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Thema: Athen nach dem Peloponnesischen Krieg - Hellenismus

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Sokrates war schuldig!

    Viele glauben, Sokrates sei unschuldig verurteilt worden und habe aus Gründen der Loyalität gegenüber den Gesetzen Athens die von seinen Freunden ihm ermöglichte Flucht nicht genutzt.
    Das ist nur bedingt richtig.

    Sokrates ist ganz folgerichtig von seinen Landsleuten zum Tode verurteilt worden. Er war schuldig im Sinne der Anklage. (Ob für die einzelnen Anklagepunkte eine Todesstrafe zwingend ist, ist eine andere Frage, die aber mit dem eigentlichen Tatbestand nichts zu tun hat.)
    Der Streitpunkt im Prozeß war jener: Sollen wir nach dem verlorenen Krieg (gegen Sparta) so weiterleben wie bisher?
    Die Hauptankläger Meletos und Anytos nahmen sich den Hauptvertreter der Seite aufs Korn, der mit seinen (mißratenen) Schülern Kritias und Alkibiades Athen großen Schaden zugefügt hatte. Stand nicht zu erwarten, daß es Sokrates' Lehre gewesen war, die immer wieder solche demokratiefeindlichen Monstren wie die Genannten hervorbringen würde? Stand nicht zu erwarten, daß Sokrates alle Denkenden auf Distanz zum Staat hielt, weil nur diese Distanz Freiheit für die Besserverdienden verhieß? War Sokrates nicht somit ein zutiefst undemokratischer Denker? Und hatte er nicht zeit seines Lebens durch die Verweigerung der Annahme jedes ihm angetranenen Amtes immer wieder bewiesen, daß er gegen jede anders verlautende Beteuerung gegen die politische Struktur seiner Heimatstadt eingestellt war? Ja, schlimmer noch, als in Sparta die dreißig Tyrannen herrschten, da arbeitete er mit, da gab er denen Argumente zum Aufbau einer an Sparta orientierten Oligarchie.

    Sokrates' Fragen zielten immer auf die Bewußtwerdung der Differenz von Sitte und Moral. Er wollte das Unsichtbare sichtbar machen, den im Einzelwesen schlummernden numinosen Einzelbezug zum Daimon; damit würde er das athenische Selbstbewußtsein aushöhlen und die Grundfeste des Staates entfestigen. Die Athener sahen die Relativierung ihres Glaubens, eine Sophisterei, selbst wenn Sokrates hier allen Widerspruch einlegte und sagte, er sei kein Sophist, so war die Wirkung seines Tuns doch die nämliche, eine Aufklärung des Dunklen, des göttlichen Urvertrauens an eine hinterlichtige wirksame Macht, die den Athenern unbefragbar war. Sokrates aber beharrte auf seinem Daimon, dem Stimmchen in ihm, einem allgemein-gefaßten. Schuldig. Schuldig. Schuldig.
    Und schließlich, wenn da mancher glaubt, es sei ein politischer Schauprozeß der Reichen gegen Sokrates gewesen. Umgekehrt: Es war ein Schauprozeß der Armen gegen die reiche Schülerschaft des Sokrates, deren jeder reich genug war, Sokrates auszulösen.
    Daß Sokrates dies ablehnte und die im attischen Gesetz verankerte Fluchtmöglichkeit ausschlug, ehrt ihn. Er hatte wohl erkannt, daß er in den Anklagepunkten schuldig war, wenngleich er sich in einem höhren Sinne keiner Schuld bewußt sein konnte, hatte er doch immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.
    Nun, manchmal reicht das nicht.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Athen nach dem Peloponnesischen Krieg - Hellenismus

    404 v.Chr.: Es hätte Athen das gleiche Schicksal blühen können, das die Athener im umgekehrten Fall über etliche besiegte Poleis zuvor beschlossen hatten: Zerstörung, Tötung der Einwohnerschaft, Neubesiedlung mit Ortsfremden. Der Imperialismus der Athener hatte dies just als normal empfunden; die Griechen machten selten genug Gefangene, wenn, dann als Geiseln oder um diese wenig später umzubringen. War der Widersacher tot regelte ein Ehrenkodex die Herausgabe der Getöteten an die feindliche Stadt, damit diese ihre Helden würdig bestatten konnte. Manchmal verständigten sich die Hellenen mitten im Krieg auch auf eine Waffenpause, einen Gottesfrieden, damit bei den Olympischen Spielen der Agon auf sportlichem Gebiet weiterging.
    Doch am Ende des langen Krieges gab es sehr viel Hader und Haß. Die Thebaner und Korinther verlangten die Versklavung oder Tötung der Athener und eine Zerstörung der Stadt. Die Spartaner waren dagegen. Sie betonten die Leistungen der Athener für Hellas. Folgerichtig fielen die Friedensbedingungen gütig aus:


