Marius kam aus einfachem Hause, gelangte aber bis zur Spitze des römischen Staats. Er stand zwischen den Parteien, wie sie sich seit Gracchus ausgebildet hatten und war wegen dieser Kämpfen nach oben gespült worden: der glänzende Organisator, der er war, wurde zur Umstrukturioerung des römischen Heeres benötigt. Er hätte selbst (statt seiner patrizischen Auftraggeber) auf das von ihm geschaffene neue römische Heer zählen können (zu dessen Aufbau und Taktik kommen wir gleich), sofern er ein Königtum zu errichten geplant hätte. Aber Marius zauderte. Das einstige Bürgerheer, in das nur Einlaß fand, wer 11000 Asse (ca. 20000 €) Besitz vorweisen konnte, hatte sich zu einem entwickelt, in dem bereits 4000 Asse ausreichten, um zur Infanterie zugelassen zu werden. Zudem war die Servianische Ordnung der Vorfahren dahingehend aufgeweicht worden, daß Dienstjahre nunmehr für den Dienstgrad bedeutsamer als Besitz waren. Allerdings blieb die Reiterei vorbehaltlich aristokratisch, wenngleich zunehmend italische Bundesgenossen hier Kontingente stellten. Das war eine Tendenz, die Marius mit seiner Reform aufnahm und den wachsenden Anteil der Nicht-Römer im Heer künftig durch Aufnahme ärmerer römischer Plebejer ausglich. Marius gestattete jedem frei geborenen Römer den Zutritt zum Heer: Hilfskontigente waren immer gefragt. Die Schlachtordnung wurde ebenfalls modernisiert, statt eines feststehenden Platzes, der sich aus der Position innerhalb des Gentilverbandes oder aus der Zahl der Dienstjahre oder des Vermögens ergab, entschieden die Offiziere hinsichtlich der Tauglichkeit ihrer Truppen, wer wo stand.

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Konsul Rufus entwickelte mit seinem Freund Gaius Marius ein Exercierreglement, das die allgemeine Disziplin erhöhte. Es war den Ausbildungsübungen der Gladiatoren angelehnt. Die Legion bestand fortan aus Zenturien: statt 30 Fähnlein (manipuli) mit jeweils zwei Zügen zu je 60 Mann (centurien) – d.s. 3600 Mann je Legion – nun zehn Haufen (cohortes) mit jeweils sechs Zügen zu einhundert Mann, also 6000 Mann je Legion. Dabei blieb es dem kommandierenden Offizier überlassen, seine Truppen aufzustellen. Einen militärischen Rang bestimmte die Ordnungsnummer der Soldaten und Abteilungen. Jede Kohorte besaß künftig ihr eigenes Fähnlein, das bei Anlässen gezeigt wurde. Es gab nur eine Kohorte, die das Hauptquartier deckte und von Schanzarbeiten und Lagerdiensten befreit war, die praetoriani. Alle anderen waren letztlich gleichgestellt.
Um die Standards quantitativ zu erfüllen, entwickelte Marius ein Werbesystem, das fünfhundert Jahre Bestand hatte und auf einem Grundsatz der römischen Republik basierte, dem wehrfähigen Bürger. Der Bürger war in erster Hinsicht Soldat und Familienvater, dann Teil einer Klientel und schließlich Wähler. Marius‘ Reform führte zur Herausbildung des Soldatenstandes: zahlreiche (ärmere) Römer traten ins Heer ein und erlernten dort ein Handwerk. Der Feldherr wurde zum Brotherrn, der seine Angestellten bezahlen mußte. Vor Marius bezahlte der Feldherr seine Legionäre nach erfolgreichen Belagerungen oder Schlachten, indem er plündern ließ. Durch den Eintritt der armen Plebs ins römische Heer erwuchs dem Feldherrn und dem Staat die Aufgabe, diesen zu versorgen, während des Dienstes mit Sold, nach dem Dienst mit Land oder einer Rente. Und gleichsam baute Marius Säulen für die Monarchie: das stehende Heer und die Garde (Prätorianer).

Was machte Rom erfolgreich?
Antwort des Philologen Peter Heather: „Die Geschichte des Mittelmeers [Mittelmeerraums] seit 700 v.Chr. zeigt eine Bewegung hin zur politischen Einheit. Darin bleibt Rom wie in einer Fußballiga schließlich Meister. Entscheidend dafür war auch, daß das frührömische Gemeinwesen bereit war, Fremde aufzunehmen und ihnen hohen sozialen Rang zuzubilligen. Hinzu kommt natürlich pure militärische Stärke. Längerfristig gesehen beruht[e] Roms Erfolg auf seiner Fähigkeit, sich anzupassen. So wurden Bewohner eroberter Provinzen umgehend Vollrömer.“ (In: Der Spiegel. Geschichte. Ausgabe 1/2009. S. 23.)

