mehr Alte müssen von immer weniger Beitragszahlern erhalten werden. Demenz, Alzheimer, Parkinson - alles Krankheiten, die früher viel seltener auftraten, einfach weil die Leute gar nicht so alt wurden, sie zu entwickeln. Natürlich ein reiches Arbeitsfeld für Forscher, Therapeuten und Pillendreher. Den stark wachsenden Kosten für die Altenpflege und Geriatrie stehen natürlich gleich hohe Umsätze und Profite bei den Heimbetreibern und Medizindienstleistern gegenüber. Nichts ist lukrativer als ein Pflegeheim. Schlecht bezahltes Personal, praktisch entmündigte Kundschaft, kaum Qualitätsstandards, die überprüft und eingeklagt werden können. Hohe Kosten für die Allgemeinheit = hohe Umsätze und satte Gewinne bei den privaten und kirchlich inspirierten Heimunternehmern. Pflege ist genauso ein Industriezweig wie Massentierhaltung. Nur dass die Viecher viel kürzer in ihren Quartieren verbleiben müssen. Altern in Würde - nichts ist unwürdiger, als nicht selbst über sein Lebensende bestimmen zu können. Kaum woanders als in Deutschland und Österreich lobbyieren Kirchen, Ärzteschaft und reaktionäre Ethiker erfolgreicher für die totale Entmündigung der alten Menschen. Nirgends herrschen mehr Heuchelei und Verlogenheit, wenn über Selbstbestimmung des Menschen und Wert des Lebens argumentiert wird. Die gleichen Leute, die über Unantastbarkeit von Würde und menschlichem Leben faseln, haben kein Problem damit, Heere von alten, gebrechlichen, dementen Personen jahrelang an Rollstühle und Betten zu fesseln und ihnen jedes Recht, über ihr Lebensende selbst zu bestimmen, zu rauben. Die Bigotterie der Diskussionen über Sterbehilfe in D und Ö ist kaum zu überbieten. Dante revisited.


    Ich für mich habe vorgesorgt. Soweit das möglich. Ich lasse mir mein Sterben nicht von gierigen Pflegegeldhamstern rauben. Soweit möglich. Es gibt natürlich Fälle, wo du das Nachsehen hast. Ein Schlaganfall, ein Unfall mit Lähmungsfolgen, Demenz - dann hast du ausgeschissen. Bist den Weißkitteln hilflos ausgeliefert. Wirst auf das Streckbett eines jahrelangen Siechtums gespannt. Dann bist du in Dantes Inferno gelandet. Dagegen kannst du nicht vorsorgen. Zudem musst du den richtigen Zeitpunkt erwischen. Bevor dich Hilflosigkeit, Immobilität und geistige Umnachtung überfallen. Vielleicht gönnt mir ja ein gnädiges Schicksal den schnellen Tod. Kann ich nur hoffen. Andernfalls bleibt bloß die alte Weisheit, hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner. Sagte schon meine Oma.


    ***

  19. #69
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe


    Weil wir schon beim Sterben sind. Hörte kürzlich ein Radio-Feature über Nahtoderlebnisse. Tenor, wir wissen nicht, was da passiert. Es gibt einige Theorien und Erklärungsversuche und unzählige Berichte von Zurückgeholten aus fast allen Jahrhunderten, doch selbst die Experten zucken nur ratlos mit den Schultern. Sie wissen auch nix. Es wird da jetzt eine Studie durchgeführt an der Med-Uni Wien, wo man versucht, Gemeinsamkeiten und Charakteristika der Nahtoderlebnisse möglichst objektiv herauszufiltern. Um dann vielleicht mehr über diese skurrilen Begleiterscheinungen des Sterbens sagen zu können.

    Es gibt ja, grob vereinfacht, zwei mögliche Erklärungen: die Seele fährt aus dem klinisch toten Körper und wird durch lebensrettende Interventionen zurückgeholt in den wiedererwachenden Leib. Das Gummiband zwischen Seele und Körper war noch nicht durchtrennt und zog das olle Faktotum wieder zurück in den Leib. Gegen ihren Willen, wie die Zurückgeholten versicherten. Weil es dort, wo sie gewesen, so unbeschreiblich schön, angenehm, kuschelig war. Sagen fast alle, die man wieder in ihre Körperzelle zurückzog. Ihr Körpergefängnis. Andere Lesart: all diese Eindrücke sind Halluzinationen des Gehirns, das uns dank einiger Botenstoffe ein möglichst angenehmes Erlöschen des Lebenslichts verschafft. Leib-Seele-Problem nennt es die Philosophie.Was nun? Letztes Feuerwerk der Chemiefabrik in unserem Schädel oder Seelenwanderung mit erzwungener Rückkehr ins Körpergefängnis? Nach dem erwähnten Radiofeature war ich so klug als wie zuvor. Zwar kamen gelehrte Leute zu Wort, ein evangelischer Pfarrer mit Nahtoderlebnis, ein studierter Arzt, Theologe und Philosoph - was hat der ausser Studieren sonst geleistet? - und einige Nahtodler aus dem gemeinen Volk. Gemeinsamer Generalsbass: Es war soooo schön, ich fühlte mich soooo frei und schwerelos, dieses Licht, diese Wärme, diese Geborgenheit .....

    Den Vogel schoß - erwartungsgemäß - der Pfarrer ab. Der schwäbelte doch tatsächlich sinngemäß so: Da war dieses Licht, ich wusste, jetzt sterbe ich und gleich werd ich meinem Gott gegenübertreten .....