    • Athen blieb als Polis bestehen;
    • Auflösung des Attischen Seebundes;
    • Schleifung der Mauern zwischen Piräus und Athen;
    • Abschaffung der Demokratie;
    • Einsetzung der Regierung der Dreißig Tyrannen.



    Die Spartaner schrieben den Athenern nicht vor, wie sie sich zu organisieren hätten. Sie wollten nur verhindern, daß die attische Demokratie ihr eigenes oligarchisches Lebensprinzip zerstören könne, ihren Lebensraum beanspruchte oder imperialistischer Ehrgeiz schließlich zu einem erneuten Kriege führen müßte. Sie überließen die Athener sich selbst, was auf edle Haltung schließen läßt, die sicherlich auch damit zu tun hatte, daß die Spartaner ihren Staatsaufbau als den besseren empfanden, also lediglich ihre Existenzsicherung mittels der Stärkung der nichtdemokratischen Kräfte in Athen betrieben. Sie glaubten an die Durchsetzung des autoritativen Prinzips: Disziplin und eine straffe Verfassung, die klare Handlungsmuster ergibt.
    Die Athener waren für die Form der Herrschaft, wie sie in Sparta seit Jahrhunderten funktionierte, nicht bereit. Der kluge Kritias als der geistige Anführer der Oligarchen war zudem dämlich genug, seine Athener eine harte Hand spüren zu lassen. Es gab Massenhinrichtungen. 403 v.Chr. gelang mit Hilfe der Thebaner der Sturz der Dreißig. So ging das nun die nächsten Jahre immer fort. Ein Zerfleischen, wechselnde Koalitionen oder Bündnisse, die genauso schnell wieder auseinanderfielen wie sie entstanden. Athen erholte sich nicht, nicht politisch.
    Die Freiheit des Denkens stand nach dem Peloponnesischen Krieg in Athen auf dem Prüfstand. Die Athener versagten und begründen damit im nachhinein ihre Niederlage im Peloponnesischen Krieg. Die politische Folge für die nächsten Jahrzehnte hieß Unordnung, die wirtschaftliche dagegen Aufschwung. Der Prozeß gegen Sokrates zeigt das moralische Versagen der Athener. Er zeigt aber auch, daß die Athener fortan keine politische Rolle mehr spielen würden, letztlich hatten sie sich dazu entschieden, reich zu werden. Das genügte ihnen.

    „Sinnlose Tollkühnheit hieß jetzt opfermutiges Eintreten für die Freunde, umsichtige Bedächtigkeit hieß wohlversteckte Feigheit, Vernunft Deckmantel der Schlappheit, wer grundsätzlich die Vernunft zu Rate zog, galt für grundsätzlich faul und bequem, aber wer sinnlos dreinschlug, der war ein echter Mann.“ (Thuk. III, 82)

