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Thema: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

  1. #76
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Vergiß es. Was ich mache, hat mit Mathematik nix zu tun. Ist vergleichbar mit den ersten Gehversuchen eines Kleinkinds mit dem Laufvermögen eines Marathonläufers! Mathematik beginnt erst dort, wo die meisten Menschen total aussteigen. Ich hab mir mal ein Buch über Grundlagen der Mathematik gekauft, um mir Basics anzueignen. Ich hab es nach wenigen Seiten weggelegt, weil ich den Beweisführungen und Gedankenketten nicht mehr folgen konnte. Allein in der Menge der natürlichen Zahlen (ganze, positive Zahlen) stecken so viele verborgene Abhängigkeiten, Querverbindungen, Gesetzmässigkeiten und Korrelationen, dass das Alter des Unviersums nicht ausreicht, um diese erfassen. Dabei sind die natürlichen Zahlen die denkbar einfachste Zahlenmenge. Wirklich arg wird es erst bei den anderen Zahlenmengen wie die rationalen, irrationalen, reellen, komplexen und andere.

    Nimm nur die irrationalen Zahlen. Das sind solche, die nicht durch Brüche ganzer Zahlen darstellbar sind. Irrationale Zahlen sind etwa Pi und e (Eulersche Zahl), um nur die bekanntesten zu nennen. Die meisten Wurzeln ganzer Zahlen sind irrational. Wirklich irre wird es, wenn man sich vorstellt, dass zwischen zwei BELIEBIG NAHE beeinander liegenden irrationalen Zahlen UNENDLICH viele weitere irrationale Zahlen gibt! D. h., hier findet eine Schachtelung von Unendlichkeiten statt: zwischen unendlich kleinen Intervallen befinden sich unendlich viele weiter Zahlen! Wem da nicht schwindelt, dem ist nicht zu helfen. Wie gesagt, Mathe ist nichts für Feiglinge und Schwindelanfällige!

    z. B. die Zahl Pi, beschreibt das Verhältnis zwischen Umfang und Durchmesser eines Kreises. Also eines ganz konkreten Objekts der Anschauung. Diese Zahl kommt in so vielen anderen, weit entfernten Anwendungen und Problemen vor, dass es fast scheint, als sei die ganze Welt mit Pi durchsetzt. Die Elektrotechnik, also die ganz reale Beschreibung und Anwendung der Elektrizität kommen nicht aus ohne Pi und e.

    Also, kurz gesagt, Mathematik ist unfaßbar. Wir können nur ganz am Rande der Rinde ein wenig knabbern. Die Genies dringen manchmal bis zu einer Rosine vor. Den ganzen Kuchen werden wir nie durchmessen.

  2. #77
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Über-Ich, Überich oder über mich? Beim Über-Ich geht es natürlich auch über mich. Also um über mich. Aber keine Sorge, über mich werde ich keine intimen Details enthüllen, die peinlich sein könnten. Wir wahren hier schließlich die Contenance und die guten Sitten.


    Was hat es nun auf sich mit dem Über-Ich? Die Lexika sagen, der Begriff gehe zurück auf Freud. Aha, der alte Psycho-Sigi aus der Berggasse. Der das Unbewusste in den Kegel des Bewusstseins holte, der moderne Traumdeuter. Der seine Patienten auf die Couch legte und sie drauf los assoziieren ließ. Ist auch vieles aus heutiger Sicht fragwürdig und überholt und hat sich die Begeisterung über die Psychoanalyse gelegt - nicht zuletzt wegen sehr bescheidener Erfolgsraten und der Länge der Therapie, was allein schon die Kassen der Kassen leert - steckt doch in jeder freien Assoziation und jedem Traumstück ein Körnchen Wahrheit. Und um die geht es doch, oder?


    Allgemein wird das Über-Ich als die Summe der verinnerlichten, von außen eingetrichterten, eingebläuten, aufoktroyierten Gebote, Verbote, Sittengesetze, Tabus und Verhaltensregeln angesehen. Gilt es manchen gar als das, was wir Gewissen nennen. Das Über-Ich ist die Instanz der Eltern, Priester, Lehrer, Erwachsenen, die wir als Kind in uns aufbauen und verinnerlichen und als Teil unserer Persönlichkeit wahrnehmen. Und der ist bei jedem verschieden stark ausgebildet. Wer zuviel davon inhaliert, wird sich schwer tun im Leben, neigt zu Ängsten und Unsicherheiten, Minderwertigkeitskomplexen, Schuldgefühlen und anderen Selbstblockaden. Nicht selten treten bei zuviel Über-Ich im Ich Selbstbestrafung, Selbstbeschädigung und Autoaggressionen auf. Du bestrafst dich selbst mit Liebesentzug, weil du den Anforderungen der inneren Elternsinstanz nicht genügst, weil du gegen Gebote des Sittengsetzes in dir verstoßen hast. Oder auch nur vermeinst. Dieses Über-Ich hat die fatale Eigenschaft, sich ungehindert auszubreiten, dein natürliches und gesundes Luststreben als verwerflich, schlecht und böse zu denunzieren. Am Ende bleibt bei soviel Frust und so wenig Lust ein verkrüppeltes, verdorrtes und unglückliches Ichlein übrig. Das sich und anderen das Leben zur Hölle oder wenigstens zum Zuchthaus macht. Ein Blick in die Geschichte lehrt uns die Übermacht des Über-Ich nur allzu drastisch. Besonders das Christentum hat sich bei der Verteufelung der Lust einen Platz auf dem Podest verdient. Dabei, die Skrupelloseren unter uns haben es sich schon immer gerichtet: sittsam brav nach außen, hemmungslos, gewalttätig hinter verschlossenen Türen. Auf der Strecke blieb die überwältigende Mehrheit der Gutgläubigen, Naiven und Treudoofen. Sie bezahlten die Folgen der Tyrannei ihrer Über-Iche mit seelischen und körperlichen Qualen, Leiden, Schuldgefühlen und Selbstbestrafungsorgien. Während Päpste prassten, schwelgten und kreuz und quer vögelten, geisselten sich gutgläubige Idioten für ihre vermeintlichen Sünden, gingen Heere von Männern und Frauen in Klöster, leisteten unbezahlte Arbeit im Weingarten des Herrn, unterdrückten ihre sündhaften Triebe und Begierden und nicht selten ihnen anvertraute Kinder und Heranwachsende. Bis heute.


    Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz. Und mit dem Über-Ich. Fremd- und Selbstbestrafung aufgrund Triebstaus sind allerdings kein Monopol christlicher Lustfeindlichkeit. Du findest sie überall, wo Menschen sich organisieren, gruppieren, sozialisieren. Bei Linken wie Rechten, Gläubigen und Ungläubigen, Armen und Reichen, Analphabeten und Akademikern. Die Sache ist also komplexer, als es den Anschein hat. Kein Wunder, wir haben es ja mit dem Unbewussten zu tun. Also dem Teil in uns, den wir qua definitionem nicht kennen können. Oder nur indirekt über die verschiedenen analytischen Werkzeuge des alten Familientyranns Dr. Sigi Freud. Nomen est omen oder Freudsche Fehlleistung? Der psychoanalytische Stürmer und Dränger war wohl familiär eher ein despotischer Spießer und Kleinbürger. Doch das interessiert mich hier nicht.


    Dieses Über-Ich wird uns vom ersten Tag unseres Lebens an in homöopathischen Dosen in Hirn, Herz und Bauch versenkt, wo es instantan Wurzeln schlägt, ein unüberschaubares Myzel bildet und vollkommen mit unserem Ego, unserer wachsenden Persönlichkeit, dem sich kristallisierenden Charakter verschmilzt und zusammenwächst. Du wirst es nie wieder los. So lange du lebst, so lange dein Herz schlägt, so lange Hirnströme unter der Schädeldecke kreisen. Dieses Über-Ich ist unverlierbarer Teil des Ichs. Ununterscheidbar. Und dennoch ein Fremdes. Es bestimmt dein Denken, lenkt dein Fühlen und färbt und würzt dein Erleben. Und zugleich hast du keine Ahnung, wie sehr es dich manipuliert und regiert. Wenn du Glück hast, besitzt du ein Über-Ich, das liberal, nachsichtig, liebevoll und hilfsbereit ist. Wenn du Pech hast, bekommst du ein despotisches, unduldsames, inquisitorisches, strafendes Über-Ich. Je nachdem wer deine Eltern, Erzieher, Lehrer und Verwandten waren. Auch die Genetik dürfte eine entscheidende Rolle spielen. Nämlich wie du all diese äußeren Einflüsse aufnimmst, wahrnimmst, verdaust und verstoffwechselst. Der eine geht zu Grunde, woran der andere wächst. Die eine zerbricht, woran sich die andere aufrichtet. Die vom ersten Herzschlag anvorhandene Linse, durch die du die Welt siehst, kannst du nicht ablegen. Ihre Dioptrien bestimmen, was du siehst, welche Farben, Konturen und Schattenwürfe.


    Damit wir uns richtig verstehen. Das Über-Ich ist kein von Eltern, Tanten, Omas, Lehrern und Pfarrern böswillig in uns verpflanztes Implantat, keine toxische Infusion hinterfotziger Tyrannen um uns zu gängeln. Unser Gehirn baut sich dieses Über-Ich selbst, es kann gar nicht anders. Jeder Eindruck von außen bildet sich ab in meinem Hirn. Die vielen Eindrücke werden vernetzt, verkabelt und zu Mustern, Bildern, Mosaiken zusammengefasst. Also ich stell mir das so ähnlch vor. Irgendwie, Gott - und nicht mal der - weiß wie, drückt jede Erfahrung ihren Stempel in die weiche, graue Masse. Und im Schubladenschrank Moral, Sitte, Gewissen, Verhalten, Ethik, Beziehungen usw. wird alles abgelegt, was die Gesellschaft von uns erwartet, verlangt, fordert. Die Verwaltung dieses gigantischen Archivs aus Schubladenkästen, Laden, Kategorien, die Organisation und Ablage, das alles besorgen unsere Anlagen, die Gene. Hast du ein gut organisiertes Archiv, wird auch dein Über-Ich einigermaßen funktionieren. Ist dein Archivar ein vergesslicher, schussliger oder schlampiger Typ, wird dein Über-Ich Mätzchen machen. Aber so viel steht fest, jeder Mensch, der nicht völlig schwachsinnig oder psychotisch ist, hat so ein Über-Ich. Er kann gar nicht anders. Es kommt nur drauf an, was für eines deines ist!


    So wie du dir deine Eltern nicht aussuchen kannst, hast du auch keine Wahl, was für ein Über-Ich in deinem Schädel heranwächst. Denn zu der Zeit, wo dieses Monster wächst und wächst, fehlen dir Verstand, Erfahrung und Urteilskraft, es zu konfektionieren, korrigieren und auf deine Bedürfnisse zurechtzustutzen. Dieses Über-Ich, das dir später das Leben oft vergällt, vermiest, versaut, dieses Faktotum ist quasi Schicksal. Später, wenn du deine kindliche Unmündigkeit eventuell ablegst, kannst du dran herum feilen, schnitzen, hobeln und schleifen. Aber das ist mühsam, langwierig und ohne Erfolgsgarantie.Ein ganz neues Über-Ich wirst du nie erlangen. Also, wie man sieht, ist es doch ein rechtes Kreuz mit diesem Über-Ich.


    Und was haben wir sonst noch zu bieten? Das kann doch nicht alles sein. Nach Freud stehen dem Über-Ich diametral oder diagonal oder vielleicht gar polygonal die Triebe, Wünsche, Begierden, also der ganze Zoo unserer Gefühle, Emotionen und Triebe gegenüber. Er, also der Dr. Freud, nannte das ES. Dieses Es, das sind die Raubtiere im Zirkus unserer bewussten und unbewussten Persönlichkeit. Und das Über-Ich ist der Dompteur. Manchmal wird so ein Dompteur angefallen und totgebissen. Dann fallen die Viecher über uns her. Die Psychofritzen nennen das psychotische Störung. Die viele Gesichter haben kann. Ein Kennzeichen ist, dass wir die Kontrolle, die Steuerungsfähigkeit über unser Denken, Fühlen und Verhalten verlieren. Also hat dieses verflixte Über-Ich doch seine Berechtigung. Ohne sein Wirken wären wir noch gieriger, geiziger, skrupelloser, gewalttätiger usw.


    Und was mach ich jetzt? Mit all diesen Erklärungsversuchen für die Irrationalität in mir. Bin ich meinem Unbewussten näher gekommen, verstehe ich mehr davon? Ist das Ünbewusste bloß eine These oder real? Dass da etwas unabhängig von meinem Bewusstsein in mir schlummert, das ist für mich evident. Die unendlich vielen Körperfunktionen, von denen ich keine Ahnung habe, die trotzdem rund um die Uhr bislang problemlos vor sich hin schnurren, das Betriebssystem meines Ichs, die Logik, das Zeitgefühl, das Gedächtnis, die Datenbanken in meinem Hirn, das Erlernte, das mehr oder weniger erhalten bleibt, die Imagination, das weite Feld der Emotionen bis hin zu den Träumen. Das wird verwaltet, aufgefrischt, vergessen, wieder hervorgeholt, mit Bedeutungen versehen, die mich oft überraschen usw. Wer oder was macht das ohne mein bewusstes Zutun? Das könnte ich durchaus mein Unterbewusstsein, oder allgemeiner, das Unbewusste in mir nennen. Der tiefe, weite Ozean auf dem ein Kahn namens Ich schippert. Unter dessen Oberfläche Es und Über-Ich ständig um die Oberhand ringen. Ein Ozean, den ich nur oberflächlich und sehr begrenzt überblicken und abfahren kann. In dessen Tiefen ich nur eine kurze Angelschnur senken kann an deren Haken ab und zu ein Stück Tang, wenn ich Glück hab ein Fischlein oder anderes Getier verfängt. Das ich dann bestaune oder ratlos wieder zurück ins Wasser werfe. Manchmal sehe ich in großer Entfernung andere Kähne, Boote oder mal einen Delphin aus dem Wasser auftauchen. Und ich frage mich, ob wir alle den gleichen Ozean befahren und bewohnen. Oder jedes auf seinem abgesteckten Areal, dessen Grenze wir nicht überschreiten können.


    Viele Fragen, kaum Antworten. Eines weiß ich aber: meinem Über-Ich kann ich nicht entkommen. Ich kann mich ihm willenlos und kritiklos ergeben, kann mich ihm widersetzen und protestieren; wie auch immer, es ist untrennbar mit mir verwachsen und wird mich bis zum letzten Schnaufer nicht loslassen. Über-Ich oder Unter-Ich, was weiß ich. Je mehr du dich damit herum schlägst, umso mehr kriegst du das Gefühl, du bist nicht Herr im eigenen Haus. Glaubst es nur. Keller und Dachboden gehören ungebetenen Gästen, die immer wieder im Wohnzimmer und Schlafzimmer vorbeischauen und dich manchmal um den Schlaf oder die Seelenruhe bringen.


    Die Wissenschaft sagt, unsere Persönlichkeit wird in den ersten 1000 Lebenstagen installiert, konfiguriert und determiniert, also geprägt. Wir glauben das nicht. Fühlen uns frei, wir lernen ja täglich dazu, bilden uns, entwickeln uns. Jo eh. Und jetzt das große Aber: Aber immer auf den Gleisen, die schon in den ersten Lebensjahren gelegt wurden. Du kannst die Weichen stellen, doch von der Schiene kommst du nicht mehr runter. Das dir zugängliche Schienennetz liegt fest. Darauf kannst du herumfahren. Vorwärts, rückwärts, mal die eine Linie, mal die andere wählen. Für die restlichen 20000 oder 30000 Tage deines Lebens. Vorsicht bei der Abfahrt, wir wünschen gute Reise!


    ***

  3. #78
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Und wieder Mathe. Kein Collatz und kein Collaps. Nur ein paar Gedanken zu Mathematik, Physik, Realität, Bewusstsein und wie das alles miteinander und ineinander. Ich denke ja, dass Mathematik unabhängig vom Bewusstsein existiert. Also nicht Mathematik genau genommen, sondern die mit Hilfe mathematischer Notation ausgedrückten Relationen, Korrelationen, Abhängigkeiten und Gesetze, seien sie abstrakt oder auf die Natur angewendet. Die mathematische Notation ist jedenfalls menschgemacht, könnte auch ganz anders aussehen, könnte zum Beispiel auf Zahlen verzichten und stattderen Punkte, Striche und andere Symbole verwenden. Wär halt nicht besonders anschaulich, aber genauso gültig. Schaut man sich manche Notierungen höherer Mathematik an, ist das für den mathematischen Durchschnittsbürger genauso unleserlich wie chinesisch oder Hieroglyphen. Man muß eben nur die Bedeutung der Zeichen kennen und sie regelkonform verwenden.


    Die Frage, die sich stellt, lautet: Bilden die Inhalte mathematischer Aussagen - ihre Semantik also - ein abgeschlossenes System, das nur für das Mathematik treibende Gehirn sinnvoll und gültig ist, oder gelten die mathematischen Sätze auch für die Wirklichkeit, die Physik, die Natur, das Universum? Universal und mit Wahrheitsanspruch? Ja, sind die mathematischen Regeln ident mit den Naturgesetzen, sind sie das, was die Welt im Innersten ... ? Die Gene, der Bauplan der Welt? Wir wissen es nicht. Aber wir ahnen etwas.


    Wenn wir mathematische Sätze bilden und dort, wo möglich, an der Natur testen - wie etwa Flugbahnen von Raketen, Newtons Mechanik, die Maxwellgleichungen oder gar Gravitationswellen, finden wir ausnahmslos, dass die Phänomene mathematisch beschreibbaren Funktionen (ganz allgemein gesagt) folgen und wenn nicht, dass wir die Formeln, Funktionen etc. korrigieren müssen, bis sie passen. Wir haben also zu korrigieren bis wir eine den Naturgesetzen adäquate Form gefunden haben. Das heisst aber auch, es gibt mathematisch korrekte Sätze und Formeln, die in der Natur nicht vorkommen. Wie wäre das möglich, wäre die Physik der alleinige Ereignisraum mathematischer Sätze? Offensichtlich geht die Mathematik über die Physik hinaus, gibt es eine mathematische Welt ausserhalb der Naturgesetze. Was mir zunächst mal ungeheuer stinkt. Geht das doch irgendwie in Richtung Idealismus. Also da gibt es Ideen, gedachte Gebilde, die über die Physis hinausgehen. In diesem Fall logisch abgeleitete Sätze innerhalb der Mathematik. Gefällt mir rein philosophisch gesehen gar nicht.


    Aber stimmt das auch? Gibt es Mathematik, die über die Natur hinausgeht? Mathematik basiert auf Logik. Eine kleine Anzahl ganz weniger Axiome (= selbst erklärende, offensichtlich einleuchtende Grundsätze) plus Logik und Widerspruchsfreiheit, das sind die Bausteine der Mathematik. Mehr nicht. Und die Logik, die ist nunmal menschlich. Und rational. Mensch ist ja nicht nur Ratio. Wir können aber nur logisch (richtig) denken. Alles andere führt zu nichts. Wenigstens in der Naturwissenschaft. Bei Literatur, Musik usw. ist die Logik manchmal sogar hinderlich, aber darum geht es hier nicht. Wo war ich? Ach, die Logik. Die stößt in der Mathematik häufig an Grenzen. Dort, wo es an die Grenzen geht. Kein Mensch und auch kein Mathematiker kann sich unendliche Mengen vorstellen oder das Verhältnis von Kreisumfang und Durchmesser (Pi), oder komplexe Zahlen und und und. Die sprengen die Ratio, sind aber unverzichtbare Elemente jeder Mathematik und jeder Naturwissenschaft. Die Mathematik geht also nicht nur über die Logik hinaus, die Natur ebenfalls. Denn all diese genannten Phänomene treten in der Natur überall auf! Ich brauche also keinen Idealismus, um den transzendierenden Charakter der Mathematik zu verstehen, ja die Natur selbst geht über alle Grenzen der Logik hinaus. Und mit ihr auch die Mathematik.


    Puh, das war knapp. Grad noch mal der Zwangsjacke idealistischer und spiritualistischer Spekulation entkommen. Was heisst das aber, dass die Natur über die Logik und damit die Regeln unseres Denkens hinausgeht?


    Nimm einen Kreis, den Einheitskreis. Das ist ein Kreis mit dem Radius 1 (cm, mm, Lichtjahre, egal, Länge=1). Dieser Kreis hat die Fläche Pi (Kreisfläche = r.r.Pi = 1.1.Pi = Pi). Wir wissen, dass der Kreis eine abgeschlossene, geometrische Figur ist. Heisst, es gibt keine Lücken, Löcher oder sonstwas in der Kreislinie. Sie ist geschlossen. Punkt. Die Kreisfläche ist endlich, gleichmäßig gekrümmt, liegt schön anschaulich und überschaubar vor meinem geistigen Auge. Dennoch kann man seine Fläche nicht mit einer endlichen Dezimalzahl ausdrücken. Denn Pi ist eine irrationale Zahl, heisst eine Zahl mit unendlich vielen Kommastellen (und dazu nicht periodisch). Die Natur beschert mir also ein Element, das ich logisch nicht fassen kann. Das Gleiche gilt für die Länge der Kreislinie (also den Umfang des Einheitskreises). Dieser Umfang ist 2.r.Pi = 2.1.Pi = 2.Pi, also numerisch doppelt so groß wie die Fläche. Aber ebenso unendlich, was seine Dezimalstellen hinter dem Komma anlangt. Auch der Umfang des Kreises, ebenso anschaulich, übersichtlich, simpel ist eine für rationale, d. h. rein auf den Verstand begrenzte Logik und Vorstellungskraft undenkbare Dezimalzahl. Obwohl ich die Kreislinie rund und geschlossen vor mir sehe, kann ich ihre exakte Länge nicht angeben! Irgendwie verrückt, oder?


    Was heisst das nun für meine Überlegungen bzgl. Mathe und Natur, Mathe und Logik, Logik und Natur?


    1. Einfache, anschauliche Objekte gehen hinsichtlich ihrer formalen Beschreibbarkeit über die rationale Logik hinaus.
    2. Damit geht auch die nur auf Logik und Widerspruchsfreiheit fußende Mathematik über die Grenzen der rationalen Logik hinaus.
    3. Natur und Mathematik transzendieren das rationale Denken und die Vorstellungskraft.


    Die Ratio, also die Vernunft ist offensichtlich nicht ausreichend, die Natur, ihre Gesetze und formale Beschreibung (Mathematik) zu verstehen. Stark vereinfacht gesagt: die Welt ist irrational, die Naturgesetze sind irrational. Für die Mathe kein Problem: da gibt es irrationale Zahlen, imaginäre Zahlen, komplexe Zahlen usw. Und das alles logisch und widerspruchsfrei. Zwingend.


    Was das jetzt für das Verständnis der Welt und ihrer Gesetze bedeutet? Offensichtlich reichen Mathematik und Naturgesetze viel tiefer und weiter, als unser rationales Denken. Verstand, Vernunft, Logik sind Werkzeuge des Bewusstseins, die Welt zu verstehen und sich in ihr zurecht zu finden, doch Physik, Natur und auch die mittels mathematischer Sätze formulierten Gesetze dahinter reichen viel weiter.


    Noch was. Der mathematische Otto Normalverbraucher versteht Mathematik hauptsächlich als Rechnen mit Zahlen. Die vier Grundrechenarten sind für die meisten von uns Mathe, vielleicht noch Schlußrechnung, Prozentrechnung und elementare Algebra. Damit hat es sich für uns mathematische Analphabeten. Das ist aber nicht mal der Vorhof der mathematischen Disziplin. Mich interessiert in diesem Zusammenhang aber wie die Natur den mathematischen Sätzen folgt. Wie ist es möglich, dass ein Stein immer so fliegt, wie es Gravitation, Masse, Geschwindigkeit, Luftwiderstand etc. erlauben, fordern? Der Stein rechnet nicht. Die Natur rechnet auch nicht. Dennoch folgen alle Teilchen, Wellen, Kräfte, alle messbaren Naturphänomene ausnahmslos den für sie geltenden Gesetzen. Was wir mit Hilfe der leistungsfähigsten Computer mit Aberbilliarden Rechenoperationen mühsam kalkulieren, das tut ein Stein, ein Photon, ein Elektron, ein Komet, ein Planet, ein Stern, eine Galaxie, all die schier unendlich zahlreichen Elementarteilchen - das machen die alle ohne zu rechnen, ohne zu denken, ohne zu wissen. Wie ist es möglich, dass Quantenfelder immer exakt den gleichen, für uns unlösbaren Differentialgleichungen mühelos und schlafwandlerisch sicher folgen?


    Die Natur rechnet nicht. Dennoch folgt sie stets den zugrunde liegenden Gesetzen und mathematischen Sätzen. Ausnahmslos, fehlerlos, konsequent. Schon komisch, finde ich. Komme mir jetzt aber niemand mit Gott. Der alles veranlasst, kontrolliert, steuert. Also da wäre selbst ein allmächtiger Gott heillos überfordert. Diese überall im Kosmos im Kleinsten wie auf den größten Skalen immer und überall gegebene Präsenz der Naturgesetze und ihre präzise Wirksamkeit, das macht mich doch Staunen. Fassungslos. Scheint auch in der Quantenwelt das Chaos zu herrschen, so ist es ein sehr diszipliniertes, nach ehernen Gesetzen ablaufendes Chaos. Ein strikt geordnetes Chaos. Mein einziger, hilfloser Versuch einer Erklärung: die natürlichen Phänomene haben keine Freiheitsgrade von den Naturgesetzen abzuweichen. Sie können nicht anders. Ja, netter Versuch, geb ich ja zu.


    War noch was? Ach ja, das Henne-Ei-Problem: Was war zuerst, die Mathematik nach der die Welt schnurrt oder die Naturgesetze, die wir mit Hilfe unserer menschgemachten Mathematik beschreiben? Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht. Und was hätte meine Oma gesagt? Überlaß das Denken den Pferden, die haben die größeren Köpfe.


    ***

  4. #79
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Was ich schon immer über Sex wissen wollte. Oder auch nicht. Ich denke, Sex wird allgemein überschätzt. Also nicht, dass ich was gegen Sex hätte. Ganz im Gegenteil. Ich frage mich nur, warum nach 50 Jahren sexueller Befreiung die Debatten, Kontroversen, Genderdiskurse und Wartelisten der Sexualtherapeuten*** ausufern und überquellen. Also ich hab keine Studien zur Hand und hab auch nicht die Absicht, mich durch diesen Wust zuackern, aber wenn ich nur die Artikel, Features, Glossen und Beiträge in den mir zugänglichen Medien durchkämme, dann bleiben da überproportional viele hängen, die sich mit dem Thema Nr. 1 beschäftigen. Is ja auch gut so. Also prinzipiell. Im Einzelnen jedoch scheint mir doch, dass beim Sex erstens meistens der Spaß aufhört und zweitens häufig die Überforderung der Beteiligten zunimmt.


    Es ist ja auch nicht so einfach im Zeitalter polysexueller Identitäten noch den Überblick zu bewahren. Schon gar nicht für einen alten, weißen, binären Cis-Mann wie ich einer bin. Selbst für Fachleut*innen* ist das zunehmend schwierig. Ich stelle mir eine* 50-jährige* Sexualtherapeut*** vor, zu de* Teens und Twens mit ihren Problemen kommen, die nicht wissen, ob sie Männlein oder Weiblein, oder beides oder nix davon, ob sie im falschen Körper oder im richtigen Körper mit dem falschen Körpergefühl und ob oder alles oder gar nix davon. Schon die Begriffsverwirrung macht das Therapiegespräch zu einer Quelle andauernder Missverständnisse. Und dann noch die Beziehungen zu den diversen anderen Geschlechtern und Geschlechtsidentitäten. Das Geschlecht kann sein körperlich eindeutig, körperlich unbestimmt, man spricht von Intersexualität, Transgender, Transsexualität und was weiß ich noch. Der Kombinationen und Identitäten sind ungezählte. Wer soll sich da noch auskennen?


    Aber bleiben wir mal bei der simplen binären Geschlechterordnung Männlein und Weiblein. So wie von Gott und der Natur vorgesehen. Allein da sind hinsichtlich der praktischen Ausübung der Sexualität alle möglichen Formen in Verwendung: heterosexuell, schwul, lesbisch, bisexuell, asexuell, monogam, polygam, polyamorös, treu, untreu ... Es ist wahrlich ein weites Feld. Und wir haben noch kein einziges Mal das Wort Liebe erwähnt. Die würde jetzt endgültig den Rahmen sprengen. Also laß ich die Liebe mal aus dem Spiel. Es ist mit dem Sex schon kompliziert genug. Für viele gehört beides noch untrennbar zusammen, doch das sind Auslaufmodelle, wenn ich mich so umsehe.


    Sexuell und gendermäßig leben wir in einer Zeit der Unübersichtlichkeit. In anderen Bereichen auch, doch beim Sex-Gender-Komplex nimmt die Unübersichtlichkeit stärker zu, als die Entropie im Universum. So sehr, dass die Betroffenen selbst nicht mehr wissen, wie ihnen geschieht. Ich hab da eine ganz liebe Nachbarin. Die ist so 60+, verheiratet mit einer Frau, hat mit ihr einen Sohn um die 30+. Wie das geht? Die Gute war früher ein Mann, hat eine Frau geheiratet - dieselbe, mit der sie noch zusammen ist -, einen Sohn gezeugt und lebte also in einer ganz 'normalen' Familie. Irgendwann kam sie drauf, dass sie wohl lieber eine Frau wäre. Wie und warum auch immer, ist einerlei, weiß ich auch nicht. Sie ließ sich vom Mann zur Frau umbauen - Details unbekannt, aber sicher ziemlich heftig - und lebt seitdem als reichlich männlich wirkende Frau mit tiefer Stimme, noch immer recht unweiblich aussehenden Gesichtszügen, Proportionen usw. Ist aber ein ganz lieber Kerl, unheimlich hilfsbereit, handwerklich und praktisch ungemein versiert - wohl eine Mitgift aus dem früheren Leben, und macht alles, was so ansteht in Haus und Garten, geht einkaufen, zum Friseur wegen Dauerwelle, kleidet sich typisch fraulich, behängt sich mit Kettchen, Ohrringen, imprägniert sich mit Parfum. Kurz, sieht aus wie eine Frau aus den 50-ern des vorigen Jahrhunderts. Muß regelmäßig Hormonpräparate nehmen, ist gesundheitlich recht instabil, aber anscheindend ganz happy mit ihrer Weiblichkeit. Ich könnte mir das alles nicht vorstellen für mich. Da fehlt mir jeder Ansatz von Fantasie. Lieber würd ich mich wohl aus dem Leben verabschieden, als solch eine Tortur über mich ergehen zu lassen, um dann als halber Mann und halbe Frau durch die Welt zu stöckeln. Naja, aber jede* wie *** mag.


