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Thema: Beim Hochsitzbau

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Bei Hochsitzbau

    Wir fingen meist direkt nach dem Frühstück an. Zuerst holten wir Bretter vom Dachboden über den Garagen herunter. Sie waren alt und hatten alle möglichen Längen und Breiten. Überbleibsel noch vom Hausbau von vor dreißig Jahren. Mein Vater stieg die Leiter hinauf, was mir eigentlich nicht recht war, denn aufgrund seiner Gleichgewichtsprobleme, machte ich mir immer Sorgen, dass er irgendwann herunterfallen könnte. Aber er ließ es sich nicht nehmen.
    Er reichte sie mir einzeln herunter und ich lehnte sie dann gegen die Hausmauer. Sobald es genügend waren und er wieder sicher abgestiegen war, trug ich meist zwei oder drei auf einmal, mehr schaffte ich nicht, zu seiner Werkstatthütte quer durch den Garten. Er ging inzwischen voraus und bereitete das benötigte Werkzeug vor.
    Die Hütte war unaufgeräumt und staubig. Es fiel nur wenig Licht durch das einzige Fenster herein, den auf dessen Scheibe sammelte sich das Sägemehl. Ordnung halten war meines Vaters Sache nicht. So fand er oft nicht auf Anhieb die gerade passenden Schrauben oder Nägel und kaufte dieselbe Art dann lieber gleich noch einmal, was über die Jahre zu einer erstaunlichen Menge geführt hatte. Zirka einmal im Jahr wurde ich zum Aufräumen abkommandiert und ich tat mein Bestes, obgleich es mich nicht interessierte und ich auch eigentlich keinerlei Ahnung von Holz, Werkzeug, Kleinteilen und Maschinen hatte. Es sah dann auch ein paar Wochen wirklich ordentlicher aus, nur ob die Ordnung auch zweckmäßig war und die Arbeitsabläufe erleichterte, kann ich nicht beurteilen. Mein Vater jedenfalls war zufrieden, zumindest sagte er nichts Gegenteiliges.
    Mein Vater hatte Zeit seines Lebens gejagt und gefischt. Er liebte es einfach in der freien Natur zu sein. Schon von Kindheit an. Einmal hatte er mir erzählt, dass es schon immer sein großer Traum gewesen war, sein eigenes Jagdrevier zu haben. Etwas, dass seinem eigenen Vater verwehrt geblieben war, denn mein Vater kam nicht aus einer wohlhabenden Familie und vor ein paar Jahrzehnten war Jagen noch ein Privileg der Großbauern und Bürgerlichen gewesen. Der Wunsch mag ihm sogar größter Antrieb gewesen sein, nach einem besseren Leben zu streben und trotz widrigster Umstände der Erste aus seiner Familie zu sein, der ein Studium abschloss und Arzt wurde. So hatte er es damals, beim Gespräch, zumindest angedeutet.
    Das Jagen war auch der Grund, warum wir in der Werkstatt waren, denn mein Vater wollte einen neuen Hochsitz bauen, genauso wie er schon Dutzende zuvor gebaut hatte. Jetzt im Alter und krankheitsbedingt waren davon viele für ihn nicht mehr erreichbar. Das Gehen über schräge Waldhänge schaffte er nicht mehr und so mussten die Neuen neben den Waldstraßen stehen, damit er sie problemlos mit dem Auto erreichen konnte.
    Wir fingen damit an Zimmermannsbalken zu verschrauben. Zwei Meter hoch und einen Meter breit sollte das Konstrukt sein, dass später dann das Gerüst der Seitenwände bilden würde. Ich hielt sie. Mein Vater setzte den Elektroschrauber an und trieb die Schraube vorsichtig, nicht mit voller Geschwindigkeit, damit das Holz nicht splitterte, hinein.
    Ich war unkonzentriert. Stand herum wie ein nicht abgeholter Koalabär und meint Vater musste mich noch mehr um Sachen schicken als sonst, ob meines Unwissens, schon. Ich hatte schlecht geschlafen, eigentlich gar nicht. Ich wusste nicht mehr weiter. Es stand die Prüfungszeit an und so hieß es jetzt noch einmal alles zu geben, sich am besten einzugraben und zu lernen. Schon während des Anfangs des Semesters fiel es mir nicht gerade leicht alle anstehenden Hausübungen fristgerecht zu erledigen. Eine einzelne Hausübung konnte mich Tage kosten. Ich war Einzelkämpfer und als solcher hat man es heutzutage nicht gerade leicht auf einer Universität, denn während sich andere in Gruppen zusammentaten und die Beispiele lösten, machte ich alles alleine. Es war mir irgendwie nie gelungen Anschluss zu finden. Vielleicht lag es daran, dass ich älter war als die anderen, denn dies war mein zweiter Versuch zu studieren. Den ersten hatte ich abgebrochen und war Arbeiten gegangen. Ich war in einem Call Center gelandet und hatte Zeitungsabos am Telefon verkauft. Die Arbeit war eintönig gewesen, aber mit den Kollegen war ich gut zurechtgekommen. Besser als mit meinen Studienkollegen.
    Jetzt, nur ein paar Wochen vor den Prüfungen, türmten sich die Stoffgebiete der einzelnen Fächer vor mir auf wie unbezwingbare Berge. Am liebsten wollte ich wieder alles hinschmeißen.
    War der Rahmen fertig, legt wir ihn auf zwei metallene Ständer ab und machten uns daran die Bretter auf die richtige Länge zu schneiden. Da wir nur einen Hochsitz bauten, war das keine exakte Wissenschaft und so kam es auf einen halben Zentimeter auf oder ab nicht an, solange die Bretter nur nicht über den Rahmen hinausstanden. Ich bemerkte wie ungelenk mein Vater mit den Brettern hantierte, wenn er sie auf der richtigen Position zum Sägeblatt der Kappsäge hinschob.
    Sollte ich ihm etwas sagen? Ich meine nicht jetzt, aber vielleicht später? Ich hatte Angst. Das war schon meine 2. Chance. Allzu viele würde ich nicht mehr bekommen, wenn es nicht sogar meine letzte war. Und was war meine Alternative? Eine Matura war heutzutage nicht mehr viel wert. Speziell eine Allgemeinbildende wie ich sie hatte. Man war am Arbeitsmarkt unter Gesellen angesiedelt. Schon seltsam, man ging zwölf Jahre zur Schule und konnte eigentlich nichts von Relevanz. Auf der Universität wurde man zumindest ernstgenommen, obwohl sicherlich viel auch reine Höflichkeit war. Man konnte Fragen stellen und wenn man auf etwas antwortete, wurde das gehört. In meinen vormaligen beruflichen Erfahrungen zählte meine Meinung nicht. Ich hatte mir manchmal Gedanken gemacht, wie man Arbeitsabläufe verbessern könnte. Die Vorgesetzten hatte das wenig interessiert. Vielleicht war ich auch einfach nur ein Besserwisser.
    Ich spürte, dass ich an einem Scheidepunkt stand. Ich wollte unbedingt die Entscheidung mit allen Konsequenzen bewusst treffen und nicht, wie es mir zu oft passierte, aus Gleichgültigkeit quasi unbewusst von Strömungen einen Weg hinuntergetrieben werden. Wollte ich ein Leben, wo Denken und große Themen eine Rolle spielten? Denn wenn es mich wieder ins Call Center verschlug, war eines gewiss, ich würde wieder abstumpfen und in einen gehirnzellentötenden Trott hineinverfallen zwischen hunderten Telefonaten auf der einen Seite und extensiven TV-Serien-Konsum auf der anderen Seite.
    War ich überhaupt für die andere Alternative, das Studieren, geeignet? Ich hoffte es, bezweifelte es aber, vor allem hatte ich mir garantiert wieder das falsche Studium ausgesucht. Zwar interessierte ich mich für Computer und Programmieren, ich mochte es sogar in meinem stillen Kämmerlein an Programmen zu arbeiten, aber ich hatte kein natürliches Talent für Mathematik und Mathematik ist die Grammatik des Programmierens.
    Wir verschraubten alle Bretter auf den Rahmen. Das erste Seitenteil war fertig. Es war eines ohne Komplikationen, da es kein Fenster enthielt. Wir beließen es auf den Metallständern und benützten es als Unterlage für die weiteren Teile, was das Arbeiten erleichtern würde. Wir mussten nur aufpassen, dass wir nicht irrtümlich zwei Seitenteile, die übereinanderlagen, miteinander verschraubten, was meinem Vater das letzte Mal passiert war. Wir hatten größte Mühe gehabt, sie wieder voneinander loszubekommen.