    Autsch! Dass du weisst, dass du stirbst, mag ja sein. Dass du aber weisst, dass du jetzt deinem Gott gegenübertreten wirst, au weh! Die Vorstellung, beim Sterben Gott wie einem wilden Tier im Dschungel zu begegnen, das plötzlich aus dem Dickicht auftaucht, ist ja schon verwegen. Das bringt auch nur ein Pfarrergehirn zuwege. Als ob Gott nur gewartet hätte, jetzt, sofort und unmittelbar im Augenblick des Todes des Herrn Pastors zu erscheinen, um ihn im Jenseits zu begrüßen, das hat schon was! Hier empfängt der Chef persönlich. Natürlich nur auserwählte Seelen wie die des schwäbischen Pfarrers. Die anderen erzählten auch nichts davon, dass Deus ante portas auf sie gewartet hätte.

    Solche Berichte lassen mich natürlich zweifeln, verzweifeln. Was soll man davon halten? Das klingt schon sehr nach Neurotransmitterexplosion im Hirn. Da muß ich dran denken, dass Gemüter wie die des Gottesmannes aus dem Neckartal unsere Kinderleins mit ihren Fabeln beglücken, die Schäflein beim Gottesdienst mit ihren Weisheiten und Botschaften zumüllen. Das ist geistige Umweltverschmutzung. Aber das Delikt gibt es leider nicht im Strafgesetzbuch.

    Zurück zur Ausgangsfrage. Der Herr Arzttheologephilosoph meinte ungefähr: Wir wissen es nicht. Das ehrt ihn. Doch ein bissl was wüssten wir schon, denk' ich. Wenn wir mal nüchtern überlegten. All diese Nahtodberichte scheinen eines nahe zu legen: die Leut sehen das, was sie aufgrund ihrer soziokulturellen und religiösen Sozialisation erwarten. Ungefähr so. Keiner berichtete über einen Buddha, der ihm erschien, niemand erwähnte Isis oder Osiris, da wurde auch nichts berichtet über kosmische Welten oder fremdartige, unerwartete neue Landschaften. Alles war so, wie man es halt gewohnt war von zu Hause. Im Jenseits nichts Neues.

    Die entscheidende Frage, an Hand der man vielleicht ein Stück weiterkäme, wurde nicht gestellt und also auch nicht beantwortet: Gibt es nachweislich überprüfte Fälle von Seelenwanderung im Nahtodfall, wo Leute über Ereignisse an weit entfernten Orten berichten, die ausser Hör- und Blickweite des Körpers liegen, aus dem sie sich grad zu verabschieden anschicken? Ich meinte mal gelesen zu haben, dass manche Nahtodler erzählten, sie hätten im OP ihrer eigenen Operation zugesehen und gehört, was die Operierenden so sprachen. Aber das ist noch nicht überzeugend. Denn sie waren ja dabei und Gehirn könnte ja trotz Anästhesie mitgehört haben, was die Leute drumherum sagten. Gehirn konstruierte dann die Bilder dazu.

    Überzeugender wäre schon, wenn so ein Beinahsterbender mal erzälen würde, was sich 120 Kilometer weit weg bei ihm zu Hause grad so abspielte, oder im Büro oder was der Papst in Rom grad machte. Davon hab ich leider noch nichts gehört oder gelesen. Aber vielleicht bringt oben erwähnte Studie ja bissl Licht ins nahtodliche Dunkel. Das von vielen als durch ein geheimnisvolles Licht erhellt geschildert wird. Na ja. Ich frag mich auch, warum sich die Seele wieder in den Körper zurückzwingen lässt, wo doch fast alles sagen, sie wollten nicht mehr zurück. Baumelt die Seele buchstäblich an einem Faden am Körper? Ist die Zugkraft des Körpers stärker als die schwerelose Schwebe der Seele? Wodurch wird sie zurückgezwungen, wo sie doch immateriell? Passt irgendwie alles nicht zusammen, dieses Körper-Seele-Gespann scheint ein ziemlich uneiniges zu sein. Zieht ein jedes in die entgegengesetzte Richtung.

    Aufhellungsbedürftig wäre auch generell das Jenseitskonzept. Das ich überhaupt nicht verstehen will. Das mir primitiv, unreflektiert, unausgegoren vorkommt.Reines Wunschdenken auf dem intellektuellen Niveau eines 10-Jährigen. Was soll eine Fortdauer meiner individuellen Existenz über den leiblichen Tod hinaus sein? Wozu, was ist der Zweck? Ihn zu loben und zu preisen, Ihm zu huldigen? Nö, danke. Wenn ich Den erwischte, ich brächte ihn um. Tät es wenigstens versuchen. - Aber das ist ja bekannt, ich wiederhole mich. Was sonst könnte der Sinn eines Lebens im Jenseits sein? Ewig leben? Ach Gottchen, nee danke! Mir reichen schon die paar Jahre auf Erden. Ich verzichte gerne auf ewiges Leben. Wie soll ich es mit mir auf ewig aushalten? Ich würd mich ja tödlich langweilen. Wobei, tödlich geht nimmer. Umso schlimmer. Das wär ja die Hölle, wenn ich mich unendlich lang selber ertragen müsste, ohne mich entleiben zu können. Scheisse, das wär wirklich die Hölle.