    Was das alles soll? Eigentlich nur zeigen, wie Biologie und Selbstwahrnehmung, Körper und Identität, Geschlecht und Gender auseinander gehen und Menschen in existenzielle Konflikte stürzen können. Noch bis vor kurzem wurden bei uns Neugeborene mit unbestimmbarem Geschlecht als krank eingestuft. Und Mediziner machten sich umgehend daran, diese armen Hascherl zu bearbeiten - pardon therapieren, operieren, medizinieren, manchmal ohne die Einwilligung der Eltern abzuwarten. Zum Glück macht sich hier ein Gesinnungswandel breit und werden auch gesetzlich solchen medizinischen Übergriffen einige Riegel vorgeschoben. Es ist halt schon ein Dilemma oder mehrere. Wenn man so einen Eingriff nicht am Säugling vornimmt, sondern wartet, bis das Kind mündig ist, selbst zu entscheiden, ist es oft zu spät oder die nötige Behandlung schwerwiegender und riskanter, als wenn sie gleich nach der Geburt vorgenommen worden wäre. Aber das ist von Fall zu Fall zu entscheiden, weil jeder individuell und anders. Und keinesfalls ohne Zustimmung der Eltern. Tatsache bleibt, dass bisher vieles, was als natürliche Variation angesehen werden kann, als pathologisch und behandlungsbedürftig eingestuft wurde. So wie bis vor kurzem auch Homosexualität noch als Krankheit galt, Zwangsbehandlung inbegriffen. Zum Glück hat sich das - wenigstens bei uns, geändert.


    Apropos Homosexualität, konkret Schwulsein, über Lesben will ich nix sagen, davon versteh ich nun schon überhaupt nix. Abgesehen von der einen oder anderen unangenehmen Begegnung mit Schwulen, war das schon immer ein Buch mit 7 Siegeln für mich. Also ich hab das nie verstanden, wie mann einen Mann sexuell anziehend finden kann. Dieses Gen fehlt mir offenbar. Von Verkehr ganz zu schweigen. Ich gestehe - und schäme mich, ich finde das unappetitlich und es kommt mir fast der Morgenkaffee hoch, wenn ich mir das vorstellen müsste. Tu ich aber nicht. Natürlich hab ich mich jetzt wieder mal als unverbesserlicher alter, weißer - ja, ja, ich weiß, diese Wendung wird immer mehr ironisierend, die ursprüngliche Bedeutung abwertend, verwendet - Mann, der seine binäre Cisposition unreflektiert, unsensibel und andere diskriminierend auslebt. Deshalb die unbedingt nötige Versicherung: ich habe nix gegen Schwule, ich habe nix gegen Homosexuelle, aber ich versteh sie nicht. Die Homosexualität. Da fehlt mir jede Fantasie dazu. Und das ist auch gut so. Da bin ich mit mir im Reinen. Unsensibel wie ich bin. Solange mich keiner von denen belästigt, sollen sie tun, was sie wollen.


    Wobei wir bei einer wichtigen Vokabel angelangt sind: Belästigung. Sexuelle Belästigung. Wird gemeinhin verstanden als Übergriffigkeit meist weißer, (einfluß)reicher Männer gegenüber schwachen, abhängigen Frauen aller Couleur. Steigerungen der sexuellen Belästigung sind Misshandlung, Vergewaltigung bis hin zum Femizid. Keine Frage, keine Diskussion, gibt es alles, müsste viel rigider verfolgt und bestraft werden. Geschenkt! Und zwar in jeder Variation, sexuelle Gewalt gibt es ja nicht nur von Männern an Frauen, sondern kreuz und quer zwischen allen Geschlechtern, Identitäten und Altersstufen. Aber, darauf muß ich in Zeiten wie diesen noch hinweisen, sexuelle Belästigung geht meinem Empfinden nach weiter. Wenn mir bissige Kampflesben im Wochenendmagazin einer Qualitätszeitung die Beschaffenheit ihrer Vulva in Wort und Bild buchstäblich auf die Nase klatschen, dann geht Feminismus meiner Meinung nach ein bissl zu weit. Genausowenig bin ich interessiert an den Ergüssen schwuler Männer über ihre Ehen und Kinderwünsche. Musste ja nicht lesen oder gucken. Ja, eh. Aber muss man auch nicht in aller Öffentlichkeit breit treten.


    Wo war ich? Was ich noch sagen wollte. Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Ein hoffnungsloser Frauenversteher und Frauenverehrer. Also idealtypisch gesehen. Ich übersehe nicht, dass es viele individuelle, reale Exemplare von Frauen gibt, um die ich einen großen Bogen mache. Die ich eher abstoßend als anziehend, eher unappetitlich als attraktiv, eher langweilig als anregend finde. Doch das Feminine an sich sehe ich als lebenslanges, unerreichbares Utopia - einen Sehnsuchtsort für das Verlangen nach Vollständigkeit. Das hab ich wohl mit Göthen gemein. Sonst nicht viel. Ich neige auch der alten Vorstellung zu, dass Mann und Frau einst eins waren, ein rundes, komplettes Wesen. Und seit ihrer Trennung in Männlein und Weiblein unablässig nach Wiedervereinigung dürsten. Als Vorstellung ganz charmant, biologisch eher unwahrscheinlich. Egal. Ich mag Frauen, also witzige, hübsche, sehr weibliche - was immer das sei, humorvolle, kokette, leidenschaftliche, kühle, selbständige, nicht von romantischer Liebe faselnde .... Frauen. Tja, bin halt ein unverbesserlicher Träumer.


    So. Ich mach jetzt mal einen Punkt. Einen G-Punkt. Wir erinnern uns. Vor 20 oder 30 Jahren geisterte dieser ominöse Punkt durch Gazetten und Journale. Bis heute hat man ihn nicht gefunden. Er liegt wohl ebenso im Fiktiven wie mein Idealtypus von Frau. Im Übrigen halte ich Sex für eine ganz natürliche Sache. Die heute ein wenig überbewertet, ideologisch überfrachtet, damit ihrer Spontaneität und Lust weitgehend beraubt, für Genderdiskurse und Geschlechterkämpfe missbraucht wird. Wie es so ist mit der Lust, wenn man sie will, flieht sie. Wenn man sie verdrängt, verfolgt sie einen. Ich behaupte, dass das Gelübde sexueller Enthaltsamkeit das Begehren und die Gier danach nur noch steigert. Nicht von ungefähr die unzähligen Übergriffe und Misshandlungen von Pfaffen an Minderjährigen und Schwächeren. Lasst die Pfaffen wenn schon nicht heiraten, so doch auf Kirchensteuerzahlers Kosten ins Puff gehen. Ganz offiziell. So wie sie auch zum Friseur oder ins Nagestudio gehen. Mir ist das sowieso egal, ich bin längst aus dieser mafiösen Organisation ausgetreten. Das war eine meiner besten Entscheidungen in diesem Leben. Aber das ist eine andere Geschichte.


    Viel hab ich nicht zu sagen gehabt zum Thema. Bin ja auch weder Sexologe, noch Genderforscher, noch Psychofritze oder Feminist. Und erst recht kein Maskulinist, oder wie sagt man dazu?


    Ach ja, eins noch. Mathe oder Sex? Ich muß sagen, beides probiert, kein Vergleich. Beides gleich erregend, doch völlig anders. Mathe ist eine verführerische Braut, immer von einem Flair des Geheimnisses, der Rätselhaftigkeit umweht und du kannst sie nie wirklich besitzen. Sie besitzt dich. Falls sie dich erwählt hat. Und das Glücksgefühl, wenn dir ein lang und erfolglos versuchter Beweis endlich glückt oder dir die Erkenntnis eines bislang unverständlichen Sachverhalts beschert wird, das sind Höhepunkte, die einem Orgasmus um nichts nachstehen.


    ***

  5. #80
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    DIY, do it yourself, mach es selber, selbst ist der Mann. Also das ist jetzt keine Betrachtung über das Handanlegen an sich selbst - wenn es nach dem Ausflug ins Reich des Sex auch nicht allzu fernliegend erschiene -, nein, es geht um den Selbstbau eines einfachen Möbelstücks. Was viel komplizierter und zeitaufwändiger ist als die erwähnte Selbstbe-Handlung.


    Was soll es werden? Ein simples Kuchlkastl, also ein Küchenkästchen, ein Wandschränkchen zum Aufhängen und zur Aufbewahung diverser Lebensmittelvorräte. 120 cm breit, 60 cm hoch, 20 cm tief. Mit 2 Türen, Anschlag vorliegend, Topfscharnier. Ich mach mir mal eine Zeichnung, grob, nur mit Dreieck und Bleistift, Maßstab sehr ungefähr 1:25, also 4 cm in der Zeichnung entsprechen 1 m in realiter.


    Die erste Hürde: Stabilität. Welche Verbindung wähle ich, damit der Rahmen stabil wird und die Ober-, Unter- und Seitenteile fest verbunden sind? Es gibt handelsübliche Verbindungselemente, wie heissen die? Ich muß googeln, aber google mal - also in Wirklichkeit verwende ich nicht G, sondern DDg, aber das nur am Rande - also such mal nach einem Begriff, den du ja gerade suchen willst, weil du ihn nicht kennst. Die Sprache des Handwerks ist nämlich eine eigene Welt, ein Kosmos an Ausdrücken, die der normale Mitbürger mit 2 linken Händchen und einem Studium der Geisteswissenschaften oder einfach nur Matura ohne Berufsausbildung nie gehört hat. Eine Paralellwelt an Fachbegriffen, Verben und Eigenschaftswörtern, die du in keiner Enzyklopädie findest. Nach einigen Minuten hab ich herausgefunden, dass die gesuchten Bauteile Schrankverbinder, Möbelverbinder, Eckverbinder oder Korpusverbinder heissen. Allein für die simple Aneinanderfügung zweier Bretter im Winkel von 90° gibt es gefühlte 100 000 Bauelemente.
    Ich entscheide mich für Nr. 33, heisst, ich nehme gewöhnliche Hülsenmuttern mit Innengewinde M5. Mit 4 solcher Dinger kann ich 2 Bretter an einer Ecke rechtwinkelig so aneinander befestigen, dass es ausreichen sollte mein Kastl stabil genug zu kriegen, um ein paar Kilo Lebensmittel darin zu verstauen. Dazu brauch ich noch eine Leiste, innenliegend an der Ecke, über die ich eine festere Verbindung erreiche. 2 Schraubhülsen waagrecht, 2 senkrecht durch die Korpusbretter in die Leiste versenkt macht eine saubere und stabile Verbindung. Man muß nur passgenau bohren. Professionell ist das natürlich nicht. Ein Tischler würde andere Verbindungen wählen. Dafür allerdings fehlen mir die entsprechenden Werkzeuge und Maschinen. Und ich will mir nicht Werkzeugs anschaffen, dessen Wert den des Kastels um ein Vielfaches übersteigen würde.


    Die Bretter laß ich im Baumarkt zuschneiden. Eine gerade Schnittlinie und -kante ist das Um und Auf. Die Wahl der Korpusbrettln ist schnell getroffen: Buchenleimholz, 18 mm stark. Das ist fest, stabil, ohne Kunststoff und sieht passabel aus. Die Maße für den Zuschnitt aufschreiben und dann eine Bauteilliste. Die wird länger als ich dachte. Was man nicht alles braucht für so ein simples Kuchlkastl. Von den Schraubhülsen brauch ich 16 Stück, eine Fichtenleiste 2,3x2,3 cm für die Stabilität der Eckverbinder, eine ebensolche 1,3x1,3 als Anschlag für die Rückwand, 4 Topfscharniere 26 mm, einen Forstnerbohrer 26mm - heisst wirklich so, warum weißich nicht, hat den ein Herr Forstner erfunden? - für die Befestigung der Scharniere, 2 stabile Winkel plus Haken zum Aufhängen des Kastls, 2 Griffe/Knöpfe für die Türen und eine Rückwand aus Hartfaserplatte, eine Seite weiß beschichtet. Alles? Sicher nicht, aber fürs erste. Ah, einen Regalboden brauch ich auch noch, dazu 4 Auflagen für den Regalboden und einen passenden Holzbohrer für die Befestigungslöcher. Dazu noch ein paar Schrauben, etwas Holzleim, Nägel und Werkzeug. Hammer, Schraubendreher und Akkuschrauber hab ich. Den einen oder anderen Holzbohrer werd ich wohl noch benötigen, ebenso einen Bohrständer, um senkrechte, passgenaue Löcher bohren zu können. Ich bestell einen mobilen Bohrständer, den gibt's leider nur über a***n, nicht im lokalen Baumarkt. Alles in allem bin ich jetzt schon ca. bei 200,-- €. Dafür krieg ich schon gediegene Kuchlkastln mit polierten Oberflächen und einer Passgenauigkeit, die ich nie erreichen werde.


    Aber darum geht es nicht. Es ist die handwerkliche Herausforderung und auch der Spaß an der Bearbeitung von Holz. Die Besorgung der Brettln und anderen Sachen birgt die eine oder andere Überraschung. Der Mitarbeiter vom Holzzuschnitt ist auf Mittagspause. Es ist zwar schon 15:00, aber Pause ist Pause. Ich nutze die geschenkte Zeit mit der Suche nach dem Winkel zum Aufhängen des Kastls an der Wand. Dieses Vorhaben stellt mich vor eine unerwartete Herausforderung. Man sollte glauben, es sei das einfachste der Welt irgendeinen passenden Winkel zu finden. Aber, aber. Erstens hängt an diesem Winkel das gesamte Gewicht des Kastls plus Inhalt. Da kommen schon locker 35 kg, verteilt auf 2 Winkel/Haken zusammen. Also sollte der Winkel eine Mindesauflagefläche haben, dazu Befestigungslöcher nicht zu nahe am Rande des Bretts, damit er stabil sitzt und nicht ausreisst. Schließlich muß er 90° gewinkelt sein und sollte eine angemessen breite und hohe Öffnung in Richtung Wand aufweisen, wo ich einen Wandhaken mit mindestens 8 mm Durchmesser einhängen kann. Es dauert eine Weile bis ich so ein Dings gefunden hab, das zwar nicht ideal aber ausreichend sein sollte. Dazu 2 Wandhaken. Noch 2 Miniwinkel zum Anheften des Kastls auch an der Unterseite, damit es fest an der Wand sitzt und nicht schaukelt. Noch was? Ach, der Forstnerbohrer 26 mm. Die Straße für Bohrer und Zubehör ist nicht leicht zu finden, Baumarktmitarbeiter sind rar, aber nach einigen 100 Metern durch diverse Regalstraßen stehe ich vor dem Objekt der Begierde. Nicht billig so ein Ding, aber was soll's, es gibt kein Zurück mehr.


    Der Mitarbeiter vom Holzuschnitt ist wieder vorrätig, die Buchenleimhölzer nicht alle, einige müssen bestellt werden, denn der Zuschnitt aus zu großen Platten würde zu viel Abfall ergeben. Wartezeit eine Woche. Macht nix. Ich hab ja Zeit. Die Schraubhülsen mit Innengewinde M5 nicht vergessen. Ich muß 2 Packerl à 10 Stk. kaufen, weil nicht anders abgepackt vorhanden. Kauf ich halt 4 zuviel. Macht auch nix. Die Topfscharniere kauf ich noch nicht. Ich zögere, weil ich nicht weiß, wie man die montiert. Vielleicht nehme ich einfache Scharniere, die nur auf die Bretter geschraubt werden, ohne Topfbohrung. Jetzt noch zu den Holzleisten, alles vorhanden, einmal die stärkere, drei von den dünnen für die Rückwand. Zur Kassa und schwupps sind 75,-- € weg, der Rest wird nochmal das Gleiche kosten. Dann kommt mir das Kastl halt auf 150,-- €. Das ist der Spaß wert.


    Ein paar Tage später habe ich die bestellten Bretter zu Hause und gehe an die Arbeit. Die Zuschnitte sind sauber. Ich beginne die Löcher für die Regalbodenhalter zu bohren und benutze dazu den neu erworbenen Bohrständer. Etwas gewöhnungsbedürftig. Vorallem die Gleitfähigkeit des Bohrfutters nach oben und unten lässt zu wünschen übrig. 2 Tropfen Öl helfen, doch das Vieh bleibt bockig. Das ist die Crux mit den Einkäufen im Internet. Meist bist du enttäuscht, dass die Ware nicht deine Erwartungen erfüllt, doch dann biste auch wieder zu träge, den Kram zurückzuschicken. Also behälst du das Glump und denkst dir, naja, so schlecht isses auch wieder net. Ich hab mal eine Doku gesehen, wo sie über die Rücksendungen beim Riesen a***n berichteten. Über 90% der Warenrückläufe werden nicht wieder verkauft, sondern vernichtet!!! Statt sie zu verschenken, werden Waren im Wert von Milliarden $ einfach zu Müll erklärt und vernichtet. Ein Grund mehr, gar nix mehr über I-shopping zu kaufen. Oder das Glump eben zu behalten.


    So, die Löcher sind gebohrt. Jetzt geht es richtig los. Der Rahmen wird gebastelt. Die Ecke rechts oben kommt als erste dran. 2 Löcher durch das Oberteil, 2 durch das Seitenteil bohren. Die größte Schwierigkeit ist das exakte Positionieren der Bohrlöcher. 1mm falsch gemessen macht mindestens 2mm im Endeffekt. Der Bohrständer ist recht widerwillig zugang. Aber wir werden uns schon aneinander gewöhnen. Jetzt ebensolche 4 Löcher durch die Holzleiste, gleiche Abstände sind wichtig. Also Leiste mit Schraubzwinge erst an Oberteil, dann an Seitenteil geheftet und durch die bereits vorhandenen Löcher durchgebohrt. Jetzt die Schraubhülsen angesetzt und zusammengeschraubt. Die beiden Brettln sitzen fast exakt, fast. Also das Seitenteil steht ca. 1 mm vor. Warum? Keine Ahnung. Tja, das ist halt der Unterschied zwischen Profi und Bastler. Aber mit dem 1 mm kann ich leben. Die Ecken 2, 3, und 4 gelingen problemlos und noch ein bissl präziser. Der Rahmen, der Korpus steht, fix, fest, stabil. Lästig nur der dauernde Bohrerwechsel, weil ich eben ein Hobbytischler bin. Fürs Durchbohren der Ober- und Seitenteile 5-er Holzbohrer im Bohrständer, für die Eckleisten ebenfalls 5, aber am Akkuschrauber, der auch das Bohrfutter am Bohrständer treibt. also rauf und runter ....


    So, als nächstes befestige ich die Aufhängewinkel, relativ problemlos. Dafür muß auch die Rückwand ausgeschnitten werden, weil die Winkel ja an der Mauer anliegen müssen, wo die Aufhängehaken eingedübelt werden. Das ist etwas mühsam und eine ziemliche Futlerei, wie man in meinem Dialekt so feinfühlig sagt. Die Rückwand ist eine Hartfaserplatte, also säge ich mit einer Handsäge, einem Fuchsschwanz mit feinem Sägeblatt, damit die Platte möglichst wenig ausfranst. Nach einigem Fluchen und ein paar Schweissperlen ist auch diese Handarbeit absolviert. Dann muß die Rückwand noch irgendwie am Korpus befestigt werden. Ich habe mich für innenliegende Montage entschieden, sodass die Rückwand eben mit dem Korpus abschließt und nicht außen drauf geschraubt wird. Dazu muß ich aber einen Anschlag schaffen, an den die Rückwand angeschraubt werden kann. Dafür hab ich die dünnen Leisten 1,3x1,3 besorgt. Ich länge sie ab, bohre die Löcher für die Besfestigungsschrauben vor, lege die Leisten an, genau 4 mm vom äußeren Rand des Kastlrahmens, mache mir mit Bleistift eine Linie, bestreiche eine Seite der Leiste mit Holzleim, lege sie an, hefte sie mit einer Zwinge an den Rahmen und schraube sie daran fest. Dasselbe wiederholt sich für alle 4 Korpusseiten, dann ist meine Auflage für die Rückwand fertig. Die schraub ich noch nicht an, weil ich ja die Türen noch montieren muß, dabei wäre mir die Rückwand im Weg.


    Jetzt ans Eingemachte. Die Topfscharniere. Ich gucke ein Video im Netz, wo die Montage eines Topfscharniers akribisch gezeigt wird. Ich mache eine Probe an zwei Verschnittbrettln. Ich muß genauer arbeiten. Die Scharniere sind leicht schief und die zwei Brettln haben zuviel Abstand. Genauer betrachtet, erkenne ich, dass ich die falschen Scharniere gekauft habe. Solche für Mittelanschlag und nicht für Eckanschlag. Obwohl ich ins richtige Fach gegriffen hab im Baumarkt. Ich schwöre! Es ist Samstag Nachmittag. Der Markt schließt in einer halben Stunde. Ich eile zum gefühlten 98. Male in den BM. Dort bestätigt sich meine Vermutung: Die p. t. Kund:Innen wühlen und dadurch geht die Sortierung futsch. Ein Vergleich der Artikelnummer schafft Gewissheit. Ich kauf jetzt also richtigen Scharniere und prüfe jedes einzeln auf Übereinstimmung mit der Artikelnummer für Topfscharnier, aufliegend, Eckanschlag. Das werd ich mir merken, künftig bei Massenartikeln einzeln zu checken, ob im Fach auch das Gesuchte liegt und nicht ein Kuckucksei.


    Wieder zuhause eine weitere Probemontage, passt ganz gut. Jetzt an die echten Türen! Ich merke, wie mir warm wird. Die Hände leicht feucht. Wenn ich hudel oder ein Maß verpatze, dann ist die ganze Tür im Eimer, also unbrauchbar. Eine halbe Stunde später ist sie an den Korpus angeschraubt. Passt ganz gut, ein bissl kann man an den Stellschrauben ja noch justieren. Aber, Schreck laß nach: Im geschlossenen Zustand hängt die Tür einen ganzen Zentimeter nach unten, was sich in einer veritablen Schieflage zeigt. Die Scharniere können das Gewicht der Tür nicht halten, also in der Waagrechten. Shit, so eine massive Buchenholzplatte von 60x60 hat schon einiges Gewicht. Was nun? 4 Topscharniere statt 2 einbauen, also noch 2 zusätzlich? Damit die Türen dann nur einen halben Zentimeter schief hängen? Nö. Ich beschließe, den Versuch mit den Topfscharnieren zu beenden und ein simples Bandscharnier bzw. Stangenscharnier zu verwenden, wie man es seit alters her bei Schranktüren benutzt hat. Sieht zwar nicht so elegant aus, hält aber fix und ist zudem ohne Spezialwerkzeug zu montieren.


    Am folgenden Montag im Baumarkt keiner Wahl finde ich zum Glück Passendes: ein Stangenscharnier mit 600x32. Länge 600 mm passt exakt für meine Türen, Breite 16 pro Seite passt zur Wandstärke von 18. Gefunden, genommen, gekauft.


    Einschub: Ich hab ge****t, der Forstnerbohrer - auch Astlochbohrer genannt - trägt den Namen seines Erfinders, des Amerikaners Benjamin Forstner, 1886 zum Patent angemeldet.


    So, jetzt mach ich es kurz. Stangenscharnier, von wegen einfache Montage! Denkste Hobbyschreiner. Wie legst du es an? Die Tür soll gerade und passgenau sitzen. Nicht oben oder unten vorstehen oder gar schief hängen. Aber jeder Zehntelmillimeter, den das Scharnier nicht im Lot liegt, macht auf 60 cm schlappe 6 mm Schiefe. Und die sieht sogar ein Blinder mit Augenbinde. Das ist Geometrie in realiter. Also Scharnier an Korpus angelegt, Linie gezogen, an den beiden äußeren Enden erstmal fixiert, Tür anlegen, aber wie? Stehend, liegend, das Ding verrutscht permanent, alles fließt. Tür so gut es geht auch oben und unten angeheftet mit 2 Schrauben. Im Liegen klappt es halbwegs mit den Toleranzen, sitzt so halbwegs. Doch wie wird das, wenn erst das ganze Gewicht der Tür auf das Gesamtkunstwerkt wirkt?


    Die Schwerkraft ist ein Hund. Einstein behauptet ja, sie sei keine Kraft, sondern nur die Wirkung der Raumzeitkrümmung auf Massen. Wahrscheinlich hat er ja recht. Aber ich mag diese Vorstellung nicht. Sie führt zu absurden Konsequenzen. Die gesamte Relativitätstheorie, wenn sie stimmt - und es spricht alles dafür, beamt uns in eine total verrückte, absurde, unvorstellbare Wirklichkeit. Ich neige daher immer mehr zu der Annahme, dass wir tatsächlich nur Experiment einer transzendenten Intelligenz - nein, nicht der liebe Gott! - sind. Sei es Matrix oder Simulation oder Traum, woher soll ich das wissen? Der sogenannte Kosmos, die sogenannten Realität, das ist vielleicht alles nur ein Spiel mit Zahlen und ein paar Rechen- und Spielregeln. Schach auf 1024 Feldern oder Mensch ärgere dich bis der Stecker gezogen wird. Keine Ahnung. Mein Kuchlkastl hängt ziemlich windschief, aber immerhin stabil und ich weiß eines: es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen! Und, verachtet mir das Handwerk nicht, jeder gute Schlosser, Tischler oder Installateur versteht mehr von der Welt als die meisten Uniprofessoren! Wer kein Eckventil dicht kriegt, soll nicht über den Urknall oder Dunkle Materie schwadronieren!


    ***

  6. #81
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Über die Liebe? Warum nicht. Nun, da kann ich gleich über Urknall, Kosmologie oder Quantenmechanik fantasieren. Alles Themen, wo du dich nur verheben kannst. Und zwar gründlich, vollständig und total. Dennoch ist die Liebe für die meisten von uns - zumindest zeitweise - höchst real, existenziell bedeutsam, erfahrbar (gewesen). Aber. Es fängt ja schon damit an, was jeder so unter Liebe subsumiert, versteht. Dabei, verstehen kann man sie eh nicht die Liebe. Es ist ein Kennzeichen von Liebe, dass sie völlig irrational ist, unberechenbar und zwecklos.


    Aber der Reihe nach. Was kann alles Liebe sein? Boing. Daneben. Nächster Versuch. Denn, was Liebe ist oder sein kann, ist so unendlich wie die Menge der natürlichen Zahlen, nein, vielmehr der irrationalen Zahlen, noch ein paar Mächtigkeiten mächtiger unendlich als abzählbar unendlich. Was Liebe sein kann ist nicht abzählbar wie die natürlichen Zahlen. Da weiß ich bei jeder Zahl n, wie die nächste lautet, nämlich n+1. Das weiß ich bei der Liebe nie. Die Arten von Liebe sind so unabzählbar unendlich wie die Anzahl irrationaler Zahlen. Da gibt es keine nächstfolgende Zahl. Da liegen zwischen zwei beliebig nahe beinander liegenden Zahlen noch unendlich viele weitere. Ja nicht mal die Zahl selbst ist vollständig, nur annähernd darstellbar. Wie bei der Liebe. Da liegen zwischen zwei einander beliebig nahe stehenden, liegenden Menschen unendlich viele Saumfalten von Liebe.


    Liebe ist ein Gefühl. Naja. Nicht sehr originell. Klar. Sagen wir so, sie beginnt mit einem Gefühl. Aus diesem Gefühl der Liebe entspringen ja dann Gedanken, Worte, Handlungen. Oft dumme, dämliche oder auch originelle, kluge, weise. Wenn wir von Liebe reden, meinen wir meist dieses Gefühl der Zuneigung und Hinwendung zu einer Person, einem Tier, einer Sache, einer Aufgabe, einem Thema. Ich muß also reduzieren, Grenzen ziehen. Über alle Variationen von Liebe zu reden, wäre, wie die Sandkörner an allen Meeresstränden zählen zu wollen. Oder die Elementarteilchen im Kosmos.


    Also, ich beschränke mich auf die Liebe zwischen zwei Menschen. Und zwar Mann und Frau. Ganz altmodisch. Alle Kombinationen von LGBTQ*** interessieren mich nicht. Nicht weil ich was dagegen hätte, oder das als unnatürlich, abartig, krank oder sonstwie abwerten würde. Nein. Allein deshalb, weil ich davon nichts verstehe und weil ich auch mal zu einem Ende kommen möcht. Also, es geht um die gute, alte, klassische, romantische, aufgeklärte, moderne oder sonstwie attributierte Liebe zwischen Weibchen und Männchen. Ist das schon ein unüberschaubar weites Feld.


    Häufig, täglich, stündlich, dauernd entsteht zwischen einem Mann und einer Frau ein zunächst unbestimmtes, irritierendes Gefühl. Amor oder Eros, wer weiß das schon, hat seinen ersten Pfeil abgeschossen. Meist bleibt es bei diesem ersten, flüchtigen Affekt. Und das war's dann auch schon. Manchmal aber geht die Geschiche weiter. Die beiden verfangen sich in ihren Blicken, wechseln ein paar Worte und das Heil nimmt seinen Lauf. Sie nähern sich an. Heute darf man schon 'sich' sagen, in meiner Schulzeit wäre das rot angestrichen worden, egal. Aus der vagen Stimmung wächst langsam ein Gefühl, dieses wird zum Ameisenhaufen in der Verdauungsregion, rutscht immer weiter hinunter, bis es im Urogenitaltrakt landet und dort weiter rumort. Alldieweil verwandelt sich das Hirnkastl in einen Taubenkobel oder Spatzenschwarm. Die Gedanken rasen nur so rein und raus. Der Schädel ist ein Tummelplatz für allerlei Spinnereien, Spekulationen, Ängsten, Hoffnungen, Wünsche und Begehrlichkeiten. Und alle drehen sich immer rascher um Sie. Oder Ihn. Der Anfang wäre geschafft. Wie es weiter geht, ist unabzählbar vielfältig, der Möglichkeiten sind mehr als Wellenschläge auf allen Ozeanen zusammen. Man ist verliebt.


    Zwei Sterne umkreisen einander - hier passt ein 'sich' tatsächlich nicht, weil sinnentstellend - immer schneller, immer näher, rotieren um sich und um einander, bis sie am Ende zu einem verschmelzen. In der Physik tatsächlich und dauerhaft, im Leben vorübergehend. Zumindest die physische Trennung kann nur teilweise und vorübergehend aufgehoben werden. Wie lange so eine Liebesbeziehung hält, das ist unberechenbar und individuell verschieden. Und abhängig vom Zeitgeist, kulturellen, religiösen und traditionellen Vorstellungen. Von ewig bis zum one-night-stand ist alles drin.


    Der Liebe bin ich damit keinen Schritt näher gekommen. Wie auch. Allein heute existieren soviele verschiedene, diverse Konzepte zum Thema, dass mir schwindelt, von mir aus auch mich. Dabei denk ich gar nicht an Ehe und Familie. Nicht an Zwangsheirat, religiöse Zeremonien oder die moderne Lebensabschnittspartnerschaft. Ein Wort wie ein Ungeheuer. Nein, ich bleibe erstmal nur beim Gefühl der Zuneigung zwischen zwei Menschen. Diesem naiven, spontanen, unergründlichen Affekt, der sich einstellt, wenn sich jemand verliebt. Das dich umgehend in eine Ausnahmesituation katapultiert. Eine Umlaufbahn ums eigene Ich, nein, um das Objekt des Interesses. Aus dem nicht selten ein Objekt der Begierde wird. Und da hak ich mal ein.


