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Thema: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

  1. #1
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    Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Nachdem ich heute meinen Kaffeesud nach Hinweisen auf den weiteren Verlauf der Coronakrise durchsucht habe, stelle ich zufrieden fest, dass das Ende eben dieser Krise nahe. Der charakteristische Pfeil nach rechts im Kaffeegries, ähnlich dem Piktogramm für das männliche Geschlecht, zeigt nach oben. Es geht aufwärts, verheisst er. Das Virus ist zwar noch nicht besiegt, einige Schlachten sind noch zu schlagen, der Krieg aber ist gewonnen. Das suggeriert der Blick in den Filter.


    So mental gewappnet, mache ich mich auf eine Expedition durch die aktuellen Meldungen zur Lage. Das RKI, sozusagen das Führerhauptquartier im Coronakrieg, meldet eine Inzidenz von 74. Ignorant ich, der nicht weiß, was diese Zahl genau bedeutet. Irgendwie hat sie mit der Anzahl der Neuinfektionen pro einer gewissen Einwohnerzahl zu tun. Sind es 100.000 oder eine Million? Egal. Weiter. Der Chef eben dieses Instituts erklärt, es sei zu früh für Lockerungen. In den Leserkommentaren gehen die Meinungen auseinander, wild durcheinander. Von Covid-Diktatur ist ebenso die Rede wie von einer fahrlässigen Laissez-faire-Politik der Regierung. Die einen fordern Öffnung aller Türen für alle, die anderen Quarantäne für das ganze Land. Dazwischen eine Melange von dies und das. Corona geht mir auf die Nerven. Ich will es nicht mehr hören, dieses Gegacker. Jeder Ahnungslose trägt seine Stimme bei zur Kakophonie des Covid-Panikorchesters.


    Gibt es ein Grundrecht auf Idiotie? Auf vorsätzliche Dummheit? Auf mutwillige Destruktivität im Meinungsaustausch? Diskurs heisst das heute. Pardon. Oder sind die meisten dieser Stimmen nur Ausdruck von unbedarfter, aber ehrlicher Besorgnis? Virologen, Epidemiologen, Psychologen, Pädagogen, Demagogen, Ökonomen, Ökologen, Astrologen und noch viele andere Logen und Nomen werfen ihre Meinungen, Analysen, Befunde und Prophezeihungen in die bunte Arena der Talk- und Printformate, der sozialen und asozialen Medien. Soziopathen und Paranoiker singen genauso mit im Chor der Kassandras, Pythien und Apokalyptiker, wie seriöse Wissenschafter, Meinungsmacher und Kommentatoren. Wer kennt sich noch aus? Wer soll das überblicken?


    Ich beschließe Netz- und Medienquarantäne für den Rest des Tages. Das ist gar nicht so einfach. Computer ausschalten. Handy? Offline. Radio? Nur mehr Musik. Besser ganz abschalten. Es wird ruhig um mich herum. Der Körper und sein motorisches Gedächtnis will einschalten. Alles. Licht, Herd, Radio, TV, Computer. Ich muß mich beherrschen. Gehe hinaus. Ins Freie. Handy vergessen. Gut so. Ich will ja abschalten. Wie das so ist mit dem Wollen. Die Gedanken jagen dahin wie eine Horde wilder Mustangs. Gehe hinauf zum Wald. Auf dem Weg dahin bläst mir ein eisiger Nordwind ins Gesicht. Die Nase friert zuerst. Ich beschleunige meine Schritte. Habe ich abgeschlossen? Der Schlüsselbund in meiner Anoraktasche legt das nahe. Kein Mensch weit und breit. Sonst sind hier um diese Zeit viele Leute unterwegs. Die meisten mit ihren Hunden. Die kacken die Wegränder und Feldraine voll. Die Hunde werden immer mehr. Früher hielten nur Bio-Österreicher Hunde. Inzwischen holen die Neo-Österreicher auf. Selbst Türken und andere Muslime halten neuerdings Hunde. Das gab's früher nicht. Ein Zeichen für Integration? Wie steht es um Katzen? Schwer zu sagen, weil die nicht Gassi geführt werden müssen. Die gehen selber raus. Oder bleiben gleich in der Wohnung. Ich erreiche den Waldrand. Der Kältestress durch den Wind nimmt ab. Im Wald ist es beinah windstill. Mir wird warm. Ich schlage den gleichen Weg ein wie immer. Warum wähle ich nicht mal einen anderen? Gleich mehrere Wege böten sich an. Ich bleibe auf dem gewohnten Pfad. Der Boden ist hart. Gefroren. Schnee liegt nur wenig. Von den Baumkronen rieseln Graupeln.


    Dieser Tage wäre Thomas Bernhard 90 Jahre alt geworden. Ein literarischer Weltankläger, ein gekränkter Dauerbeleidigter, dessen Gesuder und Geseier man auf den ersten Seiten amüsant findet, mit jeder weiteren Seite aber immer langweiliger und fader, bis man noch vor der Mitte den Text angewidert beiseite legt. Bernhard hat dem berechtigten Anliegen, dem österreichischen Alltagsfaschismus und der postnazionalen Amnesie die scheinheilige Maske von der Fratze zu reissen, einen Bärendienst erwiesen. Durch seine maßlose Übertreibungen, durch sein manisch-mantrisches Monologisieren, durch seine blindwütigen Anschuldigungen gegen alles und jeden, eine verletzte, gekränkte Seele, die sich offenbar durch aggressives Verfassen immer gleicher Anklageschriften Erleichterungen verschaffte. Schreibtherapie mit Anerkennung durch den Literaturbetrieb. Darin ähnelt er Handke, der auch durch Verachtung des Publikums Zustimmung findet und eine masochistische Lesegemeinde um sich schart. Es ist wohl ein Wesensmerkmal vieler zeitgenössischer Künstler, dass sie ihr Publikum verachten. Und je mehr sie es verachten und beschimpfen, umso mehr bewundert werden. Umso erfolgreicher sind. Das spricht weniger gegen die Künstler als gegen das Publikum, das offensichtlich zu blöd ist, diese Masche zu durchschauen. Oder zu verunsichert und entwurzelt, als dass es sich ein eigenes Urteil bilden kann. Und bloß nachbetet, was trendige und hippe Kritik ex cathedra und unfehlbar von den Kanzeln der Kunsttempel predigt, Bestsellerlisten und Auktionserlösen folgend. Kurswert statt Kunstwerk.


    Die Sonne scheint mir ins Gesicht, tiefstehend aus einem Wolkenfenster, von einem grauen, windzerzausten Himmel. Was vermeid ich denn die Wege, die die andern Wandrer geh'n? Der gute Wilhelm Müller. War der aus anderm Holz geschnitzt als unsere modernen, hochmütigen, selbstverliebten Kunstpharisäer? Mir scheint aus seinen Versen eine Liebe zum Menschen in seinem Leid hervor zu schauen, ein Mitgefühl mit den Blinden, Vermessenen, Vergessenen. Waren die Künstler seiner Zeit noch lauterer, ernsthafter, ehrlicher? Oder sind das auch bloß Zuschreibungen eines heutigen, desillusionierten, verbitterten und vergrämten Zappelphillips im Spinnennetz medialer Dauerbeschallung und Zwangsbeglückung? Nostalgie anstelle intellektueller Neuralgie?


    Die Sonne hat sich wieder hinter grauem Schleiergewölk verschanzt, der Wind ist stärker geworden, als ich den Wald verlasse und über eine kahle Anhöhe laufe. Ein paar Vögel, sorry, es sind Krähen, ich kann nichts dafür, es ist keine absichtliche Anspielung auf die Winterreise, ein paar schwarze Vögel lassen sich vom Wind treiben, krächzen ärgerlich und entfernen sich, kleiner werdende Punkte in einem Koordinatensystem aus Augenmetrik, Himmelsgeometrie und neuronalen Signalen. Was ist das alles? Illusion, Realität, Bewusstsein, Traum, Konstruktion, Chemie, Physik, Schwingung, Quantenfluktuation ... ?


    Ich komme mir vor wie eine Banane mit braunen Flecken, die achtlos in den Müll geworfen, sich ihrer Existenz auf einer Palme als heranwachsende Frucht, voll Kraft und Saft, erinnert. Woher, wohin? Wem kann ich trauen? Dem Gefühl, der Ratio, den Sinnen? Relativitätstheorie oder Quantenmechanik? Jehova oder Buddha? Paradies oder Nirvana? Ich entscheide mich für das Nichts. Nichts ist vollkommener als das Nichts. Aber das Nichts gibt es nicht. Nichts ist nichts. Weil da ist immer etwas. Ich verfluche das Etwas. Ich verfluche alles, was ist. Alles. Weil alles, was ist, unvollkommen, leidvoll, imperfekt, mangelhaft, fehlerhaft, verabscheuungswürdig ist. Nur das Nichts ist vollkommen. Aber das Nichts gibt es nicht. Kann es nicht geben. Weil es sonst nicht Nichts wäre. Scheisse. Ich verfluche die Welt, den Kosmos, das Universum, die Multiversen, Gott, Götter, die Physik, alles. Verflucht sind wir, in Ewigkeit Amen.


    (wird fortgesetzt. Vielleicht)

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Guten Abend Eulenspiegel,

    Das, was du hier beschreibst empfand ich im Herbst und Winter des letzten Jahres ähnlich. Ich habe diesen Medienzirkus fast gänzlich satt und meine Schlüsse daraus gezogen. Die Leute sagen oft zu mir, daß sie froh sind, daß ich da bin in diesen schwierigen Zeiten, in denen es scheinbar keine Konstanten mehr gibt und jederzeit neue Notstandsbestimmungen das Leben auf den Kopf stellen können. Ich habe darüber nachgedacht und muß zugeben die Antwort verwundert die Leute etwas, zumindest rechnen sie nicht damit; ich versuche sie auf sich selbst zu lenken und gebe ihnen zunächst einmal grundsätzlich zu verstehen, daß spätestens mit diesem nahezu kollektiv spürbaren Ohnmachtsgefühl die Leute zwangsläufig darüber nachdenken, sich langfristig von diesem Ungeheuer Staat unabhängig zu machen und ihr Leben autonom statt fremdgesteuert zu gestalten.

    Ich finde einige Fragen, die du hier stellst interessant und möchte die eine beantworten: Es gibt kein Recht auf Idiotie, es gibt ein Grundrecht auf Bildung, was aber als Zwang zur Idiotie gedeutet werden kann (jaja ich weiß Idiotie is ne Krankheit blabla).

    Gruß,
    saul

  3. #3
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Danke Saul für dein aktives Mitlesen. Das mit dem Recht auf Idiotie - das Wort Idiot bezeichnet ursprünglich einen Menschen, der sich nur um seine privaten, persönlichen Angelegenheit kümmert - hebe ich mir für später auf ....


    ***

    weiter im Text:




    Was ist lächerlich? Das, worüber man lacht, ich lache, das, was lustig ist, ein Witz, ein Kalauer, eine Situation, eine Schwäche, Komik oder Tragik, gar Tiefsinn, Schwermut, Depression? Alles kann lächerlich sein, es kommt auf die Umstände an, die Relation. Auch ein Suizid aus Angst, Hoffnungslosigkeit oder krankhafter Melancholie kann lächerlich sein. Ich muß nicht lachen können, um etwas lächerlich zu finden. Sonst müsste ich andauernd lachen über mich. Weil ich meine Existenz und meine Person absolut lächerlich finde. Mich für einen Witz halte, einen schlechten Witz. Betrachte ich mein Leben, meine Rolle in der Farce, die sich Lebenslauf nennt, dann muß ich eher weinen denn lachen. Nicht weil ich mich für überdurchschnittlich unfähig, gescheitert, dumm oder dämlich fände, nein, eher deshalb, weil ich mich und meine Verfasstheit ernst nehme. Der Ernst des Lebens ist das eigentlich Lächerliche. Wer nicht lachen kann, vor allem nicht über sich selbst lachen kann, der ist eine lächerliche Figur. Da dreht sich die Gedankenkette im Kreis, verheddert und verknäuelt sich. Was ich ernst nehme, befördert mich ins Reich des Lächerlichen. Worüber ich von Herzen lache, das hab ich überwunden. Kann ich über mich, eine Peinlichkeit, eine Blamage, eine gefühlte Niederlage lachen, stehe ich über der Situation, über mir. Aber das wird mir schon wieder zu verkopft, zu philosophisch. Wer sich täglich in diesem Unterholz aus Gefühlen, Beziehungen, Verstrickungen, Hoffnungen und Ängsten einen Weg schlagen, einen Platz finden muß, der ist nicht zu dieser Distanz von sich selbst fähig, die es braucht, um über sich und seine Emotionen zu lachen.


    Über sich Lachen können, ist Teil des Erhabenen. Das Bierernste ist das Lächerliche. Wenn ich keine Blamage, keine Niederlage, kein Scheitern scheue, bin ich frei. Wenn ich mich selbst ernst nehme, mache ich mich lächerlich, zur komischen, tragischen Figur. Selber schuld. Der Erfolgreiche, der hart und verbissen um seine Erfolge kämpft, ist eine tragische, komische Figur. Er kann nur über andere lachen, nicht über sich selbst. Der Loser, der es schafft, sein Scheitern zu belächeln, bekommt vielleicht eine Ahnung davon, was Freiheit bedeutet, wie sich Erhabenheit anfühlen könnte.


    Der Begriff des Erhabenen kommt mir inmitten meiner Alltäglichkeit lächerlich vor. Mein Alltags-Ich nimmt nur ernst, was handfest, habhaft, spürbar, furchterregend und lustvoll ist. Das Erhabene schwebt jenseits dieser Attribute. Es west im Unbedingten, nicht im Kausalen. Mann, geht es noch schwülstiger, pathetischer? Was will ich mir sagen? Im Grunde nur, du kannst nichts verlieren, ausser deinem Verstand, und das wäre nicht schlimm. Alles andere ist belanglos. Wovor fürchtest du dich, Menschlein? Verlierst du dein Gesicht, deinen Ruf, deine Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit, Seriosität, dein Hab und Gut, deine Gesundheit, dein Leben, so ist das vielleicht sehr unangenehm, aber nicht ernst. Es gehört zur Existenz, dass du am Ende nackt und tot da liegst. Dein Leben wurde dir geschenkt, ohne dass du danach gefragt hast. Wird es dir genommen, bist wieder bei Null, ist das Konto ausgeglichen. Das Erhabene berührt das nicht. Drum ist es vom Alltäglichen so weit entfernt, so unerreichbar.


    Ist das nun lächerlich oder tragisch, komisch oder ernst? Bin ich überhaupt in der Lage, Erhabenheit zu begreifen, zu erreichen? Solange ich in diesem verdammten Körper auf diesem verdammten Planeten krieche, sicher nicht. Das Erhabene ist mir ebenso unerreichbar wie die Andromedagalaxie. Ich bin nur armselig, eine Fliege, die im Spinnennetz zappelt. Ein Sisyphos, unfähig zum Ausbruch aus dem, was man Schicksal nennt.


    Oho, höre ich meinen inneren Besserwisser tadeln. Du kannst, wenn du willst. Du musst nur den inneren Schweinehund überwinden. Nur. Du musst, du sollst, du kannst, du, du, du .... Ja, so einfach ist das. Du musst nur wollen. Wollen müssen, wollen sollen. Erfolgsbücher gibt es mehr als Erfolgserlebnisse, Ratgeber zuhauf, höher als den Himalaya, Gurus mehr als Götter und Dumme mehr als Tränen im Ozean. Es ist alles eitel Wahn, Täuschung, Illusion, sagt die dekonstruktive Widerstandszelle in meinem präfontalen Cortex. Wem kann ich glauben, dem alltagsgewissen Praktiker, dem erfahrenen Lebenskünstler oder der entschleierten Maya, dem desillusionierten Nihilisten in mir?




    ***




    Ich vertage die Entscheidung und wende mich näherliegenden Fragen zu. Es ist Zeit für meinen täglichen Ausgang. Die Sonne wirft scharfe Schatten, steht schon merklich höher als noch vor wenigen Wochen. Der Frühling kündigt sich an, obwohl auch heute ein schneidend kalter Nordwind weht. Es ist ratsam, sich trotz aller Solarenergie warm anzuziehen. Also lege ich Schicht um Schicht Isolationsmaterial an, schlüpfe in Fuß- und Handschuhe, ziehe ein Stirnband über die Ohren, ziehe die Kapuze über das schneebedeckte Haupt und gehe nach draußen. Heute sind mehr Leute unterwegs als gestern. Von der Sonne angelockt, stecken sie ihre Nasen in die Atmosphäre, recken ihre Köpfe gen Himmel und staksen mit dickbesohlten, gefütterten Beinkleidern über gefrorne Wege. Der kalte Wind zwingt mich, den Kopf wie zum Gebet zu neigen und den Blick an den Boden zu heften. Noch ein paar Grad weniger und alle philosophischen Spiegelfechterein erübrigten sich. Noch ein paar Kilometer höhere Windgeschwindigkeit und alle spitzfindigen Haarspaltereien zerstiebten in der eisigen Trift. Unsere Intellektualität, unsere Zivilisiertheit, all unsere Konventionen und Tugenden gelten nur in einem engen Temperaturbereich, bei ausreichender Versorgung mit Luft, Wasser, Nahrung und Kleidung. Unsere vielen Gebote, Verbote, Gesetze und das ausgewogene Spiel von Rechten und Pflichten bedürfen der Befriedigung der basalen, biologischen Bedürfnisse. Ist mein körperliches Überleben bedroht, befinde ich mich in Lebensgefahr durch äußere Umstände, werde ich alle Zivilisiertheit ablegen, allen Altruismus verlieren und mich dem Recht des Stärkeren, dem uralten Gesetz des 'Friß oder stirb' unterwerfen. Zivilisiertheit ist eine dünne Schicht Patina, Humanismus reicht nur bis zum Kühlschrank, dem Heizkörper, dem vollen Supermarktregal. Darunter, dahinter lauert der Wolf in uns, der Selbsterhaltungstrieb ist der einzige Gott in uns, er regiert mich. Nächstenliebe ist ein Motto für wohlbestallte Professoren und Kuttenträger, der kategorische Imperativ ein Luxus für Satte. Was einem ein paar Minusgrade und 60 Kilometer Gegenwind alles lehren können. Ich komme mir lächerlich, nicht erhaben vor.

  4. #4
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Moral ist Sitte. Es ist nunmal so Sitte. Zum Beispiel, sich besser darzustellen, als man sich fühlt, sich sozial und altruistisch zu präsentieren, nicht negativ aufzufallen. Das gilt nicht nur den Mitmenschen gegenüber, auch mir selbst führe ich lieber den guten, mitfühlenden, hilfsbereiten und nächstenliebenden Menschen vor, als den eigennützigen, selbstsüchtigen, gierigen, niederträchtigen. In unserer Wettbewerbsgesellschaft sind wir immer in der Situation des Hungrigen am eröffneten Buffett. Wer da nicht seine Ellbogen einsetzt, wird mit leerem Teller überbleiben. Wer da den höflichen 'Bitte nach Ihnen'- Kavalier spielt, wird mit knurrendem Magen zu Bett gehen. Ach ja, Corona. Betreff Impfung. Europa, USA, Israel und andere potente Einkäufer ordern Milliarden Impfdosen, ärmere Länder stehen ganz hinten an und kriegen die ersten Ampullen erst dann, wenn bei uns jeder Willige zweimal gepiekst wurde. Und die Parias wie Iran oder Nordkorea gehen wohl bis auf weiteres leer aus. Ja, so ist das mit unseren Werten. Wir definieren sie selbst und heften sie uns selbst auf das Revers. Weil wir es uns wert sind. Und dazu noch das Gezeter, man hätte doch noch mehr Impfstoff ordern müssen, noch schneller bestellen, noch mehr bezahlen sollen. Ja, die Fettesten und Sattesten schaufeln am meisten auf ihre Teller am Buffett. Und haben dazu die Angst, zu verhungern. Lächerlich, komisch, tragisch? Erhaben sicher nicht.


