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Thema: Kimbern, Ambronen und Teutonen

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    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Kimbern, Ambronen und Teutonen

    Die Germanen sind eingesessen, also, soweit es geschichtlich fixierbare Zeiträume betrifft, nicht von irgendwoher eingewandert. Deutschland wurde immer von Deutschen bewohnt. Erste hochkulturelle Aktivitäten sind um 2100 v.Chr. zu vermuten, wie die Himmelsscheibe von Nebra belegt. Diese Scheibe bezeugt auch den hohen Grad an Abstraktionsfähigkeit unserer Vorfahren, die den astronomischen und metallurgischen Kenntnissen der Ägypter dieser Zeit in nichts nachsteht und die erste Himmelsdarstellung der Menschheit ist. Wenn die Sonne beim Untergehen direkt über dem Mittelberg steht (dem Brocken, der 80 km nordwestlich von Nebra liegt), so bilden der Brocken und die untergehende Sonne eine Vertikale: Sommersonnenwende, der 21. Juni. Steht die Sonne links auf einer Höhe mit dem linken Ende des Bogens im Südwesten: Wintersonnenwende, der 21. Dezember. Die Bestimmung der Eckdaten des Jahres war bedeutsam für die Festlegung des Zeitpunktes zur Aussaat des Getreides resp. für die bei den Protogermanen üblichen Feiern zur Wintersonnenwende, also überlebenswichtig.

    Die Deutschen [1] dieser Zeit waren kein Volk, das in den Bäumen wohnte oder trostlos in fensterlosen Strohhütten vegetierte, sondern technisch in der Lage, schwierige Bronzeinstrumente wie die Lure herzustellen. Sie bestatteten ihre Toten in Grabhügeln, gingen um 1000 v.Chr. allmählich zur Totenverbrennung über, was die Gräber flacher werden ließ, die sogenannte Urnenbestattung, um dann zur Wikingerzeit wieder zu Grabhügeln zurückzukehren. Sie waren ganz Volkstum mit ephemerer, an ein konkretes Ziel gebundener Führerschaft und prägten daher kein Beamtentum (nicht einmal eine Priesterkaste) oder gar eine Aristokratie, somit die Grundlagen staatlicher Strukturen aus. Die Germanen waren nicht expansiv. Wenn sie ihre Siedlungsräume verließen, dann durch äußeren Druck.

    Sie kamen aus dem Norden: Kimbern (Protojüten) und Teutonen (Protoholsteiner) [2]. Angstschweiß bei den Römern. Ein neuer Keltensturm? Nein, nur zwei flüchtige Ingväonen-Stämme aus Norddeutschland, Bernsteinhändler und Fischer, die ein Orkan heimatlos machte. Das muß man sich so vorstellen: eine Naturkatastrophe oder ein schlechtes Jahr schädigt das soziale Gleichgewicht in einem bestimmten Raum. Der Stamm muß feststellen, daß nicht mehr alle versorgt werden können und teilt sich. Ein Teil wird fortgeschickt und muß sich neues Land suchen. Und wenn er auszieht, kann er unterwegs neue Ausgestoßene aufnehmen oder untergehen. Nun, die Kimbrer kamen aus dem Ostseeraum und hatten einiges hinter sich. Das kann Jahrzehnte gedauert haben, bis sie im heute bayrisch-österreichischen Raum ankamen [3], mit den Boiern kämpften und sich behaupteten, aber nicht seßhaft wurden. Sie zogen von Ost nach West und West nach Ost an der römischen Grenze entlang, bis sie sich entschlossen, den Sprung nach Italien zu wagen. Die Kimbern waren größer und stärker als die Römer, aber ohne jede Disziplin. Ihre Schwerter waren länger, die Schilde schmaler, die Helme reichgeschmückte Bronze. Eiserne Gürtel hielten ihre Kleidung zusammen, Hose und Hemd. Sie standen breit wie tief in einer Phalanx. Die Reiterei war schwächer als die römische. Ihre Stärke war der Einzelkampf. Sie aßen das Fleisch halbroh, jedoch enthielten sie sich des Gemüses; sie tranken Met und aßen selten Brot. Der Tod im Bett war eine Schande, der auf dem Schlachtfeld ehrenvoll. Die Germanen besaßen kein Matriarchat, Menschenopfer waren ihnen nicht geläufig. Opfer schon, aber keine Menschen! Den Opfergang vollzogen Priesterinnen, bei den Kelten ein eigener Stand in Form der männlichen Druiden, bei den Germanen meist weiblich, aber ohne besondere Rechte im Stammesverband. Meist bestimmte der Heerkönig, der Herzog, eine Ehefrau eines seiner Unterführer zur Anbetung der Götter am Vorabend der Schlacht.

