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Thema: Deutsche Klassik

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Weimarer Klassik

    Neulich in Weimar kam mir die Idee, die Herren und Damen unserer Dichterprominenz als Menschen, Versager, sexuelle Notstandsgebiete, Häretiker des Wortes, Sinnsuchende, Giermünder, Spatzen des Ilmparks, Hugenotten der Saaleauen, Künstler und eben so etwas darzustellen. Versuchen wir eine BILD-Zeitung für die Weimarer Klassik, ein Buch namens "Goethe - Tag für Tag" existiert bereits..


    Ich werde also immer dann, wenn mir bei meinen Bemühungen ums Wort einer unserer Großen ins Wort fällt, versuchen, diesen und dieses zu kolportieren, was dann ungefähr so aussieht:


    3. Jänner 1783
    Wieland war bei mir. Versuchte wieder seine häßliche Tochter Lucinde unterzubringen. Der Arme. Hat er nicht genug und schwer genug daran zu tragen, daß ihm Schillern in seiner Opportunität als studierter Medicus eine Schwindsucht in Aussicht stellte? Nein, er flieht vor seinen dreizehn Weibern, die ihm das Leben im eigenen Haus zur Hölle machen, in eine Welt des schieren Scheins: Griechenland. Ich war dort: trockenes Moos und ausgemergelte Menschen, nackte Steine, gleißende Sonne; Delphi hat jemand an der Weggabelung aufgestellt, aus kleinen Schachteln. Wieland weiß das nicht und schickt seinen Helden ins Nichts der brennenden Sonne.
    Nun ja. Er will also in den Süden, hat aber kein Geld. Und da schlich er um mich herum, wedelte mit dem Agathon-Manuskript umher, aber ich tat ihm nicht den Gefallen und frug nach dem letzten Kapitel.
    Er grollte davon, immer einen Fuß vor den anderen setzend, was, da es sich um Wieland handelt, der immer schweren Herzens den Weg nach Hause antritt, bemerkt werden muß. Und der Schnee verdampfte unter seinen Schritten.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Deutsche Klassik

    Pissen wir Jean Paul aufs Hirn! Der war zwar kein Weimarer, aber wer war das schon? Ich hatte einen Freund in Jena, der wollte das schon machen, Reimann hieß er. Er scheiterte aber daran, daß die chose inkonsistent ist (!), was wohl an der chose selbst, nicht aber an einer wie auch immer gearteten Rezeption der Nachgeborenen liegen mag. Und er scheiterte selbredend daran, zu doof zu sein.


    4. Januar 1795


    Ich bin jetzt in einer Gewohnheit, aus der ich mein Leben richtiger verstehe; ich wundere mich nicht, daß ich aus der Einsamkeit heraus bin und lieber in der Offenheit der Schöpfung und in einem tätigen, nicht sehr mißkennbaren und gewissenhafteren Leben lebe. Ich nehme überhaupt die Welt ganz anders. Schillern meinte neulich zu mir, daß ich nicht nur ein Leben hätte. Er muß es wissen, denn er hat schon jetzt mehrere. (Oder wie erklärt er sich seinen Turm im hintersten Teil seines Gartens? Dorthin flieht er doch vor dem Lärm der Kinder, der Frau, dem Tohuwabohu in seinem Hirn!) Ich schau das Leben nach solchen Gedanken immer viel freier an, schau ins Unvergängliche der Natur, worin ich zeitlich lebe, diese ruhigen dämmernden Wolken über dem Saaletal... Daß diese Heiligtümer all denen gewidmet, die in meinem Herzen leben und nicht nur Zeichen der Vergangenheit oder Zukunft seien, sondern auch der Gegenwart. H.

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Deutsche Klassik

    Nicht ganz Weimar. Hamann. Verkanntestes deutsches Genie.