    Ach ja, die Mutanten. Die noch ansteckenderen. Die noch gefährlicheren. St. Corona macht's möglich. Die südafrikanische Variante soeben in Neuseeland nachgewiesen. Die britische überall in der EU. Die brasilianische wo? Die noch unbekannten sind im Anmarsch. Wir müssen uns schützen! Wir sind es uns schuldig. Wir sind es uns wert. Wir, wir, wir. Wer sind wir und wenn ja, wer gehört dazu? Die Wertegemeinschaft ist eine geschlossene Gesellschaft. Wo nicht jeder Zutritt hat. Wo nicht jeder Mitglied werden kann. Die wertelosen müssen draussen bleiben. Oder sich zumindest erst beweisen. Nachweisen, dass sie unsere Werte inhaliert, inkorporiert, imprägniert haben. Weil wir unsere Werte schützen müssen. Vor Nachahmung, vor Entwertung. Es ist wie mit dem Geld. Das ja auch seinen Wert hat. Und nur behält, wenn es nicht unkontrolliert vermehrt wird. Eine Inflation der an der Wertegemeinschaft Teilhabenden führt notwendig zur Entwertung unserer Werte. Wenn schon die EZB die Märkte mit aus dem Nichts geschöpften Geld flutet, dann sollten wir das in Bezug auf unsere Ideale nicht nachahmen. Je mehr Ideale, desto weniger wert ist das einzelne Ideal. Und je mehr Idealisten, umso verschwommener das konkrete Ideal. Also Vorsicht! Das mit dem Idealismus ist überhaupt so eine Sache! Komm mir am besten gar nicht damit. Am Idealismus ist noch jede Gesellschaft zugrunde gegangen. Nichts ist verführerischer, verderblicher und gefährlicher als der Idealismus!


    Was hat der Idealismus nicht alles angerichtet auf dieser schönen Erde! Milliarden Kriegstote, Völkermord, Kreuzzüge, KZs, Arbeitslager, Flucht, Vertreibung, Scheiterhaufen, alles, was du willst. Idealismus ist absolut tödlich. Eine Krankheit gegen die es bis heute keine Impfung gibt. Sie ist die Kraft, die stets das Gute will und bloß das Böse hervorbringt. Eine tragische Figur, dieser Idealismus. Eine komische dazu. Nur keine erhabene. Das ganze Gegenteil. Ein absolut lächerliches Unterfangen. So gar nicht zum Lachen. Ernst und pathetisch. Apodiktisch und unfehlbar. So die Eigendefinition. Der Idealismus nimmt sich ernst, sehr ernst, todernst. Idealisten verstehen keinen Spaß. Haben keinen Humor. Das würde ihre Ideale beschädigen, meinen sie. Über Ideale macht man keine Witze. Ideale sind heilig. Unerreichbar. Eben Ideen. Von denen kein Sterblicher weiß, woher sie kommen, wo sie thronen, wer sie geschaffen. Nur eines weiß ich: noch jedes Ideal wurde instrumentalisiert, zurechtgeschnitzt, passend gemacht für die eigenen Wünsche und Begierden und am Ende gestürzt. Vom hohen Sockel. Durch den Dreck gezogen. Noch jeder Idealist hat seine Ideale verraten. Hat sich verkauft, korrumpiert. Schließlich wurde aus jedem Ideal in der Praxis das Gegenteil. Mensch ist eben nicht kompatibel mit Ideal. Passen nicht zusammen, Idealismus und Pragmatismus. So ist das mit uns und den Idealen. Die sind einfach zu hoch, zu weit weg, kommen nie herab aus ihrem Olymp in die Ebenen täglicher Mühsal, menschlicher Nöte. Umso mehr hängen die Menschen an ihnen. Umso mehr wollen sie ihnen dienen. Umso mehr sollen diese Ideale realisiert werden. Und das geht immer schief. Zwangsweise, notwendig, ausnahmslos.


    Idealisten sind gefährlich. Sind blind. Sind irrational unterwegs. Je mehr Idealismus, desto weniger Einsicht. Ja, aber, höre ich die Lordsiegelbewahrer des TÜV-geprüften Idealismus deutscher und europäischer Prägung mir widersprechen. Ein Idealismus, der sich der Aufklärung verpflichtet fühlt, auf dem Boden des Rechsstaats ruht und den kategorischen Imperativ als Generalschlüssel für alle Schrauben, an denen man im Alltag drehen kann, verwendet, ein solcher Idealismus ist gefeit vor Fanatismus, blindwütigem Eifer und Unfehlbarkeitsanspruch. Schön wär's. Geschichte und Alltagserfahrung lehren mich das Gegenteil. Die Aufklärung hat ihre erste bedeutende Gallionsfigur Napoleon nicht davor bewahrt, zum menschenverschlingenden Kriegsverbrecher zu werden. Die Aufklärung ist keine Therapie und bewahrt niemand davor, in ihrem Namen zum Narren oder Teufel zu werden. Die Aufklärung ist schon gar kein Heilmittel gegen Ignoranz, Irrationalismus und Fanatismus. Hitler, Stalin, Mao, drei höchst unterschiedliche Führerfiguren, drei der größten Massenmörder, haben jeder für sich in Anspruch genommen, aufklärerisch zu wirken. Hier kann einem die Aufklärung schon erbarmen. Weil sie sich ja nicht wehren kann gegen die Inanspruchnahme durch alles und jeden. Dem Idealismus geht es genauso. Auch er wird benutzt wie ein Universalöffner für alle möglichen Büchsen. Auch die der Pandora.


    ***

  5. #5
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Idealisten sind nicht gefährlicher als Realisten oder Pragmatiker. Gefährlich sind die Dogmatiker. Den kategorischen Imperativ hast Du, scheint's mir, nicht so recht verstanden. Er hat nur ein Problem, also derjenige, der ihn anwendet: Die meisten anderen machen schlichtweg nicht mit. Aber ist das ein Grund, auf ihn zu verzichten? Ja, sagt der Realist, weil doch dadurch Schaden angerichtet wird. Welcher Schaden wird durch eine Grundhaltung angerichtet, die keinen Schaden anrichten will? Ja, sagt der Realist, aber genau das passiert doch, wenn man keinen Schaden anrichten will, man richtet Schaden an. Nun ja, so gesehen ist jede Handlung schädlich.

  6. #6
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Was ist der Unterschied zwischen einem Idealisten und einem Dogmatiker? Beide berufen sich auf nicht beweisbare oder faktisch nicht verifizierbare Behauptungen. Der Eine auf Ideen/Urbilder, der andere auf angeblich unumstößliche Wahrheiten, die nur leider niemand nachweisen kann. Und der KI, ja dazu kommt noch was.


    ***


    Idealismus ist vorrangig ein deutsches Phänomen. Der Angelsachse bevorzugt den Pragmatismus, der Franzose den Chauvinismus, der Italiener das Chaos oder besser, die Improvisation. Der Idealismus kommt dem deutschen Wesen idealerweise entgegen, passt zu ihm wie ein perfekt sitzender Handschuh. Oder eher Kopfschmuck. Kann man Plato auch als Urheber und Gründer des Unternehmens betrachten, so waren es doch vor allem deutsche Denker und Dichter, die das Geschäft voran, zur Blüte und endlich in die Insolvenz führten. Die theologischen Köpfe mal ausgeklammert, war der erste Geschäftsführer der Idealismus AG vor allem Leibniz. Zu welch absurden Schlußfolgerungen er gelangte, ist schon erstaunlich. Ich sage nur Theodizee. Dabei war er ein exzellenter Mathematiker. Tja, selbst ein scharfer Verstand schützt nicht vor törichten Entgleisungen. Leibniz ist das beste Beispiel. Der nächste Fahnenträger der Ideen war Kant. Auch hier gilt, ein kluger Kopf bewahrt nicht vor irrationalen Verrenkungen und Verirrungen. Ich sage nur Kant und Religion, Kant und 'Vom ewigen Frieden'. Und munter weiter gings, den sprichwörtlichen Vogel, oder sollte ich besser Bock sagen, schoß allerdings Hegel ab. Er führte das Unternehmen zur Spitze und in den Bankrott. Auf ihn beriefen sich Marx und Engels, fasziniert vom Hegelschen trojanischen Pferd der Dialektik. Diese ist ja an sich ein Fortschritt im idealistischen Kopfkino. Weil sie das Prozesshafte der Welt begreift und damit eine neue Dynamik in die philosophische Denkmechanik einführt. Auch wenn der arme Hegel selbst nichts dafür kann, so wissen wir doch inzwischen, wohin der Marxismus endlich führte. Mensch ist offenbar dazu verdammt, immer das Beste zu wollen und dabei krachend zu scheitern.


    Ach ja, kategorischer Imperativ. Nochmal zurück. In seiner universalen Allgemeinheit tatsächlich nicht zu widerlegen. Ein ideales Werkzeug zur Lösung aller festklemmenden Schrauben. Eine Weltformel der Ethik, nach der die Physiker in der Natur bisher vergeblich suchen. Nur, und da liegt der Hund von Baskerville begraben, diese Allgemeinheit des KI macht ihn praktisch unbrauchbar. Weil er keine konkrete, im Alltag anwendbare Anweisung ist - wie z. B. die 10 Gebote - sondern eben eine algebraische Formel mit lauter Variablen, die unendlich viele Lösungen offeriert, ohne eine bestimmte Lösung zu bestimmen. x+y=z, einfach, allgemein, doch es gibt unendlich viele Lösungen. Praktisch eine Nullaussage. So wie der KI. Der wäre damit erledigt. Für Idealisten eine Ikone der Moral, ja die Antwort auf die Frage 'Was soll ich tun?' schlechthin. Eine Antwort ohne praktisch verwendbaren Inhalt jedoch. Schade. Wieder nix.


    Ein beliebiges Exempel zum KI sei hier stellvertretend angeführt. Ein praktisches, alltägliches, sehr divers diskutiertes. Steuern. Soll ich Steuern zahlen? Natürlich sagt mir mein Gewissen, sagt mein staatsbürgerliches Über-Ich. Wer soll sonst für ein funktionierendes Allgemeinwesen sorgen, für Schulsystem, Gesundheitssystem, Ordnung und Sicherheit, Wasser und Elektrizität, Straßen und öffentlichen Verkehr, wenn nicht der Steuerzahler? Im Sinne des KI gibt es da nur ein unbedingtes Ja. Das Aber folgt wie das Amen im Gebet. Wieviel Steuer soll ich zahlen? Was ist das rechte Maß, wer soll wieviel zahlen. Wofür soll ich Steuer zahlen? Der Fragen ist kein Ende. Bei deren Beantwortung hilft der KI immer weniger, je tiefer ich ins Detail gehe. Mit dem KI ist es wie mit seinem Abkürzungs-Zwilling künstliche Intelligenz, auch KI genannt. Es gibt sie nicht. Sie ist ein Marketing-Schmäh von publicitygeilen und subventionssüchtigen KI-Forschern. Sie ist ein Mythos, der noch nie annähernd gehalten hat, was er verspricht. Künstliche Intelligenz ist so wahrscheinlich wie die Jungfrauengeburt. Gar nicht. Ja, es gibt smarte Programme, clevere Software, für Menschen unvorstellbare Präzision von Robotik, Automatik und Kybernetik. Es gibt inzwischen Schachprogramme, die jeden Weltmeister schlagen. Es gibt Software, die im Dialog kaum von einem menschlichen Gesprächspartner unterscheidbar ist. Es gibt selbstlernende Systeme. Aber das ist alles keine künstliche Intelligenz. Es ist menschliche Intelligenz in Maschinen verpackt. Immer fehlerbehaftet, unvollkommen und vor allem: ohne Bewusstsein. Ja, ich weiß, viele Experten behaupten das Gegenteil. Bewusstsein entstünde wie von selbst, wenn ein System nur genügend komplex sei. Ich bin da altmodisch und skeptisch. Bewusstsein in einer Maschine halte ich für so wahrscheinlich, wie die Existenz Gottes. Und an den glauben Milliarden Menschen. Obwohl es ihn nicht gibt. Je weniger wir wissen können, desto verbissener wollen wir anscheinend glauben. Auch nicht grad ein Beleg für menschliche Intelligenz. Die allgemein überschätzt wird. Wer weiß, ob es sie überhaupt gibt? Wo wir nicht mal eine akzeptierte Definition dafür haben. Ich halte es da eher mit dem evolutionären Prinzip von Versuch und Irrtum. Das zu beachten, wäre schon intelligent genug. Nichtmal das schaffen wir. Wir lernen nicht aus unseren Fehlern, Katastrophen. Wie die Geschichte überzeugend beweist.

  7. #7
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

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    Und nochmal KI. Katholische Internate. Da hab ich Erfahrung. Anfang der 60-er Jahre. Dreieinhalb Jahre Vollinternat, also mit Schlafen im Heim. Vollpension sozusagen. Prügelpädagogik all inclusive. Gesellschaftlich akzeptiert. Religiöse Indoktrination. Ganz normal. Die Leute glauben das selbst, wovon sie delirieren. Ich hab einen Pater als Religionslehrer. Tja, wie soll ich ihn beschreiben? Es fehlen die passenden Worte. Schmierig, schleimig drängt sich auf. Immer lächelnd. Immer Kopf, Nacken, Wangen tätschelnd. Also nie unter der Gürtellinie. Nicht dass falsche Assoziationen entstehen. Sexuelle Übergriffe habe ich nicht erlebt und auch davon bei anderen nichts mitbekommen. Die nichtsexuellen reichen schon. Bambusstab für die Fingerrücken. Kniestöße in die Oberschenkel. Tun höllisch weh. Danach kannst du für Sekunden nicht mehr stehen. Sie heissen Pufferchecks. Keine Ahnung warum. Ach und der Haaransatz zwischen Schläfen und Ohren. Daran kann man sowas von ziehen! Du stehst schon auf den Zehenspitzen und noch immer zieht der Kerl von Präfekt. So heissen unsere Erzieher und Aufseher. Sämtlich junge Männer aus dem Verein. Marianisten nennen sie sich. Nach Maria, der unbefleckten Empfängnis. So nennen sie Sie. Ach ja, dann sind da noch Watschen. Was für welche! Gewaltige Watschen. Ohrfeigen wären eine grobe Verharmlosung. Und Stehen mit ausgestreckten Armen, meist mit einer Schultasche beschwert. Wenn die Arme nach unten sinken, gibt's schnell eins mit dem Bambusstab über die Fingerrücken. Hab ich was vergessen? Von Kopfnüssen, Schimpfkanonaden, Streichung der Freizeit, Schikanen aller Art, von Schrankaufräumen, Strafarbeiten bis zu Wochenendsperren (da darfst du Samstag/Sonntag nicht nach Hause) mal abgesehen. Da ist da noch das lange Register psychischer Misshandlungen. Beschämung vor der Gruppe, Drohungen, Einschüchterung, Streichung kleiner, aber für uns Zöglinge - so nennen sie uns - wichtiger und wertvoller Aufhellungen des tristen Alltags. Zimmerarrest, während die anderen im Hof Ball spielen. Kein Genuß von zu Hause mitgebrachten Süßigkeiten, Leckereien, Naschereien - die Sachen werden dir vom Präfekten abgenommen. Rapport beim Heimleiter, dem du dein Vergehen beichten musst. Meist verbunden mit einer weiteren Sanktion. So geht das dahin. In jedem Raum hängen Kreuze, zweimal die Woche Frühmesse um 7 Uhr, vor dem Frühstück. Jede Woche Beichten. Ach das Beichten. Der bereits erwähnte Pater ist gleichzeitig unser aller Beichtvater. Und er fragt jedes Mal, ob man Unkeuschheit getrieben habe. Ob allein oder mit anderen. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was er damit meint. Aber die Unkeuschheit ist fixer Bestandteil meines Sündenregisters. Auch Lügen, Ungehorsam und Bösartigkeiten wie Wut, Zorn, Neid oder Geiz werden dem gütigen Pater zum Sündenerlaß anvertraut. Jede Woche die gleiche Farce, dasselbe Ritual. Same procedure as every week. Nur dass es gar nicht lustig ist.


    Tja, dabei ging's mir noch gut. Ich habe Stories über Vorfälle in katholischen Internaten von Betroffenen gehört, die nur noch monströs, abartig, kriminell genannt werden können. Aber Kreuze hängen überall. Gebetet wird dreimal am Tag. Jeden 2. Tag Heilige Messe. Jede Woche Beichte. Die Sprache verseucht mit religiösen Floskeln, Gott in jedem zweiten Satz, Jesus und Maria sind die meistgebrauchten Worte. Gott sieht alles. Viel mehr als Big Brother. Jesus hört alles. Der Teufel lauert überall. Das Böse ist allgegenwärtig, lockt mich mit Annehmlichkeiten, mit allem, was mein Herz begehrt. Wir sind nichts als Sünder. Verdorben, nichtsnutz, immer mit einem Fuß in der Hölle. Jesus ist die einzige Hoffnung, allein die Rettung. Und zu ihm gelangt man nur über die Kirche und ihre Diener. Die Priester. Die Hirten. Sie allein weisen den Weg zur Erlösung. In den Himmel. Nur sie können uns die Sünden erlassen. Nur sie haben die Macht, uns von den Folgen unserer Verfehlungen zu befreien. Sie sind die Statthalter Gottes auf Erden.


    Es dauert Jahre, bis ich mich von dieser Gehirnwäsche erhole und davon befreie. Zwar besuche ich nach der Internatszeit keine Gottesdienste mehr, absolviere keine Beichte mehr und halte mich von Oblate, also dem Leib Christi fern. Doch die Verletzungen und Verätzungen durch die wiederholten Floskeln, Mantren, die vielen Predigten, Bußen und Strafen wollen noch lange nicht heilen. Das Gift wirkt lange nach. Die Verseuchung mit dem Gedankengut dieser kriminellen Vereinigung ist tief und nachhaltig. Ich brauche viele Jahre, bis ich begreife, dass die Qualität des Bodenpersonals eindeutig auf die Chefetage schließen lässt. Wenn Gott es toleriert, dass in seinem Namen und Auftrag Leute agieren, die ich nur als Irre oder Kriminelle bezeichnen kann, wenn Er es zulässt, dass sich eine globale, verbrecherische Vereinigung als alleinseligmachender Erlösungskonzern aufspielt und Generationen von Kindern und Erwachsenen foltert, indoktriniert und versklavt, dann ist Er auch nicht besser. Er und seine himmlischen Kohorten, Erzengel und die ganze unheilige Familie. Es dauert noch 30 Jahre bis ich diese mafiöse Vereinigung verlasse und aus der KK austrete. Eine der besten Entscheidungen meines ganzen Lebens. Es gibt kein richtiges Leben im falschen Verein. Und damit genug der Ehre für diese Obskuranten.

  8. #8
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    Schlagworte. Sie können eine Menge. Etwa einschlagen. Wie der Blitz, ein Meteorit oder eine Bombe. Jedes Land, das was auf sich hält, hält sich eine Kommission oder Jury, die das Wort und das Unwort des Jahres kürt. Was Wort, was Unwort, das entscheidet der politisch-gesellschaftliche Diskurs. Oder die Meinung der Befragten, Abstimmenden. Oder auch nur der Vorsitzende der Jury. Ich weiß es nicht, ist mir auch ziemlich wurscht. Im Jahr 2020 landeten in Deutschland Corona-Pandemie, Lockdown, Verschwörungserzählung (? ich höre immer nur V-theorie) auf den ersten Plätzen. In Österreich waren das Babyelefant (wer's nicht weiß, soll kugeln), Corona, verblümeln (letzteres abgeleitet aus dem Namen des Finanzministers Blümel, steht für beschönigen, für dumm verkaufen - im Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen gegen Blümel). Die Unwörter 2020 lauteten in Österreich: Coronaparty, social distancing, coronabedingt. In Deutschland waren das Coronadiktatur, Rückführungspatenschaften. Anscheinend werden da nur 2 Unwörter gekürt. Ich wüsste noch eines: Impfdosen. Oder Impfgegner. Oder Neuinfektionen. Es gibt zur Zeit so viele Wörter und Unwörter des Jahres, des Monats, des Tages, dass man mit dem Wörterzählen nicht mehr nachkommt. Aber ich war bei den Schlagworten. Sie können nicht nur einschlagen. Sie können auch erschlagen. Den Meinungsaustausch, die Diskussion. Da gibt es richtige Keulen von Wörtern. Totschläger. Ganz oben in den charts: Rassist, Querdenker, Antisemit, Fremdenfeind, rechtsextrem, identitär, faschistoid. Populist ist schon ein wenig abgenutzt. Rassismus ist so ziemlich das Ärgste, das dir im Moment umgehängt werden kann. Da bist du erledigt. Und Rassist bist du schnell. Bist du weiß, männlich und über 50, bist du automatisch in der Hochrisikogruppe. Ein unüberlegtes oder auch nur aktuell auf dem Antikorrektheitsindex stehendes Wort und das Attribut Rassist klebt an dir wie Pech. Pech gehabt. Warum bist du auch weiß, männlich und über 50? Selber schuld. Hättest eben bissl aufpassen müssen. Rechtzeitig vorsorgen. Man wird das nicht einfach so über Nacht.


