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Thema: Der Schuldkomplex - PEGIDA erklärt ihn für beendet...

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Der Schuldkomplex - PEGIDA erklärt ihn für beendet...

    schuldkomplex_pegida.jpg

    Nein. Ich bin dagegen. Mehrere Gründe:
    1. Menschen entstehen nicht aus dem Nichts. Sie tragen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in sich: in ihren Genen, in ihren Hoffnungen, in ihrer Erinnerung, in ihrem täglichen Tun. Schneidet man einen Bestandteil durch Willensentschluß ab, verzichtet man auf einen Teil seiner selbst und wird zu etwas bewußt Unvollständigem.
    2. Bewußt übernommene Schuld ist Antriebsmoment.
    3. Das Abwerfen von Seelenteilen aus pragmatischen, machtpolitischen oder Gründen der Selbstdarstellung führt zu Parteiisierung, Politisierung und Liberalisierung, wahrscheinlich auch zu moralischer Indifferenz. Am Ende kann noch jedes Verbrechen kontextuell erfaßt werden, weil es zu lange her ist, weil es andere Zeiten und Menschen waren, weil es eben vorbei sein soll.
    4. Geschichte ist kein Gegenstand der Schönheitschirurgie, weder in Hinsicht auf das Schöne noch in Hinsicht auf das Schlechte.

    Es gäbe noch anderes zu nennen, aber das sind meine Hauptgründe für die Ablehnung der PEGIDA-Forderung, die ich übrigens schon aus DDR-Zeiten kenne. So um 1983 diskutierte ich mit Freunden darüber, welche Verantwortung und welche Pflichten wir Nachgeborenen der Nazizeit hätten. Unser patriotisches Urteil lautete: Geschichte ist nicht teilbar, man muß sie im Ganzen annehmen. Und genau diese Meinung habe ich auch dreißig Jahre später.

    Festerlings Rede vom 9. November hier

  2. #2
    Kalu
    Laufkundschaft

    AW: Der Schuldkomplex - PEGIDA erklärt ihn für beendet...

    Ja und nein. Gewollte Geschichtsklitterung in den Köpfen ist doch normal, um der Masse ein Gefühl von Besonderheit zu geben, dem Staat eine Art schicksalhafte Legitimation, sich ein historisches Gewicht zu verleihen. Von Gott und Schicksal zu schwafeln. Menschen brauchen es wohl immer mit viel Tam-Tam.

    Die wollen doch keinen Freispruch nur für sich, die wollen auch einen historischen Freispruch. Wie wäre es mit einer Neuauflage der Auschwitzlüge?

    Mir gefällt die Aussage von bewusst gewählter Schuld. Ich möchte, nein, ich WILL nicht für die Sünden der Vorgeborenen zur Rechenschaft gezogen werden. Aber ich akzeptiere die Verpflichtung, sich etwas mehr Mühe zu geben um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen, als vorgefunden.

    Manchmal klappt's.

  3. #3
    Kalu
    Laufkundschaft

    AW: Der Schuldkomplex - PEGIDA erklärt ihn für beendet...

    I was 'Made in Germany',
    und aus deutscher Eiche.
    Ich will Amnestie
    und Amnesie
    für die Deutschen Reiche.

    Ja, ich bin ein Patriot:
    Deutsch as Deutsch can.
    Benehme mich wie Idiot
    und wenn Fremdes droht
    werde ich zum Hooligan.

    Deutsches Lied, Deutscher Klang:
    „Oh Jemineh, oh weh, oh weh.“
    Fremde machen mich ganz krank
    Hier hat's Kirche, Gott sei Dank.
    - Wer will schon eine Moschee?

    In der Bibel steht geschrieben
    Sei lieb und gut und sei versöhnlich.
    Soll ich gar den Nächsten lieben?
    Bin wohl was zurückgeblieben:
    Ich lieb nicht mal mich persönlich.