    1758: Der Mann will eine Frau heiraten, die ist die Schwester seines Freundes Berens. Berens sagt NEIN: "Meine Schwester muß meinen Haushalt führen, außerdem hast du kein Geld. Ich geb dir eine Chance: Fahr nach London und eröffne ein Kontor für die Rigaer Kaufleute."
    Sagt Hamann, er habe keine Ahnung von Geschäften.
    Aber H. muß, denn er hat bereits 150 fl. (zirka 3240 €) Schulden. Also fährt er los, besäuft sich unterwegs mehrere Male, findet einen Freund namens Senel, der ihn ausnimmt und betrügt. Schließlich kommt er doch in London an, wohnt in der Marborough-Street (nicht Marlb.) bei Mr. Collins und versucht das Seine. Es mißlingt gründlich. Aber was geschieht, was diese Reise für uns Heutige so interessant macht: H. erfährt GOtt und Sokrates gleichermaßen. Seine schwärmerischen Eskapaden in die Welt der Johannes-Apokalypse, sein maßloses Verlangen nach einem Stück Sicherheit zwingen ihn zu konzentrierter Auseinandersetzung mit dem, was er bislang ablehnte: Glauben. Sein zuvor in unzähligen Kaffeehäusern verstopfter Leib wird zu einer Diät gezwungen, seine körperliche Enthaltung war gezwungen durch die Maßlosigkeit seines vorigen Völlerns. Nun muß er fasten, nun kommen die Phantasien, wie sie so vielen deutschen Hungerkünstlern in der Fremde kamen, doch in H. finden sie einen, der begabter als so viele ist.
    Zurück in Riga beichtet er das völlige Verschwinden von 300 fl., seine lebenslange Abhängigkeit vom Kaufmann Berens (Berentzen Appel) ist beschloßne Sache. Er muß sich eine finanzielle Aussicht schaffen, setzt sich nieder und schreibt DENKWÜRDIGKEITEN, die Berens an den Meistbietenden verhökert, der seinerseits nun versuchen muß, das Palimpsest eines grundlosen Aufklärungspessimisten im aufbrechenden Zeitalter der Aufklärung an den Mann zu bringen.

  4. #4
    rodbertus
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    AW: Deutsche Klassik

    21. Jänner 1794


    Adelung hatte die Kanzleisprache der Meißner zur Hochsprache stilisiert. Ja, sprachen wir denn frei von nideren Gelüsten? Niedere Lüste! Begrenzung der Wohls, Kinderkram.
    Das Sächsische will dienen, dem Gaumen dienen. Weich und rund, kaum ein Rollen, ein Abgleiten in die Sattheit des Vokals.


    Es fiel Goethe leicht, seine häsische Mundart gegen das Sächsische einzutauschen. So reimte er palatalisiert: Man lese den ersten Akt des Faust, speziell die Monologe Fausts, dazu die Begegnung mit Gretchen, um zu wissen, daß Jöten sächselte.


    Adelung nun, der Garant der Rechtschreibung in Zeiten vor Herrn Duden, wollte eine Reform, einen Gleichklang des Wortes durch die Manifestation in einem Regelwerk. Regelpoetiken brachte die Barockzeit hervor, warum nicht auch einen Kanon schaffen fürs geschriebene Wort?


    Frisch auf, Ihr Herren! Tun wir es gleich!

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    Lightbulb AW: Deutsche Klassik

    im läbe net... der mann blieb Häse. als beleg: aus dem gretchenmonolog

    "ach neige,
    du schmerzensreiche .."

    wer traute einem nichtfrankfurter einen solchen vers zu?
    frankfurter wissen, was ich meine ...
    big

  6. #6
    rodbertus
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    Lightbulb AW: Deutsche Klassik

    Das, bigvogel, ist ein sächsischer Reim, denn das ist eben die Palatalisierung, von der ich sprach. Der Sachse sagt: neiiche (mit halboffenem e), der Heß neigt zur Abrundung bzw, Streichung des Ausgangsvokals (Kadenzen sind ihm unbekannt. (Beide Stämme sitzen allerdings im mitteldeutschen Raum, unterhalb der ik-ich-Grenze, wobei der Heß naturgemäß eher dem Süddeutschen zuneigt, also Leipzik statt Leipzich sagt -wie's richtig ist-, wie's in Auerbachs Keller verräterischer einen Heß nit mög kennzeichnen, was aber nicht der Fall ist, weil Herr Goethe schon im zarten Jünglingsalter das Sächsische in Leipzig mocht liebgewonnen haben. (NIT ist auch ein Beleg für Auslautverhärtung; wohingegen der Sachse eher nischt als nicht sagt.)


    P.S. Übrigens ist Goethes sächsische Aussprache in "Lotte in Weimar" von Herrn Mann ausgiebig behandelt worden. Nimm's hin, mei Libber!

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Deutsche Klassik

    hier irrt E. Die Lotte kann ich singen, erinnere mich nicht, dass G. sächselte - und wenn man die Aufnahme von Gerd Westphal 'hört': das ist hessisch / frankfurtisch.


