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Thema: Deutsche Klassik

  1. #1
    Chefchen Avatar von aerolith
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    Steine

    Es gibt Namen, darunter versammelt sich die ganze Schönheit des Geistes und Wollens, aller Patriotismus und alle Lebensfreude.


    STEIN ist so ein Name. Zwei der mir liebsten Personen der Geschichte sind darunter zu subsumieren, ach was, drei oder vier sogar.

    Charlotte von Stein, Goethes geliebte Seelenführerin, Freiherr vom und zum Stein, durch ihn und seine Taten wurde ich gebildet, mein Vorbild. Lorenz von Stein ist hier zu nennen oder Barthel Stein, der mich die Geographie lieben ließ.

    Ist schon komisch manchmal. Ich fand keinen Schmidt, der mich begeistere, aber einen Haufen von Steinen, Steine, da war doch was?

  2. #2
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    Post Deutsche Klassik

    Am Dienstag hörte ich einen Vortrag über das Verhältnis Schillers zur Nation. Ich hätte es vielleicht nicht tun sollen, denn ich ärgerte mich. Ich ärgerte mich über diesen Menschen, seines Zeichens Rektor der Magdeburger Uni, der bestenfalls Allgemeinweisheiten zum besten gab, die zudem klischeeisiertem Denken entsprachen. Daß Schillers Begriffsunterscheidung zwischen Nation und Nationellem nicht dargetan ward, war vielleicht noch verzeihbar, aber daß weder Schillers Humanitätsbegriff noch seine strikte Ablehnung an alles Demokratische Gesprächsthema wurde, war es schon nicht mehr. Da hat einer von etwas gesprochen, wovon er nichts verstand. Aber gut.

    Doch eine Sache ließ mich nun vollends verärgert das Auditorium verlassen. Der Redner ließ nun auch kein gutes Haar am Nationalen der Paulskirchenvertreter, mithin des nationalen Aufbruchs des "reaktionären" Jahrzehnts nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49, was de facto und de iure kein Scheitern gewesen, zumal es eigentlich auch keine Revolution war. Aber das nur am Rande. Redner versuchte seinen Zuhörern zu vermitteln, daß es eine Entwicklungslinie hin von Schiller, über dessen Rezeption und dem zu spät gekommenen deutschen Nationalismus gäbe, von dem es nur noch einen kurzen Schritt hin zur Barbarei sei.

    Das sind hanebüchene und schematische, ja ich möchte sie veraltete Lesarten nennen, die nur durch die ideologisierte Scheuklappe der Entnazifizierungszeit betrachtet werden durften, nun aber, bitte schön, einer sachlichen Betrachtung weichen sollten.
    Es ist ein Aspekt der Betrachtung des speziell deutschen "Nationalismus" zu betonen, daß nämlich mit der Schleswig-Holstein-Frage ein Umdenken der Deutschen begann. 1848/9 sahen sich die Deutschen plötzlich alleingelassen, als sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollten. Man wollte Großdeutschland, alle Deutschen unter einem Dach, aber da machten die Vaterländer der anderen nicht mit. Was für sie galt, durfte für die Deutschen nicht gelten. Die Bruderschaft der revolutionären Völker, von der die Klassikerr noch ausgingen, war eine Illusion und gegen die nationalen Interessen der Deutschen erhob sich von allen Seiten Widerstand. Rußland und England drohten unverhohlen mit Krieg, Frankreich beanspruchte die Rheingrenze, Dänemark Schleswig und Holstein.

    Von diesem Schock hat sich das idealiter denkende Nationalgefühl nicht mehr erholt, dieses idealite Nationalgefühl, das Herder und Schiller besprachen, den Deutschen aber schon mit auf den Weg gaben, daß sie zuerst sich selbst bilden sollten, weil ihnen die Staatsrüstung zu groß sei.

    Die Staatsbildung des zweiten Reiches ist vor diesem Hintergrund zu sehen.

  3. #3
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    Schillers Finanzen

    Die große Steuerlüge. Durch zahlreiche Geschichtsbücher geistert die Lüge von der Auspressung des Volkes durch die Herrschenden. Die Wahrheit sieht anders aus.

    Was gemeint ist, mag jeder Heutige angesichts folgender Tatsache bemessen: Es gab keine Steuern für Essen, Trinken und dergleichen, die der Endverbraucher zahlen mußte. Diese uns heute wohlvertrauten Steuern sind Erfindungen des späten 19. Jahrhunderts bzw. stammen aus der Zeit des ersten Weltkrieges.

    Schiller mußte für sein 90000 € teures Haus (1150 Thaler bar bezahlt!) jährlich an Steuern zahlen: 9 Groschen, 4 Pfennige, d.s. etwa 37 €. Mehr zahlte er das ganze Jahr nicht. Keine Einkommensteuer, keine Gewerbesteuer, keine anderen Abgaben. Er bezog anfangs vom Herzog 200 Thaler (16000 €), im Jahr seiner Krankheit verdoppelte der Herzog Schillers Einkünfte. Nebenbei verdiente er als Schriftsteller nicht schlecht, ungefähr 1000 Thaler im Jahr, besonders Almanache, Kalender und Zeitschriften (Horen) gingen gut, weil sie regelmäßig Abnehmer fanden. Die Einnahmen als Professor sind marginal, vielleicht nebenher noch 100 Thaler p.a.
    Schillers Haushaltung verschlang etwa 1200 Thaler p.a. (ca. 96000 €), denn Schiller lebte auf großem Fuß. Arm war der Mann nicht, zumal er 1792 3000 Thaler (ca. 240000 €) vom Augustenburger Stipendium erhielt, d.i,.nach heutigem Wert drei Einfamilienhäuser.