    Wieviel Begehren, wieviel Hab-Gier braucht die Liebe, verträgt die Liebe? Idealisierende Liebeskonzepte, moralisch unterfüttert, halten Begierde für unvereinbar mit Liebe. Da ist Liebe Zweck-los, selbstlos, ohne Absicht. Rein eben. Da will Liebe bloß geben, sich verströmen, das geliebte Wesen auf Händen durchs Leben tragen. Auf den steinigen Wegen des Alltags endet so eine idealisierte Liebe oft mit einem schmerzhaften Sturz auf den Boden der Realität. Der Stolpersteine sind zahllose: Gewohnheit(en), Langeweile, Armut, Gewalt, Missbrauch, Krisen aller Art, Krankheiten usw. usw. Liebe ist eben kein Paradies, keine ewig währende Seligkeit, kein Geschenk des Himmels. Liebe ist harte Arbeit, Mühsal und Entwicklung. Eine Liebe, die konserviert werden will, ist schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Liebesarbeit muß getan werden. Und sie beschenkt mich ja auch. Der Lohn für diese Arbeit kann reich und beglückend sein. Kann. Wie gesagt, alles ist möglich. Die Arbeit kann auch schlecht bezahlt oder überhaupt nicht entlohnt sein. Dann wird das Arbeitsverhältnis wohl nicht lebenslang halten. Da wird einer früher oder später kündigen.


    Aber wie ist das wirklich mit der Liebe? Der einfachen Liebe zwischen einem Männchen und Weibchen, der körperlichen, dem Eros, wie ist das mit Vertrauen, Treue und darüberhinaus mit dem 'für einander da sein in guten wie in schlechten Tagen', wie ist das mit der Caritas, wenn es mal dem einen schlecht geht, er oder sie Hilfe braucht. Der Liebe sind viele Facetten. Die Lust und Wollust gehören genau so dazu wie Vertrauen und Treue, wie Caritas und Agape. Eine Liebe muß nicht immer alles enthalten, muß schon gar nicht vollkommen sein. Ist sie ja nie, weil eben immer offen. Eins der größten Mißverständnisse in der Liebe ist häufig die Erwartung. Wenn er mich liebt, dann muß er doch dies oder das für mich tun. Sie genauso. Das halte ich für einen fatalen Irrtum. Erstmal sollte ich den Menschen meiner Wahl so lieben, wie er ist. Schließlich hab ich mich ja so in sie verliebt. So, wie sie ist. Gilt natürlich umgekehrt ebenso. Viele Paare scheitern daran, dass der Andere nicht so will, wie ich es will. Wer liebt, muß dem Anderen ein Höchstmaß an Selbstsein, Eigensein lassen. Soll nicht heissen, dass ich jede Unart und jedes 'sich gehen lassen' akzeptieren muß. Gegenseitige Rücksichtnahme gehört genauso zu einer partnerschaftlichen Liebe wie der Freiraum für meine eigenen Vorlieben und Eigenheiten. Die Balance muß immer neu ausgewogen und ausgemessen werden. Das ist die Arbeit an der Liebe. Nimm den Anderen, wie er ist, aber laß dir nicht alles bieten. Nicht immer einfach. Aber was ist schon einfach? Die Liebe sicher nicht.


    Liebe ist also eine Art Geben und Nehmen. Das ist keine neue Erkenntnis. Wird aber oft übersehen und missachtet. Beides sollte so weit wie möglich freiwillig und mit Freude verbunden sein. Wer ungern und nur mit Überwindung gibt, hat ebenso ein Problem wie der, der nicht an-nehmen kann, was er geschenkt bekommt. Das Geben sollte aber nicht übertrieben werden. Ein grenzenloses 'sich verströmen' an den jeweiligen Partner entzieht dir auf Dauer den Boden unter den Füßen. Liebende begehen häufig den Fehler, ihre eigenen Bedürfnisse, Interessen und persönlichen Vorlieben zugunsten des Anderen zurück zu stecken oder gar aufzugeben. Das kann bei der Musik, die man gern hört, beginnen und bei entscheidenden Lebensinhalten und -weisen enden. Der Lebensentwurf zweier Liebender muß nicht kongruent sein, wenn er aber einer disjunkten Menge gleicht, gibt's ein Problem. Nicht Klammern, Fordern, Druck ausüben ist dann gefragt, sondern das Gegenteil. So weit wie möglich den Anderen tun und leben lassen und dasselbe für sich in Anspruch nehmen. Mit dem Ziel, dass beider Wege sich am Ende annähern. Wenn nicht, dann eben irgendwann den Anderen ziehen lassen oder selbst die Kraft aufbringen, die Sache friedlich zu beenden. Es versteht sich, dass das in Lebensphasen wo zu versorgende Kinder da sind, wo gemeinsame Schulden für ein Haus oder eine Wohnung zu tilgen sind, nicht ganz einfach ist. Dass viele daran scheitern und aus der großen Liebe der große Rosenkrieg wird, davon wissen Anwälte, Gerichte und Psychologen ein einträgliches Lied zu singen. Wenn dann noch Gewalt oder Verzweiflungstaten dazu kommen, wird's endgültig tragisch. Die Liebe ist kein einfaches Spiel und oft eines mit dem Feuer. Zerstörte Lebensläufe, kaputte Existenzen, Verletzte und Tote säumen ihre Straßen.


    Enttäuschte Erwartungen an den Partner, nicht eingelöste Forderungen, unerfüllte Wünsche. Häufig Gründe für Streit, Auseinandersetzung, Zank und Tränen. Neurotische Charaktere neigen dann gern dazu, alle Schuld für das eigene Unglück dem geliebten Wesen zu geben. Ich liebe sie ja, aber sie mich nicht. Ich tue ja alles für sie, bekomme aber nichts zurück. So und ähnlich lauten die zahllosen Rationalisierungsversuche für Liebeskummer und Beziehungsprobleme. Die Guten übersehen dabei immer die eigene Fehleinstellung. Ich darf nicht erwarten, dass der andere quasi das Christkind für mich spielt und mir alle Wünsche erfüllt. Da liegt doch schon der Hase im Pfeffer. Eine Liebe, die im Anderen den deus ex machina sieht, der alle Probleme aus dem Weg räumt, der alle Wünsche erfüllt, hat nur die eigenen Bedürfnisse im Blick, ist keine Liebe, sondern reinste Selbstsucht und Egoismus. Wenn ich dem Anderen die Luft zum Atmen nehme, brauch ich mich nicht zu wundern, dass er erstickt. Und ein Toter kann gar nichts mehr für mich tun. Wenn er nicht vorher ausreisst und das Weite sucht. In beiden Fällen bleib ich allein zurück in meinem Elend und Selbstmitleid. Ich habe ihn/sie ja soooo geliebt und bin soooo enttäuscht worden. Ja, die Liebe ist ein seltsames Spiel sang schon Conny Francis. Manchmal treffen auch Schlagertitel ins Schwarze.


    Bis jetzt hab ich eher die problematischen und 'ernsten' Seite der Liebe gestreift, also jene, die von Mama mit erhobenem Zeigefinger oder von Moralisten, Philistern, Pfaffen und anderen Theoretikern wie trockenes Stroh gedroschen werden. Da kommt kein Korn raus. Klar, diese Leute haben ja auch keine praktischen Erfahrungen. Mit Ausnahme der Mama vielleicht. Aber Mamas vergessen bei ihren Kindern meist, wie es war, als Mama noch keine Mama und jung war. Naja. Wo war ich? Ach ja. Liebe kann auch lustig sein, Spaß machen, leicht sein. Das vergessen wir gern in all unserer Aufgeklärtheit, Wokeness, Awareness und all den -nessies, die aus den Lochs unserer Seele steigen. Also, Liebe muß gar nicht so schwerbeladen daherkommen, wie ein griechischer Esel oder eine protestantische Predigt. Sie kann auch luftig, lustvoll, freudvoll und duftig wie eine Frühlingswiese daherkommen. Nämlich, wenn du nicht klammerst, Dummkopf, wenn du vom Anfang an das Ende mit in deinen Einkaufswagen legst, wenn du kein Idiot bist, der nur seine eigene Befindlichkeit sieht, wenn du Liebe kommen und gehen lässt. Ja, ich weiß, das ist leicht dahingeschrieben, doch es ist dennoch sowas wie eine Lebensweisheit. Und wir Trolle sind halt alles anders als weise, alles anders als so seren und erhaben, dass wir unsere weisen Sprüche selber glauben und leben!


    Auch und besonders in der Liebe zeigt sich halt wer ein Kerl* ist oder ein Opfer. (Gendersternchen nicht vergessen). Und da bin ich jetzt bei einem gewissen Punkt - nicht dem G-. - der mir erst mit der Zeit aufgegangen ist: Frauen - im allgemeinen, nicht im besonderen - sind viel, viel stärker als das starke Geschlecht. Frauen verstehen von Liebe evolutionär bedingt viel, viel mehr als wir XY-Halbwesen. Mann, ich sag dir eines, du bist in Liebesdingen ein Analphabet, ein Stümper und Versager, in der Liebe bist du ein Wesen mit besonderen Bedürfnissen, wie man heute sagt. Was nicht heissen soll, dass Frauen in der Liebe nicht total auf dem Abstellgleis stehen können, doch im Großen und Ganzen sind sie da auf der Überholspur. Und da kriegen die meisten Manderl das Birnsausen (Schwindelgefühl, Drehwurm). Tja, so sind wir halt. In der Liebe unmündige, hilflose Traummännchen.


    In einem Punkt muss ich den schnöden Darwinisten, diesen abgeklärten - ist das das Gegenteil von aufgeklärt? I don't know - Entzauberern und Dekonstruktivisten gegen meine generelle Disposition widersrpechen. Das Gefühl der Liebe kann nicht allein der Fortpflanzung und Arterhaltung entspringen. Es ist mehr als das. Es ist zweck-los, steht eine Stufe über bloßer Arterhaltung und Fortpflanzung. Aber auch diese meine Meinung ist vielleicht nur ein Trick der Evolution. Mir vorzumachen, ich sei ja mehr als ein Samenspender. Ich sei ein die Hormone transzendierender Gefühls- und Geistesmensch. Tja, da hört sich mein Widerspruch zur Evolutionsbiologie schon wieder auf. Ich erkenne, dass meine Transzendenz nichts ist als eine Illusion. Meine hehren Liebesaffekte sind am Ende halt doch nur Hormontheater. Ehrlich, ich weiß es nicht wirklich. Denn ich kann über die Herkunft und die Ursachen meiner Emotionen nichts sagen. Sie sind da. Ob hirngemacht, chemiebedingt oder geistgeboren, ich kann mir kein sicheres Urteil bilden. Spirituelle Qualitäten sprech ich ihnen nicht zu, aber auch das ist schon wieder gefühlsbedingt.


    Wo war ich? Bei der Liebe? Ist sie nur ein Gefühl, eine chemische Reaktion, eine romantische Verirrung, ein körperliches Bedürfnis? Ist es nicht im Grund egal? Sie ist da, sie ist wie sie ist, sie ist individuell, spezifisch, einzigartig wie universell, unbedingt und banal. Sie ist eben ein seltsames Spiel, eine Laune der Natur. Der wir alle entstammen. Auch die Idealisten, diese verkopften Paragleiter der Schwärmerei.


    ***

  7. #82
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe


    Bilanz, Bilanz ziehen. Eine Alterserscheinung. Auch wenn es da nicht viel zu ziehen gibt, als höchstens Zähne, die Bilanzierung eher ein Nullsummenspiel oder gar ein Verlustgeschäft wird, den Alten oder älter Werdenden zieht es dazu, Bilanz zu ziehen. Ein Zug der Zeit quasi. Auch ich ziehe. Nicht nur Bilanz, sondern mich zurück, zur Verantwortung oder mir hin und wieder ein Zigarillo rein. Aber nur draussen, niemals in den vier bis sechs Wänden. Aber zurück zum Bilanzieren.


    Manche zieren sich vor dem Bilanzieren. Ja, verständlich. Was dabei rauskommt, ist oft keine Zierde für die Bilanzierer. Wenn sie es denn ehrlich meinen. Allzuoft und allzu verständlich neigt der Bilanzbuchhalter dazu, die Zahlen ein wenig zu schönen. Frisieren, wie der Altösterreicher zu sagen pflegte. Aber wer frisiert heute noch. Es wird gestylt, geframed, gebiased und designed. Bis es passt, das Selbstbild. Ich bin o.k., du bist mir wurscht.


    Ich ziehe hier und jetzt nicht Bilanz, das mach ich im stillen Kämmerlein, offline wie man heute sagen würde. Aber es lohnt sich doch,auf das Bilanzieren mal einen Augen-Blick zu werfen. Bilanz kommt von Balance, Waage, wenn ich den meinem Rest LateinwissenGlauben schenken darf. In der Buchhaltung muß eine Bilanz immer ausgeglichen sein. Die Habenseite ist dabei die linke, die Sollseite die rechte. Links stehen die aktiven Vermögens- und Kapitalanteile, also grob Eigenkapital am Ende des Jahres minus EK am Anfang des Jahres. Gibt's ein Plus, wurde ein Gewinn erwirtschaftet, der als solcher auf der rechten Bilanzhälfte ausgewiesen wird. Damit die Bilanz ausgeglichen ist. Steht ein Minus links, habe ich Verlust gemacht. Ähnlich wie im Leben.


    Wir alle treten am Beginn unseres Erdendaseins mit einem Anfangskapital an. Unsere Anlagen, Talente, Potentiale, aber auch unsere Defizite und Schwächen. Und es kommt drauf an, was wir draus machen. Die Startbedingungen sind höchst unterschiedlich. Sowohl die genetischen wie die der Umgebung. Du kannst dir weder aussuchen wo und wann du geboren wirst - ausser du hängst der dubiosen Vorstellung an, dass sich die Seele die Familie und die anderen Faktoren vor ihrer Inkarnation selbst wählt. Am Start des Lebens herrscht also keine Gerechtigkeit, keine Chancengleichheit. Damit man sich von Anfang an gleich mal drauf einstellen möge, was einen so alles erwartet im späteren Leben. Das allerdings braucht ein paar Jahre. Sagen wir bis ins Jugendalter, manche brauchen länger, viele kapieren es nie.


    Die Kindheit, die Phase bis zum Eintritt in die Schule, umweht noch ein Hauch von magischer Entrücktheit - lassen wir die ganz katastrophalen Verhältnisse mal aus -, das Kind lebt in zwei Welten, der harten, realen und der imaginierten, von der Fantasie erschaffenen. Allmählich verblasst die Imagination, das wirkliche Leben, wie es gern genannt wird, gewinnt mehr und mehr die Oberhand. Du wirst eingeschult, mehr oder minder begabte Pädagogen werden auf dich losgelassen, du lernst das Leistungsprinzip kennen und lieben oder fürchten, Eltern und Familienkreis werden erweitert durch Lehrer, Klassenkameraden, Vereinskumpel und ausserschulische Aktivitäten. Da kommt einiges auf dich zu und die eine oder andere Schlappe und Panne sind unausweichlich. Du spürst, wo du mangelhaft ausgestattet bist, was dir Mühe bereitet, machst die Erfahrung des Scheiterns. Im Normalfall gleicht sich das irgendwie durch Erfolge und Fortschritte aus. Die lernst basale Fertigkeiten und Kulturtechniken, vielleicht auch Musik zu machen oder dich sonstwie kunsthandwerklich zu betätigen, spielst Fußball oder schwimmst im Verein und, wenn Papi genug verdient und es schon immer Mamis heimlicher Wunsch war, kriegst du vielleicht sogar ein eigenes Pferd. Tja und schon steckst du mitten in der Pubertät. Die Wechseljahre vom Kind zum Erwachsenen. So wie die Wechseljahre nach der Lebensmitte keine einfache Zeit. Nichts passt mehr, da zieht es, dort drückt es, Pickel und andere dermatopathische Sensationen sind buchstäblich zum Ausderhautfahren. Du merkst, dass es ein anderes Geschlecht gibt, als das deine, von dem du auch nicht so recht weisst, was es ist und werden könnte. Dazu kommen nervige Eltern, lästige Lehrer und zu allem Überdruß der erste Liebeskummer. Es ist nicht einfach, ein Mann oder eine Frau zu werden. Schon gar nicht was dazwischen oder ausserhalb davon. Im Zeitalter der unübersehbaren Geschlechtsidentitäten möcht ich kein Heranwachsender mehr sein.


    Wo war ich? Ach, beim Bilanzieren. Schau ich heute auf meine Adoleszenz zurück, bin ich ziemlich ratlos, mehr verwirrt, wütend, irritiert als zufrieden. Eltern und Lehrer waren mir keine Hilfe, eher Bremsen und Hemmschuhe denn Ermöglicher, Förderer. Und, eines muß ich auch feststellen: die falschen Weichenstellungen, Blockaden, Hemmungen der Jugend wirst du nie ganz los. In der Mitte des Lebens, also wenn du selber Familie gründest, den Großteil deiner Zeit und Energie in Beruf und Erwerbsarbeit steckst, treten diese Minusposten in den Hintergrund. Später, wenn du mehr Muße und weniger Herausforderung hast, kommen diese Dämonen wieder. Sieh dich vor, es ist nicht der Rentenschock, das Pensionsloch, es sind deine unerlösten Plagegeister, die dich martern.


    Was wollte ich eigentlich? Bilanzieren. Also die Bilanz fällt sehr durchwachsen aus. Da bin ich wohl kein Einzelfall. Vieles gelang, vieles mißlang, manches geriet zum Erfolg, manches zum Desaster. Was bleibt? Die Erkenntnis, wer zwei Drittel eines Jahrhunderts halbwegs anständig hinter sich bringt, darf sich ruhig mal zurücklehnen. Und sollte sich durchaus noch was zutrauen, aber nicht vergessen, dass der Großteil seines Lebens hinter ihm liegt und nicht vor ihm. Manchmal überfällt einen Übermut und man vergisst, dass man schon in der Nachspielzeit übers Feld läuft, geht, humpelt, dass der Tank leer ist und du schon auf Reserve fährst. Drum sei sparsam mit Vollgas und lass bergab das Vehikel rollen. Mehr Roll als Rock also.


    Bilanz hin oder her, vergeude deine Zeit nicht mit Rückschau, leb im Augenblick, er ist das Einzige, das zählt und Halt bietet. Gedächtnis, Imagination, Hirnsausen - kann ganz schön nerven und quälen. Halt dein Rohr und dein Denken sauber! Und sei gewahr, da kommt im worst case noch einiges auf dich zu, Altwerden, also richtig alt werden, ist nichts für Feiglinge! Drum, wenn ich wählen könnte, ich zöge den raschen Abgang von der Bühne vor. Wer wohl nicht. Es heisst, wen die Götter lieben, den holen sie früh zu sich. Hale to Club 27! Jimi, Janis, Jim, Amy und Co., ihr seid die wahren Götterlieblinge! Hieße im Umkehrschluß, wer alt wird, den schätzen die Götter nicht, der ist so eine Art evolutionärer Sperrmüll. Keine schmeichelhafte Erkenntnis. Aber, das stört mich nicht, im Gegenteil, die Götter haben sich schon immer durch Torheit, Vermessenheit, Ungerechtigkeit ausgezeichnet. Und, ihre Existenz ist doch mehr als dubios, Unverlässlichkeit ist ihr Kennzeichen. Hilf dir also selbst, sonst hilft dir kein Gott.


    PS, Bilanz ist was für Buchhalter. Ich halte mich lieber ans Leben denn an Bücher.


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  8. #83
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Welle die Vierte. Ich mag nimmer. Das C-Thema Cotzt mich an. Sankt Corona schmeiß Hirn oba. Also runter. Aber das würde wohl auch nix nützen. Denn zu viele Hirnis behirnen einfach gar nix. Die würden zusätliches Hirn vom Himmel höchstens fressen, verdauen und wieder rausscheissen.


    Es ist mit Corona wie mit der Erderwärmung bzw. dem Klimaschutz. Nur dass noch keine globalen Coronakonferenzen abgehalten werden wie zum Klimaschutz. Ist auch gut so. Die würden nur noch mehr heiße Luft, CO2 und Verwirrung stiften. Analog zur Klimafrage gibt es im Coronakomplex 3 relevante Gruppen:


    1. Die Leugner (ca. 30%)
    2. Die 'Woken' - ich liebe dieses Wort - (die Engagierten, Wachen) (ca. 20%)
    3. Die Gleichgültigen (Rest von 50%)


    Ähnlich wie beim Klima sind Leugner und ihre Gegenspieler aktiv, während die Gleichgültigen sich passiv verhalten und nichts wissen wollen von all dem Theater. Ähnlich wie bei Corona die Impfgegner, zeichnen sich die Klimawandelleugner durch aggressives Nichtwissenwollen aus. Man beschimpft und bezichtigt sich gegenseitig als Ignoranten, Hysteriker, verantwortungslos, asozial bis hin zu faschistoid. Fakten bleiben auf der Strecke. Einen Klimawandelleugner wirst du weder mit Meßreihen, Temperaturkurven, CO2-Gehaltslisten etc. beeindrucken, noch einen einzigen Coronazweifler und Pandemiebestreiter durch Inzidenzen, Infektionszahlen oder Mortalitätsraten von seiner Meinung abbringen. Beide Themen sind zu sehr emotional und irrational besetzt.


    Und beide Themen sind - trotz aller Reduktion auf Zahlen - nicht eineindeutig abbildbar auf eine gerade Linie, sind von vielen Faktoren abhängig und beeinflußbar, nicht simpel genug, dass sie nicht Einfallstore für die absurdesten und abwegigsten Scheinargumente dagegen böten.


    Eine weitere Gemeinsamkeit von Klima und Corona ist, dass es sich dabei um Prozesse handelt, die die Aufmerksamkeits- und Verständnisspanne der meisten Menschen übersteigen. Was in 50 Jahren beim Klima eintritt oder in 5 Wochen bei Corona, das kann getrost bezweifelt und ignoriert werden. Die meisten Menschen interessiert nur, was sie heute konsumieren, morgen erledigen oder maximal auf übermorgen verschieben können. Verantwortung für mein Tun heute und dessen Folgen in ein paar Wochen, Monaten oder Jahren ist für uns beinah unvorstellbar.


    Dazu kommt, dass Mensch so eine Art psychische Immunabwehr hat, die ihn in eine Sicherheitsillusion einlullt, nach des lieben Augustins Motto: Mir kann ja nix passieren. Das trifft doch eh immer die Anderen. Krebs kriegen immer andere, Hungern tun andere, Tsunamis gibt's bei uns nicht, Vulkane auch nicht, schmelzende Polkappen sind weit weg, ebenso Intensivstationen und Särge. Kennen wir alles nur aus Filmen und höchstens Nachrichtenspots. Die Chipstüte, die Bierflasche liegt immer näher.


    Das 'Ergebnis' der soeben abgeschlossenen Klimakonferenz von Glasgow bestärkt mich und bestätigt überwältigend meine schon lange bestehende Überzeugung, dass Mensch erstens dumm, zweitens nicht lernfähig und drittens eine Sackgasse der Evolution ist. Trotz aller rationaler Intelligenz, Abstraktionsfähigkeit sind wir blind, taub und so sehr von Eigennutz und Opportunismus getrieben, dass wir daran eher über kurz als lang zugrunde gehen werden. Dem Planeten, dem Solarsystem und dem Kosmos ganz allgemein wird das nicht kratzen, ja nicht mal eine Schnuppe wert sein. Den übrigen Arten auf dem Planeten mag es als Befreiung von einer Plagevorkommen.


    Ist das überheblich, arrogant, zynisch? Es ist schlicht unerheblich, insignifikant. Das ist ja paradox, Mensch hat solche Macht erlangt, dass er den ganzen Planeten vernichten, zerstören, in die nicht vorhandene Luft des kosmischen Vakuums jagen könnte und gleichzeitig unfähig, blockiert und machtlos genug, dieser Selbstzerstörung aktiv etwas entgegenzusetzen. Wir sind aufgrund unserer intellektuellen Fähigkeiten und unserer emotionalen Defizite tatsächlich nicht in der Lage, den globalen Suizid der Menschheit und damit vieler anderer Arten zu stoppen. Tragische Ironie oder ironische Tragik. Ansichtssache. Ich bevorzuge Ersteres.


    Das unerträglich tragische Dilemma des Homo sapiens sapiens, ja der offensichtliche Zwang sich selbst abmaxeln zu müssen, hat wirklich eine Art kosmischer Komik an sich. Ich würde mein Leben dafür geben, dem Untergang meiner Art zusehen zu können. Was für eine Schmierenkomödie! Dagegen wäre jede göttliche Komödie ein Puppenspiel. Doch werde ich das Ende meiner Artgenossen nicht mehr miterleben können. Was schade ist. Hätte ich genug Rotwein, wäre das doch ein Fest!


    Ich stelle mir vor, wie die heiligen Schriften in einem Meer aus Feuerzungen in Rauch aufgehen, wie die klugen Gedanken von Plato bis Kant, von Lao-tse bis Marcuse, von Giordano Bruno bis Mao, von Jehova bis Micky Mouse in einem Inferno aus Fluten, Dürren, Lava und Atomexplosionen in die Quantenwelt geschossen werden. Wenn ich das erleben könnte! Ich gäbe meine Seligkeit, meine Seele samt ihrer Unsterblichkeit dafür. Und Gott und den Teufel dazu. Aber das bleiben wohl fromme Wünsche. Die Physik, die ehernen Regeln des Universums scheren sich keinen Deut um meine Befindlichkeit. Und deine und ihre. Leute, lernt endlich, dass ihr insignifikant seid, ja noch unterhalb des Rauschens der Vakuumfluktuation, völlig belanglos nur eure eigene Nabelschau pflegt! Kümmert niemand und nichts.


    Wozu soll jemand leben, der nicht mal den Unterschied zwischen reellen und transzendenten Zahlen kennt? Was hat einer hier verloren, der glaubt, er wäre von Gott geschaffen, mit unsterblicher Seele versehen und einzigartig, ohne zu kapieren, dass er kosmischen Sperrmüll darstellt? Aber halt, jetzt red ich natürlich Unsinn, Schwachfug zur Potenz. Wir alle hier, wir Krümel auf dem Tortenboden der Evolution, wir sind ja keine Akteure und daher auch nicht für unsere Unsäglichkeit verantworlich. Die vielgerühmte und gepriesene Evolution - wer oder was das auch immer sein möge, kommt mir fast so verdächtig vor wie Gott und und sein Schöpfungsplan - diese verdammte Evolution hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Und dich und dich und dich. Ich spreche mich und dich und alle also frei von aller Erbsünde, Schuld und Verantwortung und schiebe das alles auf die verfluchte Evolution. Soll sie doch sehen, wie sie vor Gott oder der Quantenmechanik damit klarkommt. Ich bin doch nur eine total irrelevante Kommastelle in einer der unendlich vielen Lösungen der Schrödingergleichung. Irgendein scheiss Mix aus Chemie und Physik gaukelt mir vor, meine Emotionen und Gedanken, meine Physis und meine Psyche seien von Bedeutung. Eh nur für mich. Für alle anderen sind meine bewussten Wahrnehmungen ohnehin unerreichbar, unbegreifbar.


    Bin doch nix anderes als ein völlig hysterisch selbstüberhebliches und egomanisches Kopfkino! Ein Knötchen, ein Vektor in der Matrix, ein Störelement im kosmischen Sümpfonie-Horchester. Eine Dissonanz im abgöttlichen Sphärenharmoniekitsch. Wenigstens das. Möchte da nicht mitheulen im Chor der Selbstgerechten.


    Autsch, Thema verfehlt. Von Corona zu Totalverweigerung, von Klimakrise zu Weltverdruß. Ja, Gottes und meiner Gedanken Wege sind verschlungen und seltsam. Was ich sagen will, ach, ich will ja gar nix mehr sagen. Weil alles schon gesagt, weil alles sich, kaum gedacht, kaum gesagt, sofort ins Gegenteil verkehrt. Was du auch glaubst, wovon du überzeugt bist, was du auch misst, berechnest, verifizierst, falsifizierst - egal, was immer du tust, die Zeit wendet es, dreht es und kehrt es ins Gegenteil. Mindestens. Das Gegenteil ist ja nur der zweidimensionale Fall des Widerspruchs. Es mag ja noch mehr Dimensionen der Widersprüchlichkeit geben, die allgemeine Relativitätstheorie der Bedeutungwandlung wurde ja noch nicht verfasst. Nicht E = m.c-Quadrat würde da stehen, sondern etwas wie Sinn = Unsinn mal Widerspruch. Oder so ähnlich. Oder das Gegenteil. Egal.


    Eigentlich ist alles egal. Egalitätsprinzip statt Relativität, Wurscht statt Moral, Schnuppe statt Bedeutung. Alles zu relativistisch, zynisch, sarkastisch, selbstverliebt? Vielleicht. Aber solange mir kein nichtrelativistischer Gedanke, keine nicht zynische Wahrheit, keine nicht sarkastische Schlußfolgerung unterkommt, kann ich nicht anders. Die Welt ist verrückt, wie kann ich da nicht verrückt sein? Es gibt kein klares Leben im Verschwommenen. Oder so. Was hätte Oma wohl dazu gesagt?


    ***

  9. #84
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Nicht Corona, nicht Mathe, nicht Physik, nicht Quantenfeldtheorie, nicht Zahlenmengen, nicht Viel-oh-Sophie, nicht Gotteslästerung und auch nicht Wiener Raunzerei. Nein. Nichts von alledem. Also fast nichts, vielleicht von allem etwas. Vielmehr vom Glück - nicht das, was gemeinhin darunter verstanden wird -, umso mehr von der unverdienten Seligkeit der Endlichkeit. Die Unendlichkeit ist des Teufels. Die Mathematiker haben sie irgendwie gezähmt und in ihr System gezwängt. Der Verstand versagt angesichts des Unendlichen. Das sentimentalische Gemüth badet im Ewigen, begrenzt, tumb und engstirnig wie es ist. Nein, keiner versteht, was unendlich, noch weniger was ewig sei. Das Unendliche liegt vor oder hinter uns, kennt nur eine Richtung, das Ewige hüllt uns ein, nach allen Seiten. Beide Begriffe sind unbegreiflich. Sie stehen dafür, wo wir anstehen, nicht weiter wissen und können. Aber ich bin ja schon wieder im Viehlosaufallenvieren.


    Das Glück, das ich meine, ist die Endlichkeit. Nichts erträgt Mensch weniger als das Nichtendenwollende. Wir sind Wesen der Veränderung. Wir sind endliche Wesen. Und der Inbegriff der Endlichkeit ist der Tod. Ein Hohelied auf den Tod. Gepriesen sei er. Er allein macht das Leben erträglich. Warum begreifen das so wenige Menschen? Warum wollen alle unbedingt ein Leben nach dem Tod? Warum gieren so viele nach einem Jenseits? Versteh ich nicht. Ein Jenseits, das wär die Hölle. Glaubt mir.