    Die Leute, die mit dem Rassismus hausieren gehen, merken nicht, dass sie selbst Rassisten sind. Nun, das ist bei den meisten -isten so. Ausgenommen Polizisten, Publizisten, Humoristen. Ich? Ich doch nicht. Natürlich nicht. Ich bin doch Antirassist. Im Gegensatz zu den Rechten, den Nazis, den Coronaleugnern, den Querdenkern, den Impfgegnern, den Feminismusgegnern, den Fremdenfeinden, den ..... Antirassisten haben viele Schubladen, in die sie dich stecken, wenn du ihnen widersprichst. AwM (alter, weißer Mann), Boomer, Matscho, Klimaleugner, Wutbürger usw. Aber das ist natürlich kein Rassismus. Antirassisten haben eine lange Reihe von Urteilen, vorgefertigt - aber keine Vorurteile, niemals -, die sie über dich fällen, wenn du nicht ihrer Meinung bist. Antirassisten wissen einfach Bescheid. Sie unterscheiden haarscharf. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Sollst ruhig ersticken daran. Da verstehen sie keinen Spaß, die Antirassisten. Die verstehen überhaupt keinen Spaß. Die Guten. Spaß ist anscheinend nur was für verlorene, verdorbene Seelen. Humorlose Gesellen, diese Moralisten. Aber das hatten wir schon. Moral ist eine ernste Sache. Und immer, wenn es ernst wird, wird es gefährlich. Du kannst nicht zwei Herren dienen. Entweder, oder. Das Gute verträgt keine halben Sachen. Dem muß man sich ganz, mit Haut und Haar verschreiben. Das Gute verträgt keine Lauheit. Der Laue ist noch ärger als der Böse. Sagte schon Jesus. Wenn ich nicht irre. Und der muß es wissen. Weil er alles weiß. Wie sein Vater. Warum der keine Mutter? Keine Göttin? Warum sind die alle männlich? Vater, Sohn, der heilige Geist. Weiß Gott! Was für ein patriarchaler Himmelsclan. Überhaupt fast nur Männer da oben. Einzig Maria im Vorstand. Die Quotenfrau. Wobei, kein Vollweib, bloß Jungfrau. Darauf legen sie Wert. Die Männer oben und erst recht hier unten. Da ist überhaupt frauenfreie Zone. Beim alleinseligmachenden Erlösungsmonopolisten. Das Kardinalskollegium, ein Greisenparlament. Alte weiße Männer über 70. Die Bischöfe, der Praktikantenkader für die Kardinalswürde. Und dann die Priesterkaste. Die müssen sich zerreissen zwischen Zölibat und Hirtenamt. Müssen ihren Schäfchen Seelsorge leisten, dabei aber immer auf den körperlichen Abstand achten. Nach der Lehre. Das gelingt nicht immer. Weder bei den kleinen Buben noch bei den erwachsenen Frauen. Auch Priester sind nur Männer. Aber ich wollte dieser ehrenwerten Gemeinschaft eigentlich keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Amen.

  9. #9
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    Von der katholischen Kirche (katholisch = allumfassend, darunter machen sie's nicht) zum Islam. Dem politischen. Politischer Islam, auch so ein Schlagwort. Wie ein rechter Haken von Muhammad Ali. (Ach, den kennt doch keiner mehr). Politischer Islam. Islamismus. Wieder so ein -ismus. Fast so schlimm wie Rassismus. Wobei, akribische Apologeten der reinen Lehre unterscheiden hier subtil. Ein Rassist ist in der Stufenleiter des Bösen zweifellos einige Sprossen höher zu verorten. Weil, er ist weiß, männlich, also privilegiert und hätte theoretisch die Möglichkeit gehabt, sich nicht zum Rassisten zu entwickeln. Dem Islamisten gewähren die aufgeklärten Sittenwächter einen pauschalen moralischen Vorschuß, einen allgemeinen Ablaß antecessus quasi. Also wenigstens bis auf weiteres. Ist der Islamist unbelehrbar und Wiederholungstäter, dann wird mal nachgeguckt. Warum der so tickt. Und warum er nicht für eine Resozialisation im Sinne der politischen Richtigkeit zugänglich. Der Islamist an sich ist nämlich noch kein Fall für das Femegericht der politischen Korrektheit. Ich muß aufpassen. Vermintes Gebiet. Wer den Begriff politische Korrektheit benutzt, steht schon mit einem Bein im sumpfigen Brackwasser des rechten, rassistischen Ressentiments. Also Vorsicht. Aber zurück zum Islamismus. Haben manche Wächter der pK ein Problem mit traditionellen Formen abendländischer Gläubigkeit, des Brauchtums und überkommenen Sprachgebrauchs - meine Großmütter trugen tagaus, tagein Kopftuch, liefen bei jedem Glockenschlag in die Kirche, das Wort des Pfarrers war Gesetz, der Platz der Frau war in der Küche und in der Kirche links usw. - so haben dieselben Leute kein Problem mit gleichartigen Denkschablonen und Verhaltensweisen bei muslimischen Mitbürgern. (Hier wäre das -Innen angebracht, aber ich verkneif's mir). Also ob die mit anderem Maß zu messen wären. Oder sind sie gar mit mehr Nachsicht zu behandeln, weil sie ja nicht so aufgeklärt sein können, wie wir es sind? Oder sein könnten. Wir wollen ihnen doch nicht Rückständigkeit unterstellen. Das wär ja schon wieder rassistisch. Racial profiling. Man muß so aufpassen. Politische, und nicht nur die, Korrektheit ist wirklich ein Tanz auf dem Eise. Jederzeit kann es brechen oder man ausrutschen und auf die Schnauze fallen. Gegenüber unseren muslimischen Mitbürgern haben die oft grünrosa angehauchten Sittenwächter der pK eine Beißhemmung, die sie bei den angestammten, einheimischen, autochthonen nicht haben. Und schon habe ich das nächste Problem: wie bezeichne ich Mitbürger ohne Migrationshintergrund, also die Leute, deren Vorfahren seit mehreren Generation hier zu Hause waren??? Ohne dass ich Begriffe aus dem Blut-und-Boden-Milieu verwende, ohne dass ich nationale oder gar völkische Klischees bediene? Einheimische, Landsleute, Volkgenossen, Hiesige, Altösterreicher? Ich weiß es nicht. Vielleicht steht ja im neuen Duden die korrekte Bezeichnung für diesen schrumpfenden Bevölkerungsteil. Wo war ich? Ach ja, Beißhemmung. Nicht nur rechte, des Populismus oder gar mehr verdächtige Politiker - nee, vor allem sind es aufgeklärte, muslimische Neubürger, meist aus dem akademischen Milieu - beklagen die großzügigen Nachsichten und zugedrückten Augen, die dem Islam und seinen Spielarten bei uns zugebilligt werden. Was ja umgekehrt eher selten ist. Geh mal nach Saudi-Arabien, Ägypten oder gar Iran. Toleranz als Einbahnstraße politisch blinder Gutmenschen? Autsch. Das geht gar nicht. Wieder ausgerutscht. Gutmensch ist kontaminiert. Das Wort ist vergiftet. Aber wie soll man die wohlmeindenden, etwas naiven, ans Gute im vor allem Fremden glaubenden Mitmenschen nennen? Gutgläubige, Blauäugige, Philantropen, Humanisten, Christen? Ziemlich kompliziert die Geschichte. Weil so viele rote Linien, so viele Spielregeln, so viele Fallstricke, so viele Tabus, so viele Verbote und Gebote. Geht's nicht ein bissl einfacher?


    Es ist so eine Sache mit der Korrektheit, dem Antirassismus, der gendergerechten Sprache, dem Feminismus und verwandten Disziplinen. Du willst alles richtig machen, es allen recht machen und stolperst von einem Fettnäpfchen ins nächste, von einem Fehltritt zum andern. Wie sagt man jetzt zu Menschen nicht weißer Hautfarbe? Da gehen die Meinungen auseinander. Es gibt so viele Meinungen wie Farbstufen nicht weißer Haut. Wie nennt man Menschen, die sich weder als Mann, noch als Frau fühlen? Wieviele Diversitäten gibt es ? Der Duden ist dazu übergegangen, Berufe in maskulinem und femininem Genus gleichwertig zu behandeln. Ich gehe nicht zum Frisör, Bäcker, Arzt oder Buchhändler. Ich gehe zur Frisörin, wenn sie eine Frau ist. Was aber, wenn ich gar nicht weiß, ob der Buchhändler ein Mann oder eine Frau ist? Oder vielleicht weder noch? Ich kann doch nicht alles wissen! Und was macht der Duden mit den nicht mal vollständig bekannten Diversitäten? Da wird selbst der Duden scheitern! Also da haben die ein Faß aufgemacht, das sie nimmer zu kriegen. Ich alter, weißer Boomer - diese liebevolle Bezeichnung fällt natürlich nicht unter erweitertem Rassismus, die ist korrekt amtlich - beschließe, diesen Zirkus nicht mitzumachen. Auf die Gefahr hin, in irgendeine Schmuddelecke gestellt zu werden. Der Bäcker bleibt Bäcker, egal ob Männlein, Weiblein, divers oder pervers. Weil der Bäcker ist ein Beruf. Und es heisst ja auch der Beruf. Und darin steckt der Ruf. Beides männlichen, grammatischen Geschlechts. Mir reicht das.


    Und jetzt mal unter uns. Ich rede hier ja nur mit mir. Führe ein inneres Zwiegespräch. Ich red jetzt mal Tacheles, Klartext. Mir gehen all diese Gesinnungstaliban, Sittenwächter, Scheinheiligen, Oberempörten, Meinungssensoren und -zensoren, diese Hohepriester der Korrektheit, der Antidiskriminierung, die Antirassismusbeauftragen wie die Gendergendarmen, die Sprachpolizisten und Links-Rechts-Landvermesser, diese Missionare des Wahren und Guten gehen mir auf die Nerven, den Sack und die Nebennieren. Mir ist diese Dauerempörung von links, grün, rechts und braun gleichermaßen suspekt und widerlich. Mir reicht's. Soll dieser intellektuelle Veitstanz im Hühnerhof der Gerechten doch weiter gehen, bis sie alle tot umfallen. Mir egal. Ich halte es da mit Karl Valentin: 'Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.' Ich muß da nicht mitschnattern. Ich muß gar nichts. Fast. Ich versuche, mich ans Strafrecht zu halten. Niemand vorsätzlich zu schaden. Und mich nicht von der pandemischen Aufgeregtheit über selbsterfundene Probleme anstecken zu lassen. Wir hätten echte Probleme genug. Aber die schieben wir lieber vor uns her. Oder mogeln uns um sie herum. Bis sie uns umso heftiger einholen. Ich sag nur Bevölkerungswachstum, Ressourcenverbrauch, Erderwärmung, Artensterben, Regenwaldvernichtung usw. Doch wir arbeiten uns lieber ab an Gesinnungsschnüffelei, Verschwörungstheorien und Sprach- und Sprechkonventionen. Na denn, Weiter so!

  10. #10
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    So. Nochmal KI. Diesmal Klimawandel inklusive. Ich bin die Diskussionen leid. Ob und wie und was die Ursachen, ob anthropogen oder nicht, ob noch abzuwenden oder nicht, ob überhaupt oder gar nicht und so fort. Ich weiß es ja auch nicht. Klima ist halt irgendwie noch eine Nummer zu groß für uns. Selbst die Experten wissen nicht, rechnen mit Modellen und Wahrscheinlichkeiten. Aber, nach allem, was wir messen, beobachten, spüren, modellieren, auf der Erde, in der Luft, aus dem All, ändert sich das Klima Richtung wärmer. Die Folgen sind bereits mit unseren menschlichen Sinnen erkennbar: Gletscher schmelzen, die Polkappen fließen dahin, der Permafrost taut auf, Wetterextreme nehmen zu. Die letzten 6 Jahre waren die 6 wärmsten der Meßgeschichte. Das sind jetzt keine Beweise nach mathematischen Maßstäben, doch wenn wir die haben, dann ist es mit Sicherheit zu spät. Wir sind in der Lage eines Menschen, dessen Haus in Flammen steht. Statt zu löschen, versucht er noch seine Suppe fertig zu kochen. Wenn er zu lange wartet, wird er mitsamt seiner Suppe verbrennen. Wird er ringsum vom Feuer eingeschlossen sein. Es muß uns doch klar sein, dass wir den Ozeandampfer Klima nicht manövrieren können wie einen Kleinwagen. Im Moment steuern wir auf einen Eisberg zu, ohne zu wissen, wie weit der weg ist und ob wir noch ausweichen oder abbremsen können, um eine Kollision zu vermeiden. Dennoch schippern wir volldampf voraus auf unverändertem Kurs. Das ist so ziemlich das Dümmste, was wir machen können. Und ich bin immer noch im Zweifel, ob es einfach Ignoranz und Blödheit sind oder ein klammheimlicher Todestrieb, die uns sehenden Auges geradewegs ins Verderben stolpern lassen. Oder Schwarmdummheit. Ich beobachte ein Leben lang, dass das Einzelidividuum Mensch viel vernünftiger und Argumenten zugänglicher ist, als die Masse. In ihr löst sich das Urteilsvermögen des Einzelnen auf und verschwimmt in einer kollektiven Fühligkeit, einer Massenmeinung. Und es schwindet der Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Beim Klima ist es sogar noch absurder. Gebetsmühlenartig beteuern Regierungen, Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft, mehrheitlich Wähler und die Jugend for future, sich der Herausforderung zu stellen, alles zu tun, um die Katastrophe abzuwenden und überhaupt müsse ab jetzt alles anders und besser gemacht werden. Und alle Jahre wieder stellen wir fest: die Emissionen steigen weiter, so wie die Weltbevölkerung, der Konsum wächst weiter, Reisen, Fleischkonsum, Energieverbrauch, Ressourcenplünderung, Bodenversiegelung, Artensterben, alles steigt, wächst wie die Temperatur auf unserer schönen Erde. Kognitive Dissonanz, Dummheit, Blindheit oder einfach kollektiver Suizid?


    Mir könnte es ja fast egal sein. Ich hab mein Leben gelebt. Bis ich mich vom Acker mach, wird es noch irgendwie gehen. Meine Kinder und meine Enkel, unser aller Kinder und Enkel sind die Gefickten. Meine Generation fragte unsere Eltern, was sie im Dritten Reich gemacht. Warum sie nicht Widerstand geleistet hatten. Warum sie mitgelaufen waren. Wir entrüsteten uns über sie. Wir fühlten uns besser, moralisch überlegen. Mit uns wäre das nicht passiert. Und nun? Wenn die Klimaszenarien eintreffen, die am wahrscheinlichsten sind, wie stehen wir dann da? Heute ist es nicht das drohende KZ, das uns mitlaufen lässt. Heute ist es das Festhalten an Wohlstand, Konsum und Luxus. Heute ist es nicht die drohende Hinrichtung, die uns kuschen lässt. Heute ist es Angst vor Arbeitsplatzverlust oder sozialem Abstieg. Heute ist es nicht Sippenhaft, die uns gefügig macht. Heute ist es die Furcht vor mangelnder Anerkennung und Erfolglosigkeit, Likes versus shitstorm. Im Vergleich mit unseren Eltern liefern wir eine verdammt miese Vorstellung, ist unsere Performance unter aller Sau. Soviel zur Überlegenheit meiner Generation. In Grund und Boden müssten wir uns schämen. Wir haben es total verkackt. Da hilft auch kein E-Mobil und kein Verzicht auf Palmöl. Da hilft kein Mülltrennen und kein fair-trade-Siegel auf unseren Kaffeebohnen. Da könnte nur noch der Allmächtige helfen. Doch der hat sich schon lange davon gemacht. Aus dem Staub. Der Feigling. Na gut, überrascht mich jetzt nicht. Er ließ ja auch seinen eigenen Sohn im Stich.


    Klima und Corona. Ein ungleiches Paar. Gegen C gibt es eine Impfung, gegen K nicht. C wirkt schneller, beeinflusst unseren Alltag in Tagen und Wochen, K ist dagegen eine Schleiche, ändert sich merkbar nur in Jahrzehnten und Jahrhunderten. C stört unsere Lebensweise und Wirtschaftsläufte. Das geht gar nicht. K zerstört dagegen allmählich unsere Lebensgrundlagen. Da kann man lange wegsehen und sich abwenden. C rüttelt nicht am System, kann mit einer Maske und ein paar Verhaltensregeln eingedämmt werden. K stellt alles in Frage: unser Wirtschaftssystem, unsere Konsumgewohnheiten, unsere Lebensart. Und da tut es weh. Und da kommen wir zur Gretchenfrage: Mensch, wie hälst du es mit dem Konsum? Weniger? Geht nicht, sagen alle, die Ökonomen, die Unternehmer, die Konsumenten. Anders? Ja, dauert aber, sagen alle, die Ökonomen, die Unternehmer, die Konsumenten. Freiwilliger Verzicht? Funktioniert nicht. Wissen alle. Spezifische Verbote? Geht gar nicht! Bedroht die Freiheit, ist gegen die Grundrechte. Klimakonferenzen? Ja, schreien sie alle. Konferenzen, Pläne, Ziele - so schaffen wir das!


    Wie nennt man das, wenn man aus emotionaler Abwehr, aus Angst vor Verlust, aus Trägheit die Realität verdrängt? Und weiter macht, wie bisher, obwohl gerade das in die Katastrophe führt? Tragödie? Nein, denn dort kämpft der Held - zwar vergeblich, aber immerhin - gegen seinen Untergang. Schicksal? Nein, ausser wir könnten nicht anders handeln. Was dann? Für mich ist das idiotisch. Kollektive, suizidale Idiotie.


    ***

  11. #11
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    Bei Klimawandel denke ich unweigerlich ans Reisen. Obwohl beides nicht unbedingt zusammenhängt. Und was heisst schon Reisen? Es gibt so viele Spielarten des Reisens, wie Wege nach Rom. Wer zu Fuß nach Mariazell oder Santiago de Compostela pilgert, reist auch. Und wer sich mit tausend anderen auf ein Kreuzfahrtschiff zwängt, reist ebenso. Doch Reisen ist nicht Reisen. Eben. Klimatisch interessant wird es erst durch den modernen Massentourismus. Jeder Arsch kann sich heute zu einem Spottpreis in jeden Winkel des Globus befördern lassen. Durch die Luft, über den Ozean, über Land und in jeder denkbaren Kombination davon. Und dank vielfältiger Subvention des veranstalteten, voll kommerzialisierten Fernreisens durch den Staat, dank eines beinharten Preiskampfs auf Kosten der im Tourismus arbeitenden Menschen all over the world, dank prekärer Arbeitsverhältnisse und schäbiger Entlohnung - früher nannte man das Ausbeutung, heute Wettbewerb - lassen sich jährlich hunderte Millionen Menschen kreuz und quer über den Globus fliegen, auf schwimmende Megahotels pferchen, in sogenannte Wellness-Ressorts sperren und nennen das Urlaub und Erholung. Wenn Corona ein Gutes hatte, dann die Unterbrechung dieses Wahnsinns. Und mehr als eine Unterbrechung wird es auch nicht sein. Wie Junkies nach Stoff gieren Millionen landauf, landab nach der nächsten Langstrecke, dem ersehnten Kurztrip oder einfach nach 2 Wochen am Hotelpool und abends an der Bar, Speisen und Getränke all inclusive.


    Irgendwie fehlt mir der Sinn für diese Art Urlaub, Erholung, Vergnügen oder was auch immer das sein soll. Allein der Gedanke an einen Flug ans andere Ende der Welt zusammen mit 180 urlaubsgeilen Viel-, Schnell- und Last-minute-Buchern, jagt mir eine Gänsehaut die Wirbelsäule hinab. Dort angekommen werden sie von lächelnden Guides erwartet, die sie auf die wartenden Busse verteilen. Aus denen sie am Zielort nach dem Check-in alle in den gleich möblierten Zimmerchen - pardon Appartments - verschwinden, um sich zur vorgegebenen Zeit ums Buffett zu scharen und .... und .... Nach 14, 21 oder 28 Tagen geht es die gleiche Ameisenstraße retour. Horror pur.