  4. #4
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    Post Troeltsch

    Troeltsch meint (um 1915), daß sich Klassik und Romantik nicht im Ziel, sondern nur in der Anwendung der Mittel für die Selbstbildung unterschieden. Er lobt Nietzsche, dessen Wirken er als das eines Schriftstellers bezeichnet, nicht als das eines Philosophen. Die Vertiefung des Persönlichkeitsgedankens habe die Sehnsucht nach echtem Leben und Originalität gesteigert und lasse, durch den Krieg noch gesteigert, eine neue Blüte der deutschen Literatur erwarten, die nunmehr aufgrund breiterer Volksbildung und gewachsenen Vermarktungsmöglichkeiten nicht auf wenige beschränkt bleiben dürfte.

    Kommentar: Der Mann sollte auf eine merkwürdige Weise rechtbehalten.

  5. #5
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    Question Fichte und Merkel

    Merkwürdige Überlegung:

    Fichte raisonnierte in seinen Reden an die deutsche Nation 1808, daß der Fortgang der historischen Entwicklung dato immer im Volke seinen Ausgang genommen hätte.

    Das war gegen Schiller und Goethe und deren Konzept des aufgeklärten Despotismus gemünzt.

    Wenn man sich die politischen Entwicklungen dieser Tage ansieht, so nimmt Merkel einen klassischen Standpunkt ein. Sie entscheidet von oben herab und will eine Befruchtung Europas mit ihrem fortschrittlichen Politisieren, wenngleich sie politische und wirtschaftliche Zwangsmittel einzusetzen gedenkt, wenn diejenigen, die in ihrem Herrschaftsbereich (Europa) leben, ihr nicht folgen wollen. Man könnte meinen, sie folge diesem Verdikt einer guten Staatsführung von oben herab. Doch wer sind ihre aufgeklärten Berater?

    Auf der anderen Seite die Vertreter des Fichteschen Gedankens, nämlich das Volk, das sich gegen die Diktate von oben findet. Aber diese Findung erfolgt nicht in den Kreisen, die den Fortschritt für sich beanspruchen (deklamieren), sondern in den Kreisen, die von den "Fortschrittlichen" als reaktionär, nationalistisch und rechts bezeichnet werden.

    Merkwürdig verquere Lage.

    Volksbewegungen haben offenbar immer etwas Reaktionäres an sich. Sobald sie sich verhärten und eine Partei herausbilden, werden sie undynamisch und Teil der Macht. Das muß das eherne Gesetz der Oligarchie sein. Fichte irrt wohl, wenn er glaubt, daß Fortschritt immer aus dem Volke kommen muß. Ich glaube, Schiller und Goethe haben recht, die nur an den allmählichen Fortschritt glauben mochten, der zuerst im Menschen erfolgen müsse, im politischen Sinne aber immer vom aufgeklärten Despoten (Merkel) erfolge.

  6. #6
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    Der Künstler und die Welt - der Entwicklungsroman

    Oft wird den Klassikern vorgeworfen, sie seien Erklärer, auch Moralpauker. So und nicht anders sei das Leben anzupacken, ein Gradmesser, ein Maßgeber sei das, was sie da geschrieben.

    Mitnichten.

    Zwar haben es die Klassiker erst erfunden, dieses Vermitteln von Lebenserfahrung im Kunstwerk, diese Verwobenheit, ABER es ist eben ein Unterschied, ob ich meine Erfahrungen schlichtweg zu allgemeinen mache (Aufklärung) und das Kunstwerk nur benutze, um eben diese Erfahrungen als Exempel vornanzustellen, reine Widerspiegelungsästhetik, oder ob ich im Erzählen des Lebensweges Erfahrungen sammle, im künstlerischen Prozeß, den Leser an die Hand nehme und mit mir führe und ihn teilhaben zu lassen, dessen Eigenes mit dem verbinde, was ich im Kunstgegenstand selbst modele. Erst so wird Freiheit und Genuß möglich, in der Schaffung von Reibungsflächen. Man liebt doch am Ende immer nur das, was einen in freiheitn setzt.

  7. #7
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    Lightbulb Faust-Interpretation: der politisch inkorrekte Ansatz

    Der Faust-Text läßt viele Deutungen zu. Eine augenscheinliche kam in den letzten Jahren außer Mode, weil sie ein Geschmäckle hat. Da sie jedoch nicht von der Hand zu weisen ist, sei sie hier entwickelt:

    Die Epoche der Klassik steht historisch im Kontext der Herausbildung des kapitalistischen Deutschen. Der Kapitalismus verlangt/erzieht/bewirkt einen Menschentypus, der seinen Verstand benutzt, um als nützliches Glied im Herstellungs- und Verteilungssystem wirken zu können. Der Wert des Menschen wird daran gemessen, wie viel er erwirtschaftet; sein persönlicher Erfolg daran, welche Geldmengen er aus diesem Wirken heraus persönlich expropriieren kann. Dies erfordert geistige und räumliche Beweglichkeit, Anpassungsfähigkeit, Gier und vor allem einen Blick für verfahrenstechnische Modifikationen der Warenherstellung und ihres profitablen Vertriebs.