    Ich wär froh, wenn ich von mir erlöst würde. Wie soll ich mich ewig ertragen? Ja, ich finde mich nicht so toll, dass es mich für immer geben müsste. Ja, ich finde, dass, was einen Anfang hat, auch ein Ende haben sollte. Und ja, ich finde, dass ich ein Recht auf Ruhe und Bewusstlosigkeit habe. Mögen meine Atome und Moleküle noch lange weiter bestehen, in anderen Verbindungen, anderen Lebewesen zum Aufbau ihrer Substanz dienen, alles okay. Doch dieses Ich, das von seiner Existenz weiß, dieses möchte doch mal verdunsten, verdampfen, vergehen. Dabei wird weder der Energieerhaltungssatz verletzt, weder ein - dubioser - Informationserhaltungssatz gebrochen und es werden auch keine 'ewigen' Entitäten wie Geist und Seele mehrstrapaziert. Es gab eine Zeit vor meinem Ich und es gibt eine danach. Hoffentlich. Denn wie sollte ich mich entleiben, wenn ich nur mehr eine unsterbliche Seele hätte und meines Daseins überdrüssig wäre? Schreckliche Vorstellung.


    Also, meine Endlichkeit ist meine Seligkeit. Der Tod ist der Eingang ins Paradies. In die Glückseligkeit der Nichtexistenz. Was kann es Vollkomeneres geben als das Nichtsein? Und mein Leben bekommt erst durch seine Endlichkeit seinen besonderen Reiz und Wert. Wäre ich unsterblich, was kümmerte mich, ob ich dies oder das erreiche, ob ich dies oder das tue oder unterlasse? Ich hab ja eine Ewigkeit Zeit, alles nachzuholen. Was kümmerte mich, ob ich jetzt stürbe oder in 30 oder 10000 Jahren? Wie lange ich noch zu leben hätte? Alles gleichgültig angesichts eines ewigen Lebens nach einem Schein-Tod. Die echte Herausforderung des Lebens, seine Würze besteht gerade in seiner Begrenztheit, Endlichkeit. Hätte ich unendlich Zeit, ich würde gar nichts mehr tun, weil ich mir alles für später aufhöbe, um die sich einstellende tödliche, nicht endende Langeweile wenigstens mit dem Nachholen des Aufgeschobenen zu mildern. Und was soll man anfangen, wenn es kein Ende gibt? Unausweichlicher Trübsinn wäre die Folge. Kein himmlisches Unterhaltungsprogramm kann so gut sein, dass es nicht in 100 Millionen Jahren unerträglich langweilig würde.


    Ich singe ein Lob der Endlichkeit, Vergänglichkeit. Alles muß vergehen. Biologische Organismen zudem sehr rasch. Nach kosmischen Maßstäben. Der Zerfall stabiler Atome mag beinah unendlich lang dauern, Zehn hoch hundert oder mehr Jahre, da sind sich die Physiker nicht einig, doch ein so kompliziertes Gebilde wie ein Tier oder eine Pflanze, die machen es nicht lange. Die müssen auch Platz machen für nachfolgende Generationen. Und spätestens, wann die Erde für Organismen unbewohnbar wird, ist sowieso Ende Gelände.


    Ich finde, ich habe ein Recht auf einen echten Tod, auf ein Verlöschen, völliges Ausradieren meines Selbst! Keiner fragte mich, ob ich geboren und ins Leben geworfen werden wolle. Niemand gab mir eine Chance, zu wählen, ob ich hier oder nicht sein wolle. Allein aus Gründen der kosmischen Balance und Fairness - ja ich weiß, das gibt's alles ned - fordere ich ein Recht auf totale Auslöschung! Quantenphysik hin, Energieerhaltungssatz her, Informationskonstanz und Unsterblichkeit zum Teufel, ich habe ein Recht auf totale Auslöschung! Alle Information mich betreffend und alles, was sich so Bewusstsein nennt, muß (!!!) aus allen Quantenfeldern, Wellenfunktionen und Akasha-Chroniken vollständig gelöscht werden! Das ist mein gutes Recht und das verlange ich. Nur rechr und billig.Alles andere würde dem Grundrecht auf informelle Selbstbestimmung und dem Schutz persönlicher Daten widersprechen. Also lieber Himmelvater, ich zerre dich vor den EuGH, wenn du mich nicht sterben lässt! Und der versteht keinen Spaß beim Datenschutz, der EuGH. Der ist fast so stur wie Du.Und was wäre ein Gott mit einer strafrechtlichen Verurteilung? Dein Image wär für immer dahin!


    Wer jetzt meint, das wäre albern, hat natürlich recht, versteht aber nicht, worum es geht. Es geht um mich, meine Würde, meine Selbstbestimmung, meine Freiheit. 'Na und' kann man sagen, zählt doch sowieso nix. Führ dich nicht so auf, stell dich nicht so an. Sind doch alles leere Floskeln und hohles Pathos. Na gut, dann fühl ich mich aber auch nicht weiter gebunden an eure Moral und eure Gebote und Gesetze. Ihr nehmt mir meine Rechte, ich pfeif auf eure Moral. So einfach ist das. Und schon seh ich den erhobenen Zeigefinger Kants, der mir signalisiert: das moralische Gesetz ist in mir und nicht etwas von außen Aufgezwungenes. Netter Versuch. Ein moralisches Gesetz, das mir eingeprägt wurde wie ein Brandzeichen auf einem Rinderarsch, das kann mich mal. Wenn es mir mein Recht auf Selbstbestimmung nimmt.


    Nun bin ich schon wieder hoffnungslos abgedriftet in Vielohsoviererei. Eine unverzeihliche Schwäche von mir. Dabei wollt ich im Glück der Endlichkeit schwelgen! So wie jede Flasche mal leergesoffen ist, wie jedes Konto mal leergeplündert ist, jeder noch so schöne Tag zu Ende geht, so freue ich mich auf die Stunde meines Verlöschens. Das wird ein Fest. Ich sag leise Ade, Tschüss, Servus, Baba, Ciao und Salu zu mir und dann versinke ich im Meer des Vergessens und Vergehens. Was kann es Schöneres gehen, das ist wahre Seligkeit und Vollendung! Wenn es nicht so absurd wäre, würde ich beim Aufgehen im Nichts die ganze Welt umarmen, die Venus küssen, Aphrodite penetrieren, Frau Luna umschlingen und das schwarze Loch im Zentrum der Milchstraße vögeln. Das wär dann die Garantie für ein endgültiges Ende. Lost in black hole.


    Manchmal kann ich es kaum erwarten, das große Verlöschen, das Vergehen. Ist's doch der Endpunkt aller Bewegung, allen Strebens und Werdens. Die Buddhisten hatten schon den richtigen Riecher. Solange du etwas willst, Leben, Lust, Besitz, solange bist du aufgespannt auf das Rad der Wiedergeburt. Da kommste nimmer runter, ausser durch Verzicht, völliges Ausmerzen allen Wollens und Strebens. Nirvana, diese unverstandene, unverständliche, absurde, nichts-sagende Variable für ein völliges Auslöschen, es ist die Erlösung. Wie verdreht, queer, daneben und vollkommen vermessen dagegen das christliche Zerrbild einer Erlösung durch Opfertod auf einem Holzbalken, eingeleitet durch Heiliggeistempfängnis und Jungfrauengeburt. Irr. Wirr. Das Christentum ist keine Erlösungsreligion, es ist eine Verhaftungssekte, eine Versklavungsideologie. Kein Wunder, wenn man seine Wurzeln bedenkt. Das Judentum ist wohl die rituellste und unspirituellste der Weltreligionen. Das nehme man nicht antisemitisch. Nö. Aus dem Volke der Semiten stammen schließlich einige der größten unserer Geister - Jesus (ja, auch wenn er ein totaler freak und Spinner war), Spinoza, Einstein - nur stellvertretend genannt für unzählige andere - aber das orthodoxe Judentum, also das ist wirklich starker Tobak. Da mach ich einen Bogen rum ähnlich der Umlaufbahn des Neptun.


    Also mit Religionen hab ich es generell weniger. Aber Religionen mit starren Riten und Vorschriften, pünktlich und peinlich einzuhaltenden Bräuchen und Handlungen, endlosen Betorgien und liturgischen Zeremonien, -das geht alles am - angenommenen - Kern vorbei: der Überwindung des Ich und seiner Wünsche, seinem Wollen und Begehren. Wenn Religionen Erlösung - Rückbindung an das Absolute von mir aus - versprechen und sich dann in kleinlichen, weltlichen Kulthandlungen erschöpfen, dann sind sie bloße Performance, Theater, Oper, Farce. Kunst und künstlich, am Wesen vorbei. Die Erlösung muß erfahren, nicht gespielt und inszeniert werden. Aber zurück in die profane Realität: die einzige Erlösung bringt der Tod. Die totale Auslöschung. Und das ist Glück, wahres Glück. Mag sein, dass das nicht alle so sehen, also die meisten, also die allermeisten. Aber sei's drum. Konsequenz war nie die Sache des Menschen. Da will doch jeder noch schnell seinem bescheidenen Leben ein paar Tage oder Jährchen anhängen, will in den Himmel und nicht ins Nichts, möchte zu den Auserwählten zählen und für sich ein größeres Teil vom Kuchen.


    Ich gönn es ihm. Am End kommt der schwarze Mann und setzt den Hobel an und hobelt alle gleich. Gleich tot, mausetot. Und das soll ein Glück sein? Wo ist da der Gewinn? Wo ist da die Seligkeit? Genau darin: im Ausgelöschtsein, in der Nichtexistenz, im Totalreset: alle Speicher gelöscht, CPU steht still, Spannung aus. Der sichtbare Rest verfällt, vermodert, wird recycliert: kehrt zurück in den Kreislauf nachhaltiger und natürlicher Kompostwirtschaft. Die Moleküle, die mein Körperlein jetzt ausmachen, sind großteils in wenigen Wochen und Monaten durch neue ersetzt. Wenn ich tot bin, werden sie alle im Boden und der Atmospäre sich verteilen und von anderen Organismen aufgenommen. Und: diese Atome, Moleküle, Ionen und Elementarbausteine des Organischen haben keine Individualität, sie sind alle gleich, identisch, ununterscheidbar. Auch das eine Erkenntnis aus der Physik. Mein Deutschlehrer am Gymnasium, militanter Kantianer, lehrte uns noch apodiktisch das (falsche) Denkaxiom: Etwas ist nur mit sich selbst identisch.Was in Raum und Zeit auseiandergeht, ist nicht identisch. Einleuchtend aber falsch. Jedes Elektron ist ununterscheidbar identisch mit jedem anderen Elektron, bis auf die letzte Kommastelle. Es kann gar nicht anders. Sogar experimentell bestätigt. Und das gilt für alle Elementarteilchen und Atome. Jedes Wasserstoffatom ist ununterscheidbar von jedem anderen.


    Leibniz hat geirrt. Er meinte noch 1663 in dem nach ihm benannten Prinzip, dass es auf der Welt keine zwei Dinge geben könne, die sich in nichts unterschieden. Tja, das kommt davon, wenn man sich die Welt zurechtdenken will, wie man sie gern hätte. Leibniz und Pipi Langstrumpf haben da etwas gemein, sind aber noch lang nicht gleich und schon gar nicht identisch. Aber das ist ja nicht schlimm, jeder kann mal irren, muß irren, sobald er sich bewegt. Irrtum ist der Motor des Fortschritts, nichts ist produktiver als der Irrtum. Wenn er zugegeben wird. Wer auf seinem Irrtum sitzen bleibt, kann nicht vorankommen. Es irrt der Mensch solang er strebt. Ja, endlich mal ein klassisches Bonmot, das auch in Zeiten von Quantenphysik und Relativitätstheorie, fake news und Corona noch Bestand hat.


    Übrigens, die Ununterscheidbarkeit gilt nur für Elementarteilchen von den Quarks bis zu Molekülen etwa. Dort wo Dinge aus vielen solcher Elementarteilchen zusammengesetzt sind, gilt sie nimmer. Es gibt keine zwei gleichen Würfel, Erbsen, Haare, Hirne, .... Menschen. Selbst Klone sind nicht gleich, geschweige denn identisch. Das gibt es nur in der Mathematik 1= 1. Das heisst Identität. Aber 1 ist ja auch ein Elementarteilchen. Gleiche Zahlen sind auch ununterscheidbar. Und das ist gut so. Meine ich. Aber ich kann mich auch irren.


    ***

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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Identität. Ein Begriff, viele Bedeutungen. Die Identität des Ununterscheidbaren. Die Unterscheidbarkeit von Identitäten. Eigenschaften von Identitäten. Qualitativ, numerisch, ontologisch, physikalisch, quantenphysikalisch. Qualitäten von Dingen, Eigenschaften, Zustände, Relationen usw. Ein Wust von Begriffen, die alle irgendwie mit Identität zusammenhängen.


    Ich kann es mir einfach machen, wie viele Philosophen vor mir und behaupten: Etwas ist nur mit sich selbst identisch. Punkt. Kurzschluß. Kurz und bündig. Aber stimmt das auch? Je nachdem. Ich kann diesen Satz ja als Axiom setzen und dann gibt es keine Diskussion darüber. Dann sage ich, der Begriff Identität besteht darin, dass er nur dann erfüllt ist, wenn es sich um ein und dasselbe Ding handelt. Vorausgesetzt an einem Ort und zu einer Zeit kann nur ein Ding sein. Man sieht schon, da wird einiges vorausgesetzt, ohne dass es kritisch hinterfragt wäre. Und das wirft einige Fragen auf.


    Etwa die, ob ein und dasselbe Ding jetzt noch identisch ist mit dem vor 1 Sekunde, vor einer Stunde. Ob ein und dasselbe Ding noch identisch ist mit dem, das ich 1 m hoch gehoben habe, 2m nach rechts geschoben habe. Wenn nicht, wäre ein Ding nur dann identisch, wenn es sich um ein und dasselbe zur selben Zeit am selben Ort handelte. Dann bestünde die Identität aber nur eine unendlich kurze Zeit, praktisch also nie. Ich schließe daraus, der Satz, etwas ist nur mit sich selbst identisch, falsch sein muß, weil er praktisch und real nie erfüllt ist. Identität wäre in diesem Fall ein leerer Begriff.


    Da kann man einwenden, dass ein und dasselbe Ding immer mit sich identisch wäre, auch wenn es in Raum und Zeit verschoben ist. Auch wenn ich es zerteile, zertrümmere, verforme. Zu jedem Zeitpunkt ist es mit sich identisch. Aber diese Identität verändert sich. Mit der Zeit, mit dem Aufenthaltsort, mit den äusseren Einwirkungen. Ist das noch eine Identität, wenn ein Ding verändert wurde? Alles eine Definitionssache.


    Was also will ich unter einer Identität verstanden wissen? Ich versuchs mal systematisch und schau mir mal die Identitäten an, die andere, gescheitere Leute unterschieden haben. Als da wären:


    1 qualitative und numerische Identität
    2 notwendige und kontingente Identität
    3 absolute und relative Identität
    4 synchrone und diachrone Identität


    3 und 4 vergess ich mal, da sie für meine Untersuchung ohne Belang sind. 1 ist offensichtlich das Entscheidende, 2 schau ich mir auch an.


    Der Satz vom ollen Leibniz über die Identität des Ununterscheidbaren(PIU: principium identitatis indiscernibilium)entspricht der qualitativen Identität. Er sagt nix anderes, als dass alles identisch ist, was nicht unterscheidbar ist. Klingt fürs Erste mal einleuchtend und logisch. Der Teufel steckt wie immer - nicht im Pudel - sondern im Detail. Welche Ebene der Unterscheidbarkeit wollen wir denn als ausreichend sehen? Die grobe und täuschende unserer Sinne - wie es zu Leibniz Zeiten wohl als hinreichend galt - oder graben wir tiefer, nehmen Lupe, Mikroskop, Spektralanalyse und Teilchenbeschleuniger zu Hilfe und die Sache sieht ganz anders aus. Zwei graue Haare aus meinem würdigen Kopfe mögen fürs Auge ununterscheidbar sein, doch schon Lupe und Mikroskop werden deutliche Unterschiede aufweisen. Schert mich kahl, untersucht alle meine verbliebenen Haare und ihr werdet sehen: keine zwei sind in all ihren Eigenschaften identisch. Und was sind alle Eigenschaften? Deren gibt es viele und es ist Fakt, dass wir noch gar nicht alle Eigenschaften von Dingen kennen. Und ich behaupte überdies mal kühn: Das gilt für alle Dinge und Objekte im Universum! Die qualitative Identität ist also erledigt. Gibtet nicht.


    Einwand euer Ehren: Was ist mit Elementarteilchen, Quantenobjekten? In der Tat, es gibt die starke Vermutung, ja für manche die Gewissheit, dass bestimmte Elementarteilchen wie z. B. Elektronen, Atome und sogar Moleküle ununterscheidbar seien, was ihre intrinsischen, also nur auf das Teilchen selbst bezogenen Qualitäten betrifft. Dass man also zwei freie Elektronen nicht voneinander unterscheiden könne, was ihre höchstpersönlichen, nur an ihre Selbstigkeit gebundenen Eigenschaften angehe. Natürlich können es weiterhin 2 separate Elektronen sein, die unterschiedliche Raumkoordinaten besetzen und nicht zur selben Zeit am selben Ort sind. Das würde bedeuten, dass sie zwar qualitativ ununterscheidbar - also identisch! - wären, aber nicht numerisch!


    Womit wir bei der numerischen Identität wären. Die besagt, dass ein Ding nur mit sich selbst identisch ist. Und das habe ich doch schon weiter oben erledigt. Diese Identität ist ein leerer Begriff. Nix dahinter, nix drin. Denn dass etwas nur mit sich selbst identisch sei, bringt mich kein Milli-mikro-nano-piko ... - meter weiter. Eine Nona-Aussage, die in der Mathematik Sinn macht, doch in der physikalischen Welt eine Nullaussage darstellt. Interessant wirds doch erst, wenn ich zwei Dinge vergleiche und schau, ob ich irgendeine noch so klitzeklitzeklitzekleine Unterscheidung ausmachen kann.


    Das mit 2, der notwendigen und kontingenten Identität ist schnell erledigt. Hat nix mit Inkontinenz zu tun. Also, manche Korinthenkacker machen eine Unterscheidung zwischen Notwendigem und Tatsächlichem, welches zwar der Fall, aber nicht notwendigerweise. Ein Beispiel möge das veranschaulichen: Es ist nicht nur Fakt, sondern notwendig, dass ich Luft zum Atmen brauche. In einem Vakuum könnte ich nicht atmen. Dass ich dann prompt stürbe, wäre die Folge. Hingegen ist die Tatsache, dass Schubert ein Wiener war, Fakt, doch nicht notwendig. Es ist möglich und denkbar, dass er auch woanders hätte leben können. Zumindest gibt es kein Naturgesetz dagegen.


    Ich lass mal die Spitzfindigkeiten und komm zurück zum Eigentlichen. Das Eigentliche ist ja so eine österreichische Spezialität. Nirgendwo im deutschen Sprachraum wird das Wörtchen 'eigentlich' öfter verwendet, als hierorts. Das ist das Eigentliche des Österreichers, dass er eigentlich fast immer ungefähr im Grunde wahrscheinlich häufig das meint, was er tatsächlich verschweigt. Aber das nur am Rande. Wo war ich? Ach ja, Identität. Mal ganz unmathematisch und unphysikalisch. Ich meine ja immer noch, ich besäße eine Identität mit mir selber. Elektronen und Quarks mal beiseite, Ich, ich bin mit mir identisch. Obwohl 50 oder 60 Jahre dazwischen liegen, ich bin immer noch derselbe, der ich war. Mit 3, mit 5, mit 29, mit 58 und heute. Ist dem so? Ist Gefühl genug, sicher zu sein, ob ich mit mir, wann auch immer, identisch sei? Nö, Depp. Ich bin nichtmal mit dem identisch, der ich gestern oder vor einer Stunde war. Ich bin ein Faktotum des Augenblicks. Immer was anderes. Nur ein sentimentalisches Kontinuum. Nix mit Ich, Identität. Ich ist jeden Moment was Neues. Es ist nur die Trägheit der Materie, die mir diesen faulen Brückenschlag von grad-eben, jetzt und noch-nicht erlaubt. Das Ich ist eine Art Gel vom Soeben übers Jetzt zum Demnächst. Pappt die drei Fantasmata irgendwie zusammen. Es taugt ebenso wenig zum Nachweis einer Identität wie Bewusstsein, Gedächtnis oder Verstand.


    Was bleibt von der Identität? Die Frage, ob es tatsächlich zwei (!) oder mehr Dinge auf der Welt gibt, die notwendigerweise in allen ihre nackte Selbstheit betreffenden Eigenschaften und Qualitäten übereinstimmen. (Das Ding an sich - nur anders als der olle Klops es verstand). Wenn überhaupt, nur vorstellbar in den elementarsten, kleinsten Dingen. Ich würde sagen, die Frage ist unentschieden, muss offen bleiben. Es gibt starke Hinweise auf eine solche Identität von Elementarteilchen (Streuexperimente mit Elektronen), andererseits gibts ähnlich starke Argumente dagegen (Pauli Prinzip, Wolfgang Pauli, öst. Physiker). Es sieht so aus, dass bestimmte Elementarteilchen unter bestimmten Bedingungen sich wie Identitäten verhalten, unter anderen Bedingungen nicht. Und nun?


    Nun ist es an der Zeit einzugestehen, dass ich das mit der Identität nicht klären kann. Weder logisch noch physikalisch, weder gefühlsmäßig noch rational. Je nachdem, was ich als Identität definiere, komme ich zu unterschiedlichen Fragen und Ergebnissen. Na dann, identisch oder nicht, ich bin ich. Oder?


    ***

  11. #86
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Verzicht und Verbot. Verbot oder Verzicht? Wir sind aktuell in den meisten wirtschaftlich entwickelten Staaten mitten in einer Verbotskonjunktur. Es beginnt immer mit Diskussionen, erhobenen Zeigefingern - oft jenen, die selber genug Dreck am Finger haben - und endet häufig mit Gesetzen, die dies oder jenes verbieten, unter Strafe stellen oder mit unerfüllbaren Auflagen belegen. Dabei wird immer mehr moralisch und weniger pragmatisch argumentiert. Zugleich werden einige alte Zöpfe abgeschnitten und neue Freiheiten eröffnet.


    Ich denk mir, es gibt wohl nix Öderes und Drögeres als über Verzicht und Verbot zu räsonieren. Warum tu ich mir das an? Warum nicht über Sex, Drugs and Rock 'n' Roll? Oder wenigstens Wein, Weib und Gesang? Die klassische Variante. Nö. Als gelernten Selbstquäler und Miesling zieht es mich mehr zum Verzicht, als zum Konsum.


    Es heisst, Konsum macht frei. Macht Verzicht unfrei? Freie Fahrt für freie Bürger. Grenzenloser Konsum für Hedonisten. Verzicht ist was für verdrießliche Misanthropen. Oder wenigstens Spaßbremsen. Ist das so?


    Hier hat sich wohl eine Umwertung der Werte eingeschlichen. Früher mal galt Verzicht als Zeichen von Größe, Stärke, Überwindung von Selbstsucht und Egoismus. Es galt jegliche Form von Enthaltsamkeit als gottgefällig. Frei war der, der die Begierden und Wünsche überwand und entsagte. Nicht dass früher alles besser gewesen wäre, aber ein Blick drauf lohnt vielleicht.


    Haben oder Sein lautet der Titel eines bekannten Buches. In welchem der Autor eine Gesellschaftskritik des Kapitalismus unternimmt und dem Konsum(auto)diktat - als 'Haben' subsumiert - alte Schulen der Bedürfnislosigkeit von Buddha bis Jesus und den Bettelorden - als Zustand des 'Seins' - gegenüberstellt. Das mag altvaterisch und hausbacken vorkommen und hat schon auch ein bissl ein moralinsaures Geschmäckle asketischer Lebens- und Lustfeindlichkeit. Von den Kynikern bis herauf zu sogenannten Aussteigern gibt es unzählige Schulen des Verzichts.


    Was ist dran? Ist was dran? Ich fang mal mit dem Gegensatz von Verzicht an, dem Genuß. Kann Kaufzwang, Konsumsucht Genuß sein? Den Genuß umgibt doch unweigerlich die Aura des Zwanglosen, Souveränen. Meine ich alter weißer Mann halt. Genuß und Sucht sind für mich Gegensätze. Genuß und Gier passen nicht zusammen. Sind zwei ungleiche Geschwister. Zur Gier passt eher der Konsum, zum Genuß vielleicht am nächsten sowas wie zwanglose Hingabe. Ein schreckliches Begriffspaar, aber mir fällt kein bessres ein. Der Genuß hat einen weiten, offenen Blick ins Land, die Gier den Tunnelblick des Abhängigen. Der Genießer steht wenigstens teilweise über dem Genuß, muß ihn nicht 'haben', kann ihn aber 'sein' lassen. Lassen, ja das gehört zum Genuß. Sein lassen. In der Aussage doppelter Bedeutung. Gewähren lassen und los lassen.


    Ja, klingt alles schön und gut. Ist mir aber doch zu idealistisch, romantisch. Wer steht schon so weit über seinen Wünschen, wer kann schon loslassen, ohne zu hadern? Ist es nicht wieder die Frage: Idealismus versus Materialismus?


    Wenn ich mir's einfach mache, sag ich 'ja'. Der Idealist kann Gründe finden für den Verzicht, die Bedürfnislosigkeit. Er erhebt sich dadurch über sein niederes Ich, dieses triebgetriebene, genußsüchtige Sklaven-Ich in die Sphären des idealen, erhabenen Selbst. Ja, dieses Selbst, das Lieblingsfaktotum aller schrulligen Lebensratgeber, Gurus und spirituellen Meister. Das Selbst,meine ideale Identität, mein innerster, allerinnerster Wesenskern, der göttliche Funke, das Daimonion in mir und was es noch an verschrobenen Zuordnungen gibt. Ich hab mein Selbst gesucht und nicht gefunden. Vielleicht weil ich selbst mein Selbst bin, ohne es bemerkt zu haben? Denn wer er selbst ist, müsste ja aus sich selbst aussteigen wie aus einer überfüllten Straßenbahn, um den Blick auf das Selbst zu ermöglichen. Es ist ein Kreuz mit dem Selbst. Bin ich ich selbst, kann ich mich selbst nicht erkennen. Ah, höre ich die Adepten der höheren Einsicht, das ist ja das Einmalige am Selbst, es ist keine Frage des Erkennens, sondern der Erfahrung. Das Selbst ist also nur a posteriori zugänglich. Die Erfahrung macht's. Autsch! Pech für alle Idealisten. Da preisen sie mir das Selbst an als das Ding an sich und dann müssen sie gestehen, es ist kein Ding a priori, sondern nur eins a posteriori. Sozusangen zweitklassig im Sinne des Idealismus. Klassisches Eigentor oder tragische Ironie? I don't know.


    Ich weiß nur, mit dem Idealismus ist kein Match zu gewinnen, kein Leiberl zu reissen, wie der Wiener sagen würde. Also schau mer mal, was der Materialist zum Selbst zu sagen hat. Für den ist ja das Ich eine Konstruktion des Gehirns, ein Ergebnis neurobiologischer Gehirnchemie. Und das Selbst? Tja, auch nix anderes. Für den Materialisten besteht kein kategorischer Unterschied zwischen Ich und Selbst. Für ihn ist das Selbst nur eine Erfindung neurasthenischer Übererregtheit, eine Phantasmagorie überreizter Gemüter, eine chemische Entgleisung. Das gefällt mir. Ja, ehrlich, die Chemie bietet doch viel mehr Unterhaltungspotentioal als diese geistseeletriefende Jenseitsromantik. Die Moleküle spielen verrückt, die Botenstoffe booten sich aus, ein biochemischelektrisches Gewitter gaukelt mir transzendentale, mystische Seinssensationen vor, die einem göttlichen Selbst die Erlösung von aller Lösung, die Lösung von aller Erlösungsarbeit zuordnen.


    Genug. So komm ich nicht weiter. Wo war ich überhaupt? Wie komm ich vom Verzicht zum Selbst, vom Verbot ins Nirvana? Scheiss Gehirnchemie. Kein Verlass drauf. Scheiss Ideen, führen zu nichts. Back on the ground. Erdung. Ich verzichte auf philosophische Entgleisung. Ich setze auf Tatsachen. Faktencheck.Autsch. Auf dem Boden der Realität gestrandet. Wenn ich nur wüsste, was Realität ist.


    Ignorabimus. Agnostizismus, wie der gebildete Gymnasiumsabsolvent sagt. Nein!!!! Nicht diese Plattheiten. Ich fühle mich erschlagen von schulweisheitlicher Begriffsinflation. Idealismus, Materialismus, Romantik, Realismus, Erkenntniskritik, a prioi, a posteriori, Transzendenz, Metaphysik, Physik ... nichts als Worte.


    Also weiter im Text. Genuß hatte ich schon. Jetzt Verzicht. Es heisst Verzicht leisten. Und nicht sich leisten. Doch echten Verzicht muß du dir leisten können. Ein erzwungener Verzicht - aus Mangel an finanziellen oder anderen Ressourcen - wäre ja kein Verzicht, sondern eben äusserer Zwang. Der Verzicht beinhaltet die Wahlfreiheit. Ich kann verzichten oder auch nicht. Darin ähnelt er doch sehr dem Genuß. Auch den muß ich mir leisten können. Und ich habe die Wahl, ich muß nicht, aber ich kann. So scheint mir der Verzicht die Rückseite der Medaille. Kopf oder Zahl. Genuß oder Verzicht. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Verzicht ist nicht Verbot, sondern freie Entscheidung.


    Und das ist auch der Unterschied zwischen unseren grünen Weltenrettern, Klimarettern einerseits und Menschen andrerseits, die selbst mit gutem Beispiel voran gehen und nicht anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben. Jeder gute Pädagoge weiß, dass Verbote nur Widerstand erzeugen, Vorbild jedoch Nachahmung. Nichts ist mehr sexy als Nachahmung eines Idols oder Ideals. Bleibt nur das unbedeutende Problemchen, wie du es schaffst, Konsumverzicht als geil zu verkaufen. Moralische Appelle sind eher ungeil.


    Es muß einfach cool sein, mit dem Fahrrad einkaufen zu fahren, statt mit dem SUV. Es muß einfach geil sein, Urlaub auf dem Balkon oder im eigenen Schrebergarten zu machen, als mit dem Flieger um die halbe Welt zu düsen. Es muß einfach hipp sein, nur einmal die Woche Fleisch zu verzehren. Und und und. All diese Beispiele sind in der politischen Debatte aber so cool wie lauwarmes Bier, so sexy wie Omas Nachttopf und so hipp wie meine Frisur. Je klimaschädlicher ein Ding, desto begehrter, je ungesünder, umso beliebter, je bescheuerter, desto gefragter. Scheint, als wären wir zwar mit einem Verstand gesegnet, verwendeten ihn aber nur dazu, möglichst viel Schaden anzurichten. Wir haben es sogar geschafft, Genußmit Konsum und Verzicht mit Verbot gleichzusetzen.


