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Thema: Deutsche Klassik

  1. #76
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Deutsche Klassik (II)

    Zitat Zitat von Michael Beitrag anzeigen
    Warum sollte es nicht gewagt werden, Freiheit als "ungeprägtes und hinterlegtes Nullpunktprogramm" aufzufassen?

    Sozusagen Freiheit als ein Produkt der Ideenwelt, dass in seinen ungeprägten, also unverzerrten Grundbewusstseinszustand zugänglich ist.

    Die Verzerrung der Freiheit begänne dann erst mit dem Personalpronomen.

    [..]
    In der Tat ist das die heutige Auslegung des Freiheitbegriffs, eine Art ungebeugtes Nullpunktprogramm. Schöne c.i.a. hast Du da hinterlassen. Wie soll Freiheit anders möglich sein denn als Aufgegebenes, etwas, was täglich zu erringen ist? Und wie soll sie sich verwirklichen, wenn nicht durch Personalpronomina?

    Hölderlin, dessen Geburtstag sich heute zum 267. Mal jährt, wußte Freiheit auch nur als Nullpunkt zu formulieren. Spätestens dann, wenn die Liebe bindet, wird Freiheit zur Farce, Liebe ersetzt dann die Freiheit.

    Trennen wollten wir uns, wähnten es gut und klug;
    Da wirs taten, warum schröckt' uns, wie Mord, die Tat?
    Ach! wir kennen uns wenig,
    Denn es waltet ein Gott in uns.

    Eben deshalb ist er KEIN Klassiker, sondern eine somnambule Randfigur, zwischen Romantik und Klassik wabernd. - Löblicheres läßt sich über ihn nicht sagen.

  2. #77
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    Kant zum 294.

    Sechs Jahre sind's noch bis zum Jubiläum. Ich bin gespannt, wie es begangen werden wird. ich für meinen Teil brauche keine Jubiläumsfeiern für Tote, aber ich brauche Erinnerung für das, was sie über ihren Tod hinaus geleistet haben sollen, ihr Testament. Wie lautet Kants Testament? "Zum ewigen Frieden"? Die Hoffnung auf einen Weltfrieden ist heute weiter weg als zu Kants Zeiten. Heutzutage reicht es im "aufgeklärten" Westen aus, etwas zu behaupten, den Beweis schuldig zu bleiben, aber dennoch einen Krieg anzuzetteln oder zu forcieren, der die Welt ins noch tiefre Unglück stürzen könnte. Eine Regression. Ich will itzt nicht politisch werden, aber eines ist gewiß: einen Fortschritt im diplomatischen und gesellschaftlichen Umgang mit denen, die wir nicht goutieren, haben wir seit Kants Zeiten nicht erlebt. Woran das liegen mag?

  3. #78
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    Kant vs. Herder und das rassische Problem

    Der erste deutsche Denker, der von Rassen (Racen) sprach, war Kant, 1775. Ihm folgte Blumenbach 1776, dessen varietas man mit Rassen übersetzte. Von Lavater, 1775, sehen wir einmal ab. Vom Latein schreibenden Schweden Linne auch, denn hier, in diesem Beitrag, geht es um kulturgeschichtlich-philosophische Nachdenke.

    Das Wort wird bei Goethe und Schiller nur umgangssprachlich benutzt, schon gar nicht als terminus technicus. Schiller benutzt es, wenn ich mich recht entsinne, in "Wallensteins Lager" einmal als pejoratives Reimwort für Masse, allerdings nicht in der Ur-Fassung. Bei Goethe ist mir nichts erinnerlich, aber das will nichts heißen, ich kenne nur 50% seines Werkes, wenn überhaupt, denn die naturwissenschaftlichen Schriften habe ich bis auf die Farbenlehre nicht gelesen.
    Egal. Itzt geht es um Kant und Herder. Wir können bei beiden die Verschiedenheit ihrer Ansätze gerade am Begriff der "Rasse" gut erkennen. Und, ja, beide benutzen das Wort als Begriff. Der Analytiker Kant benötigt, um die Menschheit zu zergliedern, biologisch zu zergliedern. Mit Hilfe seines Konzilianzprogramms von 1756 wird er sie wieder zusammensetzen wollen.
    Herder dagegen spricht immer von vier Rassen, aber er braucht diese Rassen nicht, um die Menschheit zu zerfasern, sondern er begreift die vierfaltige Menschheit als eben das, als jeweils geschaffenen Ansatz zur Erreichung des Menscheitsziels, der gelebten Humanität.