    Stellung der Frau bei den Germanen: „Schon bei der Ehe feiert Tacitus [Historiker, der sich auf die Annalen des Senats berief, was hier Hörensagen bedeutet] die Germanenfrau als 'Genossin der Mühen und Gefahren' des Gatten. Er hat ein besonderes Abschnittchen, das man 'Verehrung der Frauen' überschrieben hat. Er berichtet, wie sie die Kämpfenden anfeuern und pflegen; wie man für sie zumeist Niederlage und Gefangenschaft fürchtet; wie sie daher die wirksamsten Geiseln sind; wie man ihren Wahrsagegeist als etwas Heiliges schätzt.
    Das Weib gilt und wirkt als Hausfrau und Mutter; innerhalb der vier Pfähle ist seine Welt. Waffenführen, Kriegsdienst wäre unerhört; die Walküre ist mit nichten das Wunschbild der Nordländerin – was man übrigens auch für ältere Zeiten nicht erschließen darf, weder aus der Heldensage noch aus den Frauennamen kriegerischen Klanges noch aus den bewaffneten Weibsleichen auf römischer Walstatt [Schlachtfeld].
    Mag das Gesetz die Frau noch stark bevatern: die Sitte hat dies überholt. In Tat und Wahrheit steht das Weib geachtet, selbständig, ja eigenmächtig da. Die Machtbereiche der beiden Geschlechter decken sich wenig; auch der wohlbewährte Held findet es unratsam, die Grenze zu überschreiten.
    Galant ist man weder am Bauern- noch am Fürstenhofe. Auch an diesem fallen Worte über die anwesende Fürstin, daß ein Ritter vor Scham verginge (Thule 17, 281). Aber unzimperlich ehrerbietig ist man dort wie hier. Man nimmt das Weib voll, ebenbürtig in Leben und Dichtung. Kameradschaftliche Rücksicht und die Großmut des Stärkeren bestimmen das Verhalten des Mannes. Haupttatsache: in all den hundert Fehdezügen läßt man die Weiber bei Leben und Ehre. Nur die Schadenzauberin ist vogelfrei. Wo sich ein Ehemann zu einem Backenstreich hinreißen läßt, hat es regelmäßig gefährliche Folgen.
    Die weibliche Lieblingsgestalt in den nordischen Dichtungen ist nicht das Mannweib, sondern das Kernweib, das an Festigkeit, Großzügigkeit und Ehrgefühl dem männlichen 'Mikilmenni' entspricht; das den Gatten und die Söhne, wo es nottut, zu heldischer Tat aufruft und ihnen die Rachepflicht einschärft.“ (Andreas Heusler: Germanentum. Heidelberg 1934. S. 19/20.)

