heute: Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz starb dieser Tage vor 300 Jahren in Hannover. Der Sachse aus Leipzig arbeitete in allen dato bekannten Wissenschaftsbereichen und leistete beinahe überall Großartiges. Einige meinen, er sei das letzte Universalgenie gewesen. Das ist übertrieben, denn Humboldt sollte sich diesen Titel ans Revers heften dürfen, aber es indiziert Leibniz' Lebensleistung als die eines außerordentlichen Wissenschaftlers. Genie. Das Wort fällt oft im Kontext Leibnizens. Das bedeutet wohl, daß er in der Lage war, scheinbar widersprüchliche Ansichten zu verbinden. coincidentia oppositorum. Das steht als Überschrift über seiner Methode. Er verband das Logische mit dem Empirischen, Infitesimalrechnung mit praktikablen Entwürfen, die dem Zählen von Geld dienen sollten; er dachte über den Nutzen nach, verlangte aber zugleich die Hingabe des Gebildeten und Prätendenten gegenüber der Allgemeinheit. Was soll eine theoretische Erörteung wert sein, wenn sie keinen möglichen Nutzen für alle abzuwerfen in der Lage sein kann? War das seine Grenze, denn muß ein Wissenschaftler nicht frei sein von dergleichen Überlegungen? Am Ende entwickelt er ein System, von dem sich ein findiger Ingenieur etwas herauspickt und eine Mordmaschine entwickelt. Hat dann der Theoretiker schuld?
Der aus einem protestantischen Hause stammende junge Mann studierte in Leipzig und Jena und promovierte 20jährig zum Doktor der Rechte. Beinahe. Man läßt ihn nicht, weil er zu jung ist. Er verläßt seine Vaterstadt und reicht seine Dissertation im beschaulichen Altdorf ein. Damit verbindet sich seine Hinneigung zum Katholizismus, der er in den nächsten Jahren in Mainz frönt und eine Reform des römischen Rechts beim Kanzler des Reiches einfordert, die er gern theoretisch begründen will. Man lobt ihn weg. Er geht als Gesandter nach Paris, wo er dem jungen Ludwig XIV. eine politische Perspektive vorschlägt, die dessen Augen weg vom Reich und hin zum Scharnier zwischen Europa, Asien und Afrika lenken soll: Ägypten. Aber Ludwig ist zu eng in seiner Vorstellungswelt: er will die Rheingrenze und die Kaiserkrone, nicht aber die beschwerlicher erscheinenden Feldzüge in Nahost. Leibniz zieht sich aus politischem Intrigenspiel zurück und arbeitet an mathematischen Fragestellungen. Eine Rechenmaschine soll allen helfen. Er stellt sie im pragmatischen London vor. Auch hier scheitert er wieder. Sein Leben scheint eine Folge von Ereignissen, in denen er etwas anderes bekam, als er sicvh selbst erdacht hatte. London tauscht er nun gegen das Dasein als Bibliothekar in Hannover. 1676. Der Mann ist gerade 30. Er tut nun das, was Bibliothekare gern tun: er liest. Er schreibt. Seine Korrespondenz mit der Gelehrtenwelt Europas füllt Bände. 20000 Briefe und 100000 Notizzettel.


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