    Goethe, in der reichen Reichsstadt Frankfurt/Main aufgewachsen, erlebte diese Schwellenzeit aus nächster Nähe. Auf der einen Seite bot Frankfurt den Rahmen für Kaiserkrönungen und feudalen Hofstaat, auf der anderen pflegten die Ratsherren eine Aristokratie auf demokratischer Basis und gingen ihren Geldgeschäften nach. Goethes Aufenthalt im betriebsameren Leipzig dürfte die Widersprüchlichkeit dieser Tage noch bewußter gemacht haben. Was war das Fortschrittliche, was das Überlebte? Goethe entschied sich gegen den Weg des scheinbar Fortschrittlicheren, floh den vorgesehenen Weg des Vaters, den eines im Kapitalismus aufblühenden Plutokraten. Er zog das idyllische Weimar vor, den Feudalstaat dem bürgerlich affizierten Kapitalstaat. Daß dies durchaus eine bewußte Entscheidung war, belegt die Themenwahl seiner frühen Schriften. Ahasver versus Faust. Ahasver, der unruhige Nomade, der Jude, ohne Heimstatt, der dort (kurzzeitig) bleibt, wo er gewinnen kann, geistig rege, aber ohne Seele, starr in seinem Glauben mit dessen antiquiertem Regelwerk, zugleich auf Blutslinie und Tradition fixiert, die er wie ein Bündel mit sich durch die Welt schleppt. Der Kapitalist. Die Unendlichkeit der Welt wird durchmessen, gewogen und mit dem eigenen Ungeist durchsetzt: Macht, Gier, Fortschritt, Rationalismus, Technik und Zivilisation. Klopapier. Goethes Auseinandersetzung mit der Figur 1773/74 just in der Zeit, da er sich entscheiden mußte. 1775: Weimar!
    Den Faust kannte Goethe schon von Kindheit an. 1770 soll er erstmals einen eigenen Text zum Thema geschrieben haben. Was bedeutet das? Daß er den mittelalterlich-frühneuhochdeutschen Thüringer Heinrich Faust als das begriff, was deutsch sein muß. Ein Leben im Widerspruch von inwendiger Grenzenlosigkeit bei äußerlicher Kleinstaaterei. Die Weite des Herzens steht gegen die Enge des Raumes. Ein Gegenentwurf zu Ahasver. Wie bringt man beides zusammen? Das ist der klassische Grundentwurf: das UNvereinbare zusammendenken. coincidentia oppositorum, die contradictio in adiecto. Doch den Juden kann er nicht zum Antipoden machen. So bleibt der Teufel, ein Teufelchen, ein Fliegengott, ein Lichtwirrnis, ein Mephistoteles, der in den engbegrenzten Gruftbewohner fährt und ihn depraviert. Fortan fährt Faustmephisto hinaus in die Welt und mißt sie aus, aber er sucht nicht den Gewinn, sondern Erkenntnis. Und stellt am Ende fest: die Weite und das Streben machen den Menschen nicht reicher, nicht liebevoller, nicht weiser, nicht erkenntnissicherer. Die Weite muß vergehen, am Ende das zu werden, was man doch ist. Man kehrt zurück, den faulen Pfuhl rasch abzuziehen - und Mensch zu sein. Er kehrt in die Gruft zurück und hat die Wette/Welt in sich gewonnen, den einzigen Ort, wo das Bedeutung hat.

  8. #8
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    Post Schiller-Tagung vom 9. bis 11. Juni 2016 in Leipzig

    Einige Beobachtungen und Anmerkungen zu meiner gestrig erlebten Schiller-Tagung. Ich hörte vier Vorträge unterschiedlicher Qualität. Sie kreisten um den Zeitbegriff in Schillers Werk. Als Schiller-Freund und -Kenner nahm ich diese Vorträge an einem herrlichen Frühsommertag in der Albertina gern wahr, mehr noch aber den sich anschließenden akademischen Diskurs. Mitteilungen zu beidem:

    Kern seiner Philosophie und Dichtung ist die Idee der Freiheit, wie Hühn (Jena) dedizierte. Im Kontext der Zeitlichkeit dieser Grundidee stünde somit die Frage, in welchem Verhältnis zur Zeit diese Idee steht. Also bedarf es der Begriffsklärung und dann der Explikation in den einzelnen Gattungen, den Darstellungsformen des Dichters. Dem voran allerdings muß die Beschreibung der Idee der Freiheit stehen. Das ist der springende Punkt. Wenn man die Idee der Freiheit als etwas beschreibt, was in der Zeit ist/sein soll, wird man nicht umhin kommen, daran politische und entwicklungspsychologische Anforderungen an die mit der Darstellung desselben beauftragte Protagonisten (Figuren) zu stellen. Zivilisation, Westen, Freiheitspostulate verkommen dann zu Menschenrechtsdiskussionen auf der Bühne, zu abgehobenen Wartediskussionen, providentiellen Absurditäten oder schlichtweg zum beschaulichen Gang durch die Meinungen und Sozialisationen von Charakteren. Der Tod der Bühne, wo das Warten zum anstummen werden muß. Wo aus dem Zauderer Hamlet der Bürger Absurdistans, Godot, geworden ist. Wo das Theater seine Rolle das Schauspielstätte gesellschaftlicher Entwicklungen ausgespielt hat und zu einem Kränzchen-Klub mit Nabelschau wurde.
    Das war nicht Schillers Weg, war nicht Schillers Idee der Freiheit.
    Ich hatte bei sämtlichen Vorträgen allerdings das Gefühl, das genau diese Interpretationshypothese eine auf der vorgegebenen Lehrmeinung basierende Konstante sein soll. Man tut Schiller und der Entwicklung heutiger Dichtungen damit keinen Gefallen, wenn man Schiller derart verfortschrittlicht.
    Was ist Schillers Idee der Freiheit?
    Sie ist, wie auf der Hand liegt, eine Idee. Sie ist nichts, was in die (politische) Wirklichkeit transitiviert werden soll, geschweige denn darf oder kann oder muß. Sie ist ein Imperativ, der als Prozeß im Dichter wirkt und ihn antreibt, Wirklichkeit zu bewerten, immer wieder neu, denn die Momentaufnahmen des Lebens zwingen zur steten Auseinandersetzung mit dem Leben, den Umständen, dem eigenen Charakter. Der erdichtete Held steht im Spannungsfeld zwischen dem Schicksal und dem eigenen Wollen und muß sich Freiheit erringen, die als transzendentale Augenblickserfahrung Gewißheit schafft. Sie ist die über das Sinnliche hinausgehende Intention, aus der sich die Aufgabe zur ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts für diejenigen speist, die da hören können - um Hölderlin zu bemühen. Und diese Erziehung dient der Erfahrung des Schönen, das in der Wirklichkeit west. Das Schöne erscheint in der Zeit. Das Erhabene, definiert als komplementäre Temporalität (?), erscheint nicht in der Zeit, es wirkt wie ein Wurf aus dem Ewigen in die Zeit, ist aber selbst keine Zeit, keine Zerdehnung, die Zeit für den Dichter immer hat. Das Erhabene ist wie ein Punkt, der auch keinen Raum besitzt. Also irrt Hühn, wenn er das Schöne und das Erhabene als komplementäre Erscheinungsformen mit je spezifischer Temporalität beschreibt. Der Augenblick besitzt keine Temporalität, er ist dessen Verneinung, wirkt aber auf die Temporalität, ganz gleich, ob im Vergangenen, das wir uns täglich neu bestimmen/werten, in der erlebten Gegenwart, die wir als Sammlung von "nullstelligen" (das war das Wort der Tagung, der running joke) Augenblicken erleben oder als Entwurf des Künftigen, das wir uns aus dem generieren, was wir im Vergangenen oder auch Gegenwärtigen an Erhaltungswürdigem uns selber ausmalen wollen.
    Die Idee der Freiheit hängt allerdings an den beiden Polen des Schönen und Erhabenen. Am Schönen hängt sie, weil wir die Freiheit in der Erscheinung als etwas Schönes empfinden. Eine Frau (ein Mensch) wird von uns als schön empfunden, wenn wir die Ahnung entwickeln, daß sie uns befreit, in Freiheit setzt, setzen könnte, ins Glück bringt. Das reicht (bei vielen Menschen) über das Sexuelle hinaus. Aus dem Ewigen wird ein Entwurf erzeugt, transzendiert aus dem Augenblick in die Vorstellung und verändert die Zukunft. Keine Zeit, keine Zerdehnung, sondern eben zeitlos. Das Erhabene dagegen wirkt komplementär, inversiv.
    Andererseits ist Hühn zuzustimmen, wenn er den Augenblick als eine Aufhebung der Linearität der Zeit beschreibt. Sic! Eben, aber warum denkt er jetzt diesen Gedanken nicht weiter, in Nutzanwendung auf Schillers Dichtung? Muß die Aufhebung, diese Dreiheit aus hochheben, verneinen und bewahren, nicht bedeuten, daß die Zeit ihre sintemalen newtonsche Bestimmung verliert? Der erlebte Augenblick ist die Zielrichtung der schönen Dichtung. Ja!
    Die Idee der Freiheit kann nicht in der Zeit sein, weil die Zeit die Freiheit bedroht. Das reicht nicht. Es gibt keine Freiheit in der Zeit. Zeit zersetzt Freiheit, so in ihr denn Anstalten gemacht werden, sie zu statuieren, sie als Zustand zu etablieren. Gleiche Rechte, Menschenrechte, Persönlichkeitsrechte und all das führen zu keiner Freiheit, zu keiner freiheitlichen Gesellschaft. Ein Irrweg! Denn sie gaukeln Freiheit nur vor. Der Mensch kann nur in dem Kampffeld aus den Polaritäten Schicksal und Charakter nach der Idee der Freiheit streben, die auf sein Leben zurückwirkt, wenn er sich täglich bemüht, also strebt. "Nur der erwirbt sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß!", sagt Spezieh Goethe. Und damit hat er (1832: endlich!) Schiller verstanden. Beinahe. Schiller hätte Faust sagen lassen: "Nur der erwirbt sich Freiheit wie das Leben, der täglich nach ihr streben will." Das ist die Idee der Freiheit. Freiheit ist ein procedere (providere, ja, Frau Fleig!), ein nunc stans irrealis, kein factum est.
    Aber der Mensch steht in der Zeit. Er hat Bedürfnisse: Freiheitsempfinden, Sicherheit. Er steht im Spannungsfeld von Form und Stoff. Er spielt, wenn er beide bei irgendeiner Wirklichkeitsbewältigungsstrategie verwendet. Es drängt ihn, Freiheit zu realisieren. Sie herzustellen wie einen Tisch. Aber, ach, manchem kömmt die Erkenntnis, daß sie übersinnlich sein muß. Dann bleibt als schwächelnde Alternative nur das Als-ob. Eine verweltliche Religiosität tut sich da auf. War Schiller irreligiös? Nein. Ganz im Gegenteil. Was ist denn Religion anderes als der Glaube an eine Lebenssicherheit im Übersinnlichen? Und was anderes ist die Idee der Freiheit? Sie ist eine Idee des Übersinnlichen, die in die Wirklichkeit hineinwirkt, genau dann, wenn der Mensch die Bedingungen für dieses Hineinwirken erfüllt, wenn er spielt, wenn er strebt, wenn er das Schöne verdauern will und das Erhabene ehrfürchtet. Das ist keine konfessionell fixierbare Religion, das ist der Kern des Numinosen überhaupt.