    Zu den Ursachen des Prozesses und seinen weltanschaulichen Hintergründen: Die Suche nach dem wahrhaft Göttlichen, sie mußte irgendwann auch die überkommenen Gottesvorstellungen in Frage stellen. Das ist zwangsläufig. Sokrates war nun nicht der erste, der die Tatsächlichkeit der Mythologie anzweifelte. Pindar erklärte 50 Jahre vor Sokrates die Götterkämpfe für Lügen und Xenophanes 75 Jahre vor Sokrates gar für Märchen. Das entsprang keiner Deduktion, sondern einem Gefühl für Wahrscheinlichkeit. Das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit von einem Außen aber führte und führt immer wieder zur Anrufung des Überirdischen. Theoretische Grübelei ersetzt keine Gefühle. Manch einer in jenen Tagen mochte die Götter als Irrglauben oder Lug und Trug bezeichnen, das kannten auch die Griechen seit Alters her, das Gefühl sagte und benannte ihnen ein Außen, ein außerhalb ihrer Vernunft sich abspielendes Drama, das auf unsere kleine Innenwelt wirksame Signale sendete, von Zeit zu Zeit. Dieses Gefühl behielt gegenüber allem Grübeln die Oberhand. Aber damit war die Sache längst nicht entschieden. Die Griechen, ein Händlervolk, fragten nach dem Sicheren, nach wahrer Erkenntnis, sie fragten nach dem Sinn des Lebens, nach den Rätseln der Menschheit: woher komme ich, wohin gehe ich, wer bin ich? Die Dümmeren sagten dazu „Zufall“, „Schicksal“ oder „Kausalnexus“; die Klügeren sahen eine Welt von Plagen, in der sich der einzelne behaupten und bewähren muß. Und die ganz Klugen erkannten tiefere Zusammenhänge, Gerechtigkeitsphantasien entsprossen daraus, Weltordnung wurde gemutmaßt, Verderben und Übertreibung der Ordnung fanden beruhigende Bestrafung, früher oder später. Darauf bauten die großen griechischen Tragiker ihre Stücke, auf die Sühnung der gestörten Ordnung. Und dennoch blieb es dabei: Dike weint.
    Sokrates wollte ein neues Lebensideal schaffen. Dieses fußte auf der Autonomie des Denkens. Diesen Schritt gingen und gehen die wenigsten Menschen, auch nicht die aufgeklärten Griechen des fünften Jahrhunderts vor Christus. Sie ließen dies Hinterfragen nicht zu, wollten beim Anschaulichen bleiben, es als ein Abbild des dahinter liegenden Wirklichen, des Metaphysischen, zu begreifen, entsprach nicht ihrem Wirklichkeitsanspruch. Also war es etwas Fremdes, Unheimliches, Dämonisches. Und die meisten Menschen bekämpfen das, was ihnen fremd und unheimlich ist. Nun dieser Sokrates, der Fragen stellte, ob beispielsweise Tugenden das Ergebnis einer in der Gesellschaft getroffenen Übereinkunft seien oder eingeboren, ob sich Fähigkeiten ausbilden würden und dazu die Kraft des einzelnen benötigten oder ob jeder so auf die Welt komme, wie er eben ist und alles einem höheren Gesetz folge, auf das der Mensch keinen Einfluß nehmen könne. Alles Fragen des Sokrates gipfelte in seiner Kernfrage, die die Athener enervierte: Entsteht aus einer Möglichkeit zu sittlichem Handeln auch eine Notwendigkeit? Soll der Mensch darin sein Glück finden? Der Durchschnittsgrieche in Athen (und wahrscheinlich auch anderswo) war nicht dazu bereit. Im Gegenteil. Er verurteilte den, der dies lehrte, zum Tode. Und er begründete das mit Gotteslästerung und Unsittlichkeit. Es war des Volkes Wille, der der Mehrheit, und die Mehrheit irrt sich bekanntlich nie. [1]
    Sokrates prädizierte sein Nichtwissen, dieser „Enthusiast der Nüchternheit“ (Gomperz). Die kurzsichtige, von Selbstliebe und Größenwahn getriebene athenische Demokratie, auf Sklavenarbeit und Müßiggang beruhend, suchte sich Schuldige für ihre Niederlage gegen das oligarchische, arme und auf Kameradschaft gegründete Sparta. Die Philosophen Anaxagoras und Protagoras hatte man schon in der Hochzeit der attischen Demokratie vertrieben, jetzt in seiner schwersten Stunde sollte es Sokrates treffen. Ist das eine zwangsläufige Folge der Demokratie, daß sie alle zerstört, die nicht das Lied der Mehrheit singen?

