Fallbeispiel: Die Gracchen

Aus reicher und vornehmer Familie stammend, wurde er neunundzwanzigjährig am 10. Dezember 134 v.Chr. Tribun. Bis zu diesem Tage hatte Tiberius Sempronius Gracchus in zahllosen Prozessen seine konservative Gesinnung, ein auf Prunk, Gerechtigkeitssinn und Rittertum gegründetes Weltbild, bestätigt.
Kaum Tribun, legte er gleich bei Amtsantritt ein Ackergesetz vor, das all die Ländereien dem Staatsbesitz zurückführen sollte, die ohne Entgelt benutzt wurden. Seine Gesetzesvorlage betraf all jene, die sich kraft ihrer lokalen Macht Land nahmen, das Rom erobert hatte. Nunmehr sollte Landraub zugunsten des römischen Staates eingedämmt werden und die Okkupanten, wie die Landräuber genannt wurden, sollten fortan 500 Morgen behalten dürfen und maximal zwei Söhnen je 250 zur persönlichen Nutzung geben; der Rest sollte an den Staat zurückfallen. Für die bisher auf dem Neuland erbauten Gebäude und dergleichen landwirtschaftliche Aufbesserungen wollte der Staat Entschädigungen leisten. Das neue Dominalland, Land des Staates, sollte in Parzellen zu je 30 Morgen aufgeteilt und italischen Bürgern, Bundesgenossen oder Römern verpachtet werden, als unveräußerliche Erbpacht. Drei Männer sollten über die Verteilung wachen. Sollte und würde. Der Vorschlag kam nicht durch.
Gracchus ließ sich nicht entmutigen, er glaubte, daß Weh und Gedeih Roms von der Durchsetzung dieses Gesetzes abhinge. Also war er bereit, Gewalt anzuwenden. Er trat vor die Bürgerschaft und forderte die Entfernung seines größten Widersachers im Senat, an dessen Widerstand die Einführung des Gesetzentwurfs scheiterte, Marcus Octavius. Das geschah. Nun konnte das Gesetz, das Sempronische Ackergesetz, durchgehen. Als Obleute zur Überwachung wurden er selbst, sein zwanzigjähriger Bruder Gaius Gracchus und sein Schwiegervater Appius Claudius bestimmt. Der typische Nepotismus Roms, Legislative und Exekutive fielen hier zusammen.
Gracchus plante viele Neuerungen:


  • Abkürzung der Dienstzeit;
  • Verteilung des Rom zugefallenen pergamenischen Schatzes unter die neuen Landbesitzer;
  • Ausdehnung des Provokationsrechtes;
  • Aufhebung des senatorischen Privilegs, als Zivilgeschworene zu fungieren;
  • Aufnahme der italischen Bundesgenossen in den römischen Bürgerverband.


