Neulich in Weimar kam mir die Idee, die Herren und Damen unserer Dichterprominenz als Menschen, Versager, sexuelle Notstandsgebiete, Häretiker des Wortes, Sinnsuchende, Giermünder, Spatzen des Ilmparks, Hugenotten der Saaleauen, Künstler und eben so etwas darzustellen. Versuchen wir eine BILD-Zeitung für die Weimarer Klassik, ein Buch namens "Goethe - Tag für Tag" existiert bereits..


Ich werde also immer dann, wenn mir bei meinen Bemühungen ums Wort einer unserer Großen ins Wort fällt, versuchen, diesen und dieses zu kolportieren, was dann ungefähr so aussieht:


3. Jänner 1783
Wieland war bei mir. Versuchte wieder seine häßliche Tochter Lucinde unterzubringen. Der Arme. Hat er nicht genug und schwer genug daran zu tragen, daß ihm Schillern in seiner Opportunität als studierter Medicus eine Schwindsucht in Aussicht stellte? Nein, er flieht vor seinen dreizehn Weibern, die ihm das Leben im eigenen Haus zur Hölle machen, in eine Welt des schieren Scheins: Griechenland. Ich war dort: trockenes Moos und ausgemergelte Menschen, nackte Steine, gleißende Sonne; Delphi hat jemand an der Weggabelung aufgestellt, aus kleinen Schachteln. Wieland weiß das nicht und schickt seinen Helden ins Nichts der brennenden Sonne.
Nun ja. Er will also in den Süden, hat aber kein Geld. Und da schlich er um mich herum, wedelte mit dem Agathon-Manuskript umher, aber ich tat ihm nicht den Gefallen und frug nach dem letzten Kapitel.
Er grollte davon, immer einen Fuß vor den anderen setzend, was, da es sich um Wieland handelt, der immer schweren Herzens den Weg nach Hause antritt, bemerkt werden muß. Und der Schnee verdampfte unter seinen Schritten.