    Also Alter, das is nix. Das ist Blödsinn so eine Ewigkeit. Und überhaupt, wie lange sollte so eine Ewigkeit dauern? 100, 1000, 10000, .... 1000000000000000 Jahre? Aber hallo, das ist doch Unfug. Was sollen wir so lange tun? Da wird ja selbst die Seligkeit zur Qual. Leute wie dieser Pfarrer aus dem Spätzlesreich denken wohl die Dinge nicht vom Ende her. Sorry, Plagiatsverdacht. Ich nehm's zurück. Also, die denken einfach nicht um die nächste Ecke. Ich wette, dieser Pfarrer ist der Erste, der sich bei Petrus beschwert, wenn ihm langweilig wird. Weil der Alte sich nicht zeigt, oder weil er schon alle Hymnen 10000 mal gesungen hat und sie ihm zum Halse raushängen. Also, das Jenseitskonzept is nix. Taugt nix. Ist zu kurz gedacht. Völlig sinnlos.

    Nun werden mir aber Jenseitsaffine vorwerfen, meinerseits zu kurz, zu weltlich, zu materiell, zu menschlich zu denken. Das ewige Leben sei eben ein göttliches Konzept und werde mir dann, wenn ich drüben bin schon nach und nach beigebracht werden. Sodass ich am Ende - also ein Ende gibt's ja nicht - voll in der Ewigkeit aufginge und selig in den Lobgesang der Unsterblichen einstimmte. Na ja, was soll ich da erwidern? Am besten nix. Denn auf etwas Unvorstellbares, Unerwiesenes, Unbeweisbares, Hypothetisches kannst du ja nix Definitives antworten. Es lassen sich halt Konzepte wie Gott, Solipsismus, Jenseits usw. weder widerlegen noch beweisen. Da muß halt jeder für sich entscheiden, was er glaubt und was nicht. Vielleicht gelingt ja künftig doch mal ein wissenschaftlicher Beleg für oder gegen das eine oder andere Glaubenskonstrukt. I don't know.

    Noch was? Ja, vielleicht was Pseudophysikalisches zum Konzept Ewigkeit, das ja hinter den Nahtodberichten lauert. Einstein sei Dank, wissen wir, dass Zeit nicht das ist, was wir so empirisch und alltäglich mit ihr verbinden. Für uns ist Zeit eine Art Strom der nur in eine Richtung fließt. Auf dem wir wie mit kleinen Booten Richtung Zukunft schippern. Ohne Möglichkeit anzuhalten oder umzukehren. Was der fixe Albert als Illusion durchschaute. Der dachte Raum und Zeit ganz anders. Als ineinander verwobenes Raumzeitfeld, das die Bühne unserer Erfahrungen bildet. Zeit als variable Größe, abhängig von Geschwindigkeit und Energie. Raumzeit als Knetmasse für drauf wirkende Kräfte und Felder. Kaum vorstellbar, doch x-mal durch Messungen bestätigt. Euer GPS würde nach den Regeln der klassischen Physik nicht funktionieren. Es muß relativitätstheoretisch konfektioniert werden, damit es hinreichend genau für die Praxis tickt. Wo war ich? Ach ja, Ewigkeit. Was soll das sein? Ein ewiges, individuelles, Leben ist auf der physikalischen Ebene sinnlos. In ein paar Milliarden Jährchen - kosmisch keine lange Zeitspanne - wird die Sonne die Erde verspeisen. Dann spätestens ist Schluß mit Evolution. Selbst wenn wir davor den Sprung in den interstellaren Raum geschafft hätten und irgendwo einen Planeten besiedelt hätten, blühte auch dem das gleiche Schicksal. Wir müssten also von Stern zu Stern hopsen und immer neue Niederlassungen gründen. Und, ja man ahnt es schon, irgendwann werden uns die Sterne ausgehen. Das Ende des Universums ist ungewiß. Erstarrt es im Big Freeze, zerreist es im Big Rip oder schrumpft es zu einem neuerlichen Urknall, egal wie, für Leben im physikalischen Sinne ist da Ende Gelände.

    Ja, aber, hör ich den jenseitsbeflissenen Spiritualisten erwidern: Die Seele betrifft das nicht, die ist immateriell und ewig. Punkt. Was soll ich sagen? Dass selbst Energie irgendwann so verdünnt sein wird, dass sie praktisch Null ist. Ist Seele aber Energie? Ist Geist mit physikalischen Kategorien zu fassen? Ich weiss es nicht. Da sind wir wieder beim alten Dilemma: Unbeweisbares kannst du nicht widerlegen. Drum mach ich hier einen Punkt. Ewigkeit ist nichts für mich.

    ***

  20. #70
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Wie hat schon Woody Allen gesagt: "Ewigkeit dauert lange - besonders gegen Ende".

    Zur Frage der Überprüfbarkeit: Es gibt viele Geschichten, die von Krankenhausdächern und Turnschuhen handeln. Patient hat Herzstillstand - Seele löst sich vom Körper und beginnt zu steigen - Seele erblickt auf Krankenhausdach Turnschuh - der erfolgreich reanimierte Patient erzählt jemandem vom Turnschuh - dieser jemand schaut nach und findet den Turnschuh. Der Pferdefuß: bisher keine erfolgreiche Verifizierung derartiger Berichte. Und warum zum Teufel befinden sich so viele Turnschuhe auf Krankenhausdächern. Also: Gefällige Anekdoten ohne Beweiswert.

    Wissenschaftliche Experimente wurden auch schon durchgeführt. Man platzierte auf Säulen in Intensivstationen Zettel mit Symbolen, die nur von oben sichtbar waren. Bisher verliefen alle Experimente dieser Art ergebnislos. Kein einziger Patient konnte die Symbole sehen.