  4. #79
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    Freiheit und Notwendigkeit: Fichtes Nicht-Ich

    Eines der Hauptthemen unserer Klassik war die Tasächlichkeit, Realität oder auch nur Möglichkeit menschlicher Freiheit. Dabei spielte die mit "Menschenrechten" und dergleichen Meinungsbehaftetem politisch artikulierte Freiheit eine untergeordnete Rolle, denn wie sollte sich Freiheit entfalten können, wenn der Mensch resp. nur einige wenige dazu in der Lage sind? Dann müssen "Menschenrechte" letztlich nur denen nützen, die sie anzuwenden wissen, also einer kleiner Schicht von Durchsetzungsfähigen. Die Deutschen hielten diese Reihenfolge also für falsch, sondern setzten auf den umgekehrten Weg, nämlich den von der Ausprägung humanistischer Inhalte hin zur allmählichen Implementierung dieser menschheitlich meßbaren Fortschritte in politischer und rechtlicher Manifestation, dem so mit dem Einzelwesen verschmelzenden Staat..

    Der gute Fichte nun konstruierte die Freiheit aus der Notwendigkeit. Völlig richtig, denn der umgekehrte Weg muß in Willkür enden. Daß er dazu aber Ich und Nicht-Ich als Korrelate bezeichnete, also aus dem Ich das Nicht-Ich schuf, zugleich aber behauptete, daß erst das Nicht-Ich das Ich konstituiere, ließ sein theoretisches Konstrukt nach anfänglichem Ah und Oh erfolglos werden, denn wenn man zur Konstruktion ein dekonstruktives Nicht-Ich benötigt, dann aber Freiheit daraus erzeugen zu können glaubt, muß das ganze Kartenhaus zusammenfallen, wenn man doch sehen kann, daß das Ich-Ich eine Konstruktion sein muß, die mit dem notwendigen Gang des Ganzen nicht unbedingt zusammenfallen muß, schließlich ist ein Nicht-Ich immer noch subjektiv.
    Recht hatte Fichte allerdings damit, daß er Freiheit nicht als Sein, sondern als Prozeß, als unaufhörliches Streben, betrachtete. Das dürfte es auch gewesen, was Schiller an ihm fesselte und was dann, über Schiller, auch Goethe in seinem "Faust" thematisierte: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß. Das Leben muß sich verdient werden! Das ist die Quintessenz unserer Klassik.

  5. #80
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    Fichte und der Weg zur Weltrepublik

    Fichte muß zur Klassik gezählt werden, wenngleich er nur kurze Zeit in Jena lehrte, bevor man ihn wegen Atheismus rausschmiß. Der Rausschmiß war dumm, der Vorwurf allerdings berechtigt, denn Pantheismus ist immer der Vorhof zum Atheismus, doch so gerechnet, müßten auch Schiller und Goethe und etliche andere... Lassen wir das also.

    Mir kam dieser Tage Fragmentarisches von Fichte vor die Leselupe. Der Mann hielt uns Deutsche in der Tat für KEIN Volk, sondern für jeweilige Stammesangehörige, zugleich dadurch einem Reichsgedanken unterworfen, der als Ideogramm für die in Völker zerspaltene Menschheit dienen sollte. (Die Staatslehre. Vorträge 1813.) --> so ab Seite 60

    So gesehen bekömmt der Gedanke einer Weltrepublik eine neue Aura; ich gebe allerdings zu bedenken, daß Fichte keineswegs den heute obwaltenden westlichen Weg dafür als geeignet ansah; im Gegenteil, er beschrieb den Weg als vom Einzelnen zur Gesamtheit kommend, also nicht die staatliche vor der individuellen Prägung, wie wir es zur Zeit erleben.

  6. #81
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    Karoline und Schiller

    Daß Karoline von Wolzogen in Schiller verliebt war, steht außer Frage. Daß sie die Erste war, die seinem Leben ein literarisches Denkmal setzte, bleibt ihr literaturhistorisches Verdienst, gleichwohl die Kritik an dieser Biographie hart ist: zu nah, zu viele Elogen, zu wenig Ausgewogenheit... Das Buch wird glücklicherweise nachgedruckt, so daß es preislich erschwinglich.
    Friedell schreibt in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit auf Seit 876 über Karolines verschobene Sicht auf Schiller:

    erstellt von Egon Friedell:
    Schiller hatte Sommersprossen und eine viel zu lange Nase; Schiller hatte unmögliche schlenkernde Armbewegungen und X-Beine; Schiller schwäbelte penetrant, rauchte und schnupfte unaufhörlich und trank gern ziemlich viel Sekt [Korrektur: eine Art stark alkoholisierten Punsch]; Schiller schrieb an den Rand seiner dramatischen Entwürfe Aufstellungen über mutmaßliche Einnahmen und ausgaben.