    Und dann lese ich heute früh, dass trotz weltweiten Zusammenbruchs der Urlaubsindustrie, Lock-downs, Reisebeschränkungen etc. der CO2-Ausstoß aktuell einen neuen Höchststand erklommen hat. Also die Urlaubsflieger können es nicht sein. Irgendwo hab ich eine Statistik im Oberstübchen, dass der gesamte Verkehr zu etwa 21% der globalen CO2-Emissionen beiträgt. Davon ist die individuelle Personenbeförderung und davon wieder die Reisetätigkeit nur ein Teil. Also der Klimakiller ist der Tourismus vielleicht grad nicht. Doch ist er so unnötig wie ein Kropf. So sinnvoll wie das Beten eines Rosenkranzes, so nützlich wie ein Tattoo.


    Das Prozentrechnen bringt auch nicht weiter. Die Statistik taugt nicht zur Änderung unseres Verhaltens. Weil sie die Wirklichkeit nur vorgaukelt. Weil es Dutzende unterschiedliche Statistiken gibt, die je nach Verfasser und Randbedingungen andere Werte liefern. Und vor allem, weil unser Tun und Lassen nicht vom Verstand, sondern vom Bauch bestimmt werden. Und weil jeder Einzelne tausende Entschuldigungen für diese oder jene Klimasünde hat. Und weil es auf ihn ja nicht ankäme. Da müssten erstmal andere .... Nicht ganz zu unrecht nämlich. Wenn ich meinen persönlichen CO2-Ausstoß auf Null reduziere, ändert das am globalen Problem gar nichts. Das gilt für mich, für dich, für meine Kommune, für mein ganzes Land. Also für Bereiche, die meilenweit über meinen persönlichen Aktionsradius hinaus gehen.


    Wir haben nicht mehr viel Zeit. Glaub ich. Das Klima ist ein Supertanker. Mit einem Bremsweg, der länger ist, als die Liste der Ausreden, warum ich dies und jenes nicht lassen kann. Mit einem Wendekreis, der größer ist als mein Horizont. Und auf diesem Megatanker sitzen wir, tuckern auf einen Eisberg zu, feiern lustig Party und hoffen, dass wir die Kollision schon irgendwie vermeiden können. Durch die Navigationskunst der Crew. Durch Fehler in den Kursberechnungen, die eine Kollision nur vorgaukeln. Manche meinen gar, den Eisberg gäbe es gar nicht. Der sei bloß eine Erfindung einiger Spaßverderber, die die Party killen wollten. Und wieder andere meinen, man könne gar nichts tun, weil Eisberge ihre eigenen Wege gingen, egal wohin das Schiff auch gelenkt werde. Und nun? Ich weiß so ungefähr, welcher Kurs einzuschlagen wäre. Und ich weiß, dass es nie dazu kommen wird. Also haben die recht, die in Sachen Klima zu Abwarten und Nichtstun raten? Auf tragikomische Weise könnte das so sein. Dann nämlich, wenn es ohnehin schon zu spät wäre und die Klimakatastrophe unausweichlich.




    ***

  12. #12
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Diese Klimageschichte ist nicht lustig. Das allein wäre kein Problem. Vieles ist unlustig. Nur, beim Klima geht es ums Überleben für einen Großteil der Arten auf dem Planeten. Meine Art inklusive. Und genau das haben wir kollektiv noch nicht begriffen. Der Mensch in der Masse verliert die Fähigkeit, seiner Vernunft zu folgen. Sie bricht im Kollektiv zusammen. Wie die Wellenfunktion eines Quantenobjekts bei der Messung. Ab da verhält es sich wie ein Teilchen. Keiner weiß, warum. Der Mensch in der Masse verhält sich nicht als Teilchen, sondern eher als Teil einer Welle. Und so wie mir die ganze Quantenphysik ein Buch mit sieben Siegeln ist, so wenig verstehe ich den Menschen als soziales Tier. Das Individuum löst sich in der Masse scheinbar auf und verliert sich im Schwarm. Schwarmintelligenz? Beim Menschen nur ein frommer Wunsch. Ich nenn es lieber Schwarmidiotie. Was aber leitet den Schwarm? Was bestimmt sein Agieren? Die Kollektivseele? Sind die Einzelexemplare des Schwarms neurophysiologisch kurzgeschlossen? Über welches Medium aber, den Äther gibtet ja nicht. Über quantenelektrische Felder oder übersinnliche Fernwirkung? Tatsache ist, dass das Einzelwesen im Schwarm nicht vernünftiger, sondern blöder wird. Und Tatsache ist auch - wenigstens beim Menschen -, dass sich jeder Schwarm um einen Anführer schart. Dass da immer einer ist, der sich als Zentralgestirn aufspielt und von den anderen willig als solches umkreist wird. Der Mensch ist ein soziales Wesen, aber auch ein gruppendynamischer Lemming. Wenn andere etwas tun, muß er es ihnen gleich tun. Gruppenzwang oder Konformitätsdruck nennt das die Psychologie. Und er wirkt nicht nur in konkreten Gruppen. Also dort, wo die Mitglieder einander treffen, sehen, anwesend sind. Er wirkt auch und vor allem über die öffentliche und veröffentlichte Meinung. Über die so genannten Medien. Die bauen und basteln täglich an den Gerüsten, an denen wir uns emotional festhalten und orientieren. Und seit es die viel umjubelten, verteufelten, umstrittenen sozialen Medien im Zwischennetz gibt, hat die Zahl der Gruppen, Grüppchen und Schwärme rasant zugenommen und der Konformitätsdruck enorm zugelegt.


    Wie soll daraus was Vernünftiges werden? Weder aus den klassischen Meinungsschmieden, noch aus den unzähligen social-media-start-ups sprießen hoffnungsspendende Saaten. Von Früchten gar nicht zu reden. Die Ersteren beten beständig den Begleitkanon des Untergangs: Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, Profit, Effizienz, Alternativlosigkeit - das Brevier zur Höllenfahrt. Letztere bieten ein Bild der totalen Verirrung und Verwirrung, ein endzeitliches Panikorchester in dem jeder sein eigenes Liedchen pfeift, trällert, fiedelt, trommelt. Je irrwitziger eine Behauptung, desto mehr follower zieht sie an. Je blödsinniger eine Verschwörungstheorie, desto inbrünstiger wird sie geglaubt. Das Netz gebiert ständig Geister, die irgendein Idiot, Scharlatan oder Missionar in die Welt ruft und die wir nicht mehr los werden. Unzählige Zwergpropheten, Minidiktatoren und Gruppenführer streuen ihre kruden Welterklärungskrümel in die Menge, welche diese begierig aufpickt. Da wird nicht unterschieden, da kommt alles ins Kröpfchen, egal ob gut oder schlecht. Da wird mir schlecht. Echt.


    Bin ich zu negativ? Ein verbitterter, alter, weißer Mann? Gibt es nicht viel Fortschritt auf allen möglichen Gebieten? Hat der Mensch nicht noch immer irgendwie die Kurve gekriegt? Viele glauben ja, die Klimakatstrophe, die ökologische Krise, das Artensterben mittels technologischer Lösungen zu bewältigen. Vor allem junge Menschen verzichten auf ein Auto, ernähren sich bewusst und erziehen ihre Kinder zu selbstbewussten und kritischen Bürgern. Sollte mir das nicht Hoffnung spenden? Bei allem Respekt für diesen Teil unserer jungen Generationen aus den Industriestaaten: sie bilden nur eine verschwindend kleine Minderheit der Weltbevölkerung und sitzen nur selten an den Hebeln der Macht. Dorthin, wo die Weichen gestellt werden, gelangen in der Regel nur Leute, die das Hohelied des Wirtschaftshochamts singen. Leute, die sich bedingungslos mit den Glaubenssätzen des Kapitalismus und des Wettbewerbs identifizieren. Das ist in der Politik so, das ist in der Wirtschaft so. Aber, aber, es gibt doch die Grünen, die zu einer gewichtigen Stimme im Politkonzert herangereift sind! Die Grünen! Ja. Also. Erstens, zweitens, drittens .... Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Erstens, die deutschen Grünen sind ein Sonderfall. Ich glaube nicht, dass es irgendwo auf der Welt solch eine grüne, geschlossene Gesellschaft gibt, wie die Grünen in der BRD. Eine quasi hermetischer Bund von selbsternannten Weltverbesserern und Globusrettern. Eine orthodoxe Gemeinschaft von Gläubigen, die keine Abweichung von der reinen Lehre duldet. Und diese Lehre besteht nicht nur aus der Ökologie, sondern immer mehr aus zeitgeistigen Strömungen, als da sind Genderismus, Antirassismus (was immer das sei, wo es doch keine Rassen gibt, die wurden ja grad aus dem GG durch das adjektiv rassistisch ersetzt, also was jetzt???), Queerismus (keine schöne Wortschöpfung, aber wie soll man all die diversen, von der gesellschaftlichen Cisgender-Heteronormativität abweichenden Identitäten zusammenfassen?) und ein Dutzend anderer Spielarten trendiger Sektiererei. Wahrlich, an den deutschen Grünen wird keine Welt genesen. Zuviel Nabelschau und Selbstbeweihräucherung und zuwenig Realitätssinn. Grün ist der neue Romantizismus. Statt die Probleme an der Wurzel zu packen, ergeht man sich in sinnlosen Gemetzeln an Nebenfronten. Mit der Energie, die in Genderdebatten, Migrationsförderung - sie nennen es Migrationsforschung -, Queerdiskurse, Sprachverhunzung, weiße-Haut-bashing verpufft, könnten Millionen Dummköpfe taghell erleuchtet werden. Wenn sie klug genutzt und in die richtigen Kanäle gespeist würde. Aber warum soviel Aufmerksamkeit für die Grünen? Verlorene Müh.


    Ich muß mir immer wieder klar machen, dass es nicht um meine Befindlichkeit geht. Die ist nur für mich von Bedeutung. Dasselbe gilt für die Gefühligkeit der Mitmenschen. Auch die ändert nichts an den Umständen, solange sie nicht in Taten mündet, in Politik umgesetzt wird. Andauernd erstellen wir Meinungsumfragen, Politbarometer, Beliebtheitsskalen für alles und jeden, Hitlisten für Großkopferte und Promis, alles heiße Luft, die die Atmosphäre des Planeten nur unnötig erwärmt. Mediale Säue werden täglich durchs globale Dorf getrieben, ohne dass sich an unserem Kurs etwas messbar ändert. Eine Klimakonferenz um die andere produziert mehr Absichtserklärungen, als Müll im Ozean schwimmt. Für jeden guten Vorsatz gibt es einen Schuber voll Ausreden, warum dies und das jetzt nicht getan werden kann. Die größte Kraft im Spiel der individuellen wie öffentlichen Willensbildung ist die Prokrastination. Lieber Aufschieben als Anpacken. Ständig verlieren wir uns in unproduktiven Diskussionen, lähmendem Abwägen des Für und Widers, die Resultierende ist meist Null. Wie nennt das die Psychologie? Verdrängung? Ersatzhandlung? Kognitive Dissonanz? Egal. Dem Planeten ist es egal, warum wir den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Die Erde hat schon ganz andere Katastrophen überlebt als den Homo sapiens. Ich habe gehört, dass innert der letzten 500 Millionen Jahre, bereits fünfmal ein Großteil der Arten ausgerottet war und die Evolution nicht ganz bei Null, aber bei Eins oder Einskommaeins von neuem beginnen musste. Meteoriten, Eiszeiten, Heißzeiten, Vulkane, sie alle haben jedes Mal die Uhr zurückgesetzt. Da hieß es, geh zum Start. So wird es auch das nächste Mal sein. Ohne jede Wahl, Umfrage oder Diskussion. Die Naturgesetze sind keine demokratische Veranstaltung. Sie geschehen einfach. Ohne Ansehen der Person, ohne Emotion, ohne Absicht. Die Natur kennt keine Moral, keine Imperative, nur Exekutive nach, ja nach was? Nach den dem Universum inhärenten Regeln. Den Axiomen und Normen des real Existierenden Wahnsinns quasi. Wobei Wahnsinn meine ganz persönliche Wertung ist. Also unerheblich. Es geschieht, was geschehen muß. So meine Rationalisierung des Irrsinns, des Absurden. Was ich mir dabei denke oder empfinde, ist einerlei,ohne Bedeutung. Der Quantencomputer in meinem Kopf ist nur Kino, nicht Realität. Wenn es die überhaupt gibt. Die Welt als Wille und Vorstellung? Ist da jemand? Existiert da was? Wie gesagt, alles Kopfkino. Film auf der Höhlenwand. Den Kopf drehen und rausschauen, ob da was ist, das geht nicht. Frag mich nicht, warum. Es ist so. Punkt.




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  13. #13
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Es gibt ein paar Eigenschaften des Menschen, die problematisch sind. Die uns dahin gebracht haben, wo wir heute sind. Religionen haben diese Wesenszüge als Sünde, Absonderung von Gott oder Gier nach Macht, Reichtum etc. thematisiert. Ein solch problematischer Begriff, der selten in diesem Zusammenhang fällt, ist für mich Wettbewerb, Konkurrenz. Es scheint, dass die erdrückende Mehrzahl der Menschen dieser Verlockung, ständig mit irgendwem oder irgendwas in Konkurrenz zu treten, nur zu gerne erliegt, ja regelrecht süchtig danach ist. Sicher, ja, gesunde Konkurrenz belebt das Geschäft, ist Motor für Fortschritt, Innovation und Wohlstand. Alles schön und gut. Nur macht Konkurrenz blind und abhängig. Man will immer mehr davon, neue Rekorde aufstellen, immer besser, schneller, erfolgreicher sein, als der Mitbewerber. Wie der maßlos gierige König im Märchen Rumpelstilzchen Gold, will der Erfolgreiche immer mehr Erfolg. Es reicht uns nicht, genug zu haben. Wir wollen mehr. Und Wettbewerb stachelt diese Sucht an. Der Schrebergärtner will größere Früchte ernten, als der Nachbar. Der Angler den größeren Fisch am Haken haben, als der Petrijünger neben ihm. Jede Fußballelf will gewinnen. Der ehrgeizige Angestellte will auf dem Sessel seines Chefs sitzen. Der Konzernchef will das bessere Ergebnis als die Konkurrenz. Der Glaube an die Zauberkraft des Wettbewerbs ist ähnlich irrational und unerschütterlich wie der an die unendliche Weisheit und Lösungskompetenz des Marktes. Der Markt ist der Götze unserer Epoche, der Wettbewerb sein erstes Gebot. Woher kommt das? Ich hab da meine ganz persönliche Theorie.


    Meiner unmaßgeblichen Meinung nach wurzelt diese Sucht aus der frühmenschlichen Weibchenwahl des Geschlechtspartners. Auch female choice genannt. Ob die beim Homo sapiens vorherrschte, darüber streiten die Evolutionsbiologen, Tiefenpsychologen und andere. Klar ist, dass Weibchen, wenn mehrere Männchen zu Wahl stehen, dasjenige bevorzugen, das die beste genetische Fitness verspricht. Dafür werden typische äussere Merkmale herangezogen, die vom Weibchen als attraktiv empfunden werden. Heute überwiegt die sozialpsychologische These bei der Partnerwahl. Da es aber in der Frühzeit des Menschen noch keine Soziologen und Psychologen gab, gehe ich davon aus, dass sich die frühmenschlichen Artgenossinen eher am Körperbau, der Kraft und Geschicklichkeit des Auserwählten orientierten. Das führt zwangsweise zur Konkurrenz unter den Männchen, nicht selten zu Kämpfen. Der Wettbewerb war geboren. Es dauerte wohl nicht lang, bis einige der fortpflanzungswilligen Brautwerber erkannten, dass auch noch andere Vorzüge als die der bloßen Physis ihre Chancen bei den begehrten Weibchen erhöhten. Sie brachten Geschenke, versprachen Schutz und Mithilfe bei der Aufzucht des Nachwuchses und andere Annehmlichkeiten. Aus der Werbung um das Weib entsprang der Wettbewerb. Sagt ja schon der Wortstamm. So wie der Sexualtrieb, gehört die Konkurrenz zu unserer Grundausstattung. Die Ausweitung auf mehr als die Partnerwahl macht sie zum Problem. Schneller, effizienter, produktiver - die Trinität unseres Wirtschaftens. Reicher, schöner, durchsetzungsstärker - die Spitze unserer gesellschaftlichen Wertepyramide. Wer nicht mithalten kann, ist ein Verlierer. In der Wirtschaft, im Berufsleben zählt nur die Leistung. Sagt man uns, dem Heer der Arbeiter, Angestellten, Scheinselbständigen, prekär Beschäftigten. Von oben herab. Leistung - auch so ein Fetisch, ein absolutes Muß. Wobei unklar ist, wer definiert, was Leistung ist. In der Physik ist es die verrichtete Arbeit pro Zeit. In der Wirtschaft ist diese Definition nur ein Aspekt. Bei den unteren Chargen, am Fließband, beim Akkordlohn. Je höher die Etage, desto mehr Mythos wird um die Leistung gewoben. Ein Topmanager wird nicht nach Stunden, Arbeitseinheiten oder der Anzahl vernähter Knöpfe bewertet. Bei ihm zählen Umsatz, Gewinn, Aktienkurs und andere statistische Größen. Nicht zu vergessen öffentliche Präsenz, Charisma, Verhandlungsgeschick, Skrupellosigkeit, Zielstrebigkeit etc. Erfolg wird bei den Top-Leuten von Politik bis Wirtschaft, Wissenschaft bis Kultur oft nur behauptet. Der Beispiele von hochgehandelten, gehypten und gejazzten Top-Typen, die sich als Blender, Hochstapler und Betrüger erwiesen, ist lang.


    Wo war ich? Ach ja, bei der Konkurrenz. Sie ist der Motor unserer Wirtschaft, wie auch der Grund dafür, dass uns die Welt um die Ohren zu fliegen droht. Das erste Beispiel über die fatalen Folgen menschlichen Strebens nach Anerkennung und Erfolg steht in der Bibel gleich zu Anfang. Der erste von einer Frau geborene Mensch - Kain - wird ruckzuck zum Brudermörder, weil er nicht die gleiche Anerkennung Gottes findet wie Abel. Wenn das keine starke Metapher ist! In dem dicken Buch mit den vielen Mythen, Sagen und Märchen wird das eifersüchtige Buhlen Kains mit seinem Bruder um die Gunst des Gottes lebhaft geschildert. Was übrigens auch nicht grad für die Weitsicht und Güte dieses Jahwe spricht. Erstens, dass er überhaupt Opfer von seinen Geschöpfen braucht, um sich geliebt und bestätigt zu fühlen, zweitens, dass er das Opfer Abels dem Kains vorzieht und drittens und viertens .... Also mit den biblischen Geschichten ist das überhaupt so eine Sache. Dann erwählt dieser Gott auch noch ein Volk und zeichnet es gegenüber allen anderen Menschen und Völkern aus. Da muß ich kein Gott sein, um Zores und Katastrophen vorherzusehen. Nein, mit diesem Jahwe ist kein Staat zu machen, schon gar keine friedliche, blühende Erde.


    Der Wettbewerbs- und Eifersuchtstragödien ist seitdem kein Ende. Dichter haben sie verwortet, Komponisten vertont, Theologen instrumentalisiert und Psychologen haben sie rationalisiert. Wahrscheinlich ist die Konkurrenz sogar ein zutiefst eingeschriebenes Prinzip der Evolution. Survival of the fittest. Was sich am besten der Umwelt anpasst, hat den Vorteil für sich. Und wer sich aktiv bemüht, sich anzupassen, hat den größeren Vorteil. Und wer dazu noch seine Konkurrenz dezimiert, vertreibt, unschädlich macht, hat den größten Vorteil. Und auch das größte Risiko. Denn noch jede Art, die ihre Freßkonkurrenz ausgeschaltet hat, ist daran zugrunde gegangen. Die unumschränkte Dominanz führt zum Aussterben. Wir sind auf dem besten Wege dahin.