Zur Umsetzung dieser Pläne bedurfte er eines zweiten Amtsjahres, was verfassungswidrig war. [1] Von Patriziern bezahlte und aufgepeitschte Plebs erschlugen mit Stuhlbeinen und anderen Nichteisenwaffen Gracchus und seine Anhänger bei einer Versammlung. Die „Volkswut“ unterstellte ihm, das Königtum wieder einführen zu wollen, was in Rom die Einführung einer rechtlosen Zeit fürs Volk bedeutete. Der Verdacht war begründet, da Gracchus keinen Sinn für Gewaltenteilung besaß. Später wurde der Mord an Gracchus als patriotische Tat bezeichnet, um deren Ruhm sich viele Aristokraten stritten. Die Aristokraten erkannten nicht, daß Gracchus mit seinen weiteren Reformplänen ihnen in die Hände gearbeitet hätte, denn das hätte nicht nur den Anteil freier Arbeit erhöht, sondern auch den patriarchischen Aristokraten neue Klienten verschafft und somit ihre Macht in Rom gefestigt. Die armen Plebs erkannten ebenso nicht die Vorteile, die freie Arbeit und freies Land mit sich bringen mußten. Statt dessen arbeiteten beide für die falsche Seite, für die reichen Plebejer, sie erschlugen den Mann, der ihnen eine historische Chance bieten wollte, mittels eigenen Besitzes wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erreichen.
Hinsichtlich der Wehrkraft Roms waren Gracchus' Reformen ein Schritt in die richtige Richtung, was die steigende Zahl der waffenfähigen Bürger erweist: zwischen 131 und 125 v.Chr. stieg sie um 76000! Man kann sich kaum vorstellen, wie tumultuarisch die einzelnen Sitzungen abgelaufen sein dürften, die Dominalland und neues Land verteilten. Wer da welche Ansprüche geltend machte, wem es dann letztlich zugeschlagen wurde... Allerhand und doch zu wenig Veränderung resp. Sicherung des Erworbenen. Die Plebs bekamen zu wenig, die Patrizier fühlten sich auch in ihrer Machtfülle beschnitten: das sind keine guten Vorzeichen für inneren Frieden. Die ersten Opfer waren die Ausländer in Rom. Ein Volksbeschluß vertrieb sie 121 v.Chr., wovon sich vor allem die ärmeren Plebs Vorteile versprachen. Die Römer waren, ob nun arm oder reich, zwar nicht fremdenfeindlicher als andere Völker, aber sehr auf sich bedacht.
Der zweite Gracche, der neun Jahre jüngere Gaius Gracchus, trat um 129 v.Chr. verstärkt ins politische Rampenlicht. Gaius Gracchus wollte Rache nehmen an den reichen Senatoren und ihrem Anhang, die ihm den Bruder ermordet hatten. Er gewann die Bürgerschaft mit einem Reformplan, dessen vollständige Durchführung Rom strukturell verändert hätte. Hier ein paar Details:
Wiederwahl des Tribunen sollte möglich sein, er sollte seine materielle Macht durch römische Klienten erhalten. Auch erkannte Gaius Gracchus, daß der Zuzug nach Rom auf Dauer nicht in Rom selbst zu lösen seI. Der Druck der Straße würde ins Unermeßliche wachsen. Er suchte nach einem Ventil, um diesen Druck zu lenken und setzte die Schaffung einer römischen Kolonie in Karthago durch, Iunonia. Sie erhielt den Status einer Bürgerkolonie, somit waren die dort Lebenden weiterhin Römer. 6000 wurden bestimmt, dort zu leben. Sie gingen gern, denn es gab für sie eigenes Land. Für die Dagebliebenen plante Gaius Gracchus ebenfalls: Sie sollten eine gesetzlich festgeschriebene Getreideverteilung zu einem Festpreis erhalten, der Hälfte des marktüblichen. All das zog die ärmeren Römer zu Gaius Gracchus, weg von ihren Patriziern. Es lief auf einen Umbau der Macht hinaus, weg von den Konsuln zu den Tribunen hin, weg vom Senat der Reichen hin zu den Komitien der armen Römer. Gaius Gracchus plante zudem die nach Eigentum gestaffelte Stimmordnung zugunsten einer durch Los entschiedenen gleichen abzulösen. Auch das würde die römische Grundordnung der Väter zerstören, das in Jahrhunderten gewachsene Patriarchat, das dem dummen und armen Römer soviel Macht gab wie dem reichen und gebildeten.
Gaius Gracchus fuhr in dieser Weise fort, Politik zu machen. Vom Senat nahezu unbehelligt, dessen schlechtes Gewissen einer appeasement-Politik gleichkam, wählte ihn die von ihm selbst erschaffene Klientel Jahr für Jahr zum Tribun. Der 10. Dezember 122 v.Chr. war sein letzter Tag im Amt. Seine Gegner hatten sich zwischenzeitlich formiert und traten durch den neuen Konsul Lucius Opimius in die Öffentlichkeit. Sie hatten einen schwachen Punkt in Gaius Gracchus' Politik entdeckt: die Entsendung der Bürgerkolonisten nach Karthago. Hyänen hatten die neuen römischen Grenzsteine aufgewühlt. Das gab den Anhängern des Opimius die Gelegenheit, dies als Warnung vor dem Wiederaufbau des verhaßten Karthago zu interpretieren. Die meisten Römer wollten das auch glauben, zu groß war noch die Angst vor dem einstigen Karthago. Der Senat schlug ein Gesetz vor, das den Aufbau Iunonias untersagte. Gracchus zog mit großem Gefolge am Tage der Abstimmung aufs Kapitol. Man war bewaffnet, denn Gracchus hatte das Schicksal seines Bruders vor Augen. Aufregung überall. In der Vorhalle des Kapitols opferte Opimius den Göttern. Ein Gerichtsdiener herrschte die lärmenden Anhänger des Gracchus an, den heiligen Ort zu verlassen, um die Zeremonie des Opfers nicht zu stören. Es kam zu Händeleien, in deren Verlauf dieser Gerichtsdiener namens Quintus Antullius durch das Schwert starb. Opimius hatte seinen Grund zur Verfolgung des Gaius Gracchus: gotteslästerliche Mordtat. Gracchus erkannte das und wollte sprechen, erklären, entschuldigen. Wieder Pech gehabt, Gaius Gracchus: im Getümmel war ein Tribun, der zum Volke sprach, dem fielst du ins Wort. Das darf nicht sein, es gibt da Regeln, die das unter schwere Strafe stellen. Fertig war die Anklageschrift gegen Gaius Gracchus! Opimius ließ kretische Bogenschützen auflaufen und aristokratische Römer bewaffnen, die unter Decimus Brutus Aufstellung nahmen und dem Plebs drohten. Diese hatten sich vom Kapitol zurückgezogen und in ihren Wohngebieten Barrikaden errichtet. Depeschen hin und her. Auslieferung des Gracchus, dann innerer Frieden. Der Senat lud Gaius Gracchus vor, um ihn zu befragen. Freunde rieten Gaius ab, dieser Vorladung zu folgen.
Man bedenke, daß in Rom wie in Athen jedem das Recht zur Flucht oblag, gleichzusetzen mit der Verbannung und dem Verlust allen Besitzes und aller Bürgerrechte. Eine Aporie für Gracchus. Denn wenn er der Vorladung gefolgt wäre, hätte diese zur Verurteilung geführt, vielleicht sogar zum schnellen Tod. Er folgte nicht, das ist eine Weigerung, die vom Senat als Insurrektion gewertet wurde, als offene Befehlsverweigerung des Nichtmehrtribunen gegenüber der Regierung. Nunmehr wurde Gaius Gracchus für vogelfrei erklärt, auf seinen Kopf eine Belohnung ausgesetzt, sein Kopf sollte mit Gold aufgewogen werden. Wörtlich zu sehen. Den Anhängern des Gaius Gracchus wurde Straffreiheit zugebilligt, wenn sie ihre Positionen schnellstens aufgeben würde. Viele folgten diesem Aufruf. Die Übriggebliebenen verteidigten ihre Barrikaden zäh, kamen aber alle um. 250 sollen es gewesen sein. Gaius Gracchus floh mit seinem Leibsklaven Euporos in einen Tempel, den der Minerva. Er wollte sich töten, wurde aber von einem Freund zurückgehalten, der bessere Zeiten beschwor. Also floh Gaius Gracchus aus Rom, konnte aber wegen einer Fußverstauchung nicht schnell laufen. Sie ließen sich im Hain (Lebensort eines Gottes auf der Erde) der Furrina nieder, wo Euporos zuerst seinen Herrn, dann sich selber tötete. Ein reicher Römer namens Lucius Septumeleius fand beide und enthauptete sie. Die Köpfe brachte er dem Senat, seinen Lohn zu fordern. Die Köpfe wurden aufgespießt und dem Volke gezeigt, später in den Tiber geworfen, Gaius Gracchus' Haus der Plünderung preisgegeben. Fürderhin Prozesse gegen die Anhänger des Gracchus, Anzeigen und Denunziationen. 3000 Römer wurden auf dem Freiplatz unter dem Kapitol gehängt. Roms Reformprozeß hatte sein blutiges Ende gefunden. Es begann die Zeit der Restauratoren.