    alexander.jpg

    Daß Sokrates unbescholten war, Kulthandlungen wie jeder andere und Bürgerpflichten in mehreren Kriegen leistete, war den meisten Athenern egal: Das Sittliche war in ihnen entglitten und ein Blutopfer sollte ihre Ordnung wieder im Kontext des Numinosen herstellen. Das höchste Opfer, ein Mensch aus ihrer Mitte. Sie wollten eine Sühneleistung. Jugendverderber, Götterverleugner und dergleichen Verzerrungen der Wirklichkeit nannten sie als Anklagepunkte. Geopfert wurde die Meinungsfreiheit.
    Sokrates lehnte es ab, sich durch die Flucht der Todesstrafe zu entziehen und setzte mit dem Trinken des Schierlingsbechers seinem Leben ein Ende, was bis heute seiner Ehrlichkeit und Lauterkeit das schönste Denkmal ausstellt.
    Das griechische Denken hatte seinen Höhepunkt in Sokrates erreicht. Platon, sein gelehriger Schüler, notierte alles, was Sokrates entwickelt hatte und bereicherte diese Gedanken mit Erfahrungen, die er, der Weitgereiste, auf seinen Reisen in Mesopotamien, Ägypten und Großgriechenland machen durfte. Er sah dabei die Welt aus der Sicht eines Tyrannen, aus der eines Galeerensträflings und aus der eines reichen Sprößlings; das sind genug Perspektiven, um seinem Staatsentwurf, in dem schließlich alles gipfelte, einer genaueren Prüfung zu unterziehen:
    Platon erkannte den Zusammenhang zwischen dem sittlichen Wesen des Menschen und der politischen Lebensform. Der Athener besaß ein stark entwickeltes politisches Fühlen und Denken, aber er war wegen der Niederlage im Krieg gegen Sparta ratlos geworden, ob die attische Demokratie die beste für ihn mögliche Staatsform abgäbe. Der vollkommene Staat mußte her! Platon entwickelte einen Plan für den besten Staat, der wenig mit dem althergebrachten zu tun hatte, aber zur Funktionsfähigkeit Bürger benötigte, die Bewußtsein besaßen, also Disziplin und Ordnungssinn. Das Unternehmen war somit von Anfang an verurteilt, unwirklich zu bleiben. Es spielte sich in Dichters Reich der Phantasie ab, was Platon hier wollte und forderte. Das wird Platon gewußt haben, sonst hätte er dieses Thema nicht im Dialog „Gorgias“ durchgespielt (484-485), aber er konnte der Versuchung dennoch nicht widerstehen, seine Idee in die Praxis zu bringen. [2] Der sizilische Tyrann Dionys bot seine Hilfe an, die Platon gern annahm. Doch Platons Staat war nicht durchführbar, auch nicht mit der Unterstützung eines Tyrannen. Also kehrte der große Philosoph als gescheiterter „Realpolitiker“ in seine Heimatstadt zurück, kaufte von seinem Erbe eine Schule und arbeitete fortan als Lehrer. Begriffe wie Metempsychose, Palingenese oder Anamnese spielten fortan den metaphysischen Grund ins obere Erkenntnisvermögen, jedenfalls lautete so der Plan. Und erst bewußt geworden, sollten diese Schüler ausziehen und die Welt bessern. [3]
    Die Spartaner als die Sieger der großen Auseinandersetzung waren an philosophischen Fragestellungen nicht interessiert, auch besaßen sie keine Anziehungspunkte für Dichter und Philosophen, die immer dorthin gehen, wo sie ein zahlendes Publikum finden. Geld aber besaßen die Spartaner nicht. [4] Vielleicht war der spartanische Staatsentwurf der beste, zumindest glaubten das die Spartaner so sehr, daß sie starr den Formalien ihres sagenhaften Staatenbegründers Lykurg folgten, nichts hinterfragten und zugrunde gingen. Dennoch haben auch die Spartaner der Menschheit einen wichtigen Gedanken geschenkt, er lautet „Loyalität“:

    Wanderer, kommst du nach Sparta, so melde dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl!

    Das ist der Kontrapunkt zu Athen, nicht eine Freiheit wird angerufen, sondern ein ehernes Gesetz, dem zu gehorchen schönste Freiheit ist.
    Aber beide gingen unter, die freien Athener ebenso wie die gesetzestreuen Spartaner. Der Konflikt zwischen Pflicht und Neigung, zwischen Empfindung und Verstandestätigkeit konnte von den Griechen nicht zu einem für sie glücklichen Ende geführt werden. Sie gingen unter, unterlagen dem Druck von außen und innen gleichermaßen, erst in Selbstzerfleischung, danach im Aufbäumen gegen die Gewalt von außen, um dann im Römischen Imperium die politische Selbständigkeit, im Osmanischen Imperium vollends Identität und Volkstum auszuhauchen. Das mußte nicht sein, denn Griechenland ist wegen seiner geographischen und ethnischen Besonderheiten nicht zum Schicksal anderer kleiner Völker verdammt, von umliegenden aufgesaugt zu werden. Der Niedergang Griechenlands war ein hausgemachter, keiner aus einem Raum-Zeit-Verhältnis heraus; er hatte charakterliche und psychologische Gründe, die zum Selbstmord der griechischen Freiheit führten. Die von den Griechen oftmals thematisierte Hybris war es, die ihnen den Garaus machte, erst den imperialen Athenern, die mit ihrer gewonnenen Freiheit nach 480 v.Chr. zu wenig anzufangen wußten, dann mit umgekehrtem Vorzeichen den Spartanern, die nach ihrem Sieg 404 v.Chr. die dringend notwendige Blutauffrischung des spartanischen Kosmos unterließen und wegen dieser der Überheblichkeit geschuldeten Fehleinschätzung zugrunde gingen.