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  14. #14
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Es wird Zeit für etwas Optimismus. Immer dieses Gesuder (wienerisch für Bruddeln [schwäbisch für] Krittelei, Herumgemäkel, Gemaule) und Geraunze. Mir geht es gut. Ich kann nicht klagen. Ich gehöre einer Generation an, die wohl die beste aller Lebensspannen der Gattung bis jetzt erleben durfte. Kurz nach dem Krieg geboren. Es ging aufwärts. Ein Wirtschaftswunder jagte das andere. Die Segnungen der Alltagserleichterungen wie Waschmaschine, Staubsauger, elektrische Küchenhelfer, eine Welle an Kunststoff, Hygieneartikeln und Kosmetika überflutete die Haushalte. Fernsehen, Auto, Urlaubsflüge wurden erschwinglich, die Einkommen stiegen fortwährend, soziale Absicherung, Renten, Pensionen, Versicherungen wurden zu Garantien einer Existenz im Wohlstand und eines Lebensabends ohne Furcht vor Armut und Verwahrlosung. Und das gilt im Großen und Ganzen bis heute, wenn auch die Kollateralschäden durch die neoliberale Wende und die Globalisierung zunehmen. Wie es für die nachkommenden Enkelgenerationen aussieht, steht auf einem anderen Blatt. Aber ich will ja nicht schon wieder in Mieselsucht verfallen.


    Also leben wir vielleicht doch in der besten aller Welten. Wenigstens für ein paar Jährchen. Und wer will schon die Zukunft vorhersagen? Bin ich ein Prophet? Prognosen sind allgemein ein schwieriges Unterfangen, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Das wusste schon Niels Bohr. Und der musste es wissen, war er doch Quantenphysiker und Nobelpreisträger. Andere Zuschreibungen nennen Mark Twain, Karl Valentin oder G. C. Lichtenberg. Egal. Es kommt schließlich nicht darauf an, wer etwas sagt, sondern was er sagt. Oder sie. Bleibe ich halt in der Gegenwart. Sie ist das Einzige, das halbwegs verlässlich ist und Halt bietet. Erinnerungen können ja bekanntlich auch trügen. Schau ich eben mal um mich, was ich hier und jetzt wahrnehme. Da wäre ein windiger, kühler Sonntag im März. Wie schon fast die Regel, ein trockenes Frühjahr. Es ist seit über einem Monat kein Niederschlag mehr gefallen. Überall pisst es, doch hier im südlichen Niederösterreich sitzen wir auf dem Trockenen. Wie gesagt, fast schon normal. Was sehe ich noch? Schau ich beim Fenster raus, dann Vögel, die gegen den strammen Wind anfliegen, eine graue Wolkendecke, die keinen Tropfen fallen lässt, ein paar Leute, die ihre Hunde äusserln (schon wieder so ein Austriazismus) führen. Nicht aufregend das alles. So richtig Sonntag Vormittag eben.


    Was gäbe es noch über die Gegenwart zu sagen? Die Coronazahlen steigen wieder. Hier wie da. Das Virus hat alle mediale Aufmerksamkeit, dominiert Nachrichten, Journale, Talkrunden, Pressekonferenzen der Regierenden, der Opposition, Meinungen und den Alltag. Ich merke, dass ich längst eine psychische Abwehrreaktion entwickelt habe, eine fast allergische Immunantwort der Emotionen. Es nervt nur noch. All diese aufgeregte Vorsichtshechelei, Mahnmanie, all die Maßnahmenorgien. Die Coronahysterie ist ärger als die Pandemie. Allzu viele kochen ihr trübes Süppchen mit ihr. Eine wachsende Coronamafia wuchert und macht ordentlich Kasse. Mit der Angst und der Panik. Geschürt und gerührt von einer medialen - beinah hätt ich gesagt Verschwörung, Gott bewahre! - Mischung aus Unwissenheit, List und Geldgier. Halt! Bin ja schon wieder am Sudern. Positiv denken!


    Da hilft eine kleine Wanderung. Gegen den kalten Wind. Die Berge sind in Dampfwolken gehüllt, dort regnet und schneit es. Hier bläst nur der Nordwester. Wenige Leute unterwegs. Meist mit Hund. Das Gesträuch ist kurz vorm Aufblühen. Manches ist mitten drin, Gelb überwiegt. Hie und da Schneeglöckchen. Bärlauchzeit. Vogelgezwitscher trotz der spätwinterlichen Temperatur. Der Lockdown des Winters geht zu Ende. In der Natur. Mit oder ohne Viren. Es amüsiert mich, wie ungerührt von Abstandsregeln und Quarantäne die Biosphäre alles öffnet. Keine Spur von Maßnahmen. Sehr beruhigend und erfrischend. Keine Masken, keine Testzentren und Impfstraßen. Natürlich kostet das manch Leben hier in der Flora und Fauna. Der frühe Tod gehört hier zum Leben. Ich frage mich, ob uns die gefeierte, ständige Lebensverlängerung dank medizinischen Fortschritts wirklich glücklicher macht. Wenn ich mir die Pflegebatterien ansehe, wo unsere immer älter werdenden Greisinnen und Greise aufbewahrt werden, dann regt sich mehr als leiser Zweifel. Ich bitte das Schicksal, dass mir so eine Existenz erspart sein möge. Oder dass ich den richtigen Zeitpunkt erwische, mich selbst davor zu bewahren. Die Pflege ist zur Industrie entartet. Sorry für das unkorrekte Verb, aber es passt. Wie ein Krebsgeschwür wuchert die Gebrechlichkeit durch unsere Gesellschaft. Pharmazie, Chirurgie und Intensivmedizin machen es möglich. Ist das zum Wohle der betroffenen Menschen? Meine 5 Jahre Ehrenamt in einem Hospiz und das Mitleiden mit meiner steinalten Mutter, die seit Jahren in mehreren Pflegeheimen ihrem von ihr sehnlichst herbeigewünschten Ende entgegendämmert, belehren mich eines anderen. Für mich ist das kein Leben. Das ist eine medizinisch unterstützte, oft unerträglich hinausgezögerte Sterbensverlängerung. Ideologisch unterfüttert durch eine katholisch, pseudochristlich und von Heuchelei geprägte Paraethik. Widernatürlich und inhuman. Inzwischen kenne ich viele Fälle, wo ein Elternteil die inzwischen selbst alt gewordenen Kinder überlebt hat. Eine Qual für die hinterbliebenen Greise.


    Na gut, bin schon wieder im Weltverdruß gelandet. Wohl ein Wesenskern von mir. Alter, unverbesserlicher Nörgler. Ich hab nix gegen das Altwerden. Ich hab nur was gegen die Verurteilung zum lebenslangen Leiden. Gegen die menschenverachtende Ethik des Zwangs zum Leben über das erträgliche Maß hinaus. Bis der Arzt kommt hätt ich beinah geschrieben. Was ja auch irgendwie passt. Die Medizin und ihre maßlose, monströse Ethik sind mir unheimlich, widerwärtig. Dann lieber krepieren wie ein Vieh da draussen. Nun wurde es wieder nix mit dem Optimismus.


    ***

  15. #15
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Will nicht stören, Dir nur sagen: das ist genau dein Ding!
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  16. #16
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    @dad: danke!


    ***


    Kein Tag vergeht ohne unzählige, meist schon allzu oft gehörte Corona-News. Virologen, Epidemiologen, Vaccinologen und Dutzende andere Logen-Brüder und Schwestern erzählen mir stets dasselbe: Im Kampf gegen das Virus können wir nur bestehen, wenn wir die Ansteckung vermeiden. Zero-Covid, Nullinzidenzen, Neuinfektionen, Quarantäne und andere zuvor nie gehörte Termini bilden plötzlich das Vokabular von Politikern bis hinein in den täglichen Klatsch und Tratsch. Vom Coronaleugner bis zum Coronahysteriker reicht das Spektrum der Meinungen.


    Mir ist das inzwischen völlig wurscht. Das unverdiente Glück einer frühen Geburt beschert mir die Freiheit vor der Angst vor Jobverlust, Kündigung, Delogierung und anderen Grausamkeiten. Also lasse ich Corona an mir vorüberziehen wie die Bilder eines langweiligen Kinostreifens aus der Klamottenkiste Hollywoods. Kurz vor dem Happy-End schalte ich ab. Ich kann mir vorstellen, wie sie alle mit vibrierenden Stimmen, glänzenden Augen und stolzgeschwellter Brust den Sieg über das Virus verkünden. Die Virologen, die Experten, die Politikhanseln und Greteln. Das interessiert mich nun absolut nicht. Irgendwas stimmt da nicht. Ist Gesundheit wirklich alles? Das höchste Gut? Und was ist das, Gesundheit? Ab wann bin ich gesund? Wieviel Abweichung vom idealen Sollwertekanon der unendlich vielen Messgrößen und Indikatoren verwandelt mich vom Gesunden zum Kranken? Bin ich gesund, wenn ich mich rundum wohl fühle, bin ich krank, wenn es irgendwo zwickt oder weh tut? Natürlich nicht. Ich kann mich jahrelang wohl fühlen, während ein letaler Krebs in mir langsam heranreift. Gleichzeitig kann ich unerträgliche Schmerzen spüren, ohne dass ich krank bin. Beispiel 'narrisches Bein' am Ellbogen, tut höllisch weh, wenn ich mich entsprechend stoße. Oder Blähungen, Spannungskopfschmerz etc. Gesundheit ist also nicht so einfach zu definieren. Trotzdem dominieren sie und ihr Gegenteil seit Monaten die Schlagzeilen, den sog. öffentlichen Diskurs, die Talkrunden, die sozialen Medien.


    Verlasse mal das coronabedingte Gegacker und schau über den Rand meiner Morgenkaffeetasse. Stelle fest, dass die Medizin und ihre Erfolge und damit das Thema Lebenserhaltung und Lebensverlängerung zum absoluten Topseller geworden sind. Wenigstens in den wirtschaftlich entwickelten Ländern. Die Medizin produziert eine immer länger werdende Schlange von Greisinnen, die pflegebedürftig sind. Die Pharmazie hilft, deren Leben um viele Jahre und Jahrzehnte zu verlängern. Der Tod wird statistisch auf eine immer länger werdende Bank geschoben. Jedes Monat steigender Lebenserwartung wird gefeiert und Mediziner und Apotheker lassen die Sektkorken knallen. Die Gefeierten indes werden in Heime verfrachtet, wo sie häufig ein langes, tristes und freudloses Dasein als Aktivposten in der Bilanz der 'Seniorenresidenz' erwartet. Die Pflege ist zur Industrie verkommen, die Medizin liefert den Rohstoff. Das Pflegepersonal steht am Fließband. Sie sind das neue Industrieproletariat. Lebensverlängerung um ihrer selbst willen, um jeden Preis. Und der ist hoch. Ein Pflegegeplatz in so einer Altenaufbewahrung kostet 4-5-stellige Eurobeträge im Monat. Je nach Pflegestufe. Big business.


    Ich frag mich, ob das medizinischer Fortschritt sein soll? Manche Verwirrte träumen gar vom Sieg über den Tod und dem ewigen Leben auf Erden. Also ewig ist gar nichts. Sie meinen wohl eine drastische Verlängerung der individuellen Lebensspanne um ein Vielfaches der jetzt üblichen. Abgesehen von dem damit verschärften Problem der Überbevölkerung des Planeten, ist diese Vorstellung nur dämlich. Ja geradezu vertrottelt. Angenommen ich habe eine Lebenserwartung von 500 Jahren. Oder 1000. Wie lange davon bin ich körperlich fit, aktiv und nicht abhängig von Pflege und Betreuung? Umgelegt auf heutige Verhältnisse kann ich mit 100-200 Jahren Gebrechlichkeit und Siechtum rechnen. Im besten Fall. Bei weniger Fortune vielleicht 400-500 Jahre Genuß medizinischen Fortschritts in Form von Dauermedikation und Vollpension im Pflegeheim. Wahrlich sexy. Tolle Aussichten.


    Diese Art von Gesundheitslüge wird mir täglich vorgesetzt. Es zählt nur die Länge des Lebens. Unbedingt, unhinterfragt. Wie dieses verlängerte Dasein aussieht, zählt nicht. Darf nicht kritisch beleuchtet werden. Selbsternannte Ethiker drohen da gleich mit dem erhobenen Euthanasiezeigefinger, dem Geschäft mit dem Tod. Als ob das Geschäft mit dem verlängerten Leben ethisch wertvoller wäre. Ein Greisenleben künstlich verlängern und wenn das kritisiert oder abgelehnt wird, von Euthanasie schwafeln? Eine Dauergehirnwäsche flutet unsere Hirne. Verlogene Bilder von glücklichen Greisen in üppig blühenden Seniorenparks, umschwirrt von freundlichen Hilfsgeistern, deren höchster und einziger Lebenszweck es ist, die Alten glücklich zu machen, werden mir vorgegaukelt. Lebensqualität, Selbstbestimmung, Freiheit über mich selbst zu verfügen? Pfui! Die professionellen Lebensschützer und -verlängerer kriegen bei solchen Gedanken die Pusteln im Gesicht und einen heiligen Furor dort, wo die Seele (oder die Geldtasche?) sitzt. Das geht gar nicht. Die Medizin ist schließlich da, das Leben zu verlängern. Punkt. Hippokrates forever.


    Vor solcher Art Gesundheitsbegriff und Medizinethik graut mir. Das ist ein florierendes Geschäftsmodell, todsicher. Mit der Angst vor dem Sterben wird ungeniert Kasse gemacht. Ich nenne es Betrug. Gesundheitslüge. Ich bin da altmodisch, antiquiert. Ich halte es mit der Natur. Dort muß sterben, was sich nicht selbst erhalten kann. Sie hat eine Lebensspanne vorgegeben. 70 Jahre +/- sind das menschliche Maß. Mir graut ja auch vor einem Leben nach dem Leben. Das ist jenseitig. Was soll ich dort? Auf ewig mich zu Tode langweilen? Oh, halt, Tod gibt's dort ja keinen. Das wäre die Hölle.

  17. #17
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

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    Von der Hölle zum Glück und zur Seligkeit. Von der Krankheit zur Gesundheit. Vom Leiden zum rundum Wohlfühlen. Vom Verzicht zum Genuß. Ich lebe in einer Gesellschaft, für die Wellness im weitesten Sinn zum Lebenszweck schlechthin zählt. Selbst der Freizeitsportler, der sich Bergstraßen, Waldwege, Klettersteige beradelt, beschuht oder beseilt hochquält, macht das, weil er dabei Lust empfindet. Nach der Schinderei ist er happy und fühlt ein Zipfelchen himmlischer Glückseligkeit. Er hat sich und äußere Hindernisse überwunden. So sehen Sieger aus. Der Genüsse gibt es abseits körperlicher Ertüchtigung noch unzählige. Eine gewichtige Kategorie davon umfasst alles, was wir zu uns nehmen, fest, flüssig oder gasförmig. Die Nahrungsaufnahme ist längst zum Luxus geworden, hat kultische Bedeutung gewonnen. Unübersehbar sind die Ernährungsweisen, zahllos die Gebote und Verbote, was wir zu uns nehmen sollen, widersprechend und verwirrend die Empfehlungen aller möglicher Experten zum Thema Essen und Trinken. Vom gänzlichen Verzicht auf stoffliche Nahrung wie bei Licht- und Pranakonsumenten praktiziert, bis zum täglichen Pizza-, Burger- und Schnitzelverzehr reicht ein ultrabreites Spektrum unterschiedlicher Freß- und Saufgewohnheiten. Wo war ich? Wohin will ich?


    Kaum einen Lebensbereich nehmen wir so ernst, wie unsere Nahrungsaufnahme. Bis zur Groteske reichen die Spielarten der Eß- und Trinkkultur. Gefühlte Millionen Kochbücher, Kochschulen, Ratgeber, Diäten und Verstoffwechselungsreligionen gibt es. Vom Fast-Food-Proletariat bis zum Hochadel der Spitzengastronomie. Vom Lebensmittelmüllsammler bis zum 12-Sternekoch liegen Lichtjahre an lukullischen und sozialen Abständen. Friß oder stirb wurde zum genieße oder mampfe. Der moderne Mensch hat weitgehend den Bezug zur Herkunft seiner Nahrungsmittel verloren. Wir wissen nicht, wo die Rohstoffe herkommen, wie sie hergestellt wurden, wer sie erzeugt hat und wie sie bearbeitet wurden. Auch der ursprüngliche Geschmack ist uns fremd oder unbekannt. Der Geschmack wird industriell designed. Nach Kriterien, die der leichten Verarbeitung und Vermarktung folgen und nicht dem Gaumen und der Bekömmlichkeit. Ein Großteil unserer Nahrungsmittel ist Industrieware, vom Ursprung bis zum Teller. Egal ob Ackerfrucht oder Fleisch, alles wird in industriellem Maßstab produziert. Nach den Gesetzen des Marktes. Masse statt Qualität. Preiskampf statt Tierwohl. Markt regelt alles nach unten. Selbst Bio ist zum bloßen Verkaufsschmäh geworden. Wenn Lebensmitteldiscounter Bioware massenhaft zu Schleuderpreisen vertreiben, dann sollte selbst dem einfältigsten Konsumenten dämmern, dass er verarscht wird. Bio bedeutet weder nachhaltig, noch tiergerecht und schon gar nicht, dass der Bauer fair entlohnt wird.


    Und jetzt begeb ich mich mal aufs Eis. Sehr dünnes Eis. Fleischproduktion und Fleischkonsum. Das ist die Gretchenfrage der Ernährung: wie hälst du's mit dem Fleisch? Diese Frage hat's in sich. Sie enthält so viele Aspekte unseres Wirtschaftens, Konsums und unserer Lebensweise, dass sich kaum alle aufzählen lassen. Ich versuch das gleich gar nicht. Ich werfe mal ein Reizwort in den Ring: Vegetarismus. Von Veganismus laß ich lieber gleich die Finger. Es gibt so viele verschiedene Gründe für den Verzicht auf Fleischkonsum wie es Vegetarier gibt. Schon die Motivation ist eine höchst diverse. Beim einen ist es die Gesundheit, beim anderen eine ethische Entscheidung, bei einer dritten das damit verbundene Tierleid, bei wieder anderen sind es Überlegungen zu Ökologie und Nachhaltigkeit der Produktion etc. Ich sag's gleich, Vegetarier sind nicht die besseren Menschen. Ich muß das betonen, weil ich als langjähriger Vegetarier so meine Erfahrungen gemacht habe. Nicht wenige Mitmenschen fühlen sich provoziert durch meinen Vegetarismus. Obwohl ich ihn bewusst nicht wie einen Schild vor mir hertrage, niemals von selbst auf das Thema zu sprechen komme und einzig allein auf die konkrete Frage, ob ich (kein) Fleisch esse, darauf wahrheitsgemäß antworte. Warum manche Menschen dies zum Anlaß nehmen, sich abfällig über Vegetarier zu ergehen und mit vorwurfsvollem Blick und Ton in der Stimme fragen, ob ich nicht wüsste, dass Hitler auch Vegetarier gewesen sei, habe ich noch nicht ergründen können. Übrigens, Hitler war allein aus dem Grund Teilvegetarier, weil er Fleisch nicht richtig verdauen konnte. Egal. Des Führers Flatulenzen interessieren mich nicht wirklich. Ich bin nicht Vegetarier, weil ich die Welt retten oder verbessern will, auch nicht, weil ich länger leben will, sondern aus dem einfachen Grund, dass ich die industrielle Fleischproduktion und das damit verbundene Tierleid, diese Reduktion der Schlachttiere auf Betriebsmittel wie Erze, Wasser oder Holz, ablehne. Und bevor ich mich jedesmal auf die Suche nach einem glücklichen Huhn, Rind oder Schwein begebe, das ein schönes Leben und einen sanften Tod hatte, laß ich es ganz bleiben. Ich habe es nie bereut. Im Gegenteil, die Vielfalt und der Geschmacksreichtum der vegetarischen Küche lassen mich Fleisch nicht im geringsten vermissen.