    Ich weiß auch nicht, wie wir das wieder zurechtrücken können. Es liegt offensichtlich eine unbezwingbare Faszination in der kapitalistischen Utopie vom totalen Konsum, stetig wachsendem Wohlstand. Kauf und du bist frei, konsumiere und du bist glücklich. Diese Irr-Glaubenswahrheiten werden uns von klein auf gepredigt, vorgeführt und als alternativlos vermittelt. Bis wir nicht mal mehr auf die Idee kommen, es könne auch noch andere Lebensentwürfe geben, andere Ziele und Zwecke unsere Lebenszeit rumzukriegen. Verzicht ist Verlust, Konsum ist Gewinn. Win win situation. Dabei sind wir als Konsument regelmäßig in der loser position. Fällt uns aber nicht mehr auf. Weil der Konsum nicht sättigt, sondern immer mehr will, mehr konsumieren, mehr haben.


    Erinnert mich an die Fabel vom Hasen und dem Igel. Der eine läuft sich zu Tode, der andre lacht sich ins Fäustchen. Was das alles mit Verzicht und Verbot zu tun hat? Ach was, schon irgendwas. Ich verzichte da jetzt mal auf eine Erklärung. Ist ja schließlich nicht verboten, dass jeder sich seine eigenen Gedanken dazu macht. Und für sich behält. Denn öffentliches Äußern nicht zeitgemäßer Gedanken kann heutzutage unangenehme Folgen haben. Da kennen die nix, die Jakobiner der Milch der rechten Denkungsart. Also der richtigen. Mit rechter Denkungsart hat das nur soweit zu tun, als heute alles, was pfui ist, automatisch rechts verortet wird.Aber das ist eine andere Geschichte. Ich stelle allerdings fest, dass auch woke, links-grüne Aktivisten beim eigenen Öko-Fußabdruck sehr großzügig sind. Hauptsache die anderen spuren. Und das Wort Verzicht meiden sie wie der Teufel das Weihwasser. Sie setzen dagegen auf grüne Technologien. Und übersehen dabei eine Kleinigkeit. Die Illusion, wir könnten weitermachen wie bisher, wenn wir nur grünen Strom erzeugten, Windräder aufstellten, die Landschaft mit Photovoltaik zupflasterten, CO2-Zertifikate ausstellten ...., diese Illusion ist wohl der größte Irrtum der grünen Weltenretter.


    Na ja, so hat eben jede Zeit ihre Don Quichotes.


    ***

  12. #87
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Digital, analog. Sowas wie Himmel und Hölle. Digitalisierung - das Heilsversprechen der Zeit, Hosianna. Wenn erst mal alles digitalisiert ist, wird alles gut. Ich als Zahlenverliebter und numerischarithmetischalgebraischer Dilettant bin anfällig für das Konzept Digitalisierung. Die praktische Realisierung hingegen macht mir so gar keinen Spaß. Aber mal back to the roots. Was iss'n eigentlich der Witz bei der Digitalisierung gegenüber der Analogik?


    Nun, der Witz besteht in kleinen Stufen, Schritten, in der Quantisierung. Während das Analoge so ziemlich kontinuierlich, also ohne Sprünge auskommend, daherkommt wie eine zusammenhängende, bruchlose Linie, ist das Digitale sprunghaft, kantig und stufig, Null oder Eins und nix dazwischen. Unser einfältig Gemüth denkt sich, das Analoge, das muß das Natürlichere sein, denn in der Natur geht ja auch eins ins andere über. Ohne große Sprünge und Zicken und Zacken. Also, wenn wir mal die Quantisierung des Mikrokosmos (siehe Quantenphysik) außer Acht lassen, dann scheint auf unserer Ebene (sensorisch und gefühlt) alles schön kontinuierlich, bruchlos, zusammenhängend und sympathetisch verbunden zu laufen. Die Sonne hüpft nicht über das Firmament, die Fixsterne schalten sich nicht ein und aus, Schwester Luna zieht ihre Spur sprunglos und gleichmäßig durch den Nachthimmel, Wasser fließt flüssig und nicht staccato, ein Regenbogen zeigt randloses Ineinanderübergehen der Farben, so ziemlich alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen ist ein zusammenhängendes Leuchten, Rauschen, Tönen, Spüren und Fühlen. Natur ist analog. Sagt mir meine Sensorik. Analog - digital, das ist wie Kontinuum - Quantisierung. Aber halt, Digitalisierung kommt nicht von der Quantennatur des Allerkleinsten, das ist bloß eine Analogie (grins).


    Die natürlichen Zahlen sind es nicht! Die haben zwischen sich jeweils den Abstand 1. Eine ganze Stufe. Da gibt es nix dazwischen. Da ist nur 1, 2, 3, 4, 5 .... Da fehlen die Dezimalstellen, die unendlich vielen und unendlich unterschiedlichen mit unendlich vielen zwischen jeder noch so kleinsten Lücke ....... Es ergibt sich die sonderbare Dissonanz, dass die natürlichen Zahlen digital sind, die irrationalen Zahlen aber analog. Logisch-mathematische Ironie oder blöder Zufall?


    Man lache nicht. Das ist kein Spaß. Das ist ein erkenntnistheoretisches Paradox, ein intellektuelles Desaster. Digitalisierung begann ja mal ganz harmlos. Quasi als logische Spielerei von Leuten, die der manuellen Arbeit abgeneigt, sich lieber abstrakt-theoretischem Spintisieren hingaben. Leute wie Leibniz, Kant, Euler und schließlich ein Engländer namens George Boole. Ja, mit ihm fing die Digitalisierung an. Der gute Boole konnte natürlich nicht ahnen, was er anrichten würde. Hätte er auch nur den zartesten Hinweis gehabt, was heute im sogenannten Zwischennetz an digitalem Gift, Schrott und toxischem Sondermüll mittels Bits und Bytes in unbedarfte Gehirne getrichtert wird, er hätte seine gesamte, nach ihm benannte Algebra verbrannt, vernichtet!


    Was is nun das Besondere an der Algebra des Herrn Boole? Nun, rein philosophisch-erkenntniskritisch betrachtet is da nix viel Neues. Die uralt-mythisch-scholastische Zweiwertelogik wahr-falsch gab's ja schon lang vor Boole. Was der Rappelkopf aber tat, er systematisierte die Wahr-Falsch-Logik in ein System von einfachsten Schaltelementen mit zwei Eingängen und einem Ausgang. Als da wären And, Or, Xor,auf gut deutsch Und, Oder und Exklusiv-Oder.'And' soll heissen, wenn Eingänge a und b beide wahr, nur dann ist auch Ausgang c wahr. 'Or' meint, wenn Eingang a oder b oder beide wahr, dann ist auch Ausgang c wahr. Und das 'Xor'zeigt nur dann am Ausgang wahr, wenn nur einerwahr, also a und b ungleich sind. Das ist die ganze Digitalisierung Leute! So einfach ist das. Diese drei Grundgatter, wie sie auch genannt werden, können auch invertiert vorkommen, soll heissen, dass der Ausgang c statt wahr falsch und statt falsch wahr zeigt. Und statt wahr und falsch benutzt der Digitalist eben 1 und 0. Das wär's schon mit der Bool'schen Algebra. Darauf baut die ganze Digitaltechnik auf.


    Naja fast. Übrigens, Boole ist sich da eins mit dem alten Nazarener. Der soll ja auch gesagt haben, eure Sprache sei Ja oder Nein. Und nichts dazwischen. Von Jesus bis Boole, von Aristoteles bis Wittgenstein, zweiwertige Logik, Wahr und Falsch, Ja und Nein bestimmen unser Denken. Und was kam dabei heraus? Computer, Smartphones, jede Menge schröcklicher CDs, das Netz, WhatsApp, Facebook .... alle siebenundsiebenzig Stufen der Hölle und deren mehr. Was sagt mir das jetzt? Ist der Dualismus, die Symmetrie, die Spiegelung, die Zwei - sind die des Teufels? Die Physiker suchen ja mit geradezu zwanghaft fixierter Bessesenheit nach Symmetrie in der Natur. Jedes Teilchen mit negativer Ladung bedarf eines Geschwisterchens mit positiver Ladung. Jedes noch so kleinste Quant mit Spin 1 muss doch einen Zwilling mit Spin -1 haben. Und so weiter und so fort.


    Nö, sorry ihr Spinner, niemand sagt, die Natur sei symmetrisch! Ihr projiziert eure romatischen und verschrobenen Harmoniebedürfnisse ins Physikalische, Kosmische, Universale. Seid ihr bescheuert? Glaubt ihr im Ernst, eure sentimentalischen Obsessionen kümmern die Physik auch nur im geringsten?


    Wir sind ja wirklich eine seltsame Spezies. Die Evolution ist eine höchst seltsame Einrichtung der Physik. Eigentlich, ja eigentlich, passen die beiden so überhaupt nicht zusammen. Sind absolut nicht kompatibel, wie man heute sagt. Die Evolution robbt der Entropie entgegen. Scheinbar. Die Evolution hat uns schräge Querdenker hervorgebracht. Die hinter allem einen Gott, einen Sinn, ein Mysterium vermuten. Die logisch denken, die sowas wie Mathematik aus ihren Gehirwindungen keltern, die ein Universum postulieren und Physik betreiben. Völlig irre. Wo mir doch die einfachste und primitivste Erfahrung sagt: Da is nix, da war nix, da wird nix. Da sind nur meine Vorstellungen. Ich war mal nicht, ich werd mal nicht sein, mein Jetzt ist nur eine Vakuumfluktuation meiner Gehirnchemie. Oder so. Weil ehrlich, ich glaub auch nicht ans Gehirn und nicht an Materie und Sein und überhaupt. Da is nix, da war nix, da wird nix. Was ich erlebe ist - ja was - ist eigentlich nix.


    Was das mit analaog oder digital zu tun haben soll? Weiß ich auch nicht. Das Digitale ist ja nur die Froschperspektive des Analogen. Doch so ein Frosch, der hat's in sich. Indem wir die Analogien digitalisieren, machen wir uns die Welt untertan. Das war wohl der Schöpfungsauftrag an uns Missgeburten. Macht euch die Welt einfacher, ja-nein, entweder-oder, wahr-falsch.


    Ach ja, Digitalisierung. Mensch digitalisiere dich! In der Digitalisierung liegt das Heil. Das Analoge führt zu nichts. Außer zu Krätze, Chaos und Dekadenz. Es fing ja schon früh an mit der Digitalisierung. Gott-Luzifer, 1 bis 10 Gebote, Himmel- Hölle, Gut-Böse, Wahr-Falsch, Plus-Minus, Materie-Antimaterie, ...


    Digitalisierung das Gebot der Stunde? Klimarettung durch Digitalisierung? Energiewende durch Digitalisierung? Sozialer Fortschritt, mehr Demokratie durch Digitalisierung? Ich nehm nur mal die Klimarettung. Also manche analogen Bewusstseinsdinosaurier glauben ja immer noch, die Klimakrise sei durch irgendwelche dubiosen, mysteriösen Schicksalsmächte oder Zufälle verursacht aber natürlich nie und nimmer durch unsere Verbrennung fossiler Energien, nö, kann gar nicht sein. Nun, seis's drum, wie aber kommen wir aus dem Dilemma raus? Digitalsierung? Was wollen wir digitalisieren? Gas, Erdöl, Atomkraft, Windkraft, Photovoltaik, Wasserstoff, Kernfusion? Merkt ihr nicht, wie daneben das ist?


    Na gut. Kapiert auch nicht gleich jeder, dass die Bekämpfung eines Problems mit den Mitteln, die das Problem erzeugt haben, digital nicht als positiv, wahr oder Plus+ durchgehen kann. Mann! Digitalisierung ist eine Technik, Technologie - völlig wertfrei und blind. Du kannst mit Digitalisierung Musik produzieren genauso wie CO2 oder Sondermüll! Digitalisierung sagt nix aus über deine Motive, deine Ziele, deinen Einfluß und deine Wirkmächtigkeit, positiv wie negativ.


    Digitalsierung verhält sich zur Ökologie wie ein Messer zur Butter, wie ein Schuh zum
    Fuß- Passt oder passt nicht. Wobei die Ökologie immer recht behält. Sie ist nicht demokratisch, sie ist nicht political correct, sie ist nicht woke, sie ist weder antifaschistisch, noch gendergerecht, sie ist überhaupt das Letzte! Sie ist aber. Zum Leidwesen aller Ideologen, die sich an ihr regelmäßig die Zähne ausbeissen, blutige Nasen holen. Und dennoch immer wieder Unheil stiften und Opfer kosten.


    Was ist nun mit dem Analogen? Andauernd schwadroniere ich über Digitalisierung. Was ist jetzt mit dem Analogen? Wie soll ich das wissen? Das Analoge scheint ja nur analog. Die Quantenphysik und ihre Fuzzis werden ja nicht müde, zu erklären, dass da unten im Mikrokosmos alles gaaaanz anders ist, als es sich uns darstellt.Das Digitale ist nur ein besonderer Zugang zum Analogen, ein Ausschnitt aus dem Spektrum. Eine Zerhackung des Kontinuums. Digitalisierung zerschneidet die Raumzeit in dünne Scheiben und legt sie uns aufs tägliche Brot. Unsere Sinne setzen diese digitalen Scheiben wieder zusammen zu einer analogen Wurst. Wer zuviel davon isst, dem wird schlecht. Aber das ist ja mit den meisten Dingen so.


    Wie man sieht, ist das mit dem Digitalen keine Hexerei, es ist halt ein Werkzeug zur schnelleren Verarbeitung von Information. Ein Buch ist analog, sein digitales Abbild nur eine andere Erscheinungsform, inhaltlich von demselben Informationsgehalt. Also keine Angst vor der Digitalisierung, ob wir analog oder digital vor die Hunde gehen, macht im Ergebnis keinen Unterschied. Die Digitalisierung wird uns weder vor der Klimakatastrophe bewahren noch das Paradies auf Erden schaffen. Sie kann aber Prozesse beschleunigen, nicht nur auf der Ebene der Elektronen, sondern auch in der Gesellschaft. Und wie wir damit umgehen, das ist wiederum analog. Logisch. Und dabei hab ich noch kein Wort über Analogie gesagt. Kommt vielleicht noch. Mal sehen.


    ***

  13. #88
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    Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wie real ist die Realität? Wie wahr ist die Wahrheit? Drei Fragen, drei Begriffe. Aller guten Dinge sind drei. Na schau mer mal. Mein Deutschlehrer an der Oberstufe - ich habe ihn schon ein paar Mal zitiert -, glühender Kantianer, Goetheverehrer und überhaupt ein Schwarmgeist erster Güte - immerhin auf hohem Niveau, meinte, Wahrheit sei die Übereinstimmung von Denken und Wirklichkeit. Die klassische, ontologische Definition. Die setzt erstens eine vom Denken unabhängige Wirklichkeit voraus und hält es zweitens für möglich, dass wir diese Wirklichkeit im Denken erfassen, wahrnehmen können. Und diesen Akt des Erkennens der Wirklichkeit nennt sieWahrheit. Jetzt haben wir also 2 der oben genannten 3 Begriffe in einem Satz, einem Urteil schon mal erfasst.


    Der dritte, die Realität, wird im Alltag eh meistens mit der Wirklichkeit gleichgesetzt. Stimmt das, darf man das? Es fällt mir schwer, einen Unterschied zwischen Wirklichkeit und Realität auszumachen. Er scheint akademisch, bemüht, herbeiphilosophiert zu sein. Was real ist, müsste doch wirklich sein, was wirklich ist, sollte doch real sein, oder?


    Ich sage mal so, wirklich ist, was da draussen, ausserhalb meiner Hirnrinde existiert. Ex-sistere bedeutet heraus treten, hervor treten, dar stellen. Was existiert, muß also ausserhalb meines Bewusstseins da sein. Ja es muß geradezu der Anlaß für meine Vorstellung davon sein, was ich für wirklich halte. Da draußen ist also etwas, das auf mich wirkt, also wirklich ist. Die Wirklichkeit als das ausserhalb meines Denkens Existierende, Seiende, Wirkende, Gewirkte. Und die Wahrheit als die Kongruenz von Wirklichem und Gedachtem. Aber es geht mir hier nicht um die Wahrheit. Die ist nur ein Prädikat, eine menschliche Vorstellung. Das Wirkliche muß ja unabhängig von und unveränderlich durch mein Denken sein. Ob ich also wahr oder falsch liege, was kratzt es das Wirkliche!


    Also lass ich die Wahrheit mal links liegen. Bleiben noch 2 der 3 genannten Begriffe. Wirklichkeit und Realität. Na dann. Sind sie wirklich synonym verwendbar, sind sie Identitäten? Am Ende ist es immer ein Streit um Begriffe, Wörter. Doch vielleicht kann es ja hilfreich oder sinnvoll sein, beiden Begriffen bestimmte Inhalte zu geben, um damit der Wahrheit näher zu kommen. Autsch, nein, nicht schon wieder Wahrheit. Die ist doch nur eine Illusion zur Befriedigung unserer Eitelkeit. Was wirklich ist, muß wahr sein. Nein, muß nicht. Wenn ich schreibe 'Ein Hund ist eine Katze', so ist das wirklich hingeschrieben, aber nicht wahr. Kategorienfehler. Also hat die Wirklichkeit mit Wahrheit im Grunde gar nix am Hut. Sie ist, wie sie ist, die Wirklichkeit. Und kümmert sich nicht um Zensuren und Urteile. Der größte Unsinn kann wirklich sein. Wirklich? Wenn etwas ausserhalb meines Denkens existiert, muß es dann nicht automatisch wahr sein? Was wirklich ist, ist unabhängig von mir, meinem Denken. Sagte ich schon. Aber trifft das zu? Sind dann meine Gedanken und Gefühle nicht wirklich? Denn sie gibt es ja nur in meinem Bewusstsein. Meine Ängste vor Blamageoder Versagen, sind sie nicht wirklich? Für mich schon, doch da draußen im Universum, da gibt es sie nicht. Was ist aber mit meiner Neurobiologie? Die Angst ist doch ein ganz bestimmter Zustand meiner Gehirnchemie zu einem bestimmten Zeitpunkt. Hat das keine Wirklichkeit?


    Muß ich jetzt noch zwischen innerer (subjektiver) und äusserer (objektiver) Wirklichkeit unterscheiden? Mist. Nicht so einfach mit der Wirklichkeit. Und dann noch Realität. Meine innere Wahrnehmung ist doch genauso real für mich wie die sinnliche. Im ersten Fall kommen die Reize eben aus meiner Neurobiologie, um zweiten ausserhalb davon. Was ist da draußen wirklich? Nur das, was über mein Bewusstsein hereinkommt? Ist das Wirkliche dasselbe wie das Reale? Ich sagte doch gerade, das Wirkliche sei das, was auf mich von außen wirkt. Es führt zu einer Vorstellung von Realität. Ich halte etwas für real, weil es auf mich wirkt. Aber meine Realität ist eine Vorstellung von der Wirklichkeit. Die reale Realität sitzt in der Wirklichkeit. Draußen in der Welt, ausserhalb meiner Vorstellung, sind Realität und Wirklichkeit eins. Glaub ich. Die Wirklichkeit bleibt immer draußen, die Realität da draußen wird zur Vorstellung von Realität innerhalb meiner Hirnrinde. Kann sein. Muß aber nicht.


    Wie gesagt, alles ein Spiel mit Begriffen und Inhalten, die ich hineinpacke. Ich könnte auch sagen, die Realität erzeugt eine Vorstellung von Wirklichkeit in mir. Dann bewirkt das Reale also das Wirkliche. Draußen sind sie eins. In meiner Vorstellung gibt es nur das Wirkliche. Nur in meiner Vorstellung gibt es das Wirkliche, draußen herrscht nur Realität.


    Bin ich nun weiter gekommen? Nein. Diese Begriffsspielereien sind zwar sehr beliebt bei Philosophen und Theologen und anderen Schwärmern, doch führen sie zu nichts als roten Ohren, heißen Köpfen undImpotenz. Marx hatte schon recht, die Philosophen haben die Welt nur interpretiert. Ob es gilt, sie zu verändern, das bezweifle ich. Die Welt, also das Wirkliche kannst du eh nicht verändern, höchstens ein bissl verunstalten,schon gar nicht ändern. Maximal kannst du versuchen, dich selbst zu ändern. Aber vorher solltest du versuchen, dich selbst zu erkennen. Denn ohne eine Ahnung von dir selbst, bleibt jeder Versuch, die Welt zu verändern ein blindes Umsichschlagen. Und das mit der Selbsterkenntnis ist mir so eine Sache. Davor haben wir doch die allergrößte Angst. Was wir natürlich nicht zugeben und schon gar nicht zulassen. Wir schieben die Selbsterkenntnis auf und beiseite. Und vergnügen, zerstreuen, amüsieren oder neurotisieren uns lieber. Aber ich schweife ab. Oder nicht? Ist Selbsterkenntnis überhaupt möglich? Ist die Innenschau so aussichtslos wie die Wirklichkeitserkundung? Seit Kant - da hatte er ausnahmsweise mal recht - haben wir leise Zweifel, ob wir die Wirklichkeit überhaupt erkennen können. Und die moderne Physik bestärkt diese Zweifel durch verstörende Erkenntnisse. Die Quantenphysik ist sowas wie Metaphysik. Nicht im philosophischen Sinne, sondern ganz naturwissenschaftlich: Es ist eine Physik neben der Physik. Also eigentlich Paraphysik. Egal. Die Erforschung der kleinsten Bausteine und Elemente der Materie riß ein Loch in unsere naive, sinnliche Vorstellung von der Welt mit ihren Atomen und Molekülen, Kräften und Gesetzmäßigkeiten. Dort unten herrscht die reinste Willkür, löst Wahrscheinlichkeit die Kausalität ab, sind die Dinge nicht mehr eindeutig lokalisierbar, Zeit und Raum verlieren ihre Unbedingtheit. Jede Messung beeinflusst das Ergebnis dessen, was ich messen will. Die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt verschwimmen. Alles schwingt, rauscht, fließt. Halt! Das ist jetzt unwissenschaftliches Geschwafel, populärwissenschaftliche Schaumschlägerei. Es ist alles streng geordnet da unten. Es gibt exakte Gleichungen für die Quantenobjekte und ihre Eigenschaften. Nur dass sie halt so gar nicht zu unserer Vorstellung von kleinsten Teilchen mit festen Eigenschaften, berechenbaren Bahnen, Bestimmbarkeit in Raum und Zeit usw. passen. Es gibt ja auch Gleichungen für den Zufall, die Wahrscheinlichkeit, die Auflösung von räumlicher und zeitlicher Struktur. Und was mathematisch beschreibbar, das ist wahr. Ist es auch real? Ist es auch wirklich? Es gibt doch die irrationalen Zahlen, die imaginären Zahlen und viele exotische Objekte mehr in der exakten Mathematik.


    Selbst die klügsten Köpfe wissen nicht, was real, was wirklich, was wahr ist. Behaupte ich frech. Sie wissen viel, viel mehr als ich. Und die besten unter ihnen gestehen auch freimütig, dass selbst die nüchtersten, exaktesten, unspekulativsten Theorien der Physik über die Welt da draußen wenig über die Welt selbst aussagen. Sie sind lediglich Modelle, Abbildungen einer durch Experimente so gut wie möglich beschreibbaren Wirklichkeit. Die modernen Physiker sind die Philosophen von heute. Sie interpretieren die Welt auf Grund der Ergebnisse ihrer Experimente. Und sie wissen um die engen Grenzen ihrer Möglichkeiten, der Welt auf die Pelle zu rücken.


    Besonders geisteswissenschaftlich geschulte Köpfe reden gerne vom Wesen der Dinge. Das Wesen der Dinge ist nicht Gegenstand der Physik! Das Wesen der Dinge ist ein Vorstellung, eine sehr romantische, verstiegene Vorstellung. Was soll das Wesen eines Dings sein? Ich kann es nicht messen, nicht sehen, nicht spüren. Was ist das Wesen eines Dings: seine Gestalt, seine Substanz, seine Performance oder seine 'Seele'? Was ist ein Ding, was ist eine Seele? Eben. Es ist alles ein begriffliches Nullsummenspiel. Was du in den einen Begriff hineintust, musst du aus einem anderen herausnehmen. Die Summe ist konstant. Null. Die Physik beschreibt lediglich die quantitativ erfassbaren Verhältnisse, Konditionen, Korrelationen, Abhängigkeiten zwischen den Dingen. Sie kennt weder ein Wesen, noch eine Seele. Und das ist gut so. Sonst wäre sie keine Physik. Und die Mathematik ist ihre Sprache.


    Ich muß sagen, ich weiß am Ende nicht mehr über Wirklichkeit und Realität als am Beginn dieses Sermons. Lediglich die Wahrheit habe ich erledigt. Die Wahrheit als eine auf die Welt bezogene Kategorie. Ich habe sie entlarvt als subjektive Vorstellung meines Gehirns. Meine ich. Aber ich kann mich irren. Weil ja Wahrheit nicht bewiesen werden kann. Höchstens kann ich meine Irrtümer als solche entlarven. Was ja schon viel ist. Jeder Irrtum ist ein Schritt vorwärts. Nicht zur Wahrheit, aber zu mehr Klarheit. Der Irrtum ist tatsächlich das mächtigste Werkzeug zur Erkenntnis. Und sei es nur die, dass wir nichts wissen können. Ja, das halte ich überhaupt für die summa summarum aller Wissenschaft: Ignorabismus! Wir werden nie wissen. Und wer weiß, wofür das gut ist. Vielleicht könnten wir die Erkenntnis der Welt eh nicht ertragen.


    Und was ist schon die Welt? Ein Hasenhorn, ein Trugschluß, eine Illusion. Sag ich. Was meine Oma dazu sagen würde, behalte ich für mich.


    ***

  14. #89
    schreibt hier hin und wieder Avatar von WirbelFCM
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Dazu kurz etwas von mir: wahrheit ist etwas individuelles, die wirklichkeit universell. Wahrheit liegt immer im auge des betrachters, gibt also die WAHRnehmung der wirklichkeit durch den wahrnehmenden wider bzw. Dessen interpretation des wahrgenommenen. Darum gibt es bspw. die anekdote, dass man bei verkehrsunfällen immer so viele wahrheiten bekommt, wie man zeugen befragt: der eine sah ein rotes cabrio, der andere einen grünen lieferwagen, der dritte eine schwarze limousine. Und aus diesen interpretationen unserer wahrnehmungen der wirklichkeit konstruieren wir dann unsere (eigene) realität, die leider meist genau so individuell ist wie unsere wahrheit.

    zum thema wahrnehmung: du fährst mit ein paar freunden - einem autonarr, einem weiberheld, einer frau und einem künstler - in eine fremde stadt, die nich keiner der besucher vorher gesehen hat. Du setzt sie dort ab und läßt jeden einen halben tag durch das städtchen schlendern und holst sie danach wieder ab und läßt dir von ihnen die stadt beschreiben, dann hat der autonarr nur fette sportwagen gesehen, der weiberheld erzählt dir, was für tolle frauen es dort gibt, was für lange beine und dicke titten die alle haben, der künstler hat eine tolle historische stadt, viele denkmäler und traumhafte parks gesehen und die frau? Die kann keiner fragen, weil sie sich noch durch die wühltische der schuhläden gräbt

    fazit: alle waren zur gleichen zeit am gleichen ort und trotzdemnhat jeder eine andere wahrheit zu erzählen, die jedoch nur mehr oder weniger mit der wirklichkeit zu tun hat.

    schreiben jetzt aber alle zusammen einen reiseführer, kommt das der wirklichkeit schon wesentlich näher

  15. #90
    Ist durch nichts wegzugraulen Avatar von anderedimension
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Da hast Du die Dinge aber ganz schön durcheinandergewirbelt

    Was Du in Teil 1 zur Wahrheit schreibst...das betrifft die "Wahrnehmung - was Du unter Wahrnehmung schreibst...das gehört zu deiner Wahrheit...ist aber deshalb noch lange nicht wahr.

    Auch da hilft es dem Volk auf den Mund zu schauen:

    Ein Polizist wird einen Zeugen niemals fragen " welche Wahrheit haben Sie mir zu erzählen?" - Im Gegenteil...sagen wird er "ersparen Sie mir ihre Wahrheit...erzählen Sie mir einfach nur, was Sie wahrgenommen haben".

    Zum Unfall: zur Wirklichkeit gehört...dass hier zwei zerbeulte Autos quer auf der Straße stehen...drum herum ein paar Menschen. Die vermeintlich am Unfall beteiligten (wenn es denn ein Unfall war), zwei Ersthelfer...vier Zeugen.

    Die Aufnahme...unterschiedlicher Wahrnehmungen...soll der Wahrheitsfindung dienen. Dass die Wahrheit gefunden wurde ist dann mehr als nur wahrscheinlich ​, wenn sie in keinem Punkt der Wirklichkeit widerspricht.

    Was Du zur Autofahrt mit Freunden erzählst...das sind verschiedene (Lebens) Wirklichkeiten. Die Wahrnehmung liegt im Erleben, die Wirklichkeit in der Betrachtung...die Wahrheit im Fazit.
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  16. #91
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Wenn ich dazu auch noch meinen Senf beisteuern darf.

    Beispiel Autounfall:

    Wirklich ist, was passiert und die Folgen (Vorgeschichte wie Schnellfahren, Unachtsamkeit etc., Zusammenstoß, Deformationen an Fahrzeugen und Körpern)
    Individuell wahr, was jeder Zeuge wahr-nimmt.
    Objektiv - beinahe - wahr, was z. B. eine Kamera aufgenommen hat.

    Doch selbst mit den besten technischen Hilfsmitteln kommen wir der Wirklichkeit immer nur beliebig, aber nie vollständig nahe. Das ist sogar prinzipiell unmöglich, die Physik nennt das Unschärfeprinzip. Wir können die Wirklichkeit nie erreichen, uns an sie aber asymptotisch - also beliebig nahe - herantasten.