    Exzeption des Freiheitsbegriffs im "Wallenstein": Dramatische Figuren handeln in der Zeit. Genauer: sie handeln in der Erzählgegenwart. Noch genauer: Sie handeln für den Zuschauer in dessen erlebter Gegenwart.
    Tatsächlich? Was ist handeln? Was charakterisiert ein historisches Drama? Der Stoff? Der im Mittelpunkt stehende Charakter einer historisch bedeutsamen Figur? Welches Verhältnis besteht zwischen der Historizität historisch handelnder Figuren und der Geschichte selbst, die doch in der Zeit steht oder sich bewegt? Was ist Geschichte? Eine Form linearer Zeit? Zielt Geschichte auf etwas? Ist der Gang der Dinge erfüllte Zeit oder schlichtweg Linearität ohne ein Telos? Steht der Mensch in der Geschichte, der Zeit, in der Übersinnlichkeit des Augenblicks? Ändert sich der Mensch in seiner Substanz durch das Erleben, Vererben und das Behaupten in der Zeit, die er als seine Geschichte begreift?
    Wer das Triptychon "Wallenstein" aufschlägt, sich die drei Teile anschaut, ihre Erzähltempi vergleicht, ihre Extemporierung, wird schnell feststellen, daß es verschiedene Erzähltempi gibt. Und doch gehören sie zusammen. Das Lager ist eine Exposition fürs Ganze. "Sein Lager nur erkläret sein Verbrechen". Eine Prolepse. Das ist die Funktion dieses Teils, nicht das in ihm offensichtlich Stattfindende. Das ist banal. Man schwätzt. Wallenstein, der als Figur im Lager nicht auftritt, bewegt sich expositionell NICHT auf labilem Grund. Er ist dennoch jederzeit präsent, denn er ist die Sonne, um die seine Planeten (Offiziere) und deren Trabanten (Soldaten) kreisen. Die Generale sind fest an ihn gebunden. Personengebundene Abhängigkeiten. Er zahlt, nicht der Kaiser. Er bestimmt die Richtung der Feldzüge, die Regeln, die Wartephasen, die jedes Heer benötigt. Warten ist wichtig. Rhythmus. Reflexion. Sammlung. Konzentration. Lebenssicherheit durch die mutmaßlich bessere Ausgangsposition vor schnellem Zuschlagen, zumal die Erfahrung jüngst lehrte, nicht zu vieles auf einmal zu wollen. Der große Widersacher Gustav Adolf ist tot. Neue Ziele avisieren. Frühwinter 1633. Entwicklungen vorausahnen. Kräfteverhältnisse in ihrer Entwicklung betrachten und entsprechend lenken. Nicht direkt aktiv werden - gleichwohl die ins Hirn gesetzte Erwägung alles andere als fehlendes Handeln ist, andernfalls wäre jeder Unterricht überflüssig -, sondern handeln und bemühen lassen. Das Netz ist gespannt. Solange Wallenstein lebt, wird das Band zu seinen Abhängigen halten, wird sein Netz Beute machen und seine Kassen füllen. Das ist alles andere als labil. Aber es ist ein Verbrechen und damit nähern wir uns dem Kern des Dramas. Es geht um Legitimation und um das Spannungsfeld aus eigenem Wollen und Sollen. Es geht um Freiheit, Dispositivität und die Larven des Schicksals. Der springende Punkt liegt hier in der Beantwortung der Frage, was Wallenstein will und was dagegen die Umstände bewirken würden, wenn Wallenstein sie wirken ließe, ohne sich vermehrt einzubringen. Er will sich nicht gegen die Legitimationsmacht stellen. Er will keine Ausländer im Reich haben. Er will angemessen für seine Dienste entlohnt werden. Ein Thron sollte es schon sein. Er will schalten und walten, wie er es in seinem Heer für richtig hält. Er will keine Befehle erhalten, wen er wann wie anzugreifen habe. Sehr vieles ist arbitrium per negationem, aber deshalb nicht weniger handlungsbedeutsam. Er wird nicht aktiv, weil jede Handlung die sowieso schon waltenden Handlungsmuster, die in seinem Sinne wirken sollen, gefährden würde. Die Zeit ist bei ihm, meint er. Ein Irrtum.
    Das ist kein unsichtbares Theater, aber von Kopfkino müssen wir hier sprechen. Und wenn man einer Dramentheorie anhängig ist, wie Goethe, die das Offensichtliche auch offenbar machen will, also Handlung auf die Bühne und erst dann in die Köpfe der Zuschauer transpedieren will, dann ist Wallenstein in der Tat ein Zauderer, ein hamletelnder Godot. Wallenstein gefiel sich dann bloß in dem Gedanken der Rebellion, als er erkannte, daß Handlung immer auch Handlung gegen den Kaiser sein müsse, artifiziell renitent, da das Beziehungsgefüge zwischen dem Generalissmus und seinem Herrn gestört war. Schließlich mußte der Herr in Wien mutmaßen, daß Wallenstein selber die Krone tragen wolle. Jein. Eine Krone, aber nicht die des Hauses Habsburg. Ein Mißverständnis. - Der Gedanke gefiel ihm. Das ist Schiller. Und das Zaudern wird zur Tat in der Geschichte. Nicht zum Schönen, aber alles, was entsteht, ist schließlich wert, daß es zugrundegeht. Drum Rhythmus in den Handlungen belassen und nicht einem Handlungsstrang zuungunsten eines anderen, mitschwingenden, interferierenden den Vorzug geben! So bleibt alles im Gleichklang des Lebens, der Möglichkeiten. I'm an artist. Don't break (let) me down.