  7. #82
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    AW: Deutsche Klassik

    Schiller war doch Biertrinker! Während seiner Zeit in Bauerbach trank er 245 Maß Bier, etwa 251 Liter. Nicht schlecht für eine Aufenthaltsdauer von acht Monaten. Nun muß man allerdings bedenken, daß Schiller als geselliger Mensch und eingeladener Gast der Wolzogens sicherlich den einen oder anderen freihielt. Die Wolzogens garantierten dem Wirt die Begleichung der Zeche, sofern Schiller diese im Laufe von einem halben Jahr nicht selber begleichen würde.
    Interessant in diesem Zusammenhang ist der Preis des Bieres: 26 Batzen, 13 Pfennige. Rechne ich den Batzen zu 1/12 Gulden auf Silberbasis und den Pfennig auf 1/12 des Groschen, den wiederum als 1/20 des Talers, dann komme ich auf einen Preis von knapp 50 €. Ich denke, für 50 € quasi acht Monate den Bierkonsum von etwa 1 l/Tag sichern, ist nicht teuer.
    Schiller aß in der noch heute existierenden Kneipe in Bauerbach in den acht Monaten nur 14 mal, was ihn 7 Batzen gekostet hätte, hätte er bezahlt. 14 Essen für etwa 30 € ist nun auch nicht teuer. Das Leben war damals offenbar billiger als heute, jedenfalls das Kneipen. Wenn man allerdings einen Brief vom Punkt A zum Punkt B transportieren lassen wollte, zahlte man im Blitztransport von Weimar nach Jena schnell mal einen Karolinentaler, etwa 11 Gulden, also 240 €. Anders gesagt, man konnte ein halbes Jahr saufen und zahlte dafür ein Fünftel von dem, was der Schnelltransport (8 Stunden) eines Briefes von Jena nach Weimar kostete. Ich glaube, das war einer der Gründe, warum Schiller sein gediegenes Dasein in Jena (die laufenden Kosten war viel niedriger) mit dem ungleich teureren in Weimar tauschte. Sein Haus in Jena hatte er für 1200 Taler gekauft, das nicht besser ausgestattete in Weimar kostete gleich mal 4200. Aber die Einsparung an Portokosten glich das wieder aus. Wahnsinn! Da bekommt der Begriff "Portokasse" eine ganz neue Bedeutung.

  8. #83
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    AW: Deutsche Klassik

    Habe nun endlich die Wolzogen-Biographie bekommen. Schiller strahlt mir aus jeder Zeile entgegen.

    Eine neue Erkenntnis gewann ich auch: Schillers Freund Gedicke ließ grüßen. Gedicke, ein heute zuunrecht vergeßner Mann, hatte 1788 das Abitur als verbindliche Abschlußprüfung an Gymnasien in Preußen durchgesetzt. Andere Bestandteile des Reiches folgten so nach und nach. Gedicke war Freimaurer und wollte Schiller zur Loge "Zur Eintracht" lotsen. Schiller wollte aber nicht.

  9. #84
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    AW: Deutsche Klassik

    In der Literaturgeschichte gilt für die Beziehung unserer Klassiker zur Französischen Revolution in etwa folgendes: Sie begrüßten den Sturm auf die Bastille und die damit einhergehenden und vorausgegangenen Veränderungen zu einem modernen und gewaltenteilenden Staat. Mit dem Terrorregiment der Jakobiner wurde der Blick kritischer, schließlich ablehnend.

    Ich glaube, diese Sichtweise ist falsch. Schiller lehnte die Französische Revolution von Anfang an ab. Sicherlich gab es Momente, in denen die Poesie einer Befreiungsaktion auch den leicht entflammbaren Schiller mit sich riß, aber er war immer ein Mann beider Welten, der des Geistes und der des Gefühls. Nach Aussagen von Caroline von Wolzogen, Schillers Schwägerin, war Schiller bereits lange vor dem jakobinischen Umschwung ein Gegner der Revolution, vielmehr der Franzosen, denen er nicht zutraute, daß ihnen "ächt republikanische Gesinnungen eigen werden könnten". Letztlich gaben für diese Einstellung auch Berichte aus Paris immer neue Nahrung. Wilhelm von Wolzogen war in Paris und berichtete in seinen Briefen bereits 1789. Ein Offizier der Schweizer Garde, der abgemustert hatte, der Dichter Gaudenz von Salis, berichtete bei seinem Besuch in Weimar, 1789, von Greuelszenen in Paris.
    ich glaube, das paßt auch deshalb besser, also die Ablehnung von Anfang an, weil Schiller das Konzept des aufgeklärten Absolutismus vertrat, nicht das westliche Prinzip einer Erziehung der Menschen durch ihre Lebensumstände und Gesetze. Schiller (und später auch Goethe) sah es umgekehrt und meinte, zuerst müsse sich der Mensch aufklären resp. aufgeklärt werden, dann bilden und ästhetische Urteile bilden können, dann dürfe er sich an die Veränderung der Gesellschaftsordnung machen, wenn die ihm nicht behagt. Der Westen sieht es eben anders, was unter anderem dazu führt, daß Kriege gegen die geführt werden, die nicht so spuren, wie man das im Westen gerne hätte, daß die Regierungen Gesetze machen, um die Regierten zu erziehen, nicht aber das tun, was die Menschen von ihnen wollen. Gegebenenfalls wird eben auch mal eine Währung eingeführt, ein Krieg bestimmt oder die Hackordnung der Exekutive selber verändert.

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