    Jawohl
    Lester

  8. #8
    rodbertus
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    AW: Deutsche Klassik

    Das ist ja der Witz, lester. Als die hessische Lotte nach Weimar kömt, fällt Goethe wieder ins Mutteridiom, was seine Umwelt wundert, denn er hatte sich in (1775-1818) 33 Jahren wohl doch sehr das Sächsische angenommen. Und das wiederum ist die entscheidende Beobachtung, daß eben Schiller sich sein Schwäbsch behielt, während Goethe seine Aussprache der Umwelt anpaßte. Wie das meiste andere auch.


    Übrigens berichtet schon Hegel 1806, daß Goethe sächselte, was ihm als Schwaben durchaus auffiel.


    P.S. Wollen wir noch ein bißchen weiterstreiten? Wir könnten auch den Faust durchforsten oder den Diwan...

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Deutsche Klassik

    jawohl!
    hessen an die front!
    daß g. hessisch sprach, is nämlich hier allgemeingut! die großmutter textor hat jedenfalls ihren bembel im gemaalte haus in sachsenhausen füllen lassen! (is die da zu fuß hin? übern eiserne steg? oda war se doch in bergen?)
    die hätte sich hier tot gelacht, wenn g. sächsisch gebabbelt hätt!
    außer dreier jahre in leipzig mit wenigen kontakten zur schlichten szene kam er erst im relativ reifen alter von 26 nach weimar, damals dürfte er diese sächsische gaumenstellung auch nich mehr verinnerlicht haben!
    denk ich mir mal!
    big

  10. #10
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Deutsche Klassik

    Fakten, Fakten, Fakten.


    Dr. Riemer in Lotte (3. Kapitel): '...Ich bin auch Poet, anch'io sono poeta, ein unvergleichlich geringerer als er, mit Zerknirschung spreche ich es aus, und "Es schlug mein Herz" geschrieben zu haben oder den "Ganymed" oder "Kennst du das Land" - nur eines davon -, o meine Teuerste, was gäbe man nicht dafür, - gesetzt man hätte gar viel zu geben! So frankfurterische Reime freilich, wie er sichs öfters leistet - denn er reimt unbedenklich "zeigen" und "weichen", weil er mündlich allerdings "zeichen" und "weichen", wenn nicht gar "zeische" zu sagen pflegt -, solche Reime kommen bei mir nicht vor, zum ersten, weil ich kein Frankfurter bin, dann aber auch, weil ich es mir nicht erlauben dürfte'.


    Und Klopstock?, der hat zwar die Deutschen vom Reim befreit, aber dass er als Harzer Sächsisch von Frankfurtisch unterscheiden konnte ist eher unwahrscheinlich. Sind ja beides erstaunliche Idiome, wenn ich auch dem Säschischem auf der nach oben offenen Teufelsskala die Palme reichen muß.
    oops, wieso Klopstock, du sprachst von Hegel, schwabe, also für die schwaben gilts auch, ich lebt' dort lange genug: das ist denen alles eines.




    kämpferisch
    Lester


    *malindeneckermanguckenaberderistsoumfangreich*

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Deutsche Klassik

    hi, lester,
    das lob ich mir! da kömmt die wissenschaftliche schützenhilfe, der ich zum auftrumpfen so entbehrt habe!
    nehmts zur kenntnis, leute, er war der berühmteste sohn frankfurts, und das lassen wir uns nicht nehmen! schon gar nicht von leuten, die nich mal wissen, was ein bembel is! würklich net!
    big

  12. #12
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Deutsche Klassik

    Schön, haben wir vier Pferde, die jeweils ziehen. Ich drück mich mal so aus: Die Zeit heilt alle Wunden und wird Goethe in Weimar sanft, doch beharrlich die dato sächsische Hochsprache angebunden haben. Denn wisset, dümmliches Volk, das Kanzleisächsisch gerierte sich justament als Hochdeutsch. Und was die ererbte mütterliche Gaumenstellung Häsisch betrifft; die wurde doch durch die väterliche Gaumenstellung sächsisch-thüringisch wenigstens im Lot gehalten, denn wisset, ungläubig Volk: Goethes Vater wanderte seinerzeit aus Thüringen nach Frankfurt/Main ein. Siehste!


    Zu dem Mann, der in einem Ort mit O geboren ward und andern-O-orts starb: Der Mann und der Dichter sind eine Person. Er war des Enthusiastischen im höchsten Maße fähig, sie verlängerte seine Jugend. Er resigniert nicht, er regt an. Er arbeitet allem Exzentrischen entgegen, er war gegen Philisterei und platte Prosa. schrieb er über Herrn G.