  21. #71
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Die Beweislast tragen die, die an ein Leben nach dem Tod glauben. Vor meiner Geburt ging es mir sehr gut - das wird im Tode nicht anders sein. Die Aussicht auf ein Leben nach dem Tod ist demnach für mich keine Verlockung...sondern eine Bedrohung. Es gibt keine Seele...es gibt "nur" ein Wesen...ein Mix aus genetisch vererbten (digital) und selbst gemachten (analog) Erfahrungen...die im Gehirn zusammengesetzt...digitalisiert und abgespeichert werden. Diese Daten gehen beim Sterben alle verloren...bis auf die, die man bereits genetisch (Kind) weitergegeben hat. Außer uns fortzupflanzen...haben wir keine weitere Aufgabe.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  22. #72
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Der Jenseitsgedanke ist für mich primitiv, ein subjektiv-egoistisches Konzept, total unreflektiert und egoman. Was soll an mir so bedeutend sein, dass es den Tod überleben sollte? Träfe zu, dass wir eine 'unsterbliche' Seele hätten, wär das für mich nicht nur Die große Enttäuschung, ja Katastrophe, es wäre auch der Offenbarungseid dieses ominösen Gottes, den es dann ja höchstwahrscheinlich auch geben müsste. Was soll das? Jeder Arsch lebt dann in einem wie immer gearteten Jenseits für immer weiter? Was für eine entsetzliche Vorstellung. Allein deshalb kann es gar keine Seele und kein Jenseits geben. Es reicht, wenn wir die Erde verpesten, soll das im Jenseits so weitergehen? Nein, danke!

  23. #73
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Die Würde. Also ich weiß nicht, was das sein soll, eine Würde. Sicherlich ist sie eine der vielen Selbstzuschreibungen des Menschen. Er hat eine Seele. Die hat eine Würde. Wer keine hat, keine Seele, hat auch keine Würde. Oder hat die Würde eine Seele? Nix Genaues weiß man nicht. Es ist ein Kreuz mit der Würde. Im deutschen Grundgesetz steht gar, die Würde des Menschen sei unantastbar. Stimmt. Angreifen, begreifen, befummeln kann man sie nicht. Sie ist überhaupt ein sehr kapriziöses Wesen, diese Würde. Keiner hat sie je gesehen, niemand weiß genau woher sie kommt, was sie so tut und was sie will. Die Würde des Menschen, sie sei ihm angeboren, immanent, unveräusserlich, unverletzlich, unverlierbar. Auch der größte Schuft, Massenmörder, Vergewaltiger, Kinderschänder hätte eine Würde. Man sagt höchstens, er habe seinen Opfern die Würde geraubt. Wie das gehen soll, wenn die Würde unantastbar sei, verstehe wer will. Ich nicht. Also es ist schon wirklich eine rechte Crux mit dieser Würde. Würde ich die Wahl haben, ich wäre lieber würdelos. Denn was soll ich anfangen mit einer Eigenschaft, die ich nicht kenne, die ich nicht verstehe, die mir aufgedrückt wie ein Stempel und die ich nicht mal abschütteln könnte, wenn ich wollte. Also schau ich mir diese Würde mal näher an. So rein hypothetisch, weil sie ist ja unsichtbar, ungreifbar.


    Wer oder was hat alles eine Würde? Die Würdebeauftragten sagen, eine Würde habe nur der Mensch. Also der Mensch an sich. Jeder. Ausnahmslos. Woher die kommt, das sagen sie nicht, oder nicht so apodiktisch. Da gehen die Meinungen auseinander. Die eher konfessionell geschädigten sagen, die Seele sei die Trägerin der Würde. Wer oder was keine Seele habe, habe auch keine Würde. Wer oder was hat nun eine Seele? Auch da gehen schon wieder die Meinungen weit auseinander. Die konservativen Hard-core-Katecheten sagen, nur der Mensch habe eine Seele. Etwas liberalere Bibelausleger meinen, auch ein höheres Tier habe sowas wie eine Seele. Also nicht ganz so qualitativ, ganz so unsterblich wie die menschliche, aber immerhin. Vielleicht sind diese Leute ja auch nur Besitzer eines Schmusekaters oder Hirtenhundes und dadurch nicht unparteiisch. Egal. Was ist aber ein höheres Tier und wo endet die Höhe und Beseeltheit und damit die Würdehaftigkeit eines Tieres? Katz und Hund ja, aber das Kaninchen des Töchterleins, der Wellensittich der Omi, das Zuchtschwein des Massentierhalters, der edle Araberhengst des Hobbyreiters. Haben die eine Seele, eine Würde? Man weiß es nicht. Selbst die allwissenden Herren aus der Glaubenskongregation wollen sich nicht festlegen. Wollen auch keine Tierliebhaber vergrämen, versteht sich.