  17. #92
    schreibt hier hin und wieder Avatar von WirbelFCM
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    @AD das klingt sehr schön, was du da geschrieben hast, aber verwendbar davon ist kaum was

    im Gedenken an meine Mentorin Vera Birkenbihl möchte ich das Wort Wahrnehmung eunfach mal so sezieren, wie sie es gerne gemacht hat:

    Wahr-nehmung

    wahrnehmung ist das, was wir als wahr (an)nehmen, ist also jur eine Vermutung, eine Interpretation des Erlebten GEMÄSS UNSERER PROGRAMMIERUNG. das problem daran ist, dass JEDER mensch anders programmiert ist und die welt darum anders sieht (hört, riecht, schmeckt, fühlt) als sie ist. Auch weil er sich auf andere dinge fokussiert. (Bspw. Besuch fremde stadt). Das wird dann unsere individuelle wahrheit, also die interpretation des wahr-genommenen. Die hat mit der wirklichkeit, also das, was objektiv und sachlich betrachtet, gemäß den naturgesetzen wirklich in der natur passiert ist. Früher war es bspw. mal eine allgemein akzeptierte Wahrheit, dass die erde eine scheibe und das zentrum des universums wäre, um die sich alle anderen himmelkörper drehen. Das nennt man theorie. Eine theorie ist eine vermutung, die alsweder bewiesen noch widerlegt ist, wie bspw. Auch die relativitätstheorie oder die evolutionstheorie. Durch wissenschaftlichen fortschritt konnte später BEWIESEN werden, dass dem nicht so ist und die alte wahrheit wurde begraben und durch eine neue ersetzt, nämlich dass die sonne das zentrum des universums sei und sich die erde und alle anderen himmelskörper um diese drehen. Aber auch das hat sich inzwischen als falsch erwiesen.

    und genau hier liegt auch das kernproblem in zahlreichen, fast alles diskussionen: jeder hat andere definitionen zu bestimmten, diskussionsrelevanten begriffen, weshalb man selten auf einen nenner kommt.

  18. #93
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    @Wirbel

    damit widersprichst Du doch vor allem dir selbst...in Bezug auf deine o.g. Beispiele. Es ist nicht falsch...was Du da schreibst, ab er es passt eben nicht zu den Beispielen, die Du mitlieferst.

    Einfaches Beispiel:

    In der Straße steht ein Haus in Flammen (Wirklichkeit)

    Protagonisten: ein Spaziergänger als Augenzeuge, der Hauseigentümer, die Feuerwehr, der Versicherer

    In der Betrachtung: alle vier sehen ein brennendes Haus

    Für den Spaziergänger heißt das: seine Wahrnehmung deckt sich mit der Wirklichkeit. Wahrnehmung +Wirklichkeit= Wahrheit

    Für den Hausbesitzer(der sich rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte) bleibt das in der Betrachtung ein brennendes Haus...aber da es sein Haus ist...erlebt er in seiner Wahrnehmung aktuell die größte Katastrophe seines Lebens.

    Die Feuerwehr betrachtet auch ein brennende Haus...nimmt aber vor allem eine Gefahr und die Herausforderung wahr, die zu ihrem Arbeitsalltag gehört. Sie konzentriert sich darauf das (für sie)Wesentliche wahrzunehmen (woher kommt der Wind, sind noch Menschen im Gebäude, schlagen die Flammen über usw.)

    Der Versicherer sieht ebenfalls ein brennendes Haus...nimmt aber vor allem den vermeintlichen Schaden wahr.

    Für den Hausbesitzer stellt sich im Nachhinein heraus, dass niemand verletzt wurde, wichtige Erinnerungsstücke und Dokumente vor den Flammen gerettet werden konnten...der Versicherer den Schaden unverzüglich und ohne jeden Abzug ersetzte. Seine einstige Wahrnehmung im Erleben...gaukelte ihm eine Wahrheit (größte Katastrophe) vor, die er eigentlichen Wahrheit vorauseilte.

    Die Wirklichkeit braucht keine Vergangenheit, hat aber immer eine Zukunft. Die Wahrnehmung ist stets in der Gegenwart verhaftet...während die Wahrheit den Anfang vom Ende her denkt...
    Der Abschied entziffert die Handschrift einer Begegnung

  19. #94
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Emotion. Ratio. Gegensätze, Geschwister, Widersacher oder gar verkappte Zwillinge? Wie weit bestimmen Gefühle mein Denken und Handeln? Wer obsiegt beim Kampf Ratio vs. Emotion? Über Gefühle zu räsonieren gleicht einem Tanz auf dem Eise. Da kannst du leicht ausrutschen und auf dem Arsch landen. Die Ratio ist gut untersucht. Unsere Philosophen haben sich seit Jahrtausenden mit der Vernunft herumgeschlagen. Ganze Bibliotheken haben sie gefüllt mit ihren Überlegungen und Spekulationen. Der Abgott der Rationalisten ist wohl der olle Königsberger. Ihr, der Ratio, der 'reinen' widmete er einen dicken Wälzer. Wenn ich auch der Meinung bin, er hätte das alles auf ein Fünftel eindampfen können, hätt er sich nur einer verständllichen Sprache bedient, so tut das seiner Leistung keinen Abbruch.


    Über die Emotion, das Gefühl gibt es dagegen wenig bis gar nichts. Nicht von Philosophen, selbst in der Psychologie spielt sie kaum die prominente Rolle, die sie eigentlich einnehmen sollte. Das verwundert mich seit langem und ich schau mal nach, was da los ist. Vielleicht liegt es ja daran, dass wir als Verstandestiere die Emotion gering schätzen, ja unterschätzen? Wenn ich mich mal selbst an der Nase nehme und eine Strichliste mache, bei welchen Entscheidungen ich mich nach der Vernunft und bei wie vielen ich mich von der Emotion leiten lasse, dann komme ich mal schnell auf ein Verhältnis von 2:1 zugunsten des Gefühls. Ohne Gewähr. Mit der Vermutung, dass die Emotion noch stärker im Spiel ist, als ich mir eingestehe.


    Exemplarisch will ich ein Beispiel für die Ignoranz der Psychologie gegenüber der Emotion bringen. Es gibt den Fall eines völlig unerkannten und verkannten Genies der angewandten Psychologe und das ist Tony Gaschler. Den kennt natürlich keiner, sonst wäre er ja nicht unbekannt und verkannt. Er hat aber tausenden von gehemmten Menschen zu einem normalen Leben verholfen. Dank seiner Erkenntnis, dass das Unterdrücken des Ausdrucks unserer Gefühle zu unerwünschten und gefürchteten körperlichen Reaktionen wie Erröten, Erblassen, Schweißausbrüchen, Zittern, Stottern, Herzrasen und dergleichen mehr führt. Viele gehemmte Menschen geraten so in einen Teufelskreis: beim Versuch die gefürchteten körperlichen Symptome zu vermeiden und unterdrücken, verkrampfen sie, blockieren sie den Ausdruck ihrer Gefühle und verstärken so noch die Körperreaktionen, die sie vermeiden wollen. Sie schwitzen noch mehr, zittern noch mehr, stottern noch mehr. Wer nun - wie die meisten aller Betroffenen - die Zusammenhänge hinter diesen Symptomen nicht kennt, gerät leicht in Verzweiflung, wird sich sozial isolieren, zurückziehen oder, wie nicht wenige, in Alkohol oder Drogen flüchten, schlimmstenfalls den Suizid suchen. Diese Ausdruckshemmungen unserer Gefühle werden ja unbewusst zu mentalen, emotionalen und körperlichen Automatismen, die nur schwer beseitigt werden können. Das gelingt praktisch nur durch das systematischen Trainieren neuer, positiver Ausdrucksmechanismen. Und nichts anderes leistet die Gaschlermethode.


    Als selbst Betroffener in jungen Jahren hat mich Tony Gaschler und sein Kursus aus dem circulo vitioso heraus geführt und gerettet. Leider konnte ich ihm nie persönlich Dank sagen. Als Autodidakt und von der akademischen Ignoranz professionell und nachhaltig Übersehener hat er diese Laffen und eitlen Gecken durch den Erfolg seiner Methode beschämt und als das entlarvt, was sie sind: Kaiser ohne Kleider. Was ich damit sagen will? Ganz einfach, gehemmte Menschen sind unglücklich, oft depressiv, sozial phobisch, damit oft isoliert und suizidgefährdet. Und bis heute ignoriert die Psychologie den Zusammenhang zwischen Unterdrückung des Ausdrucks von Gefühlen und damit verbundenen Phobien, Ängsten und körperlichen Symptomen wie Erröten, Schwitzen, Stottern, Zittern usw. Schande über Freud, Adler, Jung und Co.!


    Aber zurück zum Thema: Emotion versus Ratio, wie steht das Match? Im Falle des Wollens ist es eindeutig: Willst du etwas Unangenehmes vermeiden, erreichst du grad das Gegenteil. Du wirst rot anlaufen wie eine Tomate, wirst zittern wie Espenlaub oder Stottern wie ein Motor mit defekter Zündung. Vom bekannten und erfahrernen Seelenklempner Viktor Frankl stammt ja das Konzept der paradoxen Intention: Wolle mit aller Kraft das, was du vermeiden willst und es wird nicht geschehen. Weil eben der Wille im Falle einer angst- oder schambesetzten Emotion immer das Gegenteil bewirkt. Willst du NICHT erröten, wirst du erst recht heftig erröten. Gelingt dir so viel innere Überwindung und Distanz, dass du erröten willst - was für das normale, schlichte Gemüt, das sich vorm Rotwerden fürchtet, fast unmöglich ist - dann wirst du NICHT erröten. Das Gleiche gilt analog für alle schambesetzten, angstbetontenEmotionen und Reaktionen von Stottern bis Impotenz. Der gute Frankl hat ja recht. Nur, zeig mir den Gehemmten, der voll bewusst und gefühlt genau das wollen kann, was er fürchtet, wovor er die größte Angst hat! Deshalb scheitern so gute Ratschläge wie die von Frankl an der Durchführbarkeit, sie sind schlicht nicht praktikabel.


    Ganz anders Gaschler. Er erkannte, dass nur das systematische Antrainieren neuer Automatismen, die alten, negativen Verhaltensmuster überwinden kann. Du musst dein Körpergedächtnis umprogrammieren. Die Angst vor dem Symptom ersetzen durch ein aktives, positives Denken und Handeln. Du kannst in einem Moment nicht zwei Gedanken hegen. Entweder hast du Angst und denkst ans Erröten, Stottern, Schwitzen oder du denkst an den aktiven, spontanen, wahrhaftigen Ausdruck deiner Gefühle. Und das zu lernen, ist die ganze Crux. Das geht nur systematisch wie Krafttrainig, Lauftrainig, Konditionstrainig. Nach Gaschler hast du es in 10 Wochen geschafft. Und das haben all die honorigen, professoralen Psychologen und Psychiater bis heute nicht geschnallt. Wie gesagt, Schande über die ganze Zunft der Seelenklempner und Pillendreher!


    Und, wer glaubt, er habe keine Hemmungen, der irrt. Es gibt praktisch niemand, der nicht in gewissen Situationen oder vor gewissen Personen gehemmt reagiert. Ist ja nicht schlimm, ist ja kein Beinbruch. Nur, wer kennt schon die unbewussten Automatismen und Zusammenhänge zwischen Angst, Hemmung und körperlicher Reaktion? Lieber Tony G., das war deine epochale Erkenntnis und Leistung! Dafür gebührte dir heute noch der Nobelpreis. Doch du wirst vergessen werden wie viele Genies vor dir. That's life oder Undank ist der Welten Lohn, wie meine Oma sagen würde.


    Doch zurück zur Ausgangsfrage. Emotion oder Ratio? Kommt drauf an. In der Mathematik eher Ratio - wobei! manche Beweise und Lösungen wurden von Mathematikern geträumt, erahnt, erfühlt - sonst fast überall das Gefühl. Wobei ich das durchaus kritisch und distanziert betrachte. Ich erachte die Gefühligkeit des Menschen für ein Defizit, einen Mangel. Gefühl ist fast immer ein schlechter Ratgeber. Von Eifersuchtsmorden und Totschag im Affekt gar nicht zu reden. Gefühl ist selten was Gutes. Es beherrscht uns. Gefühle machen unfrei. Gefühl ist distanzlos, du bist dem Gefühl meist ausgeliefert. Je stärker das Gefühl, desto weniger bist du frei, zu wählen oder entscheiden. Ich red ja gar nicht von Willensfreiheit, die es per se nicht geben kann. Aber die Wahlfreiheit wird vom Gefühl mehr oder wenige eliminiert. Je stärker die Emotion, desto kleiner dein Entscheidungsspielraum. Is so. Doch gaukelt mir das Gefühl vor, es wäre ich, der entscheidet. Dabei bin ich Knecht meiner Emotion. Sklave der Gefühlsduselei. Is so. Ob ich will oder nicht.


    Ja, aber ich kann meine Gefühle doch beherrschen, zurückdrängen, mit der Ratio dirigieren. Glaubt man. Ausserdem, die Unterdrückung, Verdrägung von Gefühlen soll ungesund sein. Sagen Ärzte, Psychologen und Traumdeuter. Also ist es wohl besser, seine Gefühle im Rahmen des gesetzlich Möglichen spontan und lebendig auszudrücken. Blutdruck, Herz und Leber werden es dir danken. Leider ist es so, dass speziell in den deutschsprachigen Ländern immer noch 'kontrollierte Zurückhaltung' als Erziehungsideal tradiert wird. Heisst halt nicht mehr Höflichkeit sondern Coolness. Grad bei den Jungen ist Coolness angesagt. Fördert auch nicht gerade den Ausdruck der Emotionen.


    Der Umgang mit den eigenen Gefühlen ist von Mensch zu Mensch verschieden. Die Intensität der eigenen Gefühlswelt variiert auch individuell. Sogenannte Gemütsmenschen - irreführender Ausdruck, es müsste heissen Gemütsarm-menschen - haben es da leichter. Sie werden kaum in die Lage kommen, allzu heftige Emotionen verbergen zu wollen. Zeitgenossen jedoch, die eine lebhafte, ja übersteigerte Emotionalität zu ertragen haben, können leicht in die Hemmungsfalle tappen. Sensibilität ist eine Sonne, die lange Schatten wirft. Sie ist ebenso Lust wie Last. Und unsere Gesellschaft hat es schon verlernt, mit einer expressiven Emotionalität umzugehen. Der Teufelskreis in die Ausdruckshemmung der Gefühle ist eröffnet. Wer um die zugrunde liegenden Mechanismen nicht Bescheid weiß - und das sind fast alle -, tappt leicht in die vielen Fallen sozialer Phobien. Das heftigste Gefühl, das damit verbunden ist, die Scham, gehört zu den stärksten und unangenehmsten Emotionen überhaupt. Wer sich schämt, fühlt sich minderwertig, erniedrigt, entwürdigt. Das kann traumatisieren. Gerade bei sensiblen Menschlein.


    Leider sind alle diese Zusammenhänge in Pädagogik, Erziehung, Psychologie, Therapie viel zu wenig beleuchtet, belichtet, teils unbekannt. Vor allem, und das ist wirklich der Kardinalfehler fast aller Psychotherapien, wird übersehen und ignoriert, dass alles, was mit Emotionen zusammenhängt über den Körper, das Körpergedächtnis und eingeübte Automatismen läuft. Nicht Erkenntnis und Analyse schaffen Abhilfe, sondern nur aktives Training, Einüben anderer Verhaltensweisen. Und das ist harte, systematische Arbeit. Und damit gibt sich doch ein Psycho-Therapeut nicht ab. Das ist doch unter seiner Würde. Lieber Palavern statt Arbeiten. Schande über die Zunft der einschlägigen Professionen. Ich möchte nicht wissen, wieviele Leben, Karrieren, Familien durch Ausdruckshemmungen, soziale Phobien und damit einher gehende Isolation und Vereinsamung zerbrechen und zerbrochen sind. Aber es ist halt kein geiles Thema. Selber schuld. Mach halt was aus dir, begreife die Krise als Chance, such dir einen Therapeuten, schluck halt was, dann geht's dir besser.


    Tja, Pech gehabt, liebe Gehemmte, auf Loser können wir keine Rücksicht nehmen. Die Karawane zieht weiter, seht zu, wo ihr bleibt.


    ***

  20. #95
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Physik und Philosophie. Natur und Geist. Welt und was? Die Philosophen ergründen das Warum, die Physiker das Wie. So sagt man. Die Philosphen fragen natürlich nach mehr als nur dem Warum, zum Beispiel nach dem Woher und Wohin, nach dem Wozu und Wofür ebenso wie nach Wahrheit, Schönheit, Sinn und Zweck. Die Physiker interessiert lediglich die Frage nach der Beschaffenheit der Welt. Die Philosophen können sich nur selbst befragen, sonst nichts und niemand. Kein Gott, kein heiliger Geist, kein Teufel und kein Dämon, niemand, den sie fragen könnten und der Antwort gäbe. Nur ihr Verstand gibt Antwort und auf den ist nicht immer Verlaß. Er stoßt allzu oft an Grenzen, die er nicht überwinden kann. Er verfängt sich allzu oft in Widersprüche und Dilemmata. Der Verstand, das einzige Verstehwerkzeug der Philosophen kann sich nur selbst befragen und dreht sich demnach immer im Kreis.


    Da sind die Physiker eindeutig im Vorteil. Sie können die Natur befragen. Und die gibt Antwort. Ausnahmslos und unbestechlich. Auf die ist Verlaß. Die Physiker nennen diese Befragungen Experimente. Und je nach den Antworten basteln sie sich ein Theoriegebäude, in dem alle Antworten der Natur Platz haben. Sollten. Denn die Natur kümmert sich nicht um die Theorien der Physiker. Und gibt Antworten, die das Theoriegebäude der Physik immer wieder mal in Schieflage oder gar Einsturzgefahr bringen. Und es ist auch schon vorgekommen, dass Teile des Hauses eingebrochen sind. Dann mussten die Physiker aufräumen und neue Theorien suchen, die ihr Gebäude wieder halbwegs stützten und vervollständigten.


    Die Gegenstände, das Arbeitsmaterial der Transzendentalphilosophen sind Worte, Begriffe. Die sie selbst schaffen. Und darin besteht auch das unlösbare Problem, das ganze Elend, an dem diese Philosophen leiden und sich die kariösen Zähne ausbeissen. Um überhaupt hantieren zu können, benötigen sie Begriffe, die sie selber definieren, mit Inhalt füllen. Weil ihre Begriffe sich nicht selbst erklären. Weil ihre Begriffe die Erfahrung überschreiten, transzendieren. Metaphysik nennen sie das. Und das meint eben Physik jenseits der Natur, jenseits der Erfahrung, der Wahrnehmung. Deshalb ist alle Philosophie, die sich mit den letzten Fragen beschäftigt, Transzendentalphilosophie. Und für Begriffe, die die Wahrnehmung und Erfahrung überschreiten, gibt es eben keine naturgegebenen Inhalte. Die sind von Natur aus leer. Die müssen vom Philosophen gefüllt werden. Der Abgott aller Transzendentalphilosophie ist Kant. Ja, der. Was hat er nicht alles angestellt, um seine Begriffe der Erkenntnis, die reinen Verstandesbegriffe herzuleiten und gegen alle Kritik zu schützen. Es nützt aber nix. All diese Begriffe sind leer. Ihnen entspricht keine Anschauung oder Wahrnehmung, wie wir heute sagen würden. Und alle daraus abgeleiteten, abstrakten Begriffe ebenso. Der Philosoph muss sie mit Inhalt füllen, um mit ihnen operieren zu können. Freiheit, Wahrheit, Schönheit usw. sind alles zentrale, grundlegende Begriffe jeder Philosophie. Und allen ist gemeinsam, dass sie sich nicht selbst erklären. Es muß der Verstand her, um sie gegeneinander abzugrenzen - definieren - und mit Bedeutung zu füllen. Und diese Bedeutungsfindung ist nicht zwingend, nicht a priori gegeben, was dazu führt, dass jeder Philosoph diese Begriffe anders definiert und anders füllt. Und - unter uns gesagt -, dieser Streit um Begriffe macht doch den ganzen Reiz der Philosophie aus. Darin besteht doch die ganze Lust der Philosophen an dem Objekt ihrer Begierde: am Streit um Worte, Begriffe, bar jeder Anschauung und Erfahrung. Und ohne Erkenntnisgewinn über die Welt.


    Ganz anders die Physik. Sie hantiert mit anschaulichen oder dort, wo nicht anschaulich, mit messbaren Objekten. Aber auch sie hat ihre Grenzen: die allgemeinsten physikalischen Objekte wie Energie, Masse, Gravitation, elektrische/magnetische Kraft, starke und schwache Kernkraft, Raum, Zeit, Raumzeit sind nicht weiter reduzierbar. Ihre Qualität ist nicht messbar. Nur die quantitativen Relationen zwischen ihnen. Wir wissen dank Einstein den Umrechnungsfaktor zwischen Materie und Energie, er ist das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit (also eine Konstante), doch das bringt uns Materie/Masse und Energie nicht näher. Immerhin wissen wir, dass beide ineinander übergehen können. Und das ist eine fantastische, epochale Erkenntnis. Über die Qualität von Masse und Energie sagt sie allerdings nichts aus. Niemand, nicht der genialste Physiker kann sich unter Energie, Masse, Ladung etwas Substanzielles, Konkretes vorstellen. Auch die kleinsten Partikel unserer Welt, die Bausteine der Atome wie Quarks, Leptonen und Bosonen sind unvorstellbar. Quanten und der Wellen-/Teilchendualismus sind im Grunde auch nur Konzepte, aber keine anschaulichen Objekte. Die Welt im Kleinen entschwindet in eine Sphäre, die nur noch mathematisch und mit Hilfe von Teilchenbeschleunigern samt hochkomplizierten Detektoren erschlossen werden kann. Was wir als kompakte Materie wahrnehmen, ist in Wirklichkeit fast nur leerer Raum mit unvorstellbar winzigen Partikeln darin, die in Summe vielweniger als 1 Promille des Volumens ausmachen. Nun kann man fragen, warum wir dann nicht mühelos durch eine Wand gehen können, wenn weniger als ein Tausendstel des Volumens eines Wandstücks aus fester Materie besteht und der Rest aus leerem Raum dazwischen (für unseren Körper gilt das Gleiche). Die Antwort, die die Physik gibt, ist die, dass die Hüllen (bestehend aus Elektronen, negativ geladen) der Atome einander abstoßen (weil gleichnamige Ladungen einander abstoßen). Mal ganz einfach gesagt. Aber das nur nebenbei. Wo war ich? Ach ja, Anschaulichkeit. Ist in der subatomaren Teilchenphysik und erst recht der Quantenphysik nicht weit her damit. Warum können wir uns dennoch ziemlich sicher sein, dass die Aussagen der Physik mit der Wirklichkeit irgendwie übereinstimmen?


    Weil, und das ist der fundamentale Unterschied zur Metaphysik, weil wir Experimente bestimmen und durchführen können, deren Ergebnisse wir messen und entsprechend deuten können. Bis Galileo galt die Behauptung von Aristoteles, dass schwere Körper schneller zu Boden fielen als leichte, die Fallbeschleunigung also proportional mit dem Gewicht zunähme. Galileo widerlegte diese irrige Annahme, indem er verschieden schwere Kugeln vom schiefen Turm zu Pisa zu Boden fielen ließ, wobei sich zeigte, dass alle Kugeln gleich schnell zu Boden fielen (wenn man mal den Luftwiderstand ausser Acht lässt). An diesem einfachen Beispiel zeigt sich, was ein Experiment ist: eine Frage an die Natur. Wobei die Natur ausnahmslos und zuverlässig unter gleichen Bedingungen immer die gleiche Antwort geben wird. Das unterscheidet sie nämlich von uns Menschen im Allgemeinen und von Philosophen im Besonderen.


    Physik und Philosophie. Das ist wie eine nie endende Bergtour und ein Spielfilm über eine solche. Die Physiker mühen sich an der Natur ab, experimentieren, vergleichen die Ergebnisse mit den Vorhersagen der Theorie, korrigieren, verwerfen die Theorie, stellen eine neue auf, die besser mit den Experimenten koexistieren kann, sie sterben und geben die Staffel weiter an die nachfolgenden Physiker, die weiter steigen, auf einen Berg, dessen Gipfel sie nie erreichen werden. Doch sie sind auf dem Berg unterwegs. Anders die Philosophen. Um im Bild zu bleiben, steigen sie auch auf einen Berg, doch sie sitzen bequem im warmen Stübchen und gucken einen Film über eine Bergbesteigung, die sie kommentieren. Sie stellen Vermutungen an, spekulieren über die Beschaffenheit des Eises, des Gesteins, über die Höhe des Gipfelkreuzes, über das Wetter, über die Erfolgsaussichten der Expedition, über das Ziel, die Herkunft der Bergsteiger und vieles andere mehr. Aber, sie sind nicht am Berg, werden ihn nie in realiter sehen, geschweige denn selbst einen Fuß darauf setzen. Nicht weil sie zu faul dazu wären, sondern, weil ihnen der Berg nicht zugänglich ist. Sie sind gefangen in ihrer Stube, vulgo ihrem Oberstübchen. Die einzige Verbindung zur Welt ist die Möglichkeit, mit anderen Philosophen zu korrespondieren. So sie noch leben. Und die Crux an der G'schicht: jeder Philosoph sieht seinen eigenen Film. Entsprechend der Zank, wer wohl den richtigen Film sieht. Na gut. Wollen wir das Gleichnis nicht über Gebühr strapazieren. Jedes Bild fällt aus dem Rahmen, wenn man nur genau genug hinschaut.


    Und nun? Wer glaubt, ich mache mich über die Philosophie und ihre Protagonisten lustig, irrt. Ich glaube, dass die Fragen der Philosophie uns Menschen in die DNA gewebt sind. Wir müssen sie stellen, auch wenn wir längst wissen, dass wir keine Antworten darauf finden können. Auf die letzten Fragen. Daher, philosophiert ruhig weiter Leute, ihr werdet weder die Welt erkennen noch verändern. Aber unsere Neugier braucht einfach diesen Spielplatz, um sich auszutoben.


    Und die Physik? Sie raubt mir den Verstand. Weil sie sich so weit von meiner naiven Weltsicht entfernt hat - in abstrakte, virtuelle, unvorstellbare Konzepte, die, wohlgemerkt, von den Ergebnissen ihrer Experimente gestützt, ja gefordert werden - , dass ihre Beschreibung der Welt jedes Verständnis von Otto Normalbenzin bei weitem übersteigt. Raumzeit, Krümmung der Raumzeit, Quantentheorie, Urknall, Schwarze Löcher, Dunkle Energie, Dunkle Materie und vieles andere mehr, sie sind nicht nur unvorstellbar weit weg von meiner naiven Alltagserfahrung, sie sind auch nur mehr mathematisch beschreibbar. Das ist die einzige Sprache dafür.


    Die Welt also eine monströse Gleichung und meine Welterfahrung bloß ein Abklatsch, Schatten davon? Wem käme da nicht Plato und seine Höhle in den Sinn. Womit wir wieder bei der Philosophie wären. Da reichen einander Physik und Philosophie die Hand. Ist das nicht schön?


    ***

  21. #96
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    2022, eine Fortsetzung.


    ***


    Fremdheit. Vertrautheit. Verlassenheit. Geborgenheit. Das Wanderermotiv. Bevor es hier noch allzu romantisch wird, und nein, keine Winterreise und keine Wandererfantasie, das Gefühl der Fremdheit kennt wohl jeder. Meist ist es äusseren Umständen geschuldet, wenn wir in einer fremden Umgebung unter uns unbekannten Menschen weilen. Oder eine exotisch anmutende Landschaft durchstreifen, oder urplötzlich, wenn dich wie aus heiterem Himmel eine eiskalte Hand umfängt, du weisst nicht warum, weshalb, wieso gerade jetzt, es ist so, von einem Nu zum anderen fühlst du dich aus der Welt gefallen, als den einsamsten Menschen der Welt. Ich weiß nicht, ob andere diese Erfahrung gemacht haben, ich kenne sie. Und sie ist alles andere als romantisch, alles andere als bittersüß oder wehmütig sehnsüchtig. Sie ist brutal, du wankst, du stürzt im freien Fall ins Bodenlose. Das nenne ich eine existenzielle Erschütterung bis auf den Grund des Daseins.


    Also ich hab das ein paarmal erlebt. Und was soll ich sagen, so brachial und vernichtend diese Erfahrung war, sie war zugleich unheimlich erlösend, ja erheiternd. Du spürst, dass alles nichts ist. Deine ganzen Klammerreflexe, deine dir eingeprägten Selbsterhaltungsstrategien, sie alle wirken lächerlich, grotesk, bizarr. Einerseits macht dir dieser ungebremste Sturz ins Schwarze Angst, andererseits schaust du erheitert und belustigt zu, wie der Zuseher eines Films. Es ist kaum zu beschreiben. Und wie es gekommen, ist es wieder dahin. Du landest nicht im Nirvana, nicht in der Hölle, nicht im Himmel, du strandest auf der Erde in deiner beliebigen Existenz, deinem unbedeutenden Leben. Und es bleibt nur eine schwache Erinnerung, ein Abglanz dieses kuriosen Erlebnisses haften.


    Was war das? Ein Gehirngewitter, Kurzschluss in ein paar Ganglien, Neuroneninfarkt oder aussersinnliche Wahrnehmung? Weder noch. Es war ein Moment der Klarheit, einer clairevoyance, wie der Franzose sagt. Für einen Moment siehst du dich und die Welt, wie ihr wirklich seid. Also was ist schon wirklich. Hatten wir bereits. Aber, soweit die Wirklichkeit mir armem Würschtel zugänglich, soweit habe ich für einen Augenblick hinter den Schleier der Maya geblickt, mich für einen Moment in Platos Höhle umdrehen können und einen kurzen Eindruck von Dem da draussen erhaschen können. Oder so. Wem das alles zu pathetisch oder überkandidelt klingt, den kann ich verstehen. Weil ich verstehe ja selbst nicht, was in diesen Momenten passiert.


    Ich rekapituliere. Die Erfahrung, dass du aus deiner vertrauten Welterfahrung ins Abseits fällst, blitzartig und unvermutet, die ist einfach da. Oder nicht. Aber sie ist möglich, weil selbst erlebt. Sie korrespondiert mit einer anderen mir ohnehin schon ein Leben lang geläufigen. Der nämlich - mir fällt auf, dass 'nämlich' immer seltener verwendet wird, am Aussterben ist - also der nämlichen mir geläufigen Erfahrung, dass immer eine Grenze, eine Trennung zum anderen Ich bestehen bleibt. So innig kann gar keine Liebe, Freundschaft oder kein familiäres Band sein, als dass nicht immer eine unüberwindbare Blut-Hirnschranke bestehen bliebe. Ich kann meinem Gegenüber - Frau, Mann, Geliebte, Kind, Mutter, Feind, was auch immer - nie, nie und nimmer in den Schädel kriechen, ins Herz schlüpfen, in sein oder ihr Denken und Fühlen dringen. Ich bleib da immer draussen. Und du auch. Da kannst gar nix dagegen machen. Wir sind immer allein, separiert. Wir müssen deshalb nicht einsam sein, aber allein sind wir immer. Egal, wie viele um uns rum sind.