    Zeitlebens geplagt mit der Not von 13 Töchtern, die alle verehelicht werden mußten; also der Mann mußte einfach schlüpfrige Prosa schreiben. Und da saß er nun, in seinem abseitigen Abdera, die Ilm plätscherte vor dem Tore, im Garten selbst sprang ein Brunnen gelegentlich zu den Fröschen, die doch heilig waren im samtnen Morgentau. Und quaks, da brach das Wort an der Büste des großen griechischen Satirikers.


    Winterzeit ist's. Ich stolpre über Gartenharken.

  13. #13
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Deutsche Klassik

    Ich muß in der Gruft stehen, am Sarge, muß in Oßmannstedt den Springbrunnen plätschern hören und Dich nackt darumspringen sehen. Dann fallen mir Geschichten ein.
    Manchmal muß ich nur was lesen, um schreiben zu können, zumeist aber muß ich sehen, um glauben zu können: I want to believe.


    Nehmen wir diesen ersten Ordner zum Thema als Versuchsballon, der das macht, was ein Versuch zumeist macht: suchen.

    Gedanken zu einer Goethe-Sentenz:


    Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.


    Der Mensch ist endlich. Seine Sinne nehmen Wahrheit gebrochen auf, als Symbole, in Gleichnissen, als Analogien. Und das Was ist vom Licht umhüllt. Das Licht selbst blendet ihn. Das Unverhüllte läßt sich nicht sehen, nicht ertragen, kann nicht verstanden werden.
    Das ist das Problem, denn WIR dummen Erdlinge glauben eben, daß wir es doch könnten. Dieses Doch treibt uns an und macht uns blind gegenüber dem Abglanz, den Farben des Lichts, der Fülle des Verschiedenen.


    Wie muß es gewesen sein, dies zu wissen, aber doch mit Kleingeistern einen Streit um Worte führen zu müssen? Das Mahl mit dem Weine hatte Verve, es stülpte Gedanken um und verriet Weisheit. Weise war die Annahme, daß der Weg entscheidend ist, nicht das Ziel, daß die Wege wichtig und wichtiger als das Ergebnis seien. Ein Bild ist klar, im Wesen unklar und verhüllt, im Herzen nur Anschauung und verdichtet im Grunde des Weistums.


    Ich muß gärtnern gehen, wühlen und die Sache beziehen, ziehen und mich weiter streiten.

  14. #14
    rodbertus
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    AW: Deutsche Klassik

    Und weil er heut Geburtstag hat, so gebm wir uns die Ehre,
    und singen ihm ein schönes Lied,
    ganz frei von jedm Gemehre!


    Hallo, Wölfchen! Schaust Du uns zu? Wie steht sich's denn so hinter Schillern?

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Red face Charlotte von Stein

    Charlotte, herzlichen Glückwunsch zu Deinem Geburtstag.
    Es gab da einen, der schrieb die Leidensgeschichte eines ungebändigten, empfindsamen Herzens. Sein Herz war übervoll, es strotzte vor erotischer Phantasie. Du mit dem Sinn fürs Praktische hattest auch für sein Wesen Mitgefühl, kanntest sein Sehnen wie das Deinige. Darauf kam es an: Das Gefühl des behandelten Wesens. Wobei Du doch nicht einmal eine Intellektuelle gewest; nur eine Welt klein im Erklären des Gegenständlichen. Wie wenigen das hinreicht?! Er will nach seinem Herzen leben und nicht die Welt durch Erklärung verständlicher machen. Er hat keine karrieristischen Ambitionen. Die kommen erst später, nachdem er Dich nicht kriegen konnte. Wie viel sublime Verdrängung das, was Brücken bauen, Bücher schreiben, Reisen und Theaterstücke veranstalten LIESZ! Die Literatur der größten als ein Abfallprodukt nichtgekonnter Verwirklichung in der Einen. Das warst Du. (Alle wissen es, aber kaum einer spricht es aus: Du bist der Grund auf dem Bodensatz der Literatur der Deutschen, Charlotte.) Praktischer Verstand schalt um das Sehnen einen Panzer.


    Das Grundmotiv des jungen Wilden ist krankhaft, doch unzerstörbar in der Wirkung.
    Goethe ist der wahre Idealist - ein Phantast, der der schnöden Welt lieber den Rücken kehrt, als sich ihr wirkend zu stellen.


    Denkste!


    Er lernt dazu, dieses Mensch, dieses Menschenkind. Lernfähig. Eben der Unterschied zwischen Literatur und Wirklichkeit. Werther erschießt sich, Goethe baut auf.