    Die Frage, wer und was alles eine Seele hat, ist wohl nicht allgemein gültig zu klären. Ja, ob es überhaupt eine Seele gibt, darüber streiten nicht nur die klügsten Geister, das können auch die materialistischsten Naturwissenschafter nicht mit 100%-iger Sicherheit ausschließen. Wie soll man auch die Nichtexistenz einer Sache beweisen, die sich jeder Definition, Beobachtung und Messung entzieht? Damit steht und fällt aber auch die Würde. Oder nicht? Mit der Würde ist es noch komplizierter, als mit der Seele. Denn viele meinen ja der Mensch habe auch eine Würde ohne Seele. Denn sonst müssten ja alle philosophischen Materialisten dem Menschen die Würde absprechen. Und das traut sich keiner. Selbst der abgebrühteste Materialist, Dekonstruktivist, Positivist wagt es nicht, dem Menschen die Würde zu bestreiten. Den würde ein Scheisssturm ereilen, von dem sich seine Würde nicht mehr erholen würde. Denn die Würde scheint sowas wie ein Seelenersatz der säkularen Experimentalethiker und Rationalmoralisten zu sein. Schließlich steht sie im Grundgesetz. Für viele die Bibel des Rechtsstaats und sowas wie der Katechismus des aufgeklärten Bürgers. Nur der Würde sind wir damit kein bissl näher gekommen.


    Schau mer mal, was die Geistesheroen über die Würde sagen.


    Den Vogel schiesst, wie meistens, der olle Königsberger Klops Kant ab. Ich kann aus Platzgründen hier nur einen winzigen Auszug seiner Auslassungen über die Würde anführen. Das genügt aber voll. Also, der Gute meint:


    Würde bezeichnet den absoluten, niemals gegenrechenbaren Wert der Menschheit überhaupt ....
    Die Würde des Menschen gebietet kategorisch (d.h. ohne Ausnahme oder Bedingung) „Achtung“ als Rahmen aller zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie ist dem einzelnen Menschen als Repräsentanten der Menschheit „angeboren“ ...
    Der eigentliche Kern der „Würde der Menschheit“ besteht zuletzt in der über die Phänomenalität hinausweisenden sittlichen Autonomie des Menschen, d.h. in der „Fähigkeit, allgemein gesetzgebend, obgleich mit dem Beding, eben dieser Gesetzgebung zugleich selbst unterworfen zu sein ...


    Was soll ich dazu sagen? Würde als 'absoluter Wert der Menschheit'? Wer bemisst diesen Wert? Was ist ein absoluter Wert? Ein Widerspruch in sich, eine contradictio in adiecto. Würde Kant sagen. Denn jeder Wert braucht einen Maßstab, kann also nicht absolut sein. Selbst die invariante Lichtgeschwindigkeit misst man in km/h. Dann gebiete, laut Kant, die Würde kategorisch (!) - darunter macht er's nicht - die 'Achtung' und sie sei dem einzelnen Menschen 'angeboren'. Aha, angeboren. Eine Mitgift also, wie die Erbsünde, damit wir nicht zu übermütig werden. Der dickste Hammer kommt noch:
    Der eigentliche Kern der „Würde der Menschheit“ besteht zuletzt in der über die Phänomenalität hinausweisenden sittlichen Autonomie des Menschen ...
    Da hamm wir's wieder. Über die Phänomenalität hinausweisend, soll wohl heissen, die Würde seiein transzendentales Gut, das man in der Natur nicht finde. Wie sie in den Menschen kommt, woher diese 'Autonomie des Menschen, gesetzgebend (!) zu wirken, stammt, das erfahren wir leider nicht. Also nix Neues bei Kant. Kant postuliert und propagiert, behauptet und fordert - und - bleibt auch nur den Hauch einer Begründung, geschweige denn eines Beweises - schuldig. Na ja, nix Neues aus Köngisberg.


    Die anderen weisen, weissen Männer backen zum Glück etwas kleinere Brötchen, gehen nicht gleich ins Absolute und Transzendente.


    Die antiken Griechen kennen die Würde nicht. Merkwürdig, wo doch so kluge Köpfe wie Platon, Aristoteles und Sokrates die Baumeister der Fundamente unserer kulturellen Hochhäuser sind. Sie reden lieber von Logos, also Vernunft, als das, was den Menschen über die übrige Natur hinaus hebe. Tja, was ist dann mit den vielen Unvernünftigen?


    Die Römer, besonders Cicero, gehen es mit der Würde, der dignitas, eher nüchtern an. Weil sie, anders als der deutsche Kant, Pragmatiker und nicht Moralisten waren, sah Cicero die Würde als gesellschaftliches Konzept, besteht sie seiner Meinung nach aus mehreren Ingredienzien wie Ehre, Ruhm, Tugend usw., ist bei ihm also weder angeboren noch absolut. Woraus sich auch kein unbedingter Anspruch auf Würde ableiten lässt. Bei den alten Römern musste man sich die Würde eben noch verdienen.


    Was sagen andere illustre Geister so über die Würde? Eine kleine Rundschau:


    Religion ist eine Art geistiger Fusel, in dem die Sklaven des Kapitals ihre Menschenwürde und ihren Anspruch auf eine halbwegs menschenwürdige Existenz ersäufen. (Lenin)
    Prost! Drastisch und brachial der alte Revoluzzer. Hat wohl zuviel Fusel gesoffen. Aber immerhin redet auch er, der hartgesottene Materialist, von 'Menschwürde', als wär sie dem Menschen selbstverständlich zueigen.


    Würde des Menschen. Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen. Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst. (Schiller).
    Chapeau! So viel Realismus und Nüchternheit hätt ich bei dem ollen Idealisten gar nicht vermutet! Gefällt mir!


    Würde ist ein goldener Sattel, der jedem Esel auferlegt werden kann. (angeblich August Pauly, deutscher Aphoristiker und Naturwissenschafter).


    Würde ist der Mantel, der die Dummheit am besten verbirgt. (Unbekannt).