  9. #9
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    AW: Deutsche Klassik (II)

    I´m an artist. Don´t break me down. Oder: Coming down is the hardest thing.
    Wenn Freiheit als Idee und damit als antagonistisches Gegenkonzept zur Sicherheit fungiert, gehört sie eben doch zum gesellschaftspolitischen Diskurs! Dementsprechend ist die Frage nicht, wann der Mensch größtmögliche Freiheit(en) erfährt oder in welchem Staatssystem, sondern wie er sich dieser gewahr werden kann oder für sie kämpfen sollte (aus einem rein padägogischen Gesichtspunkt heraus).

    Die verschiedenenen (individuellen?) Ideen von Freiheit verweisen dann einerseits auf die ihr immanente Prozesshaftigkeit, andererseits auf die Notwendigkeit, Freiheit als graduelles Konzept zu betrachten.
    Ich bin freier als du? Empirisch und normativ höchst schwierig!
    Du wirst irgendwann frei sein? Pädagogisch höchst fragwürdig!

    Ideen bestehen "in der Zeit" bzw. werden erst im zeitlichen Verlauf sichtbar. Empirisch betrachtet stellt sich hier die Frage nach dem Variablengefüge, das kommunikative Setting: Was ist unabhängige Variable / Ursache, was abhängige Variable / Wirkung?
    Freiheit kann hier nicht unabhängige Variable sein, da sie als Idee und graduelles Konzept den Prozess erst sichtbar macht.
    Zudem besteht die Notwendigkeit, nach den molaren Kontexten zu suchen: Welche Umstände / Variablensyndrome führen dazu, dass Freiheit sichtbar / messbar / greifbar / erfahrbar wird?
    Hier ergeben sich Bezüge zu den verschiedenen Darstellungsformen in Schillers Dramen und damit die Betrachtung von der Idee der Freiheit (wohlgemerkt nur die Idee!) im Raum.
    Welche räumlichen Bedingungen existieren in seinen Dramen? Wie fügt er unterschiedliche Szenen aneinander?
    Verschiedene Grade von Freiheit sind dann allerdings nicht als Aneinanderreihung von Zuständen zu betrachten, folgen demnach keiner linearen Logik. Der eigentlich spannende Aspekt der Freiheit geschieht "zwischen" diesen Zuständen! Das dazwischen ist es, was wir untersuchen sollten! Doch wie kommen wir daran? Indem wir die einzelne Zustände so kleinteilig wie möglich anlegen? Oder bezögen auf Räumlichkeit, die Räume immer kleiner werden lassen?
    Diese Logik der Situation aus der heraus eine Eigendynamik entsteht gleicht einem empirischen Dilemma, eben weil hybride Räumlichkeiten ohne konstantes Variablengefüge weder zuverlässig noch gülitg gemessen werden können. Deshalb kann die Idee der Freiheit weder beschrieben, noch erklärt, noch prognostiziert werden.
    Auch normativ wird es nicht einfacher: Wenn wir Wirklichkeit anhand unserer Idee von Freiheit bewerten, Freiheit als transzendentale Augenblickserfahrung "beschreiben", kommen wir dem Prinzip der Nullstellen sehr nahe. Dementsprechend müssen wir in Schillers Werken von einer Aneinanderreihung ebendieser Nullstellen aka Zustände ausgehen. So betrachtet könnte man Schillers Erzählungen unter ein Nullprogramm fassen. Das würde jedoch keiner wagen!
    Und nun?
    Es bleibt uns noch die ästhetische Logik. Schönheit als Erscheinung mit je spezifischer Temporalität. Und damit wären wir wieder beim gesellschaftspolitischen Diskurs - Freiheit als Idee von Macht und Gegenmacht und damit als Dispositiv zum modus operandi.

  10. #10
    andere-dimension
    Laufkundschaft

    AW: Demokratie und andere Krater (II)

    ....und weil es hier so schillert; auch der war ein Nationalist!

  11. #11

    AW: Deutsche Klassik (II)

    Warum sollte es nicht gewagt werden, Freiheit als "ungeprägtes und hinterlegtes Nullpunktprogramm" aufzufassen?

    Sozusagen Freiheit als ein Produkt der Ideenwelt, dass in seinen ungeprägten, also unverzerrten Grundbewusstseinszustand zugänglich ist.

    Die Verzerrung der Freiheit begänne dann erst mit dem Personalpronomen.

    Deine Sicht auf Freiheit als graduelles Konzept der Verwirklichung von Freiheiten gefällt mir. Ergänzen möchte ich die Sicht Crowleys auf die Freiheiten des Magiers in der Welt. Er teilte im Tarot den Magier (als Symbol für "erweiterte Freiheitsgrade") in drei Rollen ein und unterschied den "dunklen", den "lichten" und den "Nullpunktmagier". Wir haben den Faust allso dreigeteilt vor uns und die anderen 76 "Karten" können sich für Macht, Gegenmacht oder den schmalen Grat der Totalität von Freiheit entscheiden.

    Sorry, verstehe zwar wenig vom Gesagten, fiel mir nur dazu ein. Was mir noch einfällt: Lese gerade ein Buch eines Gehirnforschers. Im Text wird kein einziger Fachbegriff verwendet, sondern sie werden in einem umfangreichen Glossar erläutert. Klar, wenn ein Autor wünscht, den Leser zur Verwendung eines Lexikons zu animieren, sind Fachbegriffe wichtig.

    Ist es nicht ganz einfach die Frage, wessen Freiheit gemeint ist?

    Endet meine Freiheit nicht dort, wo die Freiheiten meiner Mitwelt beginnen?

    Aber endet die Freiheit der Mitwelt nicht genau dort, wo das Ego seine Besonderheit "postuliert" und sich zum dunklen Magier macht?

    Freiheit kann Nullsummen- oder Plussummenspiel sein. Doch wahre Freiheit ist total, nicht selektiv.