    Gedankensplitter:
    seine Liebe zu Dir: eine Möglichkeit an der Existenz erfahren!
    Krise Goethes: Erfassung der Realität, um neue Wege gehen zu können
    Du: das Ebenbild von dem, was Goethe mangelt - Lebensrealitätssinn


    Tragen wir heute eine gelbe Weste, einen blauen Frack, Messingknöpfe und braune Stulpenstiefel!

    charlotte_scherenschnittanblick_goethe.jpg

  16. #16
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Deutsche Klassik

    Lösung eines langjährigen Rätsels.


    Warum Schiller Caroline nicht leiden mochte!


    Ich wunderte mich immer über das Verhältnis Schillerns zu den Frühromantikern (bzw. replizit). Was für ein Haß da durchs Ilmtal fuhrwerkte. Goethe eben nicht, warum aber Schiller?


    Eine Lösung des Knotens: Michaelis. Johann Michaelis aus Göttingen (Orientalist seines Zeichens), Vater selbiger Caroline, hatte 1761 die dänische Arabienexpedition initiiert. Der einzige Überlebende, Carsten Niebuhr, schrieb einen Bericht, der sich streng an den (theoretischen) Vorgaben des Orientalisten orientierte (ha!). Das Geld für diese Leistungen floß aus Kopenhagen nach Göttingen. Goethe ging im Hause Michaelis aus und ein, gelegentlich.
    Schiller erhielt 1793 im Jahre größter Noth ein Stipendium aus Kopenhagen. Und schnappte der mittellosen Caroline, die sich derzeit beim revolutionären Forster in Mainz aufhielt und sich von französischen Lieutenants schwängern ließ, Geld für deren Übersetzungsabsichten weg. Ha! (Der Vater mochte die gemütlose Tochter nicht, die zwar hochbegabt, aber herzlos schien. Schiller wollte selbst das Denken und den Sinn adeln. Das war gut "arabisch" gedacht.)


    Nun, wer zählt jetzt zwei und zwei zusammen? Zumal: Caroline konnte der Schillern (Charlotte ist jetzt gemeint) es nie verzeihen, daß sie ihre einz'ge Meißner Porzellan-Tasse zu Boden fallen ließ. Ohoho. Böses Blut im Saaletal. Inzwischen dort die Creme sich sammelte.

  17. #17
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Anna Amalia

    Anna Amalia war keine Leuchte. Aber ihr Herz verströmte eine Wärme, die andere ergriff; in ihrer Gegenwart wollte jeder nur Gutes tun. (Manchmal ist das bedeutsamer als die Auffindung eines Gedankens.) Wie aber soll ihr Würdigung gerecht werden? Anstoßgeberin? Kaum.


    Und so rätsle ich noch ein bißchen, was aus unserer Literatur geworden wäre, wenn ein katholisches Fräulein beschlossen hätte, Dichtung und Literatur zu absolvieren...

  18. #18
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Goethe und Kant

    Lange rätselte ich, was Goethe - nachträglich herzlichen Glückwunsch zu Deinem 253.!; auch ich vergeß mal was - an Kant nicht mochte. Klar, dieser erhobene Zeigefinger! Aber es liegt ein tieferes Mißbehagen in dem Verhältnis: Goethes Anschauung ist nur kompatibel mit der Ansicht des Menschen als einem Wesen unbedingt positiver Natur. Kant aber wollte durch Regeln das Gute herbeikonjugieren. Deshalb lehnte sich Kant auch an die Briten, ihren pragmatischen Empirismus an. Bildung des Guten durch Regelwerk! Auch heute noch glauben manche oberflächlichen Behaivoristen, daß sie nur durch ein strammes Regel- und Gesetzwerk den Menschen zu einem Guten machen könnten, derweil sie doch klammheilig davon ausgehen, daß er böse sei. Und damit knebeln sie Freiheit, verwässern und sieben den Willen... Das ist kein Humanismus. (Deshalb liest man auch nirgendwo, Kant sei ein Humanist gewest.)
    Und Schillern? Der setzte sich darob mit Kant auseinander. Weil er doch an die Wirksamkeit von Regeln nicht glauben mochte, die Grenzen der Wahrnehmung aber jeden Tag aufs neue erkennen mußte. Der Glückliche kam noch dazu, sich vom "Mönchen aus Königsberg" zu lösen und sich an Goethes Standpunkt der freien Anschauung anzulehnen.

  19. #19
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Puschkin, Goethe und Marx

    Der Puschkin steht in Weimar. Er starb 1837. Die Franzosen wußten bis dahin nur, daß Rußland weit und kalt ist. Was mochte Goethe, auf dessen Betreiben hin Puschkin in Weimar Aufnahme und Rezeption fand, an diesem Spieler? Vielleicht die intuitive Psychologisierung des Disparaten? Hat die russische Seele in Weimar deshalb Fuß gafaßt, weil die Fürstenfamilie russisch verbandelt gewest? hat die Politik hier der Ästhetik den Weg gewiesen, also aus einer Liebedienerei - zu der Goethe, wie wir wissen, neigte - wurde ächte Begeisterung?!


