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Thema: Nah am Wasser

  1. #1
    mühe
    Status: ungeklärt

    Nah am Wasser

    Mein Name ist Frantisek Vesely.
    17 Jahre war ich Binnenschiffer in der CSSR.
    Meine Heimat ist die Elbe.
    Sie war ein wichtiger Handelsweg für uns. Aus dem Magdeburger Umland transportierten wir Salz in die CSSR. In Magdeburg trafen Binnenschiffer östlicher und westlicher Nationen zusammen. Und wir tauschten uns aus.
    Mit Worten, so gut es ging, Alkohol, Zigaretten und Klamotten.
    Dinge, mit denen man auch in der Heimat weitere Geschäfte machen konnte.
    Die Leute der Staatssicherheit der DDR sahen oft über diese Tauschgeschäfte hinweg.
    Gegen ein gutes Pilsner Urquell hatten sie nichts einzuwenden. Warum auch. Das Bier aus der DDR war für uns mit der Wasserqualität der Elbe vergleichbar. Trübe und ungenießbar.
    Wie meine Aussichten seit dem Abend des 17.März 1988.

    Sie stellten nur wenige Fragen. Wer noch und wo die Waren verstaut würden, dass sie ihren Einzelprüfungen entgingen.
    Zuzana würde sich „endlich“ offiziell bestätigt sehen in der Annahme, dass das alles irgendwann schief gehen müsse.
    Nur ausgerechnet diese Bestätigung wäre wohl die einzige in unserem Zusammenleben, auf die sie hätte verzichten können.
    Was würde man ihr überhaupt erzählen?
    Ich dachte an Ludmila und Lubomir, meine Kinder.
    Was würde Zuzana ihnen zu Hause erzählen?

    Zu Hause, das ist Hradec Kralove.
    Hier fließen die beschauliche Elbe und die Orlice an der Südspitze des Jirasek-Parks zusammen. Der Park, in dem ich den Großteil meiner Kindheit verbrachte, wurde nach dem Schriftsteller Alois Jirasek benannt, der 100 Jahre vor mir das städtische Gymnasium besuchte. Man erreichte ihn von der Schule aus über die Brücke des Stauwehrs am Wasserkraftwerk, die alle nur „Hucak“ nannten.
    Unter Birken und Kastanien verbrachten wir dort an warmen Tagen den Literaturunterricht von Frau Ondraskova.

    Wir lasen Macha, Hrabal, probierten uns an eigenen Gedichten. Die Natur solle uns inspirieren.
    Ich schloss die Augen. Rauschen.
    Die Wassermassen, die sich durch das nahe Stauwehr pressten, drückten sich nun ähnlich schwerfällig durch meinen Kopf.
    Statt Buchstaben zusammenzusetzen, spülte das Wasser sie nur einzeln aus.

    Ich schloss die Augen, hielt meine Hand unter das laufende Wasser, das sich durch den Hahn presste. Rauschen. Solange das Wasser lief, saß ich wieder unter den Bäumen des Jirasek-Parks, nicht am Waschbecken meiner Zelle.
    Buchstaben setzten sich zusammen. An die Wände, die Sie hier umgeben.
    Sie umgaben auch mich.
    742 Tage.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Nah am Wasser

    Königgrätz.
    Stringent, geradlinig, schnörkellos. Vorteile dieser Erzählweise: der Leser bleibt am Ball.
    Nachteil dieser Erzählweise: Meinungsdiktatur. Der Autor besitzt die Allwissenheit, so ganz im Stile von: "Was mein Leser nicht wissen kann (ich aber), es sollte nicht das letzte Mal sein..." Etliche Leser schalten bei dieser Erzählweise ab, weil sie gern teilhaben möchten. Dein Erzählstil ist also archaisch. Das kann aber trotzdem interessant werden, wenn die Details stimmen, wenn tatsächlich etwas zu erzählen ist.

    Das Bier in der DDR war nicht schlecht. Da aber jeder Ort sein Bier herzustellen hatte, gab es auch etliche schlechte. In Magdeburg wurde seinerzeit das Magdeburger Bier (Diamant, Goldquell, Luxator, Edel-Bräu und Bock) gern getrunken. Besser war das Colbitzer, das es noch heute gibt. Ich trank seinerzeit gern das Edel-Bräu, ein Pils. Heute trinke ich fast nur noch Bock-Bier, das aus Colbitz. Es ist das beste Bock-Bier, das ich kenne. Und ich habe mich durch etliche Brauereien gesoffen, um das festzustellen. Pilsner Urquell schmeckte mir immer schon, mehr noch das Budweiser. Aber nachdem ich in Prag mal Schwarzbier getrunken hatte und danach nächtlicher Klodauerbesucher war, habe ich Abstand von böhmischem Bier genommen.

    Kurzum: Schreibe nur ein wenig genauer, erzähle Details. Sie sind Gold wert, denn sie bleiben dem Leser im gedächtnis haften und er will mehr davon.

  3. #3
    mühe
    Status: ungeklärt

    AW: Nah am Wasser

    erstmal danke für die auseinandersetzung und schön, dass wir dadurch deine bierhistorie erleben durften (ernst gemeint).

    frantisek vesely schrieb im knast dann die gedichte, die in diesem forum unter "nah am wasser" auftauchten und auch so mit der elbe zu tun haben.

    details sind auf jeden fall möglich.
    ich mag eigentlich verschachtelungen, glaube aber, damit zu verwirren und für den leser nicht klar genug schreiben zu können, da ich denke, sie wissen schon, was gemeint ist, nur weils in meinem kopf so klar ist.

    dialoge: hab ich probleme mit. mit dem rechten einbauen. vielleicht ist die aktuelle erzählform mit mehr ausschmückung und nähe/gleichnis zum leser passender für mich.

    ich liebe osteuropa, werd mich demnächst an eine kurzgeschichte probieren, thema parallele magdeburg, warschau verpackt in kleiner story.

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