    Die Römer kamen 112 v.Chr. unter ihrem Konsul Carbo ins Transalpinische. Kelten und Kimbern schlossen ein Bündnis. Doch die Kelten spielten falsch, um die ungebetenen Gäste loszuwerden und trieben den Römern die ahnungslosen Kimbern zu. Die Kimbern kamen im Krain in einen Hinterhalt, doch sie besiegten die aufmarschierten römischen Legionen. Doch statt sich nach Norden gegen die verräterischen Kelten zu wenden, zogen sie nach Italien. Dort herrschte helle Aufregung. Da bogen die Kimbern nach Westen ab. Und sie baten darum, ein Stück Land zu erhalten, wo sie friedlich siedeln könnten. Die Römer verwehrten das und schickten eine neue Legion. Außerdem wiegelten sie keltische Stämme des südlichen linksrheinischen Gebiets gegen die Kimbern auf – u.a. Helvetier, Allobroger und Sequaner. Die Römer griffen die Kimbern an und wurden wieder geschlagen. Doch die Kimbern waren nicht fähig, ihren Sieg politisch auszukosten. Sie schickten einen Boten nach Rom, statt selbst zu gehen. Sie baten (!) erneut um Land und bekriegten gleichzeitig die keltischen Stämme am Oberlauf des Rheins.
    Die Römer wiegelten ab, die Kimbern zögerten und trödelten bis zum Jahre 105 v.Chr. an den Grenzen Roms umher, dann griffen sie an. Bei Arausio kam es zur Schlacht. Von 80000 Römern sollen zehn entkommen sein. Cannae war weit übertroffen. Die Verluste waren so hoch, weil die römischen Legionen unkoordiniert handelten, die Konsuln waren verstritten, schlecht aufgestellt (der Fluß lag in ihrem Rücken) und die Kimbern besaßen die bessere Moral und ließen die Römer nicht zur Entfaltung ihrer überlegenen Reiterei kommen. Angst in Rom! Aber die Kimbern nutzten den Sieg wieder nicht aus; sie hätten Rom zerstören können. Sie taten es nicht. Sie schickten wieder einen Boten – als ob sie aus den Ereignissen vergangener Jahre nichts gelernt hätten! –, der darum bat, Siedlungsraum zu gewähren. Die Römer verstanden das nicht. Es kam ihnen nicht in den Sinn, daß es Völker gab, die nicht nahmen und stahlen, sondern nur leben wollten. Und dann, als sie begriffen, daß die größte Gefahr vorüber war, atmeten sie auf. Nun suchten sie Schuldige für die Niederlage und schrien zugleich nach einem neuen starken Führer. Der Konsul Caepio wurde verantwortlich gemacht. Die Oligarchen im Senat mutmaßten bei Caepio gracchische Bestrebungen, denn hatte der nicht versucht, den reichen Senatoren ihre Geschworenenstellungen abspenstig zu machen? Caepio wurde also durch Volksbeschluß, das fiel den Oligarchen dann leicht, das Volk zu gewinnen, abgesetzt und sein Vermögen eingezogen. Der starke Führer war in Marius gefunden. Er erhielt das Konsulat für fünf Jahre hintereinander. Das war gesetzeswidrig, aber in Zeiten der Not fragt in Rom niemand danach, außerdem forderte Gaius Marius das, und er war der Stärkste seiner Zeit. Also erhielt er es. Marius schuf ein Söldnerheer. Das Bürgerheer hatte ausgedient. Der fettgefreßne römische Plebejer genügte eben nicht mehr den Ansprüchen und hatte im Kampf gegen die Nordvölker keine Chance.

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    Mit einem ansehnlichen Heer aus Bundesgenossen und anderen Söldnern zog Marius nach Gallien, um die Kimbern zu stellen. Aber die waren nicht da, sondern nach Spanien weitergezogen, wo sie sich mit den Einheimischen schlugen. Marius nutzte die Zeit, in den gallischen Hoheitsgebieten Roms Vertragsbündnisse neu zu schaffen: Massalioten, Tektosagen, Allobrogen u.a. Marius hielt sich an Absprachen mit anderen gallischen Fürsten und überschritt nicht die Grenze, wartete. Die Kimbern kamen 103 v.Chr. zurück; auch in Spanien hatten sie keine Bleibe gefunden. Warum sie sich nicht einfach niederließen, bleibt unverständlich. Die durchstreiften Gebiete sind fruchtbar, bieten Platz für viele Millionen, selbst zur hier besprochenen Zeit. Es muß der Wunsch nach Ausschließlichkeit gewesen sein, sie wollten etwas für sich, etwas Unteilbares. Das wurde ihnen nicht gewährt, also zogen sie wie Nomaden durch Westeuropa. Es stießen Teutonen zu den Kimbern, Helvetier u.a., und nun beschloß man endlich den Zug nach Italien.
    Marius hatte diesmal den Vorteil erwirkt. An der Rhone hatte er Verschanzungen angelegt. Die Teutonen griffen an, aber die Römer verteidigten zäh und wichen nicht. Dann hatten die Teutonen genug, es fehlte ihnen an Ausdauer. Sie ließen das römische Lager rechts liegen und defilierten in sechs Tagen daran vorbei. Marius wagte keinen Angriff. Als die Germanen vorbeigezogen waren, brach er das Lager ab und verfolgte sie. Noch in Norditalien gelang es Marius, die Kimbern und Teutonen zu stellen und zu besiegen. Der Einsatz leichter Reiter aus Ligurien gab den Ausschlag, auch die bessere Aufstellung der Truppen, denn Marius ließ seine Truppen auf einem Hügel aufstellen und verschaffte sich so einen Vorteil, den die Germanen nicht auszugleichen wußten. Sommer 102 v.Chr. Ein Jahr später konnte Marius die Kimbern endgültig besiegen, deren Lebensmut gebrochen war. Sie hatten jahrelang gesiegt, aber eben keinen politischen Nutzen aus ihren Siegen zu ziehen vermocht. Was hätte ihnen ein weiterer Sieg geben können? Sie starben auf dem Feld oder legten selbst Hand an, um nicht in der Sklaverei zu enden. Marius zog als Triumphator in Rom ein.