Nach dem Tode des jüngeren Gracchen siegten in Rom diejenigen, die gegen ein volksnahes Königtum standen. Allerdings waren die älteren Herren des Senats klug genug, die von den Gracchen durchgesetzten Änderungen nicht radikal rückgängig zu machen. Statt dessen wurden Männer in die politischen Ämter gehieft, deren Loyalität gegenüber den Aristokraten zweifellos war. Den armen Plebs schenkte man Brot und Spiele, eine Art von Verzehrberechtigung für die römischen Tagediebe, hielt sie so bei Laune, dachte aber nicht im Traum daran, sie an der politischen Macht zu beteiligen. Man korrumpierte die Plebs und schüchterte sie andererseits auch ein. Der Ausverkauf der bäuerlichen Kleinunternehmer ging indes mit vollem Umfang weiter, die reichen Pflanzer bemächtigten sich des Ackerbodens und ließen ihn von gekauften Sklaven beackern. Der Anteil der freien Arbeit wurde teurer, ging gemessen am Bruttosozialprodukt zurück. Manche nennen das den Vorboten des sozialen Ruins. Aber es war viel Geld da, das war auf ca. 2000 vermögende Familien verteilt. Die Kehrseite des Reichtums: Sklavenaufstände. Sie niederzuschlagen oblag den Prätoren. Aufstände in Kleinasien, Afrika (Iugurtha) und Sizilien. Alles nebensächlich. Rom blieb unverändert, Rom lebte von der in den Punischen Kriegen erlebten Erinnerung, die einst Volk und Senat zusammenschweißte und dereinst zusammenschweißen würde.


Aufgaben:


  1. Fasse die Reformen der Gracchen zusammen! (II)
  2. Wodurch verlor der jüngere Gracche seine Macht? (II)
  3. Arbeite zu folgender These: „Die Reformversuche der Gracchen waren nur vorgeschoben. Rom hatte das nicht nötig. Die Gracchen strebten nach der alleinigen Macht in Rom.“ (III)
  4. Gib das Ende des jüngeren Gracchen wieder! (I)




[1] Macchiavelli glaubte zu erkennen, daß der Grund von Roms Größe über die Jahrhunderte hinweg darin lag, daß es sich nicht völlig durchorganisierte und lieber die Fortdauer der inneren Kämpfe und Bewegungen wählte, statt sich in einer starren Verfaßtheit Grenzen der Entwicklung und des Kampfes zu setzen. (Macchiavelli: Discorsi I, 6) In der Informatik nennt man so etwas ein robustes Programm. Die Verfassung Bismarcks folgte später diesem Prinzip des Kampfes INNERHALB einer festgefügten und auf Macht und Erfolg basierenden Struktur.