    Die Idee von Freiheit sehe ich im Kontextbezug des Niveaus des Konzeptes der Betrachtung von Freiheit, oder, wie Aerolith meint, "im Kopfkino" von Freiheit.

    Dann wäre die Frage, ob Freiheit zunächtst nicht in Inneren gefunden werden muss, um sie im Außen gewähren zu können...
    Geändert von Michael (15.06.16 um 14:22 Uhr)

  12. #12
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Demokratie und andere Krater (II)

    Zitat Zitat von andere-dimension Beitrag anzeigen
    ....und weil es hier so schillert; auch der war ein Nationalist!
    War er nicht. Nationalismus ist ein Konzept für Kleingeister. Schillers Sentenz dazu: "Es ist ein kleinliches Ideal, nur für eine Nation scheiben zu wollen." (Quelle) Die Menschheit stand im Fokus seines Schreibens. Und der Reichsgedanke. Nicht aber das Deutschtum. Das faßte er als Zwischenschritt, bestenfalls, wobei ich selbst das bezweifle, denn die Konstituierung einer Nation aus einem Reich ist ein historischer Rückschritt.

  13. #13

    AW: Deutsche Klassik (II)

    Magst Du in der Sache der Betrachtung richtig liegen, lieber Aerolith, die Wortwahl ist kaum "umzuprägen" und siehe Xavier Naidoo, immer noch ein "Ausschlusskriterium", es sei denn, das "Reich" sei inwendig. Wäre der Begriff des "Stroms", den Rene von Anjou (?) geprägt haben soll, nicht sinnvoller?

    Ansonsten: Wie soll im historischen Kontext darin die geforderte "ästhetische Logik" zu finden sein?

  14. #14
    Chefchen Avatar von aerolith
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    AW: Deutsche Klassik (II)

    Die musikalische Klassik besaß ihr Wirkzentrum in Wien, die literarische in Thüringen, Sachsen und Bärlin. Beide sind dadurch gekennzeichnet, daß sie das Bürgertum mit dem Adel verbanden. Das poetische Gefühl wirkte auf sensible Seelen, v.a. bei Frauen, die ihre Männer nicht selten dazu brachten, Schöngeister zu fördern, manchmal sogar selbst die Initiative ergriffen, um Dichter, Musiker und andere Künstler in ihr Lebensumfeld zu bringen.

    Das ist ein interessantes sozialgeschichtliches Detail. Es eröffnete nicht wenigen Unterprivilegierten die Möglichkeit zu gesellschaftlichem Aufstieg.

    Musik zu schreiben, zu lyrisieren, zu dramatisieren... das waren tiefe Bedürfnisse und KEIN Zeitvertreib.

  15. #15
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Deutsche Klassik (II)

    Strickmuster und Namen :

    Er-Einstieg; Klausursituation mit Schwarmmotiv in Kabale und Liebe, Ausweitung in die Erlebniswelt von Walter-Ulla: Walters Tripp in die erinnerte unmittelbare Vergangenheit; dann Wartesituation im Eiscafe, eine hoffnung des schüchtern und erotisch Entbrannten auf die erlösende Aktivität der bisher sehr selbstgewissen und erotischfreien Ulla. Der Blick auf den "Slip" ist da wichtig, wo ein markantes erotisches Obsessionssignal und mag es noch so abgedroschen sein, den Blick des Jungen fordert und die Mischung aus Schwärmen von ferne und Begehren forciert.

    Die Namen sind nicht unbedingt "dick": nur wenige wissen, dass sich hier die Schillerparallele und die Schwarmparalle, die ja im Text mehrfach thematisiert wird - siehe auch letzter Absatz - über "von Walt(h)er" unterfüttert wird, aber eben nur für den eingeweihten Leser.

    Das bedeutet dann einfach eine zusätzliche, literarhistorische aber auch anthropologische Markierung eines knabenhaft-pubertären Musters. Die Komik, die daraus resultiert, dass Walter über Walter reflektiert und bis zu einem gewissen grad bei sich die gleichen patterns mit unbehagen erlebt und von daher gar nicht unrealistisch die erlösungsphantasie ("ha") - erlösung seitens mädchen - aufbaut, möchte ich nicht missen. Vertiefung zu "Schwärmen" siehe unten


    Der "Eisbärensong" und das Schwärmen, der soziokulturelle Hintergrund

    Der Eisbärensong war 1986 (NeueDeutscheWelle) sehr präsent. Auf Klassenpartys wurde er mit Inbrunst gegrölt. Gruppe "Grauzone". Aber offensichtlich nicht so bekannt, dass er beim Leser Erinnerungen auslöst oder das transportiert, was der Text dem Jungvolk sagte: wir haben Liebeskummer und müssen schreien. Wenn wir Eisbären und cool wären, müssten wir nicht schreien. Und das alles dann komisch-grotesk singen. Das hat es gebracht.

    In "Kabale und Liebe" geht es tatsächlich in einer sehr interessanten Weise um das "Schwärmenmotiv" bei Ferdinand. Das ist ein fast petrakistisch-idealistischer Stil bei ihm. Und sein Mord an Luise hat nicht zuletzt etwas damit zu tun, dass dieses Muster an Keuschheit - so meint der Ferdinand - etwas mit dem tumben Hofmarschall von Kalb hat. So richtig wüst geht es bei Schiller eher in den "Räubern" zu.