    Die erste Wand war geschafft. Ich wünschte mir nur, er wäre etwas geschickter, aber das war wohl meine Schuld. Wirklich mitgenommen hatte ich ihn nie. Er wollte aber auch nicht. Und die paar Mal, als er noch ein Kind war, hatten in Katastrophen gemündet. Ich konnte mich noch an das Wespennest erinnern, das er aufgeschreckt hatte, worauf ich ihn zur Rettung in den Fluss werfen hatte müssen.
    Er hatte nie einen Sinn für die Natur entwickelt. Das Landleben war sowieso nicht seins. Er versteckte sich hier im Dorf. Ging nie vor die Tür. Ich wusste ja, dass es ihm nicht gut geht. Er sagte zwar, dass er lernt. Sicher war ich mir aber nicht. Anders noch als letztes Semester als er jedes Wochenende auf zwei Laptops gleichzeitig gearbeitet hatte. Auf einen hatte er seine Unterlagen offen gehabt, auf dem anderen hatte er programmiert. Ich hatte gar nichts verstanden. Java war schlimmer als eine Fremdsprache.
    Ich schickte ihn die Scheibe holen, die mir vor ein paar Tagen im Baumarkt besorgt hatte. Es war sogar die Richtige gewesen. Zur Sicherheit hatte er mich zwei Mal anrufen müssen. Einmal, weil auf ihr stand: "Nur bis -5 Grad verwendbar" und einmal, weil er vergessen hatte, wie sie zum Zuschneiden war, obwohl ich es ihm ganz genau erklärt hatte.
    Wenigstens verschraubt er jetzt die Balken gut. Langsam, genau richtig bei so langen Schrauben. Danach setzten wir etwas unterhalb der Miete des Rahmens noch einen zusätzlichen Querbalken ein, auf den das Fenster fixiert werden sollte. Dann 50 Zentimeter oberhalb noch einen. Als oberen Abschluss. Das Bretterzuschneiden verkomplizierte mein Sohn. Man musste die Säge mit etwas Schwung zu sich unten nach unten ziehen, damit sie startete. Er war einfach zu zögerlich.
    Ich möchte nur, dass er endlich auf eigenen Füßen steht. Er muss nicht Karriere machen. Ich kann ihm ansonsten finanziell viel ermöglichen. Ich habe gehört, die Post sucht jetzt wieder Leute. Die Bahn und das Finanzamt auch. Beim Arbeiten hatte er weniger Probleme als beim Studieren.
    Wir hoben die zweite fertige Wand an. Sie war schwer und glitt mir fast aus den Händen. Wir trugen sie vor die Tür der Werkstatt damit drinnen mehr Platz zum Arbeiten frei bliebe. Genug getan für heute. Ich sehe ja schon, dass es ihm schön langsam zu viel wird. Ich schaltete das Licht aus und wir gingen gemeinsam zum Haus. Irgendwann werden wir reden müssen.
    Geändert von ste (11.07.16 um 13:58 Uhr)

