Gestern philosophierte ich mit meinem Konkubinat über das Lügen. Dabei wurde vermutlich nicht immer die ganze Wahrheit erzählt.

Sie meinte: Ohne zu lügen könnten Menschen sich nicht gegenseitig ertragen, und erst recht sich selber nicht. Der Mensch würde, das sei wissenschaftlich erwiesen, etliche Male am Tag lügen. Außerdem gäbe es so was wie privat, nicht jeder müsse alles über sie wissen. Und Tiere würden auch täuschen. Lügen sei völlig natürlich, total normal.

Das ist durchaus etwas richtig. Doch nicht die ganze Wahrheit.

Meine Wahrheit lautet: Ich habe einst so tief in der selbst produzierten Scheiße gesessen, dass ich keinen anderen Ausweg mehr sah, als absolute Ehrlichkeit. Und zwar, weil es ah) von der Lüge bis zum Selbstbetrug nur ein kleiner Schritt ist und beh), weil man Energien verschwendet um sich die ganzen Lügen zu merken. Energien, die man anderswo besser verwenden kann – zur Selbsterziehung etwa. Der Weg in eine offensichtliche Sackgasse ist kein Fortschritt und falls es tatsächlich einen tieferen Sinn hinter allem geben sollte, könnte ich ihn zugedröhnt mit Heroin, zwischen Suhlen im Wohlbehagen und Selbstmitleid versackend, garantiert nicht finden.

Aber damit würde ich den anderen doch nur Vorteile verschaffen, ihre Vorurteile herausfordern. Na und? Wer meine ungeschönten Wahrheiten über mich zur Bestätigung seiner eigenen Lügen missbraucht, der nimmt mir die Arbeit ab, solche Idioten aus meinem Bekanntenkreis zu entfernen.

Aber die Nachteile …

Welche Nachteile denn? Ich verstecke mich nicht. Ich will keinem etwas vormachen, noch nicht mal mir selber. Ich bin der beste Kalu, den ich kenne. Menschlich unvollkommen, strebend bemüht (manchmal), den Luxus von Moral predigend, ein (Ex-) Junkie, ohne großen Ehrgeiz, Petting mit der Muse treibend, dekadent, nicht spezialisiert …

Ich schäme mich nicht, einst so dumm gewesen zu sein. Ich würde mich auch nicht schämen, wenn ich noch fixen täte – weil Junkies in Sachen Selbstbetrug echte Meister sind. Aber ich trage meine Unvollkommenheit wie eine Krone. Mit Stolz! Mit meiner Geschichte bin ich im Reinen. Alles liegt offen, ja, meine Menschlichkeit habe ich mit Schmackes bewiesen. Hinfallen ist gestattet, im Dreck liegen bleiben tun nur Idioten und davon gibt es ausreichend, da muss ich nicht mit machen. (Das bezieht sich nicht nur auf harte Drogen)

Ich habe den Drachen gezähmt. Mit den Waffen der Wahrheit: Du Arsch! Wie kann man das größte Geschenk des Lebens, nämlich das Leben, dermaßen verhunzen? Hör auf irgendwem vor zu machen, du wärst auf dem richtigen Trip.

Im Nachhinein muss ich zugeben: Es war noch nicht mal besonders schwer. Nichts steht geschrieben, jeder kann das Buch seines Lebens selber schreiben.

Und meine Vergangenheit schützt mich vor falschen Göttern. Ich habe der schlimmsten Vereinnahmung widerstanden, ich bin bis zum Kern meines Wesens in der Dunkelheit herabgestiegen. Ich habe mich teilweise durchschaut. Das schimpft sich Eigenanalyse. Das geht nur mit Ehrlichkeit.

Ich konnte die Dame nicht von den Vorteilen bemühter Ehrlichkeit überzeugen.