    Also, was ich nicht nachempfinden kann, ist eine Schwangerschaft samt Geburt. Kann da diese Schranke überwunden werden? Sind Mutter und Kind eins, irgendwann und sei es nur für einen kurzen Moment? I don't know. Gibt's Studien? Hier bin ich als alter, weißer Mann völlig überfordert und inkompetent. Philosophisch, vernünftig, aus der Erfahrung heraus, der existenziellen, allgemeinen und individuellen würde ich behaupten: Nein. Auch Schwangerschaft und Geburt schaffen keine Verschmelzung, vollständige Vereinigung zweier Lebewesen. Alles, was in Raum und Zeit auseinander geht, ist nicht identisch. In diesem Fall hätte mein guter lieber Walter, mein alter Deutschlehrer am Gymnasium, recht. Und lieber Walter, das gönn ich dir von Herzen. Dass du auch mal recht hast. Zwei Dinge können nicht zugleich am selben Ort sein. Und deshalb können zwei Dinge auch nicht identisch sein. Also makroskopische Dinge wie Herzen, Hirne, Menschen und Götter. Bei Elementarteilchen sieht das möglicherweise anders aus. Aber das ist eine andere Geschichte.


    Es gibt da diese alte Geschichte vom Hermaphroditen, einem Wesen, Mann und Frau zugleich. Eine ziemlich verworrene Geschichte. Und heute, in Zeiten wechselnder, unbestimmter Identitäten überhaupt nur schwer zugänglich. In einer Version verschmelzen Hermaphrodit und eine Nymphe zu einem Zwitterwesen, zwei Individuen summieren, integrieren sich, fließen zusammen zu einem einzigen. Eine schöne, typisch griechische Geschichte. Die alten Griechen waren da immer schon weiter, offener, moderner. Nicht so katholisch verklemmt und verschämt. Aber was sagt mir dieser Mythos? Ich fürchte, mir fehlt der klassisch gebildete Hintergrund, die antike Weitläufigkeit, um ihn richtig zu deuten. Aber der Wunsch des Menschen, sich mit einem anderen zu vereinen und dadurch ganz zu werden, der dürfte ziemlich alt sein. Früher waren das natürlich ein Mann und eine Frau. Heute würde das als altmodisch verzopft sofort gedisst und gecancelled werden. Mann und Frau, was für ein überwutzeltes, bipolar festgefahrenes Konzept. Die Identität ist frei. Frei wählbar, frei veränderbar. Oder doch nicht?


    Ich beobachte viele krampfhafte, verkrampfte, verkopfte Versuche von besonders woken Personen, sich diesen Genderliberalismus zu eigen zu machen und danach zu leben. Ich fürchte, das geht schief. Ich habe ein biologisches Geschlecht. Jeder hat eins. Bei manchen ist es vielleicht nicht eindeutig. Mag sein. Ich bin kein Genetiker. Und natürlich gibt es auch eine soziale Identität. Und beide sind selten vollkommen deckungsgleich. Aber daraus zu schließen, es gäbe gar keine sexuelle, biologische Verfasstheit, diese sei irrelevant und von der sozialen Identität dominiert, der irrt. Glaub ich. Leute, die ihre Biologie verachten und verdrängen, werden mit ihrer sozialen auch nicht glücklich werden. Weil erstere immer die erhoffte Harmonie stören wird. Wir sind eben nicht eins mit uns. Da ist immer die Biologie und auch immer der soziale Überbau. So sind wir nunmal. Und wo bin ich? Was hat das alles mit Fremdheit, Vertrautheit zu tun?


    Na ja, eine eher romantische, idealistische Lesart des Hermaphroditismus ist, dass zu jedem Menschen ein zweiter existiert, der allein und vollkommen zu im passt, die andere Hälfte sozusagen. Und Mensch erst dann Frieden findet, wenn er mit diesem Dualwesen vereint und in ihm aufgegangen ist. Ich bin also nur die eine Hälfte von mir selbst. Und da draussen in der Welt, im weiten All west irgendwo meine andere Hälfte. Und wir werden nicht ruhen, bis wir einander nicht begegnet und gefunden. Sind und Haben. Na ja, klingt alles sehr, sehr nach deutschem Idealismus. Das wäre immerhin eine Erklärung für das uns nie verlassende Gefühl der Unvollkommenheit, des Mangels, der Unzufriedenheit. Die Welt ist mir solange abhanden gekommen, solange ich die einzige, perfekt zu mir gehörende Wesenshälfte nicht gefunden habe. Ja, schon schön irgendwie. Man könnte fast dran glauben wollen. Doch alles, wirklich alles, was wir wissen und erfahren, spricht nicht dafür. Gehört wohl zu den Wunschvorstellungen des hier auf Erden vorübergehend weilenden Verstandestiers, das sich mit seiner Unvollkommenheit so gar nicht zufrieden geben will.


    Eine Gemeinsamkeit allerdings teilen wir. Eben die, dass wir im Grunde und am Ende alle allein durch diese Existenz stolpern. Jeder stirbt für sich allein. Wahrlich eine tröstende Vorstellung. Ich gehe den letzten Weg ganz mutterseelenallein. So wie schon alle zuvor. Doch da hatte ich die Illusion der Gemeinschaft, der Gemeinsamkeit. Die wir fast alle teilen. Ja, beides ist zugleich Realität: Gemeinsamkeit und Alleinigkeit. Zwei Seiten derselben Existenz. Und ist ja auch gut so. In einer physikalischen Welt geht die Durchdringung eben nicht so weit, wie in einer geistigen. Imaginierten. Deren Vorhandensein mehr als dubios erscheint. Weil, wo sind all die Geister, wenn man sie braucht? Warum diese Trennung zwischen Diesseits und Jenseits? Wo ist mein Geist, wenn ich schlafe, bewusstlos bin, narkotisiert? Wie kann sich ein immaterielles Agens durch materielle Interventionen so total abschalten lassen, dass seine Bewusstheit weg ist? Bis dass das Gehirne wieder einschaltet. Das macht mir den Spiritualismus doch sehr, sehr supekt. Ist wohl auch bloß so eine Wunschvorstellung von Leuten, die mit ihrer Endlichkeit nicht zurecht kommen. Na gut, wenn's ihnen hilft.


    Noch was? Ach ja. Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus. Das Motto meines Lebens. Könnte ich sagen. Würde ich unterschreiben. Ich fühle mich bis heute auf der Erde wie ein Alien. Wahrscheinlich ein frühkindliches Trauma. Oder ein Gendefekt. Oder ein evolutionärer Vorteil gar? Wer will das schon wissen.


    Und, ach ja. Bevor ich's vergeß. Mir kommt dieser trendige, woke Geschlechteridentitätsrelativismus vor wie eine verkappte, neue Körperfeindlichkeit. Der back-lash der sexuellen Befreiung, gegenphasiges Echo auf die 68-er, Begleiterscheinung eines mißverstandenen Feminismus. Was nun? Vielleicht von allem ein bisschen. Jedenfalls sehr katholisch. Der Körper als Symbol für toxische Männlichkeit, als Werkzeug der Unterdrückung, als Einfallstor für Rassismus und Biologismus. Dabei übersehen die transgender, multipolaren Identitäten, dass sie selber es sind, die mit ihrer Fixierung auf die soziale Konstruktion des Geschlechts, ihrer totalen Ablehnung des biologischen Geschlechts eben diesem jene Bedeutung zumessen, die sie ihm entziehen möchten. Hm, was für ein Satz. Könnte aus einer berliner Verordnung zur gendergerechten Sprache stammen.


    Schluß mit all dem Unfung. Ich schließe mit einem Lieblingssatz von mir. Romantisch. Text von Georg Philipp Schmidt von Lübeck, vertont vom Schubert. Im Original heisst es, 'Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück', abgewandelt sage ich, 'Dort, wo ich nicht bin, dort ist das Glück'. Denn, ich kann ja schließlich nicht überall sein.


    ***

  22. #97
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Raum und Zeit. Raumzeit. Zeitraum. Also ich kann darüber sicher nichts Neues sagen. Aber dieses Raum-Zeit-Konstrukt fasziniert mich seit ich einigermaßen denken kann. Ich möchte nicht all die bekannten Bonmots und Anekdoten wiederholen, die sich mit Raum und Zeit befassen und angeblich von Aristoteles über Augustinus bis hin zu Ein-Stein stammen. Ich möchte für mich ausmessen, was mein sehr bescheidenes Denken über Raum und Zeit herausfinden kann.


    Was wären die Extrempositionen zwischen denen Raum und Zeit denkbar sind? Die erste, die mir einfällt, wäre die solipsistische. Raum und Zeit wären danach, ja was? Vorstellungen, notwendige Voraussetzungen für das, was mein Bewusstsein mir als Welt vorspielt, der Rahmen, in dem Wahrnehmungen stattfinden. Also innerhalb des Bewusstseins. Raum und Zeit besäßen, wie alles andere keine objektive Realität, sondern nur subjektive, imaginäre Fatamorganität.


    Was wäre die andere Extremposition? Raum hätte danach objektive Substanz, besäße die Qualität der Ausdehnung und böte die Möglichkeit der 3-dimensionalen Ortsbestimmung und Entfernungsmessung. Für die Bewegung im Raum bräuchte es allerdings die Zeit. Zeit wäre die Voraussetzung für Bewegung im Raum. Ein Raum ohne Zeit wäre starr, Objekte im Raum könnten sich nicht vom Fleck bewegen. So sagt es mir zumindest meine Erfahrung und die daraus abgeleiteten Vorstellungen. Wäre Ortsveränderung im Raum möglich ohne Zeit, müsste sie instantan, also mit unendlicher Geschwindigkeit vor sich gehen. Und unendliche Geschwindigkeit, das ist wie Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Für meine Logik und in unserer physikalischen Welt unvorstellbar und unmöglich. Eine denkbare Konsequenz daraus wäre, dass alle Objekte zugleich an jedem Ort wären. Noch bizarrer, noch paradoxer, skurriler. Wie gesagt, das sind alles Vorstellungen aus meiner Erfahrung in einer dreidimensionalen Raumwelt und einer unidirektionalen, eindimensionalen Zeitwelt. Wie Raum und Zeit objektiv verfasst sind, entzieht sich meiner Wahrnehmung. Und a priori kann ich nichts Sinnvolles darüber aussagen. Raum und Zeit wären demnach keine angeborenen, intrinsischen Qualitäten meines Bewusstseins. Ich glaube auch mal gelesen zu haben, dass ein Embryo bzw. ein Neugeborenes die Vorstellung von Raum und Zeit erst nach und nach in sich aufbaut, Raum und Zeit quasi in ihm entstehen durch die Sinneswahrnehmungen, die es macht. Was natürlich die nicht uninteressante Frage aufwirft, wie ein bewusstes Erleben ohne die Dimensionen Raum und Zeit wohl beschaffen sein mag ....


    Also, es ist gar nicht so einfach mit Raum und Zeit. Gänzlich unvorstellbar und bizarr wird es, wenn man - wie Einstein und die Folgen - Raum und Zeit zu einer vierdimensionalen Raumzeit vereint. Widerspricht jeder Erfahrung, übersteigt die Vernunft, den Verstand und unser Vorstellungsvermögen. Und, das ist nunmal nicht wegzuwischen, alle Experimente, Messungen und mathematischen Schlußfolgerungen unterstützen dieses absurde Konzept. Wir scheinen, was die Naturwissenschaft nahe legt, tatsächlich in einer Raumzeit zu leben. Warum haben wir dann keinen Sinn dafür? Weil, so sagen die Physiker, Raumzeit erst in den Größenordnungen von unserer Alltagserfahrung abweicht, die uns makroskopischen Tieren unzugänglich sind: in der unermeßlichen Weite des Kosmos bei Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit und in der unvorstellbaren Realität des Allerkleinsten, der Quantenwelt. Als makroskopische, in den mittleren Größenordnungen angesiedelte Viecher können wir diese Grenzerfahrungen nicht unmittelbar erleben, sondern nur via Experimenten, Messungen und daraus abgeleiteten Theorien schlussfolgern. So weit - so schlecht für unsere Versuche, die Welt zu erkennen.


    Apropos Raumzeit. Mich würde interessieren, wie Einstein auf dieses verrückte Konzept kam. Leider findet sich darüber nicht viel in der Literatur. Und er selber scheint sich auch ausgeschwiegen zu haben. Ich vermute mal, es war eine rein abstrakte, mathematische Konsequenz beim Aufstellen seiner Allgemeinen Relativitätstheorie. Die mathematische Grundlage dafür lieferte wohl ein Mathematiker namens Herbert Minkowski mit seinem nach ihm benannten vierdimensionalen Minkowski-Raum. Wie auch immer, ich bin kein Wissenschaftstheoretiker und -historiker, Minkowski und Einstein bilden jedenfalls ein zweidimensionales, symbiotisches Wissenschaftsmyzel.


    Weiter im Raum, in der Zeit. Wenn schon Raumzeit nur mathematisch beschreibbar, sinnlich nicht erfahrbar und vernünftig nicht vorstellbar, dann dräut sich mir die Ahnung an die Backe, dass Raum und Zeit, wie ich sie erfahre und verstehe, ein Übersetzungsprodukt meines Körpers sind. Die Sinne empfangen visuell, akustisch, haptisch und vermittels des Gleichgewichtssinns Signale, die mein Denkeisen zu einer Vorstellung von einem Raum verknotet. Die Zeit ist das Sahnehäubchen drauf, weil eben alles seine Zeit braucht. Weil mein Körper, massebehaftet, gravitativ und trägheitsbehaftet nie nicht nimmer in die Nähe der Lichtgeschwindigkeit sich beschleunigen kann und deshalb nicht den von 1-Stein und seiner Allgemeinen Relativitätstheorie vorausgesagten Stillstand der Zeit je erfahren wird. Tatsächlich gemein, all-gemein.


    Wo bin ich? Immer noch Raum-Zeit-gefangen und wissenschaftsgläubig unterwegs. Und jetzt nehm ich mal eine kleine Aus-Zeit, biege ab in eine Raumblase und spinne mal vor mich hin. Selbst Ein-Stein mit seiner allgemeinen, universalen Relativität setzt doch - in meiner bescheidenen und begrenzten Vorstellung - voraus, dass der Raum in sich gleichförmig, kontinuierlich, unverzerrt, ungedehnt und ungestaucht überall vorhanden ist. Oder irre ich? Wäre der Raum biegbar, variabel, maßstäblich flexibel, wären Längen nicht Längen, nicht vergleichbar, veränderlich, der ganze Kosmos mit seinen unvorstellbaren Ausdehnungen könnte in sich schrumpfen in eine Richtung, sich dehnen in eine andere, Entfernungen wären so verlässlich und unveränderlich wie Wasserstände, Börsenkurse oder moralische Kompasse von Kirchen und Konfessionen. Die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit würde zu einem ziemlichen Hürdenlauf, einer beachtlichen Herausforderung für das Licht und seine Träger, die Photonen. Müssten sie doch ihre Geschwindigkeit dem jeweils geltenden Metrum des Raums, dem Maßstab der Raumgeometrie anpassen. Oder doch nicht? Es könnte ja auch ein göttlicher Tacho die Geschwindigkeit jeweils der Raumgeometrie anpassen und somit dem Licht diese lästige Arbeit abnehmen. Ist albern ja. Doch die Frage dahinter ist doch, wie sicher können wir sein, dass der Raum ein gleichmäßiges Kontinuum von Längen (gleicher Länge) sei und, ja wie können wir überhaupt feststellen ob gleiche Längen gleiche Längen sind? Angenommen zwei aneinander grenzende Raumabschnitte mit unterschiedlichem Längenmaß. Wie, ziemlich bescheuert? Ja, ok, doch wir wollen doch die Grenzen unserer Vorstellung und damit die Vorstellung vom Raum austesten! Angenommen ein Auto mit gleichförmiger Geschwindigkeit führe von dem einen Raumabschnitt in den andern. Und angenommen, 1 Meter im ersten entspräche 2 Metern im angrenzenden Raumsektor. Was würde passieren? Ich sehe zwei mögliche Konsequenzen. Erstens, das Auto führe im zweiten Raumteil mit halber Geschwindigkeit, weil es ja die doppelten Entfernungen zurücklegen müsste bei unveränderter, ja was, Geschwindigkeit??? Ich sagte doch halbe Geschwindigkeit. Und jetzt plötzlich wieder unveränderte Geschwindigkeit? Kommt halt auf den Maßstab an. Also, im ersten Fall führe das Auto beim Übertritt vom einen in den anderen Raumteil mit der halben Geschwindigkeit relativ zum verlassenen Raumteil. Ein Fahrer, würde er es bemerken, würde er mit der Birne gegen die Windschutzscheibe knallen oder nicht? Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung. Intuitiv glaube ich, er würde nichts bemerken und glauben mit unverminderter Geschwindigkeit weiter zu fahren. Was zeigte der Tacho? Gleiche Geschwindigkeit, halbe Geschwindigkeit?


    Die Frage ist doch, bleibt die Tachoanzeige konstant? Dann müsste sich die Geschwindigkeit im 2. Raumteil verdoppeln. Oder bleibt die Geschwindigkeit konstant, dann würde die Tachoanzeige auf die halbe Geschwindigkeit fallen. Absurd, oder? Und überhaupt, was macht der Begriff Geschwindigkeit noch für einen Sinn, wenn sich die Raumgeometrie und damit die Längen ändern? Geschwindigkeit ist doch Weg/Zeit, also zurückgelegte Entfernung pro Zeit. Wenn sich jetzt die Entfernungen dehnen oder stauchen, reduzieren oder erhöhen sie damit nicht auch die Geschwindigkeit? - Gleichförmigkeit vorausgesetzt. Das macht alles keinen Sinn, weil Gleichförmigkeit ja voraussetzt, dass sich Raumlängen und Zeitläufte nicht ändern.


    Eine weitere Frage stellt sich allerdings in meinem Gedankenexperiment. Wenn sich die Raumgeometrie und damit die Längen und Distanzen ändern, ändert sich damit auch der Lauf der Zeit? Welcher Zeit, der Raumzeit oder der alltäglichen, intuitiv erfahrenen Zeit? Also, wie gesagt, über Raumzeit kann ich nix sagen. Weil ich sie schlicht nicht verstehe und mir nicht vorstellen kann. Die andere, die normale, alltägliche, von mir als immer vom Jetzt ins Demnächst sich fortbewende, lineare, konstante, durch Uhren quantifizierbare Zeit, was geschähe mir ihr bei Diskontinuitäten im Raum? Würde sie sich dem Raum anpassen, beim Sprung des Maßstabs auch ihr Maß analog ändern oder würde sie - konstant und raumunabhängig - ihr Maß beibehalten? Die Frage ist nur sinnvoll und beantwortbar, wenn ich ein absolutes, von allen Raumgeometrien unabhängiges und gleichförmiges Zeitmaß voraussetze. Gibt es ein solches nicht, dann könnte ich Veränderung im Zeitablauf in unterschiedlichen Raumgeometrien nicht feststellen, messen. Dasselbe gälte für den Raum. Gibt es kein absolutes, kosmisches Urmeter, dann sind Änderungen in der Raumgeometrie nicht feststellbar, messbar.


    Es reduziert sich also alles auf die Frage nach einem universellen, absoluten Maßstab für Raum (Distanzen) und Zeit (Dauern). Was Mein-Stein darauf geantwortet hätte, weiß ich nicht. Ich totaler Ignorant und Nichtversteher würde gefühlsmäßig - also wahrscheinlich voll daneben - sagen, das es in einem expandierenden Universum keine absoluten, konstanten Längen geben kann. Dass aber die Relation Länge zu Lichtgeschwindigkeit konstant bleibt. Und deshalb jeder Beobachter innerhalb des Kosmos von der Änderung der Längen nichts mitbekommen kann. Nur einer von ausserhalb, also der liebe Gott oder die Frau Holle oder vielleicht noch Markus Lanz könnten das. Aber darüber sollen sich die Pferde die Köpfe zerbrechen. Hätte meine Oma gesagt.


    Bleibt die nicht unerhebliche Frage, woher der Raum kommt. Also die Physiker sehen das Universum als ein endliches, raumzeitliches Konstrukt. Ich bleibe mal beim Raum. In meiner naiven Vorstellung ist das Universum eine riesige Kugel aus leerem Raum mit vielen Galaxien darein, aber riesigen Abständen zwischen Sternen und Galaxien, sodaß die Dichte des Kosmos insgesamt sehr niedrig ist. Der Raum also fast leer. Der endet irgendwie am Rande des Universums. Was ausserhalb des Universums ist, darüber kann niemand Auskunft geben, weder die Physik, noch die Philosophie, noch die Theologie. Aber die hat ja überhaupt keine verlässlichen Auskünfte zu bieten.


    Dazu kommt, dass das Universum sich ausdehnt. Woher kommt all der dafür benötigte Raum? Entsteht er aus dem Nichts, aus Etwas? Gibt es eine Raumquelle, wenn ja, wo ist die und was speist sie? Ein Blick von aussen auf unser Weltall wäre nötig. Ist aber nicht möglich. Könnte nur Gott leisten. Doch der schweigt. Und von Physik hat er wohl auch nicht viel Ahnung, wenn man so seine bisherigen Offenbarungen durchliest. Also ich liste mal ein paar Fragen zum Raum auf, unverbindlich und unvollständig:


    - das dreidimensionale Universum ist angeblich endlich aber unbegrenzt und dehnt sich aus. Woher kommt der zusätzliche Raum und woher bekommt das Universum den dafür benötigten Raum von ausserhalb? Warum stösst es an keine Grenzen? Ist der Raum - oder was immer da sei - ausserhalb des Universums unendlich?


    - Was ist das für ein Dingsda, in das das Universum sich hinein ausdehnt? Wie ist es beschaffen, hat es mehr als 3 Dimensionen?


    - Woraus besteht leerer Raum? Hat er eine Substanz, Energie? Gibt es mehr als 3 Raumdimensionen?


    - Hat Raum einen eigenen, von den Dingen unabhängigen Bestand oder ist er an die Existenz von Objekten gebunden?


    - Wenn Raum entstehen kann (siehe Ausdehnung des Universums), kann er auch vergehen, verschwinden, schrumpfen? Wohin - blöd, ja ich weiß, aber Sprache ist nunmal auch recht limitiert - entschwindet er dann?


    - Ist Raum kontinuierlich oder besteht er aus winzigen, kleinstmöglichen Raumwürfeln, zusammengesetzt aus sog. Elementarlängen?




    Nun zur Zeit:


    - Woher kommt Zeit? Was bewegt sie, macht sie von einem zum nächsten Moment hopsen?


    - Was unterscheidet einen Moment vom nächsten? Sind alle Momente gleich?


    - Ist Zeit kontinuierlich oder gequantelt, d. h. gibt es eine kleinstmögliche Elementarzeit? (z. B. Planckzeit)


    - Wie verhält sich Zeit zum Raum? Sind beide untrennbar ineinander verwoben (Raumzeit), ja ist das eine ohne das andere gar nicht möglich?


    - Ist Zeit unendlich oder endlich, gibt es unendlich viel Zeit im Universum?


    - Besteht Zeit nur aus Gegenwart oder gibt es auch eine Vergangenheit, eine Zukunft? Wir sind nur und ausschließlich in dem, was wir Gegenwart nennen. Wie kann Zeit vergehen, wenn es nur den einen, gegenwärtigen Augenblick gibt?


    - Hat Zeit einen eigenen, von den Dingen unabhängigen Bestand oder ist sie an die Existenz von Objekten gebunden?


    Fragen über Fragen und alle Vorhänge offen. Fragen, die auch die Physik nicht beantworten kann. Fragen, die auch unsere Vernunft nicht annähernd mit Antwort füllen kann. Fragen, die vielleicht sinnlos, unsinnig, überflüssig. Aber so wie ich mich als Vorschulkind schon damit abgemüht habe, was denn passiert, wenn ich eine Strecke fortwährend halbiere, ob ich da je an das Ende komme, so sitzt da irgendein Dämon in unseren Hirnen und fragt und fragt und fragt. Und weiß selbst nicht, warum.
    War noch was? Ach ja, Leute vergesst es, was Verständliches über Raumzeit erfahren zu wollen. Das Netz ist voll mit Videos zum Thema. Und leer, was brauchbare Information, verständliche Erklärung dazu anlangt. Jeder dieser Mini-Einsteins erklärt euch die Raumzeit und am Ende habt ihr gar nix verstanden. Wahrscheinlich weil keiner versteht, verstehen kann, was Raumzeit ist, sein soll. Doch ohne sie ist die aktuelle Physik undenkbar. Der Kosmos also ein a priori unverständliches, nicht verstehbares Monster? Schaut ganz so aus. Also, von Aussehen kann man nicht wirklich reden. Erscheint uns halt so. Anscheinend. Das alles da. Und noch viel mehr. Jetzt mach ich mal einen Punkt. Dabei gäbe es fast noch so viel über Raum und Zeit zu räsonieren, als das Universum ausgedehnt und die Zeit Raum bietet. Pardon. Was soll ein Zeitraum denn sein? Vielleicht die bessere Bezeichnung für die Raumzeit? Also unter einem Zeitraum stellt sich meinereiner viel mehr und Konkreteres vor, als unter Raumzeit.


    Die meisten Physiker gehen ja davon aus, dass es den leeren Raum an sich nicht gibt. Dass Raum erst durch die Besetzung mit physikalisch messbaren Objekten auf der Bühne erscheint. Nun, ein total leerer Raum wäre nicht feststellbar, von wem auch? Ohne Beobachter und Messobjekten ist ein leerer Raum das, was er ist: eine Hypothese, eine Vorstellung, niemals realisierbar, ein Widerspruch in sich.


    Jetzt mach ich aber wirklich einen Punkt. Bevor noch jemand auf die Idee kommt, was denn eine leere Zeit sei.


    ***

  23. #98
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Positives Denken, Optimismus, Gehirnplastizität, gesund und glücklich durch die richtige Einstellung, Psychodynamik, du bist, was du denkst, in dir ist die Kraft, in deiner Brust sind deine Schicksals Sterne (Schiller). Schiller, Dale Carnegie, Erfolgsschamanismus, Optimismusschwachsinn und Erfolgsgarantie-Scharlatanerie auf einer Ebene? Nichts vernebelt die Gehirne aktuell mehr als der manisch-obsessive Zwang unbedingt zu den - nicht Reichen und Schönen, nein - zu den Gewinnern, Erfolgsorientierten, den Fokussierten, zu denen zu gehören, die man beneidet, zu denen man gehören will: die alles allein schaffen, die sich höchstselbst aus der Gosse in den Himmel der Milliardäre oder wenigstens Selbstzufriedenen hieven, boostern, beamen.


    Mehr noch als Klimawandel, Covid-19, Putin oder die Rechten bedrohen meine Lebensqualität und Gemütsverfassung die schwachsinnigen Erfolgsrezepte und Heilsversprechen der Life-balance-Coaches, der evidenzbasierten Neurobiologie-Gurus, Gehirnplastizitätspropheten, bis-ins-hohe-Alter-bist-du-zur-Selbstermächtigung-fähig-Heilsverkünder, der Empowermentapostel, säkular-theophil-eso-meta-para-super-hyper-öko-Spinner! Der Irrsinn hat inzwischen pandemische Ausmaße erreicht, Politik, die Intellektüllen, die Wirtschaft sowieso und - nona - Theologie und Philosophie völlig durchseucht. Aber die letzten beiden waren mir ohnehin schon immer verdächtig.


    Warum mich das anficht? Muttu ja nicht hingehen, hinhören, hinschauen. Klar geh ich auf keine Erfolgsseminare, Empowerment-jour-fixes, Trommelwochenenden, Mantra-Tantra-Ultra-Exerzitien oder andere Happenings aus dem Wust der einschlägigen Angebote. (Die einschlägigen Seminare aus meiner aktiven Berufszeit haben meinen Bedarf für den Rest meiner Lebenzeit mehr als gestillt) Mir reichen schon die Codes, die aus meinem Kulturradio (OE1 ist wirklich gut, kann ich empfehlen) tönen, die Botschaften aus den News-rooms und Informationszentralen, die liguistischen Konstrukte und posthypnotischen Anweisungen, die alle Nachrichten durchwuchern und sich in mein plastisches Gehirn einschleichen. Du brauchst kein Intensivseminar irgendeiner Sekte oder schrägen Selbsterlösungsloge besuchen, um nicht andauernd bestrahlt, belabert, belagert, befeuert zu werden mit dem ganzen Irrsinn säkularer, dies- und jenseitiger Heilsversprechungen. Ach was sag ich, Versprechungen? Nötigungen! Das trendige mach-was-aus-dir-stalking strahlt dir überall entgegen. Wieso sollte ich 'was' aus mir machen? Kann mir das mal jemand erklären?


    Vielleicht hab ich ja eine Erfolgsphobie, vielleicht reagiere ich ja hypersensibel auf diese Alles-wird-gut-Ideologie, vielleicht bin ich ja allergisch auf alles, was nach Optimismus riecht? Mag sein. So bin ich halt, ein verdriesslich-verdrossener Weltverdruß. Ist mir aber immer noch lieber, als mich in die Reihen und Glieder der rosa Brillen-Myopieer einzunesten.Vielleicht bin ich aber auch nur ein frustrierter, enttäuschter, unfähiger und verbitterter Loser. Mag sein. Mag alles sein. Dann nehme ich mir halt die letzte Freiheit, die mir verbleibt und verweigere mich dieser Schönwetteroptik der Erfolgscoaches, Selbstermächtigungsgurus und In-dir-ist-das-Heil-verschwörer. In mir ist kein Heil. Basta.


    Und wenn mir jetzt einer kommt und sagt: Mann, das ist ja krank, das ist ja nicht normal, du brauchst Hilfe, professionelle Hilfe, therapeutische, pharmazeutische oder pränatal diagnostische oder was weiß ich. Dem erwidere ich ganz cool, in meiner Mitte ruhend, aus meiner Mitte heraus: Lieber Freund, du mit deiner Ponyhof-Kindergeburtstagspsyche und deinem Heile-Welt-Gemüt, du hast leicht reden. Du würdest nichtmal 10 Prozent meiner Verfasstheit für eine Woche aushalten, geschweige denn ein ganzen Leben. In Wahrheit und Wirklichkeit bin ich der Held, der diese innere Verworfenheit und dystopische Hoffnungslosigkeit schon ein Leben lang meistert! Ich bin der Herr über mein beschissenes Schicksal und ich kenne keinen, mir ist noch niemand begegnet, der das, was ich täglich schultere, auch nur annähernd ertragen hätte! Ich bin der Held, dagegen bist du ein ahnungsloser Schwätzer!


    Ja, so oder so ähnlich würde ich dem begegnen, der mir Schwäche, Kapitulation, Defätismus, Wehrkraftzersetzung, Verrat oder Selbstbeschädigung vorwürfe. In der Tat haben die leicht reden und leben, die von Irritation, Zweifel, Depression und anderen diabolischen Anfechtungen verschont ein gemütlich, zufrieden Dasein genießen. Wer nichts zu tragen hat, kann leicht traben. Wer keine Verzweiflung kennt, hat leicht reden. Was soll ich also auf solches Geschwätz geben?