    Wenn die Würde Beine hätte, bräucht ich keine Fahrradkette. Ich will nicht spekulieren, was, wenn. Unser Fleischkonsum ist weitgehend zur gedankenlosen Gewohnheit, bei vielen zur Sucht entglitten. Die Werbung suggeriert Fleisch als ein Stück Lebenskraft, Gesundheit, Natur. Ein Blick in Schweineställe mit Vollspaltenboden, Tiertransporter mit verdurstenden Rindern, die in einem nahöstlichen Schlachthof exzessiv gewaltsam und brutal abgemurxt werden, belehrt mich eines anderen. Damit will ich nichts zu tun haben. Der Verzicht auf solches Fleisch bietet mir vielfachen Gewinn. Ähnlich wie der Austritt aus der Kirche, beschert mir der Vegetarismus das Gefühl, wenigstens ein kleines Stück vom falschen Leben ins richtige gerückt zu sein.


    Vegetarismus sollte keine Religion sein, ein Tier zu töten, um es zu essen, kein Tabu. Meinen frühmenschlichen Vorfahren, die unter Lebensgefahr ein Mammut erlegten, um selbst zu überleben - in der Eiszeit wuchsen wohl nur Eisblumen und kein Getreide - , zolle ich Respekt und Bewunderung. Dem Wohlstandsbürger mit dem Griller zum Preis eines Kleinwagens im Garten, der für die Grillparty zum Billigfleisch aus Qualzucht greift, gilt meine Verachtung. Ich kenne Leute, die grün wählen und Hack zum Kilopreis von 1,99 € in den Einkaufswagen legen. Mache sich jeder selbst seinen Reim drauf. Ich hätte kein Problem damit, ein Hendl aus eigener Aufzucht zu verzehren, einen Hasen aus dem offenen Stall im Garten zu schlachten und mir munden zu lassen. Ich brauch das aber nicht. Zu viel Aufwand für zu wenig Genuß. Es gibt der pflanzlichen Köstlichkeiten genug, als dass ich unbedingt Fleisch auf dem Teller bräuchte. Wie gesagt, soll jeder halten, wie er will. Doch die Zustände in unseren Tierfabriken, Tiertransportern und Schlachthäusern sind unsäglich. Unanständig. Inakzeptabel.


    Da gibt es noch viel mehr, was gegen unseren exzessiven Fleischkonsum spricht. Allein der Wirkungsgrad der Fleischproduktion ist erbärmlich. Wir verbrauchen knappen Boden, verfüttern hochwertiges pflanzliches Eiweiß und vergeuden ganze Meere an Süßwasser zur Aufzucht der bemitleidenswerten Proteinlieferanten in den Mast-KZs. Ackerfrüchte, die auf unserem Teller besser genutzt werden könnten. Wir verfüttern Tonnen an Antibiotika, damit die Viecher unter den abartigen Mastbedingungen nicht erkranken und krepieren. Antibiotika, die ins Grundwasser sickern und Resistenzen befördern. Wir exportieren Fleischabfälle nach Afrika und zerstören dort bäuerliche Existenzen. Und, und, und. Es ist genug. Mir reicht's. Wieder nix mit Optimismus.


    ***

  18. #18
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

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    Fremde, Entfremdung, Verfremdung. Fremde ist ein Naturereignis. Fremde wird zur Fremdheit, wenn ich Fremde erfahre. Mein Dasein ist ohne diese Erfahrung nicht denkbar. Fremd ist eine Umgebung, die ich nicht kenne. Fremd sind Menschen, die ich nicht kenne. Diese äußeren Eindrücke führen zum Gefühl der Fremdheit. Ich fühle mich fremd hier. Unter diesen Menschen. Fremdheit ist einer der ersten Eindrücke, die ein Neugeborenes macht. Es muß aus dem warmen, vertrauten Mutterleib hinaus in die Welt, will es überleben. In eine fremde, unbekannte Welt. Geburt ist der gewaltsame Wechsel von Geborgenheit in Ausgesetztheit. Die ersten Eindrücke in der Welt sind offenbar verbunden mit der Erfahrung der Fremdheit, Hilflosigkeit. Ich bin angewiesen auf die Fürsorge meiner Mutter und anderer. Ich finde mich in der neuen Umgebung nicht zurecht. Bin orientierungslos, hilfebedürftig, stehe der Welt verständnislos gegenüber. Von dieser traumatischen Erschütterung erholen wir uns nie ganz. Ich glaube, dass die Geburt für das Geborene eine Katastrophe ist. Und damit beginnt unser Leben als Individuum. Mit der Erfahrung der völligen Abhängigkeit vom Wohlwollen anderer. Oder deren Willkür.


    Ich fühlte mich meist fremd in dieser Welt. Ja, ich hatte auch schöne Momente der Verbundenheit, dem Gefühl des Einsseins mit meinen Nächsten, ganz selten mit der Welt überhaupt. Doch diese Empfindung dauerte nie lange. Ja, sie wurde gefolgt von einer umso schmerzhafteren Erkenntnis, dass ich immer isoliert, allein, einsam in dieser Existenz sein werde. Die Trennung kann nicht überwunden werden. Selbst in den intensivsten Momenten der Vereinigung und Harmonie mit einem geliebten Menschen bleibe ich ein Einzelwesen. Diese Trennung ist unüberwindbar. So lange ich lebe. Es gibt kein Einssein mit etwas anderem als mir selbst. Und auch das ist schwer zu bewerkstelligen. Meist überwiegt die Uneinigkeit mit mir selbst. Wer kann von sich behaupten, er ruhe in sich, sei eins mit sich? Ich bin nicht mal im Reinen mit mir. Bin mir oft selbst fremd. Ich halte das für ein konstituierendes Merkmal des Bewusstseins. Mit ihm geht unweigerlich ein Riss durch die Person. Das Individuum wird zum Dividuum, sobald es sich seiner selbst bewusst ist. Das geht gar nicht anders. Das Bewusstsein trennt ein Teil meiner selbst ab. Es macht aus mir zwei Wesen. Anders ist Bewusstsein schlicht unmöglich.


    Ist es diese Zweiheit in der Einheit der Person, die das Gefühl der Fremdheit auslöst? Ist Entfremdung die Konsequenz meines (Selbst-)bewusstseins? Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus, heisst es zu Beginn der Winterreise. Umgelegt auf mich und meine Existenz passt es auch. Ich bin ein Fremdling überall, so in dem Gedicht der Wanderer, das Schubert auch vertonte und dessen Motiv er zu einer gewaltigen Klavierfantasie verarbeitete. Ich dürfte also mit meiner Erfahrung nicht ganz alleine sein. Spürt doch jeder, der in sich hineinhorcht, dass er die Distanz, die ihn von allem, was er nicht selbst ist, trennt, nie überwinden kann. Glaub ich. Ich weiß natürlich nicht und werde es nie wissen, was andere fühlen und denken. Ein weiterer Beleg für meine These? Oder nur ein Zirkelschluß? Oder gar Dialektik? These: Ich bin allein/isoliert, Antithese: Ich bin immer Teil eines größeren Ganzen, Synthese: Das Ich im Wir?


    Irgendwie stimmt ja beides. Ich bin immer von allem getrennt. Und ich bin immer Teil von allem. Täuscht das Gefühl des Alleinseins über die Tatsache des All-Einsseins hinweg? Muß ich nur 'erwachen' zum Kosmischen Bewusstsein? Ist das das Nirvana der Buddhisten? Jetzt wird's mir aber zu bunt. Pseudophilosophisches Spekulieren auf niedrigstem Niveau? Bin ich nicht nur zu blöd, Quantenphysik zu verstehen, sondern auch die elementarsten Basics philosophischen Denkens? Na ja, zu mehr reicht's halt nicht. Dumm bin ich eingezogen, dumm zieh ich wieder aus. Nix dazugelernt im Leben. Umsonst gelebt? Aus der Perspektive von 50 oder 100 Jahren nach meinem Tod sicher. Aus meiner persönlichen Perspektive ist schon eine Sekunde nach meinem Tod alles vorbei. Mein ganzes Leben bedeutungslos. Nicht existent. Ist es egal, ob ich davor überhaupt gelebt habe oder nicht. Vielleicht alles nur geträumt. Oder überhaupt nie gelebt.


    Das gefällt mir so am Tod. Er löscht alles aus. Der totale Radierer. Der ultimative Vernichter. Das Einzige, auf das ich mich verlassen kann. Hoffentlich. Hoffentlich ist nicht auch der Tod nur so eine weitere Enttäuschung in der unablässigen Abfolge von Täuschungen und Enttäuschungen meiner irdischen Existenz. Erweist er sich als unzuverlässiger Hochstapler? Der verspricht, was er nicht halten kann. Noch so ein Leben nach diesem Leben? Ein ewiges gar? Da war ich schon. Das wäre die größte denkbare Katastrophe. Nee, nix für mich. Nur kein Jenseits nach dem Diesseits. Nur noch Abseits bitte. Danke.


    ***

  19. #19
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

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    Der Tod. Niemand mag ihn. Die meisten fürchten ihn. Fast alle verdrängen ihn. Ich mag ihn. Er ist die einzige Hoffnung. Ohne ihn wäre das Leben unerträglich. Gut, er kommt nicht immer zum passenden Zeitpunkt. Meistens zu früh. Oft auch viel zu spät. Je nach Standpunkt und persönlicher Situation.


    Stell dir vor, es gäb ihn nicht. Oder unsere durchschnittliche Lebensspanne wäre so lang, dass er praktisch bedeutungslos wär. Was fingen wir mit der so gewonnenen Zeit an? Wie sehr würden wir den heutigen Tag nutzen? Wenn wir noch eine Million Tage vor uns hätten. Welchen Wert könnten wir der Gegenwart beimessen? Angesichts eines beinah ewigen Lebens. Wie sähe unsere Gesellschaft aus, wenn Dutzende Generationen gleichzeitig lebten? Abgesehen vom Overkill des Planeten durch eine exponentiell anwachsende Überpopulation - die könnte man durch rigide, gesetzliche Geburtenregelung theoretisch abfangen - , wie sähe unsere soziale, wirtschaftliche, politische Welt aus? Ich will mir das gar nicht ausmalen. So viel dystopische Fantasie hab ich gar nicht.


    Der Tod ist das Lebensende eines Organismus. Danach zerfällt er in seine chemischen Bestandteile, wird durch Mikroorganismen zersetzt und schließlich in vielfältiger Form von anderen Lebewesen verstoffwechselt. Von einem Lebewesen bleibt einige Zeit nach seinem Tod nichts, was noch auf seine ursprüngliche Verfasstheit schliessen ließe. Wir waren Sternenstaub und werden zu Sternenstaub. Das wussten schon unsere Vorfahren. Ohne biochemische Diplome und Wissen über Astrophysik. Aber was bedeutet der Tod für mich als Mensch? Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Tod selbst, also der Übergang vom Leben zu unbelebter Materie, dieser Zeitpunkt nicht bewusst erfahren wird. Das Sterben kann lange dauern, der Tod ist eine sehr kurzweilige Angelegenheit. Fast zu kurz, um ihn richtig zu genießen. Es spukt ja die Vorstellung durch viele Köpfe, im Moment des Todes liefe das ganze Leben nochmal wie ein Film vor dem inneren Auge ab. Vielleicht bei manchen, aber ich halte das für die große Ausnahme. Wozu sollte das auch gut sein, wenn ich im nächsten Augenblick verlösche? Evolutionsbiologisch sinnlos. Bringt keinen Vorteil. Ich kokettiere vielleicht damit nur deshalb, weil es die Bedeutung meiner Existenz erhöhen könnte. Wie dem auch sei, das ist noch nicht der Tod, sondern bestenfalls das Intro dazu. Der Tod selbst ist unfaßbar, er ist weder eine Substanz, noch ein Wesen, er ist bloß die Bezeichnung für den Übergang vom Leben ins Nichtleben.


    Und deshalb wurde und wird so viel über ihn geschrieben, geredet, wurde er besungen, gemalt, zum Drohpotential für religiöse Unterdrückung oder zum Popanz weinseliger Heurigenlieder? Ich glaube, es ist seine Unfassbarkeit, die uns nicht fertig werden lässt damit. Jeder hat so eine vage Vorstellung davon, aber nur wenige beschäftigen sich näher damit.


    Vielleicht messen wir dem Tod auch zu viel Bedeutung bei. Er ist das Natürlichste der Welt. Jedes Lebewesen, vom Einzeller bis zum Genie, muß sterben. Punkt. Bei einem Einzeller wird nicht viel Aufhebens gemacht. Jede Sekunde verscheiden in meinem mediokren Körper Abermillionen Zellen und Mikroorganismen. Und kommen neue dazu. Ohne dass ich Notiz davon nehme. Ja ohne dieses Massensterben könnte ich nicht leben. So lange ich lebe, bin ich auf das Sterben all dieser kleinen Helferlein angewiesen. Und wenn ich tot bin, werde ich von ihnen verspeist. Dann zahle ich meinen Kredit zurück. Solange ich lebe, fresse ich andere Organismen. Wenn ich tot bin, werde ich zum Fraß für sie. Eigentlich eine runde, ausgeglichene Sache. Geben und Nehmen. Kreisläufe des Lebens und Sterbens. Nachhaltig und im Gleichgewicht.


    Womit wir bei bei der Auferstehung wären. Passt zur Jahreszeit. Und zum Tod. Und jetzt wird's wirklich unübersichtlich, wirr und schwierig. Mir graut davor. Also vor der Auferstehung und dem Versuch, etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. Aber der Reihe nach.


    Die meisten denken bei Auferstehung an Ostern. An Jesus, diesen seltsamen jüdischen Wanderprediger aus der Wüste. Also beginne ich mit ihm. Ich muß sagen, diese Auferstehung des Fleisches, wie die Katholiken die aberwitzige Vorstellung auch nennen, ist für mich so abwegig, unappetitlich, widersinnig und schräg, dass ich Mühe habe, mich überhaupt damit zu befassen. Na gut, ich muß bedenken, dass dieser Jesus damals keine Ahnung hatte von Ökologie, Biologie, Evolution und Menschenrechten. Der hatte leicht reden. Wir tun uns da 2000 Jahre später wesentlich schwerer mit so einem Konzept wie Auferstehung. Es sprechen so viele rationale, sachliche, wissenschaftliche und auch emotionale Gründe gegen dieses Konstrukt, dass ich mich eigentlich nicht näher damit auseinandersetzen will. Ich versuch's trotzdem. Das Erste, was mir dazu einfällt, ist die logische Inkohärenz. Da stirbt Mensch, sein Körper verwest, seine Seele überlebt und fährt gen Himmel oder Hölle und irgendwann viel später soll sein Leib aus der Erde auferstehen. Da frag ich mich, wer bin ich und wie viele? Die Seele im Jenseits oder der Körper auf der Erde? Wie geht es weiter? Fährt die Seele herunter, hinein in den Körper oder der Körper hinauf in den Himmel? Soll ja gehen, weil er zwar Fleisch, aber irgendwie 'verklärt' sein soll. Alles sehr wirr. Entweder Fleisch oder Fluid, entweder physisch oder astral. Was denn nun? Also diese ganze Geschichte passt hinten und vorne nicht zusammen. Ein weiterer Schuß ins Knie wäre die daraus resultierende Überbevölkerung des Planeten. Ich stell mir vor, alle je Geborenen stehen plötzlich auf der Matte. Wohin mit denen? Wer soll die ernähren, kleiden, behausen? Ach ja, Astralkörper brauchen das alles nicht. Was aber dann mit dem Fleisch? Bin ich nun Stoff oder Geist? Keine Ahnung. Auch die Adepten der christlichen Heilslehre sagen dazu nichts Verwertbares. Nur wirres, widersprüchliches Zeug.


    Ich jedenfalls verwahre mich gegen das Programm Auferstehung. Präventiv hab ich schon mal meinen bescheidenen Körper gespendet. Der Forschung. Was danach bleibt, wird verbrannt. So, dann schau ich mir an, wie mich dieser Jesus wieder zusammensetzt. Ich werde mich jedenfalls wehren. So gut ich kann. Überhaupt ist mir dieser Jesus unheimlich, wenig vertrauenswürdig, unzuverlässig. Ob er je tatsächlich über die Erde gewandelt ist, tut hier nichts zur Sache. Es geht darum, was er gelehrt hat oder haben soll. Und das ist starker Tobak. Für die Ratio, fürs Gemüt und für mein Dafürhalten. Der Mann, der so viel von Nächstenliebe, Verzeihen und Mitleid predigte, der ist andererseits total diktatorisch und kompromisslos unterwegs, wenn es um seine Lehre geht. Da kennt er keinen Spaß. Was, wenn ich nicht auferstehen will? Muß ich? Krieg ich Dispens? Was ist mit meinem freien Willen und der Würde, die angeblich unantastbar sei? Was ist mit meinen Menschenrechten?


    Lieber Jesus, überleg's dir nochmal. Laß die in Frieden ruhen, die nicht auferstehen wollen. Bleiben ja genug übrig, die schon ganz geil auf dies Spektakel sind. Verschone mich und meinesgleichen. Gib uns den ewigen Frieden. Sehr lieb, danke.


    Was fällt mir sonst zu Auferstehung ein? In abgewandelter Form das Wiedererwachen der Flora und Fauna nach dem Winter. Passt auch zur Jahreszeit, zu Ostern. Die Pflanzen treiben aus, knospen und blühen auf. Auch das Krabbelgetier und die Fluginsekten wachen wieder auf. Ein rechtes Gewurl und Gewusel setzt ein. Diese Art Auferstehung ist sichtbar, tatsächlich erlebbar und mir wesentlich näher und verständlicher als die christliche Mär. Ja, sie gefällt mir. Wenn mich das Frühjahr auch müde macht, rundum ist alles aktiv und voll Tatendrang. Es geht ja darum, sich rechtzeitig zu paaren, für Nachwuchs zu sorgen. Sich zu nähren und fett zu fressen für den nächsten Winter. Klimawandel hin oder her. Der geht eh viel zu schnell, als dass sich höhere Organismen anpassen könnten. Das wird ein enormes Artensterben zu Folge haben. Aber das ist andere Baustelle.


    Ich resümiere: christlicher Auferstehungsaberglaube ist nix für mich. Und es fällt mir schwer, zu verstehen, wie heutzutage Menschen mit viel mehr Wissen über Naturgesetze, 200 Jahre nach der Aufklärung, sich diese Irrlehre der Kirchen noch widerspruchslos aufschwatzen lassen. Na gut, vielleicht wird das mit der Aufklärung überschätzt. Das Wiedererwachen der Natur im Frühling, ja, das nenne ich Auferstehung. Viel wunderbarer, erstaunlicher und weitaus schöner als die biblische Legende. Und damit genug davon.


    ***

  20. #20
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    ***


    Impfen und Schimpfen. Gehört zusammen wie Salz und Pfeffer. Ich erlebe gerade einen Tanz um die goldene Impfdosis. Jeder will der Nächste sein. Jede hält sich für berechtigt, vor anderen geimpft zu werden. Gründe dafür gibt es genug: Alter, Gesundheitszustand, Beruf, Systemrelevanz, subjektive Einschätzung. Manch Impfgegner mutiert zum Impfjunkie, wenigstens solange, bis er den ersehnten Schuß gesetzt bekommt. Danach kann man ja wieder genüsslich übers Impfen schimpfen. Über Wirkungslosigkeit, Gefährlichkeit. Oder die Manipulation durch das System via Vaccin. Es scheint, als ob das Thema Impfen zum Lackmustest für das charakterliche Strickmuster eines Menschen taugt. Einerseits ist man ja kritischer Bürger, der das fiese Spiel der Mächtigen durchschaut. Impfstoff füllt die Kassen der Pharmafirmen. Impfen ist Betrug. Weil es mehr schadet als hilft. Impfen soll die Leute abhängig machen, gefügig. Und wer weiß, was einem da gespritzt wird! Kann ja keiner überprüfen. Den Bonzen ist alles zuzutrauen. Andererseits will man die Chance nützen. Könnte ja doch wirken der Stoff. Schließlich ist man Systemerhalter, Leistungsträger oder Risikopatient.