    Es gibt in der Literaturwissenschaft die These, daß de Vogue erst 1887 die Russen den Franzosen erschloß. (Waren die Russen - Dostojewski, Turgenjew, Bakunin, Tschaikowski... deshalb in Deutschland beheimatet, weil wir sie schon um 1830 als Dichter und Denker annahmen?)


    Deutschland hat eine stärkere Affinität zu den Russen als andere in Europa. Beide Völker denken ganzheitlich, haben Anfang und Ende im Auge, wenn sie schreiben, denken, handeln... V e r t i e f e n!!!


    Marx mit seiner säkularisierten Apokalyptik, mit seiner historischen Mission der Arbeiterklasse hatte einen Ganzheitsentwurf geschaffen, den die Russen aufnehmen konnten wie ein trockener Schwamm den Regen.

  20. #20
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Puschkin, Goethe und Marx

    Einer der Gründe für das allmähliche Wachsen der deutschen Klassik: staatliche Zerrissenheit will heißen das Viele im Ausdruck und in der Auseinandersetzung mit dem jeweils Einen. Das Viele konnte nicht in einem - gleichgeschalteten - Staat entstehen, der zentriert war oder machtpolitisch orientiert. Es mußte das Kleine sein, die Unterordnung gesellschaftlicher Kräfte unter die politisch-staatlichen. So konnte das Denken gegen die Macht gesetzt sein. So konnte der Macht aufgetragen sein, selbst zum Denken zu gelangen. Gedanke des aufgeklärten Souveräns. Und manche der Einen taten's, aber es stand ihrem Willen frei, das zu tun. Und das war gut und schlecht zugleich.
    Doch wer die Freiheit will, der muß auch das Böse in Kauf nehmen, darf es nicht unterdrücken zugunsten eines bloß theoretisch Formulierten Guten. Wer hält diese Spannung lange aus?
    Der andere Weg ist der, das gesellschaftliche Streben selbst zum staatlich-politischen Machtausdruck zu bringen. Die Engländer machten's im 17. Jahrhundert wirklich, die Franzosen im 18. Doch dann wird der Staat alles, Freiheit ist da nicht möglich; es fehlt an Spannkraft zwischen einem frei sich setzenden Willen des einzelnen und dem einer Allgemeinheit beziehungsweise vieler Allgemeinheiten, denn es bestimmt nicht die Person, sondern das Recht, das Gesetz oder das Geld. Vernunft wird vorgeschoben oder passend modelliert. Die Freiheit soll abfallen, ist ein verwertetes Abfallprodukt. Solche Gebilde müssen das Menschsein verkümmern lassen.


    Als Deutschland nach zwei verlorenen Kriegen diesen westlichen Gedanken aufoktroyiert bekam - und die meisten Deutschen ja sagten, weil sie nun genug hatten von dieser Spannung in ihrem Inneren, da war es aus mit ihrer Freiheit, ihrer Blüte des Denkens, ihrer eigentlichen Bedeutung für die Welt. Doch ist die Sehnsucht nach dem Eigentlichen ihrer selbst immer noch vorhanden. Sie ist nicht ausgelebt. Und das sollte den anderen Angst machen - und Klügere von den andern wissen das auch.


    Also: das gegebene Politische muß zerstört werden. Der Kreis des Beisammenseins muß verändert werden, neue Strukturen muessen her! Doch es führt kein Weg zurück. Und es soll kein Weg zurück führen, denn das Gegebene ist vernünftig, weil durchgesetzt. Also muß das neue durchgesetzt werden, wenn es vernünftig ist. Selbstbestimmung ist immer Bestimmung über das Selb. Das Selb aber muß erst (wieder)gefunden werden.


    Das ist wohl ein sehr langer Weg.