    Die Würde steht immer im Konjunktiv
    Sorry, das ist von mir. Mehr als einen Kalauer kann ich halt nicht beitragen.


    Wie ist das nun wirklich mit der Würde?! Also eigentlich ganz einfach. Sie ist eine Erfindung des Menschen, so wie andere Chimären als da wären Gott, Allmacht, Allwissenheit, Allgüte, Gerechtigkeit, Gut und Böse etc. Als exklusive Selbstzuschreibung - oder sollte ich sagen Selbstanmaßung? - taugt sie als besonders anschauliches Beispiel für menschliche Eitelkeit, Überheblichkeit, Arroganz und Ignoranz.


    Gesetzt, dass Würde sowas wäre wie eine Tugend, die man sich durch Haltung, Gesinnung und Handeln erwerben könnte, dann wäre sie eben das Gegenteil von unantastbar und angeboren! Und damit könnte ich mich eventuell noch irgendwie arrangieren. Würde als Verdienst für eigenes Tun und Lassen, na von mir aus. Dann aber auch Würdelosigkeit für Arschlöcher. Würde gibt's halt nicht kostenlos und geschenkt. Das schreibt euch mal hinter die ungewaschenen Ohren ihr Idealisten und Moralisten!



    Überhaupt, wie unmoralisch wäre denn das, wenn jeder Schuft eine Würde geschenkt bekäme, die er immer behalten könnte, egal was für Scheusslichkeiten er anrichtet! Könnt ihr überhaupt nicht mal einen Schritt weiter denken, ihr Sittenwächter und Zeigefingervirtuosen? Da zeigt sich doch die ganze Erbärmlichkeit des (deutschen) Idealismus. Selbstüberhöhung, Geschwafel über Transzendentales, Absolutheitsfantasien und Realitätsverweigerung. Da helfen auch alle scholastischen Spitzfindigkeiten über Dinge an sich und Sätze a priori und a posteriori nicht weiter. Schämt euch.


    Na ja, seien wir gnädig. Lassen wir Würde als Konjunktiv, als Möglichkeit, als Streben, das Leben anständig hinter sich zu bringen, gelten. So als Karotte für Arschlöcher, sich vielleicht doch ein bissl am moralischen Riemen zu reissen. Würdet ihr Arschlöcher nur ein bissl anständiger werden, würden wir euch Würdelosen doch ein Scheibchen Würde von der kosmischen Würdewurst abschneiden. Also, reisst euch zusammen. Arschlöcher aller Völker bessert euch!


    War noch was? Ach ja, eine Würde, die angeboren, unantastbar, unverlierbar wäre, wäre das Gegenteil von dem, was ich einfaches Gemüt als Würde annehmen würde. Würde mir so eine Würde verliehen, von Gott, dem Urknall, einem kosmischen Würdebeauftragten oder genetisch qua Zeugung, würde ich so eine Würde zurückgeben. An der Kasse. Nicht mit mir. Lasse mir solch Falschgeld nicht andrehen. Von wegen absoluter Wert. Absolut wertlos, solch eine unantastbare, angeborene Würde. Würde meine Oma sagen.


    ***

  24. #74
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Immer wieder Mathe. Klassisches Spielfeld der Logik. Weit solideres Fundament als Philosophie. Mit Werkzeugen, von denen die sogenannten Geisteswissenschaften nur träumen können. Die Mathematiker haben es geschafft, das Unendliche zu zähmen. Differential- und Integralkalkül wären undenkbar ohne das unendlich Kleine (und Große). Hierzu hat ein Philosoph, nämlich Leibniz, Wichtiges beigetragen. War er mit seiner Theodizee maßlos daneben und völlig überfordert, dürfte er mathmatisch doch talentiert gewesen sein. Scheitert die Vernunft ansonsten am Unendlichen, kann Mathe hier Ergebnisse liefern. Ergebnisse, ohne die unser modernes Leben undenkbar wäre. Kein Handy, kein Internet, kein Auto und kein Flieger ohne Differential- und Integralrechnung. Was haben Philosophie und Religion vorzuweisen? Nichts als Spekulationen, Fantasterei, gesellschaftliche Spaltung und ein unendliches Heer von Toten.


    Halt, höre ich schon den Widerspruch. Mathe und Technik haben auch die A-Bombe, das Maschinengewehr, Massenvernichtungswaffen erst möglich gemacht. Geschenkt. Aber ist das genuin ein Attribut von Mathe und Technik? Mathe kennt keine Moral. Es ist der Mensch, der Mathe und Technik nützt. Zum Guten wie zum Bösen. Mathe ist reinste Abstraktion. Du kannst es ja auch den Naturgesetzen nicht anlasten, wenn sie dazu missbraucht werden, Menschen zu meucheln, Tiere zu quälen oder die Erde zu verwüsten. Mathe schreibt weder vor, was zu tun, was zu unterlassen sei. Ausser im mathematischen Denken. Und das ist, um mal wieder dem ollen Kant die Ehre zu geben, großteils axiomatisch - a priori, wenn man will - geregelt. Da spielen Ethik, Moral oder Glaube keine Rolle. Mathe ist so ungefähr das Gegenteil von Glauben. Und mir deshalb so sympathisch.