    Mir geht das ganze Schmierentheater ums Impfen sowas auf die Eier, dass ich mich am liebsten gar nicht impfen lassen würde. Bin heute über das Wort Impfsozialismus gestolpert. Es gefiel mir im ersten Moment ganz gut. Die darin steckende Kritik am Impfstoffmangel bis hin zur Unterstellung, dass ein Impfbasar eröffnet sei, wo die schnelleren, prominenteren, besser vernetzten Bürgerlein den rascheren Pieks bekommen. Immer mehr aber überwiegt bei mir der Eindruck, dass das Wort Impfsozialismus genau diese Ich-vor-dem-Anderen, Wir-zuerst-Attitüde verbirgt. Diesen Impfegoismus und Impfopportunismus. Impfimperialismus. Ja, das ist es. Impfimperialismus statt Impfsozialismus. Wir EU-Bürger haben ein Recht, vor allen anderen Impfstoff zu bekommen. Wir zahlen ja auch dafür. Sind ja keine Impfstoffalmosenempfänger. Das geht bis zum Exportstopp für Vaccin aus der EU. Da hört sich der Spaß auf. Da hört sich der freie Markt auf. Den wir sonst über alles stellen. Wir sind es uns wert. Schließlich sind wir eine Wertegemeinschaft.


    Werte ja, wenn sie uns zugute kommen.
    Gemein ja, ziemlich gemein von uns. Finde ich.
    Es widert mich an, dieses Geschacher und Gezerre um Impfstoff.


    Geheimdiplomatie wird um den Impfstoff in Gang gesetzt. Verträge sind Verschlußsache und top secret. Das Vaccin wird buchstäblich an die Meistbietenden versteigert. Israel hat es vorgemacht, ein Mehrfaches pro Dosis bezahlt und heute seine Bevölkerung durchgeimpft. Andere taten es ihm gleich. Die EU war entweder zu vornehm oder zu ungeschickt beim Verhandeln. Letzteres ist wahrscheinlicher als Ersteres. Was ich der EU aber ausnahmsweise mal nicht übel nehme. Impfstoff sollte für alle da sein. Arme und Reiche. Müsste über eine globale Institution verteilt werden. Über einen Topf in den alle nach einem möglichst gerechten (also gemäß ihren Möglichkeiten) Schlüssel einzahlen und dann ihren Anteil an Impfstoff heraus kriegen. Das wäre Impfsozialismus statt Impfimperialismus. Oder Impfkapitalismus. Der Markt regelt das schon. Aber eben auf seine Weise über die Preise. Und da haben die armen Schlucker halt das Nachsehen. Pech.


    Wie war das nochmal mit dem kategorischen Imperativ. Müsste ich nicht solange auf meine Impfung verzichten, bis der letzte Mitmensch geimpft ist? Hier zeigt sich sehr schön das Dilemma solch allgemeiner Ethikformeln. In der Praxis wenig hilfreich. Im Einzelfall problematisch. Am liebsten würde ich meine Impfdosis spenden. Ich kann mich ja schützen vor der Ansteckung. Muß ja nicht in Öffis steigen, muß ja nicht nach Malle fliegen, muß ja nicht zu vielen in einer Wohnung hausen. Hab ja keine zu versorgenden Kinder mehr. Müsste ich nicht aus Anstand, Solidarität und ethischem Mindesterfordernis verzichten? Ich denke ja. Ob ich das allerdings schaffe, weiß ich nicht. Allein der Gruppendruck von Verwandten und Freunden wäre enorm. Unverständnis bis hin zur sozialen Ächtung wäre die Folge. Die Einschätzung als Idiot das Mindeste. Mal sehen, ich schwanke hin und her.


    Ich kenne ein paar Leute, die an die Impfung kamen, obwohl sie noch nicht an der Reihe gewesen sind. Die haben alle ein wasserdichtes Gewissensalibi. Die mussten es versuchen. Weil sie ein Dutzend guter Gründe aufzählen können, warum sie sich vordrängeln mussten. Da wird einer plötzlich zum Hochrisikofall, weil der Sohn, der nicht mehr im gemeinsamen Haushalt wohnt, Krankenpfleger, Lehrer oder Taxifahrer ist. Weil der Hausarzt noch eine Ampulle übrig hatte, die unbedingt sofort verimpft werden musste. Oder weil man übergewichtig ist. Gute Gründe gibt's wie Ausreden genug. Muß man nicht genauso auf sich selbst schauen wie auf den Nächsten? Es ist im Sozialismus wie im Kapitalismus, der Mensch bleibt sich treu. Systemfrage: formt Mensch das System oder das System den Menschen? Henne-Ei-nerleiproblem, für das Eine wie das Gegenteil gibt es gute Gründe. Dialektik? Wechselseitige Beeinflussung, beide formen einander, Mensch und System, einmal hin, einmal her, immer einen Dreh schneller, höher. Dialektik wo man hinschaut. Es ist wie mit der Quantenphysik. Die erklärt auch alles, verstehen tu ich aber nichts. Die Quantenfuzzis haben für alles eine Theorie, ein Feld, ein mathematisches Modell. Blöd nur, dass ich das nicht verstehen kann. Bin eben zu blöd. Dafür können die Quantenfuzzis doch nix.


    Also Leute, lasset euch impfen. Hilft sicher mehr als beten. Zudem verringert jeder Geimpfte die weitere Ausbreitung der Pandemie. Tut also sich und seinen Mitmenschen was Gutes. Insofern sind Skrupel von wegen sich impfen lassen wohl nicht angebracht. Und somit is ja wieder alles ok. Wie schön. Oder?




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  21. #21
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Welcher Staatschef handelte in Sachen Impfung am umsichtigsten?
    Donald Trump. Der dynamische Dealmaker Donald hat früh erkannt, dass es angesichts der enormen Kosten, die die Pandemie verursacht, nicht sinnvoll ist beim Thema Impsfstoffproduktion zu knausern. Er machte Milliarden locker, damit Produktionsstätten für die Impfstoffherstellung ausgebaut werden konnten.
    https://www.cicero.de/wirtschaft/pat...t-subventionen
    In den USA hat Donald Trump insgesamt ca. 10 Milliarden Dollar an Unternehmen verteilt, die sich der Suche nach einem Impfstoff verschrieben haben.
    Damit hilft er auch den armen Ländern. Denn wenn die USA durchgeimpft ist, werden sie den anderen schon was abgeben. Unabhängig von der Rhetorik werden die armen Länder erst nennenswerte Dosen erhalten, wenn die reichen Länder ihre jeweiligen Bevölkerungen durchgeimpft haben. Da sind die europäischen Regierungen genauso egoistisch wie die US-Administration.

  22. #22
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

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    Ich verlasse die Impfnadel, den Impfadel und das Impfproletariat. Gehe raus ins Freie. Obwohl Lockdown, darf ich allein spazieren gehen. Zur Erholung. Noch. Ab Gründonnerstag wird die Ausgangssperre verschärft. Dann dürfen nur noch die Kinder raus. Zum Ostereiersuchen. Wildhasen gibt es kaum mehr. Landwirtschaft und Jägerschaft haben das Kapitel erledigt. Dafür gibt's mehr als genug Eier. Aus Freilandhaltung, Bodenhaltung, vom mobilen Wiesenhuhn. Gefärbt mit Naturfarben. Alles bio, alles gut.


    Natur. Kaum ein Begriff ist mehr aufgeladen mit jeder Menge falscher Vorstellungen, Pathos und Unsinn. Besonders wir Deutschen - damit meine ich alle dem deutschen Sprachraum Angehörigen - haben einen sehr romantisch geprägten Begriff von Natur. Sie muß möglichst naturbelassen sein, die Natur. Mensch kommt darin nur als Betrachter, Schöngeist, Musensohn vor. Wie verlogen. Dabei haben gerade wir in Mitteleuropa die meisten Wildtiere ausgerottet und aus unseren Wäldern Fichtenplantagen gemacht. Mokieren uns über die Palmölfelder in fernen Gegenden, haben aus unserem Wald aber einen einzigen Holzproduktionsacker gemacht. Importieren das verpönte Palmöl, um es in jeden Schokoladenriegel, jede Fertigpizza, in Käse und Wurst, kurz in alles, was man verdauen kann, zu schmuggeln. Wo war ich? Ach ja, Natur.


    Unromantisch gesagt, ist alles Natur. Auch die Giftmüllhalde, der Inhalt von Kläranlagen, der SUV meines Nachbarn, das Plastik in den Meeren, erst recht die Gesteinsbrocken, die durchs All fliegen, die unwirtlichen Planeten, Sterne, Monde und sogar die schwarzen Löcher. Diese unbeschreiblichen Schlünde direkt ins Nichts. Solch ein allumfassender Begriff von Natur ist natürlich leer, sinnlos. Weil er ja von nichts mehr abzugrenzen ist. Am ehesten kann ich mich noch mit einem Naturbegriff anfreunden, der Natur als Gegensatz zu artifiziellem, durch gezielte technische, menschliche Intervention verursachte Veränderung versteht. Natur als sich selbst überlassene Biosphäre des Planeten Erde. Mit all ihren unbelebten, belebten, anorganischen und organischen Ingredienzien. Der Mensch selbst ist Teil der Natur. Die meisten seiner Produkte aber nicht. Homo sapiens wäre danach das Tier, das so in die Evolution eingreift, dass deren Regeln verändert, gestört, zeitweise ausgesetzt werden. Zeitweise. Am Ende stehen wir natürlich voll unter dem Regime der Natur, der natürlichen Auslese. Das wird auch unser Ende sein.


    An eine Besiedlung fremder Planeten durch den Menschen, nachdem er die Erde unbewohnbar gemacht hat, glaube ich nicht. Die Distanzen des Alls dürften das verhindern. Und ausserdem, warum sollten wir auf einem lebensfeindlichen Exoplaneten überleben, wenn wir es auf der Erde, diesem vor Leben nur so berstenden Wandelstern, nicht geschafft haben? Also derlei Utopien halte ich für Wunschdenken. Nicht science fiction, sondern finance fiction ist das. In die Welt gesetzt von ein paar Leuten, die mir derlei Unterfangen viel Geld verdienen. Pseudowissenschaftliche Hochstapler, die gutgläubigen Investoren eine Zukuft vorgaukeln, die es nie geben wird.


    Stop. Notbremse. Ich verlier mich in Spekulationen. Wollte mich doch mit Natur befassen. Ich merke, dass mein Naturbegriff nur ein allzumenschlicher ist. Entweder technisch oder romantisch, aber immer durch die menschliche Brille betrachtet. Natürlich kann ich die nicht ablegen. Ich sagte natürlich. Selbstverständlich natürlich. Aber ich will versuchen, mich soweit wie möglich von dieser menschgedachten Natur zu distanzieren. Ich denk mir also eine Welt ohne Menschen. Das wär dann die natürlichste Welt der Welt. Das gab es schon. Viel länger als umgekehrt. Und irgendwann begann eine Art, über sich und die Welt nachzudenken. Sie zu unterwerfen, nutzbar zu machen. Gezielt nutzbar. Das Natürliche als das Nutzlose, Ziellose, Planlose, sich selbst Überlassene. Und das Menschliche demnach als das Absichtliche, nach Nutzen Strebende, Vorteilheischende. Nun kann man sagen, das tun andere Tiere auch. Der Rabe, der die Nuß vor den anderen versteckt, der Bulle, der sein Revier verteidigt, der Rudelstärkste, der sich zuerst sattfrisst. Beim Menschen kommt noch das Kalkül, die Ratio, die Planungskompetenz dazu. Wir können abstrahieren und dadurch die Zukunft gedanklich vorweg nehmen. Das schafft uns einen Selektionsvorsprung. Dadurch können wir andere überholen. In Ansätzen finden wir diese Ratio aber auch bei anderen höheren Tieren. Es ist also kein grundsätzlicher Unterschied zwischen Mensch und Tier erkennbar, nur ein gradueller.


    Wie ist das nun mit der Evolution? Ist sie nicht zielgerichtet, systematisch angelegt? Sieht auf den ersten Blick so aus. Der Fittere, Angepasstere hat die Nase vorn. Er wird sich besser fortpflanzen und länger überleben, als der weniger Fitte. Was auf den ersten Blick nach einem Plan der Natur aussieht, erweist sich jedoch als die bloße Anwendung des Kausalitätsprinzips. Da ist kein Plan, kein intelligent design, da ist nur Ursache - Wirkung. Die Wirkung wird sich als effizienter, effektiver, wirkmächtiger herausstellen, deren Ursache zufällig zu ihr führte. Blind, absichtlos, ohne Ansehen des Individuums und der Folgen. Das Kausalitätsprinzip aber ist eines jener allgemeinen Denkprinzipien, hinter das ich nicht zurück kann, welches ich nicht mehr hinterfragen oder begründen kann. Es ist die Grundlage meines Denkens und Verstehens. Und damit bin ich wieder gefangen in meiner Ratio. Sie ist das Denkeisen, aus dem ich nicht loskomme. Wie das Tier im Schlageisen des Trappers. Und was sagt mir das? Dass all diese Philosophiererei zwecklos, nutzlos, sinnlos sei. Weil sie zu nichts führt, als der Erkenntnis, dass ich immer im Denken gefangen bin. Nicht cogito ergo sum, sondern cogito ergo erro.


    Und ist das Zwecklose, Nutzlose, Sinnlose nicht gerade das Kennzeichen der Natur? Also bin ich Natur, nichts als Natur. Und gar nichts als Natur. Besonders, wenn ich darüber nachdenke. Amen.




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  23. #23
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    Physik. Ja, schon wieder. Ich verstehe sie nicht mehr. Unzählige Jutjubevideos von F wie Fermilab über G wie Gassner, L wie Lesch bis V wie Veritasium hab ich mir reingedrückt. (Ja, die sind für die Dummen, mehr populär als wissenschaftlich). Mit jedem clip steigert sich mein Unverständnis, meine Verwirrung, meine Abneigung gegen die heutige Physik. Mein Problem, ich bin wirklich zu dumm. Es scheitert schon an der Mathematik. Erst recht beim Doppelspaltexperiment. Noch mehr bei der Allgemeinen Relativitätstheorie und schließlich maximal bei Quantenfeldtheorie. Alles Bahnhof, böhmische Dörfer. Na gut, macht ja nix. Muß ja nicht jeder Depp verstehen. Aber das Unbehagen hält sich hartnäckig. Woher kommt es? Vielleicht deshalb, weil die heutige Physik an den Fundamenten unseres Begreifens rüttelt. Fester Boden wie Kausalität, Realität, Lokalität (soll heißen, physikalische Ursachen und Wirkungen können sich nur mit endlicher Geschwindigkeit, maximal mit Lichtgeschwindigkeit c, ausbreiten) schwindet. Alles ist Wahrscheinlichkeit, nix is fix. Virtuelle Teilchen entstehen aus dem Nichts und verschwinden ins Nichts, ähm Quantenfeld. Andauernd, in endloser Zahl. Vakuumfluktuation, Quantenrauschen, alles fließt und nichts kann dingfest gemacht werden. Verdammte Unschärferelation.


    Mein naiver Glaube, die Welt sei real, kausal, meßbar, begreifbar, ist erschüttert. Das ist vielleicht die Kränkung, die ich der Welt nicht verzeihe. Und daher nicht akzeptiere, dass sie sei, wie mir die Physiker versichern. Ich lehne diese Welt, wie sie ART und Quantenphysik beschreiben, ab. Das ist vielleicht unwissenschaftlich, aber mein gutes Recht. Ich muß ja nicht akzeptieren, was dieser Kosmos mir vorsetzt. Er wird es verschmerzen. Bald bin ich eh von der Bühne verschwunden und das wird in diesesm Universum nicht mal in der 1000-ten Stelle hinter irgendeinem Komma aufscheinen. Also was soll's.


    Ich alter, weißer Mann tauge halt nicht für ein Weltverständnis, wie es die heutige Physik fordert. Bin in dieser Hinsicht mehr der klassische Typ: Newtonsche Mechanik, Materialismus des 19. Jahrhunderts, bei Protonen und Neutronen ist Schluß. Nix mit Quarks, Leptonen, Mesonen oder gar Strings. Letztere brauchen gar eine Welt mit 12 Raumdimensionen. Ich kann mir schon 4 Dimensionen nicht vorstellen! Auch keine Raumzeit. Einstein möge mir vergeben. Überhaupt, dieses verflixte E = m.c2 . Was wird mit dieser einfachen Formel nicht an Unsinn getrieben! Sie ist ja nur die Vereinfachung einer komplizierteren Formel, die Masse m in ihr steht für die Ruhemasse eines Systems, die Energie für die Ruheenergie. Wird das Ganze beschleunigt, ändern sich Energie und Masse entsprechend, die Sache wird komplizierter. Aber genug davon. Ganze Bibliotheken pseudowissenschaftlicher, esoterischer und religiöser Kitschliteratur sind in Umlauf. Da werden Quantenfelder, Vakuumrauschen, Astralsphären, Jenseitsvorstellungen, Relativitätstheorie, Wellenfunktion, Geisterglaube, Teilchenphysik und so weiter munter vermantscht, banalisiert und bis zur Unkenntlichkeit verdreht. Da sag ich nur: Finger weg, Hände weg, weg damit!


    War ja selber mal auf solchen Irrwegen unterwegs. Als junger Mann las ich alles, was mir an okkultistischem, spiritistischem und parapsychologischem Kitsch und Schund unter die Finger kam. Damals war der Begriff Esoterik noch nicht so verbreitet wie heute. Titel wie 'Die Aussendung des Astralkörpers', 'Wie du lebst, wenn du gestorben ist', 'Der Weg zum wahren Adepten' und anderer Unsinn lagen auf meinem Nachtkästchen. Materialismus und die Ablehnung alles 'Übernatürlichen' waren für mich damals Ausdruck reduktionistischer Philosophie, Manifestationen von plattem Realismus. Ich denke heute mit Schaudern an die Verirrungen meiner jugendlichen Wahrheitssuche. Es ist schon erstaunlich, wie sehr man sich in Schwärmerei und unkritischer Welterklärung verrennen kann.


    Die Phase ging vorüber, andere Themen wurden wichtiger. Da gab es ja schließlich noch ein Diesseits, Frauen, Musik, Freunde. Allmählich entglitt ich den Fängen dieses faulen Zaubers. Jetzt als alter, weißer Mann würde ich vor meinem Abgang von dieser Sphäre gerne noch einen Blick hinter die Kulissen des Welttheaters erhaschen. Fernab von Kitsch, Schwärmerei und Betrug. Was läge näher als die strenge Disziplin der Physik. Diesem Bollwerk kritischer Weltbetrachtung und höchster Experimentaldisziplin. Doch was liefert diese Physik seit mehr als 100 Jahren: Relativitätstheorie, Zeitdilatation, Quantenmechanik mit all ihren Zumutungen, Unschärferelation, Verschränkung, Superposition, Nichtlokalität, Auflösung der Kausalität in Wahrscheinlichkeit, Vakuumfluktuation, einen Zirkus virtueller Teilchen, Dunkle Materie, Dunkle Energie usw.


    Gegen diese 'Tatsachen' der modernen Physik verblassen die angeblichen Phänomene des Okkultismus, Spiritismus, der Parapsychologie und religiöser Wahnvorstellungen zu harmlosen Gedankenspielchen. Also ehrlich, eine Geistererscheinung ist ein müder Scherz gegen eine Supernova oder die Verhältnisse kurz nach dem Urknall. Was ist schon Ektoplasma gegen Dunkle Materie! Was ein Jenseits gegen das Innere eines Schwarzen Lochs! Die Welt ist ja noch viel phantastischer, monströser, absurder als die abgedrehteste Bibellegende, jeder Science Fiction Thriller. Wem angesichts von Gammablitzen, Quasaren, supermassiven Schwarzen Löchern, Urknall und Quantenfeldern nicht das nackte Grauen packt, - ja, also, da weiß ich auch nicht weiter. Die heutige Physik ist spannender als alles, was sich ein menschliches Gehirn ausdenken könnte. Und das Erstaunlichste: sie dürfte stimmen und gleichzeitig fundamental falsch sein. Weil ihre Grundlagen, ART und Quantenphysik unvereinbar sind. Und doch beide in unzähligen Experimenten bestätigt. Tja, und nun? Wie soll ich das wissen, wenn selbst die besten Physiker nicht weiter wissen.