    Zusätzlich lernt man nicht selten das "Lied von der Glocke", das ist dem Schüler der 10. Klasse oft noch präsent, wenn man Schiller "durchnimmt", hier die entsprechende "Züchtige Passage" mit "Anhimmeln" ("Gebild aus Himmelshöhn") und "Brüdern" und all ihrer heute unfreiwilligen Komik und Ernsthaftigkeit:

    Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,
    Er stürmt ins Leben wild hinaus,
    Durchmißt die Welt am Wanderstabe.
    Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus,
    Und herrlich, in der Jugend Prangen,
    Wie ein Gebild aus Himmelshöhn,
    Mit züchtigen, verschämten Wangen
    Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.
    Da faßt ein namenloses Sehnen
    Des Jünglings Herz, er irrt allein,
    Aus seinen Augen brechen Tränen,
    Er flieht der Brüder wilden Reihn.
    Errötend folgt er ihren Spuren
    Und ist von ihrem Gruß beglückt,
    Das Schönste sucht er auf den Fluren,
    Womit er seine Liebe schmückt.
    O! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
    Der ersten Liebe goldne Zeit,
    Das Auge sieht den Himmel offen,
    Es schwelgt das Herz in Seligkeit.
    O! daß sie ewig grünen bliebe,
    Die schöne Zeit der jungen Liebe!
    Tja, und bestimmte Hermestexte und das Manifest und auch die "Einheimischen-Formulierung" haben bei und wegen aller schillersprachlichen Nähe und ihrer kritik der allzu vernunftorientierten Lebens- und Denkweise so viel Mehrdeutigkeiten, dass sie sich dem Verdacht antiquarischer "Das eine Haus"-Ideologie und des zensusorientierten Ständestaat-Modells aussetzten und vielen anderen Verdächten noch.

    Salute
    aes

  16. #16
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    AW: Deutsche Klassik (II)

    Ich bin mir nicht so sicher, ob die Parodie dazu taugt, sich klassischen Inhalten anzunähern. Nicht als durchgängig gebrauchte Methode. Sich den Klassikern politisch zu nähern bedeutet, die Idee des Ständestaats zu prüfen. Prüfung kann aber nicht erfolgen, wenn von vornherein das auf rationalem Pragmatismus und besserwissendem Postsozialismus aufbauende Weltbild einer westlichen Mustern folgenden Demokratiebesoffenheit als Gesprächsergebnis festzustehen hat. "Verdächte"? Schillers Werk muß offen bleiben. Das sollte die wichtigste Botschaft sein, denn dann erst entsteht Freiheit im Diskurs.

    Ein anderer, aber daran sich anknüpfender Gedanke: Ich hege den Verdacht, daß Rationalismus und die Lehren der Geschichte jungen Menschen zu schnell suggerieren, ein angehender Intellektueller könne nur links und atheistisch sein. Ein vernünftiger Mensch könne nur links und atheistisch sein. Ein vollkommener Bürger dieses Staates könne nur links und atheistisch sein.Wer dies nicht sein will, der könne nur rückwärtsgewandt, asozial, im schlimmsten Fall ein Faschist sein.

  17. #17
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    Exclamation Die Crux mit dem Rationalismus

    Ein wichtiger Bezugspunkt jeder geisteswissenschaftlichen Auseinandersetzung, erst recht jeder geistigen Bewegung liegt im Bezug zum Rationalismus.

    Für die Klassik glaube ich feststellen zu müssen, daß sie im Rationalismus steht, aber dessen Hauptfehler nicht übernimmt. Der Hauptfehler, woran der gesamte Westen krankt, ist die Präferenz für die Kritik der Realität zugunsten einer auf Verstandestätigkeit, Autonomie und zugleich (Selbst)Macht aufbauenden Ausrichtung politischen und geistigen Handelns. Anders gesagt: während das klassische Konzept bildungsorientiert war, also den politischen Prozeß hintansetzte, will der rationalistische (nicht rationale!) Westler zuerst einmal aufgrund seines überbordenden Verständes und dessen daraus affizierter Tätigkeit die Realität kritisieren, um sie gewaltsam zu verändern, wieder zu verändern... Er hat keinen Plan als diesen, daß sich alles verändert und darum kritisiert, analysiert, verändert werden muß.

    Das klassische Konzept verfolgt ein Ziel, in dem der Prozeß (des Werdens) fundamental ist, nicht aber der Prozeß um des Prozesses willen, der doch nur Zerstörung (Antithetik) beinhaltet, nicht aber Synthesis.

  18. #18
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    Hegel und Schiller

    Man sollte meinen, sie hätten einander zugehört, v.a. Hegel dem älteren Schiller. Mitnichten. In Hegels Freiheitsbegriff schwingt so gar nichts Schillersches mit. Dabei hatte Schiller bereits 1794 die Komplementarität des Freiheitsbegriffes, also die Erscheinungsformen in der Zeit als Schönes und Erhabenes, formuliert. Kant hatte bekanntlich Erscheinungsformen der Freiheit geleugnet, indem er transzendentale Freiheit als in der Zeit und somit in Erscheinungsformen Seiendes ablehnte. Transzendentale Freiheiotz sei IN DER ZEIT nicht denkbar, meinte er. Hegel muß diesen Gedanken Kants aufgenommen haben und dabei Schiller schlichtweg ignoriert haben. Hegel beschreibt Freiheit als "bloße Idee von der Aufhebung der Gegensätze", also als eine Idee. Schiller dagegen sieht Freiheit auch objektgebunden, nämlich als Erscheinungsformen des Schönen und Erhabenen. Nur dann sei Freiheit sichtbar. Anders gesagt, welche Bedeutung (außer als bloße Denkoption) soll Freiheit für den Menschen haben, wenn er sie nicht mit seinen Sinnen wahrnehmen kann - wenigstens gelegentlich?

    Verdammt! Warum leugnet Hegel Schiller?

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