  21. #21
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    Wesen des klassischen Konzepts

    Meiner Meinung nach sind es zwei Aspekte, die hier besonders hervorstechen und das klassische Konzept markieren:

    • Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen. Man muß die Stimmen wägen und nicht zählen. Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet, da muß der Staat untergehen, früh und spät. (Schiller im "Demetrius")
    • Ganz gleich, ob es sich um Kant, Hegel, Fichte oder Schelling, Goethe oder Schiller handelt: Sie alle glaubten, daß in der Geschichte Vernunft walte, besaßen also ein mehr oder weniger chiliastisches Geschichtsbild, was für unsere Fragestellung bedeutet, daß der Staat hier nicht Konstitutiv des menschlichen Daseins, sondern Regulativ, bestenfalls, genannt werden darf. Der Staat dient der Entwicklung des Einzelwesens, der Gattung Mensch gleichermaßen. Der Staat ist nicht, wie in westlichen (vor allem britischen und französischen) Vorstellungen, ein bloßes Machtorgan, um die bösartigen Triebe des einzelnen zu bändigen, sondern wird als Familie, als Schutz- und Trutzverband verstanden. Der Staat muß deshalb vernünftig sein, an der Spitze steht der Vernünftigste, den Gott einsetzte, der aber durch Berater über die wirklichen Verhältnisse auf dem laufenden gehalten wird und so stets AUFGEKLÄRT bleibt.


    Ich kann das jetzt nicht kurz und knapp entwickeln, deshalb diese kurzen Angaben. Nur eines noch: Der derzeit in der BRD obwaltende Staat entspricht nicht dem klassischen Konzept, sondern ist ein westlicher Staat, also ein Gewaltstaat. Der Staat der BRD besitzt KEINE sittliche Idee, die ihn trägt. Er bläht sich immer weiter auf, tritt als Unternehmer in Konkurrenz zur Privatwirtschaft, verklammert sich mit ihr, so daß Privatinteressen und Staatsinteressen in Konflikt kommen müssen oder aber kartellähnliche Konstrukte entsprechen. Wir haben hier nur eine Möglichkeit, wir müssen die Krake Staat entkraken, also den Staat weitgehend abschaffen, ihm einige Kompetenzen lassen, aber doch etliche wegnehmen und sie in der Gesellschaft diskursivieren. Doch das bleibt Utopie, denn die geistige Elite dieses Landes ist butterweich amalgamiert.

  22. #22
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Steine

    Es gibt Namen, darunter versammelt sich die ganze Schönheit des Geistes und Wollens, aller Patriotismus und alle Lebensfreude.


    STEIN ist so ein Name. Zwei der mir liebsten Personen der Geschichte sind darunter zu subsumieren, ach was, drei oder vier sogar.

    Charlotte von Stein, Goethes geliebte Seelenführerin, Freiherr vom und zum Stein, durch ihn und seine Taten wurde ich gebildet, mein Vorbild. Lorenz von Stein ist hier zu nennen oder Barthel Stein, der mich die Geographie lieben ließ.

    Ist schon komisch manchmal. Ich fand keinen Schmidt, der mich begeistere, aber einen Haufen von Steinen, Steine, da war doch was?

  23. #23
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Deutsche Klassik

    Am Dienstag hörte ich einen Vortrag über das Verhältnis Schillers zur Nation. Ich hätte es vielleicht nicht tun sollen, denn ich ärgerte mich. Ich ärgerte mich über diesen Menschen, seines Zeichens Rektor der Magdeburger Uni, der bestenfalls Allgemeinweisheiten zum besten gab, die zudem klischeeisiertem Denken entsprachen. Daß Schillers Begriffsunterscheidung zwischen Nation und Nationellem nicht dargetan ward, war vielleicht noch verzeihbar, aber daß weder Schillers Humanitätsbegriff noch seine strikte Ablehnung an alles Demokratische Gesprächsthema wurde, war es schon nicht mehr. Da hat einer von etwas gesprochen, wovon er nichts verstand. Aber gut.

    Doch eine Sache ließ mich nun vollends verärgert das Auditorium verlassen. Der Redner ließ nun auch kein gutes Haar am Nationalen der Paulskirchenvertreter, mithin des nationalen Aufbruchs des "reaktionären" Jahrzehnts nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49, was de facto und de iure kein Scheitern gewesen, zumal es eigentlich auch keine Revolution war. Aber das nur am Rande. Redner versuchte seinen Zuhörern zu vermitteln, daß es eine Entwicklungslinie hin von Schiller, über dessen Rezeption und dem zu spät gekommenen deutschen Nationalismus gäbe, von dem es nur noch einen kurzen Schritt hin zur Barbarei sei.