Wollte er König Roms werden? Er hatte die Macht, den Senat zu stürzen und sich zum König zu machen. Seine ungeheure Popularität gründete sich auf die Siege gegen die Kimbern, auf den Umbau des römischen Heeres, auf die vielen neuen Römer, die Marius als Lohn für treue Dienste aus Bundesgenossen gemacht hatte. Marius verstand sich als ein Diener Roms, nicht als sein Herrscher. Das bestimmte seinen Willen und sein Handeln. Deshalb setzte er auf Versöhnung zwischen den verfeindeten Gruppierungen und band sich an die alten Gracchenanhänger. Er versuchte, die wichtigsten Ämter mit Gracchen zu besetzen. So erlangten diese einst Verfolgten wieder politische Bedeutung. Allerdings besaß Marius keine politischen Instinkte und keine Vision, er war pragmatisch und bauernschlau, aber kein kluger, schon gar nicht ein gebildeter Mann. Der römische Staat hätte durch ihn an Haupt und Gliedern umgestaltet werden können, Mißwirtschaft und Wucherei hätten beseitigt werden können, aber es geschah nicht. Die alten Gracchen nannten sich die Popularen, weil sie die Herrschaft des Volkes apostrophierten. Aber unter ihnen gab es genug Demagogen und windige Geschäftemacher, Glaucia oder Memmius, um zwei Namen zu nennen. Marius besaß keine Kontrolle, sie interessierte ihn nicht. Gaius Gracchus wollte die Oligarchie aufbrechen, Marius beseitigen, aber nicht um jeden Preis. Gracchus setzte loyale Beamte in einen funktionierenden Staat ein, Marius nivellierte ständische Unterschiede. Gracchus glaubte an die aristokratische Gliederung des Staates in die Klassen des herrschenden Bürgers, des italischen Bundesgenossen und des Untertanen/Sklaven. Marius dagegen gab vielen bewährten Bundesgenossen Bürgerrecht und nahm die Untertanen ins Heer. Das lief auf Nivellierung hinaus und bedrohte die Struktur des patriarchalisch-oligarchischen Roms.
Nach dem Sieg über die Kimbrer legte ein Gesetz die Besiedlung des von den Kimbern eroberten Landes in Südostgallien fest, außerdem sollte Nordafrika nun doch besiedelt werden. Keltische Bedürfnisse in Südfrankreich interessierten die Römer nicht. Die noch unter Gracchus fluchbeladene Besiedlungsabsicht Iunonias galt unter Marius als lobenswerte Lösung für die Neubürger Roms ohne Land.
Die Unterstützung der Ärmsten ging noch weiter. Marius setzte den Kornpreis auf ca. 15% des Ausgangspreises herab, so daß die Brothändler keinen Profit mehr machten und Zuschüsse vom Staat erhalten wollten. Bekamen sie. Die Reichen hielt Marius bei guter Laune, indem er sie bei der Geschworenengewalt stärker berücksichtigte. Außerdem erwies sich Marius als Förderer der Kaufleute, die in den Provinzen mit erpresserischen Staatsbeamten zu tun hatten.[1] Das von Marius eingebrachte Getreide- und Kolonialgesetz zum Schutz der in den Provinzen wirtschaftenden Kaufleute war hart umkämpft, aber Marius setzte sich durch. Seine Politik ist somit ganz ähnlich derjenigen von heute: die Ärmsten bekommen soziale Vergünstigungen, werden auf reine Konsumtion gelenkt, somit korrumpiert und von Machtbedürfnissen weggelenkt. Die Reichen erhalten Spielräume und Mitsprache, Entscheidungsbefügnisse für die Bereiche, die sie wirklich interessieren: Rechts- und Besitzfragen, Geldpolitik. Diese Politik ging zu Lasten des in Rom wenig ausgebildeten Mittelstands, betraf also eine Minderheit.
Früher oder später mußte es zum Streit zwischen Marius und seinen Demagogen kommen, die die politische Arbeit für ihn machten: Saturninus und Glaucia. Und dieser Tag kam 98 v.Chr.: Marius hetzte gegen seine eigenen Parteifreunde und ließ sie vom aufgebrachten römischen Adel erschlagen. Marius hieb somit den Ast ab, auf dem er saß. Zu spät erkannte er das, wenn überhaupt, aber sein Instinkt ließ ihn spüren, daß seine Macht in Rom vorbei war. Er zog sich nach Osten zurück, wo er einen Krieg erwartete, der aber nicht kam. Oder doch?