    Der Fremde stört, und wenn nicht
    mache ich Randale!
    Brech auf deutsch: „Mit vollster Absicht!“
    selber jede Friedenspflicht:

    Und schon stört der Fremde alle.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Lightbulb Auschwitzweglüger?

    Ich glaube nicht, daß es den Pegidisten darum geht. Ich habe die gestrige Rede von Bachmann verfolgt, die Festerlings Postulat vorwegnahm. Es geht um die mit der Nazizeit verbundenen Schuldkomplexe, die jedes freie politische Handeln nach Meinung der Pegidisten unmöglich mache. Sie wollen nicht die Leugnung von Auschwitz erreichen, sondern leugnen die Reduzierung deutscher Geschichte auf Auschwitz.
    Ich meine dagegen, daß man Auschwitz bei allem politischen Tun immer mitdenken und -fühlen muß, nicht in Form eines Komplexes, wie ihn Freud definierte, sondern im Sinne einer Annahme, einer produktiven. Sagen wir mal, wenn ich das auf den Fußball übertrage: Wir haben jetzt mit einer offenen linken Seite gespielt und wollten den Gegner reinlocken, um ihn auszukontern. Dummerweise ist der Gegner zwar in die Falle gegangen, aber wir haben Gegentore geschluckt und kamen nicht mehr zum kontern. Ergo, wir stellen die linke Seite jetzt zu. Und jeder in der Mannschaft weiß jetzt, daß die linke Seite zugedeckt werden muß. Wenn ich jetzt die Erkenntnis leugne, aus dem Hirn streichen möchte, stellt sich schneller Nachlässigkeit ein und es wird wieder Gegentore geben.

  5. #5
    Kalu
    Laufkundschaft

    AW: Auschwitzweglüger?

    Also, die Tatjana Festerling und Konsorten sind patriotische Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes? Das ist doch eine eindeutige Aussage. Ich halte auch nichts von der Islamisierung Europas. Allerdings halte ich auch nichts von Pegida, dem Sammelbecken der Unzufriedenen im Schlaraffenland. Ich mag zusätzlich weder Kirchen noch Moscheen incl. all ihren in Ritualgewänder gepackte Vertretern der abergläubischen Dummheit.

    Was also wollen diese Leute denn wirklich? Ganz klar! Sie wollen an die Macht und nutzen das Empörungspotenzial als Bewegungsmoment. Und wenn sie dann anteilig an Regierungsbeschlüssen mitwirken sollten, werden sie die Grenzen der Toleranz immer weiter Richtung Null verschieben, orakel ich mal. Die, welche ich kenne, zeichnen sich jedenfalls durch bemerkenswerte Unduldsamkeit allen anderen Meinungsvertretern gegenüber aus.

    Wann reden wir wieder über Untermenschen? Wann lernen wir aus der Geschichte? Alleine deswegen sollte der Deutsche nicht vergessen, egal ob andere Völker auch den Genozid praktizieren und die Engländer im Burenkrieg doch angefangen haben mit ihren Konzentrations-/Todeslagern in Afrika. Wir dürfen nie vergessen, was für Unheil aus falsch verstandenem Überlegenheitsbewusstsein entstehen kann. Wir dürfen nie vergessen, welch Bestien lauern – auch in uns selber.

    Ein schlechtes Gewissen nutzt da überhaupt nichts, macht nur gefügiger, ängstlicher. Lähmt!

    Ich habe niemanden nach Auschwitz geschickt, doch wer garantiert mir, dass ich unter anderen Umständen nicht auch Nazi, Moslem, Hindu, Terrorist, Priester oder so geworden wäre? Genau. Meine humanistische Erziehung. Ohne diese wäre ich schnell Opfer von Seelenfängern geworden.

  6. #6
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    7

    AW: Auschwitzweglüger?

    Der Seelenfänger ist die Schuld.

    Das Gewissen ist das Produkt vergegenwärtigter Ggenwärtigkeit.

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