    Da steh ich nun, ich armer Tor. Wie die Kuh vorm neuen Tor. Ein Trost: ich muß ja nicht alles verstehen. Schon gar nicht die Welt, den Kosmos im Großen wie im Kleinsten. Aber schön wär's doch. Wenigstens ein Zipfelchen der Wirklichkeit. Oder der Wahrheit? Nö, Wahrheit ist immer was Subjektives, sehr unsicher und meist unzuverlässig. Wirklichkeit dagegen ist objektiv, aber nicht unmittelbar erkennbar. Wusste schon der olle Kant. Auch wenn er sonst viel herum schwurbelte. Seine Kritik der Erkenntnis hat schon was. Auch wenn Teilchenphysik und Astrophysik inzwischen mehr über diesen komischen Kosmos herausgefunden haben, als alle Philosophen zusammen. Das hätten die sich nie zu denken, geschweige denn zu veröffentlichen gewagt, was heute ein Physikstudent im ersten Semester vorgesetzt bekommt. Tja, so ändern sich die Zeiten.


    Was bleibt mir? Die Erkenntnis, dass ich von heutiger Physik nichts verstehe, deren Theorien nicht im Ansatz behirne und dumm sterben werde.




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  24. #24
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    So, jetzt mal Schluß mit Tod und Teufel, Quantenphysik und Jenseitsglaube, künstlicher Intelligenz und kategorischem Imperativ. Mal was Handfestes. Ein Stück Brot. Nahrungsmittel, Naturprodukt, aus echtem Schrot und Korn. Brot ist mehr als das. Brot ist Leben. Keine Angst, ich schreib hier nicht für die Bäckerblume. Echte Bäcker sind eh so selten geworden wie Ackerpferde. Industrielle Backmischungen, im Supermarkt fertig gebacken, das ist unser täglich Brot.


    Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Auch so ein epochaler Satz. No na, könnte ich sagen. Der Mensch braucht auch Wasser, Fett, Eiweiß, Vitamine, Spurenelemente und anderes, was nicht oder nur unzureichend im Brot vorhanden ist. Aber der Satz meint natürlich nicht die Unvollständigkeit des Nahrungsmittel Brots. Er deutet an, dass wir über die materielle Versorgung des Körpers auch so etwas wie die spirituelle Fütterung der Seele benötigen. Emotionale Kalorien, geistige Broteinheiten, soziale Vitaminstöße, mentale energy drinks. In der Tat ist ein voller Magen nicht alles. Der moderne Mensch sucht unablässig nach Zufriedenheit einerseits, Herausforderung andererseits. Die seelische Balance scheint uns umso mehr abhanden zu kommen, je mehr wir besitzen, je mehr Wohlstand uns beschert, je mehr Sicherheit uns gewährt. Medizinischer, technischer und sozialer Fortschritt machen uns auf Dauer nicht glücklicher als die Generationen vor uns. Von Kriegsereignissen mal abgesehen. Da hat meine Generation - hier in Europa - wirklich Dusel gehabt. Aber selbst das nehmen wir als selbstverständlich hin, sind uns nur selten darüber im Klaren, was für Glück wir hatten, so kurz nach dem 2. Weltkrieg aufzuwachsen.


    Zurück zum Brot. Wer mal versucht hat, sein eigenes Brot zu backen, weiß, dass das gar nicht so einfach ist. Ein gut schmeckendes Brot nur mit Mehl, Salz und Wasser und eventuell ein paar Gewürzen nach Wahl hinzukriegen, erfordert einiges an Wissen, Können und Geduld. Ich war selber ein paar Jahre lang Eigenbrötler. Da gibt es die verschiedensten Ansätze: allein die Mehlmischungen sind unübersehbar, dann die Wahl, ob reiner Sauerteig, Hefezusatz, Backpulver oder alle möglichen Kombinationen davon. Ihre Zahl sprengt jedes Vorstellungsvermögen. Es gibt tausende Rezepte im Netz, in Ratgebern und Büchern. Von der Unzahl an Backhilfsmitteln, Emulgatoren, Fermenten, Pulvern und Tricks ganz zu schweigen. Brot ist nicht Brot. Brot ist ein ganz besondres Backwerk. Und ein unerschöpfliches Thema für lustvolle Experimente und Selbstversuche. Selten gelingt der große Wurf, immer wird es anders, als erhofft und beabsichtigt. Nur die industrielle Bäckerei bringt immer das gleiche Produkt hervor. Das ist ja auch gewollt. Die Kunden würden sich schön beschweren, wenn ihr Lieblingsbrot jedesmal anders aussähe und schmeckte.


    Die Geschichte des Brotes ist die Geschichte des Homo sapiens. Kein anderes Tier bäckt. Es ist auch die Geschichte des Ackerbaus, der Domestizierung und Seßhaftwerdung. Jede Kultur hat ihre eigenen Brote, jedes Volk seine spezielle Backtradition. Sag mir, welches Brot du bäckst und ich sage dir, wer du bist. Unzählig die Bibelzitate zum Brot. Wer von diesem Brot isst, wird nicht sterben; ich bin das lebendige Brot; das (Brot) ist mein Leib; unser täglich Brot gibt uns heute; an einer Stelle speist Jesus 5000 Leute mit fünf Broten und zwei Fischen; das Brot, das vom Himmel fiel (Manna) ernährte die Israeliten auf ihrer Flucht aus Ägypten, usw. Die Bibel ist auch ein Buch des Brotes.


    Neben Wasser und Mehl (Ackerbau) braucht es zum Brot auch die Beherrschung des Feuers. Die war wohl schon vor der Kultivierung des Getreides gegeben. Mensch briet bereits, bevor er buk. Insofern ist Brot auch ein Zeichen für den Übergang vom Jäger zum Bauern. Der Pflug ersetzte allmählich den Speer, das Haustier das Wild. Das Brot der frühen Jahre war wohl eher ein harter Fladen, als ein luftiges, gesäuertes Brot, wie wir es kennen. Gärung und Fermentierung mussten erst entdeckt und beherrscht werden. Wenn es stimmt, was die Frühgeschichtler sagen, waren die Ägypter die ersten richtigen Bäcker. So vor rund 6000 Jahren. Sie entdeckten, dass die Fladen luftiger und fluffiger wurden, wenn man den Teig eine Weile stehen ließ, bevor man ihn in den Backofen schob. Von Hefebakterien und Milchsäuregärung hatten sie noch keine Ahnung. Doch deren Ergebnisse wussten sie bereits zu schätzen. Die Israeliten schauten sich diese Errungenschaft von den Ägyptern ab. So gelangte das Bäckerhandwerk schließlich ins Römische Reich. Dort gesellten sich zum Brot dann grausame Spiele, genannt Gladiatorenkämpfe, die das Volk bei Laune halten sollten.


    Mit dem Übergang vom Jagen und Sammeln zu Ackerbau und Viehzucht entstand Idee des Eigentums. Der Acker, die Weide mussten markiert und vor der Nutzung durch andere geschützt werden. Die Jäger hatten das Revier, das sie verteidigen mussten, aber nicht als Eigentum ansahen. Wenn die Umstände es erforderten, zogen sie weiter. Der Bauer befestigte einen Hof, umzäunte die Weide, erhob Anspruch auf sein Ackerland. Ohne Grundbuch und Notariatsakt, aber sichtbar durch Zäune und Marksteine. Das war die Geburtsstunde des Kapitalismus, nicht die Neuzeit oder die anbrechende Industrialisierung. Sie beschleunigen ihn nur zum Turbokapitalismus.


    Die bäuerliche Gesellschaft brauchte viel Arbeitskraft, mehr als die jagende. Traktoren, Mähdrescher und Sämaschinen gab es noch nicht. Gleichzeitig waren die Bauern und Viehzüchter viel abhängiger vom Wetter als die Jäger. Sie mussten also Vorräte anlegen für schlechte Zeiten. Die seßhaften Bauern brauchten genügend Arbeitskräfte, um die Felder zu bestellen, die Tiere zu weiden, die Ernten einzufahren, Schafe zu scheren, Wolle und Fleisch zu verarbeiten. Das war damals ziemlich mühsam. Die einzigen tatkräftigen Helfer des Menschen waren Pferde oder deren Vorläufer, die Wagen und Pflug zogen. Eigentum und Arbeit waren erfunden. Mit ihnen sowas wie Lohn, Tauschwirtschaft und Dorfgemeinschaft.


    Dahinter steht das Brot und sein Ausgangsprodukt, das Getreide. Beides war nur zu haben, indem aus Jäger Bauer wurde, aus Jagdrevier Ackerboden, aus Sippe Großfamilie, aus Stamm Dorfgemeinschaft. 3 Bs stehen für mich für die 3 größten Kulturleistungen: Bild, Brot, Buch. Vermutlich noch vor dem Brotbacken malten unsere Vorfahren Jagdszenen an die Wände von Höhlen, beschmierten sich die Gesichter, schnitzten Figuren und färbten ihre Fellkleider. Brot symbolisiert Landwirtschaft und Eigentum. Das Buch schließlich den geistigen Überbau. Mythen, Geschichten, Wissen konnte schriftlich festgehalten und überliefert werden. Der moderne Mensch eröffnete sich einen neuen Horizont: die intellektuelle Auseinandersetzung, der Kampf der Ideen, der für uns heute so selbstverständlich ist, dass wir kaum eine Vorstellung haben, wie Schrift und Buch das Leben beeinflussten: Staatliche Organisation war nur möglich, wenn Regeln, Gesetze, Gebote und Verbote erlassen und kundgetan werden konnten.


    Bild, Brot, Buch, 3 Schritte vom Frühmenschen zum Bürger. Das Brot nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Es schuf die materielle Grundlage für die Ernährung der immer größer werdenden Gemeinschaften. Gleichzeitig führte es zum Besitzanspruch auf Land und Boden. Eigentum ersetzte Revier, Arbeit und Fron die Jagd. Der Kapitalismus war geboren. Lange vor Adam Smith und Karl Marx. Mensch denk daran,, wenn du dein täglich Brot isst!




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  25. #25
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    Ostersonntag. Auferstehung. Nein, nicht schon wieder. Ich will nicht. Natur ja. Aber. An allen Ecken blüht was. Weiß, rosa, gelb. Vogelgezwitscher. Gärtner pflügen ihre Beete. Also nicht heute, aber in diesen Tagen. Sie jäten, säen, ziehen Linien, rechen, gießen. Aktivitäten überall. Kehren, Wischen, Saugen, Polieren. Nervig dieser Frühling. Im Radio - ja, ich höre noch dieses altmodische Zeugs - andauernd Geschwafel über Ostern, Kreuzestod, Aufbruch, Sünden, Erlösung, Eier, Hasen, Lämmer. Dazwischen Corona-News, Zahlen, Inzidenzen, Impfungen, Komplikationen, Lockdown, Pros und Cons. Einfach abdrehen. Online dasselbe Karussel. Überschriften als Clickfänger. Im Artikel darunter kaum Information. Schreibe ich die Headlines untereinander, lesen sie sich wie Filmtitel eines schmuddeligen Vorstadtkinos. Also, wenn es solche noch gäbe. Die sind längst verschwunden. Oder lesen sich wie die Phrasen eines Wahlkampfredners aus der Provinz. Ganz gleich ob Qualitätsmedium oder Boulevard. Die Headlines schreien nach Aufmerksamkeit. Nur die Themen variieren. Klima, Gendern, Lifesstyle hier, Schlepper, Clans, Wut dort. Alles verrückt. Die einen verrückt nach links, grün, rosa - entrückt, träumen von E-Mobilität, Solarenergie, Diversität, Alles-wird-gut, wenn nur alle meiner Meinung sind, alles nur eine Frage der Bildung, die Dummen muß man nur umerziehen, wer nicht hören will, muß fühlen. Die andern verrückt nach rechts, an den Rand, den Tellerrand, den unüberwindlichen, gerückt - verrückt, träumen von Stabilität, Führung, zurück in ein Gestern, das es nie gab, Einheit, raus mit dem Fremden, rein mit dem Reinen. Ziemlich verrückt alles.


    Als ich jung, träumte ich auch. Vom Sozialismus, vom Weltfrieden, vom unendlichen Fortschritt. Ja, es gab den Club of Rome, Ölkrise, autofreie Sonntage, den kalten Krieg, Prag 1968, die Bilder aus Vietnam, Agent Orange, Chile, Franco. Es gab jede Menge, was nicht ins Bild vom ewigen Frieden und Fortschrittsverheissung passte. Aber dagegen gab es Rock'-roll, die Beatles, die Stones, Blues und Bier. Die Blumenkinder, Love-Peace-Happiness, fucking for peace, Jesus-people, San Francisco, Woodstock, alles endete in Altamont, Stuttgart-Stammheim, bei Reagan und Thatcher, Bush und Blair. Die Blütenträume zerstoben wie teures Parfum. Übrig blieben nur die Grünen, damals noch in Sandalen vom Birkenstock gegen Wackersdorf, heute im Bundestag mit Chauffeur, E-SUV, Haus im Grünen und rotem Schleifchen am Revers des Designeranzugs. Verrückt. Total verrückt.


    Nein, früher war gar nichts besser. Es war so wie heute, nur anders so. Die Politik genauso verlogen, korrupt und käuflich. Die Presse genauso links, rechts, Qualität heuchelnd oder Gosse bedienend, nur die Autos stanken mehr, Mülltrennung gab's noch nicht, man kippte den Dreck einfach in die nächste Grube, die Flüsse erstickten, die Fische verreckten, die Menschen wurden immer fetter, die Frauen begannen zu rauchen als Zeichen der Emanzipation, die Männer staunten Bauklötze als sie das Fremdwort Feminismus immer öfter hörten und Alice Schwarzer im TV auftauchte. Mallorca, Teneriffa und Ibiza wurden entdeckt. Manch Wagemutige flogen gar nach Barbados und Bali. Der Osten brach in sich zusammen, die BRD durfte sich endlich wiedervereinen. Also nach den Spielregeln des Westens. Klar. Die andern Bruderstaaten mutierten in Windeseile in raubtierkapitalistische Diadochenrepubliken. Russlands Zerfransen kann nur durch brutale Gewalt verhindert werden. Der Westen wühlt wie ein Maulwurf in russischer Erde, um sich diesen fetten Happen doch noch einzuverleiben. Dieweil China halb Afrika aufkauft und von einer imperialen Zukunft träumt.


    Ich wache auf. Mir ist kalt. Die ganze Welt ist verrückt. Sage ich, der ich selbst verrückt. Aber was ist schon normal? Was wäre normal? Oder gesund. Der grassierende Gesundheitsfimmel sicher nicht. Auch so eine spätkapitalistische Ausgeburt einer Medizinindustrie, deren Pillen und Skalpelle die Pflegeheime zum Bersten füllen. Mensch lebt immer länger. Immer länger in Bresthaftigkeit und Siechtum. Hauptsache länger. Füllt die Kassen der Heimbetreiber, Apotheker und Weißkittel. Die Greisenlazarette - pardon, Seniorenresidenzen - sind wahre Kassenschlager. Billige Pflegesklaven versorgen die Lears und Zachanassians rund um die Uhr. Horror pur.


    Aber Lebensverlängerung ist Dogma. Axiom. Unhinterfragbar. Leben ist heilig. Egal, wie es sich lebt. Der Wille des Betroffenen ist wurscht. Selbstbestimmung ausgesetzt. Du hast so lange zu leben, wie die Pharmazie es kann. Wie die Medizin es ermöglicht. Alles andere wäre ja Euthanasie. Huch, Gott soll abhüten. Die Pfaffen und Theologen stehen stramm. Kreuz bei Fuß. Obwohl die einen Himmel mit göttlichen Seligkeiten und ewigem Leben anzubieten hätten. Du musst ausharren im Jammertal, so lange, bis der Arzt versagt, der Apotheker nicht mehr liefern kann. Wie verrückt ist das denn?


    Grad von einem längeren Spaziergang zurück. Zurück verrückt, zurecht gerückt. So ein zweistündiger Spaziergang allein durch die Natur wirkt. Mehr als jedes Beruhigungsmittel, jedes Psychopharmakon. Er entrückt den Verrückten. Holt in zurück auf die Erde. Da draußen ist nichts Falsches, Verlogenes, Eingebildetes, Pathetisches. Ausser du bildest dir selbst was ein. Lässt du aber die Dinge einfach sein, wie sie sind, hörst du einfach - es ist hoch kompliziert - auf, deine Vorstellungen in die Umgebung zu werfen, die Natur zu vermenschlichen, dann geschieht eine Entrückung, die alles Verrücktsein zurück rückt. So wie Enttäuschung die Folge einer Täuschung, so die Entrückung die - seltene - Folge einer Verrückung. Meist bleiben wir im Verrücktsein hängen, wie ein Stück Wäsche an der Leine. Und wähnen uns frei. Selbstbestimmt. Stimmt nicht. Bestimmt nicht. Ich bin nie selbstbestimmt. Meine Stimme ist immer die der anderen, die durch mich sprechen, wie der Autor durch seine imaginierten Personen. Ich sollte weniger reden und mehr lauschen. Und wenn ich allein durch die Botanik laufe, dann schweige ich, lausche ich. Das tut gut.
    Besser als jede Therapiestunde.


    Apropos Therapie. Wer etwas auf sich hält, braucht unbedingt eine Therapie, eine Psychotherapie. Wer heut ohne Psychotherapeut, ist ein Loser. Fast noch schlimmer, als ohne Job oder Auto. Die Psychotherapie ist heute sowas wie das Gütesiegel für Menschen mit Style, mit Geist, Zeitgeist, aufgeladen wie der Akku des Teslas in der Doppelgarage. Wer ohne Psychotherapeut, kann nicht mitreden. Ist megaout. Wer glaubt, er brauche sowas nicht, hat überhaupt nichts begriffen. Psychotherapie ist die Kneippkur der Seele für Leute von heute. Die Wahl des/der Therapeuten/in - keine Ahnung, wie man das korrekt schreibt - ist wichtig. Kasse geht gar nicht. Das ist für die, die es wirklich nötig haben. Privat ist ein 'must'. Schließlich legt man sich nicht nach Hinz oder Kunz auf dieselbe Couch. Damit wir uns richtig verstehen, Psychoanalyse ist nicht mehr trendy. Eher was für pensionierte Studienrätinnen. Wer dazugehören will, braucht was Dynamischeres, success-Fokussiertes, so Richtung coaching, empowerment. Yeah. Gesprächstherapie eher für Frauen, bitte, nein, das ist nicht sexistisch gemeint. Aber Frauen haben mehr Gesprächsbedarf. Es geht ja hier nicht um Klatsch. Nö, es geht um einen hochintellektuellen Diskurs. Auf Augenhöhe. Männer, wenn ich diese plumpe, binäre Identitätsstereotype mal ausnahmsweise verwenden darf, Männer sprechen eher auf Verhaltenstherapie und Coaching an. Aber das gilt nur statistisch. Jeder Mensch ist ein unendlich komplexes Konstrukt aus genetisch-sozial-individuell-empirisch konditionierten Einflußgrößen. Deshalb ist die Wahl des/der richtigen Therapeuten/in so heikel und entscheidend.


    Genug. Ich habe keinen Therapeuten. Obwohl ich vielleicht einen bräuchte. Aber als alter, weißer Mann habe ich gelernt, mir selbst zu helfen. Hab bis jetzt ja alles geschafft. Brauch keinen Seelenklempner. Schaff das schon. Natürlich auf meine Art. Unzeitgemäß, ohne das passende Vokabular, ohne das adäquate Framing, ohne Awareness in Bezug auf mein Problem, nur mit meinen primitiven Deutungsmustern und binären Denkschablonen. Diese Therapietitis der gutverdienenden, meist akademisch ausgebildeten Mittelschicht ist mir suspekt. Früher therapierte sich Mann selbst und Frau hatte keine Probleme. Die hatte zu parieren und funktionieren. Schließlich brachte er das Geld nach Hause. Seit diesem Feminismus und so haben Frauen plötzlich psychische Störungen, sind frustriert und desto unzufriedener, je mehr Rechte und Freiheiten sie genießen. Da sieht man, wohin das alles führt.


    Stop. Das reicht. Zu viel Ironie tut nicht gut. Im übrigen bin ich tatsächlich der altmodischen Meinung, dass der Geschlechterdiskurs hie und da manchmal übertrieben wird. Von der Genderei gar nicht zu reden. Nix gegen Ampelweibchen und Diverstoiletten, aber Sprachverhunzung um jeden Preis, selbst den der Lesbarkeit und verständlichen Aussprache, muß ich nicht haben. Da bleib ich ein reaktionärer, patriarchaler Sack. Und jetzt weiß ich nicht mehr, wo ich bin und wohin ich wollte. Mach ich halt Pause.


    ***

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