  2. #2
    andere-dimension
    Status: ungeklärt

    AW: Beim Hochsitzbau

    Richtig gut erzählt. Mehrere Seitenblicke, ohne dabei den roten Faden zu verlieren - und auch der Wechsel der Perspektive ist gut gelungen. Da steht viel Unausgesprochenes im Raum, obwohl jeder um Stärken und Schwächen des anderen weiß ... und sich um ihn sorgt. Es wird mehr vermutet als hinterfragt. Die Sätze sind gut verständlich...sauber strukturiert, ohne großen Schnick Schnack...und dennoch nicht langweilig. Man bleibt an den Lippen des Erzählers...weil nichts davon ablenken will.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    Renommee-Modifikator
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    AW: Beim Hochsitzbau

    Danke dir andere-dimension. Bisserl unausgewogen ist es noch. Der Schluss vom Vater sollte länger sein und die Beschreibungen des Hochsitzbaues sind ein bisschen repetitiv. Mit den Zeiten habe ich auch ein Problem, denke ich. Vielleicht besser Präsenz.

  4. #4
    andere-dimension
    Status: ungeklärt

    AW: Beim Hochsitzbau

    Ich plädiere gerne und oft für die Zeitform Präsens...da sie die Verbe nicht verstümmelt und einen nicht in die Verlegenheit bringt die Zeiten zu verwechseln... aber hier hast Du m.E. alles richtig gemacht. Nur bin ich eine Laie und kein Experte. Die Vergangenheitsform hat den Vorteil, dass sie der Melancholie mehr Raum lässt...weshalb auch ich immer wieder diese Form für meine Gedichte wähle. Die Melancholie ist ein retrospektives Gefühl. Im dem Moment, in dem deine Katze überfahren wird...kannst Du unmöglich melancholisch werden - Du bist erst mal geschockt, traurig, sprachlos...die Melancholie speist sich aus der Erinnerung.

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