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Thema: Bedeutet 'Kultur' bloß 'Eine Ansammlung von Vorurteilen'?

  1. #1
    Kalu
    Laufkundschaft

    Bedeutet 'Kultur' bloß 'Eine Ansammlung von Vorurteilen'?

    Dieser Beitrag ist die Folge einer angeregten Diskussion und noch reichlich unausgegoren. Er dient mehr meinen Erkenntnisbemühungen als der Verbreitung von 'Wahrheiten'.

    Nehmen wir den Tschador. Einst hat vermutlich irgend ein schlauer Mann gedacht: „Die Männer werden nervös, wenn sie was Weibliches sehen und sind dann nicht mehr so richtig bei der Sache. Also verhüllen wir die Damen.“

    Im Laufe der Zeit ergab das einen gesellschaftlichen Konsens: Es sind nicht die dauergeilen Männer, denen man Anstand beibringen muss, sondern die Frauen. Und schon toben Idioten durch die Straßen um 'unanständig' gekleideten Frauen das Leben schwer zu machen. Folklore?

    Ist nicht jede Frau, die sich diesem Diktat unterwirft, ein lebendiges Beispiel dafür, wie aus Dummheit und Vorurteilen 'Kultur' entstehen kann?

    Beschnittene Frauen, - welch barbarisches Kulturdogma. Welcher Idiot kam denn auf diese Idee? Wir beschneiden die Frauen – denn wehe, die haben auch noch Spaß am Sex.

    Gehen wir nach Europa, sieht es nicht viel besser aus. Irgendwelche Regeln/Spinnereien werden zu Naturgesetzen umgedeutet: Man hat sich so und so zu kleiden. Man hat so und so zu reden. Man hat die und die Bücher zu lesen, die Haare so und so zu kämmen, Weihnachten trotz Kommerzaffentanz nicht für lächerlich bis ekelhaft zu halten, denn wenn das jeder machen würde und wo kämen wir da hin?

    Sind Kathedralen tatsächlich Kultur? Oder sind sie Stein gewordene Manifestationen von Aberglauben, von Arbeitskraft- und Materialverschwendung, Mahnmale der Unvernunft und Angst vor den Geistern, welche man einst selber beschwor. Glaubt jemand ernstlich, dass ein Gott der Bibel mit Wohlgefallen darauf blickt?

    Was unterscheidet einen Priester, der von der Kanzel Homosexuelle als Geschmeiß bezeichnet, welches deswegen niemals in den Himmel kommen wird, von einem Islamlehrer, der behauptet: 'Wer Musik hört, den verwandelt Allah in ein Schwein?' Beides ist 'krank as krank can'.

    Aber Halt! Ich hör ja schon auf, die Religionen anzumüpfeln. Keine Lust, mir wieder eine Abmahnung von Aerolith einzufangen.

    Wenn ich mir die lächerlichen Aspekte anderer Kulturen so ansehe: Wie kommt eine Gemeinschaft zu dem Schluss, dass (z.B.) verkrüppelte Füße, Giraffenhälse und Tellerlippen ästhetisch wären? Wieso färbten sich die Geishas die Zähne schwarz? (Was europäische Fotografen auf ihren Bildern verschwiegen, denn hier finden wir schwarze Zähne hässlich) Wieso ist in der einen Kultur der Selbstmord die ultimativ ehrlichste Form der Selbstkritik, ein ehrenhafter Akt, in anderen Kulturen aber eine Todsünde? Welche Entschuldigung gibt es für das indische Kastensystem?

    Oder Literatur. Wir lesen Karl Mai und rechnen seine Werke zur deutschen Kultur. Dabei hatte der zeitgeistkausale und -kranke Vorurteile, die echt heftig waren. Oder der Kaufmann von Venedig, tja. Aber eindeutig Kultur.

    Wann wird aus einem bizarren Spleen eine Massenpsychose?

    Vielleicht dann, wenn (vielleicht sogar sinniges Brauchtum der Vorgeborenen, siehe Schweinetabu bei Moslems und Juden) zu gesellschaftlichen gottgewollten 'Gesetzen' mutieren, - eben, weil es sich dabei um identitätsstiftende Tradition handelt. Und Tradition ist gegen jede Kritik gefeit.

    Ist Fremdenhass nicht ein direktes Ergebnis von Tradition? Meine Vorurteile gegen deine?

    Die Befreiung aus der Unmündigkeit setzt auch eine Auseinandersetzung mit überlieferten Werten voraus. Manche Traditionen sind einfach zu blöde.

    In der Nachkriegszeit trugen viele Frauen Kopftücher in Deutschland und ich fand diese bunt bedruckten Dreiecke niedlich. Conny Fröbes sah damit einfach lecker aus. Heute liefert das Internet unter diesem Suchbegriff fast nur noch Bilder von seltsamen Krähenwesen.

    Das Kopftuch gehörte mal zur deutschen Kultur, - fragt die Trümmerfrauen.

  2. #2

    AW: Bedeutet 'Kultur' bloß 'Eine Ansammlung von Vorurteilen'?

    Die Kult-Uhr ist alt.
    Hartes Brot ohne Spiele.
    Suppe zu kalt.
    Köpfe voll Spleene.

    Kein Urteil vorm Ende,
    bringt das nicht die Wende?

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Bedeutet 'Kultur' bloß 'Eine Ansammlung von Vorurteilen'?

    Das Kopftuch der Trümmerfrauen hatte eine kosmetisch-hygienische Funktion, diente als Staubfänger u.ä., das Kopftuch bei Musliminnen steht dagegen als Kleidungsvorschrift fest und ist im Kontext des Islam unhinterfragbar, ist Synekdoche für die Unterwürfigkeit des Weibes gegenüber den sexuellen Begierden des Mannes.