    Ein Beispiel für die Faszination und unfaßbare Reichweite mathematischen Denkens sind die Collatzreihen. Eine ganz einfache Fragestellung, die jeder Elementarschüler ab der 3. Klasse versteht, führt zu Problemen, an denen sich ganze Heere von mathematischen Edelköpfen die kaffee- und nikotingebräunten Zähnleins ausgebissen und die weißen Häärchen ausgerissen haben. Tja, Mathe ist nichts für Feiglinge und schwache Gemüter. Sie geht ins Eingemachte, in das, was die Welt im Innersten zusammenhält, um es mal mit Göthen zu sagen. Mathe ist sozusagen das Eingeweide der Welt. Die moderne Quantenphysik ist bloße Mathematik. Viele Erkenntnisse wurden zuerst über Formeln und mathematische Vermutungen als Thesen geäussert und danach experimentell bestätigt. Es scheint überwältigend und zwingend so zu sein, dass die Welt mathematisch funktioniert. Und wir in der Mathematik den Bauplan der Welt entdecken. Mathe ist keine Konstruktion des menschlichen Gehirns, sondern eine Entdeckung unbekannten Territoriums.


    Müsste die mathematische Verfasstheit der Welt nun nicht zum Idealismus führen? Quasi der Beleg dafür sein, dass die Welt aus Ideen und ein paar Regeln gewoben ist und alles Materielle bloß Sichtbarwerdung des zugrunde liegenden idealen Netzwerks sei? Nö, muß nicht. Das, was ich mathematische Verfasstheit oder Struktur der Welt nenne, ist ja bloß Notwendigkeit. Anders könnte die Welt nicht existieren. Nimm aus der Mathematik ein einziges Klötzchen Axiomatik raus und du landest in der Irre, im Paradoxen, im Absurden. Der Garten der Mathematik ist exakt abgegrenzt. Jenseits der Mathelogik herrschen Willkür, Gesetzlosigkeit, Anarchie und Wahnsinn. So ist es nunmal.


    Zurück zum Collaps-Collatz. Das ganze Collatzfeld ist unübersehbar. Doch auf Schritt und Tritt findest du Schnitzel, Schnipsel größerer Zusammenhänge, Querverweise, Fußnoten, Indizes, die auf mehr, auf viel mehr verweisen, als mein schwacher, morscher Verstand auch bloß erahnen könnte. Und das bei einem so primitiven Instrumentarium wie den natürlichen Zahlen. Merke, das sind die positiven, ganzen Zahlen, die jeder Elementarstufenschüler schon in der ersten Klasse vorgesetzt bekommt. Diese primitiven Zahleneinzeller bilden ein ganzes Universum unüberschaubarer und unergründlicher Symbiosen, Verbindungen, Vernetzungen und Zusammenhänge, dass die Lebensdauer des Universums nicht ausreicht, sie zu ergründen.


    Komm ich ins Schwärmen? Mitnichten. So isses halt. Allein die Collatzfrage reisst Abgründe auf, die unüberwindbar scheinen. Echte Mathematici wissen natürlich viel mehr als ich über die Collatzvermutung, doch darum geht's mir nicht. Mir macht es Spaß, selber auf was drauf zu kommen. Lieber eine triviale Erkenntnis selbst gemacht, als epochale Thesen angelesen. Das mag ignorant, überheblich oder einfältig klingen, macht aber mehr Spaß. Und wer kann schon behaupten, dass ihm Mathe Spaß macht? Fragt mal die Pädagogen und ihre Versuchsobjekte. Mir macht die trockene, spröde Mathe halt einfach Spaß. Jeder hat eben so seine Perversionen, Ticks und Macken. Dann lieber Mathe, als Viecher abknallen oder Menschen in die Luft jagen. Ok., ja, hör ja schon auf. Also auf geht's, Collaps lässt grüßen!


    ***


    Ich fasse hier mal zusammen, was ich über das Collatzproblem weiß und selbst gehirnzwiebelt habe. Das ist nicht viel, doch ich bin auch kein gelernter Mathematicus, sondern nur ein matheologischer Dilettant und Stümper.


    Ausgangspunkt: Herr Collatz - oder andere, darüber streiten die Urheberrechtsadvokaten - hat folgendes Problem der staunenden Kollegenschaft präsentiert:


    Elemente der Betrachtung: die Menge der Natürlichen Zahlen N (für den interessierten Laien, das sind alle positiven, ganzen Zahlen von 0,1,2,3,4,5,... bis n).


    Spielregeln:


    Regel 1: Ungerade Zahlen n werden wie folgt behandelt: n(neu) = 3n(alt)+1
    In Worten: Nimm eine beliebige ungerade Zahl n und multipliziere sie mit 3, dann zähle 1 dazu und du hast eine neue Ausgangszahl mit der du nach den Regeln weiter verfährst.


    Regel 2: Gerade Zahlen werden solange durch 2 geteilt, bis man wieder auf eine ungerade Zahl trifft, dann tritt Regel 1 in Kraft.


    Die Zahlenkandidaten für das Collatzspiel schränken wir auf die ungeraden Zahlen ein, da gerade Zahlen ohnehin solange halbiert werden, bis eine ungerade Zahl erreicht ist und erst dann Regel 1 wirksam wird.


    Vermutung: Collatz stellte die Vermutung auf, dass alle natürlichen, ungeraden Zahlen früher oder später bei 1 enden. D. h., dass es keine unendliche Collatzreihe gibt.


    Potentiell sind 2 unendliche Collatzreihen-Typen möglich: Solche, die unendlich wachsen oder solche, die in einem Zyklus landen, der sich ewig wiederholt. Der einzige Endloszyklus, der bisher bekannt ist, ist der mit der Ausgangszahl 1. Für sie lautet die Collatzreihe: 1,4,2,1,4,2,1,4,2,1,.....