    Aufgaben:


    1. Woran scheiterte der Zug der Kimbern und Teutonen letztlich? (II)
    2. Interpretiere die Stellung der germanischen Frau im Stammesverband! (II)
    3. Vergleiche die Lebenslage der ankommenden Germanen mit der der einsitzenden Italiker! Gibt es ein Recht des Überfalls? (III)
    4. Sammle zehn weitere Lehnwörter! (I)




    [1] Der Begriff wird verwendet, weil die Bevölkerungszusammensetzung der Zeit um 2000 v.Chr. sich kaum von der heutigen unterscheidet. Eine DNA-Studie der Gutenberg-Universität Mainz, des Landesamtes für Denkmalpflege in Halle (Saale) und des Australien Centre for Ancient in Adelaide erbrachte den Nachweis von vier Einwanderungswellen nach Mitteldeutschland: 7500 v.Chr. Bauern aus dem Nahen Osten; 5100 v.Chr. Siedler aus Nordeuropa; 2800 v.Chr. Schnurkeramiker aus Osteuropa und 2500 v.Chr. Glockenbecherleute aus Westeuropa. Seitdem blieb der Genpool ziemlich konstant, so daß die Erfinder der Himmelsscheibe von Nebra mit den Bewohnern Mitteldeutschlands weitgehend dem Äußeren nach übereinstimmen dürften. (Archäologie in Deutschland. Ausgabe 6/2013.)

    [2] Strieve (Geschichte des deutschen Volkes, S. 3.) nennt noch die germanischen Ambronen, die sich Kimbern und Teutonen angeschlossen haben sollen. Wahrscheinlich waren es noch etliche andere, aber kleinere Stämme, die sich anschlossen.

    [3] Die Germanen besiedelten ein Gebiet von Nord- und Ostsee bis etwa zum Main. Das heutige Süddeutschland interessierte sie nicht, da die Nadelwälder keine Buchen- oder Eichelmast für ihre Schweine gaben.



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    AW: Kimbern, Ambronen und Teutonen

    Der gegenwärtige Streit um die Entstehungszeit der Himmelsscheibe von Nebra ist kein Kleinkrieg. Die einen behaupten, die Scheibe sei ein Erzeugnis aus der Bronzezeit, die anderen beziffern sie jünger. Ja, was denn nun? Die Bronzezeit kann bereits um 3000 v.Chr. eingesetzt werden, aber auch 800 v.Chr. ist nicht falsch. Was machen da 1000 Jahre?
    Andererseits ist dieser Streit, der unter Fachleuten geführt wird, beileibe kein kleiner. Denn wenn diese Scheibe vor 5000 Jahren bei uns erstellt wurde, würde sie die Leistungen ägyptischer Künstler weit in den Schatten stellen, man denke nur an die technologischen Voraussetzungen zur Erstellung dieser Scheibe, geschweige denn an die astronomischen. ich will es noch klarer sagen: Wenn unsere Vorfahren vor 5000 Jahren in der Jahre gewesen wären, diese Scheibe zu fabrizieren, würde das ein Umdenken bei der Bewertung der Leistungen von Protogermanen und Altägyptern zugunsten der Protogermanen bedeuten. Die Wiege der menschlichen Kultur würde nicht mehr im Alten Orient liegen.
    Es wird Zeit, daß wissenschaftliche Methoden hier Klarheit schaffen.

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