    Traditionen brechen ab, wenn sie nicht mehr gelebt und verstanden werden. Meist gibt es aber neue, die Identität stiften.

    Las heute, daß Gauck die deutsche Identität nicht ohne Auschwitz begreifen will. Wenn ich da ganz tief in mich gehe, dann mag das wohl stimmen, aber das liegt nicht an einem prädisponierten Schock, sondern schlichtweg daran, daß ich meine Identität auf 5000 oder zehntausend Jahre Deutschtum stelle, wozu eben auch die grausamen Aspekte seit Erfindung des aufrechten Ganges gehören, die mich, will ich Nietzsche da vertrauen, besonders freundlich gegenüber anderen auftreten lassen.
    Eine iranische Soziologin schrieb dieser Tage im FREITAG, daß der Holocaust keine rein deutsche Sache sei. Na na na, will sie uns etwa ein Alleinstellungsmerkmal in der Weltgeschichte wegnehmen?

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause Avatar von anderedimension
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    919

    AW: Bedeutet 'Kultur' bloß 'Eine Ansammlung von Vorurteilen'?

    Holocaust und Antisemitismus darf man nicht in einen Topf werfen. Den Holocaust haben wir alleine zu verantworten - der Antisemitismus geht die halbe Welt was an.

    Die Nazis waren in erster Linie Rassisten - die Juden für sie Untermenschen. Betonung auf "unter", denn die Nazis betrachteten die Juden nicht als Menschen. In der Ausrottung der Juden sahen die Nazis kein Verbrechen...sondern eine Notwendigkeit - für sie war das eine patriotische Handlung.
    Der in Europa etablierte Antsisemitismus bildete "nur" die Grundlage für die gesellschaftliche Akzeptanz eines solchen Verbrechens. Wien, wo Hitler in jungen Jahren viel Zeit verbrachte, war eine antisemitische Hochburg.

    Der jüdische Glaube spielte für die Nazis so gut wie gar keine Rolle. Sie gaben den Juden die Schuld für die Niederlage im 1.WK und der anschliessenden Wirtschaftskrise. Die Juden erschienen per se in einem nebulösen Licht, da sie seit Jahrhunderten gezwungen waren im
    "Untergrund"...unsichtbar zu arbeiten. Man wusste nie so genau was der Jude macht, weshalb man ihm auch leicht vieles andichten konnte.


    Wobei wir beim Thema (Kultur/Kult) wären. Vor dem Rassismus der Nazis stand der Okkultismus. Die Nazis glaubten an eine germanische Tradition..die es so nie gab. Wobei "glauben" der falsche Begriff ist...sie waren davon überzeugt. Himmler wendete jede Menge Mittel und Energie dafür auf..,um zu beweisen...dass die Germanen schon immer eine Herrenrasse waren. Die Nazis gruben die halbe Welt um...um dafür Beweise zu finden - die sie natürlich nicht fanden. Würde es nicht so despektierlich klingen und stünde am Ende nicht dieses schreckliche Verbrechen...müsste man den Holocaust als einen Irrtum der Nazis betrachten.
    Die Nazis, das waren 200.000 Verbrecher...wie sie die Welt noch nie zuvor gesehen hat. Man sollte an ihre Verbrechen erinnern...ja..vor allem deshalb...damit sich so etwas nicht wiederholt. Auf der anderen Seite darf man ihnen keine zu große Bedeutung beimessen.

  5. #5

    AW: Bedeutet 'Kultur' bloß 'Eine Ansammlung von Vorurteilen'?

    Nee, ich glaube, auch in dieser Betrachtung wäre es notwendig, den spirituellen Grundkonflikt "anzugraben". Dieser könnte im Begriff "Besonderheit" gesehen werden, die ganz allgemein zur Schaffung von Alleinstellungsmerkmalen verwendet wird.

    Was sich in der Turbani-Geschichte zeigt, am Ende sind es die Frauen, die in beiden Kulturen den Geist ihrer Männchen ganz gut im Griff zu haben scheinen. Dieser "Machtkampf" deutet auf eine Fehlannahme dessen, was Liebe eigentlich ist. Keine nicht wirklich vorhandene Freundlichkeit kann freundlich wirken.

    Keine Kultur, die den Begriff Liebe nicht versteht, kann mehr als eine Sammlung früherer Urteile sein. Ein Vorurteil wurde vor diesem Zeitpunkt ja schon gefällt.

    Wir sehen die Menschen, doch wir sehen nicht die Geister, von denen wir uns bewegen lassen.

    Es geht ursächlich mindestens um zwei Bereiche:

    1. Spirituelle "Besoonderheit" durch eine "besondere Funktion", die sich als Vorstellung auch bei Freud durchsetzte.

    2. Die historisch gewachsene Funktion des Geld-Verleihens. Wenn also die Ortsansässigen genug Schulden bei denen hatten, die sie zuvor darum angefleht haben, dann waren die Geldverleiher immer in Gefahr, denunziert, vertrieben, getötet oder verleumdet zu werden.

    Beide angesprochenen Formen von Funktionalisierung / Instrumentalisierung wohnt ein jeweiliges Konfliktpotenzial inne. Leider ist eine emotionale Trennung von GOTT auch hier die Ursache für beide Formen eines Irrtums.

    Nur ein von GOTT getrennter Geist würde grundsätzlich eine Glaubensrichtung herabsetzen. (Antisemitismus)
    Nur ein von GOTT getrennter Geist würde grundsätzlich einen anderen eines Vorteils wegen töten. (Holocaust)

    Wo ist eine emotionale Trennlinie zwischen einem "Verlustdenken" und einem anderen "Verlustdenken" möglich?

    Leider ist dies eine Form des Denkens, die immer für beide Seiten einen enormen Verlust darstellt.

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