    Das sind hanebüchene und schematische, ja ich möchte sie veraltete Lesarten nennen, die nur durch die ideologisierte Scheuklappe der Entnazifizierungszeit betrachtet werden durften, nun aber, bitte schön, einer sachlichen Betrachtung weichen sollten.
    Es ist ein Aspekt der Betrachtung des speziell deutschen "Nationalismus" zu betonen, daß nämlich mit der Schleswig-Holstein-Frage ein Umdenken der Deutschen begann. 1848/9 sahen sich die Deutschen plötzlich alleingelassen, als sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollten. Man wollte Großdeutschland, alle Deutschen unter einem Dach, aber da machten die Vaterländer der anderen nicht mit. Was für sie galt, durfte für die Deutschen nicht gelten. Die Bruderschaft der revolutionären Völker, von der die Klassikerr noch ausgingen, war eine Illusion und gegen die nationalen Interessen der Deutschen erhob sich von allen Seiten Widerstand. Rußland und England drohten unverhohlen mit Krieg, Frankreich beanspruchte die Rheingrenze, Dänemark Schleswig und Holstein.

    Von diesem Schock hat sich das idealiter denkende Nationalgefühl nicht mehr erholt, dieses idealite Nationalgefühl, das Herder und Schiller besprachen, den Deutschen aber schon mit auf den Weg gaben, daß sie zuerst sich selbst bilden sollten, weil ihnen die Staatsrüstung zu groß sei.

    Die Staatsbildung des zweiten Reiches ist vor diesem Hintergrund zu sehen.

  24. #24
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    Schillers Entwicklungsgang

    Letzten Dienstag hörte ich Bollenbeck (Siegen) über Schillers Kulturkritik. Gut. Allerdings fiel mir auf, daß ein Paradigmenwechsel vor der Tür steht: B. versuchte mir doch tatsächlich weiszumachen, daß bereits Abel (Schillers Lehrer zu Karlsschulzeiten) in Schiller eine Gleichgewichtslehre zwischen Körper und Seele verpflanzte, die sich dann zwanzig Jahre später zum Humanismus weiterentwickelte. Das hieße ja, Schillers schwierige geistige Entwicklung zu nivellieren.
    Erstaunlicherweise greift jetzt doch mehr und mehr die Erkenntnis Raum, daß Schiller nicht der große Idealist mit wehendem Haar und moralinem Parlieren gewest, sondern eher ein Kulturkritiker im Rousseauschen Geist. Wobei das selbstredend für Schiller zu wenig gewesen waere! Also setzt er der Zivilisationskritik, nein, der Kulturkritik, die sich in den vier bürgerlichen Betätigungsfeldern Wirtschaft, Politik, Recht und Erziehung manifestiert ein Prinzip entgegen, das den Menschen als Gattungswesen beauftragt, an der eigenen Vollkommenheit des Guten wie auch des Bösen beständig zu arbeiten. Und weg ist der alte und platte Humanismus, den man heute noch in verschiedenerlei Form lesen kann, daß der einzelne schlecht sein kann, es aber insgesamt einen Fortschritt gäbe (Weltvernunft) oder daß der einzelne durch Gesetze zum Guten bestimmt werden soll, weil das die vernünftigste Lösung sei oder daß Freiheit an Einsicht gebunden sei... blabla
    Für Schiller war es immer ein Zeichen von Barbarismus, wenn die Vernunft das Konstitutiv des Handelns ausmacht; es war ihm ein Zeichen von Naivität, wenn dieses Konstitutiv das Gefühl, Lebenssinn also Fühlen, Schmecken oder Ficken sein soll.
    Und das ist doch mal eine Neuigkeit! Weder das eine noch das andere ist es, was den Menschen ausmacht.
    Und hinsichtlich einer politischen Folgerung sei hier angemerkt, daß für Schiller Verstand stets bei wenigen nur gewesen. Die rohe Masse ist und wird nicht selbstbestimmt handeln können, entweder handelt sie vernunftorientiert, also in abstrakter Kaltsinnigkeit wie die mordenden Jakobiner oder sie handelt naiv, indem sie nur auf Eingebungen, Sinneseindrücke, Launen... hört.
    Bereits 1787 notierte Schiller im Geisterseher: "Gewisse gefährliche Wahrheiten der Vernunft, meinte er, könnten nirgends besser aufgehoben sein als in den Händen solcher Personen, die ihr Stand schon zur Mäßigung verpflichte, und die den Vorteil hätten, auch die Gegenpartei gehört und geprüft zu haben."

  25. #25
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    Schiller auf dem Esel



    so gar nicht weit zu reisen, will mir heute nicht in den sinn. verfluchte reizschwäche.
    schöne sache das mit einem bilddiskurs zu mir. glauben die doch allen ernstes, sie könnten mich vor ihren karren spannen, seit zweihundert jahren versuchen sie's nun. doch ich bin frei, will heißen, ich bin lebendig. nur tote lassen sich spannen.

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