Als Tribun stellte Sulpicius 88 v.Chr. bei der Bürgerschaft den Antrag, jeden Senator mit einem Schuldenstand über 2000 Denare [2] seiner Ratsstelle verlustig zu erklären. Sulpicius kam aus einem reichen Patrizierhaus und hatte nur eine Begabung: er konnte überzeugen. Mit 3000 bezahlten Krawallmachern und 600 Senatorenkindern, die sich gegenüber ihren Eltern behaupten wollten (eine Art von römischer Hippiebewegung um 100 v.Chr.), verschaffte er sich die öffentliche Stimme. Der Senat reagierte klug und verordnete außerordentliche religiöse Festtage, die nebenher politische Versammlungen verboten. Die Krawallmacher gaben nicht auf und ermordeten politische Gegner. Der Senat gab nach, Sulpicius konnte seine Kandidaten durchbringen. Stand ihm nur noch der reiche, berühmte und beliebte General Sulla im Weg, der augenblicklich in einer Strafaktion gegen renitente Bundesgenossen stand und sich weiters nicht für die innenpolitischen Wirren interessierte. Es gelang Sulpicius, Marius mit dem Befehl der für ihn gefährlichen Legion zu betrauen, womit Marius aus Rom verschwand und sein Glück im Osten des Imperiums versuchte. Sulpicius hatte Sulla ausmanövriert, der nun die Truppen nicht mehr nach Rom führen konnte, um die Macht des Senats wiederherzustellen.
Sulla wird als blasierter und verstandesorientierter Pragmatiker geschildert, nicht als Fanatiker oder Idealist. Die Bürger waren ihm Pöbel, sein Schwager Marius ein Hochstapler und Legalität nur in der Hand des Stärksten. Dieser nutzt die Institutionen, um Normen zu bewahren oder zu bestimmen. Er trommelte sechs ihm hörige Legionen zusammen und sagte seinen Soldaten, was Rom wünschte und außerdem erzählte er, daß Marius einen eigenen Kern an Truppen besäße, den er nach Kleinasien zu führen gedenke. Das war gelogen, aber kümmerte Sulla nicht. Die Stimmung war für ihn; die einfachen Soldaten seiner Legionen machten sich auf, Rom zu stürmen. Die Offiziere dagegen verweigerten in großer Zahl den Gehorsam und hielten dem Senat die Treue. Sie zogen sich zurück, offene Befehlsverweigerung hätte ihren Tod bedeutet. In Rom gab es wenig Widerstand. Sullas meist führerlose Legionen siegten und verhängten ohne Rücksprache mit Senat oder Behörden Todesurteile gegen mutmaßliche und tatsächliche Gegner. Sulpicius fand den Tod. Sulla veranlaßte Gesetzesänderungen: Wahlzensus wie vor hundertfünfzig Jahren, die Legislation wurde den Komitien entzogen und einer von ihm kontrollierten Behörde überantwortet. Die Komitien durften fortan Vorschläge unterbreiten, die der Konsul annahm oder verwehrte. Sulla, der Demokrat, verwandelte Rom in eine Diktatur, das Schicksal jeder Demokratie – früher oder später.
Bald nahmen die Ereignisse im Osten Sullas ganze Aufmerksamkeit in Anspruch: Mithradates hatte ein Königreich geschaffen, das Rom im Osten offen angriff.
Die Komitien wählten Cinna, einen alten Gegner Sullas, zum Konsul. Sulla nahm die Wahl hin, die die reichen Senatoren durchgesetzt hatten, und nahm den Konsuln den Eid auf die Verfassung ab, die er mit seinen Legionen zu schützen vorgab. Diese treuen Legionen waren das Pfund, mit dem er wuchern konnte. Seine Innenpolitik war es nicht: Er schaffte es nicht, seine Feinde zu beseitigen. Also ergriff er die Flucht nach vorn, setzte sich selbst an die Spitze des Expeditionsheeres nach Asien und schiffte sich im Frühjahr 87 v.Chr. ein, den Osten des Mittelmeerraumes Rom zu sichern.


Aufgaben:


  1. Gib die wichtigsten fünf Aspekte der Heeresreform des Marius wieder! Entscheide dich begründend, ob sie zum Vor- oder Nachteil der römischen Kampfkraft wirkte! (II)
  2. Welche politischen Fehler machte Marius? (II)
  3. Vergleiche das intentionale Handeln der Gracchen und Marius'! (III)
  4. Erkläre das Wort „restaurativ“ in Nutzanwendung auf die römischen Verhältnisse um 100 v.Chr.! (I)
  5. Beschreibe das politische Vorgehen Sullas gegenüber dem seiner Gegner! (II)




[1] Man muß dazu wissen, daß die römischen Provinzen von Staatsbeamten gepachtet wurden, die dann während ihrer Dienstzeit diese Provinzen aussaugten, um die an die römische Republik gezahlte Pacht wieder hereinzubekommen.
[2] Der Denar stand zur kleinsten römischen Münze, dem As, im Verhältnis 1:120. Ein As entsprach 3,27 g Kupfer. Nach dem heutigen Kupferpreis berechnet, entsprechen 2000 Denare etwa 4040 €.