    Dennoch schuf Griechenland einen unschätzbaren Wert, das autonome Denken. Es soll gegenwärtig zwar durch pragmatische Erwägungen gebrochen werden, aber nichtsdestotrotz ist die Konstituierung des freien Denkens die größte historische Leistung, die die Griechen erbrachten.
    Die Zeit ab dem 4. Jahrhundert v.Chr. pflegt man die hellenistische zu nennen. Sie ist verbunden mit dem makedonischen Herrscher Alexander, dessen Zug gen Osten den griechischen Grundgedanken eines funktionierenden Gemeinwesens paralysierte und nachhaltig zerstörte. Andererseits sah Alexander in der griechischen Kultur die maßgebliche, die er mit den ihm im Orient begegnenden Kulturen verschmelzen wollte, was gegen die Natur der östlichen Einergebungsmentalität war und auch mit dem Griechentum nicht koinzidabel war. So hatte der griechische Stadtstaat (Polis) mit seinen drei Grundpfeilern politischer Selbständigkeit [5] als politische Organisationsform zwar vorerst ausgespielt, feierte aber im Laufe der Geschichte immer wieder Urständ. Alexanders Gedanke des Universalreichs indes zerstob schon in der ersten Generation nach seinem frühen Tod, was Alexanders unmittelbare historische Bedeutung auf die eines kurzlebigen Eroberers beschränkt. Das mochte daran liegen, daß der Kern seines Strebens, der Traum von einem Reich und die Aufhebung der Trennung von Griechen und Barbaren in einem gemeinsamen, die Stadt- und Stammesgrenzen überwindenden Staatsgedanken, ungriechisch war und darum bei den Griechen keinen Widerhall fand.
    Eine andere Auffassung vom Hellenismus, wie man diese Zeit zwischen 300 v.Chr. und 300 n.Chr. auch bezeichnet, geht davon aus, daß es nach Alexanders Tod KEINE Vermischung der Kulturen Griechenlands und des Orients, also auch nicht einmal den Versuch gab. Die Griechen vermischten sich kaum, die Orientalen blieben ebenfalls unter sich, sofern nicht ein sozialer Aufstieg mit der Annahme griechischen Lebens verbunden war. [6] Die Griechen bildeten dieser Meinung gemäß die Oberschicht in den eroberten Gebieten, blieben aber in der Minderheit und mußten früher oder später untergehen. Falls es eine Vermischung gegeben haben sollte, dann nur in den Stadtkulturen, auf dem Lande gar nicht. Selbst zu Zeiten des Apostels Paulus sprachen viele Stadtgemeinden ihre Landessprache, was nur bedeuten kann, daß die Hellenisierung nicht weit fortgeschritten war. Globalisierung ist keine Erfindung unserer Zeit. In der antiken Welt sprach man erst griechisch, dann Latein. Wer etwas auf sich zählte, nahm die Gewohnheiten der Herrschenden an, aß wie sie, hörte und sah dieselben Stücke, pflegte dieselben Riten und paßte sich auch sonst gut an. Aber er blieb im Wesen das, was er war und wurde kein Grieche oder Römer. Das nennt man Anpassung oder Parodie, wenn die Form folgt, der Inhalt aber ein anderer wird. Der griechische Geist war ausgebrannt, was blieb, das war die Formen des Griechentums im Alltag, Rituale, Zivilisation.