    Was aber sagen nun die Medizin, die Psychiatrie, Neurobiologie, Psychologie und andere Logien und Ismen dazu? Was ist gesund, normal, was nicht? Sind die Life-science-Gurus, die Wellnessbotschafter, die Yin-Yan-Priester und kosmischen Harmoniebeauftragten die Bekloppten oder sind es die mieselsüchtigen Misanthropen, melancholischen Weicheier und notorischen Pessimisten? Tja, was soll ich sagen? Bin ich doch befangen. Meine persönliche, subjektive Wahrnehmung ist, dass sich die akademisch, ethisch und evidenzbasiert unterfütterte offizielle Medizinfraktion eindeutig auf die Seite der Optimisten, Moralisten und Evangelisten geschlagen hat. Ihr Heil lautet: Tu, was ich dir sage und alles wird gut. Und wenn nicht, selber schuld, was hast du dir auch für scheiss Gene, überforderte Eltern und was für ein verficktes, soziales Umfeld ausgesucht! Aber, nicht verzagen, wir haben die richtigen Pillen für dich und deine pathologische Hirnchemie.


    Tja, irgendwie schizophren. Einerseits betont die so fix und foxi auf Evidenz basierte Heilswissenschaft den absoluten Primat ihrer Pillen, Tropfen und therapeutischen Interventionen, andererseits vermitteln sie dir: Mensch, reiss dich zusammen, laß dich nicht gehen, du bist selber schuld an deinem Unglück, du bist ein Loser, mach mal, steh auf und geh, nimm deine Krücken .... dein Hirn ist immer noch plastisch, du kannst immer noch lernen, du kannst, du sollst, du musst ...


    Mit ihren chemischen Bomben im Tornister haben die evidenzblasierten Weißkittel den homöopathischen Kleinkaliberschützen gegemüber natürlich die therapeutische Nase vorn. Ihre Zielgenauigkeit lässt allerdings zu wünschen übrig und die Kollateralschäden, sprich Nebenwirkungen der Psychopharmaka übersteigen oft den Nutzen. Sonst herrscht in Kreisen psychiatrischer und psychotherapeutischer Expertise eindeutig die Krise und Hilflosigkeit, kaschiert durch ein Fachchinesisch und Expertenkauderwelsch. Sagt nur keiner nicht. (Des Kaisers neue Kleider) Weil sonst das Vertrauen der Kundschaft völlig im Stimmungskeller, sprich im Arsch wär. Und der Zulauf zu den alternativen Wunderheilern noch stärker. Aber wie komm ich jetzt darauf?


    Ach ja, positiv denken! Selbst das Schicksal lenken. Sein Leben in die Hand nehmen. (Nicht nur dein bestes Teil) Du kannst das! Psychodynamische Leitsätze und Slogans dieser Kragenweite liegen überall herum wie der Staub auf dem Nippes, der Schnee auf dem Gestern. Jede Aera hatte ihre Schönfärber und Berufsoptimisten, Jubelperser und Opportunisten. Und die Gegenfraktion, die Miesmacher und Spaßverderber.


    Wie könnte es anders sein, die gewerbsmäßige Erfolgsmaschenproduktion kam aus den USA des 19. Jahrhunderts. Da traten säkulare Heilsverkünder auf, schrieben Bücher am laufenden Band, der sogenannte New Thought oder auf gut Deutsch die Neugeistbewegung vermantschte Christliches, Theosophisches, Buddhistisches, Hinduistisches und was auch immer zu einem weltlich-praktischen Erfolgsrezeptsammelsurium dessen bekannteste Vertreter Dale Carnegie (ja der aus der Carnegie-Hall), Joseph Murphy und Napoleon Hill waren, um nur 3 aus 3333 zu nennen. Natürlich schwappte die Welle auch über den Atlantik und seitdem beglücken unzählige Erfolgsversprecher und Glücksbringer auch das deutschsprachige Publikum. Ich erstrunze, verbischofe und zerdahlke mir die Namen. Eine Seminarindustrie überschwemmt seither die dürstende Interessentenschar mit Erfolgskursen, persönlichkeitsbildenden Exerzitien, von der Volkshochschule bis zum Kloster, überall kannst du fündig werden. Firmen schicken ihre Führungskräfte samt Nachwuchs auf einschlägige Veranstaltungen und dauergrinsende Trainer und Coaches machen damit ein Heidengeld.


    Warum ich das alles erzähl? Weil sich diese Platitüden inzwischen überall breit gemacht haben. Wer nicht erfolgsorientiert herumhampelt, wer nicht die Key-words des durchsetzungsfähigen Konkurrenten auf der Zunge führt, wer nicht die Codes kennt und zu gebrauchen weiß, die Führungsanspruch und Unternehmergeist verraten, der ist sowieso unten durch. Coaching und Consulting, auf bieder Deusch Beratung sind unverzichtbare Ingredienzien des Erfolgs. Wer was auf sich hält, hält sich einen Stab von Beratern und Coaches. Auf den höchsten Ebenen von Politik, Wirtschaft und Kultur wimmelt es nur so von Beratern. Unsummen versickern in PR und Werbung, Präsentation und Marketing.


    Autsch. Wo bin ich? Was wollte ich? Hab mich wieder mal verrannt. Und bin doch ganz auf den Punkt gekommen. Den Tiefpunkt. Da, wo ich hingehör. Wie es sich gehört. Als einer, dem jeder Code die Pickel aufplatzen lässt, der diese Hampelmänner nur lächerlich findet, dem jede Kumpanei verdächtig und Erfolgsanbetung als Teufelszeug erscheint. Da isses wieder. Dieses Gefühl der Fremdheit, Entfremdung.


    Oder isses nur der Neid des Erfolglosen? Von mir aus. Ich kann damit leben. Ihr nicht, liebe Erfolgsjunkies.

  24. #99
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Der Markt. Der Markt regelt das. Die Marktregel ist genau welche? Und welcher Markt? Der Wochenmarkt, der Jahrmarkt, der Supermarkt? Wieviel Markt brauchen wir, wieviel Markt vertragen wir? Und wo markten wir und wo besser nicht? Unsere Wirtschaft ist eine Marktwirtschaft. Sagt man. Also die Ökonomen sagen das. Welche MW, das ändert sich wie der Zeitgeist. Einmal soziale MW, dann liberale MW, dann neoliberale MW und dann wieder reguliert oder dereguliert.


    Viele verkünden, das Heil läge im Markt. Der Markt regle alles zum Besten. Sie sagen nicht dazu, zu wessen Besten und was denn der Markt so alles regle. Die Preise, sagen sie. Diese wiederum Angebot und Nachfrage und vice versa. Und überhaupt liege das optimale, totale, absolute Heil im Wettbewerb. Dieser werde über den Markt ausgetragen. Der Marktplatz ist die Arena des Wettbewerbs. Und der, der sei das Heil an sich. Triebfeder für Fortschritt und Innovation, Motor wachsenden Wohlstands und das einzige perpetuum mobile im ganzen Universum.


    Nun wissen wir, dass Wettbewerb per se nicht schlecht sein muß. Es kommt halt wie immer drauf an. Wir wissen auch, dass kein Wettbewerb - also Planwirtschaft - nicht funktioniert. Also wenigstens für die erdrückende Mehrheit der Werktätigen. Für eine gewisse Oberschicht, die Planvorgeber und ihre Günstlinge, für die lebt es sich nicht so übel in einer Planwirtschaft. Doch der gemeine Mensch, homo vulgaris, wird auf die Segnungen der Planwirtschaft lange warten müssen und diese meist nicht erleben. Vor seinem Ableben. Denn die Suche nach dem richtigen Plan, die dauert. Länger als die Planperiode. Und bis der Plan gefunden, ist er längst obsolet, weil bereits ein neuer oder noch neuerer geplant wird. Was zur Folge hat, dass in der Planwirtschaft stets nach überholten, untauglichen Plänen gewirtschaftet wird.


    Anders in der Marktwirtschaft. Statt des Plans regiert hier der Wettbewerb. Und der ist zunächst mal dem Plan überlegen, weil schneller, dynamischer, flexibler, produktiver. Wird der Wettbewerb allerdings nicht geregelt, sprich ein wenig gebremst hie und da, ist er zügellos und am Ende bringt er entweder seine Kundschaft ums lebensnotwendige Einkommen oder er beutet Mensch, Natur und Ressourcen über alle Maßen aus, sodass am Ende der Zusammenbruch der Gesellschaft, der Ökologie und des Klimas dräut. Wie wir ja alle wissen. Wissen könnten. Manche wollen halt nicht wissen.


    Wir stecken mitten im Teufelskreis von Regulierung und Deregulierung des Markts. Was den einen nicht dereguliert genug, gilt den andern bereits als hemmungslos kapitalistischer Wettbewerbsfetischismus. Wo aber läge das rechte Maß? Leider gibt es kein natürliches, selbstverständliches, evidentes Urmeter für die Sozial- und Umweltverträglichkeit des Wettbewerbs, für die Ausgewogenheit des Marktes. Unterschiedlichste Interessen und Ideologien prallen aufeinander. Die geradezu religiös verehrte Weisheit des Marktes, die Allmacht des Wettbewerbs diverser neoliberal ausgerichteter Denkschulen und die soziale und ökologische Argumentation der Verfechter einer regulierten Marktwirtschaft stehen einander scheinbar kompromisslos gegenüber. Was Adam Smith den einen, ist John Maynard Keynes den anderen. Und Karl Marx? Der Säulenheilige des Sozialismus ist durch die Implosion des real existierenden ebensolchen wohl für immer zum Schreckgespenst aller marktwirtschaftlich orientierten Linken, Mittigen und Bürgerlichen geworden. Dabei hat ihn kaum jemand gelesen. Ich auch nicht. Marx ist der Kant der Ökonomie. Der Marxismus ein Thema für Theoretiker und universitäre Zirkel. Inzwischen völlig in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.


    Mit der Wirtschaft ist das ja so eine Sache. Zum einen bestimmt sie unser gesamtes Leben, unser Arbeiten, Werken, Wirken, Konsumieren, Verbrauchen. Von den basalsten Bedürfnissen bis hin zum überflüssigsten Luxus, von Ernährung, Wohnen, Kleidung, was jeder braucht, bis zu Luxusreisen, Designerklamotten, Schmuck, teuerstem Kunstklunker, exklusiven Hobbies und Finanzprodukten unterliegt alles einem Markt, einer Angebots- und Nachfragelogik. Diese Unübersichtlichkeit und gleichzeitige Totalität des Sammelbegriffs Wirtschaft macht ihn zugleich unbestimmt. Im weiteren Sinn ist jeder Atemzug wirtschaftliche Tätigkeit. Mein bloßes Dasein auf diesem Planeten ist wirtschaftlich bedingt und nimmt zugleich Einfluß darauf. Ich kann gar nicht aus dem wirtschaftlichen Kreislauf ausbrechen.


    Diese Unübersichtlichkeit spiegelt sich in den Wirtschaftswissenschaften wider. Kaum eine akademische Disziplin ist beliebiger, weniger systematisch unterfüttert und in ihren Aussagen und Prognosen öfter von der Realität widerlegt worden. Und dennoch gelten sie als Wissenschaften. Naja, irgendwie sind sie das ja auch. Teilweise. Doch das große Ganze wirtschaftlichen Handelns, vom Einpersonenunternehmer bis hin zum Weltkonzern, vom Mindestrentner bis zum Multitmilliardär ist nicht in einige Formeln zu fassen, entzieht sich oft auch jeder Systematik. Weil die Teilnehmer am Monopoly menschliche Wesen sind, mit irrationalen Motiven, unterschiedlichen Antrieben und divergierenden Absichten. Und immer mehreren Seelen in der Brust: der des Arbeitnehmers mit Angst um seinen Job, der des Konsumenten mit Jagd nach dem Schnäppchen, der des Anlegers zur Mehrung seines Vermögens oder - gar nicht so selten - des manipulativen, die Regeln bewusst brechenden, korrupten oder kriminellen Opportunisten. Das kriegt keine Betriebs-, National- oder Weltwirtschaftslehre unter einen Hut. Na gut. Ich versteh auch viel zu wenig davon, vielleicht auch deshalb meine Skepsis gegen das Gewerbe der akademischen Ökonomen. Das nur noch übertroffen wird von meinem Misstrauen gegenüber professionellen Theologen und Philosophen. Aber ich wiederhole mich.


    Zurück zu Regulierung, Deregulierung. Als ich jung war, waltete die Aera der Sozialdemokratie, des Aufbruchs, Aufbrechens verkrusteter Strukturen, der Durchlüftung des Miefs der Fünfzigerjahre, der Emanzipation der Frau, des Niedergangs der verzopften Biedermeierei, des Anfangs vom Ende der Tyrannei von Kirchen und ihren mittelalterlichen Moraldoktrinen. Usw. Höchst überfällige Gesetzesänderungen wurden gegen den erbitterten Widerstand reaktionärer (Spieß-)Bürgerlicher und Kreuzkatholischer parlamentarisch durchgeboxt: Abtreibung, Ehescheidung für alle, Absetzung des Ehemanns als Familienoberhaupt mit Züchtigungsrecht, das Recht der Ehefrau auf Erwerbsarbeit und ein eigenes Konto (das versteht heute wohl kein nach 1970 Geborener mehr) usw. usw. Wir wähnten uns angekommen im Zeitalter des ewigen Fortschritts, des fortwährenden Vorwärts in eine bessere, freiere, selbstbestimmtere, demokratischere Zukunft. Die Utopie schien in Reichweite. Die Köpfe dazu waren Brandt, Kreisky und Palme.


    Dann kamen die 1980-er Jahre. Tony Blair, Ronald Reagen, Margaret Thatcher, Helmut Kohl und Co. dämpften die Euphorie, stoppten jede gesellschaftliche und soziale Entwicklung, drehten die Räder der Zeit zurück, einzig allein gestört durch diesen naiven, apolitischen Wirrkopf Michail Gorbatschow. Was dabei rauskam, war wirtschaftlicher Neoliberalismus, das Ende der Gewerkschaften, Deregulierung und schrittweise Zerschlagung und Privatisierung wichtiger Dienstleister wie Post, Bahn, Energieversorgung, sozialer Wohnbau et alia. Der Ostblock implodierte mitsamt der Sowjetunion, die Berliner Mauer fiel und alle wähnten das Ende der Geschichte gekommen: ewiger Friede, Wohlstand und der Anbruch paradiesischer Zeiten schienen tatsächlich in Sicht. Der naive Glaube von damals deucht mich rückblickend völlig weltfremd und absurd. Denn die alten kalten Krieger waren nicht weg, schliefen nicht. Sie lauerten in ihren (Schützen)Gräben und warteten nur auf ein Signal zurückzuschlagen. Dieses kam dann in Gestalt von 9-11, ein Fanal, das die ganze Welt verändern sollte. Der Rest ist bekannt: Bush, Rumsfeld und Co. überzogen den Nahen Osten mit Kriegen, wollten Demokratie herbeibomben (was ein Irrtum! oder war's gar keiner?), diktatorische Regime in Nordafrika brachen zusammen oder wurden zusammengebrochen, doch Demokratie nach unserer Lesart wollte nirgends so recht entstehen. Die NATO expandierte aggressiv gen russische Grenze, ein neuer kalter Krieg ist die Folge. Willkommen in der Gegenwart, willkommen zurück in der Geschichte!


    Was das mit dem Markt zu tun hat? Nun, der entwickelte sich von einer - eh nur bei 'uns' - sozial-regulierten Ausprägung zu einer global neoliberalen Variante. In den ehemaligen Ostblockländern noch aggressiver als hier im 'Westen'. Das Motto lautete 'Mehr privat, weniger Staat', Bahn, Post, Energieversorgung, Telekommunikation, sozialer Wohnbau, Gesundheitswesen, viele kommunale Leistungen und anderes, sogar Teile der Renten- und Sozialversicherung wurden zerschlagen, aufgeteilt, filetiert - viele Cleverles und Insider verdienten sich eine goldene Nase, viele aus den öffentlichen und staatlichen Bereichen schnitten feste mit -, die Verlierer waren die Kunden, die Dienstnehmer in den privatisierten Unternehmen und am Ende wir alle. Zwar wurde manches - vorübergehend - billiger wie Telefongebühren, Strom, Gas, weil der hochgelobte Wettbewerb manches Schnäppchen bescherte, doch am Ende - und dem nähern wir uns gerade, am Ende zahlen alle drauf: die Dienstnehmer der 'Privaten', die oft ohne Anstellungsverhältnis als Einpersonenunternehmer zu einem Hungerlohn schuften dürfen; die Kunden der ehemals Verstaatlichten, die sich mit verminderten Leistungen, unsicherer Versorgung, sprunghaft sich ändernden Preisen und einer Unzahl von Vertragspartnern, Vertragsänderungen, Bindungs- und Kündigungsfristen herumschlagen müssen. Es ist wie mit den Billigfliegern, wo sich die Piloten inzwischen die Ausbildung selbst bezahlen müssen und sich horrend verschulden, um am Ende nicht mal einen Job zu kriegen.


    Ein Glück noch, dass bei uns der Privatisierungswahn nicht so total durchschlug wie in vielen anderen Ländern, wo sogar lebensnotwendige Infrastruktur wie Wasserversorgung, das Straßennetz, die Müllabfuhr und das Gesundheitswesen total privatisiert wurden. Und heute teilweise zurück sozialisiert, kommunalisiert, verstaatlicht werden. Den Schutt wegräumen und das Deregulierungs- und Reregulierungsabenteuer bezahlen darf der Steuerzahler.


    Der Markt frisst seine Kunden. Wenn er nicht reguliert wird. Dann bilden sich Oligopole, Monopole und andere Pole. Der Markt ist alles andere als weise und seine 'unsichtbare Hand' (Adam Smith) greift immer nur in die Taschen der Schwächeren und füllt die Säckel der Stärkeren. Drum führt ein ungeregelter Markt am Ende immer zu Oligopolen und Monopolen. Der ungezügelte und deregulierte Wettbewerb, wie gesagt der Motor, die Triebfeder aller Vermarkterei, muß am Ende immer zum Monopol führen. Wenn nicht Instrumente da, die ihn zügeln, regulieren wie ein Kartellrecht, Verbot von Absprachen, eventuell Mindest- und Höchstpreise, Regelungen für Firmenzusammenschlüsse etc.


    Der 'weise' Markt ist eine Mär. Die ihm zugeschriebenen Eigenschaften gleichen denen des jüdisch-christlichen Gottes: Allmacht, Allwissenheit, Allgegenwart. Die Anhänger von Smith sehen das bezüglich des Marktes ähnlich. Sie nennen die Attribute nur etwas anders: der Markt regelt alles, regelt alles am besten und der Markt wirkt überall. Die Weisheit des Marktes ist eine Mär. Wie die Allmacht Gottes. Doch beide bestimmen weite Teile unseres Lebens. Der Mensch scheint ohne Glauben an irrationale Mächte nicht auskommen zu können. Und so sieht's auch aus. Hier. Auf diesem Planeten. In Gottes Schöpfung. Vom Paradies zur Hölle. Gute Fahrt!


    ***

  25. #100
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    AW: Weltumspannende Ausblicke in postcoronale Abgründe

    Gescheit, gescheiter, gescheitert. Genie und Wahnsinn. Was ist dran an dem Cliché vom zerstreuten Professor, dem tolpatschigen, lebensunfähigen Genius, den menschlichen und praktischen Defiziten vieler Hochbegabter? Für Spleens, Ticks, Schwächen und Charakterdellen vieler Hochtalentierter gibt es genügend Beispiele und Anekdoten. Musiker, Maler, Physiker, Politiker und Poeten weisen eine lange Reihe von Käuzen, Originalen, Grenzgängern, Sonderlingen und manchmal verhaltensgestörten Soziopathen bis hin zu Psychotikern auf. Viele dieser Leute verbrannten geradezu in einem Feuer aus Leidenschaft, Schaffensrausch und Arbeitsfuror. Lang ist die Liste der jung verblichenen Künstler, Komponisten und anderer Geistesriesen. Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben, oder den holen sie jung zu sich, oder der stirbt jung. So oder ähnlich lauten die dicta zu dem Umstand, dass auffällig viele genialische Menschen nicht alt wurden. Die Gegenbeispiele gibt es auch. Hier ein paar jung verstorbene Genies wie Mozart, Schubert, Büchner, Trakl, Van Gogh, der illustre Club 27 (Hendrix, Joplin, Morrison, Winehouse ...) und dort die alten Titanen wie Goethe, Beethoven, Bruckner, Leonardo u. v. a. m., nicht zu vergessen Keith Richards. Bei den Beatles war es - wie in der Musik - anders als bei den Stones, die Besten gingen zu früh.


    Aber was hat das auf sich, hat es überhaupt eine Bedeutung, eine über die Wahrscheinlichkeit der Gauss'schen Glockenkurve hinaus gehende Signifikanz? Oder folgt die altersbezogene Sterblichkeit der Promis eh der der Durchschnittsbevölkerung und nur wir Adoranten, Bewunderer, Fans und Afficionados basteln uns daraus Legenden?


    Ohne es durch evidenzbasierte Doppelblindstudien belegen zu können, meine ich, dass die Sterblichkeit der illustren, als Genies gehandelten Figuren keine signifikanten Ausreisser aufweist. Einige starben jung, andere alt und die meisten so, wie wir unbedeutenden Erdenbürger auch. Der Club27, ja er scheint hier ein wenig aus der Reihe zu tanzen, ist es nicht auffällig, dass ein halbes Dutzend von Popikonen mit 27 starb? Wenn man sich aber mal die Anzahl der Probanden, den Lebenswandel, Drogenkonsum und die zweifellos gegebene Addiktion zu ihrer Kunst in Betracht zieht, ist es nicht ungewöhnlich, dass sie ihren Tankinhalt an Lebenskraft relativ früh verbrannt hatten. Es gibt jede Menge anderer, die mit 25, 26, 29, 30 oder 23 und 31 starben. Die sind halt weniger im Fokus.


    Was ich damit sagen will, alle Legendenbildung geht auf die zurück, die sie bilden, konstruieren. Hendrix, Morrison oder Joplin hatten keine Ahnung, wann sie sterben würden und keinen Schimmer von einem Club27. Das haben wir uns zusammengezimmert, weil ja so ein wenig Mysterium auch in Zeiten der Dekonstruktion und Ernüchterung - oder gerade dann - ein bissl wenn schon nicht Nervenkitzel, so doch Zerstreuung und Ablenkung vom drögen, faden, bescheidenen Alltagseinerlei bietet. Und einen Hauch Metaphysik und göttliche oder sonstige 'Vorsehung' wie der unselige A. H. gesagt hätte.


    Nö, ich glaub weder an Bestimmung, Schicksal, noch an Vorsehung. Ich glaub an das Nachsehen. Das ist ein Grundtenor meines Daseins. Das Nachsehen, zwar nicht sexy, geil und groovey, doch auch nicht zu verachten. Wer das Nachsehen hat, sieht immerhin noch was. Im Unterschied zu Verblendeten, Blinden und mit Scheuklappen Behafteten. Wenn ich nachsehe, kann ich immerhin nachschauen und mir überlegen, was ich das nächste Mal besser machen könnte.


    Aber zurück zum Geniekult. Er ist zwar keine Erfindung der Romantik, schoß dort und damals allerdings heftigst und blaublumig ins Kraut. Den Geniekult gab es zu allen Zeiten. Menschen mit besonderen Talenten und Fähigkeiten fielen natürlich auf, wurden verehrt und als von Göttern inspirierte, herausgehobene, gesegnete oder verdammte Individuen gesehen. Das Genie muß ja nicht immer den herrschenden Idealen und Moralvorstellungen folgen. Manchmal eckt es auch an oder revoltiert geradezu. Ob es dann noch von Gott oder vom Teufel inspiriert wird, darüber gibt es keine evidenzbasierten Erkenntnisse. Und was ein Genie ist, das weiß auch keiner so genau. Wahrscheinlich ist es ein hilfloser Versuch, einen Begriff für Menschen und Leistungen zu finden, die die medianen Standards künstlerischer oder wissenschaftlicher Leistungen verlassen und bei weitem übertreffen.


    Was ist überhaupt ein Genie? Ein Mensch mit aussergewöhnlichen, manchmal das Vermögen unseres Alltagsverstands und der wissenschaftlichen Erklärungsmechanik übersteigenden Fähigkeiten, egal auf welchen Gebieten. Das kann alle Genres der Kunst, Wissenschaft und des menschlichen Tuns umfassen. Muhammad Ali war in dem sehr konkreten, physischen und wenig vergeistigten Handwerk des Boxens sicher ein Ausnahmetalent und ein Genie. Ja, ich weiß, manchem Kulturphilister rollen sich jetzt die Zehennägel auf, aber sei's drum. Die kriegen ja schon Schüttelfrost, wenn du Jazz als Musik bezeichnest. Geh weiter, laß sie einfach stehen.


    Und woher stammt dieser Geniekult, woraus speisen sich all die Legenden, Mythen und Sagen über diese aussergwöhnlichen Gestalten, die ja kaum einer der Legendenschmiede selbst gekannt hatte? Teils über die Leistungen und Werke der verehrten und bewunderten Individuen, mehr aber noch aus der Vorstellung, dass nur ein übernatürlicher, göttlicher Geistesblitz oder ganze solcher Gewitter die Seelen der Auserwählten zu ihren Hervorbringungen befähigen konnten. Heutige Neurobiologen und Gehirnforscher sehen das anders, reduktionistischer, banaler. Nach ihrer Auffassung sind Genies einfach Menschen, die mehr von ihrer Gehirnkapazität nutzen. Die mehr an die Grenzen gehen und aus nicht näher spezifizierbaren Gründen die Fähigkeit haben, die vorhandenen Ressourcen und Fähgikeiten der grauen Masse hinter ihrer Stirn intensiver und besser zu aktivieren als die Menge der ungenialischen Leute.


    Und dennoch, das ist noch nicht alles. Es ist zu auffällig, dass 90 Prozent der als Genies gehandelten Merkwürden Männer sind. Es ist so. Also ich bin zwar kein Feminist - so ein Urteil wage ich mir selbst gar nicht zu fällen - doch ich mag Frauen. Also manche. Und die Frau an sich. Ja, also das Feminine per se. Was immer das sei, ich weiß es doch auch nicht. Aber so bipolar bin ich nun mal programmiert. Und will das auch gar nicht ändern. Wo war ich? Ach ja, fast alle Genies sind Männer gewesen, so die Rezeption und vorherrschende Meinung aller Experten des Geniekults.


    Nein, liebe Herren und Mannsbilder, damit kommt ihr mir nicht durch! Die vielen weißhaarigen, glatzerten, bärtigen, blasenschwachen, wamperten, übelriechenden, aus dem Maul stinkenden und kariös be-leu-mundeten als Genies der Nachwelt unterjubelten Schneebrunzer waren nur deshalb Genies, weil ihre weibliche Konkurrenz totgeschwiegen, ignoriert wurde und Berufsverbote auferlegt bekam. Es gibt Legionen von Frauen, die heute keiner kennt, die Entscheidendes in allen Sparten menschlicher Gehirntätigkeit geleistet haben. Hervorragende, teils überragende Komponistinnen, Autorinnen und Physikerinnen (!) - ich sag nur Emmy Nöther, Liese Meitner oder Marie Curie stellvertretend für Centurien anderer bedeutender, unbekannter Wissenschafterinnen - mussten als Lasttiere ihrer in der Öffentlichkeit stehenden männlichen Eitelkeiten die mühsame Arbeit verrichten. Die Herren sonnten und sonnen sich bis heute im Ab-Glanz der Leistungen ihrer weiblichen Zuträgerinnen.


    Der Geniekult war allein und vorerst ein Kult von eitlen, ruhmsüchtigen, schlecht aussehenden, verhaltensoriginellen Mannsbildern, Alphamännchen und rücksichtslosen, karrieregeilen Testosteranten. Von Männern für Männer. Von bigotten Narzissten für hochstaplerische Selbstdarsteller. Ein Deal unter Hodenträgern. Da hatten die Eierstöcke keine Chance. Inzwischen hat sich das Narrativ, die Erzählung, wie heute so harmlos und verschmitzt bezeichnet - gewendet. Scheinbar - also ich weiß nicht, aber es deutet alles drauf hin - testoserongetriebene Emanzen und mit jeder Menge männlich-machomäßiger Energie geladene Kämpferinnen für die Befreiung, Selbstermächtigung und das Empowerment von Frauen - also so simpel geht das auch nicht, Frau ist doch ein höchst fragwürdiger, bipolarer, damit hinterlistig und verschlagen männlich aufoktoryierter Begriff; die wahre Frau ist keine Frau, die ist, ja was denn, die ist asexuell, polyamorös, mulitpolar, ach, scheiss drauf, ich krieg das nie hin - wo war ich? Keine Ahnung. Also, die wahre Feministin ist ein Mann. Also rein durchsetzungsmäßig: energetisch, zielorientiert, fokussiert, powerful und überhaupt. Weisst du, so als weiblich, anmutig, charmantes, graziös-graziles, vielleicht auch noch gut aussehendes, männer-um-den-verstand-bringendes Dummchen, das wird nix. Da kannst du Emanzipation und Frauenermächtigung und -gleichberechtigung gleich bleiben lassen. Wenn du als Frau was für die Frauen erreichen willst, musst du härter zuschlagen und mehr einstecken können als jeder Eiermann. Yes.


    Vielleicht ist das mit ein Grund, warum mir pronocierte Emanzinnen als altem, frauenverstehenden und ganz, ganz lieb zu Weibchen seienden, von ihrer Attraktivität betörten und immer wieder umgehauenen Weiblichkeitsbewunderer regelmäßig die Lust vergeht, wenn ich diese smarten, up-to-daten, woken und so unendlich selbstgewissen power women, ja was denn, wenn ich denen ratlos und sprachlos zuhöre, zusehe. Ja, o.k., meine Schuld, my problem.


    Jetzt hab ich mich aber total verfahren. Wollte über Geniekult und lande beim Feminismus. Also, Feminismus geht ja auch nimmer. Feminismus, allein der Begriff ist ja rassistisch. Wir brauchen da was mulitpolares, ein über Geschlechter weit hinausgehendes dictum, ein Wording, das diese Genderdeterminierung hinter sich lässt. Wenn Frau sich als Frau definiert und positioniert, setzt sie ja automatisch und notwendig den Mann voraus und sich gegenüber. Zeitgemäßer, genderübergreifender Feminismus muß die Bipolarität überwinden und gleichzeitig den Frauen, die sich selbst als solche sehen, den nötigen Rückhalt, das nötige argumentative Rüstzeug für den Kampf um die Frauensache liefern. Und natürlich alle irgendwie femininen Zwischenpersonen mit einschließen. Es ist schon ziemlich kompliziert mit all diesen Geschlechts- und Genderangelegenheiten. Da kannst du als alter Mann schnell komplett einbrechen und absaufen. Der Esel soll auch nicht aufs Eis tanzen gehen. Drum mach ich jetzt Schluß. Und den Geniekult lass ich Geniekult sein. Als ob wir keine anderen Probleme hätten.


    ***

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