    Die Collatzvermutung ist bisher weder bewiesen, noch widerlegt worden!


    ***


    Was ich bisher herausgefunden habe:

    1) Das Ende einer Collatzreihe, also der ungebremste, freie Fall auf 1 erfolgt ausnahmslos über Zweierpotenzen mit gerader Hochzahl, also Zahlen, die ausschließlich aus einer geraden Anzahl Primfaktoren 2 gebildet sind. Diese Zahlen müssen solange durch 2 geteilt werden, bis die 1 erreicht ist. Dann tritt der Endloszyklus 1,4,2,1 auf und die Collatzreihe ist zu Ende. (Das ist trivial)

    2) Es können durch die (3n+1)-Regel nur Zweierpotenzen mit geraden Exponenten erreicht werden, also nur jede 2. Zweierpotenz, als da sind: 1,4,16,64,256,1024,....... Die übrigen Zweierpotenzen werden durch die Regeln nicht erreicht, d.h. sie kommen in den Collatzreihen nicht vor.

    3) Die Vorgängerzahlen, die zu diesen Zweierpotenzen mit gerader Hochzahl führen, lassen sich durch ein einfaches, elementares Strickmuster identifizieren. Dieses lautet: Addiere alle bisherigen geradzahligen Zweierpotenzen und bilde aus dieser Summe die neue Ausgangszahl.

    Beispiel:
    2-er-Potenzen mit gerader Hochzahl: 1,4,16,64,256,......
    Teilsummen der Reihe: (1+4=)5, (5+16=)21, (21+64=)85, (85+256=)341, ......
    Daraus resultierende Zweierpotenzen nach der Regel 3n+1:
    5*3+1=16, 21*3+1=64, 85*3+1=256, .......


    Es gibt noch eine andere Regel, diese Zweierpotenzen zu bilden. Für mathematisch Interessierte sei sie hier angefügt:

    n(i+1)=4n(i)+1 Bildungsgesetz f. Ausgangszahlen von Zweierpotenzen f. i=0,1,2,3,4,5......

    3n(i)+1=3(4n(i)+1)+1=2exp2(i) Collatzoperation mit n(i) zur Bildung der 2-er-Potenzen

    n(i)= 0,1,5,21,85,......
    3n(i)+1= 1,4,16,64,256,.... = 2 exp2(i)

    Eine Tabelle, die die obigen Formeln und Ergebnisse illustriert, kann ich hier mangels geeigneter Formatierungsmöglichkeit nicht anfügen.


    4) In den Collatzreihen können keine durch 3 teilbare Zahlen auftreten, ausser als Anfangszahlen einer Reihe. Das liegt daran, dass durch die Operation 3n+1 nie eine durch 3 teilbare Zahl gebildet werden kann. Nachfolgende Divisionen durch 2 ändern daran nichts.

    5) Anfangszahlen von Collatzreihen, die zu unterschiedlichen Zahlenreihen führen, können nur ungerade Zahlen sein. Gerade Anfangszahlen werden ja solange durch 2 geteilt, bis eine ungerade Zahl erreicht ist. Mehrere ungerade Anfangszahlen können auf die gleich Zahl innerhalb der Reihen führen, wie viele Zweige auf einen gemeinsamen Ast, mehrere Äste auf einen gemeinsamen Stamm. Die Enden aller Zweige wären die gemeinsamen Zahlen der Reihen, die Enden aller Äste wären die Zweierpotenzen aller Reihen, die in den Stamm münden und direkt zum Ende der Reihen führen, im Falle der Collatzreihen die 1.

    So führen z. B. die Anfangszahlen 33, 39 und 73 alle früher oder später auf die Zahl 19, von wo aus alle 3 Reihen eine gemeinsame Reihe bilden, nämlich 19, 29, 11, 17, 13, 5, 1.


    6) Jede 2. Zahl aus der Reihe der ungeraden Zahlen, die aus 3n+1 gebildet wird, ist duch 4 teilbar:

    a) 2n+1 bildet die ungeraden Zahlen ab (für n=0,1,2,3,4....)
    b) (2n+1)*3+1 (Collatzoperation f. ungerade Zahlen) = 6n+4 (für n=0,1,2,3,4)
    c) 6n+4 bildet die Reihe 4,10,16,22,28,.... Jede 2. Zahl der Reihe durch 4 teilbar.

    In dieser Reihe finden sich auch die geradzahligen 2-er-Potenzen 4,16,64,256...., die alle bei 1 enden.

    7) Wenn im Schnitt jede 2. Zahl einer Collatzreihe durch 4 teilbar, dann steigen die Collatzreihen über längere Reihen gesehen um den Faktor 1,125, bis sie auf eine Zweierpotenz stoßen.
    Geändert von eulenspiegel (17.09.21 um 08:23 Uhr)

  25. #75
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    Beeindruckend und ernüchternd zugleich. Bei solchen Exkursen wird mir bewusst...wie blöd ich bin. Manches weiß man nicht...weil man sich nicht dafür interessiert. Erwacht das Interesse...erwacht meist auch der Verstand. Hier könnte ich mich noch so dafür interessieren...ich kann einfach nicht folgen. Überall da...wo sich Wissen oder vermeintliches Wissen über die Sprache vermitteln lässt...kann man sich durchbeißen oder durchmogeln. Nicht in der Mathematik...da gibt es keine Halbwahrheiten.
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