    Aufgaben:


    1. Erarbeite eine These zum Scheitern Athens? (III)
    2. Gib die politischen und psychologischen Gründe für den Prozeß gegen Sokrates an! (II)
    3. Würdige in einer laudatio die Leistungen der alten Griechen! (II)




    [1] Es wundert angesichts dieser Zusammenhänge nicht, daß viele Historiker die Demokratie als für die Griechen untaugliche Regierungsform bezeichnen, denn die Griechen schafften es mit dieser Form nicht, zwischen individuellen Wünschen und denen eines starken Gemeinwesens zu vermitteln. Da die spartanische Oligarchie das zwar sehr viel länger als die attische Demokratie vermochte, sich letzten Endes aber reformunfähig zeigte, stellt sich die Frage, welche Regierungsform für die Griechen gepaßt hätte, ob etwas Stärkeres als eine nur möglich bessere Form der Machtausübung die Griechen vor der Beherrschung erst durch die Römer, dann durch die Türken und schließlich heute durch den Euro bewahrt hätte? Oder sind das Fragen, die das griechische Selbstverständnis nie berührten?

    [2] Wie unklug! Die Besserung des Menschengeschlechts geht einem besseren Staate voran, nicht umgekehrt. Auch im letzten Jahrhundert haben Versuche aus allen politischen Lagern, den idealen Staat zu schaffen, bewiesen (und beweisen es noch), daß der Staat nur über die Wertsetzungen seiner Bürger definiert werden, nicht aber von oben verordnet werden kann. Ein Bürger ist zunächst Mensch, also träge und vom Leben oft angewidert. Eine Staatsform, die das nicht berücksichtigt, wird untergehn. Diejenige Staatsform aber, die das beherzigt, wird Bestand haben. Die westliche Demokratie setzt auf die Trägheit des einzelnen und die Abgestumpftheit der Masse. Darum wird sie noch lange Bestand haben.

    [3] Der Krieg hatte die Griechen verdorben. Platons ausziehende Schüler lesen sich wie eine Antithese zu den expansiven Eroberungszügen einiger Unternehmungen, wie sie kriegerische Abenteurer in den nächsten Jahrzehnten wiederholt unternahmen. Das Maßhalten und die Selbstbeschränkung, wie sie bis dahin griechische Tugend waren, wurden zur Untugend. Der Zwang der Umstände, eine Art von Relativismus und Indifferentismus und der zunehmende Haß auf alles Fremde führten zur Aushöhlung des Griechentums und versetzten ihm einen Schlag, von dem es sich nicht wieder erholen sollte und seine Einmaligkeit und mit dieser seine weltpolitische Bedeutsamkeit verlor. Der Hellenismus, der unter Alexander der Große seine Blütezeit erlebte, verunstaltete das Griechentum, trieb die Griechen nur formal nach außen, ohne ihren Geist der Selbständigkeit und Unabhängigkeit zu erfassen. Dem griechischen Naturell ist ein Großstaat, wie Alexander ihn eroberte, fremd. Ungriechisch (und sehr viel weniger grausam) war auch der Kampf der Diadochen (Nachfolger Alexanders) um die Hegemonie: eroberte Städte und Gegner wurden nicht getötet/geplündert, sondern dem eigenen Machtbereich subsumiert.

    [4] Es ist gelogen, wenn behauptet wird, in Athen habe eine größere Freiheit als in Sparta bestanden. Aus Sparta sind keine Todesurteile gegen Philosophen bekannt, aus Athen dagegen schon. Die Athener ostrakisierten alle, vor denen sie aus dem einen oder anderen Grunde Angst hatten. Die Spartaner taten nicht tolerant oder großherzig. Sie waren erhabener als die Athener und besaßen die größere individuelle Freiheit, was sie, im Ganzen gesehen, auch selbstbewußter machte, aber schlecht nutzten: Nach dem 6. Jahrhundert v.Chr. sind keine künstlerischen oder wissenschaftlichen Leistungen von Weltbedeutung aus Sparta mehr überliefert, aus Athen dagegen schon.

    [5] Diese drei Pfeiler sind Eleutheria (Freiheit und Unabhängigkeit nach außen), Autarkia (wirtschaftliche Selbständigkeit) und Autonomia (Selbstbestimmungsrecht der Bürger).

    [6] Es ist davon auszugehen, daß ca. 8% aller Kinder nicht von dem Mann stammen, der von der Mutter angegeben wurde. Die Annahme einer über Jahrhunderte rein gebliebenen Völkischheit ist also schon aus statistischen Gründen Unsinn.
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